Sämtliche Jungs der Nachbarschaft, ob Rotznasen oder aufgeblasene Schnösel, rissen sich drum, ein Stück von Tante Pollys Zaun streichen zu dürfen. Für dieses Privileg waren sie bereit, ihre (momentan) kostbarsten Schätze zu opfern – einen Apfel, eine Meerschaumpfeife, echte Glasmurmeln. Tom Sawyer strahlte. Nicht nur hatte er sich die Arbeit erspart, die ihm Tante Polly zur Strafe aufgebrummt hatte – er war auch noch reich geworden dabei.
So beginnt Mark Twains Bestseller »The Adventures of Tom Sawyer«. Wer die Szene (und danach das ganze Buch) in seiner Jugend gelesen hat, ist für den Rest seines Lebens gefeit gegen ideologische Scheuklappen und moralinsaures Pharisäertum. Wenn nicht, dann war ihm ohnehin nicht zu helfen.
Noch erfolgreicher war dann der Nachfolge-Roman »Adventures of Huckleberry Finn«. Kein Geringerer als Ernest Hemingway bezeichnete es als das wichtigste Buch der amerikanischen Literatur überhaupt, das Buch, mit dem die amerikanische Literatur erst begonnen habe.
»All of American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn … There was nothing before. There has been nothing as good since.«

Mark Twain 1909
Hemingway liebte starke Sprüche. In Wirklichkeit wiederholte er bloß, was andere vor ihm schon konstatiert hatten – William Faulkner etwa, der Twain als den »Vater der amerikanischen Literatur« bezeichnet hatte. Aber eigentlich braucht es keine solchen Superlative, um den 125. Geburtstag von »Huckleberry Finn« (des Buchs, nicht seines Helden) zu feiern, das am 18. Februar 1885 in Twains eigenem Verlag, Webster & Co., seine amerikanische Premiere feierte. Das Datum hat es in sich. Im selben Jahr wurde Mark Twain 50 Jahre alt – und da hatte er noch genau 25 Jahre zu leben. In ein und demselben Jahr feiern wir also Mark Twains 175. Geburtstag, den 125. Geburtstag »Huckleberry Finns« und den 100. Todestag des Schriftstellers. Mark Twain hätte das gefallen; nicht zufällig war er stolz darauf, daß seine Lebensspanne exakt mit der zweimaligen Wiederkehr des Halley’schen Kometen zusammenfiel – dieses »unzurechenbaren Gesellen«, dem er sich seelenverwandt fühlte (und für diese Prophezeiung nahm Twain selbstbewußt sogar sein Todesjahr vorweg).
Ein überaus stimmiges Tripel-Jubiläum also. Nur die historische Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Denn es stimmt zwar, daß »Huckleberry Finn« am 18. Februar 1885 Amerika-Premiere feierte; schon ein Jahr davor allerdings war es in England und in Kanada herausgekommen. Vielleicht aber paßt das erst recht zu Samuel Langhorne Clemens, dessen erstes Werk unter dem Namen W. Epaminondas Adrastus Perkins erschien, und der sich später buchstäblich das Seemannsgarn als Künstlernamen erkor: »mark twain!«, riefen die Mississippi-Schiffer, wenn die Wassertiefe unter dem Schiffskiel zwei Faden betrug und damit eine sichere Passage gewährleistete. Allein für diese Namenswahl hätte Clemens alias Twain den Nobelpreis verdient, den er natürlich nicht bekam, obwohl er lange genug dafür gelebt hätte. Aber für so manchen Juror in Stockholm hat die amerikanische Literatur bekanntlich bis heute nicht begonnen, und womöglich fanden die Herren der Schwedischen Akademie das Seemannsgarn des Amerikaners auch moralisch bedenklich. »Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“ – hat André Heller (auch so ein Pseudonym!) mal gesungen, und das ist eine Zeile ganz aus dem Geiste Mark Twains. weiterlesen…