31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

30. Juli 2010

Serendipity. Voll im Trend.

Vor etwa zehn Jahren prokrastinierte, wer ein bißchen angeben und sich wichtig machen wollte. Schließlich wußte kaum einer, was das Wort bedeutete. Heute ist Prokrastination eine Allerweltsvokabel. Wir brauchen dringend was Neues, um Eindruck zu schinden. Am besten mit snobistisch englischem statt mit gelehrt lateinischem Stammbaum. Und wir müssen noch nicht mal lange suchen; das Modewort des nächsten Jahrzehnts ist soeben aus dem Ei geschlüpft und hat es auf Anhieb zu Titel-Ehren gebracht. Ab sofort wird serendipitiert.

Ernsthaft. Im neuen Merkur, den ich druckfrisch in Hände halte, schreibt David Wagner einen ganzen Essay mit der Überschrift »Ich serendipitiere«. Einfach so – ich serendipitiere, als sei das ebenso geläufig wie Meditieren, Bramarbasieren oder Prokrastinieren. So stellt man gezielt sein Licht unter den Scheffel. Und in ein paar Monaten wird Wagner dann beiläufig erzählen, er habe völlig unbeabsichtigt einen Trend ins Leben gerufen. Ohne auch nur zu erwähnen, daß sich dieser Blog schon seit mehr als einem Jahr das Serendipitieren auf die Fahne geschrieben hat. Damals haben mich sogar Engländer, native speakers also, gefragt, was »serendipity« eigentlich bedeute. Die Vorreiterin bin ich. Mir fehlt nur Wagners Cleverness.

Der bringt es nämlich fertig, nach der verheißungsvollen Überschrift zwar, beispielsweise, zu schildern, wie er mit 22 Jahren dazu kam, Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen – dafür aber die Worte serendipitieren, Serendipität oder serendipitös in seinem ganzen Essay kein einziges weiteres Mal zu erwähnen. Merkur–Leser wissen, was es mit der Serendipität auf sich hat. Wenn nicht, sind sie zu blöd oder sonst nicht ganz auf der Höhe. Das will natürlich keiner auf sich sitzen lassen. Und reicht den Schwarzen Peter weiter: schon im nächsten Gespräch wird er beiläufig einfließen lassen, wie ihm serentipitierenderweise mal wieder ein ganz besonderer Coup geglückt ist. Schön, nicht wahr? So werden Moden lanciert.

Aber bei Ihnen sind solche Hochstapler zum Glück an den Falschen geraten. Sie wissen viel besser als diese Angeber, was »Serendipity« bedeutet, wo das Wort herkommt und wie es Eingang in die englische (und jetzt auch die deutsche) Sprache gefunden hat. Und wenn nicht, können Sie es jederzeit nachlesen. Womit wir uns wieder ernsthafteren Dingen zuwenden könnten.

 

P.S:
Schade, daß ich kein Gästebuch führe. Dann könnte ich gucken, ob und wann David Wagner sich drin verewigt hat… :-) :-) :-)

30. Juli 2010

Luxushotels im Aufwind?

Vor einigen Wochen habe ich über den Deutschen Hotelimmobilien-Kongress berichtet und die positive Stimmung hervorgehoben, die dort herrschte. Fast alle waren sich einig: die Talsohle ist durchschritten, die schlechten Zeiten liegen hinter uns, mit dem Hotelmarkt geht es wieder aufwärts. Die Expansionspläne, von denen einige der großen Ketten berichteten, gaben der optimistischen Grundstimmung zusätzliche Nahrung.

Jetzt scheint ein Artikel in der New York Times diese Einschätzung zu bestätigen und durch harte Fakten zu untermauern. Die Belegungszahlen der Hotels wachsen noch stärker, als selbst die zuversichtlichsten Experten erwartet hatten – und die aktuellen Prognosen sehen kein Ende des Aufschwungs. Das sind erfreuliche Nachrichten – für amerikanische Hotels und Hotelmanager. Mir ist natürlich klar, daß diese Zahlen für Deutschland gar nichts besagen – und zur Situation hierzulande fehlen mir aktuelle emprische Daten. Aufgefallen jedoch ist mir eine Besonderheit an der Entwicklung in den USA, und ich frage mich, ob es sich dabei um ein spezifisch amerikanisches Phänomen handelt oder um einen allgemeineren, nicht auf Amerika beschränkten Trend.

Wenn Sie den Artikel in der New York Times genauer lesen, werden Sie nämlich bemerken: das Wachstum fällt im Luxus-Segment, bei den absoluten Top-Hotels, erheblich stärker aus als bei den Mittelklasse-Häusern, die zwar auch Zuwächse verzeichnen, im direkten Vergleich aber deutlich hinterherhinken. Das steht klar im Widerspruch zur Meinung, die auf dem Hotelimmobilien-Kongress mehrheitlich zu hören war.  weiterlesen…

30. Juli 2010

3 Goldene Regeln für den Erfolg im Social Web

Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich immer wieder und zum Teil intensiv mit den Möglichkeiten, die das sogenannte Web 2.0 oder »Mitmach-Web« eröffnet und habe gerade in den letzten Monaten mit vielen Menschen aus der Hotelbranche darüber gesprochen. Man kann sich bei diesem Thema nächtelang die Köpfe heißreden. Am Ende aber laufen für mich solche Diskussionen fast immer auf drei einfache Regeln hinaus, die bei den meisten meiner Gesprächspartner eher für Ernüchterung sorgen:

Regel 1
Sorge offline für zufriedene Gäste

Regel 2
Nutze das Social Web, um dich über deine Arbeit oder deine Ideen auszutauschen, mit deinen Gästen in Dialog zu treten und mit ihnen in Kontakt zu bleiben

Regel 3
Wenn du Regel 1 nicht einlöst, wird dir Regel 2 mehr schaden als nützen

Zusammengefaßt: das Social Web bietet dir Möglichkeiten, aber es sorgt gleichzeitig dafür, daß deine konkrete, praktische Arbeit ungleich höhere Werbewirkung entfaltet als noch so hoher Werbeaufwand. Das Web 2.0 belohnt Leistung, nicht flotte Sprüche. Der Grund dafür liegt darin, daß mit dem Social Web die Meinungsmacht unwiderruflich von den Werbern auf die Beworbenen, also die Konsumenten und Nutzer übergeht.  weiterlesen…

28. Juli 2010

One More Take
(91 und kein bißchen müde)

Sie erinnern sich an Pete Seeger und den Song von den »Little Boxes«? Das ist fast 50 Jahre her, und Pete Seeger war 43 Jahre alt. Heute hat er die 91 überschritten, schreibt weiter Lieder, stellt sich auf die Bühne und trägt sie vor. Vor drei Tagen präsentierte er seinen neuesten Song, worin er angesichts der Ölkatastrophe vor der Küste Floridas nicht nur den Konzern BP aufs Korn nimmt, sondern auch mit den unverdrossenen Befürwortern weiterer Tiefsee-Bohrungen (»drill, baby, drill«) abrechnet. Lange hat mich nichts mehr so berührt wie dieser Auftritt des 91-jährigen: hellwach, kämpferisch wie eh und je, dabei voller Optimismus und Lebensfreude. Die Zeile »we can never give up hope« geht mir durch und durch. Aber auch der Titel des Songs hat es in sich: »God’s Counting on Me, God’s Counting on You«. Anhören ist Pflicht, würde ich sagen:

[Kudos: Rolling Stone]

28. Juli 2010

Selbstbedienung im Hotel

In Hotels wird geklaut, was das Zeug hält. Manchmal von den eigenen Mitarbeitern, öfter aber von den Gästen. Je vornehmer ein Haus, desto unverfrorener die Souvenirjäger und desto wertvoller ihre Beute. So jedenfalls lautet das populäre Vorurteil, das Insider nur bestätigen können. Neu ist das alles freilich nicht, und irgendwann kennt man auch die wildesten Geschichten beinahe auswendig. Mittlerweile bringt mich das ganze Thema nur noch zum Gähnen.

Meine Neugier hielt sich daher in Grenzen, als die WELT kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlichte, worin sie Direktoren von Luxushotels nach den kecksten Diebstählen in ihrem Haus befragt hatte. Eine Sommerloch-Geschichte, dachte ich. Und die meisten Stories blieben denn auch auf dem Niveau meiner tiefgespannten Erwartungen – oder lagen darunter. Bis auf drei, die den Rahmen sprengten und mich spontan zum Lachen brachten.

Die erste spielt in einem Wellness-Hotel in der Region Edersee und wirkt im ersten Moment gar nicht spektakulär. Aus der Lobby hatte jemand zwei hochwertige, hoteleigene Computer mitgehen lassen. Kein Grund zur Aufregung bei der Hotel-Leitung, und auch die herbeigerufene Polizei nahm’s gelassen. Für solche Fälle hatte man vorgesorgt; sämtliche öffentlichen Bereiche des Hotels waren video-überwacht. Der Dieb oder die Diebe würden lange Gesichter machen, dachte man – und machte dann selber welche.  weiterlesen…

27. Juli 2010

Writers’ Corner (Hotel Villa Cimbrone)

»Twenty five years ago I was asked by an American magazine what was the most beautiful place that I had ever seen in all my travels and I said the view from the belvedere of the Villa Cimbrone on a bright winter’s day when the sky and the sea were each so vividly blue that it was not possible to tell one from the other.«

Gore Vidal

27. Juli 2010

Die Hotels der Garbo

Vom Film »Grand Hotel« mal ganz abgesehen: Greta Garbo liebte mondäne, luxuriöse und ausgefallene Hotels. Nicht nur als Schauspielerin – da gehört das Leben aus dem Koffer ja sozusagen zum Berufsbild –, sondern auch im Privatleben. Und davon hatte sie mehr als genug, nachdem sie mit 36 Jahren zum Entsetzen ihrer Fans ohne irgendeine Begründung Hollywood und der Schauspielerei ein für allemal den Rücken kehrte. Von da an widmete sie ihre Zeit im wesentlichen ausgedehnten Spaziergängen sowie mehr oder weniger heftigen, mehr oder weniger langwierigen Affären; Greta Garbo liebte auch Männer. Und natürlich läßt sich der Reiz romantischer Abenteuer durch ein entsprechendes Ambiente erheblich steigern. Deswegen liebte die göttliche Garbo ausgefallene, luxuriöse Hotels mit dem notwendigen erotischen Flair. Aber das habe ich schon gesagt.

Ihr eigentliches Zuhause, wenn man so sagen kann – also das Haus, wohin sie als Dauergast immer wieder zurückkehrte –, war dabei der Ritz Tower in New York, und über dieses Hotel muß ich nicht viele Worte verlieren. Auf eine Beschreibung der übrigen Hotels, die sie freqentierte, will ich mich aber erst recht nicht einlassen, dazu sind es zu viele und ich müßte ein dickes Buch darüber schreiben – ohne daß ich daraus irgendwelche Rückschlüsse auf die Zahl ihrer Affären ziehen wollte, und über letztere gibt es ohnehin Bücher genug.

Ich beschränke mich also auf ein Land, nämlich Italien, und auch in Italien nur auf zwei Beispiele. Doch die haben es in sich: zwei der schönsten Hotels der Welt an zwei der traumhaftesten Orten dieser Erde.

Das erste ist die Villa d’Este am Comer See, das die ZEIT noch kürzlich als »Hotel der Hotels, die Essenz schlechthin« titulierte.  weiterlesen…

26. Juli 2010

Writers’ Corner (»Menschen im Hotel«)

»Was in großen Hotels erlebt wird, das sind keine runden, vollen, abgeschlossenen Schicksale. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, Teile. Hinter den Türen wohnen Menschen, gleichgültige oder merkwürdige, Menschen im Aufstieg, Menschen im Niedergang – Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand.«

Vicki Baum

26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  weiterlesen…

25. Juli 2010

Hotel Hollywood Sunday Special

Nomen est omen, und schon der Titel verpflichtet: »Grand Hotel« (Regie: Edmund Goulding) gehört sicher zu den berühmtesten Hotelfilmen aller Zeiten. Das liegt nicht allein an Greta Garbo, die hier in einer ihrer Glanzrollen zu sehen ist (der ewige Wettstreit mit der großen Rivalin Marlene Dietrich blieb dennoch unentschieden, denn die begeisterte das Publikum im selben Jahr (1932) im gleichermaßen legendären Klassiker »Shanghai Express«, dem ich das Sunday Special von letzter Woche gewidmet habe). Ebenso großen Anteil am Erfolg des Films wie Garbos schauspielerische Leistung hatte aber wohl die Romanvorlage »Menschen im Hotel« der österreichisch-jüdischen Schriftstellerin Vicki Baum, die selbst eine Zeitlang als Zimmermädchen in einem Berliner Grandhotel gearbeitet hatte.

In Baums Roman erscheint das Hotel als Mikrokosmos des gesellschaftlichen Lebens der Zeit, worin Dekadenz und höchste Verfeinerung, Fortschrittseuphorie und Niedergangsängste eine unentwirrbare Mischung eingegangen waren. Nirgends trat dies deutlicher zutage als in Berlin, das sämtliche Extreme der Epoche wie unter einem Brennglas versammelte; als »Tanz auf dem Vulkan« hat man diese wilden Berliner Jahre später bezeichnet. Die scheinbare Unerschütterlichkeit des Grand Hotels mit seinen vordergründig zeitlosen, immer gleichen Ritualen steht in denkbar schärfstem Kontrast zu den menschlichen Dramen, die sich in seinen Mauern abspielen. Unübertreffbar lapidar formuliert der Film selbst diese Diskrepanz in dem (schon zu Beginn geäußerten und am Ende noch einmal wiederholten Satz): »Grand Hotel. People come and go. Nothing ever happens«, der schon aus diesem Grund Filmgeschichte geschrieben hat; Sie werden ihn in dem ersten der beiden Ausschnitte, die ich Ihnen zeige, gleich selbst hören – aber auch das bloße Sehen lohnt sich: Goulding zeigt die Hotel-Lobby in einer 360-Grad-Perspektive, die die Idee des Mikrokosmos perfekt ins Bild setzt. Eine filmische Innovation, die in der Folge unzählige Male adaptiert wurde.

Das zweite, nicht minder berühmte Zitat des Films ist ein Satz Greta Garbos, die eine russische Ballerina verkörpert, deren Laufbahn sich dem Ende zuzuneigen scheint. Der Satz lautet (wiederum ganz kurz und scheinbar banal): »I want to be alone« – und sie äußert ihn mit allen Anzeichen der Verzweiflung und des Lebensüberdrusses gegenüber ihrer Entourage, als sie von einer abgebrochenen Vorstellung vorzeitig ins Hotel zurückkehrt. Kurz darauf entdeckt sie – allein im Zimmer, wie sie glaubt – einen Einbrecher, der von ihrer verfrühten Rückkehr überrascht nicht mehr rechtzeitig das Weite suchen konnte. Aus dem Gespräch, das sich im Anschluß entspinnt, entwickelt sich – vorhersehbar – eine zarte Liebesgeschichte, die aber – für einen Hollywood-Film weniger vorhersehbar – nicht zu einem Happy-end findet; oder jedenfalls nicht zu dem, mit dem man rechnen würde. Mehr will ich nicht verraten; vielleicht bekommen Sie ja Lust, sich den ganzen Film anzusehen, lohnen würde es sich allemal.

Das Zitat aber will ich Ihnen dennoch nicht vorenthalten; es steht im Zentrum des zweiten Ausschnitts, gefolgt von der Szene mit dem Dieb, die ich grade geschildert habe:

24. Juli 2010

Keep Smiling / One More Take

Eigentlich hatten wir dem Kraken Paul schon Lebwohl gesagt, aber die Welt will nicht von ihm lassen. Über den ursprünglichen Anlaß – die erstaunlichen prophetischen Fähigkeiten des Tiers – geht das Interesse längst hinaus; die Neugier der Menschen ist unersättlich. So hat sich in Amerika jüngst ein heftiger Streit darüber entwickelt, wie wohl die Mehrzahl von Krake, englisch »octopus«, lautet. Die Redaktion von Merriam-Webster, der amerikanischen Entsprechung zum Duden, hat jetzt die Frage entschieden. Oder auch nicht. Denn die höchste Instanz in Sachen korrekten Sprachgebrauchs versucht sich an einem salomonischen Urteil, das für korrekt erklärt, was streng genommen falsch ist. Ob das die erhitzten Gemüter beruhigt, sei dahingestellt.

Rein grammatikalisch nämlich, so Merriam-Webster, müsse man zu Kraken im Plural »octopedes« sagen. Wenn Sie das versuchen, werden Sie von Ihrem amerikanischen Gesprächspartner freilich so scheel angesehen, wie wenn Sie im Deutschen von zwei Kraken als »Krakeeler« redeten. Paul und Paula, die Krakeeler. Dann schon lieber Oktopäden. Oder gleich »octopuses«, wie es jedem normalen Ami, der nicht vom Korrektheits-Bazillus befallen ist, spontan von den Lippen gehen würde. Genau dazu gibt auch Merriam-Webster seinen Segen. Aber nur, wenn sich die Betreffenden nicht mehr über Leute aufregen, die – etymologisch genauso unsinnig – die Mehrzahl »octopi« vorziehen. »Jedem das Seine«, könnte man diese Entscheidung zusammenfassen. Über soviel Laxheit im Umgang mit der Sprache wird sich wohl bald der nächste Streit entzünden…

Nur gut, daß wenigstens über den Genitiv von »octopus« Einigkeit herrscht. Die Streitfrage haben die Beatles nämlich schon vor Jahrzehnten entschieden. Wer daran zweifelt, hat also die Autorität von Klassikern gegen sich. Und die ist in sprachlichen Zweifelsfällen allemal höher einzustufen als die Meinung einer Wörterbuch-Redaktion. Und jedenfalls auch musikalisch überzeugender:

(Im übrigen haben wir Deutsche nicht den mindesten Grund, uns über die Amis zu mokieren. Wir hatten nur das Glück, daß der Krake Paul heißt. Was aber, wenn seine Zwillings-Schwester Paula solche prophetischen Gaben an den Tag gelegt hätte? Hätten wir dann vom Kraken Paula gesprochen? oder doch eher von der Krakin?!

Das frage ich jetzt Sie, liebe Leserinnen und Leser… :-) )

23. Juli 2010

Writers’ Corner (Kulturelles Erbe)

Das sogenannte kulturelle Erbe ist ein Schatz – bisweilen aber auch eine Bürde. Die wog im Fall des Kaisersaals – stellvertretend für das Hotel Esplanade – immerhin 1 800 Tonnen. Nicht immer ist das Erbe so gewichtig. Das Sofa Hildegard Knefs aus dem Hotel Schweizerhof etwa wurde, wie Sie sich erinnern, gewogen und für zu leicht befunden. Aber es ist für Leute, die sich gern mit Kultur schmücken, ohne mit ihr was am Hut zu haben, nicht immer leicht, in dieser Hinsicht die richtigen Maßstäbe zu finden. Davon weiß auch der Verleger und Schriftsteller Klaus Wagenbach ein Lied zu singen – und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

»Als nach der Wiedervereinigung am prominenten Ort in Berlin ein Zentrum bürgerlicher Selbstversicherung, das Hotel Adlon, wieder aufgebaut worden war, erhielt eine Buchhandlung den Auftrag, die Bibliothek einzurichten: keine Taschenbücher, am besten Halbleder oder mindestens Ganzleinen, überwiegend grün, aber auch braun oder dunkelrot et cetera. Die Buchhändlerin hat sich dazu nicht geäußert, aber strafweise erhielt das Adlon mehrere Ausgaben von Gustav Freytags Soll & Haben. Geschieht ihm recht. Noch 2009, in einem funkelnagelneuen Hotel in Rostock, passierte mir ähnliches: In der Eingangshalle stößt man auf eine Wand mit Büchern, die offensichtlich ein Analphabet ausgesucht hat. Hauptsächlicher Zweck auch hier: Wir möchten Ihnen einen Eindruck von unserer Bildung vermitteln, die zugleich gediegen wie abgehangen ist.«

Klaus Wagenbach
 

Als »Kulturverlederung« bezeichnet Wagenbach treffend dieses Phänomen. Sie erinnern sich vielleicht an den Beitrag »1100.006 wie Liebe«, worin ich die Verwechslung von Kultur und kultureller Attitüde mindestens ebenso heftig aufs Korn genommen habe. Wagenbachs Berliner Beobachtungen sind auch ein Kommentar zum Library Hotel in New York. Es ist wohl Vorsicht angezeigt, wenn man allzu euphorisch transatlantische Gemeinsamkeiten beschwört…
;-) ;-) ;-)

22. Juli 2010

One More Take

Was mit Hildegard Knefs Sofa passiert ist, das ihr in Wirklichkeit nie gehörte und das man ebensogut als Dieter Thomas Hecks Sofa hätte bezeichnen können – ich weiß es nicht. Was die Sache damals ein bißchen makaber machte: es handelte sich, wenn überhaupt, um einen Nachlaß bei Lebzeiten – die Künstlerin war zwar krank, aber gerade in ihren letzten Lebensjahren überaus aktiv und immer auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern. Bis kurz vor ihrem Tod 2002 arbeitete sie überdies daran, ihre drei erfolgreichen Bücher – »Der geschenkte Gaul«, »Das Urteil« und »So nicht« für eine Neu-Auflage komplett umzuschreiben – und hatte zusätzlich ein viertes, »Schuld der Schuldlosen«, in Arbeit, das nie erschien. Der neue, von uns gestaltete Schweizerhof hat Hildegard Knef überlebt – aber leider auch nur ein paar Jahre. Wie es dazu kam, habe ich erzählt, und meinen Bericht mit Hildegard Knefs Liedzeile »So oder so ist das Leben« beschlossen.

Da wäre es doch taktlos und ein Mangel an elementarer Wertschätzung, die Sängerin ihr Lied nicht persönlich vortragen zu lassen:

21. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 5. Teil

»Objects of Desire« lautet der Titel der fünften und letzten Folge der BBC-Serie zum modernen Design. Schon der Titel suggeriert: wir nähern uns der Gegenwart. Der Zeit, in der einerseits Designgegenstände zum Objekt der Begierde werden. Andererseits Designer im Hinblick auf Fragen der Ökologie, der Computertechnologie und der weltweiten Vernetzung vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Also auch der Zeit, in der die Zahl der offenen Fragen die der Antworten weit überwiegt. Aber das war vermutlich noch nie anders. Deshalb will ich im Vorfeld auch nicht allzuviele Worte machen: freuen Sie sich auf eine Begegnung mit Philippe Starck, Marc Newson, Jonathan Ive, Stephen Fry und anderen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier, hier und hier.]

21. Juli 2010

Ist das Freundschaft?

Frage dich nicht, was Social Networks dir zu bieten haben – frage dich lieber, wofür du Social Networks nutzen möchtest.

Imagewerbung (oder Kundenakquise) im Social Web sei aufwendiger als klassische Imagewerbung – und bringe erheblich weniger, habe ich neulich geschrieben. Einige Leser haben sich daran gestoßen. Es steht ja auch im Widerspruch zu dem, was momentan alle Spatzen von sämtlichen Dächern pfeifen. Aber Spatzen haben nun mal Spatzenhirne.

Seth Godin, einer der klügsten amerikanischen Marketing-Vordenker und Autor mehrer internationaler Bestseller, hat dazu kürzlich eine aufschlußreiche Rechnung aufgemacht. Das Kriterium, das er dabei an die Werbung anlegt, ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Umwandlungsrate. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Ein Pfarrer – so Godin – kann hoffen, mit einer aufrüttelnden Predigt 70 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger dazu zu bewegen, sich mit einem eigenen Beitrag an der Kollekte zu beteiligen. Eine angesagte Pop-Gruppe kriegt möglicherweise 20 Prozent des Publikums dazu, ein T-Shirt, ein Souvenir oder eine CD zu erstehen. Bei einem begabten Straßenmusikanten sind es vielleicht 10 Prozent seiner Zuhörer, die bereit sind, einen Dollar in seinen Hut zu schmeißen.

Für eine Direct-Marketing-Aktion ist es hingegen – erstklassiges Adress-Material vorausgesetzt – mittlerweile gar nicht mehr leicht, eine Umwandlungsrate von zwei Prozent zu erzielen, die lange als erstrebenswertes Ziel galt. Auf ähnliche Werte, also ca. zwei Prozent, kommt heute ein beliebter Blogger, wenn er seinen Lesern ein Buch empfiehlt, das er geschrieben hat.

Ein Twitter-User mit Tausenden von Fans dagegen darf sich glücklich schätzen, wenn auf seine Empfehlung hin einer von tausend auf seine Empfehlung einen Link anklickt, um etwas zu kaufen. Eine Umwandlungsrate von 0,1 Prozent, im Zweifel eher weniger.

Ich weiß nicht, wo Godin seine Daten herhat oder wie belastbar die Zahlen sind. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: er hat seine Liste nach absteigendem commitment geordnet. Für dieses englische Wort gibt es keine wirklich passende deutsche Entsprechung. Ich würde es am ehesten wiedergeben als eine Mischung von Verbindlichkeit und innerer Beteiligung des Angesprochenen. Hierin liegt die Pointe von Godins Argument – und gleichzeitig der Fehlschluß, dem so viele aufsitzen, die in Social Networks eine Marketing-Wunderwaffe sehen. Oder – weniger wohlwollend ausgedrückt – der Trick derer, die Ihnen Social Networks als eine solche verkaufen möchten.  weiterlesen…

21. Juli 2010

Turmfalken im Grandhotel

Foto Andreas Trepte, Wikimedia Commons

Über das Steigenberger Grandhotel Handelshof in Leipzig, eins unserer jüngsten Projekte, habe ich hier bereits einiges erzählt. Aber es gibt immer wieder Details, die in keiner Presse-Erklärung und in keinem Werkbericht stehen. Manchmal sind es diese kleinen Geschichten am Rande, die sich mir besonders einprägen. So auch die folgende, die ich selbst erst vor wenigen Wochen, anläßlich der jüngsten Pressekonferenz, erfahren habe.

Dazu muß man wissen, daß das Stadtbauamt Leipzig besonderen Wert auf die ökologischen Aspekte der Stadt-Entwicklung legt. Die Verantwortlichen regten deshalb an, in den Lüftungstürmen des Hotels, die zur umweltschonenden Klimatisierung beitragen, zusätzlich Nistplätze für Turmfalken vorzusehen. Zu diesem Zweck zog man eigens einen der renommiertesten Ornithologen Deutschlands zu Rate, mit dem ich mich dann nach der Pressekonferenz, schon weil mich das Thema interessierte, ausführlich unterhalten habe. Dabei erfuhr ich, daß die Wieder-Einbürgerung der Turmfalken in der Stadt nicht nur den Falken, sondern auch den Bürgern Leipzigs zugute kommt. Turmfalken sind nämlich die natürlichen Feinde der Tauben – und da Tauben viel klügere Vögel sind, als ihre Verächter annehmen, sind in einem weiten Umkreis von den Nistplätzen der Falken keine Tauben zu finden. Falken sind deshalb ein probates Mittel, der Taubenplage Herr zu werden, die fast allen Städten zu schaffen macht.

Ein ganz pragmatischer Nutzen also. Aber davon ganz abgesehen: die Stadt, die sich mit den Namen Bachs und Goethes verbindet, die alte Hochburg der Buchindustrie und des Textilhandels – und Falken im Kühlturm des Hotels. Ich empfinde das als starke und nahezu bedeutsame Kombination. Fast so, als ob darin eine besondere Symbolkraft liege. Rational begründen kann ich das nicht.

Foto Artur Mikolajewski, Wikimedia Commons

20. Juli 2010

One More Take (Kaiserwalzer)

Zum Kaisersaal gehört der Kaiserwalzer – und in den Räumen des Hotels Esplanade in Berlin ist er sicher mehr als einmal erklungen. Den Hintergrund zur folgenden Aufnahme bildet zwar das Wiener Schloß Schönbrunn – das macht aber gar nichts. Bei diesen Klängen schließt man ohnehin am besten die Augen und versetzt sich im Geist zurück in die Zeit der Grandhotels, der Hofbälle und der feierlichen Empfänge mit ihren prachtvollen Roben und dem ausgefeilten Zeremoniell.

Was anderes bleibt uns auch gar nicht übrig – zur Blütezeit des Hotels Esplanade gab es leider noch kein YouTube… :-)

20. Juli 2010

Writers’ Corner (Grandhotel 2)

»Es hatte eine Art von Luxus, wie sie heute kaum vorstellbar ist. Ich weiß, daß es heute absurd klingt, aber ich erinnere mich noch, wie ich die Hand durch die Vorhänge unseres Himmelbetts steckte und den Frühstückswagen heranzog – ein unglaubliches Ding mit einem silbernen Schwanenhals an jeder Ecke. Ich packte also einfach einen dieser Schwanenhälse und zog das ganze Silberding ans Bett. Und natürlich wurde alles auf silbernem Geschirr serviert, der Toast in Leinen gewickelt und so weiter. Und dabei wußte man die ganze Zeit über, daß direkt draussen vor dem Hotel die entsetzlichste Armut herrschte.«

Francis Bacon
(Der mittellose Maler war Ende der 20er Jahre auf Einladung seines reichen Onkels zu Gast in einem Berliner Luxushotel. Das Hotel war das Adlon – es hätte sich aber ebensogut um das Hotel Esplanade handeln können.)

20. Juli 2010

Writers’ Corner (im Grandhotel 1)

»Man kann sogar … auf diesen Knopf da zu Häupten des Bettes drücken, unter dem briefmarkenklein der Kellner abgebildet ist, und nicht mehr muß man tun, als den Arm bis hin spannen, und – Zauberei! – in zwei Minuten öffnet sich die Tür, ein Kellner klopft und tritt höflich ein, ein putziges Wägelchen auf kleinen Gummirädern fährt vor … und bringt je nach Belieben Kaffee, Tee oder Schokolade in schönem Geschirr und mit weißen damastenen Sevietten … Oder man kann den anderen Knopf drücken, wo das Messingschild ein Mädchen mit weißem Häubchen zeigt, und schon huscht sie nach leisem Klopfen herein, mit blanker Schürze und schwarzem Kleid, fragt, was das gnädige Fräulein wünsche, ob sie die Fensterläden öffnen solle oder die Gardinen dunkel oder hell ziehen oder ein Bad richten. Hunderttausend Wünsche kann man hier haben in dieser zauberhaften Welt, und alle sind im Nu erfüllt.«

Stefan Zweig

20. Juli 2010

Ein Saal auf Wanderschaft

Erinnert sich noch jemand an Jean Claudes und Christos Aktion, den Reichstag zu verpacken? Ich meine nicht das historische Faktum an sich, sondern das ganze Drumherum: die jahrzehntelangen Diskussionen vorher, der politische Streit von den Ortsvereinen bis ins Parlament, das weltweite Medienecho – und dann die Emotionen, die das verhüllte Bauwerk auslöste, während sich die Verpackungsplanen nonchalant im Wind und der Berliner Luft kräuselten. Magische Momente. Ich kann es bezeugen; ich bin dabeigewesen.

Andererseits hatte von Jean Claude und Christo niemand was anderes erwartet. In der Kunstgeschichte haben sie als »Verpackungskünstler« längst ihren festen Platz. Auf die Idee, ein störendes Gebäude oder Teile davon einfach weg- und danach hinter Glas zu packen – auf die Idee muß man dagegen erst mal kommen. Dazu braucht es wohl die spezielle Mischung aus Euphorie und Hysterie, die das Berlin der Nach-Wende-Zeit charakterisierte. Das kann ich ebenfalls bezeugen – wir haben in diesen Jahren den neuen Schweizerhof gestaltet und aus einem Frontstadt-Hotel ein Hauptstadt-Hotel gemacht. Auch so eine Konfrontation mit der Geschichte, die ich erst kürzlich hier in der Serendipity Suite noch einmal Revue passieren ließ. Bei der Gelegenheit habe ich mehr als einmal an das Hotel Esplanade gedacht – jenes denkmalgeschützte Haus, das man »wegpackte«, weil es den Neubauplänen im Weg stand. Diese Nicht-Renovierung kostete 75 Millionen Euro; technisch handelte es sich um eine Meisterleistung, und das Medien-Echo darauf war (jedenfalls in Berlin) fast so gewaltig wie der Christo-Rummel. Aber das öffentliche Gedächtnis ist kurzlebig: heute kräht kein Hahn mehr nach der Geschichte, und kaum einer weiß noch, was es mit dem »Kaisersaal« wirklich auf sich hat.

Mir erscheint der heutige 20. Juli 2010 ein passendes Datum, noch einmal an das ehemalige Hotel Esplanade und seine Geschichte zu erinnern – sowie an die Art, wie man diese Geschichte »verladen« und »weggepackt« hat.  weiterlesen…

19. Juli 2010

Happy Birthday (1)

Cornelia Markus-Diedenhofen
geboren an einem 19. Juli in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

19. Juli 2010

Happy Birthday (2)

 
Cornelia Markus-Diedenhofen, ihres Zeichens…
 

md geburtstag vogel

weiterlesen…

19. Juli 2010

Happy Birthday (3)

md geburtstag vogel1

[»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein« – dieses Zitat aus Goethes »Faust« schmückt ab nächstem Jahr die Rezeption des neuen Steigenberger Grandhotels Handelshof in Leipzig, gestaltet vom Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur]

18. Juli 2010

Hotels in History / Writers’ Corner

Im kollektiven Gedächtnis sind die »rollenden Grandhotels« hinter ihre Rivalen zu Lande und zu Wasser zurückgetreten, habe ich festgestellt. Das gilt auch für ihre Rolle in der Diplomatie, wo sie insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten eine wichtige Funktion übernahmen: als »nichtterritoriale Orte« für Verhandlungen, Geheimtreffen oder Vertragsunterzeichnungen beispielsweise – in dieser Hinsicht vergleichbar mit Schiffen. Es ist eine weithin vergessene Geschichte, die nach meiner Kenntnis ihren Historiker noch nicht gefunden hat.

Nachfolgend daher nur einige wenige Beispiele von Zügen, die als »Hotels«, »Paläste auf Rädern«, »mobiler Regierungssitz« oder »Kommandozentrale« Bedeutung erlangten.

Kaiser Wilhelm II. etwa liebte es, im eigenen »Hofzug« durch das Land zu rollen, sich von den Untertanen bejubeln zu lassen und in- und ausländische Gäste zu empfangen. Der Prunk seiner Salon- und Schlafwagen konnte es locker mit den besten Luxushotels der Zeit aufnehmen – urteilen Sie selbst:  weiterlesen…

18. Juli 2010

Hotel Hollywood Sunday Special

Die Belle Époque war die große Zeit der Grandhotels. Namen wie Ritz, Carlton, Dolder, Adlon oder Oriental kommen einem in den Sinn; Bilder von distinguierten Herren, juwelengeschmückten Damen und diensteifrigem livrierten Personal erscheinen vor dem geistigen Auge. Ebenso legendär aber war der Luxus der schwimmenden Grandhotels vom Schlage der Queen Mary, der Queen Elizabeth, der Mauretania oder der unglückseligen Titanic, die vor der Entwicklung der Luftfahrt die Verbindung zwischen den Kontinenten aufrechterhielten. Diese Linienschiffe sind – mit Ausnahme der Queen Mary 2 – heute ausgestorben; die Tradition lebt aber fort in Form der modernen Kreuzfahrt-Riesen.

Ohne zeitgemäße Weiterführung geblieben und deshalb weitgehend in Vergessenheit geraten ist dagegen die dritte Grundform des Luxushotels in der Belle Époque: das Grandhotel auf Rädern bzw. Schienen. Am ehesten hat sich noch die Erinnerung an den Orient-Express erhalten – schon wegen der Rolle, die er in zahlreichen Büchern und Filmen spielte. Insbesondere Filmfreunde aber erinnern sich vielleicht auch noch an Josef von Sternbergs Meisterwerk »Shanghai Express«, das die Welt der Luxuszüge, deren große Zeit gegen Mitte des 20. Jahrhunderts zu Ende ging, wunderbar lebendig werden läßt. Im Vergleich mit der räumlichen Großzügigkeit von ortsgebundenen Hotels und Luxuslinern sind im Zug zwar zwangsläufig Abstriche zu machen – bei Zügen wie dem Shanghai-Express weiter verstärkt durch die Tatsache, daß sie die auch noch die Entsprechung zum Zwischendeck auf Schiffen aufwiesen: überfüllte Dritter-Klasse-Abteile im vorderen Zugteil. Europäischer Überfluß und die Armut der Slums in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Betreibergesellschaften taten aber alles, daraus kein Gefühl der Beeinträchtigung entstehen zu lassen – und überdies hatte die erzwungene räumliche Nähe Reize und Abenteuer ganz anderer Art zu bieten.

Die beiden folgenden Ausschnitte aus »Shanghai Express« illustrieren das auf eindrucksvolle Weise. Der erste spielt vor Abfahrt des Zuges und läßt erahnen, welcher logistischen Leistungen es bedarf, um ein Hotel auf Rädern mehrere Tage reibungslos »am Laufen zu halten«. Der zweite dagegen vermittelt einen kleinen Eindruck vom Leben in einem solchen Hotel – und ist darüber hinaus schon wegen der schauspielerischen Leistung Marlene Dietrichs sehenswert, deren Gesichtsausdruck in einer einzigen Szene sämtliche Schattierungen zwischen Sehnsucht, Hoffnung, Verlustangst und Verzweiflung widerspiegelt. Letzteres ist für Filmfreunde und Kinobesucher sicher der interessantere Aspekt… :-) :-) :-)

»Shanghai Express«, USA 1932, Regie: Josef von Sternberg, mit Marlene Dietrich, Clive Brook, Anna May Wong, Warner Oland

17. Juli 2010

Writers’ Corner

»The internet’s completely over. […] All these computers and digital gadgets are no good. They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Prince (eigentlich: Prince Rogers Nelson), amerikanischer Megastar der 80er Jahre (vgl. auch hier)
 

»Breaking News: The Internet Declares Prince to be Completely Over.«

David Weinberger, Pionier des Internet-Marketings und Co-Autor des Bestsellers »The Cluetrain Manifesto – The End of Business as Usual«

17. Juli 2010

Schmutzige Geheimnisse

Auch in der Hotellerie sind mittlerweile die Social Networks in aller Munde. Wer nur davon spricht, kriegt leuchtende Augen. Kein Zweifel: das ist ein Markt, in dem einiges zu holen ist. Ob davon auch die Hotels profitieren, ist allerdings sehr die Frage.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Tempo, das die Ereignisse einem vorgeben. Innerlich bin ich noch gar nicht über die Neuheiten der letzten Woche hinausgekommen. Da hat Matthias Horx, seines Zeichens selbsternannter Papst der deutschen Trendforschung, das Internet für tot erklärt, jedenfalls in seiner jüngsten Form, dem Mitmach-Web (oft auch unter den Stichworten Social Web oder Web 2.0 gehandelt). Allenfalls als Unterschichtenmedium habe es (noch) eine Chance. Sowas muß man erst mal verdauen.

Aber Horx ist sich seiner Sache sicher. Wer was auf sich hält, kehrt dem Internet den Rücken: »Es gibt einen Offline-Trend. Menschen gehen bewusst weg vom Internet und verweigern es.« Was übrig bleibt, ist der gesellschaftliche Bodensatz: »Nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.« Horx meint Menschen, die mittels Blogs, Microblogs (Twitter) und anderen Medien versuchen, neue Wege der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu erproben. Mich zum Beispiel. Ich würde ihm allerdings nahelegen, sich nicht meinen Kopf zu zerbrechen und lieber seine eigene schmutzige Unterwäsche auf Halbmast zu flaggen. Meine wird er nicht zu sehen kriegen.

Immerhin ist der deutsche Trend-Guru in illustrer Gesellschaft. Ebenfalls in der letzten Woche hat auch der Popstar Prince seinen Abgesang auf das Internet angestimmt:

»The internet’s completely over. I don’t see why I should give my new music to iTunes or anyone else. They won’t pay me an advance for it and then they get angry when they can’t get it.

The internet’s like MTV. At one time MTV was hip and suddenly it became outdated. Anyway, all these computers and digital gadgets are no good.

They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Vielleicht wäre es kleinlich, Prince darauf hinzuweisen, daß seine neuen Songs durchaus bei iTunes erhältlich sind. Ich möchte lieber an ein anderes schmutziges Geheimnis erinnern: der einstige Superstar war einer der ersten, die den großen Plattenfirmen den Rücken kehrten, um ihre Musik direkt übers Internet zu vermarkten. Heute sind es andere, die Geld damit machen. Die – aus Sicht von Prince durchaus überzeugende – Schlußfolgerung daraus: the Internet »can’t be good for you«.

Bei Matthias Horx verhält es sich ähnlich. Er mag sich immer noch für die oberste Instanz in Sachen Trends halten, aber was das Internet betrifft, geben längst andere den Ton an. Das bedroht nicht nur Horx’ Ruf, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage seines »Zukunftsinstituts«.

Gleichzeitig gestehe ich gern, daß ich Meldungen dieser Art mit einer diebischen Freude lese. Ich kann den ganzen Medien- und Marketing-Rummel um das »Social Web« nämlich auch nicht mehr hören. Die Leute überschlagen sich, als hätten sie den Stein der Weisen entdeckt. Da kann ein bißchen Ernüchterung nur gut tun, und dafür habe ich auch schon vor ein paar Wochen plädiert. Dieselbe Skepsis verdienen freilich Horx, Prince und Konsorten. Das Internet verschwindet nicht, bloß weil sie es für überholt erklären. Totgesagte leben länger. Und die Macht des Social Web zu unterschätzen wäre gefährlich für jeden, der sich am Markt behaupten muß – ganz besonders aber für Dienstleister und damit auch Hotels.  weiterlesen…

15. Juli 2010

Ein Grandhotel für Leipzig (2)

Wie angekündigt, ohne jeden weiteren Kommentar hier die Pressemitteilung von Steigenberger zum neuen Grandhotel Handelshof in Leipzig:
 

Steigenberger Grandhotel Handelshof, Leipzig –
Außergewöhnliches Design im Luxushotel

Im April 2011 ist es soweit: Das Steigenberger Grandhotel Handelshof im Herzen Leipzigs wird seine ersten Gäste empfangen. Wie das Design des Luxushotels aussehen wird, steht bereits fest: Leitlinie ist die große Historie der Stadt Leipzig und die Tradition des Handelshofes. Es dominieren historisierende Elemente, kulturelle Bezüge – etwa auf Goethes Faust –, kostbare Materialien in warmen Farben und eine unaufdringliche Eleganz.

Eindrucksvoll ist bereits die denkmalgeschützte Fassade des Steigenberger Grandhotel Handelshof. Sie hat ihr ursprüngliches Aussehen weitestgehend zurückerhalten und weist traditionelle Architekturmotive auf. Hierzu zählen etwa prunkvolle mehrgeschossige Runderker in der Leipziger Renaissancetradition.

Für die Innenarchitektur des Steigenberger Grandhotel Handelshof zeichnet das Büro Markus-Diedenhofen mit Sitz in Reutlingen verantwortlich, das sich auf die Fahne geschrieben hat, das Hotel angelehnt an den historischen Handelshof und mit Verweisen auf die Leipziger Geschichte und Kultur zu gestalten. Bei der Umsetzung der Inneneinrichtung ist die Steigenberger Tochtergesellschaft *H*E*A*D* federführend, welche die elegant-moderne Linie mit edlen Materialien und warmen Farben implementiert.

Beim Betreten des Steigenberger Grandhotel Handelshof durchquert der Gast ein imposantes Kreuzgewölbe. Dessen Boden wird aus Glasmodulen zusammengesetzt sein, deren integrierte Sensoren auf Schritte reagieren und visuelle oder akustische Signale freigeben.  weiterlesen…

15. Juli 2010

Ein Grandhotel für Leipzig (1)

Es liegt in der Natur der Sache, daß ich über unsere aktuelle Arbeit hier nur eingeschränkt oder gar nicht berichten kann. Solange ein Projekt nicht der Öffentlichkeit vorgestellt ist, haben die Auftraggeber ein Recht auf Verschwiegenheit. Mittlerweile aber ist es offiziell, Sie haben vielleicht schon aus der Presse davon erfahren, und deshalb will ich auch in der Serendipity Suite kein Geheimnis daraus machen: Leipzig bekommt ein Luxushotel von internationalem Rang. Genau in der geografischen Mitte der Stadt. Dort, wo bereits 1419 mit dem »Burgkeller« die erste Schänke Leipzigs eröffnete. 1908/09 wurde an dieser Stelle mit dem Handelshof das erste Eisenbeton-Haus der Stadt errichtet. Für die Umwandlung dieses Messepalasts in das Steigenberger Grandhotel Handelshof zeichnet das Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur verantwortlich. Die Planung dieses Projekts war eine große Herausforderung, und ich meine, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Aber es gibt noch einen weiteren, sehr persönlichen Grund, warum ich an diese Arbeit mit besonderer Freude und Leidenschaft herangegangen bin. Was nämlich auch von denen, die mich kennen, nur die wenigsten wissen: die Cornelia Markus-Diedenhofen aus Reutlingen ist eigentlich in Leipzig geboren.

Die eigene Geburtsstadt um eine solche Attraktion zu bereichern – das ist schon ein erhebendes Gefühl. Ich kann nicht leugnen, ein wenig stolz darauf zu sein. Aber Gelegenheiten dieser Art bieten sich einem auch nicht alle Tage…

Auf Einzelheiten des neuen Hotels einzugehen möchte ich mir sparen, da Steigenberger dazu eine ausführliche Pressemitteilung verfaßt hat, die Sie in voller Länge hier lesen können. Falls Sie aber vorab schon mal ein, zwei Bilder sehen wollen, sollten Sie erst mal hier  weiterlesen…

14. Juli 2010

25 Jahre made by markus diedenhofen (4)

Hotel »Schweizerhof«, Berlin

aufmacher

 
Das Sofa hatte Hildegard Knef gehört; genauer gesagt: es gehörte zu der Suite, in der Hildegard Knef einen Teil ihres Lebensabends verbrachte. Oder, wenn man es mit der historischen Genauigkeit noch genauer nehmen will: die man ihr kostengünstig überlassen hatte – als besseres Austrags-Stüberl gewissermaßen. Denn die Diva, die in ihrem Leben so viel gearbeitet hatte, die als Filmstar, Chanson-Sängerin und Buchautorin gleichermaßen reussierte, lebte am Ende ihres Lebens in finanziell sehr beengten Verhältnissen. Den Makel der »Sünderin« war sie letztlich nie mehr losgeworden. Ein Filmtitel als Omen für ein ganzes Leben – im Grunde ist es eine traurige, eine schäbige Geschichte.

So schäbig wie das Mobiliar des alten Hotels »Schweizerhof« insgesamt. Barockisierende Ungetüme, die in Plüsch und pseudorustikalem Kitsch schwelgten, an die sich aber zahllose Erinnerungen knüpften. Immerhin hatte der »Schweizerhof« ein zwei Jahrzehnte lang das besessen, was Nostalgiker gern als legendären Ruf bezeichnen. Auch der war freilich nicht unbedingt von der Art, auf die ein Firstclass-Hotel stolz sein dürfte. Immerhin: Dieter Thomas Heck, der in Berlin die »Internationale Hitparade« moderierte, verbrachte 1 300 Nächte hier. Die »La Casa«-Suite, in der später die Knef wohnen durfte, war damals für ihn reserviert. Ihm folgten allerhand andere Größen und jede Menge Möchtegern-Stars und Starlets des deutschen Show-Business. Deren Saufgelagen verdankte das Hotel seinen besonderen Ruf in der Stadt. Die nicht gerade großzügig dimensionierte »Wappen-Bar« hieß unter Insidern nur noch die Todeszelle. Werner Buttstädt, Publikumsliebling des NDR, goß dort den Fernet Branca grundsätzlich flaschenweise in sich hinein. Ähnlich hielt es die Polit-Prominenz, die alljährlich anläßlich der Grünen Woche im »Schweizerhof« logierte und in dessen Markgrafen-Saal ihre überparteilichen Kontakte pflegte. »Bier, Sekt, Schnaps und Wein / wie viel paßt in den Minister rein«, kommentierten Journalisten diese Treffen – off the record natürlich.
 

Am Anfang steht ein Schlußstrich

Schon in den letzten Jahren der alten Bundesrepublik waren Exzesse dieser Art nicht mal mehr den Klatsch-Kolumnisten eine Story wert. Die Wilhelm-Tell-Romantik des Interieurs, die in der »Frontstadt« mitteleuropäische Normalität suggerieren sollte, hatte sich schon damals überholt. Mit der Wende war die Zeit des »Schweizerhofs« dann endgültig abgelaufen. Einige Jahre lang erwog man eine gründliche Rundum-Erneuerung. Doch das gab die Bausubstanz schlicht nicht her. Das Gebäude, in den 60er Jahren von einem Münchner Autohändler als Investitionsobjekt errichtet, stieß auch in dieser Hinsicht an seine Grenzen. Man entschied sich also für Abbruch und Neubau statt für eine Renovierung. Und nicht mal die Lokalpresse, sonst eher dem Bewahren und der Traditionspflege zugetan, weinte dem heruntergekommenen Luxushotel eine Träne nach. »Alt geworden, der Sexappeal ist dahin«, schrieb etwa die »Berliner Zeitung« im Juni 1997. »Jedes Rouge auf den Wänden, jeder Lidstrich um die Fenster würde auf grausame Weise die Falten und Flecke noch mehr betonen, jede Renovierung wäre ein würdeloser Akt.«

Blieb die Frage, was mit Hildegard Knefs Sofa und dem anderen Krempel passieren sollte, der einmal ein Interieur gewesen war.  weiterlesen…

13. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 4. Teil

»Better Living Through Chemistry« ist der vierte Teil der BBC-Dokumentation zur Geschichte des modernen Designs betitelt. Sie hat mir ein paar merkwürdige, nachdenkenswerte Aha-Erlebnisse beschert. Das beginnt schon beim Titel. Chemie für ein besseres Leben – da ist nicht von vornherein klar, was gemeint ist. Geht es um »Design-Food«, maßgeschneiderte Lebensmittel aus der Retorte? Oder um die Erfolge der chemisch-pharmazeutischen Industrie bei der Entwicklung neuer Arzneimittel? Auch die Gentechnik käme in Frage – heute ein Schwerpunkt der biochemischen Industrie – oder die Nanotechnologie. Aber nein, es geht um etwas viel Trivialeres. Um Kunststoffe, Plastik also. Und schon rümpft jeder die Nase. Plastik – das ist Dutzend- und Billigware. Hochwertiges Design und Plastik scheinen einander auszuschließen.

So gründlich ist in Vergessenheit geraten, mit welcher Euphorie Plastik um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begrüßt wurde. Plastik war ein Status-Symbol, ob in der Bekleidungsindustrie oder im Produkt-Design. Der Werkstoff der Zukunft, der der Kreativität der Designer keine Grenzen mehr setzte und ihnen nahezu unerschöpfliche Gestaltungsmöglichkeiten eröffnete. Die Wortverbindung »plastic fantastic« war ernst gemeint, nicht ironisch. Wenig ist im kollektiven Gedächtnis davon geblieben. Ein paar Design-Ikonen vielleicht wie Verner Pantons Stuhl, nach jahrelanger Entwicklungsarbeit in Kooperation mit der Firma Vitra nahtlos aus einem Stück gefertigt. Gekauft wird er heute allenfalls noch von Liebhabern. Oder, um ein zweites Beispiel zu nennen, Sonys Walkman, der zum Synonym eines Lebensgefühls wurde, heute aber ebenfalls fast nur noch in Museen zu finden ist. Im Großen und Ganzen aber ist Plastik in Verruf geraten. Zwar ist es aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken – aber bei aufgeklärten Konsumenten weckt es eher Schuld- als Glücksgefühle. Gesundheits- und Umweltbedenken haben das Image – wie sagt man heute so schön: nachhaltig ruiniert.

Ich frage mich, ob das von Dauer ist. Dem Wort »Plastik« dürfte man zwar kaum je wieder einen positiven Klang geben können. Plastiktaschen, die Ledertaschen imitieren, werden auch künftig eine Sünde wider den guten Geschmack darstellen. Trotzdem könnte es sein, daß wir gerade erst begonnen haben, die Möglichkeiten synthetischer Materialien und Werkstoffe zu entdecken und zu nutzen. Vielleicht sehen Historiker in weiteren 50 Jahren die Design-Verirrungen der 60er Jahre als verständliche Exzesse eine Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckte, deren »erwachsenes« Potential aber auch wir noch gar nicht abschätzen können.

Nehmen Sie das folgende Video als Vorschau auf einen solchen Rückblick. Viel Vergnügen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier und hier.]

12. Juli 2010

Good bye, Paul

spanish flag

Was ich immer sage: eigentlich verstehen wir Laien viel mehr vom Fußball als die sogenannten Fachleute. Paul der Oktopus etwa lag mit seinen Tips nicht nur meistens richtig, sondern immer. Nicht mal im Halbfinale war er bereit, uns nach dem Munde zu reden beziehungsweise zu schwimmen. Und jetzt nach dem Endspiel können wir sagen: der Polyp ist so unfehlbar, wie es Päpste immer schon gern gewesen wären. Deswegen hat er auch ein Ständchen verdient – und mit diesem Ständchen verabschiede ich mich gleichzeitig von der WM in Südafrika. Für mich ist jetzt wieder Schluß mit Fußball, jedenfalls bis zur Europameisterschaft in zwei Jahren. Bis dahin: macht’s gut, Jungs!

(Trotzdem schade, daß Deutschland nicht Weltmeister wurde, vorausgesetzt, Paul hätte auch das richtig prophezeit. Bundespräsident Wulff hätte ihm dann sicher mit Freuden das Bundesverdienstkreuz verliehen… :-) :-) :-) )

11. Juli 2010

One More Take

Im Umfeld des Londoner Avantgarde-Pops gelten die Crystal Fighters als die heißeste Gruppe dieses Sommers. Ihr neues Album »Star of Love« erscheint im September; vorab haben sie daraus die folgende Single ausgekoppelt und ins Netz gestellt. Ihr Titel: »In The Summer«. Aller guten Dinge sind drei, kann ich da nur sagen. Nach Gershwins »Summertime« in der Interpretation Janis Joplins und »In the Summertime« von Mungo Jerry hier nun also die Crystal Fighters und »In The Summer«:

[Kudos: guardian.co.uk]

11. Juli 2010

Hotel Hollywood Sunday Special

Zu diesem Ausschnitt aus der englischen Kultserie »Fawlty Towers« haben mich viele Fragen erreicht; ich möchte ihr deshalb das heutige Sunday Special widmen.

Das Hotel, das im Mittelpunkt der Serie steht und darin »Fawlty Towers« heißt, hat ein reales Vorbild: das »Gleneagles« Hotel in Torquay, das Anfang der 70er Jahre von dem gnadenlos unfähigen Donald Sinclair betrieben wurde. Zum völligen Fehlen fachlicher Kenntnisse kam bei diesem Menschen ein Maß an Unhöflichkeit den Gästen gegenüber hinzu, das ihm fast schon eine Art Berühmtheit verschaffte. Einige examplarische Anekdoten dazu können Sie hier nachlesen.

Zu den Gästen des Hotels zählte damals auch die Gruppe »Monty Python« – jedenfalls einige Tage lang, dann zogen sie ins gastfreundlichere »Imperial« um. Mit Ausnahme von John Cleese und seiner Frau Connie Booth. Denen hatte es gerade die unglaubliche Persönlichkeit Donald Sinclairs angetan. Um sie zu studieren, nahmen sie alle damit verbundenen Unannehmlichkeiten in Kauf. Ob sie von Anfang an vorhatten, daraus eine Fernseh-Serie zu machen, weiß ich nicht; der Serie selbst kamen diese ausgedehnten »Feldstudien« sicher zugute, und sie erfreut sich wohl nicht zuletzt wegen ihres das Surreale streifenden Realismus bis heute ungebrochener Beliebtheit.

In der folgenden Szene kommt der von John Cleese gespielte Hotelbesitzer Basil Fawlty freilich gar nicht dazu, seine Rüpelhaftigkeit voll auszuspielen; die Lamentationen der schwerhörigen alten Dame, denen er sich ausgesetzt sieht, verschlagen selbst ihm vorübergehend die Sprache (und so mancher von Ihnen wird sich unschwer in seine Lage versetzen können):

11. Juli 2010

Writers’ Corner

Ewige Wahrheiten:

»People are confused about the weather of Washington. I shall explain basics:

Winter is cold.

Summer is hot.

Every year these truths hit the populace with the force of a thunderbolt.«

[Das Wetter in Berlin macht die Menschen ratlos. Lassen Sie mich die Grundlagen erläutern:

Im Winter ist es kalt.

Im Sommer ist es heiß.

Jedes Jahr treffen diese Wahrheiten die Bevölkerung mit der Gewalt eines Blitzschlags.]

Henry Mitchell, Washington Post, 1984
[Kudos: Andrew Sullivan]

10. Juli 2010

Mobiles W-LAN für Hotelgäste

Kostenloser, d.h. im Zimmerpreis enthaltener Internetzugang über W-LAN steht – wie ich schon vor einiger Zeit berichtet habe – auf der Prioritätenliste des durchschnittlichen Hotelgastes ganz oben. Aber noch scheinen längst nicht alle Hotels bereit oder auch nur fähig, diesem Wunsch nachzukommen. Manche bemühen sich vergeblich, überhaupt ein funktionierendes W-LAN auf die Beine zu stellen – andere verlangen dafür zusätzliche Nutzungs­gebühren, die bisweilen für eher unerfreuliche Überraschungen sorgen. Am Gegenpol gibt es zumindest ein Hotel, das den Service für seine Gäste sogar noch einen Schritt weiter treibt: es bietet das hoteleigene, kostenlose W-LAN auch in sämtlichen Fahrzeugen seines Fuhrparks. Gäste, die etwa vom Flughafen abgeholt werden, sind im Auto sofort online, lange bevor sie überhaupt im Hotel ankommen und eingecheckt haben. Nach Auskunft des Hoteldirektors sind insbesondere Business-Reisende hellauf begeistert von dieser Idee.

Das Hotel, von dem ich rede, heißt »Concorde«, und es befindet sich – nein, leider nicht in Deutschland, aber auch nicht in New York oder Tokio. Sondern – und jetzt halten Sie sich fest – in Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam. Das ist nur ein Beispiel. Aber es verdeutlicht vielleicht, warum im aktuellen Digital Economy Ranking des »Economist« Südkorea vom 19. auf den 13. und Taiwan vom 16. auf den 12. Platz vorgerückt sind, während sich Deutschland um einen Platz vom 17. auf den 18. Rang verschlechterte (Vietnam wird vom Ranking leider nicht erfaßt).

Es würde mich sehr interessieren, ob jemand von den Lesern ein Hotel in Deutschland oder in Europa kennt, das einen ähnlichen Service anbietet (ich würde darüber nur allzugern berichten).

10. Juli 2010

Paradoxien

Während wir hier unter der Hitze stöhnen – möge sie uns noch eine Zeitlang erhalten bleiben – tobt in den amerikanischen Medien schon seit Tagen ein fanatischer Meinungsstreit darüber, ob es nicht an der Zeit sei, Klima-Anlagen weltweit zu verbieten. Das Argument geht ungefähr folgendermaßen:

Klima-Anlagen bewirken ein immenses Anwachsen des Stromverbrauchs. Die Kraftwerke, die den Strom produzieren, produzieren dabei aber auch die Treibhausgase, die den Klimawandel und die Erderwärmung verursachen. Je wärmer es auf der Erde wird, desto mehr steigt der Bedarf an Klima-Anlagen. Mehr Klima-Anlagen wiederum bedeuten mehr Stromverbrauch, damit einen noch höheren Ausstoß an Treibhausgasen und eine weitere Beschleunigung des Klimawandels –

und so weiter.

Im Umkehrschluß könnte man auf die Idee kommen, ein Verbot von Klima-Anlagen sei der Königsweg, um sämtliche Energie- und Umweltprobleme zu lösen und den Klimawandel ein für allemal in den Griff zu kriegen. Genau das wollen die Befürworter eines solchen Verbots auch suggerieren.

Warum kommt mir dieses monokausale und kurzschlüssige Denken in »Patentrezepten« nur so vertraut vor?

 
P.S.
Während die Amerikaner sich in bloßen Diskussionen ergehen, sind wir hierzulande weiter und schaffen gleich vollendete Tatsachen. Letzte Woche etwa hat man in Bayern per Volksentscheid die Volksgesundheit gerettet…

9. Juli 2010

Unter Pinguinen

Wenn die Außentemperatur über die magische 30-Grad-Marke klettert und immer weiter steigt, bis die Quecksilber-Säule zu sieden droht; wenn die graue Masse hinter den Schädelknochen anfängt, Blasen zu werfen und die Gedanken nur noch vor sich hinblubbern – dann weiß ich: das ist einer jener Tage, vor denen mich mein Religionslehrer immer gewarnt hat. In der Hölle braten, nannte er das. Die Sinne verwirren sich, aus dem wabernden Hitzeglast steigen Trug- und Traumbilder empor, und wir würden uns nicht wundern, Gletscherzungen aus dem Kühlschrank wachsen zu sehen, oder auf der Straße einem Pinguin zu begegnen.

Aber halt: der Pinguin ist keine Halluzination und keine Fata Morgana. Den gibt es wirklich, der ist aus Fleisch und Blut und so real wie Sie und ich. Müßte ich einen Film drehen, worin ausschließlich Tiere die Hauptrollen spielen, würde ich ihn als Empfangs-Chef eines Luxushotels besetzen – oder vielleicht als Chef de rang. So aber sage ich nur: es gibt Tage, an denen man es sich gönnen sollte, einem Pinguin zu begegnen. Viel Vergnügen.

8. Juli 2010

Hotel Hollywood / One More Take

In seinem Film »Der Tod in Venedig« (über die Rolle des Hotels darin haben wir schon einmal gesprochen) hat Luchino Visconti die Figur Gustav Aschenbachs, die in Thomas Manns Novelle autobiographische Züge trug und Schriftsteller war, zum Komponisten gemacht, für den Gustav Mahler als Vorbild diente. Dessen Musik zieht sich daher leitmotivisch durch den Film und gibt schon im Vorspann und den ersten Einstellungen mit dem Adagietto aus der 5. Symphonie dessen Grundton vor.

Viscontis weltweit erfolgreicher Film markiert einen der Höhepunkte des modernen Mahler-Revivals, das bis heute anhält und sich mittlerweile zu einer Art Mahler-Boom ausgewachsen hat. Seinerzeit allerdings war Viscontis Interpretation nicht unumstritten. Insbesondere in Deutschland warfen Kritiker – darunter der einflußreiche Musikhistoriker Carl Dahlhaus – dem Film eine »unzulässige Personalisierung« von Mahlers Musik vor. Was nach Gelehrtenstreit und akademischen Spitzfindigkeiten klingt, dürfte einen handfesten Hintergrund haben: man stieß sich an der Homosexualität, die der Film dem entschieden heterosexuellen Mahler unterstellt, der als Jude allerdings schon zu Lebzeiten antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war und dessen Musik während des Dritten Reichs als entartet galt. Die unterschwellige Gleichung »Aschenbach« gleich »Thomas Mann« gleich »Gustav Mahler« implizierte Beziehungen zwischen Schwulenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie zwischen dem Nationalsozialismus und sexuellen Pathologien und führte in den Augen der Kritiker dazu, das Schicksal von Juden und Homosexuellen im Dritten Reich miteinander gleichzusetzen. Das vertrug sich schlecht mit der herrschenden Interpretation des Holocausts.

Die ganze Diskussion wurde nicht weniger verdruckst dadurch, daß Visconti wie Thomas Mann selbst homosexuell war – sich im Unterschied zu Mann allerdings offen dazu bekannte. Der ebenfalls schwule Visconti-Schüler Pasolini hat später – insbesondere mit seinem Film »Die 120 Tage von Sodom« – erneut Öl ins Feuer dieser vergifteten Debatte gegossen.

Wahrscheinlich steckt auch heute noch genug Zündstoff in dem Thema – das zeigt der Skandalerfolg von Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten«. Im Großen und Ganzen sehen wir die Dinge heute aber doch etwas entspannter und distanzierter, und ich empfehle Ihnen in diesem Sinn, die folgenden ersten zehn Minuten von »Der Tod in Venedig« – und Gustav Mahlers Musik – vorbehaltslos zu genießen.

7. Juli 2010

Hotels in History

mod

Ob man im Jahr 2128 noch von Boris Becker reden wird? Das ist der Unterschied zu Gustav Mahler, der heute vor 150 Jahren, am 7. Juli 1860 geboren wurde. Als »eine[n] der interessantesten und am meisten verehrten Musiker der Gegenwart« hat ihn der Dirigent Riccardo Chailly in der aktuellen ZEIT bezeichnet. Der Gegenwart! Aus dem Munde eines Dirigenten, der sich stärker für zeitgenössische Musik interessiert als viele seiner Kollegen. Und nächstes Jahr feiern wir Mahlers 100. Todestag. Das spricht nicht nur für die Kraft, sondern für die unverminderte Aktualität dieser Musik. Oder käme jemand auf die Idee, Tolstoi zu einem der größten Schriftsteller der Gegenwart zu erklären?

Weniger bekannt, aber ebenfalls »modern« ist die Rolle, die Hotels in Mahlers Leben spielten.  weiterlesen…

7. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (4)

mod

Moment mal, da war doch auch noch was anderes, dachte ich, nachdem mich die Einladung vom Optiker Stanzel 25 Jahre zurückversetzt hatte. Sommer 1985 – erinnern Sie sich noch? Ganz Deutschland fieberte mit, so wie jetzt bei der Fußball WM. Auch da ging es um Sieg oder Niederlage auf dem grünen Rasen, allerdings auf dem von Wimbledon. Und dann triumphierte der Nobody aus Germany. Heute vor 25 Jahren, am 7. Juli 1985. Boris Becker. The Leimener. Uns-Boris, wie er später liebevoll genannt wurde. Oder Bum-Bum-Boris, wie die Bild Zeitung wohl damals schon titelte. Da war der Junge grade mal 17. Andere sind in dem Alter noch nicht mal mit Pubertieren fertig. Das hat Becker später umso ausgiebiger nachgeholt.

Aber bleiben wir bei dem blutjungen Rotschopf, der über Nacht zum Weltstar wurde. In dem Zusammenhang, in dem sie auftauchte, hatte die Erinnerung daran für mich auch was Irreales. Hier eine Einladungskarte, worin das Jahr 1985 zur weiterwirkenden Gegenwart wurde. Da die Bilder aus Wimbledon, die mal als »unvergeßlich« galten und heute schon beinahe vergilbt sind: das ist ja schon fast nicht mehr wahr, dachte ich. Die »Ära Becker« und die Gegenwart – da liegen doch Ewigkeiten dazwischen. Oder jedenfalls Generationen: die Ära Sampras. Die Ära Federer. Und auch die neigt sich bereits wieder ihrem Ende zu.

Damals aber standen wir, der Leimener und ich, die gebürtige Leipzigerin aus Reutlingen, beide am Anfang unserer Karriere und hatten die Zukunft vor uns. Ich fieberte mit an diesem 7. Juli, und dachte keine Minute daran, daß ich 25 Jahre später Grund haben würde, stolz auf meine eigene Arbeit zu sein. Zu einer Zeit, da Becker seine Zukunft längst hinter sich hat. Gut, er hat Geschichte geschrieben mit diesem Wimbledon-Sieg, und auch noch einige Male danach, wenngleich dieser erste Triumph im Grunde nie mehr zu toppen war. Im Rückblick ist es eigentlich von Anfang an eine ziemlich traurige Erfolgs-Story. Und am Ende teilte Becker das Schicksal so vieler Stars von heute, insbesondere im Sport und im Show-Business: sie sind dazu verdammt, ihre eigene Geschichte zu überleben, es sein denn, sie sie erfänden sich ein zweites Leben nach dem ersten. Und das schaffen die wenigsten.

Nein, ich würde nicht mit Becker tauschen wollen. Womöglich müßte ich sonst, vor lauter Langeweile, ebenfalls nochmals damit anfangen, zu pubertieren.

mod

[Weitere »Momentaufnahmen« hier, hier  und hier; weitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

7. Juli 2010

Im Finale – aber beinahe obdachlos

Auf das Finale hatten die Oranjes im Ernst nicht spekuliert – noch nicht mal aufs Halbfinale. Deswegen hatten sie ihr Hotel auch nur bis nach dem Viertelfinale gebucht. Als dieses gewonnen war – mit Mühe zwar und zum Leidwesen des heimischen Publikums – war die Aufregung groß, und es herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Nicht nur im holländischen Lager, sondern auch bei der Leitung des Hilton-Hotels in Sandton – pünktlich fürs Halbfinale war das Haus nämlich bereits wieder ausgebucht. Ein Ersatzquartier war in der Kürze der Zeit verständlicherweise ebenfalls nicht aufzutreiben. Sollte man die Nationalspieler etwa in ein Zeltlager umsiedeln? Zum Glück konnte es Hilton dann doch noch möglich machen, das Team bis nach dem Finale zu beherbergen.

Das verdient Anerkennung – einerseits. Aber stellen Sie sich umgekehrt das weltweite Presse-Echo vor, hätte man das holländische Nationalteam vor dem Halbfinale einfach auf die Straße gesetzt: ein PR-GAU ohnegleichen. Eine ziemlich vertrackte Situation also, in die die Oranjes ihre Gastgeber da gebracht haben.

Bescheidenheit mag ja eine Tugend sein, und Understatement sympathischer als sein Gegenteil. Es spricht aber auch einiges dafür, sich selbst was zuzutrauen, wie es die deutsche und auch die spanische Mannschaft während dieses Turniers jedenfalls streckenweise demonstriert haben. Welche Haltung ist erfolgversprechender? Am Ende dieser Woche wissen wir mehr… :-)

7. Juli 2010

Yes, we can

Was der Deutsche Hotelimmobilien-Kongress in Bonn mit der Fußball-WM gemein hatte. Oder wenigstens mit der deutschen Nationalmannschaft.

Ich gebe zu: ganz kalt läßt mich das Fußballfieber denn doch nicht. Zwar bin ich bekennender Nicht-Fan, aber ich habe auch nicht grundsätzlich was gegen Fußball. Und bei Europa- oder Weltmeisterschaften begebe ich mich nicht krampfhaft auf die Suche nach fußballfreien Zonen. Allerdings bin ich wohl schwerer zu begeistern als der durchschnittliche Fußball-Deutsche. Da braucht es schon Spiele wie die unserer Nationalmannschaft gegen England oder Argentinien. Nicht, daß ich mir zutrauen würde, im Anschluß mit Delling, Netzer und dem Rest der Fußballnation darüber zu fachsimpeln. Ich habe eher den Blick des Outsiders; es sind die nicht- oder nicht-nur-sportlichen Aspekte, die mir auffallen und Eindruck machen.

Zuallererst natürlich die sichtbare Freude am Spiel, die die elf Akteure auf dem Rasen miteinander verbindet. Und »verbindet« meine ich wörtlich: ich habe schon lange keine Mannschaft mehr erlebt – und das nicht nur im Fußball –, die ein so überzeugendes, nahezu ansteckendes Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Und das rührt daher, daß sie tatsächlich was gemeinsam haben. Sie sind nicht auf dem Feld, um eine Niederlage zu vermeiden. Sie trauen sich was zu und wollen zeigen, was sie können. Sie lassen sich von ihrem Selbstbewußtsein und ihrer eigenen Begeisterung mitreißen, und wenn die Gegner dabei manchmal ziemlich alt aussehen – umso besser. Auf Nummer Sicher sollen andere spielen. Es ist eine Lust, ihnen dabei zuzusehen.

Und es ist das totale Kontrastprogramm zu dem, was uns Politik und Medien hierzulande sonst so bieten. Dem täglichen Klein-klein und allgegenwärtigen Besitzstandsdenken. Den kindischen Intrigen und unsäglichen Neid-Debatten. Der Angst, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Lieber bleibt man ungreifbar und gesichtslos als Profil zu zeigen und sich angreifbar zu machen. Bloß nicht auffallen, nur keine Fehler machen scheint zur ersten Bürgerpflicht zu avancieren. Wer sich was zutraut, verhält sich anders. Und wie wollen wir in der gegenwärtigen Situation bestehen, wenn wir uns nicht was zutrauen und entschlossen sind, zu zeigen, was wir können? Manchmal möchte ich an diesem Land verzweifeln.

Dann war ich vor etwa einer Woche auf dem Deutschen Hotelimmobilien-Kongress in Bonn. Und da empfing mich eine Stimmung, die ich nicht erwartet hatte.  weiterlesen…

6. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (3)

Mein allererster Auftrag überhaupt? Hätten Sie mich das vor einer Woche gefragt, wäre ich ins Grübeln gekommen und hätte im Geist die Hotels der frühen Jahre Revue passieren lassen. Dann fand ich diese Karte in der Post:

stanzel_1

stanzel_2

Aber selbst das brachte mich nicht gleich auf die richtige Spur. Wie komme ich zu dieser Einladung? – dachte ich. Ich bin doch gar keine Kundin und habe auch sonst nichts mit denen zu tun. Dann dämmerte es mir: vor 25 Jahren habe ich die Inneneinrichtung dieses Geschäfts geplant und gestaltet. Das war meine Premiere als Innenarchitektin, noch bevor ich mein erstes Hotel plante und in der Folge meine Leidenschaft für diese spezielle Aufgabenstellung und die damit verbundenen Herausforderungen entdeckte, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Angefangen aber hat alles mit diesem Optikergeschäft. Und aus diesem Grund feiern wir in diesem Jahr beide unser 25-jähriges Bestehen. Als mir das so langsam richtig bewußt wurde, überkam mich fast eine Art von Rührung. Die 25 Jahre erschienen mir plötzlich in einem ganz neuen Licht, greifbarer als je zuvor.

Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß mit dieser Karte das Wort »Geschichte« eine andere, handfeste Bedeutung für mich bekam. Nicht als bloße Aufeinanderfolge von Projekten oder »Jobs«, die sich wie eine Kette aneinanderreihen, sondern als Beitrag zu einer gemeinsamen Welt, der das jeweilige Projekt überdauert. Vielleicht ist das ein wesentlicher Aspekt dessen, woraus Kultur, Zivilisation, Gemeinsinn entstehen.

Theoretisch war mir das auch vorher schon klar. Es gehört zum Selbstverständnis meiner Arbeit. Aber wie sich die historische und gesellschaftliche Dimension dieser Überzeugung hier in Form einer einfachen kleinen Karte exemplifizierte – das war schon eine großartige Erfahrung.
 

[Weitere »Momentaufnahmen« hier und hierweitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]