Einträge zum Thema Sonstiges

8. September 2010

Ein Küßchen und ein Rösselsprung

Wahrscheinlich werden mir jetzt viele von Ihnen attestieren, daß ich hinter dem Mond lebe, und das schon jahrelang. Aber ganz ehrlich: mir war dieser Verkehrshinweis (und der englische »Fachbegriff« darauf) noch nie untergekommen, jedenfalls nicht bewußt. Bis auf gestern, als ich mit dem Zug nach Linz fuhr – Sie wissen schon: die europäische Kulturhauptstadt 2009). Da fiel mein Blick, grade als ich ins Taxi steigen wollte, auf das abgebildete Schild:

kiss & ride

Kiss & Ride. Minutenlang brütete ich im Taxi vor mich hin, was damit wohl gemeint sein könnte. Für ein Verkehrsschild klang es ungewohnt erotisch, um nicht zu sagen anzüglich. Es stand aber definitiv nicht in einer Rotlicht-Zone, wie aus dem Foto eindeutig hervorgehen dürfte. Selbst dann hätte ich freilich gezögert, das »Verkehrszeichen« wörtlich zu verstehen. Die österreichische Provinz ist schließlich kein Sünden-Babylon. So sehr ich mir auch das Hirn zermarterte – mir fiel keine plausible Erklärung ein. Also fragte ich kurzerhand den Taxifahrer. Der klärte mich bereitwillig auf, und seither bin ich um eine Bildungslücke ärmer.

Hätten Sie’s gewußt? Dann muß ich Ihnen die Antwort ja nicht verraten. Und wenn nicht, können Sie Ihre Unwissenheit sicher noch ein paar Stunden länger aushalten. Ich bin gespannt, ob Sie in der Zwischenzeit auf die Lösung kommen.

Ein kleiner Tip: mit der folgenden Pop-Gruppe hat das alles wirklich gar nichts zu tun:

Die ist bisher wohl zu recht meiner (und vermutlich auch Ihrer) Aufmerksamkeit entgangen… ;-)

7. September 2010

Gespenstisches Amerika

Was Naturgewalten sind, weiß ich – was aber bedeutet dann der Begriff »höhere Gewalt« der so oft in Reise- und Versicherungsverträgen auftaucht? Die müßte ja, rein von der Logik her, in der Hierarchie noch eine Stufe darüber angesiedelt sein, eine übernatürliche Gewalt folglich, oder vielleicht eine paranormale. In den letzten Wochen hat mich die tägliche Zeitungs- und Zeitschriftenlektüre der Aufklärung vielleicht ein Stück näher gebracht. Ich rede jetzt wohlgemerkt nicht von der BILD Zeitung oder irgendwelchen New-Age-Postillen. Normalerweise bevorzuge ich seriösere Lektüre – die New York Times etwa oder den SPIEGEL bzw. Merian. Diese seriösen Blätter also berichten neuerdings auffällig häufig über Geisterhotels – Hotels, worin es spukt und in denen Gespenster ihr Unwesen treiben. Wahrscheinlich handelt es sich bei denselben um Emigranten. Sie treten nämlich nicht mehr in ihrer klassischen Heimat, in englischen Schlössern und Landhäusern auf, sondern ausschließlich in den USA.

Da wären etwa – um nur die letzten einschlägigen Fälle anzuführen – das Greenbrier Hotel in West Virginia, das nicht weniger als 26 amerikanische Präsidenten in seinem Gästebuch verzeichnet; Joseph Kennedy, der Stammvater des Clans, feierte hier sogar seine Flitterwochen; die Geister des Hotels sind allerdings von der gutartigen Sorte und machen sich eher atmosphärisch denn handfest bemerkbar. Dann das Copper Queen Hotel in Arizona, das mindestens 16 Gespenster zu seinen Dauergästen zählt, über deren Geschichte und deren Treiben gerade eben ein eigenes Buch erschienen ist. Und schließlich das Stanley Hotel in Colorado, das sich damit brüsten kann, den Bestsellerautor Stephen King zu »Shining«, einem seiner erfolgreichsten Romane, inspiriert zu haben (an den gleichnamigen Film von Stanley Kubrick fühlte sich dagegen eher der Rezensent des Greenbrier Hotels erinnert). Kein Zweifel – die Häuser wetteifern darum, wer die attraktivsten, sprich schaurigsten Poltergeister in seinen Mauern beherbergt.

Den Gästen gefällt das – sie gieren nach der Gänsehaut, die die Schauergeschichten versprechen –, und die Hotels sind zuverlässig das ganze Jahr hindurch ausgebucht. Offenbar handelt es sich um einen echten Erfolgs-Trend. Und möglicherweise gleichzeitig um eine weitere Manifestation der Vergangenheits-Nostalgie, der Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die gegenwärtig nicht nur in den USA, dort aber besonders, die seltsamsten Blüten treibt. Ob in den Geisterhotels auch regelmäßig Tea-Parties stattfinden, entzieht sich leider meiner Kenntnis.

Dann würd’s freilich erst richtig gespenstisch, und sogar mir liefe es kalt den Rücken runter…

6. September 2010

Das Montagsvideo oder
Prokrastinieren will gelernt sein

Montag ist’s, und pünktlich zum Wochenbeginn möchte ich Ihnen doch noch ein paar professionelle Tips mit auf den Weg geben, wie Sie Ihr Zeug erledigt kriegen, ohne daß dabei irgendwas Wichtiges auf der Strecke bleibt. Mit Ausnahme vielleicht der Arbeit… ;-)

31. August 2010

Kreuzfahrt-Vergnügen – Forts. (Hotel Hollywood)

Marx Brothers, »A Night At The Opera«, 1935:

Mit Hotelzimmern hatten Schiffskabinen vor 75 Jahren ersichtlich weniger gemein als heute. Dafür ging es entschieden turbulenter in ihnen zu – und strapaziöser für die Lachmuskeln der Kinobesucher. Jedenfalls dann, wenn Groucho Marx als regulärer Passagier entdeckt, daß sich in seinem Koffer mit Chico und Harpo zwei blinde Passagiere versteckt hatten. Das ist aber erst der Anfang. Im Lauf der nächsten Minuten drängen sich immer mehr Menschen in den engen Raum: zwei Zimmermädchen, der Schiffs-Ingenieur und sein Gehilfe, eine Reinemache-Frau, ein Kosmetiker für die Maniküre, vier Kellner – insgesamt 15 Personen sind es zum Schluß – eindeutig ein wenig voll, wie Groucho nonchalant anmerkt – und als sich die Tür das nächste Mal öffnet, speit die Kabine ihren menschlichen Inhalt in hohem Bogen wieder aus…

Die Szene genießt unter Filmfreunden nicht zufällig einen legendären Ruf; sehen Sie selbst:

30. August 2010

Fairness

Erfolg hat ein Hotel auf lange Sicht dann, wenn sich die Gäste drin wohlfühlen, und die Gäste fühlen sich wohl, wenn ihnen die Atmosphäre behagt. Doch worin liegt das Geheimnis einer freundlichen, entspannten, gastfreundlichen Atmosphäre? Äußerlichkeiten wie ein großzügiges Raumgefühl, die Einrichtung, das Licht, die Farben vermögen dazu beizutragen. Entscheidend aber ist der menschliche Faktor: Umgangston und Umgangsformen – Freundlichkeit, Gelassenheit, Hilfsbereitschaft. Funktioniert blendend, solange sich alle an die Regeln halten. Das ist natürlich niemals der Fall. Und von seiten des Hotels nur zu beeinflussen, soweit es die eigenen Mitarbeiter betrifft – und das ist schwer genug. Aber was ist mit den Gästen? Die fühlen sich als Könige und wollen entsprechend behandelt werden. Das ist ihr gutes Recht. Allerdings verhalten sich auch Könige bisweilen wie Rüpel. Und ein einziger Querulant kann im schlimmsten Fall allen anderen Gästen die Stimmung verleiden (ein arroganter Concierge, ein mürrischer Kellner oder schlampiger Küchenchef natürlich ebenso).

Kurz: so toll kann eine Atmosphäre gar nicht sein, daß nicht ein Einzelner sie vergiften könnte. Ich bin wohl nicht die einzige, die diese Erfahrung schon zu wiederholten Malen gemacht hat. Patentrezepte gegen die notorischen Nörgler, Moralapostel, Weltverbesserungs-Aspiranten, Möchtegern-Diktatoren und sonstigen zu kurz gekommenen Egomanen gibt es selbstverständlich keine. Umso mehr hat mir eine Geschichte zu denken gegeben, die ich gestern gelesen habeweiterlesen…

29. August 2010

One More Take (»Goldfinger«)

Wie könnte ich Ihnen den Film zeigen – und den ebenso berühmten Titelsong vorenthalten? Der wurde gleich im Anschluß an die Premiere zum Nummer-Eins-Hit – und gilt unter Kennern als Anwärter auf den besten Bond-Song aller Zeiten.

Hier ist Shirley Bassey mit »Goldfinger« – zunächst in der Version des Film-Soundtracks, danach in einem Live-Mitschnitt aus der Royal Albert Hall in London:

27. August 2010

Sex & the City: The Munich »Wies’n«

wies'n Foto Bernhard J. Scheuvens, Creative Commons, Wikimedia

Drei Wochen noch, dann ist München wieder fest in ausländischer Hand. Für etwas mehr als zwei Wochen mutiert Bayerisch zur inländischen Fremdsprache in der Stadt, viele Münchner begeben sich in die innere Emigration und meiden die Innenstadt, wo sie nur können. Zur Feier des 200-jährigen Bestehens zieht es womöglich noch mehr Besucher auf die Wies’n als sonst. Und worauf freuen sich die Heerscharen ausländischer Gäste, wenn sie ans Oktoberfest denken? aufs überteuerte Bier, ausgeschenkt in dreiviertelvollen Maßkrügen?

Das vielleicht auch. Mehr noch aber, wenn ich unseren amerikanischen Hotel- und Reise-Experten Glauben schenke, auf den erfrischenden Anblick der bayerischen Dirndlkleider, und mehr noch als auf den Anblick auf die reizvollen Einblicke, die dieselben angeblich bieten. Das ist das eine; das andere ist die Münchner Gastfreundschaft. Die New Yorker Experten empfehlen ihren Landsleuten diesbezüglich das Rocco Forte Collection Hotel Charles in der Sophienstraße, ziemlich genau zwischen Hauptbahnhof und Königsplatz.

Das freut mich natürlich, schließlich habe ich zum Charles durchaus eine persönliche Beziehung. Es ist zwar auch schon wieder ein paar Jahre her, daß wir das Hotel geplant und eingerichtet haben (unglaublich, wie die Zeit vergeht), aber ich denke immer noch gerne daran zurück. Schon deshalb will ich dem Tip unserer amerikanischen Freunde nicht widersprechen; eigentlich sollte ich im Rahmen von »25 Jahre made by markus-diedenhofen« demnächst ausführlicher über die Entstehungsgeschichte des Hotels berichten. (Was ich hiermit feierlich verspreche.)

Nur was die erwähnten »Einblicke« und anderen erotischen Reize betrifft, möchte ich die Erwartungen ein wenig dämpfen. In dieser Hinsicht hat Rio de Janeiro definitiv mehr zu bieten. Wer darüber enttäuscht ist, tröstet sich dann eben mit einer Maß Bier. Oder zwei, oder drei, oder vier… ;-)

26. August 2010

Dornröschen in New York

Nicht nur das Hotel – die ganze Welt ist eine Bühne, finden alle, die gern schauspielern oder Regie führen. Dazu gehört die Gruppe ImprovEverywhere, die wir zu meinem Vergnügen schon einmal hier zu Gast hatten. ImprovEverywhere hat ein Faible, aber auch eine besondere Begabung dafür, durch Verfremdung, Übertreibung oder Irritation alltägliche Situationen in bühnenreife Szenen zu verwandeln. In jeder ihrer Improvisationen blitzt eine Ahnung davon auf, wieviel an Inszenierung, damit aber auch an dramaturgischem Potential und Möglichkeiten kreativer Einflußnahme in dem steckt, was wir etwas phantasielos Wirklichkeit nennen. Immer wieder inspirierend für jemanden, der selbst Bühnen und Bühnenbilder entwirft. Und vergnüglich obendrein.

Auch die folgende Aktion beruht auf einer einfachen Idee. Mehrere hundert Freiwillige mischen sich an einem belebten öffentlichen Ort – etwa der New Yorker Central Station – unter die Menge. Auf ein Signal hin halten alle gleichzeitig in dem inne, was sie grade tun, wie wir das aus dem Märchen von »Dornröschen« kennen. Diese eingefrorenen Bewegungen haben die Qualität von Szenenfotos – oder auch von »lebenden Bildern«, wie sie als Kunstform eine Zeitlang in Mode waren. Jeder kann sich seine eigene Geschichte oder ein Drama dazu ausdenken. Eine Einladung, der viele mit Begeisterung Folge leisten: mehr als 20 Millionen Mal wurde das Video bei YouTube bisher aufgerufen; gerade werden es wieder ein paar mehr…

Achten Sie beim Anschauen auch darauf, wie die Passanten auf diese »Theatralisierung« ihres Tagesablaufs reagieren. Ich wünsche viel Vergnügen.

24. August 2010

Vorsicht, Werbung (8)

Nicht nur eine Stadt namens Paris gibt es in Texas, sondern auch Warnschilder wie dieses. Makaber ist es auf jeden Fall; noch makabrer dürfte es finden, wer auch den Film kennt, auf den die Headline anspielt. Aber da hilft wohl alle Vorsicht nichts – solcher »Werbung« entkommen wir nicht…

dead man talking
Foto: vikisuzan

Der Fairness halber sollte man vielleicht dazusagen, daß in Amerika noch viel mehr am Steuer telefoniert, gesimst und getwittert wird als hierzulande.

[Kudos: Alexis Madrigal, the Atlantic]

23. August 2010

Paris, Texas. Berlin, Connecticut

Waren Sie wirklich erstaunt, daß es sich bei Paris allen Ernstes um eine Stadt in Texas handelt? Dann sollten Sie sich mal diese Website ansehen. Die sammelt Postkarten aus Berlin, von waschechten amerikanischen Berlinern. Mittlerweile findet sich dort Post aus 31 amerikanischen Städten dieses Namens, unter anderem aus Berlin, Connecticut. Und es werden vermutlich noch mehr werden.

Wie sagte schon John F. Kennedy: »Ick bin oin Börliner.« ;-)

Postcards from Berlin Episode 1: Our Story from KS12 on Vimeo.

23. August 2010

Kommt jetzt der Sex auf den Hund?

Seit ich den Film und die Bilder des Chateau Poochie in Florida gesehen (und hier veröffentlicht) habe, höre ich nicht auf, mich zu wundern. Gäbe es Bilder, die nur das Haus und nicht seine Bewohner zeigen, würde schwerlich jemand erraten, worum es sich handelt. Die Architektur, das kostbare Interieur und die technische Ausstattung liefern nicht den mindesten Hinweis darauf, daß es sich hier um ein Luxus-Domizil für Hunde und Katzen handelt.

Entwickeln die Menschen also eine Affenliebe zu ihren Hunden und Katzen (vielleicht auch noch zu Eisbären und Kraken)? Machen sie keinen Unterschied mehr zwischen sich und ihren Haustieren? Verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Tier? Eine gefährliche Frage, wie ich festgestellt habe, denn jetzt finde ich überall Bestätigungen dieser These. Eine davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Auf den ersten Blick mag es zwar abwegig scheinen – aber vielleicht ist auch Ihnen bereits aufgefallen, welch verblüffende Ähnlichkeiten oft zwischen Sex-Artikeln und Hundspielzeug besteht. Wenn nicht, dann versuchen Sie mal, die folgenden Gegenstände richtig zuzuordnen:

1. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_1

2. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_2

3. Sex-Zubehör oder Hundezubehör?

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4. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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5. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_5

6. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_6

7. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_7

8. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_8

Das soll für den Anfang genügen. Haben Sie den Verwendungszweck der Sachen richtig erkannt? Gratulation! Falls Sie hingegen Zweifel hegen, sollten Sie einfach  weiterlesen…

22. August 2010

Bettenmach-Ungemach

Was bringt manche Menschen dazu, selbst im Hotel zwanghaft ihr Bett selbst zu machen – wohl wissend, daß kurz darauf das Zimmermädchen die Arbeit von vorn beginnen und auf ihre Art zu Ende bringen wird. Die Frage stellt Don Alphonso in einem der lesenswerten Essays, aus denen sein Blog »Stützen der Gesellschaft« besteht. Ist es die kleinbürgerliche Fassade, die gewahrt werden muß? Oder handelt es sich um die Reminiszenz an eine längst vergangene Etikette, sinniert Don Alphonso in seinem traditionsbewußten Hotel in der Kurstadt Meran, wo die Erinnerung an bessere Tage in der k&k Monarchie noch nicht ganz verblaßt ist; »Sommerfrische« nannte man solche Aufenthalte seinerzeit.

Aber lesen Sie am besten selbst, was Don Alphonso dazu alles einfällt – und das ist einiges.

Ich kenne die strengen Regeln der großbürgerlichen Etikette wahrscheinlich ebenso gut wie Don Alphonso, ebenso die zwanghafte kleinbürgerliche Enge, und auch die stillose Barbarei vieler heutiger Touristenhorden ist mir nicht ganz fremd. Aber vielleicht ist die Antwort viel einfacher. Vielleicht sind die Leute, je weniger sie sich des eigenen gesellschaftlichen Status sicher sind, desto mehr bemüht, wenigstens den Schein und die äußere Form zu wahren. Sogar gegenüber dem Zimmermädchen oder dem Kellner. (Und wie viele mögen sich nicht, angesichts der Vielzahl dienstbarer Geister, die im Hotel bemüht sind, ihnen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, insgeheim als Hochstapler fühlen?)

Wie denken Sie darüber?

21. August 2010

Was Macht mit uns macht (2)

Die Mächtigen ticken anders als die Ohnmächtigen, und das nicht immer zu ihrem Vorteil. Vor einigen Tagen habe ich über neuere Forschungsergebnisse berichtet, die diesen Befund empirisch untermauern. Schon die bloße Vorstellung von Macht und das damit verbundene (illusionäre) Machtgefühl genügt, die »Machtblindheit (myopia of power)« auszulösen. Dahinter steht kein böser Wille, sondern ein tiefverwurzelter psycho-physischer Reflex, der einen festen Bestandteil unseres evolutionären Erbes bildet. Den schädlichen, am Ende oft desaströsen Folgen der Machtblindheit entgeht höchstens, wer sein Leben in absoluter Ohnmacht und subalterner Bedeutungslosigkeit verbringt – und auch dann nur, wenn er sich nicht gerade durch den Verzicht auf Macht und Einfluß das Gefühl moralischer Überlegenheit verschafft. Es lohnt sich also, auf das Thema zurückzukommen. Denn Machtblindheit ist – abgesehen von der rein subjektiven Dimension – auch ein ernstzunehmender, häufig unterschätzter Wirtschaftsfaktor: sie schadet nicht nur dem, der von ihr befallen ist, sondern ebenso seiner Umwelt und damit, beispielsweise, auch dem Unternehmen, in dem und für das er Verantwortung trägt.

Ich erinnere noch einmal an das eindrucksvolle Experiment, worin die Probanden gebeten wurden, den Buchstaben E auf ihre Stirn zu malen. Die »Mächtigen« unter ihnen lösten die Aufgabe »aus ihrer Perspektive« – für das Gegenüber erschien das E spiegelverkehrt. Im Unterschied dazu schrieben diejenigen, die sich ohnmächtig und hilfsbedürftig fühlten, das E so, daß es für Außenstehende problemlos, nämlich seitenrichtig zu lesen war. In diesem Ergebnis zeigt sich plastisch ein wichtiges, vielleicht das entscheidende Wesensmerkmal der Machtblindheit: eine drastische Verengung der Wahrnehmung, die Unfähigkeit, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aus einer anderen als der eigenen Perspektive wahrzunehmen. Und selbst dafür fehlt die Wahrnehmung; zu den interessantesten Begleiterscheinungen der Machtblindheit zählt die Tatsache, daß die Mächtigen sich genau das Gegenteil attestieren und davon überzeugt sind, Sachverhalte und Probleme schärfer und umfassender zu durchdringen als ihre Umwelt.  weiterlesen…

20. August 2010

Hotel zur tierischen Liebe

Für die süßen Kleinen ist das Beste grade gut genug, und was uns lieb ist, darf auch teuer sein. Nein, ich rede nicht von den Kindern – denen hat, wie man weiß, ein wenig Zucht und Strenge noch nie geschadet. Tiere aber, Hunde oder Katzen, sind uns in all ihrer tierischen Unschuld und Hilflosigkeit gewissermaßen vom lieben Gott persönlich anvertraut. Da soll es ihnen an nichts fehlen, was menschenmöglich und tiergerecht ist. Oder was manche Leute für tiergerecht halten. Das ist schon lange so und wurde in den letzten Jahren immer schlimmer, pardon: besser. Nur an einem Fünf-Sterne-Hotel für unsere tierischen Lieblinge hat es bisher noch gefehlt, aber auch das gibt es jetzt. Das Chateau Poochie in Florida läßt in puncto Luxus nach oben hin nur wenig Spielraum. Vom Flatscreen-TV im Einzelzimmer über den Personal Trainer bis hin zu buddhistischen Massagebehandlungen ist alles geboten, was das Haustierherz begehrt. Und wenn Herrchen oder Frauchen zwischendurch mal Sehnsucht nach ihren vierbeinigen Lebensgefährten verspüren – auch kein Problem. Wozu gibt es Video-Telefonie.

Meine Katze freilich würde mir da was husten. Die findet schon ein normales Telefon die totale Verarsche. Was soll denn das, maunzt sie gelangweilt, ist in Wirklichkeit doch eh keiner da. Wahrscheinlich habe ich das Tier nicht richtig erzogen.

Aber zurück zum Chateau Poochie. Vielleicht bringt das folgende Video ja den einen oder anderen auf eine Idee, womit er Bello oder Minouche zum Geburtstag überraschen könnte. Vergessen Sie in dem Fall bitte nicht, sofern Sie hinterher noch Geld auf dem Konto haben, auch ein bißchen was für die Flutopfer in Pakistan lockerzumachen. Ein paar Euro reichen schon – mit Luxus können die ohnehin nicht wirklich was anfangen…

Eine zusätzliche Bildstrecke zum Chateau Poochie finden Sie hier; um mehr Einträge aus der Kategorie Beyond Imagination zu sehen, klicken Sie bitte auf diesen Link.

17. August 2010

Was Macht mit uns macht (1)

Die Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut, heißt es immer wieder. Das ist ein erschreckender Satz. Denn wer Verantwortung übernimmt, eine Führungsposition innehat oder überhaupt etwa bewirken will auf der Welt, in seinem Gemeinwesen oder einem Unternehmen, braucht dafür – Macht. Ob er will oder nicht. Sind wir also dazu verurteilt, in Ohnmacht zu verharren und andernfalls schlechtere Menschen zu werden? Oder muß man von vornherein ein gerüttelt Maß an Korruptheit und Rücksichtslosigkeit mitbringen, um im Diesseits überhaupt was zu bewirken? Sodaß den Heiligen nur noch die Hoffnung aufs Jenseits bliebe. Oder auf die Verehrung der Nachwelt.

Dummes Zeug, denke ich dann. Aber es bleibt ein Zweifel, der weiternagt. Natürlich wirkt das, was wir tun, auf uns selbst zurück. Kleider machen Leute, und Gewohnheiten prägen den Charakter. Und Macht – macht egoistisch und böse?!

Ein bißchen genauer möchte man es schon wissen. Schließlich sind Machtbeziehungen allgegenwärtig. Über Unternehmenskultur, Führungsqualitäten und Teamwork zu sprechen, ohne ihre Wirkungen mit einzubeziehen, wäre blauäugig – um es vorsichtig auszudrücken. In der aktuellen Ausgabe von Wired referiert Jonah Lehrer einige aktuelle Studien, die dazu interessante Aufschlüsse liefern.  weiterlesen…

17. August 2010

Stewardessen als Zimmermädchen?

Schön, am frühen Morgen ein paar solcher Fotos in der Mailbox zu finden. Da beginnt der Tag gleich mit einem Schmunzeln, und so viel Schlimmes kann dann eigentlich gar nicht mehr passieren:

airplane hotel 1

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[Kudos: ShockBlast via A Day Late & Half a Pixel Short]

Das Flugzeug ist Teil eines Hotels in Costa Rica und verfügt über ein Doppel- und ein Einbettzimmer, beide mit Queen-Size-Betten. Jetzt würde mich nur noch interessieren, ob der Concierge stilecht als Flugkapitän und die Zimmermädchen als Stewardessen gekleidet sind. Oder sollte man verkleidet sagen? ;-)

Es gäbe freilich auch hierzulande noch einiges zu tun – an Gelegenheiten herrscht kein Mangel.  weiterlesen…

16. August 2010

Aus zwei mach eins

Gleich von zwei Seiten wurde ich gebeten, die beiden Folgen des Beitrags »Aus der Schule geplaudert« noch einmal im Zusammenhang und in einem Stück zu veröffentlichen. Dem Wunsch komme ich gerne nach; ich hoffe, noch im Lauf des heutigen Tages die Zeit dafür zu finden. Bis dahin bitte ich um Geduld.

14. August 2010

Hotel Mexico (One More Take)

Daß sich eine Gruppe Tokio Hotel nennt, kann ich verstehen. Immerhin ist Tokio seit Jahrzehnten eine der angesagtesten Metropolen der Welt – und hat London, Paris oder New York den Reiz des Exotischen voraus. Wie hingegen eine japanische Band darauf kommt, sich ausgerechnet Hotel Mexico zu nennen, das weiß ich wirklich nicht. Ist Ironie im Spiel? Hat Mexiko in Japan einen besonderen Klang oder Ruf? Ich weiß es nicht. Aber natürlich weckt eine Formation, die so heißt, meine Neugier. Wieviele Bands gibt es schon, die das Wort Hotel im Namen führen?

Also habe ich reingehört und war überrascht. Die Musik liegt fernab vom Mainstream. Sie klingt zunächst unvertraut – Elemente der Minimal Music mischen sich mit japanischen Klängen – geht aber schon nach kurzer Zeit ins Ohr. Wenngleich sie sicher nicht die Charts stürmen werden, könnten die Songs durchaus ihre Fans finden – auch außerhalb Japans. Eine interessante Entdeckung, wie ich finde – aber urteilen Sie selbst:


 

Hotel Mexico – Do you Do you HAIA by Second Royal Records

Hotel Mexico – Its Twinkle by Second Royal Records

13. August 2010

Words

»Words have the power to shape the way we think and feel«, heißt es im Begleittext zu diesem Video. Es handle sich um »a moving exploration of how language connects our inner thoughts to the outside world«. Ganz platt könnte man sagen: »Words« ist ein visuelles Wortspiel, die Umsetzung mehrdeutiger Wörter in bewegte Bilder, und diese Definition ist durchaus hilfreich beim »Einstieg« in den Film. Sie erklärt aber nicht, warum er einen Nerv trifft – und das offenkundig nicht nur bei mir. Das Video ist in der amerikanischen Netz-Szene binnen weniger Tage zu einem Geheimtip avanciert.

»Words have the power to shape the way we think and feel« – das scheint mir viel wahrer als das geläufige, auf einer freien und sinnentstellenden Übersetzung beruhende Shakespeare-Zitat, Worte seien Schall und Rauch. Worte rufen Bilder hervor, Bilder verbinden sich mit Gefühlen, und Gefühle führen zu Handlungen, über die wir dann Geschichten erzählen. Deshalb spielen Worte auch eine entscheidende Rolle bei den »dominierenden Themen«, die bestimmen, wie wir als Einzelne unser Leben gestalten oder als Teil einer Gemeinschaft, eines Teams, eines Unternehmens den Markt und die Welt bereichern. Oder daran scheitern: Sie erinnern sich an diesen Beitrag von vorgestern.

Wahrscheinlich bin ich in diesen Tagen besonders empfänglich für die Botschaft dieses Videos, weil mich grade selbst die unterschiedlichen Facetten des Themas intensiv beschäftigen. In einem der kommenden Beiträge werde ich darauf eingehen, auf welch subtile Weise die Wahl der richtigen Worte den Erfolg eines Unternehmens und die Beziehungen zwischen den Mitarbeitern beeinflussen kann. »Words have power.« Mehr dazu vielleicht schon heute im weiteren Verlauf des Tages.

[Kudos: Radiolab]

7. August 2010

Tu felix Austria oder
Deutsch sind die anderen

In Sachen W-LAN und mobiles Internet habe Österreich Deutschland womöglich einiges voraus, habe ich geschrieben. Darüber freuen sich die Österreicher, aber sie wundern sich nicht. Daß ihnen die Piefkes nicht das Wasser reichen können, wissen sie spätestens seit Maria Theresia, Gott hab sie selig. Sie freuen sich also über das Lob und über die Ahnungslosigkeit des Lobenden. Hätte er eine Ahnung, dann wüßte er: in Wirklichkeit ist alles ganz furchtbar, wenn nicht noch schlimmer. Denn der Österreicher tendiert, wie man weiß, zum Selbsthaß. Noch mehr als die Österreicher haßt er im Grunde nur noch die Deutschen; beides aber ist Ausdruck seines tiefverwurzelten Patriotismus. Was dann schon wieder hoffen läßt. Und da sich auch die Deutschen bisweilen als lernfähig erweisen, könnte das folgende Video durchaus einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten. Gedreht haben es Saatchi & Saatchi; ich wünsche viel Vergnügen.

(»De wissan jo ned amoi, daß ma „Seeligkeit« nua mit aam „e“ schreibt«, mosert der Österreicher. »Die sollen doch, bitteschön, erst mal richtig deutsch lernen«, beschwert sich der Deutsche. Und schon ist Einigkeit hergestellt zwischen den Erbfeinden; es geht doch nichts über den gemeinsamen Schulterschluß gegen den banausischen Dritten…)

6. August 2010

Train Spotting im Hotel

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Für alle, die schon alles ausprobiert haben, hier ein Vorschlag, auf den sie selber womöglich nie gekommen wären: die Spielzeug-, pardon: Modell-Eisenbahn im Hotelzimmer. Zwar ist die Anreise etwas lang – es sei denn, Sie hätten ohnehin in Japan zu tun –, dafür haben Sie ausreichend Zeit für die Planung: die neue Attraktion des Akihabara Washington Hotels in Tokio ist auf Monate ausgebucht. Angeblich sind viele Japaner richtige Eisenbahn-Narren. Daß das Bett deutlich kleiner ausfällt als die Eisenbahn-Anlage, dürfte bei alledem keinen ernstlich stören. Wer wird in so einem Zimmer schon ans Schlafen denken…

Was der Spaß kostet? 265 Dollar die Nacht.

Und da dachte ich immer, das Kind im Mann sei ein Produkt der westlichen Zivilisation, und andernorts würden die Männer erwachsen. So kann man sich täuschen.

Und weil’s so schön ist, hier der Zugverkehr in Aktion:

[Kudos: CrunchGear]

5. August 2010

W-LAN Everywhere, Fortsetzung

Rollende W-LAN Hotspots für New York: 1000 der berühmten Yellow Cabs stellen von diesem Herbst an einen freien Internet-Zugang zur Verfügung. Die Fahrgäste werden’s zu schätzen wissen; Taxifahrten in der Großstadt können bekanntlich dauern. Das gilt nicht nur für New York. In Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam ziehen, wie Sie sich erinnern werden, auch Hotels Konsequenzen daraus und bieten ihren Gästen freies W-LAN beim Shuttle-Service vom und zum Flughafen. Und vielleicht lassen sich auch die Österreicher vom New Yorker Beispiel inspirieren: Taxis mit W-LAN auszustatten dürfte erheblich einfacher sein als Tausende Berggipfel damit zu versorgen.

Übrigens: Passanten im Umkreis von ca. 120 Metern ums Taxi kommen ebenfalls in den Genuß des freien Internets. Bei der Taxidichte in New York könnte allein auf diesem Weg schnell eine flächendeckende Versorgung herauskommen.

Hierzulande hingegen hat Robert Schweizer, seines Zeichens Rechtsvorstand des Burda-Verlags, soeben erneut gefordert, Suchmaschinenbetreiber hätten dafür, daß sie den Verlagen Leser zuführen, gefälligst Geld zu zahlen. Und der Spiegel faselt in seiner aktuellen Ausgabe in Altherren-Manier hoffnungsvoll was von einer »Null-Blog-Generation«. Alles mit dem kaum verhüllten Hintergedanken: wenn wir nur den Kopf tüchtig in den Sand stecken und die Schotten dicht machen, wird sich schon nicht allzuviel ändern. Den Fortschritt freilich schert das wenig – er geht einfach über Deutschland hinweg.

Es sind schon Welten, die hier aufeinanderprallen, oder zumindest: diametral entgegengesetzte Haltungen und Denkweisen.

4. August 2010

Writers’ Corner

»It’s this serendipitous quality that makes Flipboard so addictive.«

Farhad Manjoo, Slate
 

[Wo ich das grade lese, muß ich’s natürlich sofort zu meinem eigenen gestrigen Artikel nachtragen. Und Manjoo hat natürlich recht: Flipboard eignet sich ideal zum Serendipisieren. Oder Serendipitieren, wenn Sie eher der David-Wagner-Schule zuneigen.]

2. August 2010

Bücher kamen nicht zu Schaden

Sooft ich bisher auf das Library Hotel in New York zu sprechen gekommen bin, ging es um Bücher, nicht um Autos und schon gar nicht um Taxis. Wieso auch – daß Hotels von Taxis angesteuert werden, ist schwerlich berichtenswert. Höchstens dann, wenn sie es mit dem Ansteuern zu wörtlich und mit dem Bremsen nicht allzu genau nehmen. So geschehen an einem Abend letzter Woche zur besten Essenszeit. Das Hotel-Restaurant Madison & Vine war bis auf den letzten Platz besetzt, als sich mit einem lauten Knall zwei der berühmten New Yorker Yellow Cabs dennoch Einlaß verschaffen wollten. Glasscheiben splitterten, und zwei Kühlernasen ragten ins Innere des Gourmet-Tempels. Einen Tisch haben sie dabei nicht erobert, sodaß die Gäste mit dem Schrecken davonkamen.

Ich frage mich trotzdem, warum gleich zwei Taxis und dazu noch zur selben Zeit das Hotel ins Visier nahmen. War es Zufall – oder hatten sie sich dort verabredet?

Was die Hotelgäste angeht, die sich im Restaurant befanden: wenn es sich dabei wirklich um Bibliophile handelt, hatten sie sich von ihrem Aufenthalt wohl etwas besinnlichere Abenteuer versprochen. Immerhin haben sie jetzt was zu erzählen, vielleicht auch zu schreiben. Womöglich findet die Episode sogar Eingang in ein Buch, dieses wird der Bibliothek des Library vermacht, und das Hotel macht seinem Namen wieder mal Ehre. Wenn nicht – und ich gebe zu: es ist etwas unwahrscheinlich – dann bewahrt wenigstens dieser Blog dem Zwischenfall ein bleibendes Angedenken… :-) :-) :-)

[Kudos: HotelChatter]

31. Juli 2010

One More Take (Serendipity)

Nun haben also, David Wagner sei Dank, die Serendipität und das Serendipitieren endlich auch Eingang in die deutsche Literatursprache gefunden; ein paar vergebliche Anläufe dazu hat’s ja schon gegeben. Zur Feier dieses Ereignisses hier noch einmal, für alle, die sie noch nicht kennen, Richard Meyers »Serendipity Suite«, und für alle anderen ebenso.

Übrigens: Wagners Aufsatz ist schön, wirklich. Sie sollten ihn lesen, wenn Sie den Merkur im Hause haben (und wenn nicht, ist diesem Manko leicht abzuhelfen).

P.S.
Trotzdem läßt mir das Serendipitieren keine Ruhe. Sollte es nicht eher Serendipisieren heißen? So wie in Autorität – Autorisieren? Wer autorisiert hier eigentlich den korrekten Sprachgebrauch? Ich warte auf Wortmeldungen und Stellungnahmen – gerne auch von der Duden-Redaktion…

30. Juli 2010

Serendipity. Voll im Trend.

Vor etwa zehn Jahren prokrastinierte, wer ein bißchen angeben und sich wichtig machen wollte. Schließlich wußte kaum einer, was das Wort bedeutete. Heute ist Prokrastination eine Allerweltsvokabel. Wir brauchen dringend was Neues, um Eindruck zu schinden. Am besten mit snobistisch englischem statt mit gelehrt lateinischem Stammbaum. Und wir müssen noch nicht mal lange suchen; das Modewort des nächsten Jahrzehnts ist soeben aus dem Ei geschlüpft und hat es auf Anhieb zu Titel-Ehren gebracht. Ab sofort wird serendipitiert.

Ernsthaft. Im neuen Merkur, den ich druckfrisch in Hände halte, schreibt David Wagner einen ganzen Essay mit der Überschrift »Ich serendipitiere«. Einfach so – ich serendipitiere, als sei das ebenso geläufig wie Meditieren, Bramarbasieren oder Prokrastinieren. So stellt man gezielt sein Licht unter den Scheffel. Und in ein paar Monaten wird Wagner dann beiläufig erzählen, er habe völlig unbeabsichtigt einen Trend ins Leben gerufen. Ohne auch nur zu erwähnen, daß sich dieser Blog schon seit mehr als einem Jahr das Serendipitieren auf die Fahne geschrieben hat. Damals haben mich sogar Engländer, native speakers also, gefragt, was »serendipity« eigentlich bedeute. Die Vorreiterin bin ich. Mir fehlt nur Wagners Cleverness.

Der bringt es nämlich fertig, nach der verheißungsvollen Überschrift zwar, beispielsweise, zu schildern, wie er mit 22 Jahren dazu kam, Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen – dafür aber die Worte serendipitieren, Serendipität oder serendipitös in seinem ganzen Essay kein einziges weiteres Mal zu erwähnen. Merkur–Leser wissen, was es mit der Serendipität auf sich hat. Wenn nicht, sind sie zu blöd oder sonst nicht ganz auf der Höhe. Das will natürlich keiner auf sich sitzen lassen. Und reicht den Schwarzen Peter weiter: schon im nächsten Gespräch wird er beiläufig einfließen lassen, wie ihm serentipitierenderweise mal wieder ein ganz besonderer Coup geglückt ist. Schön, nicht wahr? So werden Moden lanciert.

Aber bei Ihnen sind solche Hochstapler zum Glück an den Falschen geraten. Sie wissen viel besser als diese Angeber, was »Serendipity« bedeutet, wo das Wort herkommt und wie es Eingang in die englische (und jetzt auch die deutsche) Sprache gefunden hat. Und wenn nicht, können Sie es jederzeit nachlesen. Womit wir uns wieder ernsthafteren Dingen zuwenden könnten.

 

P.S:
Schade, daß ich kein Gästebuch führe. Dann könnte ich gucken, ob und wann David Wagner sich drin verewigt hat… :-) :-) :-)

28. Juli 2010

Selbstbedienung im Hotel

In Hotels wird geklaut, was das Zeug hält. Manchmal von den eigenen Mitarbeitern, öfter aber von den Gästen. Je vornehmer ein Haus, desto unverfrorener die Souvenirjäger und desto wertvoller ihre Beute. So jedenfalls lautet das populäre Vorurteil, das Insider nur bestätigen können. Neu ist das alles freilich nicht, und irgendwann kennt man auch die wildesten Geschichten beinahe auswendig. Mittlerweile bringt mich das ganze Thema nur noch zum Gähnen.

Meine Neugier hielt sich daher in Grenzen, als die WELT kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlichte, worin sie Direktoren von Luxushotels nach den kecksten Diebstählen in ihrem Haus befragt hatte. Eine Sommerloch-Geschichte, dachte ich. Und die meisten Stories blieben denn auch auf dem Niveau meiner tiefgespannten Erwartungen – oder lagen darunter. Bis auf drei, die den Rahmen sprengten und mich spontan zum Lachen brachten.

Die erste spielt in einem Wellness-Hotel in der Region Edersee und wirkt im ersten Moment gar nicht spektakulär. Aus der Lobby hatte jemand zwei hochwertige, hoteleigene Computer mitgehen lassen. Kein Grund zur Aufregung bei der Hotel-Leitung, und auch die herbeigerufene Polizei nahm’s gelassen. Für solche Fälle hatte man vorgesorgt; sämtliche öffentlichen Bereiche des Hotels waren video-überwacht. Der Dieb oder die Diebe würden lange Gesichter machen, dachte man – und machte dann selber welche.  weiterlesen…

26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  weiterlesen…

24. Juli 2010

Keep Smiling / One More Take

Eigentlich hatten wir dem Kraken Paul schon Lebwohl gesagt, aber die Welt will nicht von ihm lassen. Über den ursprünglichen Anlaß – die erstaunlichen prophetischen Fähigkeiten des Tiers – geht das Interesse längst hinaus; die Neugier der Menschen ist unersättlich. So hat sich in Amerika jüngst ein heftiger Streit darüber entwickelt, wie wohl die Mehrzahl von Krake, englisch »octopus«, lautet. Die Redaktion von Merriam-Webster, der amerikanischen Entsprechung zum Duden, hat jetzt die Frage entschieden. Oder auch nicht. Denn die höchste Instanz in Sachen korrekten Sprachgebrauchs versucht sich an einem salomonischen Urteil, das für korrekt erklärt, was streng genommen falsch ist. Ob das die erhitzten Gemüter beruhigt, sei dahingestellt.

Rein grammatikalisch nämlich, so Merriam-Webster, müsse man zu Kraken im Plural »octopedes« sagen. Wenn Sie das versuchen, werden Sie von Ihrem amerikanischen Gesprächspartner freilich so scheel angesehen, wie wenn Sie im Deutschen von zwei Kraken als »Krakeeler« redeten. Paul und Paula, die Krakeeler. Dann schon lieber Oktopäden. Oder gleich »octopuses«, wie es jedem normalen Ami, der nicht vom Korrektheits-Bazillus befallen ist, spontan von den Lippen gehen würde. Genau dazu gibt auch Merriam-Webster seinen Segen. Aber nur, wenn sich die Betreffenden nicht mehr über Leute aufregen, die – etymologisch genauso unsinnig – die Mehrzahl »octopi« vorziehen. »Jedem das Seine«, könnte man diese Entscheidung zusammenfassen. Über soviel Laxheit im Umgang mit der Sprache wird sich wohl bald der nächste Streit entzünden…

Nur gut, daß wenigstens über den Genitiv von »octopus« Einigkeit herrscht. Die Streitfrage haben die Beatles nämlich schon vor Jahrzehnten entschieden. Wer daran zweifelt, hat also die Autorität von Klassikern gegen sich. Und die ist in sprachlichen Zweifelsfällen allemal höher einzustufen als die Meinung einer Wörterbuch-Redaktion. Und jedenfalls auch musikalisch überzeugender:

(Im übrigen haben wir Deutsche nicht den mindesten Grund, uns über die Amis zu mokieren. Wir hatten nur das Glück, daß der Krake Paul heißt. Was aber, wenn seine Zwillings-Schwester Paula solche prophetischen Gaben an den Tag gelegt hätte? Hätten wir dann vom Kraken Paula gesprochen? oder doch eher von der Krakin?!

Das frage ich jetzt Sie, liebe Leserinnen und Leser… :-) )

21. Juli 2010

Turmfalken im Grandhotel

Foto Andreas Trepte, Wikimedia Commons

Über das Steigenberger Grandhotel Handelshof in Leipzig, eins unserer jüngsten Projekte, habe ich hier bereits einiges erzählt. Aber es gibt immer wieder Details, die in keiner Presse-Erklärung und in keinem Werkbericht stehen. Manchmal sind es diese kleinen Geschichten am Rande, die sich mir besonders einprägen. So auch die folgende, die ich selbst erst vor wenigen Wochen, anläßlich der jüngsten Pressekonferenz, erfahren habe.

Dazu muß man wissen, daß das Stadtbauamt Leipzig besonderen Wert auf die ökologischen Aspekte der Stadt-Entwicklung legt. Die Verantwortlichen regten deshalb an, in den Lüftungstürmen des Hotels, die zur umweltschonenden Klimatisierung beitragen, zusätzlich Nistplätze für Turmfalken vorzusehen. Zu diesem Zweck zog man eigens einen der renommiertesten Ornithologen Deutschlands zu Rate, mit dem ich mich dann nach der Pressekonferenz, schon weil mich das Thema interessierte, ausführlich unterhalten habe. Dabei erfuhr ich, daß die Wieder-Einbürgerung der Turmfalken in der Stadt nicht nur den Falken, sondern auch den Bürgern Leipzigs zugute kommt. Turmfalken sind nämlich die natürlichen Feinde der Tauben – und da Tauben viel klügere Vögel sind, als ihre Verächter annehmen, sind in einem weiten Umkreis von den Nistplätzen der Falken keine Tauben zu finden. Falken sind deshalb ein probates Mittel, der Taubenplage Herr zu werden, die fast allen Städten zu schaffen macht.

Ein ganz pragmatischer Nutzen also. Aber davon ganz abgesehen: die Stadt, die sich mit den Namen Bachs und Goethes verbindet, die alte Hochburg der Buchindustrie und des Textilhandels – und Falken im Kühlturm des Hotels. Ich empfinde das als starke und nahezu bedeutsame Kombination. Fast so, als ob darin eine besondere Symbolkraft liege. Rational begründen kann ich das nicht.

Foto Artur Mikolajewski, Wikimedia Commons

19. Juli 2010

Happy Birthday (1)

Cornelia Markus-Diedenhofen
geboren an einem 19. Juli in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

19. Juli 2010

Happy Birthday (2)

 
Cornelia Markus-Diedenhofen, ihres Zeichens…
 

md geburtstag vogel

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19. Juli 2010

Happy Birthday (3)

md geburtstag vogel1

[»Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein« – dieses Zitat aus Goethes »Faust« schmückt ab nächstem Jahr die Rezeption des neuen Steigenberger Grandhotels Handelshof in Leipzig, gestaltet vom Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur]

12. Juli 2010

Good bye, Paul

spanish flag

Was ich immer sage: eigentlich verstehen wir Laien viel mehr vom Fußball als die sogenannten Fachleute. Paul der Oktopus etwa lag mit seinen Tips nicht nur meistens richtig, sondern immer. Nicht mal im Halbfinale war er bereit, uns nach dem Munde zu reden beziehungsweise zu schwimmen. Und jetzt nach dem Endspiel können wir sagen: der Polyp ist so unfehlbar, wie es Päpste immer schon gern gewesen wären. Deswegen hat er auch ein Ständchen verdient – und mit diesem Ständchen verabschiede ich mich gleichzeitig von der WM in Südafrika. Für mich ist jetzt wieder Schluß mit Fußball, jedenfalls bis zur Europameisterschaft in zwei Jahren. Bis dahin: macht’s gut, Jungs!

(Trotzdem schade, daß Deutschland nicht Weltmeister wurde, vorausgesetzt, Paul hätte auch das richtig prophezeit. Bundespräsident Wulff hätte ihm dann sicher mit Freuden das Bundesverdienstkreuz verliehen… :-) :-) :-) )

11. Juli 2010

Writers’ Corner

Ewige Wahrheiten:

»People are confused about the weather of Washington. I shall explain basics:

Winter is cold.

Summer is hot.

Every year these truths hit the populace with the force of a thunderbolt.«

[Das Wetter in Berlin macht die Menschen ratlos. Lassen Sie mich die Grundlagen erläutern:

Im Winter ist es kalt.

Im Sommer ist es heiß.

Jedes Jahr treffen diese Wahrheiten die Bevölkerung mit der Gewalt eines Blitzschlags.]

Henry Mitchell, Washington Post, 1984
[Kudos: Andrew Sullivan]

10. Juli 2010

Paradoxien

Während wir hier unter der Hitze stöhnen – möge sie uns noch eine Zeitlang erhalten bleiben – tobt in den amerikanischen Medien schon seit Tagen ein fanatischer Meinungsstreit darüber, ob es nicht an der Zeit sei, Klima-Anlagen weltweit zu verbieten. Das Argument geht ungefähr folgendermaßen:

Klima-Anlagen bewirken ein immenses Anwachsen des Stromverbrauchs. Die Kraftwerke, die den Strom produzieren, produzieren dabei aber auch die Treibhausgase, die den Klimawandel und die Erderwärmung verursachen. Je wärmer es auf der Erde wird, desto mehr steigt der Bedarf an Klima-Anlagen. Mehr Klima-Anlagen wiederum bedeuten mehr Stromverbrauch, damit einen noch höheren Ausstoß an Treibhausgasen und eine weitere Beschleunigung des Klimawandels –

und so weiter.

Im Umkehrschluß könnte man auf die Idee kommen, ein Verbot von Klima-Anlagen sei der Königsweg, um sämtliche Energie- und Umweltprobleme zu lösen und den Klimawandel ein für allemal in den Griff zu kriegen. Genau das wollen die Befürworter eines solchen Verbots auch suggerieren.

Warum kommt mir dieses monokausale und kurzschlüssige Denken in »Patentrezepten« nur so vertraut vor?

 
P.S.
Während die Amerikaner sich in bloßen Diskussionen ergehen, sind wir hierzulande weiter und schaffen gleich vollendete Tatsachen. Letzte Woche etwa hat man in Bayern per Volksentscheid die Volksgesundheit gerettet…

9. Juli 2010

Unter Pinguinen

Wenn die Außentemperatur über die magische 30-Grad-Marke klettert und immer weiter steigt, bis die Quecksilber-Säule zu sieden droht; wenn die graue Masse hinter den Schädelknochen anfängt, Blasen zu werfen und die Gedanken nur noch vor sich hinblubbern – dann weiß ich: das ist einer jener Tage, vor denen mich mein Religionslehrer immer gewarnt hat. In der Hölle braten, nannte er das. Die Sinne verwirren sich, aus dem wabernden Hitzeglast steigen Trug- und Traumbilder empor, und wir würden uns nicht wundern, Gletscherzungen aus dem Kühlschrank wachsen zu sehen, oder auf der Straße einem Pinguin zu begegnen.

Aber halt: der Pinguin ist keine Halluzination und keine Fata Morgana. Den gibt es wirklich, der ist aus Fleisch und Blut und so real wie Sie und ich. Müßte ich einen Film drehen, worin ausschließlich Tiere die Hauptrollen spielen, würde ich ihn als Empfangs-Chef eines Luxushotels besetzen – oder vielleicht als Chef de rang. So aber sage ich nur: es gibt Tage, an denen man es sich gönnen sollte, einem Pinguin zu begegnen. Viel Vergnügen.

8. Juli 2010

Hotel Hollywood / One More Take

In seinem Film »Der Tod in Venedig« (über die Rolle des Hotels darin haben wir schon einmal gesprochen) hat Luchino Visconti die Figur Gustav Aschenbachs, die in Thomas Manns Novelle autobiographische Züge trug und Schriftsteller war, zum Komponisten gemacht, für den Gustav Mahler als Vorbild diente. Dessen Musik zieht sich daher leitmotivisch durch den Film und gibt schon im Vorspann und den ersten Einstellungen mit dem Adagietto aus der 5. Symphonie dessen Grundton vor.

Viscontis weltweit erfolgreicher Film markiert einen der Höhepunkte des modernen Mahler-Revivals, das bis heute anhält und sich mittlerweile zu einer Art Mahler-Boom ausgewachsen hat. Seinerzeit allerdings war Viscontis Interpretation nicht unumstritten. Insbesondere in Deutschland warfen Kritiker – darunter der einflußreiche Musikhistoriker Carl Dahlhaus – dem Film eine »unzulässige Personalisierung« von Mahlers Musik vor. Was nach Gelehrtenstreit und akademischen Spitzfindigkeiten klingt, dürfte einen handfesten Hintergrund haben: man stieß sich an der Homosexualität, die der Film dem entschieden heterosexuellen Mahler unterstellt, der als Jude allerdings schon zu Lebzeiten antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war und dessen Musik während des Dritten Reichs als entartet galt. Die unterschwellige Gleichung »Aschenbach« gleich »Thomas Mann« gleich »Gustav Mahler« implizierte Beziehungen zwischen Schwulenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie zwischen dem Nationalsozialismus und sexuellen Pathologien und führte in den Augen der Kritiker dazu, das Schicksal von Juden und Homosexuellen im Dritten Reich miteinander gleichzusetzen. Das vertrug sich schlecht mit der herrschenden Interpretation des Holocausts.

Die ganze Diskussion wurde nicht weniger verdruckst dadurch, daß Visconti wie Thomas Mann selbst homosexuell war – sich im Unterschied zu Mann allerdings offen dazu bekannte. Der ebenfalls schwule Visconti-Schüler Pasolini hat später – insbesondere mit seinem Film »Die 120 Tage von Sodom« – erneut Öl ins Feuer dieser vergifteten Debatte gegossen.

Wahrscheinlich steckt auch heute noch genug Zündstoff in dem Thema – das zeigt der Skandalerfolg von Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten«. Im Großen und Ganzen sehen wir die Dinge heute aber doch etwas entspannter und distanzierter, und ich empfehle Ihnen in diesem Sinn, die folgenden ersten zehn Minuten von »Der Tod in Venedig« – und Gustav Mahlers Musik – vorbehaltslos zu genießen.

7. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (4)

mod

Moment mal, da war doch auch noch was anderes, dachte ich, nachdem mich die Einladung vom Optiker Stanzel 25 Jahre zurückversetzt hatte. Sommer 1985 – erinnern Sie sich noch? Ganz Deutschland fieberte mit, so wie jetzt bei der Fußball WM. Auch da ging es um Sieg oder Niederlage auf dem grünen Rasen, allerdings auf dem von Wimbledon. Und dann triumphierte der Nobody aus Germany. Heute vor 25 Jahren, am 7. Juli 1985. Boris Becker. The Leimener. Uns-Boris, wie er später liebevoll genannt wurde. Oder Bum-Bum-Boris, wie die Bild Zeitung wohl damals schon titelte. Da war der Junge grade mal 17. Andere sind in dem Alter noch nicht mal mit Pubertieren fertig. Das hat Becker später umso ausgiebiger nachgeholt.

Aber bleiben wir bei dem blutjungen Rotschopf, der über Nacht zum Weltstar wurde. In dem Zusammenhang, in dem sie auftauchte, hatte die Erinnerung daran für mich auch was Irreales. Hier eine Einladungskarte, worin das Jahr 1985 zur weiterwirkenden Gegenwart wurde. Da die Bilder aus Wimbledon, die mal als »unvergeßlich« galten und heute schon beinahe vergilbt sind: das ist ja schon fast nicht mehr wahr, dachte ich. Die »Ära Becker« und die Gegenwart – da liegen doch Ewigkeiten dazwischen. Oder jedenfalls Generationen: die Ära Sampras. Die Ära Federer. Und auch die neigt sich bereits wieder ihrem Ende zu.

Damals aber standen wir, der Leimener und ich, die gebürtige Leipzigerin aus Reutlingen, beide am Anfang unserer Karriere und hatten die Zukunft vor uns. Ich fieberte mit an diesem 7. Juli, und dachte keine Minute daran, daß ich 25 Jahre später Grund haben würde, stolz auf meine eigene Arbeit zu sein. Zu einer Zeit, da Becker seine Zukunft längst hinter sich hat. Gut, er hat Geschichte geschrieben mit diesem Wimbledon-Sieg, und auch noch einige Male danach, wenngleich dieser erste Triumph im Grunde nie mehr zu toppen war. Im Rückblick ist es eigentlich von Anfang an eine ziemlich traurige Erfolgs-Story. Und am Ende teilte Becker das Schicksal so vieler Stars von heute, insbesondere im Sport und im Show-Business: sie sind dazu verdammt, ihre eigene Geschichte zu überleben, es sein denn, sie sie erfänden sich ein zweites Leben nach dem ersten. Und das schaffen die wenigsten.

Nein, ich würde nicht mit Becker tauschen wollen. Womöglich müßte ich sonst, vor lauter Langeweile, ebenfalls nochmals damit anfangen, zu pubertieren.

mod

[Weitere »Momentaufnahmen« hier, hier  und hier; weitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

7. Juli 2010

Im Finale – aber beinahe obdachlos

Auf das Finale hatten die Oranjes im Ernst nicht spekuliert – noch nicht mal aufs Halbfinale. Deswegen hatten sie ihr Hotel auch nur bis nach dem Viertelfinale gebucht. Als dieses gewonnen war – mit Mühe zwar und zum Leidwesen des heimischen Publikums – war die Aufregung groß, und es herrschte allgemeine Ratlosigkeit. Nicht nur im holländischen Lager, sondern auch bei der Leitung des Hilton-Hotels in Sandton – pünktlich fürs Halbfinale war das Haus nämlich bereits wieder ausgebucht. Ein Ersatzquartier war in der Kürze der Zeit verständlicherweise ebenfalls nicht aufzutreiben. Sollte man die Nationalspieler etwa in ein Zeltlager umsiedeln? Zum Glück konnte es Hilton dann doch noch möglich machen, das Team bis nach dem Finale zu beherbergen.

Das verdient Anerkennung – einerseits. Aber stellen Sie sich umgekehrt das weltweite Presse-Echo vor, hätte man das holländische Nationalteam vor dem Halbfinale einfach auf die Straße gesetzt: ein PR-GAU ohnegleichen. Eine ziemlich vertrackte Situation also, in die die Oranjes ihre Gastgeber da gebracht haben.

Bescheidenheit mag ja eine Tugend sein, und Understatement sympathischer als sein Gegenteil. Es spricht aber auch einiges dafür, sich selbst was zuzutrauen, wie es die deutsche und auch die spanische Mannschaft während dieses Turniers jedenfalls streckenweise demonstriert haben. Welche Haltung ist erfolgversprechender? Am Ende dieser Woche wissen wir mehr… :-)

7. Juli 2010

Yes, we can

Was der Deutsche Hotelimmobilien-Kongress in Bonn mit der Fußball-WM gemein hatte. Oder wenigstens mit der deutschen Nationalmannschaft.

Ich gebe zu: ganz kalt läßt mich das Fußballfieber denn doch nicht. Zwar bin ich bekennender Nicht-Fan, aber ich habe auch nicht grundsätzlich was gegen Fußball. Und bei Europa- oder Weltmeisterschaften begebe ich mich nicht krampfhaft auf die Suche nach fußballfreien Zonen. Allerdings bin ich wohl schwerer zu begeistern als der durchschnittliche Fußball-Deutsche. Da braucht es schon Spiele wie die unserer Nationalmannschaft gegen England oder Argentinien. Nicht, daß ich mir zutrauen würde, im Anschluß mit Delling, Netzer und dem Rest der Fußballnation darüber zu fachsimpeln. Ich habe eher den Blick des Outsiders; es sind die nicht- oder nicht-nur-sportlichen Aspekte, die mir auffallen und Eindruck machen.

Zuallererst natürlich die sichtbare Freude am Spiel, die die elf Akteure auf dem Rasen miteinander verbindet. Und »verbindet« meine ich wörtlich: ich habe schon lange keine Mannschaft mehr erlebt – und das nicht nur im Fußball –, die ein so überzeugendes, nahezu ansteckendes Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Und das rührt daher, daß sie tatsächlich was gemeinsam haben. Sie sind nicht auf dem Feld, um eine Niederlage zu vermeiden. Sie trauen sich was zu und wollen zeigen, was sie können. Sie lassen sich von ihrem Selbstbewußtsein und ihrer eigenen Begeisterung mitreißen, und wenn die Gegner dabei manchmal ziemlich alt aussehen – umso besser. Auf Nummer Sicher sollen andere spielen. Es ist eine Lust, ihnen dabei zuzusehen.

Und es ist das totale Kontrastprogramm zu dem, was uns Politik und Medien hierzulande sonst so bieten. Dem täglichen Klein-klein und allgegenwärtigen Besitzstandsdenken. Den kindischen Intrigen und unsäglichen Neid-Debatten. Der Angst, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Lieber bleibt man ungreifbar und gesichtslos als Profil zu zeigen und sich angreifbar zu machen. Bloß nicht auffallen, nur keine Fehler machen scheint zur ersten Bürgerpflicht zu avancieren. Wer sich was zutraut, verhält sich anders. Und wie wollen wir in der gegenwärtigen Situation bestehen, wenn wir uns nicht was zutrauen und entschlossen sind, zu zeigen, was wir können? Manchmal möchte ich an diesem Land verzweifeln.

Dann war ich vor etwa einer Woche auf dem Deutschen Hotelimmobilien-Kongress in Bonn. Und da empfing mich eine Stimmung, die ich nicht erwartet hatte.  weiterlesen…

5. Juli 2010

Selbst ist die Frau

Hotels wären was Wunderbares, wenn es bloß die Gäste nicht gäbe. Gäste sind eine Zumutung. Und weibliche Gäste sind die allerschlimmsten. Die Ansprüche, die sie stellen – man sollte sie alle zum Teufel jagen. Oder gleich eine Frau den ganzen Laden schmeißen lassen. Meinten die Macher der englischen Kult-Serie »Fawlty Towers« aus den 70er Jahren. Viel Vergnügen.

3. Juli 2010

Und noch so ein Sommertraum

35 Grad warm soll’s heute wieder werden, sagt der Wetterbericht, oder sogar noch wärmer, sagt ein anderer. Und vom Schreibtisch her lächelt mich sardonisch die Arbeit an, die ich an diesem Wochenende zu erledigen habe. Du wirst doch jetzt nicht über die Hitze jammern, wispert eine Stimme in meinem Kopf – Regentage kommen noch genug. Aber gar nicht, antwortet eine andere. Eigentlich kann es mir gar nicht warm genug sein. Aber schön wär’s schon, jetzt sich im Meer zu aalen, wie ein Fisch durchs Wasser zu gleiten…

Ein Fisch? – mischt sich da endlich die gute Fee ein, die in keinem Sommermärchen fehlen darf. Ein Fisch ist ein bißchen viel verlangt. Die Fische sind längst schon vergeben. Aber eine Schildkröte hätte ich noch da – ein Tier von ausnehmend sonnigem Gemüt…

Fisch, Seepferd, Schildkröte – was auch immer, antworte ich. Hauptsache, das Wasser ist klar und keine Ölplattform in der Nähe. Wenn’s weiter nichts ist, lächelt die Fee, dann klick doch mal einfach auf den Pfeil da unten:

Happiest Turtle Ever from Henrik Edelbring on Vimeo.

3. Juli 2010

Ein Smiley für den Sommer :-)

So oft habe ich mich schon über die trüben Tage und die Schafskälte zu Beginn dieses Sommers beklagt – da muß ich doch jetzt, wo der Sommer seinem Namen Ehre macht und schon fast den Ehrentitel Hochsommer verdient, auch das mal gebührend würdigen. Also: es ist einfach toll, wie uns das Wetter momentan verwöhnt, und wie Tag für Tag von morgens bis abends die Sonne vom Himmel lacht. Man kann sich gar nicht dran sattsehen, oder?!

smiley

[Kudos: Andrew Sullivan]

3. Juli 2010

Platz 18, Tendenz absteigend

Der britische »Economist« hat diese Woche sein jüngstes Digital Economy Ranking (früher: E-readiness Ranking) vorgestellt. Diese jährlich aktualisierte Liste existiert seit mehr als 10 Jahren; sie wird von der Economist Intelligence Unit (EIU) und dem IBM Institute for Business Value erarbeitet und hat zum Ziel, Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft verläßliche Daten zu liefern, um den Stand der Informations- und Kommunikations-Technologie in ihrem Land im Hinblick auf den globalen ökonomischen Wettbewerb einzuschätzen. In die Bewertung fließt deshalb eine Vielzahl von Faktoren ein, die von der technischen Infrastruktur über den Zugang zu digitalen Diensten und die rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zum Nutzungsverhalten und dem digitalen Know-how der Nutzer reichen. Denn – in den Worten des Studienleiters Denis McCauley: »Strong digital development requires concerted action and progress across many fronts.«

Die Zusammenfassung der Studie erläutert das am Beispiel des diesjährigen Spitzenreiters Schweden:

»This year’s leader, Sweden, and most of the other top-tier countries boast, along with high degrees of connectivity, stable business and legal environments; strong educational and cultural drivers; supportive government ICT policies; and, partly as a result of all the forgoing, active and growing use of digital services by individuals and businesses.«

Schweden, von Anfang an im Spitzenfeld dabei, hat heuer übrigens erstmals den langjährigen Spitzenreiter Dänemark vom ersten Platz verdrängt. Generell allerdings hat sich an der führenden Rolle der skandinavischen Länder nicht viel verändert; auf dem vierten Platz folgt Finnland, auf dem sechsten Norwegen. Einen deutlichen Sprung nach vorn haben die USA getan, die es mit Platz drei immerhin aufs Siegertreppchen schafften; einen wesentlichen Anteil daran hat der Studie zufolge Apples iPhone und die dadurch initiierte massive Zunahme der mobilen Internet-Nutzung. Mit ins Spitzenfeld haben sich die Niederlande geschoben, die auf Platz fünf liegen; weiter auf dem Vormarsch eine Reihe asiatischer Länder, vor allem dank konsequenter Investitionen in die Infrastruktur.

Und wo liegt Deutschland? – würden Sie jetzt wahrscheinlich fragen, hätten Sie’s nicht schon in der Überschrift gelesen. Platz 18 also, ein Platz schlechter als letztes Jahr.  weiterlesen…