19. Mai 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Es ist inzwischen ein Gemeinplatz, daß die künstlerische Idee des ›Funk­tio­na­lismus‹ dem Traum eines fort­schritt­lichen Puri­ta­nismus und zugleich einer Berauschung an der Maschinen­kälte entsprang und mit wirklicher Funk­tio­na­lität niemals etwas zu tun hatte. Der ›Funk­tio­na­lismus‹ als Stil brachte den Stuhl, auf dem man nicht sitzen kann – die soge­nannten ›ergo­no­mi­schen Stühle‹ sind die schlimmsten –, die tropfende Teekanne, den aus der Hand gleitenden Wasser­hahn hervor. Wenn dann auf der anderen Seite der Bilanz wenigstens ein bedeutender Zugewinn an Schön­heit zu ver­zeich­nen gewesen wäre. Meist sind es sehr kurz­lebige Mode­linien, die die Schön­heit eher beschwö­ren oder einen Schön­heits­gestus nach­ahmen oder durch die Beru­fung auf ihre Herkunft aus Künstler­hand einfach behaupten wollen; meist hat der Designer­gegen­stand etwas ›Schön­heit­li­ches‹, das den Sucher nach wirklicher Schön­heit besonders ver­drießt und sogar abstößt.«

Martin Mosebach

 

»Etwas Schönheitliches« – diese Formulierung muß ich mir merken. Despektierlicher kann man über ästhetische Qualitäten, die sich nur dem angeblichen »Kenner« erschließen, fast nicht urteilen. Natürlich ist das boshaft – aber Boshaftigkeit trifft die Sache oft besser als weitschweifende Analysen.

Und noch etwas ging mir durch den Kopf, als ich Mosebachs Sottisen las: könnte man in Abwandlung der berühmten Definition Max Webers nicht auch von einer »Geburt des Designs aus dem Geist des Protestantismus« – und der Puritanismus ist nur dessen verschärfte Variante – sprechen? Natürlich haben wir die rigorose Strenge und Kompromißlosigkeit der Arts & Craft Bewegung oder des Bauhauses längst hinter uns gelassen, aber der puritanische Ursprung schwingt noch in allzuvielen Diskussionen übers Design und in den dazugehörigen Wertmaßstäben mit. Das »Schön­heit­li­che« hat auch immer was Verklemmtes. Wir tun vermutlich gut daran, uns immer wieder des Ursprungs zu erinnern, wenn wir uns von den Zwängen befreien wollen, die er uns immer noch auferlegt.

18. Mai 2012

Und sie wärmen doch

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Die meisten von uns haben was gegen Fakes – Mahagonipanele aus Polyvinylchlorid, Erdbeergeschmack aus Sägespänen, Doktortitel aus der Kopierwerkstatt, »virtuelle« Aquarien oder Kaminfeuer auf hoch­auf­lösenden Großbildschirmen. Ich jedenfalls rümpfe die Nase, sobald ich das Wort Fake nur höre, und ich weiß dabei Philosophen von Adorno bis Bazon Brock und Designer und Architekten wie Otl Aicher, Dieter Rams oder Peter Zumthor auf meiner Seite. Wer was auf sich hält, läßt sich auf sowas nicht ein – lautet der Konsens.

Aber vielleicht ist das vorschnell. Womöglich machen wir es uns zu einfach und übersehen das Wichtigste. Die meisten Fakes funktionieren nämlich und bewirken etwas, sonst würden sie nicht verwendet (daß sie im doppelten Sinn des Wortes billiger sind als das Original, reicht als Erklärung nicht aus). Und in der Kunst akzeptieren wir bewußt eingesetzte Fakes längst als legitimes Ausdrucksmittel. Vielleicht sollten wir es im Alltag genauso halten und jeden Einzelfall für sich betrachten, statt den Fakes pauschal die Existenzberechtigung abzusprechen.

Ich komme auf diese Überlegungen durch einen schon länger zurück­liegenden Blogeintrag des Philosophen Graham Harman, dem wir hier in der Serendipity Suite schon manche Anregung verdanken. Unter dem Titel »fake video fire in the room« zeigt er das folgende Bild eines virtuellen Kaminfeuers, das ihn in seinem Hotelzimmer begrüßte:

interior hotel design innenarchitektur hoteldesign hospitality einrichtung
[Kudos: Graham Harman]

Und dazu schreibt er:

»The funny thing is, it works. It does create a homier atmosphere and is so addictive that you don’t want to turn it off. It comes on automatically a couple of minutes after you enter the room. Sounds like the real thing, too. They also have it going non-stop on a big screen in the lobby.«

Damit ist nichts über den ästhetischen oder moralischen Wert von Fakes gesagt. Wir können uns die Sache immer noch überlegen und sie verwerflich finden. Womöglich haben wir auch am dritten Tag das penetrant prasselnde Kaminfeuer sowas von über, daß wir verzweifelt nach dem Aus-Schalter suchen (in der Regel vergeblich, wie ich die einschlägigen Zwangsbeglücker kenne). Ganz spontan jedoch ziehen wir häufig den schönen Schein der nackten Wahrheit vor. Die Flammen existieren nicht, aber sie wärmen doch. Wenn wir als Gestalter das nicht gut finden, dann reicht es deshalb nicht, mahnend den moralischen Zeigefinger zu heben: wir müssen die »nackte Wahrheit« attraktiver machen als den bloßen Schein.

Und darüber hinaus akzeptieren: auch die Fakes haben ihre Daseins­be­rech­tigung. Manchmal sind sie großartig. Wer kennt nicht Momente und Gelegenheiten, wo er auf den ärgsten Kitsch abfährt und sich von der allerverlogensten Sentimentalität zu Tränen rühren läßt? Und so liegt wohl in unserem Verdikt über die Fakes auch eine gehörige Portion Scham und Selbstverachtung – die Geringschätzung dessen, was wir unsere schwachen Momente nennen… ;-)

17. Mai 2012

Merk-Sätze (4)

»I imagine our current situation will cause future generations to shudder at the thoughtlessness in the way in which we today fill our homes, our cities and our landscape with a chaos of assorted junk.«

Dieter Rams

16. Mai 2012

Grundrisse wie von Zauberhand:
Sensopias Magic Plan App

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Bleistift, Maßband und Millimeterpapier – das ist der althergebrachte Weg. Zeitaufwendig, mühsam und nicht sehr beliebt. Mit computerunterstützten Laser-Meßgeräten und einem Laptop klappt’s schneller, einfacher und oft auch präziser. Für die Erstellung verbindlicher Pläne bleibt das weiterhin die Methode der Wahl. Doch wenn sich’s drum handelt, vor Ort schnell ein paar Grundrisse festzuhalten und womöglich gleich im Anschluß mit dem Klienten erste Gespräche zu führen, greifen alte Hasen immer noch zum Skizzenblock. Das geht schnell, und die Ergebnisse haben oft einen eigenen Reiz. Aber die Genauigkeit läßt zu wünschen übrig.

Für solche Situationen hat die kanadische Softwarefirma Sensopia – eine Neugründung, zu der sich erfahrene Entwickler aus unterschiedlichen Bereichen zusammengetan haben – die Magic Plan App für den iPod, das iPhone und das iPad entwickelt. Die ermöglicht es, auf ver­blüffend ein­fache Weise selbst von möblierten Räumen zentimetergenaue Grund­risse zu erstellen. Das dauert kaum länger, als Auge und Gehirn brauchen, die Maße und die Besonderheiten eines Raums aufzunehmen, abzuschätzen und zu verarbeiten. Das folgende Video zeigt, wie’s funktioniert:

Mehr dazu auf der Website von Sensopia oder im iTunes Store.

Das Programm ist binnen kurzer Zeit vom Geheimtip zum Renner avan­ciert, war in 92 Ländern »App of the Week« und in 70 das meist­ver­kaufte iPad-Utility. Nachdem ich das Video gesehen habe, wundert mich das nicht. Speziell auf der jüngsten Generation des iPad mit dem Retina-Display sollte die Magic Plan App brillieren. Ich selbst habe sie noch nicht ausprobiert, werde das aber demnächst nachholen. In der Zwischenzeit würde mich sehr interessieren, welche Erfahrungen andere mit der App gemacht haben.

15. Mai 2012

Beyond Imagination

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Nicht jedes Hotel betrachtet auch die Bewirtung als seine Aufgabe. Aber wenn, dann bitte ohne Kompromisse… :-)


[Kudos: Under the Mountain Bunker]

(Bevor jemand auf die Idee kommt, ich verfolge mit diesem Triptychon irgendwelche Hintergedanken – nichts liegt mir ferner. Der Gast ist nun mal König.)

14. Mai 2012

»Under the Sea«

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Aller guten Dinge sind drei, und mit diesem letzten Beitrag zum Wochen­an­fang möchte ich doch noch ein bißchen in die Tiefe gehen. Den Höhenflug haben wir ja schon hinter uns. Und außerdem frage ich mich ohnehin schon die längste Zeit, was Gäste in Unterwasserhotels wie diesem beim morgendlichen Blick aus dem Fenster denn wirklich zu sehen bekämen, wenn es denn irgendwann einmal tatsächlich Unterwasserhotels für eine nennenswerte Zahl von Gästen geben sollte…

Diese Frage hat sich vielleicht auch die Künstlerin und vielfach aus­ge­zeich­nete Animationsfilmerin Hayley Morris gestellt, als sie nach Ideen für einen Videoclip zu »Bounce Bounce«, dem neuen Song von Hilary Hahn und Hauschka suchte. Das Ergebnis sollten Sie im Fullscreen-Modus genießen:


 

Hier noch ein Video, das Hayley Morris bei der Arbeit zeigt. Ich finde es aus vielen Gründen sehenswert – nicht zuletzt aber deshalb, weil ich mich frage, was Hayleys Katzen von den imaginierten Meeresbewohnern gehalten haben mögen, die im Videoclip zu sehen sind, vorher aber ganz real über Hayleys Schreibtisch krabbelten. Den Katzen muß das ja noch attraktiver und verlockender erschienen sein als der berühmte Goldfisch im Aquarium. Nahezu unwiderstehlich. Wahrscheinlich dachten sie, der ganze Aufwand gelte ihnen…


 

Und natürlich haben Sie recht: die heutigen Beiträge zum Start in die Woche – oder zumindest die zwei letzten – haben zwar entfernt was mit Hotels zu tun, aber nichts mit konkreten Projekten oder aktuellen Themen. Mir ist an diesem Montag einfach nicht nach ernsthafter Arbeit zumute. In dem Zustand kommen mir die besten Ideen… ;-)

14. Mai 2012

Mann oder Frau, Mord oder nicht?

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Und noch etwas zum Wochenbeginn – für alle, die Freude an skurrileren Geschichten haben…

Harry Crawford wurde am 5. Juli 1920 in einem australischen Hotel verhaftet, wo er Putzdienste verrichtete. Die Anklage lautete auf Mord an seiner Frau Annie Birkett, die drei Jahre vorher spurlos verschwunden war; erst Monate später wurde ihr halb verbrannter Leichnam mit eingeschlagenem Schädel gefunden, konnte aber mehr als zwei Jahre lang nicht identifiziert werden. Dann endlich (warum so spät, frage ich mich) erstattete Annies Sohn eine Vermißtenanzeige bei der Polizei, die Tote wurde exhumiert, identifiziert, und wenige Tage später erschien die Kripo in dem Hotel in Annandale, einem Vorort von Sidney, um Harry Crawford festzunehmen.

Der hatte inzwischen ein zweites Mal geheiratet und führte nach außen hin eine geordnete Existenz in bescheidenen Verhältnissen. Doch bei der Einlieferung ins Gefängnis erlebten die Polizeibeamten eine weitere Überraschung: Harry verlangte, im Frauentrakt untergebracht zu werden; man möge aber, so sein dringlicher Wunsch, seiner Frau bitte unter keinen Umständen erzählen, daß er gar kein Mann und 45 Jahre zuvor als Eugenia Falleni in Italien geboren worden sei.

Wie nicht anders zu erwarten, schlug der Fall in Australien hohe Wellen und ging wochenlang durch die Presse. Die Zeitungen überboten sich wechselseitig mit Horrorgeschichten über das »perverse Monster«. In den Vernehmungen und auch beim anschließenden Prozeß beteurte Harry alias Eugenia zwar beharrlich ihre Unschuld, wurde aber dennoch zum Tode verurteilt, anschließend freilich begnadigt.

Nach ihrer Entlassung im Jahr 1931 eröffnete sie unter dem Namen Jean Ford ein eigenes kleines Hotel in Sidney, das sie bis zu ihrem Tod 1938 führte. Darüber, ob sie wirklich Annie Birkett auf dem Gewissen hatte oder unschuldig ins Gefängnis ging, wird bis heute gestritten.

Wenn Sie mich fragen – ich habe Annies Sohn im Verdacht… ;-)


[Kudos: Twisted Sifter via Andrew Sullivan]

14. Mai 2012

Abheben mit Stil

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ein Höhenflug voller Eleganz und Grazie – das ist eine – und nicht die schlechteste – Art, die Woche zu beginnen. Man möchte dem Drachen zu seinen Künsten gratulieren, wüßte man nicht, daß ein anderer die eigentliche Leistung vollbracht hat. Aber das soll keinen dran hindern, sich ein Beispiel zu nehmen – eine inspierte und erfolgreiche Woche wünsche ich Ihnen, wollte ich damit sagen.

(Der Pilot und Drachenbändiger, der auf dem Video selbst nicht in Erscheinung tritt, heißt übrigens Steve Polansky. Er hat den Drachen auch konstruiert und gebaut; seine Frau hat ihn bemalt. Das Video entstand am Strand von Toronto, aufgenommen mit einem iPhone 4s.)

13. Mai 2012

Hotel Hollywood Sunday Special

»Tokyo Story« (orig.: »Tokyo Monogatan«), 1953, von Yasujiro Ozu, mit Chishu Ryu, Chieko Higashiyama, Setsuko Hara

HIerzulande kennen ihn nicht viele. Seine Filme sind weniger der europäischen Tradition und deren klassischen Handlungskonstellationen verpflichtet als etwa die »Sieben Samurai« seines Zeitgenossen Akira Kurosawa, und auch nicht so skandalträchtig und tabuverletztend wie Nagisa Ōshimas »Im Reich der Sinne«. Sie sind einfach nur: großes Kino. Und damit meine ich ein Kino, das sich sowenig auf Unterhaltung und Zeitvertreib reduzieren läßt wie auf die plakative »Auseinandersetzung« mit angesagten Themen. Überhaupt verdanken sich große Kunstwerke ja selten der Beschäftigung mit »großen Themen« – sie definieren vielmehr das, was später als »großes Thema« zahllose Epigonen ins Brot setzt.

Wenn Yasujiro Ozu beim breiten Publikum weniger bekannt ist, liegt das meiner Überzeugung nach weniger daran, daß seine Filme zu »japanisch« wären, als daß sie sich nicht sonderlich gut dafür eignen, das Bedürfnis nach Unterhaltung und Zeitvertreib zu befriedigen. Dazu gehen uns seine »kleinen«, alltäglichen Themen zu nahe. Das gilt ganz besonders für sein Meisterwerk »Tokyo Story« von 1953, das mit schöner Regelmäßigkeit zu einem der größten Filme aller Zeiten gewählt wird. Nicht daß ich von solchen Listen allzuviel hielte, aber in dem Fall haben sie recht.

Ein alltägliches Thema, und eine alltägliche Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein altgewordenes Elternpaar, das nach Tokyo und Osaka reist, um die erwachsenen Kinder und die Enkel zu besuchen. Eine lange und beschwerliche Reise – und vermutlich ihre letzte, wie Shukichi und Tomi Hirayama sehr wohl bewußt ist. Ein Abschied also. Ihre Kinder allerdings fühlen sich durch den Besuch nicht geehrt, sondern in ihrer Alltagsroutine gestört, und das lassen sie ihre Eltern auch spüren. Einzig die verwitwete Schwiegertochter behandelt sie respektvoll, freundlich und aufmerksam.

Schon bald lösen die Kinder das »Problem« auf ihre Art. Sie spendieren den Eltern einen Aufenthalt in einem See- und Thermalbad. Doch im Hotel wiederholt sich der Generationenkonflikt auf verschärfte Art (und das ist auch die Szene, der das heutige Sunday Special gewidmet ist): junge Flitterwöchner und ihre Gäste haben das Haus in Beschlag genommen und feiern eine Party rund um die Uhr – dazwischen zeigt uns Ozu in einer seiner unnachahmlichen Einstellungen die Schuhe Shukichis und Tomis, ordentlich und sorgfältig vor ihrer Zimmertür plaziert. Die beiden alten Leute sind aus der Zeit und aus der Welt gefallen. »Laß uns nach Hause fahren«, sagt Shukichi am nächsten Morgen zu seiner Frau, als sie gemeinsam auf der Mole sitzen und das Meer betrachten.

Unterwegs im Zug erkrankt Tomi und stirbt kurz nach ihrer Rückkehr. Nun ist es an den Kindern, zu ihren Eltern zu reisen. Aber auch das, so scheint es, ist eine Zumutung. Sie finden gerade Zeit, sich in Trauer­ge­wänder zu werfen und an der Beerdigungszeremonie teilzunehmen, gieren nach einem »Erinnerungsstück« (der schönste Kimono etc.), und jammern im selben Atemzug, daß sie dringend nach Hause zu ihrer Arbeit müßten. Wieder ist es ausgerechnet die verwitwete Schwiegertochter (die nicht blutsverwandet »Fremde«), die sich einige Tage frei nimmt, um dem einsam gewordenen alten Mann über die ersten Tage nach dem schweren Verlust zu helfen.

Zu fremd? Zu japanisch? Zu wenig aktuell? Ganz im Gegenteil, würde ich sagen. Die Fragen, die der Film aufwirft, sind vermutlich so alt wie die Menschheit und haben sich seit 1953 eher noch verschärft. Das bezieht sich nicht nur auf den sattsam bekannten Generationenkonflikt, sondern auf die Frage, welche Prioritäten wir in unserem Leben setzen. Läßt uns die »Erregungskultur«, wie es heute heißt, immer weniger Zeit für die wirklich wichtigen Dinge – Freunde, Familie, persönliches Wachstum? Oder haben wir die Sachzwänge, die Unterhaltungsangebote und die Aufregung um Belanglosigkeiten geschaffen, um den großen Fragen nach Freundschaft, Liebe, Beruf, Lebenssinn und Tod ausweichen zu können? Nichts soll uns tiefer berühren, der Tod ist nur ein Sandkorn im Getriebe der Welt, aber am Ende bleiben – wie die Abschiedsszene zwischen Shukichi und seiner Schwiegertochter Noriko deutlich macht – lange einsame Abende und Nächte, die Enttäuschung und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe. Trauer über die vergebliche Reise, die man Leben nennt.

Im Sinn all derer, die das »positive Denken« predigen und den Frohsinn gepachtet haben, ist das wohl nicht. Aber paßt es in Wirklichkeit nicht viel besser zum heutigen Muttertag, als die heile Welt, die wir uns aus diesem Anlaß gern vorgaukeln (lassen), ohne auch nur eine Minute lang ernsthaft dran zu glauben?

Der Film ist als Ganzes bei Youtube abrufbar, und da wäre es fast eine Sünde, nur einen Ausschnitt daraus zu zeigen. Wer sich aus Zeitgründen dennoch vorerst auf die Hotelszene beschränken will, kann mittels dieses Links direkt zu der betreffenden Stelle springen (falls es nicht klappt: sie beginnt bei Minute 48).

12. Mai 2012

Writers’ Corner:
Neue Bürowelten (2)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Wenn … die Maschinen immer kleiner werden und immer leichter zu handhaben sind, dadurch die Büroarbeit nahezu immateriell erscheint, so müssen die Räume vielleicht um so mehr denen im häuslichen Bereich ähneln. Meine utopische Vorstellung wäre ein Büro, das mit Kunst gemischt ist. Zum Beispiel mit Bildern, mit Musik, mit Skulpturen oder mit Architektur. Es müßte sehr schöne Räume geben, in denen die Menschen in diesen ›Soft-Situationen‹ angenehm arbeiten können, und zugleich müßten diese großen Räume mit Bildern bestückt sein, so daß sich die Beschäftigten wie in einem Museum fühlen könnten. Denn überhaupt finde ich, die architektonisch interessanteren Gebäude heute sind die Museen, denn dort konzentriert sich die Spiritualität der Menschheit. Diese Museen dürfen nicht demagogisch und nicht monumental sein; auch sie sollten etwas von dem Charakter eines Privathauses haben: Wenn man in ein Museum geht, muß man sich an ein Haus erinnert fühlen. Und auch ein wenig an die alten Kirchen, an diese Spiritualität, die neue Kirchen nicht mehr haben und die man heute in Museen findet. Und dann kommt noch die Idee des Theaters hinzu. Also: Haus, Museum, Kirche, Theater. Das ist eine sehr interessante Mischung. Und es wäre wunderbar, wenn man diese Mischung auf die Bürogebäude übertragen und in die Büroräume hineintragen könnte.«

Alessandro Mendini*

Und auch hier hake ich nach: ist die Integration unterschiedlicher Funktionen, Bereiche und Lebenswelten, ihre Verschmelzung zu einem charismatischen, in sich stimmigen Ganzen, nicht eine der ganz großen Stärken des Hotels? Fast möchte ich von einer Kulturleistung sprechen. Und liegt nicht die wichtigste Herausforderung für Hoteldesigner und Innenarchitekten darin, diese Integration immer weiter zu treiben und auf ein gewandeltes Lebensgefühl, neue Fragen und eine Vervielfachung der Möglichkeiten überzeugende Antworten zu finden? Was denn sonst, würde ich sagen. Umso weniger kann ich nachvollziehen, wie stiefmütterlich und rückwärtsgewandt die meisten Hotels – sogar solche, die sich auf Ver­an­staltungen konzentriert haben – ihre Seminar- und Kon­fe­renz­be­reiche behandeln. Das Gegenteil wäre angesagt. Und ich wage mir gar nicht auszumalen, welche Chancen sich böten, würden Hotels hier die Vor­reiter­funktion übernehmen, zu der sie eigentlich prädestiniert sind.

Mir imponiert übrigens auch die Selbstverständlichkeit, mit der Mendini im Zusammenhang mit dem Büro ein so aufgeladenes Wort wie Spiritualität in den Mund nimmt und auf seine großen, archetypischen Vorbilder bezieht. Haus, Museum, Kirche, Theater? In Bezug auf Hotels würde ich die Aufzählung noch um den Marktplatz und das Wirtshaus ergänzen. Je einfacher die Worte, desto größer die Räume, die sie dem Denken und der Kreativität eröffnen.
 

* In: Uta Brandes (Hrsg.): Rolf Fehlbaum, Vitra. Vom Umgang mit Design, Gegenwart und Ökonomie, S. 68. Steidl Verlag, Göttingen 1991

12. Mai 2012

Writers’ Corner:
Neue Bürowelten (1)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Das Büro ist in den Köpfen der meisten immer noch ein völlig festgefügter Raum, in dem sich Arbeit als Pflicht niederschlägt. Solange Arbeit sich als Gegenwelt zu Freizeit und Freiheit versteht, können Büros auch nicht leben und atmen. Da sich diese Arbeitsauffassung aber aufzulösen beginnt, können wir über ein neues Büro nachdenken. Damit das nicht reine Science-fiction wird, müssen die objektiven Bedingungen gegeben sein. Man verändert die Gesellschaft natürlich nicht über neue Möbel, ebensowenig wie die Sexualität über neue Betten. Wenn sich Veränderungen aber abzeichnen, kann man sie durch Mittel der Architektur und des Designs ausdrücken und beschleunigen. – Was mich im Moment am meisten interessiert, sind Versuche, neue Modelle für das »hedonistische Büro« zu entwickeln. Selbst wenn keines dieser Modelle für ein Büro in Serienproduktion tauglich sein sollte, können diese Entwürfe als Vorstufe, als Lockerungsübung gegenüber dem uniformierten Büro eine Bedeutung gewinnen. Wenn das Büro nicht mehr als Ort der Fremdbestimmung und der Pflichtausübung gesehen wird, sondern als eine Mischung von Eigen- und Fremdverwirklichung, dann wird daraus ein anderer Ort. Dann hat der Ort etwas mit dem arbeitenden Individuum zu tun, und damit dieser Ort mein Ort wird, muß ich Optionen haben, um mich sozusagen in diesen Ort hineinzuwählen.«

Rolf Fehlbaum, Vitra*

Gehört es nicht schon lange – und erst recht heute – zum Selbst­ver­ständnis von Hotels, dem Gast einen Ort zu bieten, in den er sich »sozusagen hineinwählen« kann? Und liegt darin nicht ein weiteres Argument dafür, daß Hotels bei der Gestaltung von Seminar- und Konferenzbereichen eine Vorreiterrolle übernehmen und inspirierende neue Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation entwickeln, statt sich an der Tristesse von Office-Umgebungen zu orientieren, die einer vergangenen Zeit angehören? Für die Teilnehmer der dort stattfindenden Veranstaltungen ist es zweifellos attraktiver, im Hotel eine Alternative zu dieser Tristesse zu erleben, statt sie im Hotel wiederholt zu finden.
 

* In: Uta Brandes (Hrsg.): Rolf Fehlbaum, Vitra. Vom Umgang mit Design, Gegenwart und Ökonomie, S. 162. Steidl Verlag, Göttingen 1991

11. Mai 2012

Wider den unsichtbaren Dritten

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Problemzonen gibt es überall, auch im Hoteldesign. Fragt mich jemand, wo es am schwierigsten ist, neue Konzepte und ausgefallene Ideen zu verwirklichen, muß ich nicht lange nachdenken: das sind natürlich die Veranstaltungs- und ganz besonders die Seminar- und Konferenzbereiche. Dort fühlen Hoteliers und Hotelbetreiber sich selbst am wenigsten zuhause. Die Lobby, die Bar, das Restaurant, die Zimmer, das Spa und sogar das Fitnesscenter – das alles haben sie sich längst zueigen gemacht, das atmet Hotelatmosphäre. Seminar- und Konferenzräume dagegen gehören zu einer anderen und fremden, nämlich der Arbeitswelt. Danach soll das Ambiente auch aussehen: nach Vorstandsetage, nicht nach Hotel. Genauer gesagt so, wie die Hotelbetreiber meinen, daß sich Geschäftsleute eine Vorstandsetage oder ein Besprechungszimmer auf der Vorstandsetage vorstellen. Phantasien über eingebildete Wünsche. Was dabei regelmäßig herauskommt, ist das Klischee einer »hochwertigen Office-Ästhetik«: seriös und langweilig, aufgewertet durch edle Materialien und Markennamen, die als Statussymbole funktionieren. Ich kann es schon lang nicht mehr sehen. Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, daß in den Portfolios der meisten Hoteldesigner die Conferencing-Lösungen eher eine Stiefmütterchenrolle spielen…

Leider gilt auch: jeder Hoteldesigner und Innenarchitekt hat es schwer, diese Konventionen und vorgeblichen Standards zu durchbrechen. Denn es hilft ihm ja nichts, seinen Auftraggeber, den Hotelier oder Investor zu überzeugen. In Wirklichkeit kämpft er stets gegen einen unsichtbaren Dritten: den Businesskunden mit seinen vermeintlichen Erwartungen. Und meistens steht er dabei auf verlorenem Posten.

Vielleicht, so denke ich in letzter Zeit öfters, wäre eine andere Strategie erfolgversprechender. Nicht gegen die Phantasielosigkeit und gestalterische Ödnis der Bürowelt und ihrer Ästhetik zu argumentieren, sondern sich dem Hotelier gegenüber gerade zum Anwalt der Businesskunden zu machen. Denn bei den anspruchsvolleren und Trendsettern unter ihnen zeigt sich immer häufiger das Bedürfnis, selbst aus diesen traditionellen Klischees auszubrechen. Dialog und Zusammenarbeit neu zu definieren. Und lustbetonte Umgebungen zu schaffen, die die Kreativität fördern statt nach außen hin den seelenlosen Anschein mausgrauer Seriosität zu vermitteln. Das ist in der Umsetzung bisweilen unbeholfen und nicht immer stilsicher. Genau deshalb läge hier eine Chance für Hotels, aus ihrer ureigenen Kompetenz heraus diesem unübersehbaren Bedürfnis entgegenzukommen und womöglich sogar eine Vorreiterrolle zu übernehmen.

Das erfordert ein ziemlich gründliches Umdenken. Vielleicht ist es dafür hilfreich, sich nicht an den Hochglanzprospekten der Büromöbelhersteller zu orientieren, sondern dem unsichtbaren Dritten ein reales, der Zukunft zugewandtes Gesicht zu geben. Hier sind ein paar Beispiele:

M Moser Associates
interior design hotel design architecture Innenarchitektur Office Hospitality Hotellerie Seminar Konferenz conferencing

interior design hotel design architecture Innenarchitektur Office Hospitality Hotellerie Seminar Konferenz conferencing

 
Ogilvy & Mather
interior design hotel design architecture Innenarchitektur Office Hospitality Hotellerie Seminar Konferenz conferencing

 
Unilever Headquarters
interior design hotel design architecture Innenarchitektur Office Hospitality Hotellerie Seminar Konferenz conferencing

interior design hotel design architecture Innenarchitektur Office Hospitality Hotellerie Seminar Konferenz conferencing

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10. Mai 2012

Merk-Sätze (3)

architecture design interior hotel design innenarchitektur
[Kudos: Arch Daily]

10. Mai 2012

Beyond Imagination:
Die Überraschungssieger

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Vor einiger Zeit habe ich Ihnen hier schwindelerregend schöne Film­auf­nahmen von Starenschwärmen und den Bildern gezeigt, die sie im Formationsflug an den Himmel zeichnen. Daß die Vögel damit ihren Schönheitssinn beweisen oder gar uns Menschen ein prächtiges Schauspiel bieten wollen, ist eher unwahrscheinlich. Was sie wirklich zu diesen Synchronflugleistungen bewegt und befähigt, versteht aber auch die Wissenschaft erst in Ansätzen. Die evolutionären Vorteile dagegen, die die Stare aus ihren Flugkünsten ziehen, demonstrieren sie uns bisweilen selbst.

So etwa in dem folgenden »Luftkampf über Rom«, den ein Team der BBC* beobachtet und filmisch dokumentiert hat. Da entdeckt ein Wanderfalke die Starenschwärme, die sich über der Ewigen Stadt sammeln. Scheinbar ein gefundenes Fressen für den um ein Vielfaches größeren Vogel. Wanderfalken sind nahezu perfekte Luftjäger und gehören zu den bestausgestatteten Raubtieren überhaupt. Und erwartungsgemäß setzt der Falke in dem Film umgehend zum Angriff auf den Starenschwarm an. Doch kampflos lassen die Stare sich nicht zur Beute machen, und der Kampf verläuft keineswegs so einseitig, wie wir anzunehmen geneigt sind – ganz im Gegenteil. Aber sehen Sie selbst:

[Kudos: Open Culture]

Der Räuber wird von den Staren scheinbar mühelos ausmanövriert und deklassiert – bis er klein beigibt, abdreht und sich auf die Suche nach einfacher zu jagenden Beutetieren macht. Einseitig verläuft diese Luftschlacht in der Tat, nur anders, als wir es erwartet hätten. Mich faszinieren diese Bilder. Und so gefährlich es ist, vorschnell von der Tier- auf die Menschenwelt zu schließen – ein paar Überlegungen drängen sich dennoch auf. Sie haben auch weniger mit einer unzulässigen Gleichsetzung von tierischen und menschlichen Verhältnissen zu tun, als mit den Vorurteilen und nicht hinterfragten Maßstäben, die unsere Wahrnehmung und unsere Einschätzung von Situationen, Kräfteverhältnissen und Erfolgsaussichten prägen. Kraft, Größe und technische Ausstattung etwa sind Merkmale, die uns imponieren und die wir instinktiv hoch bewerten. Die Großen fressen die Kleinen und die Starken die Schwachen – diese Logik liegt sozusagen auf der Linie unseres Denkens.

Ebenso reflexhaft und automatisch unterschätzen wir im Gegenzug oft andere Faktoren wie Kooperation, Vernetzung, Schnelligkeit, Reaktions­vermögen, koordiniertes Handeln etc. Das sind die Faktoren, dank derer die Stare über den Falken triumphieren. Gerade weil sie generell unterschätzt werden, bieten sie dem, der sie als Stärken erkennt und bewußt einsetzt, doppelte Chancen. Das ist einer der Denkanstöße durch dieses Video, den ich für mich persönlich festhalten möchte.

Ein weiterer Aspekt ist noch schwerer zu verstehen und nachzuvollziehen. Der Energieaufwand, den der Starenschwarm zur Abwehr des Räubers treibt, ist immens. Und wofür? Im allerschlimmsten Fall wären dem Wanderfalken vielleicht ein halbes Dutzend Stare zum Opfer gefallen. Im Verhältnis zu den vielen Millionen Vögeln, die der Schwarm umfaßt, eigentlich kaum der Rede wert. Im Grunde ist das Verhalten der Stare völlig unökonomisch. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zum Ergebnis. Dennoch schlägt sich der ganze Schwarm für jedes einzelne Mitglied in die Bresche. Täte er das nicht, wären Kooperation, Vernetzung, Schnelligkeit oder Reaktionsvermögen keine Erfolgsfaktoren, sondern leere Phrasen.

Ich habe das Gefühl, diese Überlegungen rühren an ein entscheidendes Prinzip der Evolution, für das uns die richtige Begrifflichkeit noch fehlt. Gleichzeitig wäre ein besseres Veständnis dieses Prinzips von unschätzbarem Nutzen auch in menschlichen – gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen – Zusammenhängen. Warum verhalten sich die Stare so altruistisch? Aber Altruismus ist nur ein bequemes Wort, das der menschlichen Eitelkeit schmeichelt und den Staren sicher fernliegt.

Worum geht es wirklich?
 

* Ehre, wem Ehre gebührt: die BBC-Serie »Earthflight« wird produziert von John Downer Productions.

9. Mai 2012

Fische am Morgen
vertreiben Kummer und Sorgen

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Weltraumhotels, fliegende Hotels, Unterwasserhotels, Halb-Unter­wasser­hotels – solche Ankündigungen sorgen immer für Schlagzeilen. Wie sehr sich das auf den Erfolg und den künftigen Andrang der Gäste auswirkt, ist eine andere Frage. Die Antwort darauf hängt nicht zuletzt davon ab, ob aus den Ankündigungen jemals Wirklichkeit wird.

Jetzt ist mal wieder Dubai an der Reihe. Dort hat man vollmundig den Bau des ersten Unterwasserhotels der Welt angekündigt und die dazugehörigen Pläne vorgestellt. Bereits existierende Hotels dieser Art gehören von nun an offenbar zur Vorgeschichte oder zählen aus anderen Gründen nicht. Wie genauere Recherchen ergeben, ist das groß angekündigte Projekt freilich noch nicht über ein Memorandum of Understanding hinausgekommen, aber was soll’s. Man kann ja trotzdem schon mal Bilder und Videos zeigen. Über 21 Zimmer und Suiten unter dem Meeresspiegel soll das »Water Discus Hotel« verfügen. Durch groß dimensionierte Panoramafenster glotzen als erstes frühmorgens die Fische neugierig ins Innere, und die Gäste dürfen freudig überrascht zurückglotzen:

hotel design architecture interior design

hotel design architecture interior design

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[Fotos und Video: DOT]

Aber Medienberichte haben eine kurze Halbwertszeit, und auch das Gedächtnis der Öffentlichkeit reicht anscheinend nicht viel weiter. Denn eigentlich sollte es »das erste Unterwasserhotel der Welt« in Dubai längst geben, nur noch wesentlich größer und ambitionierter. Sogar der Eröffnungstermin von »Hydropolis« stand bereits fest; von 2006 war die Rede, wenn ich mich richtig erinnere…

Da kann der neue Hauptstadt-Airport Berlin Brandenburg International (BBI) von Glück reden, daß sich die Inbetriebnahme nur um zwei Monate verschieben soll (vorläufig jedenfalls). Dabei hatte das Steigenberger Airport Hotel seine Eröffnung eigens einen Monat nach Aufnahme des Flugbetriebs gelegt, um nicht vom absehbaren Chaos der ersten Tage in Mitleidenschaft gezogen zu werden.

Jetzt dagegen sieht es so aus, als müsse nicht der Airport aufs Hotel, sondern das Hotel auf den Airport warten. Nur auf uns mußte erwartungsgemäß keiner warten; wir sind mit unserer Arbeit fristgerecht fertig geworden. Aber das ist selbstverständlich keine Schlagzeile wert… ;-)

8. Mai 2012

Die wirklichen Profis sind alle Dilettanten

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Natürlich rede ich hier nur von den sogenannten kreativen Berufen, nicht von allen übrigen Dienstleistungen. Mein Auto bringe auch ich, wenn es defekt ist, zum Meisterbetrieb und gehe davon aus, daß der Meister ein Profi ist, der weiß was er tut und was zu tun ist, und der nicht auf gut Glück dilettantisch einfach nur hier was schraubt und dort was verstellt. Je mehr er weiß und kann, je weniger er raten muß, desto besser.

Genau da liegt aber der große Unterschied zu kreativen Aufgaben und Herausforderungen. Wer sich bei diesen ausschließlich auf sein Wissen, seine Erfahrung und bewährte Rezepte verläßt, liefert vielleicht professionelle Leistungen, aber keine guten. Denn entscheidend ist im kreativen Bereich stets jener Punkt, der eine Aufgabe von allen anderen unterscheidet. An diesem Punkt liegt nicht nur die eigentliche Her­aus­forde­rung, sondern auch die kreative Chance. Diese besteht darin, auf die kreative Herausforderung auch eine kreative Antwort zu finden, und das heißt: eine einzigartige und unverwechselbare Lösung zu entwickeln. Die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit begründet die Qualität, den Wert und nicht zuletzt die Wirkung der kreativen Leistung. Nach der Wirkung, also dem Nutzen für den Auftraggeber, und nicht nach dem Zeit- und Arbeitsaufwand wie sonstige Dienstleistungen, wird sie deshalb auch bemessen.

Wissen, Können und Erfahrung bleiben selbstverständlich dennoch von Nutzen. Sie helfen uns, ein Problem zu analysieren, Irrwege zu vermeiden und die Richtung zu bestimmen, in der mögliche Lösungen liegen könnten. Dann aber kommt der Moment, in dem wir wirklich wach werden, wo der Adrenalinspiegel in die Höhe schießt und wir, bildlich gesprochen, ins kalte Wasser springen. Es ist der Moment, in dem wir die vertrauten Bahnen verlassen und gestalterisches Neuland betreten. In diesem Moment werden wir jedesmal aufs Neue zu Dilettanten. Wir wissen: was uns jetzt vor­schwebt und woran wir arbeiten, hat in dieser Form vor uns noch keiner versucht – wir selbst auch nicht. Im kreativen Bereich erkennt man Profis daran, daß sie bereit und fähig sind, immer wieder über das hin­aus­zu­gehen, was sie schon einmal gemacht haben. Man erkennt sie am Mut, im richtigen Moment zu Dilettanten zu werden. Profis sind sie deshalb, weil aus diesem Dilettantismus Entwürfe erwachsen, die ebenfalls alles hinter sich lassen, was es schon einmal gegeben hat.

Das klingt im Grunde selbstverständlich, und in Wahrheit ist es das auch. Dennoch kann es nicht schaden, von Zeit zu Zeit daran zu erinnern. Der Wettbewerb der Ideen folgt eigenen Gesetzen, und kreative Leistungen unterscheiden sich von Sonderangeboten im Supermarkt und Klamotten von der Stange. Unter dem Einfluß einer Wirtschaftsform, die sich am Modell der Ware und des bezifferbaren Werts orientiert, neigen wir allzuleicht dazu, das zu vergessen.

Wer einen Architekten, Innenarchitekten oder Kommunikationsdesigner fragt: haben Sie eine Lösung für mein Problem, sollte darum mit der Antwort rechnen: nein. Aber wir werden sie finden. Wo der Frage auf Anhieb mit einer fertigen Lösung begegnet wird, ist dagegen eher Skepsis am Platz. Nur in Ausnahmefällen wird sie sich als unberechtigt erweisen.

7. Mai 2012

Geschützt: Fotos aus dem »neuen« Hotel Drei Mohren

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

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7. Mai 2012

Design als Illusionskunst

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Schwerarbeit haben wir in den letzten Wochen genug geleistet; dagegen, die Woche leicht, womöglich gar schwerelos zu beginnen, habe ich also gar nichts einzuwenden. Sherri Scheck-Merrill liefert in ihrem Blog dafür nicht nur Anregungen, sondern auch Beispiele von Hotelmobiliar für drinnen und draußen, das der Schwerkraft zu trotzen scheint. Zum Beispiel eine Buddhafigur und eine Tischlampe:

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Eine schwebende Treppe:

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Ein Bett (auch mit Kopfteil erhältlich):

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Eine Pool-Liege als Gleichgewichtskünstler:

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Und schließlich ein (scheinbar) frei im Raum brennendes Kaminfeuer:

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Das kann einen schon zu Gedankenflügen inspirieren, finde ich. Nicht alles überzeugt mich gleichermaßen; manches bleibt mir auch rätselhaft. Ich werde der Sache weiter nachgehen – bis dahin lasse ich mein Urteil in der Schwebe und wünsche Ihnen einen schönen Montagmorgen :-)

6. Mai 2012

Hotel Hollywood Sunday Special

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»La Dolce Vita«, 1960, von Federico Fellini, mit Marcello Mastroianni, Anita Ekberg, Anouk Aimée, Musik: Nino Rota, ausgezeichnet mit einem Oscar und der Goldenen Palme in Cannes

Das Wirtschaftswunder verbindet Italien mit Deutschland. In kaum anderthalb Jahrzehnten brachten es die beiden großen Verlierer des zweiten Weltkriegs zu neuer wirtschaftlicher Blüte und nie dagewesenem Wohlstand für breite Kreise der Bevölkerung. Umso leichter fiel es, die vorangegegangene Katastrophe zu vergessen und dem Schweigen zu überantworten. »Il miracolo« entzog allen Fragen nach Schuld, Verantwortung oder gar Wiedergutmachung den Boden: wo ein Wunder ist, da ist auch Gottes Segen, und wenn nicht, dann hatte man doch offenbar die geschichtliche Entwicklung auf seiner Seite. Nur wenige verfügten, in Deutschland wie in Italien, über ein Gespür für die Lebenslügen hinter der glänzenden Fassade.

Anders als in Deutschland (dort erlebte der »Autorenfilm« erst viel später seine Blütezeit) brachte in Italien die Zeit von Mitte der 40er bis Ende der 60er Jahre eine erstaunliche Zahl großer Regisseure und Filme hervor; eine Zeitlang träumte die römische Cinecittà sogar davon, Hollywood den Rang abzulaufen. Daraus ist dann doch nichts geworden, aber wir freuen uns weiter an den grandiosen Filmen von damals. Mir persönlich sind aus dieser Epoche – ohne die anderen abwerten zu wollen – Federico Fellini und dessen zeitweiliger Schüler Pier Paolo Pasolini besonders nah.

Pasolini ist bis heute umstritten, doch über den Rang Fellinis gibt es unter Fachleuten und Cineasten kaum Meinungsverschiedenheiten. Fast jeder seiner Filme ist ein Meisterwerk, und die Kritiker streiten sich allenfalls darüber, welchem davon ein Platz unter den zehn besten Filmen aller Zeiten gebührt. Ist es »La Strada«? »8 1/2«? »Amarcord«? Oder doch »La Dolce Vita«? – Zwischen diesen vieren schwankte etwa Roger Ebert, bevor er sich für »La Dolce Vita« entschied. Wo objektive Kriterien versagen, geben persönliche Gründe den Ausschlag:

»Sometimes the way you consider a film depends on when and why you saw it, and what it meant to you at that time. ›La Dolce Vita‹ has become a touchstone in my life: A film about a kind of life I dreamed of living, then a film about the life I was living, the about my escape from that life. Now, half a century after its release, it is about the arc of my life, and its closing scene is an eerie reflection of my wordlessness and difficulty in communicating. I still yearn and dream, but it is so hard for me to communicate that – not literally, but figuratively.«

Nicht nur Bücher, auch Filme können uns also ein Leben lang begleiten, wobei sie uns im Lauf der Jahre immer mehr von sich verraten und immer mehr über uns erzählen. Dieses Potential haben allerdings nur wenige. Ich habe »La Dolce Vita« sicher nicht so oft gesehen wie Roger Ebert. Aber auch die wenigen Male haben einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Der Respekt, den Fellini seinen Figuren entgegenbringt. Sein seismographisches Gespür für die Widersprüche und Konflikte, die hinter der Fassade des Erfolgs und wirtschaftlicher Prosperität zerstörerisch am Werk sind. Die Trauer über die Verluste kultureller Wurzeln und historischer Identität, die der Industrialisierung, der Konsumgesellschaft und der globalisierten Unterhaltungsindustrie zum Opfer fallen. Das alles freilich getragen von Fellinis unglaublicher Vitalität und Liebe zum Leben, die mir die Tränen in die Augen treibt.

Aber was rede ich. Wer den Film noch nicht kennen sollte, kann jederzeit selbst die Probe aufs Exempel machen: »La Dolce Vita« ist in voller Länge online auf YouTube zu sehen.

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund, dem Film einen Ehrenplatz in unserem Hotel Hollywood Sunday Special einzuräumen. Der Reporter und Fotograf, der den Protagonisten Marcello auf Schritt und Tritt begleitet, heißt Coriolano Paparazzo. Falls es bei Ihnen jetzt »Klick« gemacht hat, sind Sie in jeder Hinsicht auf der richtigen Spur. Es handelt sich um den Namenspatron jener Spezies von sensationslüsternen Bilderjägern, die in Hotels, an Stränden, in Flughäfen und notfalls auch in der Hölle auf der Lauer liegen, um »Enthüllungsbilder« von Prominenten zu schießen. In »La Dolce Vita« spielen sie durchgängig eine zentrale Rolle; den Höhepunkt bildet aber wohl die Episode, wo die Horde von Reportern und Fotografen am römischen Flughafen Ciampino die schwedisch-amerikanische Filmschauspielerin Sylvia (Anita Ekberg) erwartet (ab Min. 3:30), sowie die anschließende Pressekonferenz in deren Hotelzimmer; sie beginnt bei Minute 6:30 des folgenden Ausschnitts. (Ich zeige Ihnen auch noch den – kurzen – Abschluß der Pressekonferenz im folgenden Clip; der ist insgesamt so großartig, daß ich nicht widerstehen konnte.)

Viel Vergnügen.

5. Mai 2012

Writers’ Corner

»Sie müssen das, was Sie tun, wirklich lieben. Sie müssen Ihre Seele mit Ideen füttern, und Sie dürfen nicht aufhören, als Mensch zu wachsen. Das ist es, was einem hilft, Kunst zu schaffen.«
Madonna

Wo sie recht hat, hat sie recht.

5. Mai 2012

Hotel und Öffentlichkeit

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Wie der Zufall, der bei uns Serendipity heißt, so spielt: gerade habe ich mir anläßlich der »72 Hours Urban Action Stuttgart 21« Gedanken über die Gestaltung des öffentlichen Raums gemacht, da lese ich im aktuellen SZ Magazin die Kolumne »Hotel Europa«, die diese Woche dem »Straf« in Mailand gewidmet ist und dabei die enge Symbiose zwischen Hotel und städtischer Öffentlichkeit hervorhebt:

»Das ›Straf‹ ist eines dieser Hotels, das Lebensfreude anzieht und ausstrahlt: Die Hotelbar quillt schon am Nachmittag über, und spätestens bei Sonnenuntergang ist die ganze Straße, in der das ›Straf‹ liegt, voll mit Menschen, die auf dem Bordstein vor dem Hotel Aperol Sprizz zuzeln. Der DJ verausgabt sich in der zur Straße hin offenen Bar, die Frauen zeigen, was die Stadt modisch herzugeben hat, und die Rosenverkäufer strecken einem im Minutentakt die Sträuße ins Gesicht.«

Gut, das »Straf« ist sicher einmalig in der Art, wie es die Design- und Modemetropole Mailand repräsentiert. Aber genauso einmalig sind viele andere Hotels in ihrer Art: der Bayerische Hof in München mit seinem Nightclub und dem »angeschlossenen« Theater; oder das Steigenberger Grandhotel Handelshof in Leipzig mit seiner inneren Nähe zum Gewandhaus und überhaupt zum musikalischen und kulturellen Leben der Stadt – um zwei geographisch näherliegende Beispiele zu nehmen. Der Resonanzraum zwischen Hotel und Stadt ist jedesmal ein anderer, und ihn zum Klingen zu bringen und mit Leben zu füllen ist Teil jener Aufgabe, die ich als Bekenntnis des Hotels zu seinem Standort bezeichne, und der ich nicht ohne Grund zentrale Bedeutung beimesse.

Um als Hoteldesigner zur Gestaltung dieses Resonanzraums beizutragen, genügt es nicht, die aktuellen Trends zu kennen und ein vorgegebenes Briefing abzuarbeiten. Man muß sich intensiv mit Geschichte und Gegenwart eines Hauses und seiner Rolle im städtischen Leben beschäftigen. Nicht jeder Auftraggeber – auch das muß gesagt sein – hat daran Interesse; diese Art »Grundlagenforschung« kostet Zeit, und Zeit ist bekanntlich Geld. Aber – und das ist die andere Seite – sie lohnt sich auch. Bestenfalls bedeutet sie den Unterschied zwischen einer Lösung von der Stange mit begrenztem Neuigkeitswert – und einem Ort, dessen Name zum Begriff wird.

5. Mai 2012

Nicht schon wieder:
Stuttgart 21. Aber anders…

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»72 Hour Urban Action« bezeichnet sich selbst als »the world’s first real-time architecture competition«. Premiere feierte die Initiative 2010 in Bat Yam; zwei Jahre später ist jetzt Stuttgart an der Reihe. Es geht dabei um Interventionen im öffentlichen Raum, die auf lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse antworten und nach Möglichkeit über den Tag hinaus Bestand haben und wirken sollen. Zehn internationale Teams werden miteinander um die besten Ideen und Lösungen wetteifern, und sie haben genau drei Tage und drei Nächte Zeit, sie in die Wirklichkeit umzusetzen.

Nicht zufällig hat man sich Stuttgart als Austragungsort des zweiten Wettbewerbs dieser Art ausgesucht. Auch wenn die deutsche Öffentlichkeit es mittlerweile eher als Kriegsschauplatz kennt, ist Stuttgart 21 doch auch das größte innerstädtische Entwicklungsprojekt Europas. Ich finde es erfrischend, darin zur Abwechslung mal eine konstruktive Her­aus­forde­rung zu sehen – und sie anzunehmen. Die Pro- und Contra-Argumente kennen wir mittlerweile ja schon auswendig. Dazu kommt aus meiner persönlichen Warte, daß ich die Gestaltung des öffentlichen Raums ohnehin als eine der zentralen und oft zu gering bewerteten gesell­schafts­po­li­ti­schen Aufgaben der Zukunft betrachte. Es ist eine Aufgabe, die wie wenige andere einen engen Schulterschluß von Architekten und Innen­architekten erfordert; als Hoteldesigner sind wir ständig mit ihr kon­fron­tiert. Wer aber meint, den öffentlichen Raum des Hotels gestalten zu können, ohne sich um Trends und Entwicklungen in anderen Bereichen zu kümmern, hat das Wichtigste nicht verstanden: daß öffentliche Räume nur im Austausch miteinander existieren und sich entwicklen können. In jedem öffentlichen Raum, der diesen Namen verdient, ist die Resonanz und die Interferenz mit anderen öffentlichen Räumen zu spüren.

Und wenn ein solches Event in Stuttgart, also sozusagen vor der eigenen Haustür stattfindet – na ja, da ist dann die Neugier umso größer. Wenn es irgend geht, werde ich deshalb im Juli vor Ort mit dabei sein, um zu sehen, was die Teams auf die Beine stellen. Für alle, die’s mir gleichtun wollen – hier die Daten von der offiziellen Website: »Take Off July 11th 2012 | Landing and Awards July 14th 2012«. Und wer es mit dem Dabeisein nicht bewenden lassen und selbst mitmachen will: die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 26. Mai…

Eigentlich komisch bei dem ganzen Medienrummel um Stuttgart 21, daß ich von dieser Initiative in der deutschen Presse bislang noch nichts gelesen habe. Zum Ausgleich zeige ich Ihnen abschließend noch das gut gemachte Ankündigungsvideo zur »72 Hours Urban Action Stuttgart 21«:

4. Mai 2012

Hotelgeschichten von Down Under:
Katerfrühstück für Pinguin Dirk

Die Waliser gelten als beinahe so trinkfest wie die Iren. Und trinkfest muß man sein, wenn man, neben ein paar weniger harten Sachen, zusätzlich noch anderthalb Liter Wodka in sich hineinkippt, danach in den Sea World Park einbricht, ein paar Runden mit den Delfinen schwimmt, und hinterher in aller Seelenruhe ins Hotel zurückkehrt, um seinen Rausch auszuschlafen. Jedem das Seine, sage ich nur, und genauso hatten sich Rhys Owen Jones und Keri Mules ihren Australienurlaub wohl vorgestellt.

Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als sie anderntags aufwachten und feststellten, daß sie ihr Hotelzimmer mit einem Zwergpinguin teilten. Offenbar hatten sie nach dem Abenteuer mit den Delfinen noch dem Pinguingehege einen Besuch abgestattet und sich dabei in das kleine Tier verliebt. Erinnerung hatten sie zwar keine mehr daran, aber wo sie jetzt schon mal zu dritt waren, wollten sie sich nicht lumpen lassen. Sie duschten erst sich, dann den Pinguin, und teilten anschließend brüderlich ihr Frühstück mit ihm (die Brötchen, nicht den Kaffee).

Danach waren sie mit ihrem Latein allerdings am Ende. Sie nahmen den Vogel, und entließen ihn am nahen Broadwater Beach kurzerhand in die »Freiheit«.

Damit könnte die Geschichte zu Ende sein, hätte nicht ganz Australien am Verschwinden des Zwergpinguins Dirk (mit seiner langjährigen Partnerin Peaches eine der großen Attraktionen von Sea World) Anteil genommen, und hätten, zweitens, Rhys und Keri nicht noch schnell ein paar Fotos von Dirk im Hotelzimmer auf Facebook gepostet, bevor sie das Tier wieder aussetzten. So waren zumindest die Schuldigen schnell dingfest gemacht, und zur Erleichterung der Nation und mehr noch von Peaches wurde auch Dirk wiedergefunden und genießt seither seine wiedergefundene Zweisamkeit doppelt…

Das war vor einem Monat. Vorgestern nun standen die beiden »Kid­nap­per« wegen »versuchten Diebstahls« vor Gericht. Sie zeigten sich reumütig und geständig, und ihr Anwalt – der mit einer Pinguinkrawatte im Gerichtssaal erschienen war – bat um eine milde Strafe, denn die beiden hätten doch nach ihrem Dumme-Jungen-Streich » tried their incompetent best«, gut für das Tier zu sorgen. Dennoch hatte jeder von ihnen ein Bußgeld von umgerechnet 780 Euro zu zahlen, und damit, so der Richter, seien sie noch glimpflich davongekommen. Neben dem Pinguingehege befinde sich nämlich der Eisbärenzwinger – und in dem Fall hätte das Abenteuer nicht in einem Erwachen zu dritt, sondern eher im Leichen­schau­haus geendet.

Da könnte der Richter sich freilich getäuscht haben. Denn Rhys Owen Jones und Keri Mules waren zwar stockbesoffen, dabei aber keineswegs völlig unzurechnungsfähig – und jedenfalls geistesgegenwärtig genug, ihre Schwimmpartie mit den Delfinen auf Video festzuhalten, ebenso wie ihre »Begegnung« mit Dirk am Morgen danach:


[Kudos: The Telegraph]

(Der Vollständigkeit halber darf ich drauf hinweisen, daß uns hier schon einmal eine ähnliche Geschichte untergekommen ist; damals aber sahen sich die Hotelgäste nach ihrem Besäufnis und dem anschließenden Filmriß am nächsten Morgen einem ausgewachsenen Tiger im Badezimmer gegenüber…)

3. Mai 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Unter dem Titel »Die Muse des stillen Örtchens. Toiletten und Badezimmer – die verkannten Kulturstätten des Alltags« ist kürzlich in der NZZ ein Beitrag des amerikanischen Dichters Charles Simic erschienen, den ich als Ganzes zur Lektüre empfehle. Hier ist ein Ausschnitt daraus:

»Haben unsere Gründerväter gelesen, während sie auf ihren Nachttöpfen sassen? […]

Als Gast in fremden Häusern bin ich auf Toilettenbibliotheken gestossen, deren Umfang und intellektuelle Ambitioniertheit mir den Atem verschlugen. Es war mir nicht recht klar, ob Platons Dialoge in der griechischen Originalfassung, Marx’ «Kommunistisches Manifest» und der letzte Roman von Thomas Pynchon dort aufgereiht waren, um Eindruck zu schinden – oder ob ein anderer Gastgeber, der die Memoiren aller amerikanischen Ex-Präsidenten seit Ronald Reagan bereitgestellt hatte, den Gast zum Lachen bringen wollte. Lyrikbände fanden sich eher selten, sogar in den Häusern von Dichtern, hingegen bin ich öfters auf Anthologien gestossen. Wäre die Lektüre von Hamlets Monologen oder John Keats’ «Ode an eine Nachtigall» an solchem Ort nicht unschicklich? Ich weiss es nicht. Ich habe von Leuten gehört, die auf dem Klo die Bibel lesen; sogar für einen areligiösen Menschen wie mich war das ein ziemlicher Schock. Noch entsetzter war ich, im Domizil eines bekannten Kunstsammlers eine Darstellung der Madonna mit dem Kinde von einem sehr versierten Nachahmer Raffaels – oder, verwerflicher Gedanke, gar von der Hand des Meisters selbst – auf der Toilette vorzufinden.

Ich selbst tendiere bei der angedeuteten Gelegenheit zu Nachschlagewerken wie «Halliwell’s Film Guide», dem «Guinness Book of World Records», dem «Dictionary of Philosophy» oder dem «Farmers’ Almanac». In Notfällen lasse ich mich aber auch von der Zeitschrift «People» darüber aufklären, dass Kyra Sedgwick und Kevin Bacon entfernte Verwandte sind oder ob Emma Stone nun eher Ryan Gosling oder Andrew Garfield küssen würde.«

Charles Simic

Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen diesen Gedanken und dem Namen des Verlags, der Simic letztes Buch veröffentlicht hat, nämlich der »Edition Refugium«? Das wird Simic’ Geheimnis bleiben. Aber recht hat er. Es ist ja eine alte Streitfrage, bei welcher Gelegenheit die Menschen auf die interessanteren Einfälle kommen – beim Zähnputzen, oder bei noch schamhafter verschwiegenen Tätigkeiten. Besser gesagt: es wäre eine Streitfrage, läge nicht ein so massives Tabu darüber. Einer der ersten, die es gebrochen haben, war James Joyce im »Ulysses«, wo Harold Blooms Gedankenfluß beim täglichen Stuhlgang gleich zu Beginn des Romans leitmotivischen Charakter für den ganzen Rest erhält. Aber so sehr die Literaturwissenschaftler diesen inneren Monolog rühmen und die Leser ihn goutieren – Folgen hatte er keine, jedenfalls nicht für die Gestaltung öffentlicher Bäder und Toiletten.

Der Grund dafür liegt wohl nicht nur in einem kulturellen Tabu. Auch ich hätte Hemmungen, in einer fremden Toilette nach dort bereitgestellten Büchern oder Zeitschriften zu greifen (und sorge lieber dafür, daß ich selbst was Anregendes dabeihabe). Zu denken gibt mir Simic’ Glosse in anderer Hinsicht. Warum orientiert sich die Gestaltung von Badezimmern und Toiletten weithin eher an Reinräumen oder Operationssälen statt an Bibliotheken oder Salons? Warum ist ihr ästhetisches Paradigma die Keimfreiheit statt die Öffnung des Geistes für neue Ideen und Gedankenverbindungen? Kurz: warum sterile Hygiene statt kultureller Reichtum? (Hygiene setze ich voraus, aber grade der Schein der Hygiene kann leider täuschen, und umgekehrt setzt vorbildliche Hygiene heute weniger denn je eine Ästhetik der Keimfreiheit voraus).

In München gibt es ein berühmtes Cafe in Schwabing, dessen Toiletten­wände mit Original­werbung aus der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts gestaltet sind. Ich war noch jedesmal in Ver­suchung, mehr Zeit darin zu ver­bringen als ich mußte – und als meiner Begleitung zumu­tbar gewesen wäre. In den Bädern des Steigenberger Grandhotels Handelshof in Leipzig, die wir gestaltet haben, können sich die Gäste beim Duschen an Zitaten aus Goethes »Faust« erfreuen. Und daß eine halbstündige Dokumentation nicht ausreichte, den Kosmos von Henry Millers Badezimmer zu durchmessen, haben wir ebenfalls schon festgestellt. Der Blick auf das durchschnittliche Hotelbad ist dann erst recht ernüchternd. Ich behaupte: sosehr die Hotelbäder vom technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte profitiert haben – im Hinblick auf die Gestaltung und die Innenarchitektur liegen immense Potentiale weiterhin brach.

Vielleicht ist es Zeit, das zu ändern. Vergessen wir nicht, daß Fortschritt eine Sache der Ideen ist – und daß Bäder und Toiletten nicht dazu da sein sollten, uns dieselben auszutreiben… ;-)

2. Mai 2012

Wieder da: Morris Lessmore

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Nachdem ich gestern so lange über Saul Bass’ »Why Man Creates« gesprochen habe, der 1968 den Oscar für den besten Kurzfilm bekam, möchte ich doch noch einmal kurz auf den aktuellen Preisträger in dieser Kategorie zurückkommen. Über »The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore« hatten wir uns ja schon unterhalten, noch bevor der Film einen Oscar gewann. Die Preisverleihung verband sich dann leider mit der weniger schönen Nachricht, daß die freie Netzversion zurückgezogen worden war; es gab den Film nur noch käuflich bei iTunes. Aber – und das ist der Grund für diesen heutigen Nachtrag – auch das hat sich in der Zwischenzeit wieder geändert: Morris Lessmore ist wieder auf YouTube zu sehen.

Und folglich auch hier in der Serendipity Suite: