Einträge zum Thema Historie

28. August 2010

Seiner Zeit voraus – Fortsetzung

50 Jahre wurde Arne Jacobsens SAS Royal Hotel in Kopenhagen heuer alt – und der Ruhm als erstes Designhotel der Welt ist ihm wohl nicht zu nehmen. Aber was heißt das schon? Betrachten wir beispielsweise Kopenhagens zweite Erste Adresse – das Hotel D’Angleterre, im Zentrum der Stadt am Kongens Nytorv gelegen; zum Schloß Charlottenborg, dem königlichen Theater und dem berühmten Kaufhaus Magasin du Nord sind es jeweils nur ein paar Schritte. 200 Jahre hat das ehrwürdige Haus mittlerweile auf dem Buckel, viermal mehr als das SAS Royal, und das sieht man ihm auch an:

lowrez-dangleterre-Facade

Es gibt aber noch einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden First-Class-Häusern.  weiterlesen…

27. August 2010

Seiner Zeit voraus

Geplant war es als ein Hotel der Superlative: Kopenhagens erster Wolkenkratzer, das höchste Gebäude Dänemarks, entworfen von dem dänischen Architekturstar Arne Jacobsen, dessen Name schon damals in einem Atemzug mit Gropius oder Mies van der Rohe genannte wurde. Nicht weniger als das »Wahrzeichen einer neuen Zeit« schwebte der skandinavischen Fluglinie SAS vor, die wenige Jahre zuvor den Linienverkehr zwischen Kopenhagen und Los Angeles auf der attraktiven Polarroute, dem SAS Polar Short Cut aufgenommen hatte; das Hotel sollte gleichzeitig als Terminal für die neue Flugroute dienen.

Doch als das SAS Royal Hotel im Jahr 1960 eröffnet wurde, stieß es auf wenig Gegenliebe. Insbesondere Architekten und Architekturkritiker fanden mehr zu lästern als zu loben. Sie sahen in dem Haus eine Zerstörung des Kopenhagener Stadtbilds und verspotteten es als dreidimensionale Lochkarte oder gläserne Zigarrenkiste; auf Philip Johnson, den wortmächtigen Vertreter des International Style, wirkte es wie ein »Stück Löschpapier mit einer Rechnung drauf«. Jacobsen, an eine kontroverse Aufnahme seiner Entwürfe gewohnt, nahm die Kritik gelassen. Immerhin, so merkte er an, könne das Hotel ja vielleicht auf den Superlativ als häßlichstes Gebäude Kopenhagens Anspruch erheben.

Heute, genau 50 Jahre später, ist dieser Streit längst vergessen – meine Begeisterung für den gläsernen Quader hält sich allerdings immer noch in Grenzen. Als besonders gelungenes oder gar wegweisendes Beispiel der Architektur des 20. Jahrhunderts würde ich das Hotel nicht bezeichnen.

foto judith, Creative Commons

foto seier+seier, Wikimedia Commons

Der Grund, warum ich darauf zu sprechen komme, ist denn auch ein anderer. Denn wichtiger als eine neue Architektursprache war Jacobsen eine Erweiterung des traditionellen Architekturbegriffs. Schon sein allererstes Projekt von 1929, das mit Flemming Lassen gemeinsam konzipierte »Haus der Zukunft« war inspiriert von der Idee einer Architektur als »Gesamt­kunst­werk«; Jacobsen plante nicht nur das Haus, sondern entwarf auch gleich die passenden Möbel dazu. An diesem Ideal hielt er sein Leben lang fest und versuchte immer wieder, als Architekt auch Einfluß auf die Innenarchitektur zu nehmen. Mit wechselndem Erfolg, aber nicht ohne Überzeugungskraft: Per Kampmann, der damalige Direktor der SAS, war von Jacobsens Vision so angetan, daß er ihm 1956 den Auftrag für die integrale Gesamtplanung des neuen Hotels erteilte. Ein weiteres und auch das letzte Mal in seiner Karriere bekam Jacobsen Gelegenheit, seine Vorstellung von einem architektonischen Gesamtkunstwerk in die Tat umzusetzen. Nie zuvor und wohl auch nie mehr seither ist ein Hotel dieser Größenordnung so konsequent »aus einer Hand« gestaltet worden.  weiterlesen…

22. August 2010

Mehr zur Machtblindheit

Ich möchte vorbeugend ein Mißverständnis ausräumen, das mir im Gespräch begegnet ist. Interessant und wichtig finde ich an den aktuellen Forschungen zur »Machtblindheit« weniger deren konkrete Auswirkungen, als vielmehr die Tatsache, daß niemand immun ist gegen die Verdummung, die mit der Übernahme von Machtpositionen einhergeht. Die Machtblindheit ereilt jeden, der von der Macht auch nur gestreift wird – egal, ob er real eine Machtposition innehat, an sie denkt oder nur von ihr träumt. Deshalb ist es falsch, das Problem des »Machtmißbrauchs« ausschließlich unter moralischen Gesichtspunkten zu betrachten, wie das leider immer noch üblich ist. Gegen Machtblindheit hilft keine noch so hehre Moral. Mit guten Absichten oder Vorsätzen ist es nicht getan. Und noch weniger wäre damit getan, »die Macht« generell zu verteufeln. Wir brauchen Macht und wollen nicht auf sie verzichten. Macht ist das Vermögen, etwas zu bewirken. Genau aus diesem Grund halte ich es für eine vordringliche gesellschaftliche Aufgabe, das Wissen um die destruktiven Wirkungen von Macht ebenso wie geeignete Gegenmaßnahmen von früher Jugend an zu vermitteln. Wir brauchen »Machtexperten« in Führungspositionen. Auch für eine gesunde, entwicklungsfähige Unternehmenskultur ist ein konstruktiver Umgang mit Macht unerläßlich.

Was die konkreten Folgen und Symptome von Machtblindheit angeht, verraten uns die von mir angeführten Experimente in der Tat wenig Neues. Die Ignoranz der Mächtigen, die sich mit ihrer Macht identifizieren und gleichzeitig um sie fürchten, die daraus resultierende emotionale wie kognitive Verarmung – all das kennt man seit Jahrtausenden. Zahllose Epen, Romane, Theaterstücke und Filme haben das Thema variiert. Den Stoff dazu nehmen sie, mehr oder weniger verschlüsselt, manchmal auch in dokumentarischer Treue, stets aus dem »wirklichen Leben«. Bertolt Brecht war darin ein Meister. In seinem »Leben des Galilei« etwa zeigt er in brillanter dramaturgischer Verdichtung, wie sich ein etabliertes Herrschafts- und Machtgefüge gegen jede Infragestellung, jede Zumutung einer Veränderung abschottet und immunisiert. Selbst das, was vor aller Augen liegt und fast mit Händen zu greifen ist, wird im Munde derer, die das Sagen haben, zum bloßen Gespött und im schlimmsten Fall zur Blasphemie. Eins der zeitloseren Dramen von Bert Brecht, der sich selbst als Zeitdichter sah. Heute so aktuell wie vor 400 Jahren. Genießen Sie in diesem Sinn die folgende zentrale Szene aus dem Stück:

21. August 2010

One More Take

Crosby, Stills, Nash & Young, »Chicago/We can change the world«, 1968

Dieser Song ist untrennbar verknüpft mit dem Beginn und gleichzeitig einem der Höhepunkte des amerikanischen Studentenprotests gegen den Vietnamkrieg – dem 28. August 1968 in Chicago, der als »Bloody Wednesday« in die Geschichte einging. Auf dieses unrühmliche Datum, wo Polizei und Nationalgarde mit brutaler Gewalt gegen friedliche Demonstranten vorgingen, bezieht sich der Text des Liedes.

Ca. 40 Jahre später macht der Weltkonzern Siemens die zentrale Zeile »we can change the world« zum Motto eines Wettbewerbs, der junge Menschen dafür begeistern will, selbst zum Thema Umwelt und Ökologie zu forschen. Und ebenfalls 40 Jahre später greift auch ein amerikanischer Präsident­schafts­kandidat aus Chicago die Liedzeile auf und formt daraus gleich zwei Slogans, die erneut weltweit eine ungeheure Identifikationskraft entfalten: »Change!« und »Yes, we can«. Wenn das keinen Wechsel der Perspektive bedeutet. Und die Fähigkeit, unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen und die Dinge von mehreren Seiten zu sehen, hilft eben nicht nur, wie wir sahen, gegen die Machtblindheit – diese Fähigkeit ist auch die Voraussetzung für jede Art von Innovation und Veränderung: we can change the world.

Aber Sie dürfen das alles beim Zuhören auch getrost wieder vergessen. Genießen Sie einfach das Lied, das bis heute nichts von seiner mitreißenden Kraft verloren hat. Es spricht ohnehin für sich selbst.

19. August 2010

Die Bibliothek als Gästebuch

Am 6. August 1881 überfiel den Philosophen Friedrich Nietzsche auf einem der zahlreichen Fußmärsche, die er von Sils-Maria aus unternahm, das, was ihm selbst als sein größter Gedanke erschien: die Lehre von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen. Seither ist Sils-Maria weltberühmt und hat einen festen Platz in der Geistes- und Kulturgeschichte. Kaum weniger zum Ruf des Ortes und zu seiner kulturellen Ausstrahlung hat das Hotel Waldhaus beigetragen, das 1881 freilich noch nicht existierte. Aber es darf ohnehin bezweifelt werden, ob Nietzsche hier abgestiegen wäre – nicht nur, weil die bescheidenen Ruhestandsbezüge eines Basler Professors das nicht erlaubten, sondern vor allem, weil er in Sils-Maria die Zurückgezogenheit und ein einfaches Leben ohne äußere Ablenkungen suchte. Das spartanisch eingerichtete Zimmer, in dem er über viele Jahre hinweg immer wieder logierte, ist heute noch zu besichtigen; für ein solches Eremitendasein war und ist das Hotel Waldhaus sicher weniger geeignet.

1908, acht Jahre nach dem Tod des Philosophen, wurde der imposante, zur Zeit seiner Entstehung in vieler Hinsicht einzigartige Hotel-Neubau eröffnet. Er thront über dem Dorf, als habe es ihn immer schon gegeben – und als gehöre er gleichzeitig gar nicht hierhin. An ein Schiff fühlte sich Ulrich Greiner bei dem Anblick erinnert; er sah »den ehemaligen Luxusdampfer weiß aus dem dunklen Nadelwald emporleuchten«, und offen blieb nur eine einzige Frage: »wie … kam das Schiff auf den Berg?« Es wurde dahin gehext, könnte man vermuten. Das wirft die weitere Frage auf, ob sich Thomas Mann, ein treuer Stammgast, nicht auch von der »Waldhaus«-Atmosphäre zu seinem »Zauberberg« inspirieren ließ. Definitiv beantworten läßt sich wohl weder die eine noch die andere Frage.

hotel waldhaus
Das Hotel Waldhaus um 1930

Überhaupt ist das Waldhaus ein Ort der unaufgelösten und unauflösbaren Gegensätze. Das beginnt schon beim Namen, der an eine abgeschiedene Idylle von bescheidenen Dimensionen denken läßt und von dem palastartigen Bauwerk ganz augenscheinlich Lügen gestraft wird. Desgleichen verträgt sich die abgeschiedene Lage, die schon Nietzsche anzog und Theodor W. Adorno an das Ende der Welt und an die unwirtliche Leere des Kosmos gemahnte, erstaunlich gut mit dem kosmopolitischen Flair und der weltgewandten Gastlichkeit des Hauses. Gäste, die erwarten, den Ort ihrer Träume Jahr für Jahr unverändert wie seit Jahrzehnten wiederzufinden, fühlen sich im Waldhaus paradoxerweise ebensogut aufgehoben wie solche, die wert auf zeitgemäßen Komfort und Luxus legen. Die ewige Widerkehr des Gleichen schließt den Fortschritt nicht aus – und das Hotel investiert jährlich zwischen drei und vier Millionen Schweizer Franken, um das unter Beweis zu stellen. So entsteht – schon wieder ein scheinbarer Gegensatz – »eine eigenwillige, aber wohlüberlegte Mischung aus Kargheit und Grosszügigkeit, eigentlich urhelvetisch«, wie es die heutigen Besitzer formulieren. Die sind die Nachfahren des Gründers Josef Giger; das Hotel ist seit vier Generationen im Familienbesitz, und wahrscheinlich ist nur ein Familienunternehmen in der Lage, eine solche Tradition mehr als ein Jahrhundert lang am Leben zu erhalten.

Aber seine absolute Alleinstellung verdankt das Waldhaus weder den landschaftlichen Reizen, noch der Architektur oder der Vielfalt und Qualität seines Angebots. Womit vermutlich kein anderes Hotel auf der Welt konkurrieren kann, ist etwas anderes:  weiterlesen…

7. August 2010

One More Take

Für das Ausland zählen wir bekanntlich zur D-A-CH-Region, womit gemeint ist: Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das täuscht eine Einheit vor, von der wir in Wirklichkeit noch weit entfernt sind. Deshalb führe ich das Projekt einer Völkerverständigung zwischen Österreich und Deutschland weiter, das ich im letzten Beitrag begonnen habe; für die Österreicher habe ich nun mal, wie Sie sicher längst gemerkt haben, eine besondere Schwäche. Wer sie verstehen und ihnen näherkommen möchte, darf sich freilich nicht allein auf die Hochkultur beschränken; die ist ohnehin zu großen Teilen mit unserer identisch. Nehmen Sie nur die Musik: Haydn, Mozart, Beethoven, Bruckner, Mahler, Schönberg, Berg und so weiter – alles österreichische Importware (doch doch, auch Beethoven – fragen Sie einen Österreicher). Wer die Österreicher wirklich verstehen will, muß aber darüber hinaus auch dem Volk aufs Maul schauen und neben der offiziellen Nationalhymne beispielsweise auch die inoffizielle kennen; hier sind Austria 3 (W. Ambros, G. Danzer und R. Fendrich) mit »I am from Austria«; der Name der Band bezieht sich übrigens nicht auf das auch hierzulande bekannte Radioprogramm Ö 3, sondern auf eine, vom Volksmund liebevoll »Dreier« abgekürzte und ehedem sehr beliebte Zigarettenmarke.

Das war schon mal nicht schlecht für den Anfang; wahrscheinlich haben Sie sogar den Text weitgehend verstanden. In dem Fall sind Sie reif für die nächste Lektion.  weiterlesen…

7. August 2010

NYT: »‘Marienbad’ Revisited«

Soeben im Magazin der New York Times erschienen: ein Rückblick auf Alain Resnais’ Film »Letztes Jahr in Marienbad«. Zur Lektüre empfohlen, falls das Sunday Special von letzter Woche Ihre Neugier geweckt und Ihnen Lust auf diesen cineastischen Leckerbissen gemacht hat.

Aktueller Anlaß für den Artikel war die Premiere eines weiteren Films: Volker Schlöndorffs »The Making of ‘Last Year at Marienbad’«. Volker Schlöndorff war damals zweiter Regie-Assistent, und seine Dokumentation basiert auf privaten Super-8-Filmen der Schauspielerin Françoise Spira, die im Film eine Nebenrolle gespielt hatte. Dieses Material war erst vor zwei Jahren aus dem Nachlaß Spiras aufgetaucht, und seither hatte sich der französische Star-Philosoph Bernard-Henri Lévy dafür stark gemacht, die einzigartigen historischen Dokumente neu aufzubereiten und zu veröffentlichen.

Nach einem ersten Screening in der New York University fand die eigentliche Premiere unter Beteiligung vieler prominenter Gäste dann in Diane von Furstenbergs Studio statt. In ihren einführenden Worten ging von Furstenberg auf ihre persönliche Beziehung zu dem Film und zur Hauptdarstellerin Delphine Seyrig ein. Wann immer sie allein in einem Hotel sei, denke sie an »Seyrig’s character, captive of a fictional hotel, trapped in cycles of elegance and desire«. Auch ihre eigene Arbeit sei davon nicht unbeeinflußt geblieben; bei der Neugestaltung des Claridge’s in London habe sie sich in vieler Hinsicht von »Letztes Jahr in Marienbad« inspirieren lassen.

Mich wundert das nicht, da mir solche historisch-kulturellen Bezüge und Anregungen immer schon wichtig waren. Aber ich freue mich natürlich, in Diane von Furstenberg eine Geistesverwandte zu entdecken.

27. Juli 2010

Die Hotels der Garbo

Vom Film »Grand Hotel« mal ganz abgesehen: Greta Garbo liebte mondäne, luxuriöse und ausgefallene Hotels. Nicht nur als Schauspielerin – da gehört das Leben aus dem Koffer ja sozusagen zum Berufsbild –, sondern auch im Privatleben. Und davon hatte sie mehr als genug, nachdem sie mit 36 Jahren zum Entsetzen ihrer Fans ohne irgendeine Begründung Hollywood und der Schauspielerei ein für allemal den Rücken kehrte. Von da an widmete sie ihre Zeit im wesentlichen ausgedehnten Spaziergängen sowie mehr oder weniger heftigen, mehr oder weniger langwierigen Affären; Greta Garbo liebte auch Männer. Und natürlich läßt sich der Reiz romantischer Abenteuer durch ein entsprechendes Ambiente erheblich steigern. Deswegen liebte die göttliche Garbo ausgefallene, luxuriöse Hotels mit dem notwendigen erotischen Flair. Aber das habe ich schon gesagt.

Ihr eigentliches Zuhause, wenn man so sagen kann – also das Haus, wohin sie als Dauergast immer wieder zurückkehrte –, war dabei der Ritz Tower in New York, und über dieses Hotel muß ich nicht viele Worte verlieren. Auf eine Beschreibung der übrigen Hotels, die sie freqentierte, will ich mich aber erst recht nicht einlassen, dazu sind es zu viele und ich müßte ein dickes Buch darüber schreiben – ohne daß ich daraus irgendwelche Rückschlüsse auf die Zahl ihrer Affären ziehen wollte, und über letztere gibt es ohnehin Bücher genug.

Ich beschränke mich also auf ein Land, nämlich Italien, und auch in Italien nur auf zwei Beispiele. Doch die haben es in sich: zwei der schönsten Hotels der Welt an zwei der traumhaftesten Orten dieser Erde.

Das erste ist die Villa d’Este am Comer See, das die ZEIT noch kürzlich als »Hotel der Hotels, die Essenz schlechthin« titulierte.  weiterlesen…

26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  weiterlesen…

21. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 5. Teil

»Objects of Desire« lautet der Titel der fünften und letzten Folge der BBC-Serie zum modernen Design. Schon der Titel suggeriert: wir nähern uns der Gegenwart. Der Zeit, in der einerseits Designgegenstände zum Objekt der Begierde werden. Andererseits Designer im Hinblick auf Fragen der Ökologie, der Computertechnologie und der weltweiten Vernetzung vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Also auch der Zeit, in der die Zahl der offenen Fragen die der Antworten weit überwiegt. Aber das war vermutlich noch nie anders. Deshalb will ich im Vorfeld auch nicht allzuviele Worte machen: freuen Sie sich auf eine Begegnung mit Philippe Starck, Marc Newson, Jonathan Ive, Stephen Fry und anderen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier, hier und hier.]

20. Juli 2010

Ein Saal auf Wanderschaft

Erinnert sich noch jemand an Jean Claudes und Christos Aktion, den Reichstag zu verpacken? Ich meine nicht das historische Faktum an sich, sondern das ganze Drumherum: die jahrzehntelangen Diskussionen vorher, der politische Streit von den Ortsvereinen bis ins Parlament, das weltweite Medienecho – und dann die Emotionen, die das verhüllte Bauwerk auslöste, während sich die Verpackungsplanen nonchalant im Wind und der Berliner Luft kräuselten. Magische Momente. Ich kann es bezeugen; ich bin dabeigewesen.

Andererseits hatte von Jean Claude und Christo niemand was anderes erwartet. In der Kunstgeschichte haben sie als »Verpackungskünstler« längst ihren festen Platz. Auf die Idee, ein störendes Gebäude oder Teile davon einfach weg- und danach hinter Glas zu packen – auf die Idee muß man dagegen erst mal kommen. Dazu braucht es wohl die spezielle Mischung aus Euphorie und Hysterie, die das Berlin der Nach-Wende-Zeit charakterisierte. Das kann ich ebenfalls bezeugen – wir haben in diesen Jahren den neuen Schweizerhof gestaltet und aus einem Frontstadt-Hotel ein Hauptstadt-Hotel gemacht. Auch so eine Konfrontation mit der Geschichte, die ich erst kürzlich hier in der Serendipity Suite noch einmal Revue passieren ließ. Bei der Gelegenheit habe ich mehr als einmal an das Hotel Esplanade gedacht – jenes denkmalgeschützte Haus, das man »wegpackte«, weil es den Neubauplänen im Weg stand. Diese Nicht-Renovierung kostete 75 Millionen Euro; technisch handelte es sich um eine Meisterleistung, und das Medien-Echo darauf war (jedenfalls in Berlin) fast so gewaltig wie der Christo-Rummel. Aber das öffentliche Gedächtnis ist kurzlebig: heute kräht kein Hahn mehr nach der Geschichte, und kaum einer weiß noch, was es mit dem »Kaisersaal« wirklich auf sich hat.

Mir erscheint der heutige 20. Juli 2010 ein passendes Datum, noch einmal an das ehemalige Hotel Esplanade und seine Geschichte zu erinnern – sowie an die Art, wie man diese Geschichte »verladen« und »weggepackt« hat.  weiterlesen…

18. Juli 2010

Hotels in History / Writers’ Corner

Im kollektiven Gedächtnis sind die »rollenden Grandhotels« hinter ihre Rivalen zu Lande und zu Wasser zurückgetreten, habe ich festgestellt. Das gilt auch für ihre Rolle in der Diplomatie, wo sie insbesondere in Krisen- und Kriegszeiten eine wichtige Funktion übernahmen: als »nichtterritoriale Orte« für Verhandlungen, Geheimtreffen oder Vertragsunterzeichnungen beispielsweise – in dieser Hinsicht vergleichbar mit Schiffen. Es ist eine weithin vergessene Geschichte, die nach meiner Kenntnis ihren Historiker noch nicht gefunden hat.

Nachfolgend daher nur einige wenige Beispiele von Zügen, die als »Hotels«, »Paläste auf Rädern«, »mobiler Regierungssitz« oder »Kommandozentrale« Bedeutung erlangten.

Kaiser Wilhelm II. etwa liebte es, im eigenen »Hofzug« durch das Land zu rollen, sich von den Untertanen bejubeln zu lassen und in- und ausländische Gäste zu empfangen. Der Prunk seiner Salon- und Schlafwagen konnte es locker mit den besten Luxushotels der Zeit aufnehmen – urteilen Sie selbst:  weiterlesen…

15. Juli 2010

Ein Grandhotel für Leipzig (1)

Es liegt in der Natur der Sache, daß ich über unsere aktuelle Arbeit hier nur eingeschränkt oder gar nicht berichten kann. Solange ein Projekt nicht der Öffentlichkeit vorgestellt ist, haben die Auftraggeber ein Recht auf Verschwiegenheit. Mittlerweile aber ist es offiziell, Sie haben vielleicht schon aus der Presse davon erfahren, und deshalb will ich auch in der Serendipity Suite kein Geheimnis daraus machen: Leipzig bekommt ein Luxushotel von internationalem Rang. Genau in der geografischen Mitte der Stadt. Dort, wo bereits 1419 mit dem »Burgkeller« die erste Schänke Leipzigs eröffnete. 1908/09 wurde an dieser Stelle mit dem Handelshof das erste Eisenbeton-Haus der Stadt errichtet. Für die Umwandlung dieses Messepalasts in das Steigenberger Grandhotel Handelshof zeichnet das Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur verantwortlich. Die Planung dieses Projekts war eine große Herausforderung, und ich meine, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Aber es gibt noch einen weiteren, sehr persönlichen Grund, warum ich an diese Arbeit mit besonderer Freude und Leidenschaft herangegangen bin. Was nämlich auch von denen, die mich kennen, nur die wenigsten wissen: die Cornelia Markus-Diedenhofen aus Reutlingen ist eigentlich in Leipzig geboren.

Die eigene Geburtsstadt um eine solche Attraktion zu bereichern – das ist schon ein erhebendes Gefühl. Ich kann nicht leugnen, ein wenig stolz darauf zu sein. Aber Gelegenheiten dieser Art bieten sich einem auch nicht alle Tage…

Auf Einzelheiten des neuen Hotels einzugehen möchte ich mir sparen, da Steigenberger dazu eine ausführliche Pressemitteilung verfaßt hat, die Sie in voller Länge hier lesen können. Falls Sie aber vorab schon mal ein, zwei Bilder sehen wollen, sollten Sie erst mal hier  weiterlesen…

14. Juli 2010

25 Jahre made by markus diedenhofen (4)

Hotel »Schweizerhof«, Berlin

aufmacher

 
Das Sofa hatte Hildegard Knef gehört; genauer gesagt: es gehörte zu der Suite, in der Hildegard Knef einen Teil ihres Lebensabends verbrachte. Oder, wenn man es mit der historischen Genauigkeit noch genauer nehmen will: die man ihr kostengünstig überlassen hatte – als besseres Austrags-Stüberl gewissermaßen. Denn die Diva, die in ihrem Leben so viel gearbeitet hatte, die als Filmstar, Chanson-Sängerin und Buchautorin gleichermaßen reussierte, lebte am Ende ihres Lebens in finanziell sehr beengten Verhältnissen. Den Makel der »Sünderin« war sie letztlich nie mehr losgeworden. Ein Filmtitel als Omen für ein ganzes Leben – im Grunde ist es eine traurige, eine schäbige Geschichte.

So schäbig wie das Mobiliar des alten Hotels »Schweizerhof« insgesamt. Barockisierende Ungetüme, die in Plüsch und pseudorustikalem Kitsch schwelgten, an die sich aber zahllose Erinnerungen knüpften. Immerhin hatte der »Schweizerhof« ein zwei Jahrzehnte lang das besessen, was Nostalgiker gern als legendären Ruf bezeichnen. Auch der war freilich nicht unbedingt von der Art, auf die ein Firstclass-Hotel stolz sein dürfte. Immerhin: Dieter Thomas Heck, der in Berlin die »Internationale Hitparade« moderierte, verbrachte 1 300 Nächte hier. Die »La Casa«-Suite, in der später die Knef wohnen durfte, war damals für ihn reserviert. Ihm folgten allerhand andere Größen und jede Menge Möchtegern-Stars und Starlets des deutschen Show-Business. Deren Saufgelagen verdankte das Hotel seinen besonderen Ruf in der Stadt. Die nicht gerade großzügig dimensionierte »Wappen-Bar« hieß unter Insidern nur noch die Todeszelle. Werner Buttstädt, Publikumsliebling des NDR, goß dort den Fernet Branca grundsätzlich flaschenweise in sich hinein. Ähnlich hielt es die Polit-Prominenz, die alljährlich anläßlich der Grünen Woche im »Schweizerhof« logierte und in dessen Markgrafen-Saal ihre überparteilichen Kontakte pflegte. »Bier, Sekt, Schnaps und Wein / wie viel paßt in den Minister rein«, kommentierten Journalisten diese Treffen – off the record natürlich.
 

Am Anfang steht ein Schlußstrich

Schon in den letzten Jahren der alten Bundesrepublik waren Exzesse dieser Art nicht mal mehr den Klatsch-Kolumnisten eine Story wert. Die Wilhelm-Tell-Romantik des Interieurs, die in der »Frontstadt« mitteleuropäische Normalität suggerieren sollte, hatte sich schon damals überholt. Mit der Wende war die Zeit des »Schweizerhofs« dann endgültig abgelaufen. Einige Jahre lang erwog man eine gründliche Rundum-Erneuerung. Doch das gab die Bausubstanz schlicht nicht her. Das Gebäude, in den 60er Jahren von einem Münchner Autohändler als Investitionsobjekt errichtet, stieß auch in dieser Hinsicht an seine Grenzen. Man entschied sich also für Abbruch und Neubau statt für eine Renovierung. Und nicht mal die Lokalpresse, sonst eher dem Bewahren und der Traditionspflege zugetan, weinte dem heruntergekommenen Luxushotel eine Träne nach. »Alt geworden, der Sexappeal ist dahin«, schrieb etwa die »Berliner Zeitung« im Juni 1997. »Jedes Rouge auf den Wänden, jeder Lidstrich um die Fenster würde auf grausame Weise die Falten und Flecke noch mehr betonen, jede Renovierung wäre ein würdeloser Akt.«

Blieb die Frage, was mit Hildegard Knefs Sofa und dem anderen Krempel passieren sollte, der einmal ein Interieur gewesen war.  weiterlesen…

13. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 4. Teil

»Better Living Through Chemistry« ist der vierte Teil der BBC-Dokumentation zur Geschichte des modernen Designs betitelt. Sie hat mir ein paar merkwürdige, nachdenkenswerte Aha-Erlebnisse beschert. Das beginnt schon beim Titel. Chemie für ein besseres Leben – da ist nicht von vornherein klar, was gemeint ist. Geht es um »Design-Food«, maßgeschneiderte Lebensmittel aus der Retorte? Oder um die Erfolge der chemisch-pharmazeutischen Industrie bei der Entwicklung neuer Arzneimittel? Auch die Gentechnik käme in Frage – heute ein Schwerpunkt der biochemischen Industrie – oder die Nanotechnologie. Aber nein, es geht um etwas viel Trivialeres. Um Kunststoffe, Plastik also. Und schon rümpft jeder die Nase. Plastik – das ist Dutzend- und Billigware. Hochwertiges Design und Plastik scheinen einander auszuschließen.

So gründlich ist in Vergessenheit geraten, mit welcher Euphorie Plastik um die Mitte des vorigen Jahrhunderts begrüßt wurde. Plastik war ein Status-Symbol, ob in der Bekleidungsindustrie oder im Produkt-Design. Der Werkstoff der Zukunft, der der Kreativität der Designer keine Grenzen mehr setzte und ihnen nahezu unerschöpfliche Gestaltungsmöglichkeiten eröffnete. Die Wortverbindung »plastic fantastic« war ernst gemeint, nicht ironisch. Wenig ist im kollektiven Gedächtnis davon geblieben. Ein paar Design-Ikonen vielleicht wie Verner Pantons Stuhl, nach jahrelanger Entwicklungsarbeit in Kooperation mit der Firma Vitra nahtlos aus einem Stück gefertigt. Gekauft wird er heute allenfalls noch von Liebhabern. Oder, um ein zweites Beispiel zu nennen, Sonys Walkman, der zum Synonym eines Lebensgefühls wurde, heute aber ebenfalls fast nur noch in Museen zu finden ist. Im Großen und Ganzen aber ist Plastik in Verruf geraten. Zwar ist es aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken – aber bei aufgeklärten Konsumenten weckt es eher Schuld- als Glücksgefühle. Gesundheits- und Umweltbedenken haben das Image – wie sagt man heute so schön: nachhaltig ruiniert.

Ich frage mich, ob das von Dauer ist. Dem Wort »Plastik« dürfte man zwar kaum je wieder einen positiven Klang geben können. Plastiktaschen, die Ledertaschen imitieren, werden auch künftig eine Sünde wider den guten Geschmack darstellen. Trotzdem könnte es sein, daß wir gerade erst begonnen haben, die Möglichkeiten synthetischer Materialien und Werkstoffe zu entdecken und zu nutzen. Vielleicht sehen Historiker in weiteren 50 Jahren die Design-Verirrungen der 60er Jahre als verständliche Exzesse eine Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckte, deren »erwachsenes« Potential aber auch wir noch gar nicht abschätzen können.

Nehmen Sie das folgende Video als Vorschau auf einen solchen Rückblick. Viel Vergnügen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier und hier.]

7. Juli 2010

Hotels in History

mod

Ob man im Jahr 2128 noch von Boris Becker reden wird? Das ist der Unterschied zu Gustav Mahler, der heute vor 150 Jahren, am 7. Juli 1860 geboren wurde. Als »eine[n] der interessantesten und am meisten verehrten Musiker der Gegenwart« hat ihn der Dirigent Riccardo Chailly in der aktuellen ZEIT bezeichnet. Der Gegenwart! Aus dem Munde eines Dirigenten, der sich stärker für zeitgenössische Musik interessiert als viele seiner Kollegen. Und nächstes Jahr feiern wir Mahlers 100. Todestag. Das spricht nicht nur für die Kraft, sondern für die unverminderte Aktualität dieser Musik. Oder käme jemand auf die Idee, Tolstoi zu einem der größten Schriftsteller der Gegenwart zu erklären?

Weniger bekannt, aber ebenfalls »modern« ist die Rolle, die Hotels in Mahlers Leben spielten.  weiterlesen…

7. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (4)

mod

Moment mal, da war doch auch noch was anderes, dachte ich, nachdem mich die Einladung vom Optiker Stanzel 25 Jahre zurückversetzt hatte. Sommer 1985 – erinnern Sie sich noch? Ganz Deutschland fieberte mit, so wie jetzt bei der Fußball WM. Auch da ging es um Sieg oder Niederlage auf dem grünen Rasen, allerdings auf dem von Wimbledon. Und dann triumphierte der Nobody aus Germany. Heute vor 25 Jahren, am 7. Juli 1985. Boris Becker. The Leimener. Uns-Boris, wie er später liebevoll genannt wurde. Oder Bum-Bum-Boris, wie die Bild Zeitung wohl damals schon titelte. Da war der Junge grade mal 17. Andere sind in dem Alter noch nicht mal mit Pubertieren fertig. Das hat Becker später umso ausgiebiger nachgeholt.

Aber bleiben wir bei dem blutjungen Rotschopf, der über Nacht zum Weltstar wurde. In dem Zusammenhang, in dem sie auftauchte, hatte die Erinnerung daran für mich auch was Irreales. Hier eine Einladungskarte, worin das Jahr 1985 zur weiterwirkenden Gegenwart wurde. Da die Bilder aus Wimbledon, die mal als »unvergeßlich« galten und heute schon beinahe vergilbt sind: das ist ja schon fast nicht mehr wahr, dachte ich. Die »Ära Becker« und die Gegenwart – da liegen doch Ewigkeiten dazwischen. Oder jedenfalls Generationen: die Ära Sampras. Die Ära Federer. Und auch die neigt sich bereits wieder ihrem Ende zu.

Damals aber standen wir, der Leimener und ich, die gebürtige Leipzigerin aus Reutlingen, beide am Anfang unserer Karriere und hatten die Zukunft vor uns. Ich fieberte mit an diesem 7. Juli, und dachte keine Minute daran, daß ich 25 Jahre später Grund haben würde, stolz auf meine eigene Arbeit zu sein. Zu einer Zeit, da Becker seine Zukunft längst hinter sich hat. Gut, er hat Geschichte geschrieben mit diesem Wimbledon-Sieg, und auch noch einige Male danach, wenngleich dieser erste Triumph im Grunde nie mehr zu toppen war. Im Rückblick ist es eigentlich von Anfang an eine ziemlich traurige Erfolgs-Story. Und am Ende teilte Becker das Schicksal so vieler Stars von heute, insbesondere im Sport und im Show-Business: sie sind dazu verdammt, ihre eigene Geschichte zu überleben, es sein denn, sie sie erfänden sich ein zweites Leben nach dem ersten. Und das schaffen die wenigsten.

Nein, ich würde nicht mit Becker tauschen wollen. Womöglich müßte ich sonst, vor lauter Langeweile, ebenfalls nochmals damit anfangen, zu pubertieren.

mod

[Weitere »Momentaufnahmen« hier, hier  und hier; weitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

6. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (3)

Mein allererster Auftrag überhaupt? Hätten Sie mich das vor einer Woche gefragt, wäre ich ins Grübeln gekommen und hätte im Geist die Hotels der frühen Jahre Revue passieren lassen. Dann fand ich diese Karte in der Post:

stanzel_1

stanzel_2

Aber selbst das brachte mich nicht gleich auf die richtige Spur. Wie komme ich zu dieser Einladung? – dachte ich. Ich bin doch gar keine Kundin und habe auch sonst nichts mit denen zu tun. Dann dämmerte es mir: vor 25 Jahren habe ich die Inneneinrichtung dieses Geschäfts geplant und gestaltet. Das war meine Premiere als Innenarchitektin, noch bevor ich mein erstes Hotel plante und in der Folge meine Leidenschaft für diese spezielle Aufgabenstellung und die damit verbundenen Herausforderungen entdeckte, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Angefangen aber hat alles mit diesem Optikergeschäft. Und aus diesem Grund feiern wir in diesem Jahr beide unser 25-jähriges Bestehen. Als mir das so langsam richtig bewußt wurde, überkam mich fast eine Art von Rührung. Die 25 Jahre erschienen mir plötzlich in einem ganz neuen Licht, greifbarer als je zuvor.

Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß mit dieser Karte das Wort »Geschichte« eine andere, handfeste Bedeutung für mich bekam. Nicht als bloße Aufeinanderfolge von Projekten oder »Jobs«, die sich wie eine Kette aneinanderreihen, sondern als Beitrag zu einer gemeinsamen Welt, der das jeweilige Projekt überdauert. Vielleicht ist das ein wesentlicher Aspekt dessen, woraus Kultur, Zivilisation, Gemeinsinn entstehen.

Theoretisch war mir das auch vorher schon klar. Es gehört zum Selbstverständnis meiner Arbeit. Aber wie sich die historische und gesellschaftliche Dimension dieser Überzeugung hier in Form einer einfachen kleinen Karte exemplifizierte – das war schon eine großartige Erfahrung.
 

[Weitere »Momentaufnahmen« hier und hierweitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

2. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 3. Teil

Falls Sie die erste und die zweite Folge der BBC-Serie »The Genius of Design« verpaßt haben sollten, darf ich sie Ihnen nochmals ans Herz legen; Sie können aber auch mit der dritten beginnen, die Sie unten eingebettet finden. Den Titel einer »Ehrenrettung« verdient diese auf den ersten Blck vielleicht am wenigsten. Ihr Thema ist der Krieg und die Rolle des Designs bei der Aufgabe, möglichst effektiv und kostengünstig Sachwerte zu vernichten und Feinde auszulöschen. Nicht gerade ein Ruhmesblatt, würde ich sagen. Aber genau dieser objektive Blick, der vorschnelle Wertungen vermeidet und sämtliche Aspekte der Sache betrachtet, macht die große Stärke dieser Dokumentation aus. Es geht hier nicht um pro Design oder contra Design, kein Loblied und kein Verdammungsurteil. Es geht einfach um den Beitrag des Designs zu der Welt, in der wir leben. Und auch die hat sowohl Licht- wie Schattenseiten. Wir haben sehr viel erreicht – und sehr viel Unheil angerichtet. An beidem hat Design seinen Anteil. Das wird auch so bleiben. Deswegen ist es mit einer bloß moralischen Bewertung »des Designs« nicht getan. Ob wir »das Design« zum Sündenbock erklären oder zum goldenen Kalb machen, geht beides an der eigentlichen Frage vorbei. Die lautet nämlich: wofür bezahlen wir – als Einzelne wie als Gesellschaft – die Designer, was setzen wir uns für Ziele – und welchen Nutzen erwarten wir dabei vom Design.

Aber auch das klingt jetzt schon wieder viel zu gedankenschwer für einen Film, der einfach spannend und facettenreich erzählt ist. Lassen Sie sich deshalb von mir nicht länger davon abhalten, auf den Start-Button zu klicken…

30. Juni 2010

Buckminster Fullers Traumauto

Das ist eins der wenigen Filmdokumente, die Fullers »Dymaxion Car« in Aktion zeigen; was auf Fotos eher skurril aussieht, wirkt hier durchaus elegant und komfortabel; beachten Sie vor allem auch die effektvolle Demonstration des kleinen Wendekreises gleich zu Anfang des Films. Man könnte meinen, es handle sich um eine Konzeptstudie aus den 50er Jahren – Fuller baute das Gefährt aber schon 1933. Als Antrieb diente ein Ford V8-Motor mit 83 PS; der Verbrauch betrug dank der aerodynamischen Konstruktion 7,8 Liter pro 100 Kilometer, was selbst heute noch ein respektabler Wert ist – ebenso wie die Höchstgeschwindigkeit, die laut Buckminster Fuller bei 190 km/h liegen sollte. Den praktischen Beweis dafür mußte er schuldig bleiben: die vorhandenen Prototypen wurden nie schneller als mit ca. 140 km/h bewegt, und zur angestrebten und eigentlich schon beschlossenen Serienfertigung kam es dann doch nicht. Vielleicht will ja Sir Norman Foster, der bekanntlich ein Faible für schnelle Fortbewegungsmittel aller Art hat, mit seinem restaurierten »Dymaxion Car« die Behauptung seines Freundes nun nachträglich unter Beweis stellen.

18. Juni 2010

Der Ehrenrettung zweiter Teil

Früher als ich dachte und zu hoffen wagte, ist nun auch der zweite Teil der fünfteiligen BBC-Serie zum modernen Design verfügbar. Und wenn ich »Ehrenrettung« sage, meine ich keineswegs einen undifferenzierten Lobgesang. Es fehlen weder die Zwischentöne, noch kritische Anmerkungen oder die Darstellung unterschiedlicher, miteinander konkurrierender oder einander sogar bekämpfender Auffassungen und Leitbilder. Das alles bildet den Horizont, vor dem auch die Auswüchse und Deformationen des Gegenwarts-Designs im rechten Licht erscheinen. Und vor diesem Horizont wird erst recht deutlich, warum die kritische Auseinandersetzung mit diesen Irrwegen wichtig ist: Wir brauchen das Design – und wir brauchen den Streit darüber, was wir vom Design erwarten, welche Art von Design wir wollen – und auf welche Art wir pfeifen.

Andernfalls kriegen wir das Design, das wir verdienen… ;-)

17. Juni 2010

Design – Eine Ehrenrettung (updated)

[Ursprünglich hat dieser Eintrag auf ein Video bei Vimeo verwiesen; von dort wurde es aber entfernt, ohne daß Vimeo selbst den Grund dafür kennt. Wir haben jetzt ein anderes Videoportal eruiert, das die erste Folge der BBC-Dokumentation anbietet und hoffen, daß wir damit alle entschädigen, die ein paar Stunden lang nur die Nicht-Verfügbarkeitsmeldung von Vimeo zu sehen kriegten...]

Wir sollten uns hüten, das Kind mit dem Bade auszuschütten, habe ich geschrieben. Wenn ich hier immer wider die Verstiegenheiten des aktuellen Design-Markts anprangere, dann deshalb, weil mir am Design liegt, und weil ich es zu wichtig finde, um es ausschließlich Scharlatanen und Marketingstrategen zu überlassen. Allerdings bin auch ich längst nicht mehr imstande, in diesem überhitzten Wachstums-Markt den Überblick zu behalten und in jedem Einzelfall zwischen beifallheischenden Gags und zukunftsweisenden Innovationen zu unterscheiden. Es ist der BBC gar nicht hoch genug anzurechnen, diese Unübersichtlichkeit als Herausforderung verstanden und zum Anlaß für eine ehrgeizige, fünfteilige Bestandsaufnahme genommen zu haben. »The Genius of Design« heißt die Serie – und sie gehört zum Besten, was ich seit vielen Jahren zum Thema Design gesehen habe.

Der erste Teil ist jetzt in voller Länge bei Vimeo Youku abrufbar (auch dafür große Anerkennung!), und wenn Sie sich für das Thema interessieren oder sich beruflich damit beschäftigen, dann kann ich Ihnen nur ans Herz legen, sich die Zeit für das folgende Video zu nehmen. Es lohnt sich.

[Sobald (und sofern) die nächsten Folgen auf Vimeo Youku abrufbar sind, werde ich hier in der Serendipity Suite selbstverständlich ebenfalls darauf verlinken]

8. Juni 2010

Schumann zum 200.

Am 8. Juni 1810 wurde in Zwickau Robert Schumann geboren. Unter den Komponisten der deutschen Romantik war er wahrscheinlich der modernste. Sein Werk kam überhaupt erst im 20. Jahrhundert zur vollen Wirkung; für viele zeitgenössische Komponisten (wie Heinz Holliger) und Interpreten (wie Martha Argerich) stellt er eine der zentralen Bezugspersonen dar. Das ist der erste Grund, ihm diesen Eintrag zu widmen.

Der zweite: eins der bekanntesten und einflußreichsten Werke Schumanns, das Klavierkonzert a-moll op. 54, erlebte seine Uraufführung 1845 ausgerechnet in einem Hotel – dem Hotel de Saxe in Dresden; am Klavier seine Frau Clara Schumann, begleitet vom Hillerschen Konzert-Orchester unter Ferdinand Hiller, einem langjährigen Freund Schumanns. Das Hotel existiert übrigens heute noch; genauer sollte ich sagen: es existiert wieder, denn 1888 war es zu einem Postgebäude umfunktioniert worden; erst 2006 wurde es, pünktlich zum Schumann-Jahr, als Steigenberger Hotel de Saxe wieder eröffnet und seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Es dürfte nur ganz wenige Meisterwerke der Musikgeschichte geben, wenn sich denn überhaupt ein zweites findet, die in einem Hotel uraufgeführt wurden. Soviel zum zweiten Grund dieses Eintrags.

Der dritte und eigentliche Grund – aber man braucht ja auch vorgeschobene – liegt darin, daß mir Schumanns Musik so nahe ist wie kaum eine andere, und ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen, diese Leidenschaft (und den abgründigen Zauber der Musik) mit meinen Mitmenschen zu teilen. Sollten Sie darin einen Übergriff sehen, muß ich widersprechen. Es ist eine gute Tat.

Das folgende Video dokumentiert eine Aufführung des Werks im Leipziger Gewandhaus im Juni 2006 anläßlich des 150. Todestages von Schumann. Am Klavier: Martha Argerich, begleitet vom Gewandhaus-Orchester unter Riccardo Chailly. (Hier gibt es das Konzert als Ganzes)

Und noch ein zweites Stück möchte ich Ihnen zu Gehör bringen; ich habe Sie ja gewarnt. Dieses Violinkonzert von 1853 belegt auch die Behauptung, Schumanns Werk habe einen Großteil seiner Wirkung erst im 20. Jahrhundert entfaltet – entfalten können, muß ich in diesem Fall dazusagen, denn die Uraufführung fand 1937 in Berlin statt, allerdings in einer verstümmelten Fassung und in einem Rahmen, der Schumann für die Nazi-Propaganda vereinnahmen wollte. Das empörte Yehudi Menuhin so sehr, daß er gleich im darauffolgenden Jahr eine Aufführung der Originalfassung in New York organisierte; dabei handelt es sich also um die zweite und – streng genommen – die wirkliche Uraufführung.   weiterlesen…

7. Juni 2010

Ein verschlafener Geburtstag

Am 1. Juni 2009 – vor einer Woche war es genau ein Jahr her – habe ich den ersten Beitrag dieses Blogs veröffentlicht. Und heute erst denke ich an diesen Geburtstag. Vielleicht darf ich zur verspäteten Feier des Tages diesen allerersten Beitrag trotzdem noch einmal veröffentlichen; ich fand es selbst interessant, ihn mit Abstand nochmals zu lesen – und Sie können ebenfalls beurteilen, ob das, was ich mir damals erhofft habe, wahr geworden ist, oder ob manches, was zwischen den Zeilen stand, sogar erst im Lauf der folgenden Monate greifbare Konturen gewann. Viel Vergnügen mit diesem »Oldtimer«.

Wozu dieser Blog, wozu Serendipity Suite? Das ist natürlich eine dumme Frage, weil in Wahrheit der Blog selbst sie beantworten muß – und nur die Leser können entscheiden, ob die Antwort sie zufriedenstellt. Sagen die Leser Nein, kann ich vorab noch so kluge Erklärungen abgeben – das hilft dann alles nichts. Ganz so einfach will ich mich trotzdem nicht aus der Affäre ziehen.

Ich denke, die Motive für diesen Blog sind dieselben, die meiner Arbeit als Innenarchitektin zugrundeliegen. Allerdings ist wohl nichts schwieriger als für die eigenen Motive die richtigen Worte zu finden. Mir fällt eine Geschichte dazu ein, die mich schon als Kind beschäftigt hat. Die Geschichte handelt von Prokrustes, einer Gestalt der griechischen Mythologie; ich kenne sie in der Fassung der »Griechischen Götter- und Heldensagen« von Gustav Schwab, die ich damals verschlungen habe wie einen Abenteuerroman; und das sind sie ja auch.

Prokrustes war ein Räuber und Wegelagerer, der an der Straße von Eleusis nach Athen auf friedliche Reisende lauerte und ihnen ein Bett anbot. War der entsprechende Reisende groß, wählte Prokrustes ein kleines Bett und hackte dem Unglücklichen die Beine ab, damit er hineinpaßte. Kleine Reisende dagegen erhielten ein großes Bett und wurden so lange gestreckt, bis sie den Geist aufgaben. Lassen wir die blutrünstigen Aspekte der Geschichte weg und behalten nur das Bett übrig, dann können wir sagen: Prokrustes war ein Hotelier, der die Gäste ziemlich unerbittlich seinen Regeln unterwarf. Wer nicht parierte, flog hochkant raus. Falls Sie glauben, sowas gebe es nicht, dann lesen Sie einfach mal, was Seume auf seinem »Spaziergang von München nach Syrakus« so alles erlebte. Gut, das war im 19. Jahrhundert, aber immerhin.   weiterlesen…

9. Mai 2010

Muttertag (1)

Zum zweiten Sonntag im Mai, dem Ehrentag der Mütter, ein einzigartiges Dokument. Vielleicht haben Sie schon von StoryCorps gehört. Das ist ein Projekt im Rahmen der sogenannten Oral History, durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem American Folklife Institute und der Library of Congress. Seit 2003 hat die Organisation ca. 50 000 Lebensgeschichten von Menschen jeden Alters und aller Schichten gesammelt und dokumentiert, die diese im persönlichen Gespräch mit Gesprächspartnern ihres Vertrauens erzählen. Es handelt sich dabei wahrscheinlich um die wichtigste Dokumentation zur amerikanischen Alltagskultur der Gegenwart.

Um das Projekt einer noch breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen, hat StoryCorps kürzlich beschlossen, zu ausgewählten Geschichten (bzw. Ausschnitten daraus) filmische Animationen erstellen zu lassen und diese auf Vimeo zu veröffentlichen. Den Anfang macht das Interview, das ein 12-jähriger, am Asperger-Syndrom leidender Junge mit seiner Mutter führt. Über den Sinn der Animation kann man streiten, aber was der Junge und seine Mutter einander zu sagen haben – und die Art, wie sie das tun –, das kann ich nur als ergreifend bezeichnen.

Q&A from StoryCorps on Vimeo.

25. April 2010

Hotels in History

ryugyong-hotel-1

Mit ziemlicher Sicherheit das größte Hotel, das nie bewohnt wurde – und auch als Ruine noch eindrucksvoll: das Ryugyong Hotel in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang. Geschichte geschrieben hat es naturgemäß nicht – und paradoxerweise könnte es gerade deshalb in die Geschichtsbücher eingehen: als Symbol für die gescheiterten Ambitionen des Inselstaats und den Größenwahn seiner Herrscher. Nach der Grundsteinlegung 1987 wurden die Bauarbeiten 1992 eingestellt. Seither überragt der 330 Meter hohe Rohbau mit 3 000 Zimmern alle anderen Gebäude der Stadt. Regelmäßig gab es Gerüchte über einen möglichen Weiterbau – aber bei Gerüchten ist es bisher auch geblieben. Und die Finanzsituation Nordkoreas hat sich in den vergangenen 20 Jahren wohl ebenfalls nicht zum Besseren gewandelt.   weiterlesen…

24. April 2010

Hotelbettwäsche in Gefahr

Henri_Poincaré-2

276px-Henri_Poincaré_Signature.svg

Lassen Sie mich noch ein paar Worte zu Henri Poincaré sagen, dem wir im letzten Beitrag begegnet sind. Der Franzose – er lebte von 1854 bis 1912 – war eins der letzten »Universalgenies« der Mathematik. Fast alle mathematischen Disziplinen verdanken ihm entscheidende Impulse und Beiträge; einige davon – darunter das wichtige Gebiet der mathematischen Topologie – hat er begründet oder mitbegründet. Ebenso bedeutsam sind seine Beiträge zur theoretischen Physik, und als Autor bemühte er sich erfolgreich, die schwierigsten Fragen der Wissenschaft auch einem größeren Publikum nahezubringen. Damit erwarb er sich einen solchen Ruf, daß ihn die elitäre Sektion Literatur des Institut Français zu ihrem Mitglied machte.

Im normalen Leben allerdings entsprach der kurzsichtige und unbeholfene Poincaré auf fast schon übertriebene Weise dem Bild, das man sich vom weltfremden Wissenschaftler macht. Boshafte Zeitgenossen spotteten, er sei als Beidhänder zur Welt gekommen – mit der rechten Hand nicht weniger ungeschickt als mit der linken. Der Wissenschaftshistoriker Ian Stewart schreibt:

»Es gibt eine überkommene Karikatur für einen Mathematiker: geistesabwesend, mit Vollbart und einer Brille, die er ständig sucht, obwohl sie sich auf seiner Nase befindet. Nur wenige der großen (und weniger großen) Mathematiker entsprechen diesem Stereotyp. Auf Poincaré paßte es voll. Mehr als einmal hat er gedankenverloren die Bettwäsche im Hotel eingepackt, wenn er abreiste

Aus Versehen die Bettwäsche mitgehen zu lassen – auch damit kann man sich einen Namen machen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt; wenn nicht, ist sie gut erfunden. Und jedenfalls ein Grund, Henri Poincaré einen Ehrenplatz in der Serendipity Suite einzuräumen… :-)

23. April 2010

Keep Smiling

Und hier als weiterer Beitrag zum heutigen Tag des Buchs eine Erfindung des italienischen Ingenieurs Agostino Ramelli. Bedenkt man das Gewicht der damaligen Folianten, handelt es sich zweifellos um eine leserfreundliche Innovation. Ramelli selbst beschrieb sein »drehbares Lesepult« als »ansehnliche und sinnreiche Maschine, … die sehr nützlich für jeden ist, der gern studiert, besonders aber für jene, die unter Gicht oder körperlichen Gebrechen leiden, denn mit dieser Maschine kann man eine große Anzahl von Büchern lesen, ohne sich von der Stelle zu bewegen.«

Agostino Ramelli, »Lesemaschine« (1588)

Wer Richard Lesters Film »Die drei Musketiere« gesehen hat, kann sich an das Monstrum vielleicht erinnern – der Regisseur ließ es für den Film originalgetreu nachbauen.

Aber bei allem Respekt vor der handwerklich-technischen Leistung: die heutigen Ebooks – heißen sie nun Kindle, Nook oder iPad – sind vielleicht doch ein wenig handlicher… :-)
 

(Und weil ein Tag des Buchs ohne Buchtip eine halbe Sache wäre, hier meine Empfehlung: »Eine Geschichte des Lesens« von Alberto Manguel, auch als Taschenbuch erhältlich.)

21. April 2010

25 Jahre made by markus-diedenhofen (2)

Das Mövenpick Hotel Wasserturm in Hamburg

Aufmacher

Was sind 25 Jahre gegen ein ganzes Jahrhundert? Im Jahr 1910 wurde der neue, auf seinem Hügel die Umgebung überragende Wasserturm im Hamburger Sternschanzenpark seiner Bestimmung übergeben. Die Hansestadt und insbesondere das eher proletarische Schanzenviertel waren um ein Wahrzeichen reicher. »Bodenverhaftet, norddeutsch, wehrhaft«, beschrieb der Kunsthistoriker Hermann Hipp das Bauwerk. So überdauerte es die Jahrzehnte bis 1957. Da wurde es nicht mehr gebraucht, für die Trinkwasserversorgung gab es modernere Lösungen, und der Wasserturm begann zu verfallen. Über alternative Nutzungsmöglichkeiten wurde viel geredet, aber diesen Reden folgten keine Taten. Um die Jahrtausendwende wirkte der Turm äußerlich immer noch bodenverhaftet und wehrhaft – die Substanz hinter der Fassade aber war längst marode. Mauerwerk bröckelte; Eisenträger waren teilweise nahezu durchgerostet. Weitere 10 oder 15 Jahre, und der Turm wäre in sich zusammengefallen, stellten Sachverständige im Nachhinein fest.

Es ist also wohl der Patrizia Projektentwicklung und der Schweizer Hotelkette Mövenpick zu verdanken, daß Hamburg sein Wahrzeichen erhalten blieb. Sie hatten die Energie und das Durchhaltevermögen, gegen alle Widerstände ihren Traum von einem Hotel im Wasserturm in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Wellen schlugen hoch in der Bürgerschaft und im Schanzenviertel. Von heute aus betrachtet und vor dem geschilderten Hintergrund darf man von Stürmen im Wasserglas sprechen. Im Jahr 2003 begannen die Bauarbeiten. Von oben her wure der Bau entkernt; von oben her wurde das Hotel gewissermaßen in den Turm hineingewuchtet. Die Herausforderung war immens, und zwar für alle Beteiligten: Architekten, Bauleute, Innenarchitekten.

Hier kommen wir ins Spiel, das Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur. Es gab eine Reihe konkurrierender Entwürfe für die innenarchitektonische Gestaltung, doch unser Entwurf erwies sich als der überzeugendste, und wir erhielten den Zuschlag für eine der schwierigsten und lohnendsten Aufgaben in der Geschichte unseres Büros.    weiterlesen…

5. April 2010

Der Entenhase. Eine Ostermeditation

Der Entenhase. Aus: Ludwig Wittgenstein, »Philosophische Untersuchungen«

Das ist also der Entenhase. Eine aussterbende Art. Vom Osterhasen unterscheidet ihn, daß er in regelmäßigen Abständen zur Ente mutiert. Wird diese damit zur Oster-Ente? Das darf bezweifelt werden. Immerhin könnte man ihre Eier bunt bemalen, um dem festlichen Anlaß Ehre zu erweisen. Geschmacklich ist das Entenei Hühnereiern sogar überlegen, wie Köche und Feinschmecker versichern.

Aber wir waren beim Entenhasen. Der ist Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal irgendwo begegnet; vielleicht sogar unter dem Namen Kippfigur, wie der Fachausdruck dafür lautet. Kippfiguren sind die Chamäleons der Wahrnehmungspsychologie. Sie entziehen sich hartnäckig allen Versuchen, ihre Identität eindeutig festzustellen. Je länger Sie den Hasen betrachten, desto öfter hält er Sie zum Narren, wird vom Hasen zur Ente und von der Ente wieder zum Hasen. Immer wieder »kippt« die Wahrnehmung im Zeitraum eines Wimpernschlages, und der Entenhase hat seine Identität gewechselt. In den Phasen dazwischen herrschen eindeutige Verhältnisse: das Tier ist entweder ein Hase oder eine Ente. Aber so sehr Sie sich auch anstrengen und mit den Augen blinzeln: nie ist es beides gleichzeitig. Mühelos setzt der Entenhase die goldene Regel der klassischen Logik außer Kraft. Danach hat ein Ding entweder eine bestimmte Identität (z.B. »Hase«), oder es hat sie nicht und erweist sich als Ente, Storch oder Tausendfüßler. Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht –, hat Aristoteles einst postuliert, und die gesamte abendländische Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft sind ihm darin gefolgt.

Schon eine vertrackte Geschichte, nicht wahr? Ein Hase von zwielichtiger Provenienz, ein Hase, der vielleicht in Wirklichkeit eine Ente ist – ein solcher Hase soll Aristoteles entthronen und die theoretischen Fundamente unserer Zivilisation in Frage stellen. Man sollte sich mit Tieren, die Haken schlagen, womöglich gar nicht erst einlassen.    weiterlesen…

2. April 2010

Täter und Opfer

Der »Tatort«-Vorspann. Ein Klassiker der deutschen Fernsehgeschichte. Jeder kennt ihn, jeder hat ihn schon mal gesehen, bei jedem löst er andere Erinnerungen aus. Gestaltet von Kristina Böttrich-Merdjanowa, mit der Musik von Klaus Doldinger. Nur letzterer allerdings wurde bisher auch in den Credits gewürdigt. Über den Grund dafür hat der vorangegangene Beitrag berichtet. Und sich Gedanken darüber gemacht, warum der deutschen Hotellerie die zahlenden Gäste wegzurennen drohen. Mindestens so schnell, wie hier im Vorspann ausschnittsweise zu sehen:

25. März 2010

157 Jahre auf und ab

Diesen Geburtstag hätte ich fast übersehen – aber verspätete Glückwünsche sind immer noch besser als gar keine. Also: vor zwei Tagen, am 23. März, hatte der Lift Geburtstag. Jawohl, der Aufzug, der das Gesicht unserer Städte und ihre soziale Schichtung so fundamental verändert hat wie wenige andere Erfindungen. Am 23. März 1857 nahm der erste davon in einem fünfstöckigen Kaufhaus an der Ecke Broadway/Broome Street in New York den Betrieb auf. 300 Dollar hatte die Anlage gekostet; im selben Jahr verkaufte der Erfinder und Unternehmer Elisha Graves Otis zwei weitere davon zum selben Preis – in den ersten Monaten des Jahrs 1854 allerdings keinen einzigen. Eine vielversprechende Idee, aber geschäftlich ein Flop, so schien es zunächst.   weiterlesen…

21. März 2010

Kameha in History

Wir in Hawaii verehren in Kamehameha, dessen Namen fremdländische Zungen oft zu »Kameha« verkürzen, natürlich unseren ersten König, dessen Kommen heilige Legenden schon vor Urzeiten vorhersagten. Zum Teil des Welt-Kulturerbes avancierte Kamehameha – was in Ihrer schönen Sprache »der Einzigartige« bedeutet – dann durch die Fernseh-Serie »Magnum« mit Tom Selleck in der Hauptrolle. Nach dem gleichnamigen Luxus-Club in der Serie (für Normalsterbliche kein Zutritt) wurde später der Kamehameha Club in Frankfurt benannt, und mit dem »Kameha Grand Bonn« wird der Name nun ein weiteres Mal um die Welt gehen. Ein Hoch auf die Postmoderne – und jetzt soll sich noch einer das Maul über die arme Helene Hegemann und ihren Roman »Axolotl Roadkill« zerreißen… ;-)

Hier der legendäre Trailer zu »Magnum«; der »King Kamehameha Club« kommt gegen Ende ins Bild.

Und hier noch eine ganze Szene, die direkt im Club spielt:

11. März 2010

Nochmals: das Chelsea Hotel

Ende Dezember habe ich hier über das Chelsea Hotel und seine berühmten Gäste berichtet, zu denen auch Patti Smith und ihr damaliger Lebensgefährte Robert Mapplethorpe gehörten. Diese Woche widmet das ZEIT magazin Patti Smith eine Titelgeschichte mit vielen Fotos von damals; auf seiner Website zeigt das Magazin darüber hinaus einen kurzen Film, der im Chelsea Hotel in Patti Smith’ Zimmer entstanden ist – das muß nach meiner Schätzung so um das Jahr 1970 gewesen sein, noch bevor sie 1975 mit ihrem Album »Horses« weltberühmt wurde; auch den Namen Mapplethorpes, dessen Foto von Patti Smith das Cover ziert, kannte zu der Zeit noch keiner.

Schauen Sie sich den Film an, dann wissen Sie, was mit dem Wort »Künstlerhotel« gemeint ist, und wie wenig das jetzige Luxushotel Chelsea Hotel, das sich gern mit den Namen seiner berühmten Gäste schmückt, heute noch mit einem Künstlerhotel gemein hat.

Die Gäste von heute würden allerdings auch kaum mit Patti Smith tauschen wollen. Deren Zimmer fehlt alles, was diese Gäste erwarten; dafür hat es alles – na ja, vielleicht nicht alles, aber doch vieles –, was modernen Hotelzimmern fehlt und mit den Worten Atmosphäre und Ausstrahlung nur unzureichend umschrieben ist. Ein Paradox, das mich als Innenarchitektin ständig beschäftigt. Das gilt, beispielsweise, auch für das Badezimmer Henry Millers, das Tom Schiller filmisch festgehalten hat – und dem ich deswegen gleich noch einen Beitrag widmen werde.

1. März 2010

Bitte weghören (One More Take)

Wer zur Zielgruppe des Hotels »Renovatio« gehört, von dem der voran­gegangene Beitrag handelt, sollte sich besser keins der folgenden Videos antun. Aber es käme einer Unter­lassungs­sünde gleich, von Hotel­bars zu reden, ohne den Song zu er­wähnen, der im letzten Jahr­hundert gleich zweimal zum Mega-Hit wurde. Zunächst die Original­fassung von Bert Brecht/Kurt Weill, die von 1927 an um die Welt ging (der Text stammt übrigens, wie viele »Brecht­texte« der damaligen Zeit, von seiner Geliebten Elisabeth Hauptmann, der Alex Ross ein »wunderbar exzentrisches Englisch« attestiert:

Einige unter den Später­ge­borenen werden sich über diese Vor­geschichte des Lieds wundern, das in ihrem Gedächtnis als einer der größten Hits der Doors weiterlebt – gesungen von dem legendären Jim Morrison im Jahr 1967:

Schon fünf Jahre früher, 1962, hatte Bob Dylan Lotte Lenya mit einem Brecht/Weill-Programm in Greenwich Village erlebt und war zutiefst fasziniert von dem sprachlich-musikalischen »Gestus«, den Brecht und Weill kreiert hatten. Ein Erlebnis, das seine gesamte weitere musika­lische Ent­wicklung prägte. In den Worten des Musik­historikers Alex Ross:

»Im Geiste Brechts und Weills fing Dylan bald an, den Musik­hörern des späten 20. Jahr­hunderts seine eigenen Gestus­momente zu ver­schaffen: „The answer is blowin‘ in the wind“, „A hard rain‘s gonna fall“, „The times they are a-changin’“. Letzteres ist ein direktes Zitat einer Brecht-Zeile.«

Aus: Alex Ross, The Rest is Noise, München 2009, S. 220 – ein Buch übrigens, das ich jedem Musikinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann.

18. Februar 2010

Fast ein Tripel-Jubiläum

Sämtliche Jungs der Nachbarschaft, ob Rotznasen oder aufgeblasene Schnösel, rissen sich drum, ein Stück von Tante Pollys Zaun streichen zu dürfen. Für dieses Privileg waren sie bereit, ihre (momentan) kostbarsten Schätze zu opfern – einen Apfel, eine Meerschaumpfeife, echte Glasmurmeln. Tom Sawyer strahlte. Nicht nur hatte er sich die Arbeit erspart, die ihm Tante Polly zur Strafe aufgebrummt hatte – er war auch noch reich geworden dabei.

So beginnt Mark Twains Bestseller »The Adventures of Tom Sawyer«. Wer die Szene (und danach das ganze Buch) in seiner Jugend gelesen hat, ist für den Rest seines Lebens gefeit gegen ideologische Scheuklappen und moralinsaures Pharisäertum. Wenn nicht, dann war ihm ohnehin nicht zu helfen.

Noch erfolgreicher war dann der Nachfolge-Roman »Adventures of Huckleberry Finn«. Kein Geringerer als Ernest Hemingway bezeichnete es als das wichtigste Buch der amerikanischen Literatur überhaupt, das Buch, mit dem die amerikanische Literatur erst begonnen habe.

»All of American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn … There was nothing before. There has been nothing as good since.«

Mark Twain 1909

Mark Twain 1909

Hemingway liebte starke Sprüche. In Wirklichkeit wiederholte er bloß, was andere vor ihm schon konstatiert hatten – William Faulkner etwa, der Twain als den »Vater der amerikanischen Literatur« bezeichnet hatte. Aber eigentlich braucht es keine solchen Superlative, um den 125. Geburtstag von »Huckleberry Finn« (des Buchs, nicht seines Helden) zu feiern, das am 18. Februar 1885 in Twains eigenem Verlag, Webster & Co., seine amerikanische Premiere feierte. Das Datum hat es in sich. Im selben Jahr wurde Mark Twain 50 Jahre alt – und da hatte er noch genau 25 Jahre zu leben. In ein und demselben Jahr feiern wir also Mark Twains 175. Geburtstag, den 125. Geburtstag »Huckleberry Finns« und den 100. Todestag des Schriftstellers. Mark Twain hätte das gefallen; nicht zufällig war er stolz darauf, daß seine Lebensspanne exakt mit der zweimaligen Wiederkehr des Halley’schen Kometen zusammenfiel – dieses »unzurechenbaren Gesellen«, dem er sich seelenverwandt fühlte (und für diese Prophezeiung nahm Twain selbstbewußt sogar sein Todesjahr vorweg).

Ein überaus stimmiges Tripel-Jubiläum also. Nur die historische Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Denn es stimmt zwar, daß »Huckleberry Finn« am 18. Februar 1885 Amerika-Premiere feierte; schon ein Jahr davor allerdings war es in England und in Kanada herausgekommen. Vielleicht aber paßt das erst recht zu Samuel Langhorne Clemens, dessen erstes Werk unter dem Namen W. Epaminondas Adrastus Perkins erschien, und der sich später buchstäblich das Seemannsgarn als Künstlernamen erkor: »mark twain!«, riefen die Mississippi-Schiffer, wenn die Wassertiefe unter dem Schiffskiel zwei Faden betrug und damit eine sichere Passage gewährleistete. Allein für diese Namenswahl hätte Clemens alias Twain den Nobelpreis verdient, den er natürlich nicht bekam, obwohl er lange genug dafür gelebt hätte. Aber für so manchen Juror in Stockholm hat die amerikanische Literatur bekanntlich bis heute nicht begonnen, und womöglich fanden die Herren der Schwedischen Akademie das Seemannsgarn des Amerikaners auch moralisch bedenklich. »Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“ – hat André Heller (auch so ein Pseudonym!) mal gesungen, und das ist eine Zeile ganz aus dem Geiste Mark Twains. weiterlesen…

14. Februar 2010

Happy Valentine! (Hotel Hollywood)

Eigentlich gehören Blumen zum Valentinstag – manchmal regnet’s aber auch blaue Bohnen. Zum Beispiel beim sogenannten Valentinstag-Massaker 1929 in Chicago, das Billy Wilder in »Some like it hot« (»Manche mögen’s heiß«) filmisch verarbeitete. Eine der berühmtesten Szenen des Films zeigt, wie sich die Cosa Nostra für dieses »Valentinstags-Präsent« mit einer Geburtstagstorte revanchiert – und diese Torte hat es im wahrsten Sinn des Wortes in sich:

Das Hotel, worin diese Szenen spielen, liegt im Film in Miami; reales Vorbild und Drehort war allerdings das Hotel del Coronado in San Diego, das aus diesem Grund bis heute Touristen aus aller Welt anzieht. weiterlesen…

9. Februar 2010

Runter kommen sie immer – Nachtrag

Woran mich das Bild von der symbolischen Bruchlandung der Turkish Airlines unwillkürlich erinnert hat:

Ein Mann, dem Outfit und der Startnummer nach zu urteilen einer der Olympiateilnehmer, wirft sich in die Anlaufspur, stößt sich vom Schanzentisch ab – und danach beginnt ein seltsames Schauspiel. Offenkundig ist der Sprung von der Olympiaschanze eine völlig ungewohnte Erfahrung für ihn. Wild rudert er mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, die Fernsehzuschauer in aller Welt halten den Atem an, und dann landet er doch noch sicher. Bei einer Weite um die 50 Meter statt der doppelten Distanz wie die übrigen Teilnehmer. Der letzte Platz war ihm sicher. Augenscheinlich hatte er das Fliegen nie gelernt.

Das war Eddie the Eagle. Einige von Ihnen werden sich an ihn erinnern. Publikumsliebling und heimlicher Star der Olympischen Winterspiele 1988 in Calgary. In der Gunst der Menschen und der Medien verwies er selbst die Superstars der Wintersport-Nationen auf die Plätze:

In Kürze, 22 Jahre später, beginnen erneut Olympische Winterspiele in Kanada. In Vancouver statt in Calgary. Und die Kanadier haben den Sympathieträger von damals bis heute nicht vergessen.   weiterlesen…

21. Januar 2010

1100.006 wie Liebe – Nachtrag

Orient Express plant zum 21 Club ein 21 Hotel in Midtown Manhattan

Jetzt hat es doch wieder den Anschein, als würde das Library Hotel in New York bald Konkurrenz bekommen – und zwar in seiner unmittelbaren Nach­bar­schaft. Noch ein Bücherhotel? Ganz richtig, wenngleich aller Voraussicht nach von völlig anderem Zuschnitt. Ein Haus, das sowohl als Bibliothek wie auch als Hotel Maßstäbe setzen soll. Führende Köpfe der New Yorker Szene haben es schon vorab zum schrägsten und hippsten Hotel der Metropole erklärt – der Lorbeer kommt zwar etwas verfrüht, aber Klappern gehört nun mal zum Handwerk, ganz besonders in Big Apple.

Zu den Fakten.   weiterlesen…

21. Januar 2010

Hotel Hollywood

Die Zahl der Filme, in denen der 21 Club eine prominente Rolle spielt, ist Legion. Einen seiner ersten Hollywood-Auftritte aber hatte er auf reichlich verrätselte Art – und ohne selbst dabei in Erscheinung zu treten. Es genügte die Erwähnung der Zahl 21, und doch blieb der Name im Gedächtnis des Zuschauers stärker haften, als wenn er noch so opulente Bilder gesehen hätte. So war nun mal Alfred Hitchcocks Stil. In einer von Hitchcock mit Salvador Dali gemeinsam gestalteten Traumsequenz fällt das Wort, das später zur Entlarvung des Bösewichts führen soll. Hier ist die besagte Szene aus »Spellbound«, die Filmgeschichte geschrieben hat:

Wer neugierig geworden ist, findet hier das Ende des Films und die Auflösung des Rätsels um die »21«. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle ergänzend lieber ein Feature des Discovery Channels präsentieren, das etwas von der Strahlkraft vermittelt, die der Club bis heute entfaltet:

19. Januar 2010

Jenseits der Schamgrenze

Stellen Sie sich vor, ein namhafter Touristikkonzern habe die Kommandatur von – sagen wir Auschwitz, oder Buchenwald, oder Dachau, oder Birkenau, oder Sachsenhausen – zum Luxushotel umgebaut, die ehemaligen Häft­lings­baracken dienten als Gästebungalows, und wo sich einst Zwangsarbeiter zu Tode schufteten, dürfen heute Golf spielende Gäste auf einem 18-Loch-Platz ihr Handicap verbessern. Nicht einmal eine Gedenktafel erinnert an die Menschen, die einst hier ihr Leben ließen. Doch, doch – versichert beschwichtigend der Betreiber – es sei sogar ein kleines Museum geplant. Da müsse nur noch die EU die Gelder dafür bereitstellen. Verständlich, daß der Betreiber nicht selbst in etwas investieren will, was keinen Gewinn verspricht.

Undenkbar? Sagen Sie sowas nie, wenn Geld und Profitgier im Spiel sind. Sie brauchen in dem fiktiven Szenario nur ein paar Kleinigkeiten zu ändern, schon haben Sie die Geschichte, über die jetzt auch der Spiegel berichtet – bis hin zur Gedenkstätte, für die nur noch die Gelder der EU fehlen. Als Hotel fungiert bislang nur die umgebaute Kommandatur; zu mehr hat das Budget vorerst nicht gereicht. Statt Golfer spricht das Resort Angler an. Und der Name des Ortes lautet nicht Dachau oder Buchenwald, sondern Periprava, was im Rest der Welt weit weniger Emotionen auslösen dürfte. Im kommunistischen Rumänien allerdings war 0830 Periprava ein Synonym für den Gulag. Ein Arbeits- und Straflager, das seinen Insassen das Leben zur Hölle machte:   weiterlesen…

22. Dezember 2009

Chelsea Hotel (One More Take)

Nichts gegen Merian – aber darin auf das Chelsea Hotel als Reiseempfehlung zu stoßen, stimmt dennoch wehmütig. Wenn es je ein Domizil für schräge Vögel, ausgeflippte Typen, Superstars und verkrachte Genies gab, dann dieses. Die Legenden, die sich um das Chelsea Hotel und seine Bewohner ranken, füllen ein Buch. Es heißt »Legends of the Chelsea Hotel: Living with the Artists and Outlaws of New York’s Rebel Mecca«, und sein Autor, Ed Hamilton, gehörte jahrzehntelang zu den vielen »Dauergästen« des Hotels. Vieles, was im Buch keinen Platz mehr fand, ist in seinem Blog nachzulesen. Aber selbst Ed Hamilton kennt nur einen Bruchteil der Geschichten aus eigener Anschauung, die im  Laufe eines Jahrhunderts dem Haus seinen einzigartigen Nimbus verschafften.   weiterlesen…

18. Dezember 2009

Kulinarisch-literarisches Doppel

Last-Minute-Tips für Selber-Weihnachtsgeschenke

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: die Geschenke für die Familie, für Freunde, Angestellte und Geschäftspartner sind alle besorgt – nur an mich habe ich nicht gedacht. Wer spielt schon gerne Christkind für sich selbst… Wobei – eine kleine Belohnung könnte man sich schon gönnen. Als ich – über einen Artikel von Adam C. Engst in TidBITS – auf Epicurious gestoßen bin, habe ich darum nicht lange gezögert. Epicurious von Condé Nast Digital ist eine iPhone-App, deren wortspielerischer Name zum einen auf Epikur, den Gott der Feinschmecker anspielt, zum anderen auf das englische Wort »curious« für neugierig. Wer daraus schließt, es handle sich um Programm für Gourmets, eine Rezeptsammlung womöglich, liegt goldrichtig; echte Gourmets mußten aber ohnehin nicht raten, weil sie die mehrfach ausgezeichnete Website epicurious.com längst kennen.   weiterlesen…

16. Dezember 2009

Hotels in History

Bertha von Suttner, das Hotel Baur au Lac und der Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreisträger sind nicht zu beneiden. Erstens gibt es immer eine lautstarke Fraktion, die findet, er oder sie habe den Preis nicht verdient, und es sei eine Schande, daß stattdessen nicht dieser oder jene ausgezeichnet worden sei. Ähnlich geht es eigentlich nur noch den Literatur­nobel­preisträgern – aber Literatur genießt in der Öffentlichkeit einen geringeren Stellenwert.

Zweitens müssen sie den Preis ganz allein, getrennt von den anderen Preisträgern entgegennehmen – in Oslo statt in Kopenhagen. Dergestalt isoliert, sollen sie in ihrer Dankesrede dann die Ehre des Preises retten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber mit so viel Häme, wie Präsident Barack Obama letzte Woche entgegenschlug, wurde noch selten eine Preisrede aufgenommen. Wäre es nach den deutschen Kommentatoren gegangen, hätte sich Obama entweder für den Fehlgriff des Auswahlkomitees entschuldigen – oder ersatzweise mindestens sein Amt als US-Präsident niederlegen müssen. Angesichts dieser Alternative hat er sich, wie ich finde, sehr respektabel aus der Affäre gezogen.

Präsident Obama hält seine Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises (Foto: Pete Souza, Weißes Haus, Wikimedia)

Präsident Obama hält seine Rede während der Zeremonie zur Verleihung des Friedensnobelpreises

Aber das ist hier nicht mein Thema; ich habe mir in diesem Blog strikte politische Enthaltsamkeit verordnet. Trotzdem hat es mit dem Thema zu tun, denn der Friedensnobelpreis stand im Mittelpunkt von Kontro­versen, seit er im Jahr 1901 erstmalig an Henry Dunant und Frédéric Passy vergeben wurde. Auch Alfred Nobel war klar, daß es immer wieder Streit um Preis und Preisträger geben würde. Das ist einer der Gründe, warum der Preis in Oslo vergeben wird; vor dem Hintergrund der damaligen politischen Situation hoffte Nobel, auf diese Weise den Einfluß politischer Interessen auf die Wahl des Preisträgers zu begrenzen. weiterlesen…

16. Dezember 2009

Writer’s Corner (2)

Anläßlich des Abschlußbanketts des Internationalen Friedenskongresses 1904 in Boston hielt der amerikanische Philosoph William James im Anschluß an Bertha von Suttner eine Rede, die nicht zuletzt deshalb bemerkenswert und noch heute aktuell ist, weil sie erstaunliche  Parallelen zur Nobel Lecture aufweist, die Barack Obama 55 Jahre später, also 2009 gehalten hat:

»I am only a philosopher, and there is only one thing that a philosopher can be relied on to do. You know that the function of statistics has been ingeniously described as being the refutation of other statistics. Well, a philosopher can always contradict other philosophers. In ancient times philosophers defined man as the rational animal; and philosophers since then have always found much more to say about the rational than about the animal part of the definition.   weiterlesen…