28. Januar 2012

Writers’ Corner:
Komponieren im Hotel

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Nehmen Sie Valentine vom neuen Album, das habe ich sozusagen nebenher im Urlaub geschrieben, genauer gesagt in der Lobby meines Hotels. Da stand im Foyer ein einsames Klavier, es war nachmittags nach dem Lunch, alle Hotelgäste waren ausgeflogen, das Personal machte sauber. Ich setzte mich an das Klavier und fing an, draufloszuspielen. Ich hatte die Melodie und den Großteil des Textes in ungefähr einer halben Stunde beisammen. […] Ich saß da alleine und wurde nicht behelligt. Vielleicht lag es am Wetter, draußen goss es in Strömen, und die meisten Hotelgäste waren wohl auf ihre Zimmer geflohen. Das hätte ich auch gemacht, wenn mich nicht die Sehnsucht, Klavier zu spielen, übermannt hätte. Ich habe natürlich vorher vorsichtig geschaut, wie viele Leute da rumlaufen, und als ich sah, dass es leer war, traute ich mich. Eine einsame Kellnerin sah mir zu und ein paar Jungs aus Marokko. Als ich merkte, dass das ein guter Song würde, lief ich schnell noch mal auf mein Zimmer, holte meine Handycam, legte sie auf das Klavier und filmte mich in der Lobby beim Spielen des Songs. Später auf meinem Zimmer sah ich mir den Film an, schrieb die Noten ab und hatte Valentine, ein Lied, das mir so gut gefiel, dass ich es für mein neues Album nutzte.«

Paul McCartney
in: ZEIT 5/2012, S. 51

27. Januar 2012

Feminismus im Hoteldesign?

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ich will die enorme Leistung der jugendlichen Weltumseglerin Laura Decker nicht schmälern, aber Jeanne Baret, die erste Frau, die vor beinahe 250 Jahren die Welt umsegelte – wenngleich nicht allein –, hatte es vermutlich kein bißchen leichter. Das begann damit, daß sie zwei Buchstaben ihres Vornamens opfern mußte, um als Gehilfe des Botanikers Philibert Commerçon auf den beiden Schiffen anheuern zu können, die im Auftrag des französischen Königs zur Umrundung der Erde in See stachen. Gehilfe habe ich gesagt, nicht Gehilfin, denn unter den übrigen Mitgliedern der Crew galt Jean Baret, wie sie sich nannte, selbstverständlich als Mann – Frauen hatten auf den Schiffen der französischen Marine nichts verloren. Allein daß es ihr gelang, auf dem engen Raum eines Schiffes über viele Monate ihr Geschlecht zu verbergen, ist eigentlich kaum zu glauben. Aber Jeanne alias Jean stand auch sonst ihren Mann und hinter den körperlichen Leistungen der männlichen Besatzungsmitglieder nicht zurück. Bleibenden Ruhm erwarb sie sich durch die Entdeckung einer bis dahin unbekannten, prächtigen Pflanze, die jedoch nicht nach ihr, sondern nach dem Kommandanten der Expedition, Louis Antoine de Bougainville, benannt wurde. Als Bougainvillea kennen wir sie noch heute.

Nach mehr als einem Jahr flog der Schwindel freilich auf – mit bösen Folgen für Jeanne Baret, wie ihre Biographin Glynnis Ridley berichtet. Es kam zu einer wüsten Massenvergewaltigung; neun Monate später brachte Jeanne ihr einziges Kind, einen Sohn, zur Welt.

Das alles liegt lange zurück, und in der Zwischenzeit hat sich bekanntlich einiges geändert, sogar im Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Allerdings: bis vor nicht allzulanger Zeit mußten Frauen mindestens die besseren Männer sein, um in der Männerwelt akzeptiert zu werden – besonders in angeblich »männlichen« Berufen, und im Business sowieso. Ich kann noch ein Lied davon singen. Mittlerweile sind wir selbst darüber hinaus. Die Zukunft, so weissagen es die Auguren, gehört, wenn schon nicht den Frauen, dann doch den »weiblichen Werten«.

Meine (männlichen) Kollegen unter den Hoteldesignern haben das natürlich längst erkannt und darauf reagiert. »What do women want in hotels«, lautet heute ihre Leitfrage. Man kann das durchaus einen Trend nennen, speziell wenn man an die Ausstattung der Badezimmer oder auch an Spa- und Wellness-Bereiche denkt. Vollzieht sich also gerade ein Wertewandel in der Hotellerie? Werden aus den Männerdomänen nun Frauendomänen? Sagen wir mal so: einen gewissen Nachholbedarf hat es sicher gegeben. Andererseits gibt es mir zu denken, wenn Männer nun Hotels für Frauen konzipieren. Was wollen uns die Herren der Schöpfung damit sagen? Daß die Männer den Frauen weiterhin überlegen und außerdem auch noch die besseren Frauen sind als die Frauen selbst?!

Da möchte ich denn doch gewisse Zweifel anmelden. Überhaupt erscheint mir der Gegensatz von Mann und Frau als fragwürdiges Kriterium in der Innenarchitektur und im Hoteldesign. Ich persönlich erwarte selbst­ver­ständlich, daß ich mich in einem Hotel als Frau gemeint und willkommen fühle. Das soll man dem Ambiente auch anmerken. Aber weibliche Werte an die Stelle der männlichen setzen? Ich bitte Sie! Da müßten ja künftig alle Jeans dieser Welt als Jeannes einchecken, jeder Cornelius wäre gut beraten, sich als Cornelia auszugeben, und ob sich hinter Laura nicht in Wahrheit ein Laurin verbirgt, bliebe erst noch zu eruieren.

Da sei die liebe Göttin vor… ;-)

27. Januar 2012

Pornographisches

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Erstaunlich häufig habe ich während der Fukushima-Krise da, wo das Wort »Autounfall« stand, stattdessen »Atomunfall« gelesen. Fehlleistungen dieser Art – wenn es sich denn um Fehlleistungen handelt – passieren mir regelmäßig; einige davon kehren immer wieder. Heute aber gab es eine Premiere. Da habe ich in einem Artikel zu den Marketing-Aktivitäten von Hotels zum ersten Mal loyalty porno gelesen, wo beim zweiten Hinsehen loyalty promo geschrieben stand.

Es wird wohl nicht das letzte Mal gewesen sein; ich habe das Gefühl, daraus könnte sich eine meiner wiederkehrenden Fehlleistungen entwickeln… ;-)

25. Januar 2012

Architektur und Poesie

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

In einer Gesprächsreihe, die den Innovatoren in der Architektur gewidmet ist, spricht Renzo Pianos über – Poesie. Und zwar nicht verschämt, als etwas, dem man neben der Technik, der Funktionalität und der formalen Qualität vielleicht auch noch Beachtung schenken könnte, sondern gewissermaßen als Gütesiegel einer Architektur, die über den Tag hinaus Bestand hat:

»When you grow up you start to understand that architecture is not only about construction but also about society, about people, culture and community. So you start complicating things and you still make it piece by piece, because this is the way you build up your experience and then of course you also understand – probably you always understood in some way – that architecture is about a sense of lightness, about expression, language and poetry.«

Da spricht der Italiener in Renzo Piano. In kaum einem anderen Land verbinden sich viele Jahrhunderte kultureller Entwicklung und Ver­fei­nerung auf dieselbe Weise mit einer ungebrochenen Boden­ständig­keit und Volks­tüm­lich­keit der Kultur. Aber wir können – und sollten – davon lernen. Dem technokratischen und häufig insiderhaften Architekturdiskurs von heute täte ein wenig Poesie ganz gut – und mehr noch als dem Diskurs der Architektur selbst. Denn Pragmatismus und Poesie, Nüchternheit und Emphase sind keine Gegensätze, sondern die zwei Pole eines Spannungsfelds:

»There is a pragmatic concern about the consumption of energy, as well as a poetic concern about how the building is in dialogue with the city. But the two things come together. So in some way I like the idea that you accept that logic and you understand that the earth is fragile and that you have to save energy, but in poetic terms, you actually celebrate this fragility by making buildings that add a sense of lightness and a sense of belonging to the natural environment.«

Darin, diese beiden Aspekte zusammenzubringen, liegt die eigentliche Herausforderung. Wo sie eingelöst wird, entsteht große Architektur. Dafür benutzt Piano ein weiteres Wort, bei dem vielen Investoren und Buchhaltern die Haare zu Berge stehen dürften. Er spricht von einem Wunder:

»And this is what I call modernity, the idea of putting emerging technology into the design in such a way that you can perform a miracle.«

»Poesie«, »Wunder« – das sind allerdings keine Floskeln aus dem Elfenbeinturm des Architekten. Architektur ist für die Menschen da, und Kultur ist verwurzelt im Alltag und im gesellschaftlichen Leben – in Italien mehr als anderswo, das habe ich gerade gesagt. Deshalb kommt zu den Begriffen der Poesie und des Wunders noch ein dritter, mindestens ebenso unzeitgemäßer dazu: die Liebe:

»Buildings are loved if they are accessible. Buildings are not loved if they are selfish and cut off from life.«

Das gilt nicht nur für die Architektur, sondern auch für die Innenarchitektur und das Hoteldesign, und vermutlich noch für eine ganze Reihe anderer Dinge. Jetzt aber lasse ich Renzo Piano selbst zu Wort kommen; nehmen Sie sich die Viertelstunde Zeit – es lohnt sich:

[Kudos: archdaily]

24. Januar 2012

Writers’ Corner

Mit Patrick Reardon teile ich eine Einschätzung, die sich bei vielen Hoteliers, Innenarchitekten und Hoteldesignern erst noch herumsprechen muß:

»The hotel industry in times past has been fairly conservative or reactionary — the idea being that we can’t do that because we’ve never done it before. An appreciation of contemporary architecture and interior design is something that’s very evident across the whole spectrum of our clients, from modest 3-star establishments up to the most luxurious.

I think it’s the retail world that’s responsible for this. Prime examples of fantastic retail space are the various Apple stores around the world. The way space, materials, people flow and so forth has been created in retail establishments like Apple has had a tremendous effect upon the perception of what hotels could be.«

Patrick Reardon, ReardonSmith Architects

Die Vorreiterrolle der Apple Stores – und Apples überhaupt – auch für die Hotellerie beschränkt sich übrigens nicht nur aufs Design oder die Innenarchitektur; ich bin mehrfach darauf eingegangen.

23. Januar 2012

Beyond Imagination:
Honeymoon Suite Whirlpool

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Man kriegt ja einiges zu Gesicht im Lauf der Jahre. So leicht bin ich nicht in Staunen zu versetzen. Aber einen Whirlpool wie diesen habe ich wirklich noch nie gesehen. Das »Champagnerglas« findet sich in der Roman Towers Suite des Cove Heaven Resorts in Lakeville, Pasadena. Jedem das seine, sage ich nur. Meine Flitterwochenträume sahen anders aus… ;-)

hotel hoteldesign design innenarchitektur InteriorDesign

[Kudos: HappyHotelier]

23. Januar 2012

Fallingwater

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Nach den Niagarafällen des gestrigen Sunday Specials hier ein »Falling­water« architektonischer Art. So heißt nämlich eins der bekanntesten und für mich auch schönsten Häuser Frank Lloyd Wrights. Aber wem erzähle ich das. Könnte ich mich mit einem Leben in der Abgeschiedenheit anfreunden, umgeben von nichts als Natur, wäre das mein Traumhaus. Im folgenden Film läßt Cristóbal Vila es als Computeranimation neu erstehen. Eine bewundernswerte Synthese von Landschaft, Architektur und Innenarchitektur, inspirierend und anregend filmisch umgesetzt. Ein echter Genuß, würde ich sagen. Vielleicht empfinden sie es ähnlich, und das wäre ja kein schlechter Start in den Montag. Jetzt wünsche ich Ihnen nur noch, daß der Rest der Woche hält, was dieser tolle Anfang verspricht:

[Kudos: Open Culture]

22. Januar 2012

Hotel Hollywood Sunday Special

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Niagara«, 1953, von Henry Hathaway, mit Marilyn Monroe, Joseph Cotten, Jean Peters

Eine Ikone der Populärkultur, gemalt von einer Ikone der Pop-Art, wird zu einer Ikone der Kunstgeschichte. Im August jährt sich zum 50. Mal Marilyn Monroes Todestag, aber schon jetzt sind alle Medien voll von Reportagen, Dokumentationen, Fotos, Erinnerungen und – natürlich – pikanten Details. Als wäre dieses Leben nicht schon um- und umgewendet worden. Trotzdem und vielleicht gerade deshalb bleibt die Figur der Monroe so entrückt und gleichzeitig vertraut, so banalisiert und entfremdet wie auf Warhols berühmten Gemälden.

Abziehbildern, hätte ich beinahe gesagt. Und da ist was dran. Denn natürlich war es nicht die Marilyn Monroe aus Fleisch und Blut, die Warhol als Vorbild diente. Er reproduzierte das Klischee – und trug so nicht unwesentlich dazu bei, daß es sich weiter verselbständigte. Die ironische Pointe dabei: als Vorlage diente ihm ein Pressefoto zu dem Film »Niagara«, der Monroe über Nacht zum Weltstar hatte werden lassen. Und dieser erste große Filmauftritt entspricht gleichzeitig am wenigsten dem Klischee der naiven Blondine, das anschließend (sehr zu ihrem Leidwesen übrigens) zu Monroes »Markenzeichen« werden sollte. In »Niagara« dagegen gibt sie die Femme fatale, und auch das ist natürlich ein Klischee, das zahllose, in der Regel ziemlich blutrünstige Melodramen hervorgebracht hat, die mit der Angstlust des Zuschauers spielen.

Blutrünstig geht es auch in »Niagara« zu. Es handelt sich um eine Mischung aus Krimi und Psychothriller, worin das prädestinierte Opfer – Marilyns Ehemann – selbst zum Täter wird und auf der anschließenden Flucht den Strudeln des Niagarafalls doch noch den Tod findet. Die Geschichte, die zu diesem Ende führt, eskaliert zum Großteil in einem der zahlreichen Hotels bzw. Lodges im Umkreis der Niagarafälle. Schon deshalb darf der Film in unserem Hotel Hollywood Sunday Special nicht fehlen. Und mehr muß man eigentlich gar nicht wissen. Denn im Grunde ist die Handlung und alles, was sich über »Niagara« sonst noch sagen läßt, sekundär. Im Zentrum des Films stehen vielmehr, wie die amerikanische Presse gleich nach seinem Erscheinen bemerkte, zwei Naturwunder: die Niagarafälle und Marilyn Monroe.

Sehen Sie in der folgenden Szene, wie Marilyns Ehemann wutentbrannt eine Schallplatte zerbricht, die seine ehebrecherische Frau an romantische Stunden ohne ihn erinnert:

21. Januar 2012

Design auf finnisch

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Turin und Seoul hatten den Anfang gemacht – seit 1. Januar darf sich nun Helsinki Designhauptstadt der Welt nennen. Skandinavien also, genauer gesagt Finnland. Das leuchtet ein; skandinavisches Design ist ein Begriff. Aber was ist das spezifisch Finnische am skandinavischen Design, was ist der finnische Beitrag? Die Finnen selbst geben darauf zwei Antworten: die Sauna, und die Stille.

Damit sind zwei Leitmotive angeschlagen, die in meiner Arbeit als Innenarchitektin und Hoteldesignerin eine besondere Rolle spielen. Zur Sauna muß ich nicht viel sagen. Sie bildet einen zentralen Bestandteil jedes Spas, und Spas gehören seit Jahren zu den wichtigsten Diffe­renzie­rungs­faktoren in der Hotellerie. Ihre Bedeutung wird in Zukunft eher noch zunehmen.

Noch interessanter finde ich freilich den Begriff der Stille als Designthema. In den üblichen Diskussionen über Architektur, Design und Gestaltung ist das Wort kaum jemals zu vernehmen. Und doch trifft es einen Nerv, wie ich meine. Stille ist das, was uns fehlt und was im Alltag immer schwerer zu finden ist. Das ist keineswegs nur negativ – in der Fülle von Reizen liegt nicht der geringste Reiz von Metropolen und großen Städten. Ein ständiger Strom von Anregungen, der uns in Bewegung hält und Stoff für neue Ideen liefert. Heute braucht es nicht einmal mehr die Metropolen, um in diesen Strom einzutauchen. Mangel herrscht eher am Gegenteil, und das im buchstäblichsten Sinne. Kein Lift, kein Wartesaal, kein Cafe und kein Restaurant, die nicht zur natürlichen Geräuschkulisse auch noch einen musikalischen Klangteppich beisteuern zu müssen glauben. Selbst am zu unrecht so genannten »stillen Örtchen« erklingt nicht selten Mozarts »Zauberflöte« als Begleitmusik. Das ist der Soundtrack des modernen Lebens; ich nenne es akustische Umweltverschmutzung.

Darin liegt nach meiner Überzeugung eine der Herausforderungen des heutigen Hoteldesigns. Denn Hotels sind immer auch Orte des Rückzugs – für den Geschäftsreisenden nicht weniger als für den Urlauber. Das Bedürfnis nach Rückzug, nach Besinnung und Zu-Sich-Kommen beschränkt sich nicht nur aufs eigene Zimmer (wo im übrigen, wie man weiß, Ruhe ebenfalls keineswegs garantiert ist). Auch in den öffentlichen Bereichen wünschen sich viele Gäste Zonen der Intimität und relativen Ungestörtheit. Die Reize und Anregungen eines gesellschaftlichen Raums zu verbinden mit Oasen der Stille: das ist die Quadratur des Kreises, die wir als Innenarchitekten und Hoteldesigner zu lösen haben.

Stille als Thema: damit könnte Helsinki tatsächlich einen un­kon­ventio­nellen, dafür umso wertvolleren Beitrag zum heutigen Design leisten. Ich bin sehr gespannt, was sich die Finnen dazu einfallen lassen. Ob ich es schaffe, mir vor Ort einen eigenen Eindruck zu verschaffen, ist eher zweifelhaft. Aber ich werde hier in der Serendipity Suite über alles In­ter­es­sante berichten, was mir aus Helsinki zu Ohren kommt – so pa­ra­dox das beim Thema Stille auch klingen mag.

Fürs erste lasse ich Sie allein mit dem Video der Lightshow, die am 1. Ja­nuar den Auftakt zum Jahr als Designhauptstadt der Welt bildete. Still ging es dabei allerdings nicht zu – weder im akustischen noch im optischen Sinn:

20. Januar 2012

Herr Pauls und die Jugendherbergen

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

In Verbindung mit der Bettensteuer, die landauf, landab immer mehr Kommunen einführen, erweist sich die Mehrwertsteuer-Ermäßigung für Hotels zunehmend als eine Art von Bund-Länder-Finanzausgleich. Der Herr hat’s gegeben, die Unterherren dürfen’s wieder nehmen, und den Hotels bleiben der Mehraufwand und das Negativimage. Wer sich darüber empört, hat mein volles Verständnis. Wäre ich Hotelier, würde ich schimpfen wie ein Rohrspatz.

In seiner jüngsten Stellungnahme ist DEHOGA-Präsident Detlev Pauls dennoch übers Ziel hinausgeschossen. Statt gegen die Bettensteuer als solche wendet er sich gegen die Tatsache, daß in Bremen die Jugendherbergen von der geplanten City Tax ausgenommen werden sollen. Da beschwert sich ein Autofahrer darüber, daß Radler keine Kfz-Steuer zahlen müssen, dachte ich im ersten Moment. Das ist natürlich auch ungerecht: heutige Jugendherbergen sind für viele Touristen eine echte Alternative zu Hotels und Pensionen. In den Augen zahlreicher Menschen genießen sie dennoch einen Ausnahmestatus und gelten fast schon als gemeinnützig. Wäre ich ein Bremer Politiker, würde ich mir die Hände reiben, daß nun die Beherbergungsbetriebe übereinander herfallen, und gar noch die »profitgierigen« Hoteliers über die ehrenwerten, sozial engagierten Betreiber von Jugendherbergen. Solche Nebenkriegsschauplätze sind das beste Mittel, von der Hauptsache abzulenken.

Die Hauptsache aber ist und bleibt die City Tax selbst. Gegen die sollte Pauls polemisieren, nicht gegen Ausnahmeregelungen für Jugendherbergen. Wenn letztere einen Funken Ehre im Leib haben, werden sie sich mit dem Protest solidarisieren. Und damit ist mehr gewonnen als mit jedem Geplänkel auf Nebenkriegsschauplätzen.

19. Januar 2012

Vorsicht, Werbung (35)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Nicht ganz ungefährlich, in Träumen zu schwelgen: sie könnten in Erfüllung gehen… ;-)

[Kudos: James Fallows, The Atlantic]

18. Januar 2012

»Ohne die Begegnung mit dem Fremden könnte ich nichts schaffen.«

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Asiaten erleben Räume anders als Europäer, und sie stellen andere Ansprüche an Räume als wir. Das hat mich gestern veranlaßt, für mehr Offenheit und Vielfalt im Hoteldesign, für die Abkehr von scheinbar selbstverständlichen, in Wirklichkeit aber eurozentrischen Standards zu plädieren. Noch wichtiger und vielversprechender als die Offenheit gegenüber anderen Werten scheint mir aber der aktive Dialog zwischen den Kulturen. Japanische Architektur und japanisches Design etwa faszinieren mich fast, seit ich denken kann, und vieles davon ist in meine eigene Arbeit eingeflossen.

Zu den zeitgenössischen Architekten, die ich besonders schätze, zählt Kengo Kuma, der sein Büro im selben Jahr wie ich, also 1986, gegründet hat. Schon vor einiger Zeit habe ich Ihnen hier in der Serendipity Suite Hotelzimmer vorgestellt, die er als Innenarchitekt gestaltete, und es ist ein Zufall, der fast an Serendipität grenzt, daß ausgerechnet gestern archdaily ein Interview mit Kengo Zuma veröffentlicht hat, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte – nicht zuletzt deshalb, weil Kengo Kuma darin von seiner Seite ebenso für den Dialog und den Austausch zwischen den Kulturen plädiert wie ich von meiner europäischen Warte aus:


[Kudos: archdaily]

18. Januar 2012

Writers’ Corner:
Wenn Ihr Hund für Sie bürgt

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Menschen, die mit Haustieren auf Reisen gehen, haben ein Problem. Nicht in jedem Hotel sind Hunde, Katzen oder gar Ratten gern gesehene Gäste. Wer vorab ein Zimmer bucht, tut deshalb gut daran, sicherheitshalber nach der Tierfreundlichkeit des Hotels zu fragen. Und wenn er Glück hat, darf er sich über eine Antwort freuen wie die, die Mike Baumann öffentlich gemacht hat:

»Sehr geehrte Familie XY,

noch nie hat in unserem Hause ein Hund angetrunken andere Gäste beleidigt oder belästigt. Es hat auch noch kein Hund Toilettenwände beschmiert oder das Becken vollgekotzt. Auch die Flaschen aus der Minibar wurden noch nie von einem Hund leergesoffen und mit Wasser aufgefüllt. Uns ist auch kein Fall von Zechprellerei oder Diebstahl durch einen Hund bekannt! Ihr Hund ist bei uns herzlich willkommen und wenn er für Sie bürgt, dürfen Sie Ihn gerne begleiten!

Mit freundlichen Grüßen
[Unterschrift]
Die Direktion«

17. Januar 2012

»Haben Sie kein kleineres Zimmer?«

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Je größer, desto besser – dieses Axiom scheint für Hotelzimmer universelle Geltung zu besitzen; Hoteliers, Hotelgäste und Innenarchitekten sind sich da weitgehend einig. Oder doch nicht? Vielleicht handelt es sich eher um ein europäisches Vorurteil. In Asien liegen die Dinge offenkundig anders, wie Steve Cokkinias, Direktor des Ritz-Carlton in Kuala Lumpur, berichtet. Immer wieder wünschten sich die (asiatischen) Gäste in seinem Haus, doch bitte ein kleineres Zimmer bekommen zu dürfen. Das widersprach allen seinen langjährigen Erfahrungen, und so forschte er nach den Gründen für dieses aus seiner Sicht absonderliche Verhalten. Er fand drei Aspekte, die dabei eine Rolle spielen und oft auch zusammenwirken:

Erstens: viele asiatische Gäste assoziieren mit einem kleineren Zimmer nicht räumliche Enge, sondern Schutz und Geborgenheit. Größere Räume empfinden sie als ungemütlich. Zweitens: Gäste, die aufgrund eines Upgrades ein größeres Zimmer erhalten, als sie eigentlich gebucht haben, fühlen sich oft schon deshalb unbehaglich. Die westliche Schnäppchenjägermentalität – die Freude darüber, mehr zu bekommen ohne mehr zu bezahlen –, widerspricht wohl in vielen Fällen der asiatischen Mentalität. Drittens schließlich hat Cokkinias es mehr als einmal erlebt, daß Gäste sich über eine spirituelle »Präsenz«, die Anwesenheit eines unsichtbaren Dritten in zu großen Räumen beschwerten. Sie wünschten sich ein Zimmer, in dem sie »die einzigen Gäste« wären. Mir würde es sehr einleuchten, wenn dieser dritte Aspekt mit den beiden ersten in Zusammenhang stünde. Genauere Auskunft darüber kann allerdings auch Steve Cokkinias nicht geben; er bekennt freimütig:

»In the nine years that I have been living in Asia, I still have not mastered the many cultural intricacies and am always learning about the many unique perspectives that I encounter every day.«

Ich bin schon vor längerer Zeit ausführlicher auf die Unterschiede zwischen »westlichem« und »östlichem« Denken im Hinblick auf das Hoteldesign eingegangen. Wirklich auf den Grund gegangen bin ich ihnen nicht, und das dürfte uns Europäern und damit auch europäischen Hotels ohnehin schwerfallen. Das sollte uns nicht daran hindern, solche Unterschiede in Rechnung zu stellen – und sei es nur, indem wir eine größere Vielfalt von Wünschen und Bedürfnissen für möglich halten, als wir das üblicherweise gewohnt sind. Als Innenarchitektin kann ich das nur begrüßen: mehr Vielfalt bedeutet weniger Einfalt, und die allzu starre, phantasielose Orientierung an vorgegebenen Standards und »Nutzer-Erwartungen« führt selten zu befriedigenden Lösungen.

Aber auch als Gast fühle ich mich unwohl in »Zimmern von der Stange«. Nicht »jedem Gast ein Zimmer« sollte die Devise von Hotels lauten, sondern jedem Gast das Zimmer, worin er sich wohl fühlt. Schon deshalb lohnt es sich, kleineren Zimmer dieselbe Sorgfalt und Liebe zum Detail zukommen zu lassen wie größeren, statt sie nur als Billigalternative zu behandeln. Wenn die zunehmende Zahl asiatischer Gäste dazu einen Beitrag leistet, dann haben wir allen Grund, diesen Gästen dankbar zu sein.

17. Januar 2012

Cornell University investigating the future of the hospitality industry

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Tourismus Hotellerie hotel design leadership dienstleistung zukunft

After the success of the first Cornell Hospitality Research Summit in 2010, the Cornell School of Hotel Administration has now announced that the second CHRS will take place on October 8 and 9, 2012. Here is the Call for Submissions letter that Rohit Verma, Ph.D., Executive Director of the Center for Hospitality Research at the Cornell University School of Hotel Administration, sent out to potential contributors yesterday:

»Dear Friends and Colleagues:

I am delighted to announce that submissions are now being accepted for the second Cornell Hospitality Research Summit (CHRS), set for October 8 and 9, 2012, at the Cornell School of Hotel Administration. The theme of this conference is ›Service Excellence and Performance Growth in the Global Hospitality Industry: Strategies and Approaches for Navigating Forward.‹ Taking into account the turbulent economic environment faced by the global travel, tourism, and hospitality industry, the CHRS seeks presentations that blend research and practice with a goal of finding strategies and new knowledge that will move the industry ahead.

While the topic is broad, our goal is focused. We want to convert the knowledge generated by research into practices that will advance the industry’s strategies and improve performance. It’s important to note that much of that fact-based research comes from the industry, and a critical aspect of this Summit is to encourage the synergy that comes from cross-sharing of that knowledge.

Researchers in both industry and academe are invited to submit proposals for presentations, panels, tutorials, and workshops related to the conference theme, and then plan to attend. The CHRS’s dates of October 8 and 9 are timed for the beautiful autumn scenery in upstate New York. The first CHRS brought together faculty, corporate partners, and other industry leaders to develop new ideas, theories, and models that improve strategic, managerial, and operating practices. The second CHRS will build on the strength of the first Summit.

Submissions will be accepted between now and March 2, 2012. Additional information about the call for papers is at http://www.hotelschool.cornell.edu/research/chr/events/chrs/submissions.html, and Summit details are found at: http://www.hotelschool.cornell.edu/research/chr/events/chrs/.

To review speakers, program and testimonials for CHRS10 see: http://www.hotelschool.cornell.edu/research/chr/events/chrs/2010/index.html.

When we asked what made the 2010 Summit so successful, participants pointed to the high level of presentations and the interaction of industry and academe. So, we encourage you to send us your presentation proposal so that this year’s Summit will be even stronger.
Sincerely,

Rohit Verma, Ph.D.
Executive Director, Center for Hospitality Research
Cornell University School of Hotel Administration
Office: +1-607-255-2688
Email: rohit.verma@cornell.edu«

Web: www.chr.cornell.edu«

I expect the event to become even more exciting and thought-provoking than the first Summit in 2010.

16. Januar 2012

Liebesdienste am Morgen

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Doch, das wünsche ich mir manchmal nach einem entspannten und erholsamen Wochenende: ein mitfühlendes Wesen, das mich am Montagmorgen, zu Beginn einer weiteren Arbeitswoche, liebevoll, zärtlich und auch ein wenig neckisch aus dem Tiefschlaf holt und mir spielerisch den Start in die Woche erleichtert. Auf eine Weise, zu der menschliche Wesen gar nicht in der Lage sind. Ich scherze natürlich, aber nur halb. Sehen Sie selbst:

[Kudos: Konrad Lischka]

15. Januar 2012

Hotel Hollywood Sunday Special

»My Man Godfrey« (dt.: »Mein Mann Godfrey«), 1936, von Gregory La Cava, mit William Powell, Carol Lombard; 1999 als amerikanisches Kulturgut ins Archiv des National Film Registry aufgenommen

Alle Menschen sind gleich, nur manche sind ein bißchen gleicher – die happy few, die oberen Zehntausend oder das »eine Prozent«, wie das aktuelle Schlagwort der Occupy-Bewegung lautet. Das ist nicht neu, aber in bestimmten Epochen ausgeprägter als in anderen. So krass wie heute war die Diskrepanz wohl zum letzten Mal während der großen Depression in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals schlug sich Hollywood entschieden auf die Seite der 99 Prozent, allerdings ohne deshalb unbedingt gegen das eine Prozent Partei zu ergreifen. Für viele Künstler und Intellektuelle ging es vielmehr darum, bei den Mächtigen Verständnis und Mitgefühl für die prekäre, teilweise elende Lage breiter Bevölkerungsschichten zu wecken, dann würden die Reichen und Mächtigen sich selbst auf die Seite der 99 Prozent schlagen. Der Glaube an den Fortschritt und die uramerikanische Tugend des Gemeinsinns war ungebrochen, und Filme waren ein Mittel, zum unvermeidlichen Sieg der guten Sache beizutragen.

Europäische Emigranten, die damals in die USA kamen, staunten oft über die Naivität selbst der gebildetsten und kritischsten Amerikaner. Auch wir heutigen Europäer sind geneigt, die sozial engagierten Hollywood-Produktionen von damals als kitschig abzutun. Doch was uns als Kitsch erscheint, ist für die Amerikaner moralische Haltung. Deshalb rührt uns der Kitsch bisweilen zu Tränen.

Das gilt auch für den heutigen Beitrag zum Hotel Hollywood Sunday Special. Gleich zu Beginn des Films wird der Titelheld Godfrey als »Forgotten Man« zur Siegprämie in einem frivolen Gesellschaftsspiel, in dem es gilt, die ausgefallensten »Trophäen« zu präsentieren. Effektvoll inszeniert der Regisseur Gregory La Cava in den ersten 15 Minuten den Kontrast zwischen dem »Abschaum der Gesellschaft«, der auf der Müllkippe sein Leben fristet, und den eitlen, intrigenreichen Vergnügungen der Oberschicht. Doch nichts ist, wie es scheint. Godfrey, der Obdachlose, gehört in Wirklichkeit selbst zum alteingesessenen Bostoner Geldadel und hat aus enttäuschter Liebe seiner Herkunft und seinem bisherigen Leben bewußt den Rücken gekehrt.

Natürlich entwickelt sich aus den demütigenden Anfängen eine neue Liebesgeschichte, die dazu führt, daß Godfrey, statt einfach die Seiten zu wechseln, sich entschließt, seinen früheren Kumpanen aus der Gosse einen Weg aus dem Elend zu eröffnen. Mehr will ich gar nicht verraten, weil in diesem Fall der Film als Ganzes im Netz zugänglich ist. Wer neugierig ist, kann nach den ersten 15 Minuten einfach weiterschauen, und da wäre es unfair, allzuviel von der Geschichte vorwegzunehmen. Viel Vergnügen:

13. Januar 2012

Lippengold

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Es ist wohl jedem schon mal passiert, in einem Cafe, Restaurant oder Hotel eine schlampig gespülte Tasse mit Lippenstiftspuren oder Fingerabdrücken der Vorbenutzer zu erhalten. Das kommt in den besten Häusern vor, wird mancher sagen – aber diesen Ruf haben sie im Urteil des Gastes eben damit verspielt. Trotzdem ist Vorsicht angesagt. Sobald Sie das nächste Mal Anlaß zu haben glauben, sich beim Kellner oder beim Room Service zu beschweren, schauen Sie lieber ein zweites Mal hin. Wenn der Dreck glänzt wie Gold, ist es vielleicht tatsächlich Gold, und es handelt sich um das Teetassen-Set »Drip Tease & Lip Tease« von Reiko Kaneko. Wobei – wie Happy Hotelier zurecht bemerkt – Drip Tease & Lip Grease vielleicht die treffendere Bezeichnung gewesen wäre:

interior design
[Kudos: With a Dash of Gold via Happy Hotelier]

Apropos grease: Sie erinnern sich vielleicht an die bedauernswerten Putzfrauen, die pflichteifrig ihren Ehrgeiz daran setzten, auch noch die letzte Spur von Fett von Beuys-Installationen zu entfernen. Ich spreche im Plural, weil es mehr als einmal vorkam. Hotels und Restaurants tun also gut daran, für ihre Kaneko-Sets gewisse Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und das Personal entsprechend zu instruieren… :-)

10. Januar 2012

Ungeliebte Architektur

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ich selbst beschwere mich oft und gern über die mangelnde Wertschätzung, die der Architektur oft entgegengebracht wird. Das gilt für Bauherren, Projektentwickler, Investoren, genauso aber für eine Öffentlichkeit, die sich für Architektur nicht interessiert und noch weniger von ihr versteht. Und wenn ich von Architektur rede, meine ich immer auch Innenarchitektur und Hoteldesign. Darüber zu schimpfen tut gut und befreit. Es hilft auch dabei, sich seine positive Motivation zu bewahren, statt zu resignieren und mit dem Strom zu schwimmen.

In einem nachdenkenswerten TEDx Talk hat David Chipperfield Ende letzten Jahres den Finger auf einen anderen wunden Punkt gelegt: warum mögen die Leute die heutige Architektur nicht? Er drückt es noch deftiger aus und fragt: »Why does everyone hate modern architecture?« Schwupps, da sind die Rollen vertauscht, und auf der Anklagebank sitzen jetzt wir Architekten, der gefeierte Star Chipperfield natürlich inbegriffen. Aber sich wechselseitig den Schwarzen Peter zuzuspielen bringt gar nichts. Das weiß auch David Chipperfield. Genausowenig genügt es, auf die zurecht gefeierten Ausnahmen hinzuweisen, zu denen viele von Chipperfields eigenen Projekten zählen. Das ändert nichts am architektonischen Elend, das uns täglich umgibt und seit Jahrzehnten das Bild unserer Städte prägt.

Statt nach Sündenböcken zu suchen, fragt Chipperfield lieber nach den Ursachen. Sein Kollege Rem Koolhaas kommt in diesem Zusammenhang meist schnell auf den Kapitalismus, die Regeln des Marktes und das Profitinteresse zu sprechen. Da ist viel Wahres dran, aber Chipperfield hat es gern eine Nummer kleiner, und er bleibt bei dem, was näher liegt: der mangelnden Kooperation und dem fehlenden Dialog zwischen den Beteiligten. Die sehen einander eher als Gegner denn als Partner. Die Bauherren wehren sich gegen die Spleens und den kostspieligen Selbstverwirklichungswahn der Architekten, die Architekten fürchten, daß kurzfristige Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Kosten der Qualität gehen, und so reihum. Genauso ist es, werden viele sagen. Doch im Unterschied zum Kapitalismus läßt sich daran, die Bereitschaft vorausgesetzt, in jedem Einzelfall etwas ändern. Chipperfield nennt als Beispiel seinen heftig umstrittenen Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin. Die Schlagzeilen und Polemiken sind in frischer Erinnerung. Doch wichtig war nicht der Streit als solcher, bei dem es teilweise durchaus gesitteter hätte hergehen können, sondern daß alle Verantwortlichen dennoch im Gespräch miteinander blieben. So führten die Diskussionen und Auseinandersetzungen zu einem viel überzeugenderen Ergebnis, als wenn jeder stur auf seiner Ausgangsposition beharrt hätte. Das Neue Museum zählt zweifellos zu den wenigen architektonischen Glücksfällen der neuen deutschen Hauptstadt – und die Berliner haben das Haus in ihr Herz geschlossen.

Sicher läßt sich das Beispiel nicht beliebig auf jedes Kaufhaus oder jedes Projekt des sozialen Wohnungsbaus übertragen. Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken – nicht zuletzt deshalb, weil Chipperfield den absoluten Tiefpunkt der hassenswerten Architektur ausgerechnet anhand eines Hotels illustriert. So schlimm wie in dem Fall, den er vorstellt, sehen Hotels zum Glück selten aus. Aber Glanzstücke der Architektur sind es eben auch nur selten, was in den Hochglanzprospekten der Tourismusindustrie angepriesen wird. Ich bin überzeugt: mit denkbar geringem Aufwand – investiert in ernsthafte Gespräche, Interesse und gegenseitiges Vertrauen – ließen sich da gewaltige Fortschritte erzielen, von denen alle profitieren. Am meisten vielleicht die Gäste. Ich betrachte Chipperfields TEDx Talk als Anregung, uns auf den Weg dahin zu machen:

9. Januar 2012

Die virtuelle Welt des Marketings

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Im Kreieren von Trends und der Erfindung dazu passender Worthülsen lassen sich Marketingspezialisten von niemandem so schnell überbieten. Mittlerweile aber gerät die Maschinerie unüberhörbar ins Stottern. Sehr viel Neues fällt auch den innovativsten Tourismusexperten nicht ein, und die Zukunft, die sie uns anpreisen, klingt verdächtig nach gestern. Selbst die kleinste Pension und das verschlafenste Hotel haben schon mal was von Twitter und Facebook und den Segnungen des Social Web gehört. Für die fortschrittlicheren Häuser dagegen hat die Schöne Neue Welt schon wieder viel von ihrem Nimbus verloren. Was macht man in so einer Situation als Marketingstratege? Man verpaßt den alten Versprechungen ein neues Etikett. Und weil an zugkräftigen Etiketten ebenfalls Mangel herrscht, behilft man sich einfach mit einer neuen Versionsnummer; ist ja auch zeitgemäßer. So prognostiziert Hotelling unter den Schlagworten Meilensteine und Trends für 2012:

»Damit ist die Vision des Web 4.0, in der sich Informationen und Aktivitäten der eigenen Person mit denen von nahe stehenden Personen verknüpfen, bereits Realität geworden. Im Web 4.0 – so die Propheten der neuen Zeit – wird es keine Trennung von digitalem und realem Leben geben. Offline und online Welt werden eins.«

Na sowas, denke ich mir – bisher kannte ich das unter der Bezeichnung Web 2.0. Das Web 3.0 ist offen gesagt völlig an mir vorbeigegangen. Und jetzt, wo das neue Jahr noch kaum begonnen hat, sind wir schon mitten im Web 4.0? Da könnte einem angst und bange werden, wenn’s denn wahr wäre. Es ist aber nur der alte Wein in neuen Schläuchen. Und selbst die sind bloß recycelt und tragen nun die Nummer Vier statt der Nummer Zwei. So sieht der Fortschritt derer aus, die auf der Stelle treten. Aber getretener Brei wird breit, nicht stark. Auch das ist eine alte Weisheit.

Ist das alles eigentlich eher zum Lachen oder zum Weinen, frage ich mich manchmal. Aber dann nehme ich die Dinge eher gelassen: am Ende zählt dann doch die Wirklichkeit 1.0 – für Innenarchitekten ebenso wie für Hoteliers.

9. Januar 2012

Jedem das Seine

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Vielleicht soll dieses Waschbecken von Artceram schon beim morgendlichen Zähneputzen die Vorfreude auf eine heiße Tasse Kaffee in uns wecken. Das wäre eine Erklärung. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was sich die Designer sonst noch dabei gedacht haben – aber jedenfalls haben sie sich was einfallen lassen. Außerdem läßt sich der Henkel gleichzeitig als Handtuchhalter nutzen. Überzeugend finde ich den Entwurf trotzdem nicht, mag er als Waschtisch noch so ausgefallen sein. Nur: für eine Kaffetasse in dieser Form würde ich persönlich kein Geld ausgeben wollen…

[Kudos: Trendir via Happy Hotelier]

8. Januar 2012

Ein völlig unwahrscheinlicher Geburtstag

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Mit 21 Jahren hatte der ebenso brillante wie gelangweilte und desinteressierte Physikstudent Stephen Hawking das Gefühl, allmählich die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren. Er stürzte beim geringsten Stolpern, und ohne erkennbaren Anlaß fielen ihm Gegenstände aus den Händen. ALS – amytrophe Lateral-Sklerose – lautete die Diagnose, und die kam einem Todesurteil gleich. Maximal zweieinhalb Jahre betrage seine restliche Lebenserwartung, beschieden ihm die Spezialisten.

Heute ist Hawking 70 geworden, und gilt als einer der einflußreichsten Physiker der Gegenwart. Das liegt zum einen an seinen bahnbrechenden Beiträgen zur theoretischen Physik, die ihm Newtons Lehrstuhl in Cambridge und den Nobelpreis einbrachten. Zum anderen an der »Kurzen Geschichte der Zeit« – eins der erfolgreichsten populärwissenschaftlichen Bücher aller Zeiten. Die Konzeption der Zeit, die Hawking darin verficht, hat allerdings mit seinen eigenen physikalischen Erkenntnissen wenig zu tun. Sie ist auch nicht neu, sondern liegt ganz auf der Linie dessen, was vor ihm schon Newton, Kant oder Einstein vertreten hatten. Danach ist die Zeit – vereinfacht gesprochen – ein subjektives Gefühl, dem keine objektive Realität entspricht. Physikalisch sind Zukunft und Vergangenheit gleichberechtigt; die Richtung des Zeitpfeils ist zufällig und könnte sich theoretisch jederzeit umkehren.

Wie so vieles an der modernen Physik widerspricht das dem gesunden Menschenverstand. In diesem besonderen Fall hat der Alltagsverstand aber sogar recht: die Umkehrbarkeit des Zeitpfeils ist Unsinn. Aber es ist leicht nachzuvollziehen, warum ein Mann, dessen Tage seit seiner Jugend gezählt schienen, im Hinblick auf die Zeit an dieser überholten Konzeption festhielt. Immerhin hat er ja nicht nur physikalisch, sondern auch medizinisch die Zeit erfolgreich geleugnet – weit über die Grenze hinaus, die auch die optimistischsten Ärzte seinerzeit für möglich gehalten hätten. Die denkerische Leistung, die er seinem nahezu hilflosen Körper abgerungen hat, liegt jenseits der normalen Vorstellungskraft. Da sei ihm sein blinder Fleck im Hinblick auf die Zeit verziehen, wenngleich er der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts – nicht zuletzt aufgrund seiner Autorität – einen Bärendienst damit erwiesen hat.

Genies sind eben groß nicht nur in ihren Leistungen, sondern auch in ihren Irrtümern. Aber das ist eigentlich kein Thema für einen Geburtstag. Den möchte ich lieber mit einer cinematographischen Rarität feiern – dem Film, den der Schriftsteller, Regisseur und Oscar-Preisträger Errol Morris 1992 über den damals 50jährigen Hawking gedreht hat. Es handelte sich um Morris’ ersten Auftragsfilm (Steven Spielberg hatte ihn angeheuert), und mit entsprechend gemischten Gefühlen ging er ans Werk. Vom Ergebnis war er dann freilich wider Erwarten selbst angetan, und im Rückblick stellte er fest: »It’s actually one of the most beautiful films I ever shot.«

Der Film »A Brief History of Time« wurde vielfach ausgezeichnet und ist wohl bis heute eine der genauesten und einfühlsamsten Dokumentation zu Hawkings Leben und Werk. Ein guter und würdiger Ersatz, finde ich, für das Hotel Hollywood Sunday Special, mit dem es nächste Woche wie gewohnt weitergeht. Heute aber wünsche ich Stephen Hawking alles Gute zum Siebzigsten:

[Kudos: Open Culture]

6. Januar 2012

Writers’ Corner
Dreikönigstag (2)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Die heiligen drei Könige
mit ihrem Stern,
die essen und trinken
und zahlen nicht gern.

Volksmund
 

Auch schön… :-)

6. Januar 2012

Writers’ Corner
Dreikönigstag (1)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Da war ein Wunder: Fern
erkannten und begrüßten sich
drei Könige und ein Stern.

Drei Könige von Unterwegs
und der Stern Überall,
die zogen alle (überlegs!)
so rechts ein Rex und links ein Rex,
zu einem stillen Stall.

Da lachte der Stern Überall
so seltsam über sie,
und lief voraus und stand am Stall
und sagte zu Marie:

Da bring ich eine Wanderschaft
aus vieler Fremde her.
Sie wandern lange, Hirten gleich,
inzwischen fällt ihr reifes Reich
weiß Gott wem in den Schooß.
Und während hier wie Westwind warm,
der Ochs ihr Ohr umschnaubt,
sind sie vielleicht schon alle arm
und so wie ohne Haupt.«

aus: Rainer Maria Rilke Die heiligen drei Könige
 

Schön, oder?

5. Januar 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Bei sogenannten Design- oder Art-Hotels muss man sehr vorsichtig sein. Es gibt da schöne Ausnahmen, aber die meisten würde ich meiden. Oft sind das bloß so auflackierte Standardbauten. Die schrauben eine Kataloglampe ans Bett und nennen das Design.«

Jan Hamer