Einträge zum Thema Kultur

19. August 2010

Die Bibliothek als Gästebuch

Am 6. August 1881 überfiel den Philosophen Friedrich Nietzsche auf einem der zahlreichen Fußmärsche, die er von Sils-Maria aus unternahm, das, was ihm selbst als sein größter Gedanke erschien: die Lehre von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen. Seither ist Sils-Maria weltberühmt und hat einen festen Platz in der Geistes- und Kulturgeschichte. Kaum weniger zum Ruf des Ortes und zu seiner kulturellen Ausstrahlung hat das Hotel Waldhaus beigetragen, das 1881 freilich noch nicht existierte. Aber es darf ohnehin bezweifelt werden, ob Nietzsche hier abgestiegen wäre – nicht nur, weil die bescheidenen Ruhestandsbezüge eines Basler Professors das nicht erlaubten, sondern vor allem, weil er in Sils-Maria die Zurückgezogenheit und ein einfaches Leben ohne äußere Ablenkungen suchte. Das spartanisch eingerichtete Zimmer, in dem er über viele Jahre hinweg immer wieder logierte, ist heute noch zu besichtigen; für ein solches Eremitendasein war und ist das Hotel Waldhaus sicher weniger geeignet.

1908, acht Jahre nach dem Tod des Philosophen, wurde der imposante, zur Zeit seiner Entstehung in vieler Hinsicht einzigartige Hotel-Neubau eröffnet. Er thront über dem Dorf, als habe es ihn immer schon gegeben – und als gehöre er gleichzeitig gar nicht hierhin. An ein Schiff fühlte sich Ulrich Greiner bei dem Anblick erinnert; er sah »den ehemaligen Luxusdampfer weiß aus dem dunklen Nadelwald emporleuchten«, und offen blieb nur eine einzige Frage: »wie … kam das Schiff auf den Berg?« Es wurde dahin gehext, könnte man vermuten. Das wirft die weitere Frage auf, ob sich Thomas Mann, ein treuer Stammgast, nicht auch von der »Waldhaus«-Atmosphäre zu seinem »Zauberberg« inspirieren ließ. Definitiv beantworten läßt sich wohl weder die eine noch die andere Frage.

hotel waldhaus
Das Hotel Waldhaus um 1930

Überhaupt ist das Waldhaus ein Ort der unaufgelösten und unauflösbaren Gegensätze. Das beginnt schon beim Namen, der an eine abgeschiedene Idylle von bescheidenen Dimensionen denken läßt und von dem palastartigen Bauwerk ganz augenscheinlich Lügen gestraft wird. Desgleichen verträgt sich die abgeschiedene Lage, die schon Nietzsche anzog und Theodor W. Adorno an das Ende der Welt und an die unwirtliche Leere des Kosmos gemahnte, erstaunlich gut mit dem kosmopolitischen Flair und der weltgewandten Gastlichkeit des Hauses. Gäste, die erwarten, den Ort ihrer Träume Jahr für Jahr unverändert wie seit Jahrzehnten wiederzufinden, fühlen sich im Waldhaus paradoxerweise ebensogut aufgehoben wie solche, die wert auf zeitgemäßen Komfort und Luxus legen. Die ewige Widerkehr des Gleichen schließt den Fortschritt nicht aus – und das Hotel investiert jährlich zwischen drei und vier Millionen Schweizer Franken, um das unter Beweis zu stellen. So entsteht – schon wieder ein scheinbarer Gegensatz – »eine eigenwillige, aber wohlüberlegte Mischung aus Kargheit und Grosszügigkeit, eigentlich urhelvetisch«, wie es die heutigen Besitzer formulieren. Die sind die Nachfahren des Gründers Josef Giger; das Hotel ist seit vier Generationen im Familienbesitz, und wahrscheinlich ist nur ein Familienunternehmen in der Lage, eine solche Tradition mehr als ein Jahrhundert lang am Leben zu erhalten.

Aber seine absolute Alleinstellung verdankt das Waldhaus weder den landschaftlichen Reizen, noch der Architektur oder der Vielfalt und Qualität seines Angebots. Womit vermutlich kein anderes Hotel auf der Welt konkurrieren kann, ist etwas anderes:  weiterlesen…

16. August 2010

Writers’ Corner

Die Frage nach der humanen Dimension eines Design, das Menschen dient und ihren Schönheitssinn anspricht, wird uns hier in der Serendipity Suite wohl noch ebenso lange beschäftigen wie die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Auswüchsen dieser Disziplin, die solche Ziele leichtfertig in den Wind schlägt. Die Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) hat zu diesem Thema ein Gespräch mit Alessandro Mendini geführt, einem der Altmeister des postmodernen Designs. Der bringt die heutige Lage folgendermaßen auf den Punkt:

»Das Problem des modernen Designs ist, dass es sich ausschließlich um Styling zu drehen scheint. Stars wie Marc Newson konzentrieren sich zu sehr auf Marketing und Hightech-Materialien. Für mich ist auch Design, das Kunst sein will, ein Problem. Es wird zu artifiziell, es verliert die Bodenhaftung. Es ist fast immer dummes Design. Denn es ist sehr kalkuliert und kalt. Es ist nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden, nicht mehr mit ihrem Alltag, mit ihren Körpern. Was ihm vor allem fehlt, ist eine humanistische Utopie.«

Alessandro Mendini wird nächstes Jahr 80. Schade, daß es gegenwärtig nur wenige so junge, rebellische Geister wie ihn gibt. Immerhin: bei den ganz Jungen wird die Forderung nach einer Umorientierung immer lauter.

13. August 2010

Words

»Words have the power to shape the way we think and feel«, heißt es im Begleittext zu diesem Video. Es handle sich um »a moving exploration of how language connects our inner thoughts to the outside world«. Ganz platt könnte man sagen: »Words« ist ein visuelles Wortspiel, die Umsetzung mehrdeutiger Wörter in bewegte Bilder, und diese Definition ist durchaus hilfreich beim »Einstieg« in den Film. Sie erklärt aber nicht, warum er einen Nerv trifft – und das offenkundig nicht nur bei mir. Das Video ist in der amerikanischen Netz-Szene binnen weniger Tage zu einem Geheimtip avanciert.

»Words have the power to shape the way we think and feel« – das scheint mir viel wahrer als das geläufige, auf einer freien und sinnentstellenden Übersetzung beruhende Shakespeare-Zitat, Worte seien Schall und Rauch. Worte rufen Bilder hervor, Bilder verbinden sich mit Gefühlen, und Gefühle führen zu Handlungen, über die wir dann Geschichten erzählen. Deshalb spielen Worte auch eine entscheidende Rolle bei den »dominierenden Themen«, die bestimmen, wie wir als Einzelne unser Leben gestalten oder als Teil einer Gemeinschaft, eines Teams, eines Unternehmens den Markt und die Welt bereichern. Oder daran scheitern: Sie erinnern sich an diesen Beitrag von vorgestern.

Wahrscheinlich bin ich in diesen Tagen besonders empfänglich für die Botschaft dieses Videos, weil mich grade selbst die unterschiedlichen Facetten des Themas intensiv beschäftigen. In einem der kommenden Beiträge werde ich darauf eingehen, auf welch subtile Weise die Wahl der richtigen Worte den Erfolg eines Unternehmens und die Beziehungen zwischen den Mitarbeitern beeinflussen kann. »Words have power.« Mehr dazu vielleicht schon heute im weiteren Verlauf des Tages.

[Kudos: Radiolab]

7. August 2010

One More Take

Für das Ausland zählen wir bekanntlich zur D-A-CH-Region, womit gemeint ist: Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das täuscht eine Einheit vor, von der wir in Wirklichkeit noch weit entfernt sind. Deshalb führe ich das Projekt einer Völkerverständigung zwischen Österreich und Deutschland weiter, das ich im letzten Beitrag begonnen habe; für die Österreicher habe ich nun mal, wie Sie sicher längst gemerkt haben, eine besondere Schwäche. Wer sie verstehen und ihnen näherkommen möchte, darf sich freilich nicht allein auf die Hochkultur beschränken; die ist ohnehin zu großen Teilen mit unserer identisch. Nehmen Sie nur die Musik: Haydn, Mozart, Beethoven, Bruckner, Mahler, Schönberg, Berg und so weiter – alles österreichische Importware (doch doch, auch Beethoven – fragen Sie einen Österreicher). Wer die Österreicher wirklich verstehen will, muß aber darüber hinaus auch dem Volk aufs Maul schauen und neben der offiziellen Nationalhymne beispielsweise auch die inoffizielle kennen; hier sind Austria 3 (W. Ambros, G. Danzer und R. Fendrich) mit »I am from Austria«; der Name der Band bezieht sich übrigens nicht auf das auch hierzulande bekannte Radioprogramm Ö 3, sondern auf eine, vom Volksmund liebevoll »Dreier« abgekürzte und ehedem sehr beliebte Zigarettenmarke.

Das war schon mal nicht schlecht für den Anfang; wahrscheinlich haben Sie sogar den Text weitgehend verstanden. In dem Fall sind Sie reif für die nächste Lektion.  weiterlesen…

7. August 2010

NYT: »‘Marienbad’ Revisited«

Soeben im Magazin der New York Times erschienen: ein Rückblick auf Alain Resnais’ Film »Letztes Jahr in Marienbad«. Zur Lektüre empfohlen, falls das Sunday Special von letzter Woche Ihre Neugier geweckt und Ihnen Lust auf diesen cineastischen Leckerbissen gemacht hat.

Aktueller Anlaß für den Artikel war die Premiere eines weiteren Films: Volker Schlöndorffs »The Making of ‘Last Year at Marienbad’«. Volker Schlöndorff war damals zweiter Regie-Assistent, und seine Dokumentation basiert auf privaten Super-8-Filmen der Schauspielerin Françoise Spira, die im Film eine Nebenrolle gespielt hatte. Dieses Material war erst vor zwei Jahren aus dem Nachlaß Spiras aufgetaucht, und seither hatte sich der französische Star-Philosoph Bernard-Henri Lévy dafür stark gemacht, die einzigartigen historischen Dokumente neu aufzubereiten und zu veröffentlichen.

Nach einem ersten Screening in der New York University fand die eigentliche Premiere unter Beteiligung vieler prominenter Gäste dann in Diane von Furstenbergs Studio statt. In ihren einführenden Worten ging von Furstenberg auf ihre persönliche Beziehung zu dem Film und zur Hauptdarstellerin Delphine Seyrig ein. Wann immer sie allein in einem Hotel sei, denke sie an »Seyrig’s character, captive of a fictional hotel, trapped in cycles of elegance and desire«. Auch ihre eigene Arbeit sei davon nicht unbeeinflußt geblieben; bei der Neugestaltung des Claridge’s in London habe sie sich in vieler Hinsicht von »Letztes Jahr in Marienbad« inspirieren lassen.

Mich wundert das nicht, da mir solche historisch-kulturellen Bezüge und Anregungen immer schon wichtig waren. Aber ich freue mich natürlich, in Diane von Furstenberg eine Geistesverwandte zu entdecken.

31. Juli 2010

One More Take (Serendipity)

Nun haben also, David Wagner sei Dank, die Serendipität und das Serendipitieren endlich auch Eingang in die deutsche Literatursprache gefunden; ein paar vergebliche Anläufe dazu hat’s ja schon gegeben. Zur Feier dieses Ereignisses hier noch einmal, für alle, die sie noch nicht kennen, Richard Meyers »Serendipity Suite«, und für alle anderen ebenso.

Übrigens: Wagners Aufsatz ist schön, wirklich. Sie sollten ihn lesen, wenn Sie den Merkur im Hause haben (und wenn nicht, ist diesem Manko leicht abzuhelfen).

P.S.
Trotzdem läßt mir das Serendipitieren keine Ruhe. Sollte es nicht eher Serendipisieren heißen? So wie in Autorität – Autorisieren? Wer autorisiert hier eigentlich den korrekten Sprachgebrauch? Ich warte auf Wortmeldungen und Stellungnahmen – gerne auch von der Duden-Redaktion…

23. Juli 2010

Writers’ Corner (Kulturelles Erbe)

Das sogenannte kulturelle Erbe ist ein Schatz – bisweilen aber auch eine Bürde. Die wog im Fall des Kaisersaals – stellvertretend für das Hotel Esplanade – immerhin 1 800 Tonnen. Nicht immer ist das Erbe so gewichtig. Das Sofa Hildegard Knefs aus dem Hotel Schweizerhof etwa wurde, wie Sie sich erinnern, gewogen und für zu leicht befunden. Aber es ist für Leute, die sich gern mit Kultur schmücken, ohne mit ihr was am Hut zu haben, nicht immer leicht, in dieser Hinsicht die richtigen Maßstäbe zu finden. Davon weiß auch der Verleger und Schriftsteller Klaus Wagenbach ein Lied zu singen – und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

»Als nach der Wiedervereinigung am prominenten Ort in Berlin ein Zentrum bürgerlicher Selbstversicherung, das Hotel Adlon, wieder aufgebaut worden war, erhielt eine Buchhandlung den Auftrag, die Bibliothek einzurichten: keine Taschenbücher, am besten Halbleder oder mindestens Ganzleinen, überwiegend grün, aber auch braun oder dunkelrot et cetera. Die Buchhändlerin hat sich dazu nicht geäußert, aber strafweise erhielt das Adlon mehrere Ausgaben von Gustav Freytags Soll & Haben. Geschieht ihm recht. Noch 2009, in einem funkelnagelneuen Hotel in Rostock, passierte mir ähnliches: In der Eingangshalle stößt man auf eine Wand mit Büchern, die offensichtlich ein Analphabet ausgesucht hat. Hauptsächlicher Zweck auch hier: Wir möchten Ihnen einen Eindruck von unserer Bildung vermitteln, die zugleich gediegen wie abgehangen ist.«

Klaus Wagenbach
 

Als »Kulturverlederung« bezeichnet Wagenbach treffend dieses Phänomen. Sie erinnern sich vielleicht an den Beitrag »1100.006 wie Liebe«, worin ich die Verwechslung von Kultur und kultureller Attitüde mindestens ebenso heftig aufs Korn genommen habe. Wagenbachs Berliner Beobachtungen sind auch ein Kommentar zum Library Hotel in New York. Es ist wohl Vorsicht angezeigt, wenn man allzu euphorisch transatlantische Gemeinsamkeiten beschwört…
;-) ;-) ;-)

21. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 5. Teil

»Objects of Desire« lautet der Titel der fünften und letzten Folge der BBC-Serie zum modernen Design. Schon der Titel suggeriert: wir nähern uns der Gegenwart. Der Zeit, in der einerseits Designgegenstände zum Objekt der Begierde werden. Andererseits Designer im Hinblick auf Fragen der Ökologie, der Computertechnologie und der weltweiten Vernetzung vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Also auch der Zeit, in der die Zahl der offenen Fragen die der Antworten weit überwiegt. Aber das war vermutlich noch nie anders. Deshalb will ich im Vorfeld auch nicht allzuviele Worte machen: freuen Sie sich auf eine Begegnung mit Philippe Starck, Marc Newson, Jonathan Ive, Stephen Fry und anderen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier, hier und hier.]

15. Juli 2010

Ein Grandhotel für Leipzig (2)

Wie angekündigt, ohne jeden weiteren Kommentar hier die Pressemitteilung von Steigenberger zum neuen Grandhotel Handelshof in Leipzig:
 

Steigenberger Grandhotel Handelshof, Leipzig –
Außergewöhnliches Design im Luxushotel

Im April 2011 ist es soweit: Das Steigenberger Grandhotel Handelshof im Herzen Leipzigs wird seine ersten Gäste empfangen. Wie das Design des Luxushotels aussehen wird, steht bereits fest: Leitlinie ist die große Historie der Stadt Leipzig und die Tradition des Handelshofes. Es dominieren historisierende Elemente, kulturelle Bezüge – etwa auf Goethes Faust –, kostbare Materialien in warmen Farben und eine unaufdringliche Eleganz.

Eindrucksvoll ist bereits die denkmalgeschützte Fassade des Steigenberger Grandhotel Handelshof. Sie hat ihr ursprüngliches Aussehen weitestgehend zurückerhalten und weist traditionelle Architekturmotive auf. Hierzu zählen etwa prunkvolle mehrgeschossige Runderker in der Leipziger Renaissancetradition.

Für die Innenarchitektur des Steigenberger Grandhotel Handelshof zeichnet das Büro Markus-Diedenhofen mit Sitz in Reutlingen verantwortlich, das sich auf die Fahne geschrieben hat, das Hotel angelehnt an den historischen Handelshof und mit Verweisen auf die Leipziger Geschichte und Kultur zu gestalten. Bei der Umsetzung der Inneneinrichtung ist die Steigenberger Tochtergesellschaft *H*E*A*D* federführend, welche die elegant-moderne Linie mit edlen Materialien und warmen Farben implementiert.

Beim Betreten des Steigenberger Grandhotel Handelshof durchquert der Gast ein imposantes Kreuzgewölbe. Dessen Boden wird aus Glasmodulen zusammengesetzt sein, deren integrierte Sensoren auf Schritte reagieren und visuelle oder akustische Signale freigeben.  weiterlesen…

8. Juli 2010

Hotel Hollywood / One More Take

In seinem Film »Der Tod in Venedig« (über die Rolle des Hotels darin haben wir schon einmal gesprochen) hat Luchino Visconti die Figur Gustav Aschenbachs, die in Thomas Manns Novelle autobiographische Züge trug und Schriftsteller war, zum Komponisten gemacht, für den Gustav Mahler als Vorbild diente. Dessen Musik zieht sich daher leitmotivisch durch den Film und gibt schon im Vorspann und den ersten Einstellungen mit dem Adagietto aus der 5. Symphonie dessen Grundton vor.

Viscontis weltweit erfolgreicher Film markiert einen der Höhepunkte des modernen Mahler-Revivals, das bis heute anhält und sich mittlerweile zu einer Art Mahler-Boom ausgewachsen hat. Seinerzeit allerdings war Viscontis Interpretation nicht unumstritten. Insbesondere in Deutschland warfen Kritiker – darunter der einflußreiche Musikhistoriker Carl Dahlhaus – dem Film eine »unzulässige Personalisierung« von Mahlers Musik vor. Was nach Gelehrtenstreit und akademischen Spitzfindigkeiten klingt, dürfte einen handfesten Hintergrund haben: man stieß sich an der Homosexualität, die der Film dem entschieden heterosexuellen Mahler unterstellt, der als Jude allerdings schon zu Lebzeiten antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war und dessen Musik während des Dritten Reichs als entartet galt. Die unterschwellige Gleichung »Aschenbach« gleich »Thomas Mann« gleich »Gustav Mahler« implizierte Beziehungen zwischen Schwulenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie zwischen dem Nationalsozialismus und sexuellen Pathologien und führte in den Augen der Kritiker dazu, das Schicksal von Juden und Homosexuellen im Dritten Reich miteinander gleichzusetzen. Das vertrug sich schlecht mit der herrschenden Interpretation des Holocausts.

Die ganze Diskussion wurde nicht weniger verdruckst dadurch, daß Visconti wie Thomas Mann selbst homosexuell war – sich im Unterschied zu Mann allerdings offen dazu bekannte. Der ebenfalls schwule Visconti-Schüler Pasolini hat später – insbesondere mit seinem Film »Die 120 Tage von Sodom« – erneut Öl ins Feuer dieser vergifteten Debatte gegossen.

Wahrscheinlich steckt auch heute noch genug Zündstoff in dem Thema – das zeigt der Skandalerfolg von Jonathan Littells Roman »Die Wohlgesinnten«. Im Großen und Ganzen sehen wir die Dinge heute aber doch etwas entspannter und distanzierter, und ich empfehle Ihnen in diesem Sinn, die folgenden ersten zehn Minuten von »Der Tod in Venedig« – und Gustav Mahlers Musik – vorbehaltslos zu genießen.

7. Juli 2010

Hotels in History

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Ob man im Jahr 2128 noch von Boris Becker reden wird? Das ist der Unterschied zu Gustav Mahler, der heute vor 150 Jahren, am 7. Juli 1860 geboren wurde. Als »eine[n] der interessantesten und am meisten verehrten Musiker der Gegenwart« hat ihn der Dirigent Riccardo Chailly in der aktuellen ZEIT bezeichnet. Der Gegenwart! Aus dem Munde eines Dirigenten, der sich stärker für zeitgenössische Musik interessiert als viele seiner Kollegen. Und nächstes Jahr feiern wir Mahlers 100. Todestag. Das spricht nicht nur für die Kraft, sondern für die unverminderte Aktualität dieser Musik. Oder käme jemand auf die Idee, Tolstoi zu einem der größten Schriftsteller der Gegenwart zu erklären?

Weniger bekannt, aber ebenfalls »modern« ist die Rolle, die Hotels in Mahlers Leben spielten.  weiterlesen…

6. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (3)

Mein allererster Auftrag überhaupt? Hätten Sie mich das vor einer Woche gefragt, wäre ich ins Grübeln gekommen und hätte im Geist die Hotels der frühen Jahre Revue passieren lassen. Dann fand ich diese Karte in der Post:

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Aber selbst das brachte mich nicht gleich auf die richtige Spur. Wie komme ich zu dieser Einladung? – dachte ich. Ich bin doch gar keine Kundin und habe auch sonst nichts mit denen zu tun. Dann dämmerte es mir: vor 25 Jahren habe ich die Inneneinrichtung dieses Geschäfts geplant und gestaltet. Das war meine Premiere als Innenarchitektin, noch bevor ich mein erstes Hotel plante und in der Folge meine Leidenschaft für diese spezielle Aufgabenstellung und die damit verbundenen Herausforderungen entdeckte, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Angefangen aber hat alles mit diesem Optikergeschäft. Und aus diesem Grund feiern wir in diesem Jahr beide unser 25-jähriges Bestehen. Als mir das so langsam richtig bewußt wurde, überkam mich fast eine Art von Rührung. Die 25 Jahre erschienen mir plötzlich in einem ganz neuen Licht, greifbarer als je zuvor.

Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß mit dieser Karte das Wort »Geschichte« eine andere, handfeste Bedeutung für mich bekam. Nicht als bloße Aufeinanderfolge von Projekten oder »Jobs«, die sich wie eine Kette aneinanderreihen, sondern als Beitrag zu einer gemeinsamen Welt, der das jeweilige Projekt überdauert. Vielleicht ist das ein wesentlicher Aspekt dessen, woraus Kultur, Zivilisation, Gemeinsinn entstehen.

Theoretisch war mir das auch vorher schon klar. Es gehört zum Selbstverständnis meiner Arbeit. Aber wie sich die historische und gesellschaftliche Dimension dieser Überzeugung hier in Form einer einfachen kleinen Karte exemplifizierte – das war schon eine großartige Erfahrung.
 

[Weitere »Momentaufnahmen« hier und hierweitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

8. Juni 2010

Schumann zum 200.

Am 8. Juni 1810 wurde in Zwickau Robert Schumann geboren. Unter den Komponisten der deutschen Romantik war er wahrscheinlich der modernste. Sein Werk kam überhaupt erst im 20. Jahrhundert zur vollen Wirkung; für viele zeitgenössische Komponisten (wie Heinz Holliger) und Interpreten (wie Martha Argerich) stellt er eine der zentralen Bezugspersonen dar. Das ist der erste Grund, ihm diesen Eintrag zu widmen.

Der zweite: eins der bekanntesten und einflußreichsten Werke Schumanns, das Klavierkonzert a-moll op. 54, erlebte seine Uraufführung 1845 ausgerechnet in einem Hotel – dem Hotel de Saxe in Dresden; am Klavier seine Frau Clara Schumann, begleitet vom Hillerschen Konzert-Orchester unter Ferdinand Hiller, einem langjährigen Freund Schumanns. Das Hotel existiert übrigens heute noch; genauer sollte ich sagen: es existiert wieder, denn 1888 war es zu einem Postgebäude umfunktioniert worden; erst 2006 wurde es, pünktlich zum Schumann-Jahr, als Steigenberger Hotel de Saxe wieder eröffnet und seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt. Es dürfte nur ganz wenige Meisterwerke der Musikgeschichte geben, wenn sich denn überhaupt ein zweites findet, die in einem Hotel uraufgeführt wurden. Soviel zum zweiten Grund dieses Eintrags.

Der dritte und eigentliche Grund – aber man braucht ja auch vorgeschobene – liegt darin, daß mir Schumanns Musik so nahe ist wie kaum eine andere, und ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen, diese Leidenschaft (und den abgründigen Zauber der Musik) mit meinen Mitmenschen zu teilen. Sollten Sie darin einen Übergriff sehen, muß ich widersprechen. Es ist eine gute Tat.

Das folgende Video dokumentiert eine Aufführung des Werks im Leipziger Gewandhaus im Juni 2006 anläßlich des 150. Todestages von Schumann. Am Klavier: Martha Argerich, begleitet vom Gewandhaus-Orchester unter Riccardo Chailly. (Hier gibt es das Konzert als Ganzes)

Und noch ein zweites Stück möchte ich Ihnen zu Gehör bringen; ich habe Sie ja gewarnt. Dieses Violinkonzert von 1853 belegt auch die Behauptung, Schumanns Werk habe einen Großteil seiner Wirkung erst im 20. Jahrhundert entfaltet – entfalten können, muß ich in diesem Fall dazusagen, denn die Uraufführung fand 1937 in Berlin statt, allerdings in einer verstümmelten Fassung und in einem Rahmen, der Schumann für die Nazi-Propaganda vereinnahmen wollte. Das empörte Yehudi Menuhin so sehr, daß er gleich im darauffolgenden Jahr eine Aufführung der Originalfassung in New York organisierte; dabei handelt es sich also um die zweite und – streng genommen – die wirkliche Uraufführung.   weiterlesen…

24. Mai 2010

Der Sinn des Lebens (2)

Nachdem wir gestern gehört haben, was Michael Niavarani zum Sinn des Lebens zu sagen hat, heute eine ganz andere Stimme. Viktor Frankl zählt zu den bedeutendsten Psychologen des 20. Jahrhunderts; seine Erfahrungen in Theresienstadt, Auschwitz und dem Außenlager Kaufering des KZs Dachau verarbeitete er in dem Buch »…trotzdem Ja zum Leben sagen«. Im folgenden Video aus dem Jahr 1972 – da machte er grade den Pilotenschein – spricht Frankl zu Studenten der Universität Toronto und vermittelt in nur vier Minuten, in einem herrlich wienerisch gefärbten Englisch, worum es aus seiner Sicht geht im Leben – und warum Idealismus der einzig sinnvolle Realismus ist, wenn wir uns nicht mit einer Spar-Ausgabe der Wirklichkeit zufrieden geben wollen.

Es ist eine Haltung, die ich von ganzem Herzen teile. Und wenn man mich fragt: würden sich mehr Hotels (und nicht nur Hotels…) diese Philosophie zu eigen machen, gäbe es weniger schlechte Hotels auf der Welt – und viele Hoteliers hätten weniger Grund zu jammern. :-)

[Kudos: Andrew Sullivan]

21. Mai 2010

3D-Marketing

Die sündteuren Flachbildfernseher sind grade erst abbezahlt, da rollt schon die nächste Welle auf uns zu. 3D-TV heißt das neue Zauberwort, genauer eigentlich: 3D-HDTV. Das bringt zwar auch keine besseren Programme, dafür kommen sie viel effektvoller rüber. Da wird es doch gleich wieder zum Erlebnis, vor der Glotze zu sitzen.

Apropos Sitzen – ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten – aber: worauf sitzen Sie eigentlich grade? Sagen Sie jetzt bitte nicht: auf einem Stuhl. Stühle waren gestern. Heute sitzt man auf Grcic, Diez, Starck oder Citterio. Für konservativere Naturen wären auch Panton, Eames oder Saarinen eine akzeptable Wahl. Das sind keine Stühle, das ist Kunst. Die macht noch aus der hinterletzten Absteige ein Designhotel. Vorausgesetzt, die Dinge werden ins richtige Licht »gesetzt«.

Und damit bin ich beim nächsten Thema. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als wir uns Gedanken über die passenden Lampen und Leuchten machten? Heute haben Sie die Wahl zwischen Licht-Lösungen, Licht-Objekten und Licht-Skulpturen. Mit denen können Sie fast nichts falsch machen. Wenn sie nicht zum Ambiente passen, heben sie wenigstens das Selbstgefühl.

Und darauf kommt es letztlich doch an, oder? Auch bei Politikern, wie ich gestern dezent angedeutet habe. Wenn die mit den Spielregeln des Finanzmarkts nicht zurecht kommen, nehmen sie nicht etwa Nachhilfe-Unterricht. Nein, dann kämpfen sie gegen Spekulanten, Finanzhaie und Heuschrecken-Schwärme. Ist einfach ungleich publikumswirksamer. Und fürs Publikum in jedem Fall unterhaltsamer: wenn es merkt, daß der, der da gegen Drachen kämpft, gar kein heiliger Georg ist sondern nur ein Ritter von trauriger Statur, hat es erst recht seinen Spaß.

Sie merken sicher, worauf ich hinaus will. Darum will ich das Fazit gar nicht in Worte fassen. Sondern lieber das folgende Schrift-Bild für sich selbst sprechen lassen:

3d

[Kudos: lotusmodern via A Day Late & Half a Pixel Short. Im Original steht unter dem Bild: »do it for the money«.]

7. Mai 2010

Die Rolle der Farbe

Wir leben in einer farbigen Welt; Farben prägen unsere Erfahrung und beeinflussen unser Lebensgefühl. Das Farbklima entscheidet auch mit über die Atmosphäre eines Hotels. Man kann der Wahl der Farben darum gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Doch das klingt einfacher als es ist.

Farben gelten als Sprache der Gefühle. Das liegt zum einen an ihrer direkten und un­mittel­baren Wirkung auf den mensch­lichen Orga­nismus. Farben be­einflussen nicht nur unsere Stimmung, sondern auch die Kon­zen­trations­fähig­keit, das Asso­zia­tions­ver­mögen, die Ko­ope­rations­be­reit­schaft, das Aggres­sions­potential und einiges mehr, was wir auf Anhieb nicht ihrem Ein­fluß zurechnen würden. Dieser Art von Farb­wirkung liegen physio­lo­gische Prozesse zugrunde, die weder vom Geschlecht noch dem Bildungs­grad oder der Zu­ge­hörig­keit zu einer be­stimmten Kultur abhängen. Wir können das als die natürliche Wirkung der Farben bezeichnen.

Daneben allerdings haben Farben noch eine kulturelle Bedeutung, die ebenfalls bestimmte Gefühle und Gemütszustände auslöst. Rot steht für Liebe, Grün für die Hoffnung und Gelb für den Neid oder die Eifersucht. Dazu: das unschuldige Weiß, das tieftraurige Schwarz, das Blau der Sehnsucht und des Fernwehs. Weiter: das herrschaftliche Purpur, das erdverbundene Ocker, das Grau-in-Grau der Langeweile. Jeder kennt weitere Beispiele. Allerdings liegen die Verhältnisse hier wesentlich komplizierter als bei der natürlichen Wirkung der Farben. Wie die Bezeichnung nahelegt, variiert nämlich ihre kulturelle Bedeutung von Kultur zu Kultur. Vor einigen Tagen bin ich auf eine der anschaulichsten Darstellungen dieser kulturellen Unterschiede gestoßen, die ich kenne:   weiterlesen…

23. April 2010

Design als Ersatzdroge

Mateo Kries ist Chefkurator des Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Wahrscheinlich kennen Sie den Namen Vitra. Die Firma und ihr »Chairman Rolf Fehlbaum« haben ja nun wahrlich Design-Geschichte geschrieben. Auch das Vitra Design Museum ist Ihnen möglicherweise ein Begriff – ob wegen seiner großartigen Sammlung oder wegen Frank Gehrys Architektur, sei dahingestellt. Denn das ganze Vitra Firmengelände ist seit Jahrzehnten ein Mekka der Design- und Architektur-Freaks auf der ganzen Welt. Hier steht das erste Haus, das Zaha Hadid – deren Entwürfe schon vorher legendär waren, aber weithin als unrealisierbar galten – auch wirklich gebaut hat. Hier stehen Gebäude von Nicholas Grimshaw, Tadao Ando, Jean Prouvé, Richard Buckminster Fuller, Alvaro Siza, Jasper Morrison und Herzog und de Meuron. Eine zusätzliche Produktionshalle – geplant von den diesjährigen Pritzker-Preisträgern Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa (Sanaa) – steht kurz vor der Fertigstellung. Und die Stühle-Sammlung des Vitra Design Museums gilt als weltweit einzigartig.

Wenn sich dessen Chefkurator also zum Thema Design äußert, haben diese Worte Gewicht. Wer wäre mehr dazu prädestiniert, eine Lanze für das zeitgenössische Design zu brechen? Mateo Kries tut das Gegenteil. Er spricht eher vom Sündenfall des Designs – und von unserem Sündenfall vor dem Design. Sündenfall vor dem Design heißt: Kapitulation des denkenden Individuums als Wesen mit eigenem Geschmack und eigenen Wertvorstellungen. »Das Ornament ist ein Verbrechen«, hat Adolf Loos zu Beginn des letzten Jahrhunderts dekretiert, und damit die Hoffnung auf eine schönere Welt durch klares, schnörkelloses Design verbunden. Wir stehen am Ende dieser Epoche, die Designer haben die Welt verändert, und Mateo Kries gibt zu verstehen, daß er die absolute Herrschaft des Designs über alle Lebensbereiche, die unsere Zeit charakterisiert, für ein Verbrechen an der Menschheit hält.   weiterlesen…

21. April 2010

25 Jahre made by markus-diedenhofen (2)

Das Mövenpick Hotel Wasserturm in Hamburg

Aufmacher

Was sind 25 Jahre gegen ein ganzes Jahrhundert? Im Jahr 1910 wurde der neue, auf seinem Hügel die Umgebung überragende Wasserturm im Hamburger Sternschanzenpark seiner Bestimmung übergeben. Die Hansestadt und insbesondere das eher proletarische Schanzenviertel waren um ein Wahrzeichen reicher. »Bodenverhaftet, norddeutsch, wehrhaft«, beschrieb der Kunsthistoriker Hermann Hipp das Bauwerk. So überdauerte es die Jahrzehnte bis 1957. Da wurde es nicht mehr gebraucht, für die Trinkwasserversorgung gab es modernere Lösungen, und der Wasserturm begann zu verfallen. Über alternative Nutzungsmöglichkeiten wurde viel geredet, aber diesen Reden folgten keine Taten. Um die Jahrtausendwende wirkte der Turm äußerlich immer noch bodenverhaftet und wehrhaft – die Substanz hinter der Fassade aber war längst marode. Mauerwerk bröckelte; Eisenträger waren teilweise nahezu durchgerostet. Weitere 10 oder 15 Jahre, und der Turm wäre in sich zusammengefallen, stellten Sachverständige im Nachhinein fest.

Es ist also wohl der Patrizia Projektentwicklung und der Schweizer Hotelkette Mövenpick zu verdanken, daß Hamburg sein Wahrzeichen erhalten blieb. Sie hatten die Energie und das Durchhaltevermögen, gegen alle Widerstände ihren Traum von einem Hotel im Wasserturm in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Wellen schlugen hoch in der Bürgerschaft und im Schanzenviertel. Von heute aus betrachtet und vor dem geschilderten Hintergrund darf man von Stürmen im Wasserglas sprechen. Im Jahr 2003 begannen die Bauarbeiten. Von oben her wure der Bau entkernt; von oben her wurde das Hotel gewissermaßen in den Turm hineingewuchtet. Die Herausforderung war immens, und zwar für alle Beteiligten: Architekten, Bauleute, Innenarchitekten.

Hier kommen wir ins Spiel, das Büro Markus-Diedenhofen Innenarchitektur. Es gab eine Reihe konkurrierender Entwürfe für die innenarchitektonische Gestaltung, doch unser Entwurf erwies sich als der überzeugendste, und wir erhielten den Zuschlag für eine der schwierigsten und lohnendsten Aufgaben in der Geschichte unseres Büros.    weiterlesen…

5. April 2010

Der Entenhase. Eine Ostermeditation

Der Entenhase. Aus: Ludwig Wittgenstein, »Philosophische Untersuchungen«

Das ist also der Entenhase. Eine aussterbende Art. Vom Osterhasen unterscheidet ihn, daß er in regelmäßigen Abständen zur Ente mutiert. Wird diese damit zur Oster-Ente? Das darf bezweifelt werden. Immerhin könnte man ihre Eier bunt bemalen, um dem festlichen Anlaß Ehre zu erweisen. Geschmacklich ist das Entenei Hühnereiern sogar überlegen, wie Köche und Feinschmecker versichern.

Aber wir waren beim Entenhasen. Der ist Ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit schon mal irgendwo begegnet; vielleicht sogar unter dem Namen Kippfigur, wie der Fachausdruck dafür lautet. Kippfiguren sind die Chamäleons der Wahrnehmungspsychologie. Sie entziehen sich hartnäckig allen Versuchen, ihre Identität eindeutig festzustellen. Je länger Sie den Hasen betrachten, desto öfter hält er Sie zum Narren, wird vom Hasen zur Ente und von der Ente wieder zum Hasen. Immer wieder »kippt« die Wahrnehmung im Zeitraum eines Wimpernschlages, und der Entenhase hat seine Identität gewechselt. In den Phasen dazwischen herrschen eindeutige Verhältnisse: das Tier ist entweder ein Hase oder eine Ente. Aber so sehr Sie sich auch anstrengen und mit den Augen blinzeln: nie ist es beides gleichzeitig. Mühelos setzt der Entenhase die goldene Regel der klassischen Logik außer Kraft. Danach hat ein Ding entweder eine bestimmte Identität (z.B. »Hase«), oder es hat sie nicht und erweist sich als Ente, Storch oder Tausendfüßler. Tertium non datur – ein Drittes gibt es nicht –, hat Aristoteles einst postuliert, und die gesamte abendländische Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft sind ihm darin gefolgt.

Schon eine vertrackte Geschichte, nicht wahr? Ein Hase von zwielichtiger Provenienz, ein Hase, der vielleicht in Wirklichkeit eine Ente ist – ein solcher Hase soll Aristoteles entthronen und die theoretischen Fundamente unserer Zivilisation in Frage stellen. Man sollte sich mit Tieren, die Haken schlagen, womöglich gar nicht erst einlassen.    weiterlesen…

20. März 2010

Noch einmal: MIPIM Award

Was einem beim Stöbern in Erinnerungen nicht alles zwischen die Finger gerät… Zum Beispiel die Rede, die ich damals anläßlich der Eröffnung des Mövenpick Hotels »Wasserturm« gehalten habe – da war dem Haus der MIPIM Award grade verliehen worden. Ein Abschnitt daraus hat es mir beim Wiederlesen besonders angetan, darum möchte ich ihn Ihnen nicht vorenthalten (unmittelbar davor hatte ich ein paar Worte zum Übermaß an Informationen gesagt, denen wir Tag für Tag ausgesetzt sind):

»Was wir hier als Inneneinrichter verwirklicht haben und verwirklichen durften, folgt eher der entgegengesetzten Maxime: möglichst viel mit möglichst wenig Worten zu sagen. Der unverbindlich-beliebigen, gleichwohl schamlos aufdringlichen Schwatzhaftigkeit, die längst auch vom öffentlichen Raum und seiner Architektur Besitz ergriffen hat, ein sehr genaues, sehr differenziertes »Hier und Jetzt und nirgendwo sonst« entgegenzusetzen. Den Worten soviel Raum zu geben, daß sie die unterschiedlichsten Antworten zulassen, und soviel Gewicht, daß sie auch neben dem Schweigen bestehen können.

Denn natürlich, meine Damen und Herren, liebe Gäste und Freunde, ist auch die Architektur – die Innenarchitektur zumal – eine Art von Sprache. Eine Art von Sprache sogar, die älter ist und weiter zurückreicht als alle anderen Sprachen, die heute gesprochen und geschrieben werden. Und eben deshalb, so möchte ich hinzufügen, auch eine Sprache, die wie kaum eine andere geeignet ist, nationale Unterschiede und scheinbar unüberwindliche kulturelle Differenzen zu überbrücken.

Sollte ich in einem einzigen Satz zusammenfassen, was für mich den tiefsten Kern unserer Arbeit ausmacht, wüßte ich darum keine bessere Definition als die: Innenarchitektur ist die Kunst und die Aufgabe, aus Räumen, die uns umgeben, Orte zu machen, die uns ansprechen.« (Cornelia Markus-Diedenhofen)

Dem habe ich auch heute noch wenig hinzuzufügen.

11. März 2010

Henry Millers Badezimmer-Kabinett

Viele kennen Henry Miller nur als Autor schweinischer Bücher, die sie als pornographisch bezeichnen würden, wenn es sich nicht um Weltliteratur handelte. Gelegentlich bezichtigen sie dennoch die Bewunderer von Millers Romanen eines heimlichen Hangs zur Pornographie, den diese mit dem Begriff »Kunst« notdürftig verbrämten. Aber die Zeiten, in denen Henry Miller als Skandalautor erbitterte Kontroversen provozierte, sind zum Glück wohl vorbei und wir können uns anderen Dingen zuwenden. Zum Beispiel seinem Badezimmer. Dessen Wände sind fast lückenlos von Fotos, Zeichnungen und Drucken bedeckt und selber fast ein Roman. Henry Miller persönlich aus diesem Roman seines Lebens vortragen zu hören, ist ein Vergnügen der seltenen Art. Erwarten Sie aber bitte keine Zoten oder schmutzige Anekdoten – auch wenn die Erotik natürlich nicht ausgeblendet bleibt.

Und wundern Sie sich auch nicht, wenn Ihnen danach supermoderne, luxuriöse Bäder seltsam nackt und steril vorkommen. Das ist der Effekt, auf den ich im vorangegangenen Beitrag hingewiesen habe.

[Vorsicht: der Film dauert fast 35 Minuten. Warten Sie also, bis Sie genug Zeit haben, ihn in Ruhe und mit Genuß auf sich wirken zu lassen.]

1. März 2010

Bitte weghören (One More Take)

Wer zur Zielgruppe des Hotels »Renovatio« gehört, von dem der voran­gegangene Beitrag handelt, sollte sich besser keins der folgenden Videos antun. Aber es käme einer Unter­lassungs­sünde gleich, von Hotel­bars zu reden, ohne den Song zu er­wähnen, der im letzten Jahr­hundert gleich zweimal zum Mega-Hit wurde. Zunächst die Original­fassung von Bert Brecht/Kurt Weill, die von 1927 an um die Welt ging (der Text stammt übrigens, wie viele »Brecht­texte« der damaligen Zeit, von seiner Geliebten Elisabeth Hauptmann, der Alex Ross ein »wunderbar exzentrisches Englisch« attestiert:

Einige unter den Später­ge­borenen werden sich über diese Vor­geschichte des Lieds wundern, das in ihrem Gedächtnis als einer der größten Hits der Doors weiterlebt – gesungen von dem legendären Jim Morrison im Jahr 1967:

Schon fünf Jahre früher, 1962, hatte Bob Dylan Lotte Lenya mit einem Brecht/Weill-Programm in Greenwich Village erlebt und war zutiefst fasziniert von dem sprachlich-musikalischen »Gestus«, den Brecht und Weill kreiert hatten. Ein Erlebnis, das seine gesamte weitere musika­lische Ent­wicklung prägte. In den Worten des Musik­historikers Alex Ross:

»Im Geiste Brechts und Weills fing Dylan bald an, den Musik­hörern des späten 20. Jahr­hunderts seine eigenen Gestus­momente zu ver­schaffen: „The answer is blowin‘ in the wind“, „A hard rain‘s gonna fall“, „The times they are a-changin’“. Letzteres ist ein direktes Zitat einer Brecht-Zeile.«

Aus: Alex Ross, The Rest is Noise, München 2009, S. 220 – ein Buch übrigens, das ich jedem Musikinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann.

20. Februar 2010

Hotelkulturen im Widerstreit?

In einem Gastbeitrag für das Magazin der New York Times geht Juliet Kinsman einer hochinteressanten Frage nach: welchen Einfluß haben der kulturelle Hintergrund oder kulturelle Unterschiede auf die Architektur und das Design von Hotels? Spiegelt sich der Gegensatz von Orient und Okzident auch im Ambiente der Hotels? Um es in die provozierende Frage zu kleiden, die Kinsman an den Anfang ihres Artikels stellt: »East is East, and West is West, and never the twain shall meet?«

Rudyard Kipling, von dem die Zeile stammt, war von der Unaufhebbarkeit des Gegensatzes überzeugt. Bei Kinsman geht es differenzierter zu. An einer definitiven Antwort auf die Frage ist ihr so wenig gelegen wie an einer Zementierung oder Wiederlegung bekannter Vorurteile. Vielmehr versucht sie im Gespräch mit erfahrenen Kollegen möglichst viele Einzelbeobachtungen zusammenzutragen; erst am Ende wagt sie sich an eine Hypothese, die aber auch mehr den Charakter einer offenen Frage hat als den einer dogmatischen Definition. weiterlesen…

18. Februar 2010

Fast ein Tripel-Jubiläum

Sämtliche Jungs der Nachbarschaft, ob Rotznasen oder aufgeblasene Schnösel, rissen sich drum, ein Stück von Tante Pollys Zaun streichen zu dürfen. Für dieses Privileg waren sie bereit, ihre (momentan) kostbarsten Schätze zu opfern – einen Apfel, eine Meerschaumpfeife, echte Glasmurmeln. Tom Sawyer strahlte. Nicht nur hatte er sich die Arbeit erspart, die ihm Tante Polly zur Strafe aufgebrummt hatte – er war auch noch reich geworden dabei.

So beginnt Mark Twains Bestseller »The Adventures of Tom Sawyer«. Wer die Szene (und danach das ganze Buch) in seiner Jugend gelesen hat, ist für den Rest seines Lebens gefeit gegen ideologische Scheuklappen und moralinsaures Pharisäertum. Wenn nicht, dann war ihm ohnehin nicht zu helfen.

Noch erfolgreicher war dann der Nachfolge-Roman »Adventures of Huckleberry Finn«. Kein Geringerer als Ernest Hemingway bezeichnete es als das wichtigste Buch der amerikanischen Literatur überhaupt, das Buch, mit dem die amerikanische Literatur erst begonnen habe.

»All of American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn … There was nothing before. There has been nothing as good since.«

Mark Twain 1909

Mark Twain 1909

Hemingway liebte starke Sprüche. In Wirklichkeit wiederholte er bloß, was andere vor ihm schon konstatiert hatten – William Faulkner etwa, der Twain als den »Vater der amerikanischen Literatur« bezeichnet hatte. Aber eigentlich braucht es keine solchen Superlative, um den 125. Geburtstag von »Huckleberry Finn« (des Buchs, nicht seines Helden) zu feiern, das am 18. Februar 1885 in Twains eigenem Verlag, Webster & Co., seine amerikanische Premiere feierte. Das Datum hat es in sich. Im selben Jahr wurde Mark Twain 50 Jahre alt – und da hatte er noch genau 25 Jahre zu leben. In ein und demselben Jahr feiern wir also Mark Twains 175. Geburtstag, den 125. Geburtstag »Huckleberry Finns« und den 100. Todestag des Schriftstellers. Mark Twain hätte das gefallen; nicht zufällig war er stolz darauf, daß seine Lebensspanne exakt mit der zweimaligen Wiederkehr des Halley’schen Kometen zusammenfiel – dieses »unzurechenbaren Gesellen«, dem er sich seelenverwandt fühlte (und für diese Prophezeiung nahm Twain selbstbewußt sogar sein Todesjahr vorweg).

Ein überaus stimmiges Tripel-Jubiläum also. Nur die historische Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Denn es stimmt zwar, daß »Huckleberry Finn« am 18. Februar 1885 Amerika-Premiere feierte; schon ein Jahr davor allerdings war es in England und in Kanada herausgekommen. Vielleicht aber paßt das erst recht zu Samuel Langhorne Clemens, dessen erstes Werk unter dem Namen W. Epaminondas Adrastus Perkins erschien, und der sich später buchstäblich das Seemannsgarn als Künstlernamen erkor: »mark twain!«, riefen die Mississippi-Schiffer, wenn die Wassertiefe unter dem Schiffskiel zwei Faden betrug und damit eine sichere Passage gewährleistete. Allein für diese Namenswahl hätte Clemens alias Twain den Nobelpreis verdient, den er natürlich nicht bekam, obwohl er lange genug dafür gelebt hätte. Aber für so manchen Juror in Stockholm hat die amerikanische Literatur bekanntlich bis heute nicht begonnen, und womöglich fanden die Herren der Schwedischen Akademie das Seemannsgarn des Amerikaners auch moralisch bedenklich. »Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“ – hat André Heller (auch so ein Pseudonym!) mal gesungen, und das ist eine Zeile ganz aus dem Geiste Mark Twains. weiterlesen…

14. Februar 2010

Happy Valentine! (Hotel Hollywood)

Eigentlich gehören Blumen zum Valentinstag – manchmal regnet’s aber auch blaue Bohnen. Zum Beispiel beim sogenannten Valentinstag-Massaker 1929 in Chicago, das Billy Wilder in »Some like it hot« (»Manche mögen’s heiß«) filmisch verarbeitete. Eine der berühmtesten Szenen des Films zeigt, wie sich die Cosa Nostra für dieses »Valentinstags-Präsent« mit einer Geburtstagstorte revanchiert – und diese Torte hat es im wahrsten Sinn des Wortes in sich:

Das Hotel, worin diese Szenen spielen, liegt im Film in Miami; reales Vorbild und Drehort war allerdings das Hotel del Coronado in San Diego, das aus diesem Grund bis heute Touristen aus aller Welt anzieht. weiterlesen…

10. Februar 2010

Oscar Niemeyer in Ravello

102 Jahre alt wurde der große brasilianische Architekt Oscar Niemeyer am 15. Dezember vergangenen Jahres; weniger als zwei Monate später, vor knapp zwei Wochen, wurde im Rahmen eines dreitägigen Fests sein jüngstes Werk – das »Auditorium« von Ravello – seiner Bestimmung übergeben. Von den ersten Plänen an vergingen ca. zehn Jahre, bis es soweit war. Dazwischen lagen zahllose Hindernisse und der erbitterte Widerstand einer Reihe örtlicher Interessensgruppen – glaubt man der Berichterstattung, in der Regel mit mafiösem Hintergrund. Den skurrilen Höhepunkt bildete eine Justizposse, worin man Niemeyer beschuldigte, sein Projekt verletze das Urheberrecht, weil die Urheberschaft nicht bei ihm, sondern bei seinem Büro liege. Tempi passati; mittlerweile kann glücklicherweise der Bau für sich selbst sprechen:

(Das erste der folgenden Videos ist auf Italienisch – aber die Bilder entschädigen hoffentlich auch die, die dieser Sprache weniger mächtig sind als Oscar Niemeyer, der darin seinen Entwurf in nahezu fehlerfreiem Italienisch erläutert.)

Ergänzend dazu finden Sie hier eine sehenswerte Bildstrecke zur Eröffnung und hier weitere Hintergrundinformationen. Mir erscheint das Projekt aus mehreren Gründen bemerkenswert; auf zwei davon will ich kurz eingehen. weiterlesen…

1. Februar 2010

Blogs, Bücher und Bürgersinn (Wdh.)

Der folgende Beitrag ist schon einmal vor ein paar Tagen – am 25. Januar – erschienen, hat es aber aus mysteriösen Gründen nicht in den RSS-Feed geschafft. Dafür bitte ich die Abonnenten des Feeds um Entschuldigung – alle anderen dafür, daß der Beitrag nun zweimal in der Suite zu finden ist. (Solche Wiederholungen sollen aber eine absolute Ausnahme bleiben – wir sind hier schließlich nicht beim Fernsehen.)

Zwei der Hotels, die in den letzten Wochen bei uns in der Suite Gesprächsthema waren – nämlich das Hotel Stadthalle in Wien und das Circus Hotel in Berlin–, haben mittlerweile ebenfalls Blogs eingerichtet. Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Club, kann ich da nur sagen. :-) Statt weiterer Worte, hier die entsprechenden Links:

Blog des Hotels Stadthalle

Blog des Circus Hotels (und -Hostels)

(Auf den Blog des Hotels Europe in St. Petersburg hatte ich ja schon im Originalbeitrag hingewiesen.)

Und wo wir schon beim Schreiben und Lesen sind, muß ich auch zum Hotel Stadthalle etwas nachtragen; ich bin selbst erstaunt, wieviel Gesprächsstoff ein Hinweis liefert, den ich anläßlich einer kleinen Notiz im Zeit-Magazin über das Münchner Hotel Olympic erst mal aus rein persönlichem Interesse aufgegriffen habe. Hotels und Bücher bzw. Bücher in Hotels scheint ein aktuelles und wichtiges Thema zu sein. Aufmerksam geworden bin ich auf das Hotel Stadthalle zwar wegen seiner Null-Energie-Bilanz. Als ich aber kürzlich – aus Anlaß einer Email der Inhaberin Frau Reitterer – der Website des Hotels erneut einen Besuch abstattete, habe ich entdeckt, daß es sich überdies um Wiens erstes und bislang einziges »Bibliotel« handelt.

Falls Sie den Ausdruck noch nie zuvor gehört haben, geht es Ihnen wie mir. Die Idee stammt von Sebastian Mettler von der »Innovationswerkstatt« in Salzburg. Um sich Bibliotel nennen zu dürfen, muß ein Hotel einer Reihe von Anforderungen genügen, was den Umfang seiner Bibliothek, die Ausstattung jedes Zimmers mit Büchern sowie die ständige Pflege und Weiterentwicklung des Bestands betrifft. Auch eine Mindestanzahl von Plätzen zum ungestörten Lesen und Schreiben, die mit eigenen Leselampen ausgestattet sind, gehört zum Kriterienkatalog. Darüber hinaus laden die Bibliotels regelmäßig Autoren zu Lesungen ein und veranstalten Aktionen im öffentlichen Raum, in Wien z.B. im Museumsquartier. Klingt ernsthaft, spannend – und im Unterschied zum Library Hotel in New York überhaupt nicht nach Kultursnobismus.

Auf der Website des Hotels Stadthalle wurde ich auch gleich aufgefordert, mir bei der Zimmerreservierung ein Buch auszusuchen (das Wort »Buchung« kriegt da einen ganz neuen Klang), das bei der Ankunft als persönliches Geschenk für mich bereitgelegen hätte. Leider führt mich mein Weg in der nächsten Zeit überall hin – nur nicht nach Wien, sonst hätte ich das Angebot mit Freude angenommen: Es gab auf der Liste eine Reihe von Büchern, die mich interessiert hätten oder sogar schon länger auf meiner eigenen »Mußt-du-auch-mal-lesen«-Liste stehen. (Aber zur Blütezeit auf »Wiens größtes Lavendelfeld« zu blicken und dabei Franz Werfels »Eine blaßblaue Frauenschrift« zu lesen, ist schon eine verlockende Vorstellung, der ich vielleicht mal nachgeben werde.)

Und noch einen Nachtrag gibt es zum Thema Literaturhotels, diesmal aus New York. weiterlesen…

29. Januar 2010

Der, die, das Geschlecht

Das muß ich jetzt einfach mal loswerden, weil es mir durch den Kopf geht, seit ich diesen Blog zu schreiben begonnen habe: was bin ich froh, daß in meiner Arbeit der Gast das Maß aller Dinge ist. Noch einmal, ganz langsam, zum Nachsprechen: der Gast. Nicht die Gastin und der Gast. Oder müßte es Gästin heißen? Sehr verehrte Gästinnen und Gäste… So weit ist es zum Glück noch nicht gekommen. Aber sonst führt der Mensch fast überall eine Doppel­existenz. Kolleginnen und Kollegen. Arzthelferinnen und Arzthelfer. Insassinnen und Insassen. Mühsam, mühsam, mühsam. Im Bestreben, die Sache wenigstens zu vereinfachen, hat man sie womöglich noch schlimmer gemacht. Ich spreche von den Zwittern – den seltsamen zwei­ge­schlecht­lichen Wesen, die seit einigen Jahren das Schrift­deutsch bevölkern. Jede(r) LeserIn weiß, was ich meine, und jeder/m Lieb­haberIn der deutschen Sprache dreht sich der Magen um. Und nun versuchen Sie mal, liebe LeserInnen, dieses mündlich vorzutragen und die Zwei­ge­schlecht­lichkeit »mit­zu­sprechen«. Das ist kein Fort­schritt – das ist eine Sprach­störung, die möglicher­weise auf einen ernst­haften Hirn­schaden schließen läßt. Wer sowas für Emanzi­pation hält, ist bescheuert; wer sich mit dieser Art von Emanzi­pation zu­frieden­gibt, noch be­scheuerter. Das sei von uns Innen­archi­tek­tinnen und Innen­archi­tekten allen Sprach­refor­merinnen und Sprach­re­formern ins Stamm­buch geschrieben.

Und ich werde alle, die die Serendipity Suite mit mir teilen, weiterhin Gäste nennen. Nicht BesucherInnen. Nicht LeserInnen. Und schon gar nicht FreundInnen.

25. Januar 2010

Blogs, Bücher und Bürgersinn

Zwei der Hotels, die in den letzten Wochen bei uns in der Suite Gesprächsthema waren – nämlich das Hotel Stadthalle in Wien und das Circus Hotel in Berlin–, haben mittlerweile ebenfalls Blogs eingerichtet. Herzlichen Glückwunsch und willkommen im Club, kann ich da nur sagen. :-) Statt weiterer Worte, hier die entsprechenden Links:

Blog des Hotels Stadthalle

Blog des Circus Hotels (und -Hostels)

(Auf den Blog des Hotels Europe in St. Petersburg hatte ich ja schon im Originalbeitrag hingewiesen.)

Und wo wir schon beim Schreiben und Lesen sind, muß ich auch zum Hotel Stadthalle etwas nachtragen; ich bin selbst erstaunt, wieviel Gesprächsstoff ein Hinweis liefert, den ich anläßlich einer kleinen Notiz im Zeit-Magazin über das Münchner Hotel Olympic erst mal aus rein persönlichem Interesse aufgegriffen habe. Hotels und Bücher bzw. Bücher in Hotels scheint ein aktuelles und wichtiges Thema zu sein. Aufmerksam geworden bin ich auf das Hotel Stadthalle zwar wegen seiner Null-Energie-Bilanz. Als ich aber kürzlich – aus Anlaß einer Email der Inhaberin Frau Reitterer – der Website des Hotels erneut einen Besuch abstattete, habe ich entdeckt, daß es sich überdies um Wiens erstes und bislang einziges »Bibliotel« handelt.

Falls Sie den Ausdruck noch nie zuvor gehört haben, geht es Ihnen wie mir. Die Idee stammt von Sebastian Mettler von der »Innovationswerkstatt« in Salzburg. Um sich Bibliotel nennen zu dürfen, muß ein Hotel einer Reihe von Anforderungen genügen, was den Umfang seiner Bibliothek, die Ausstattung jedes Zimmers mit Büchern sowie die ständige Pflege und Weiterentwicklung des Bestands betrifft. Auch eine Mindestanzahl von Plätzen zum ungestörten Lesen und Schreiben, die mit eigenen Leselampen ausgestattet sind, gehört zum Kriterienkatalog. Darüber hinaus laden die Bibliotels regelmäßig Autoren zu Lesungen ein und veranstalten Aktionen im öffentlichen Raum, in Wien z.B. im Museumsquartier. Klingt ernsthaft, spannend – und im Unterschied zum Library Hotel in New York überhaupt nicht nach Kultursnobismus.

Auf der Website des Hotels Stadthalle wurde ich auch gleich aufgefordert, mir bei der Zimmerreservierung ein Buch auszusuchen (das Wort »Buchung« kriegt da einen ganz neuen Klang), das bei der Ankunft als persönliches Geschenk für mich bereitgelegen hätte. Leider führt mich mein Weg in der nächsten Zeit überall hin – nur nicht nach Wien, sonst hätte ich das Angebot mit Freude angenommen: Es gab auf der Liste eine Reihe von Büchern, die mich interessiert hätten oder sogar schon länger auf meiner eigenen »Mußt-du-auch-mal-lesen«-Liste stehen. (Aber zur Blütezeit auf »Wiens größtes Lavendelfeld« zu blicken und dabei Franz Werfels »Eine blaßblaue Frauenschrift« zu lesen, ist schon eine verlockende Vorstellung, der ich vielleicht mal nachgeben werde.)

Und noch einen Nachtrag gibt es zum Thema Literaturhotels, diesmal aus New York. weiterlesen…

21. Januar 2010

1100.006 wie Liebe – Nachtrag

Orient Express plant zum 21 Club ein 21 Hotel in Midtown Manhattan

Jetzt hat es doch wieder den Anschein, als würde das Library Hotel in New York bald Konkurrenz bekommen – und zwar in seiner unmittelbaren Nach­bar­schaft. Noch ein Bücherhotel? Ganz richtig, wenngleich aller Voraussicht nach von völlig anderem Zuschnitt. Ein Haus, das sowohl als Bibliothek wie auch als Hotel Maßstäbe setzen soll. Führende Köpfe der New Yorker Szene haben es schon vorab zum schrägsten und hippsten Hotel der Metropole erklärt – der Lorbeer kommt zwar etwas verfrüht, aber Klappern gehört nun mal zum Handwerk, ganz besonders in Big Apple.

Zu den Fakten.   weiterlesen…

11. Januar 2010

1100.006 wie Liebe

Wer Melvil Dewey war, wissen heute nur noch Eingeweihte – das nach ihm benannte Ordnungsschema aber kennt in Amerika jedes Schulkind. Die Dewey Decimal Classification (DDC) – häufig auch einfach library classification genannt – ist das System, nach dem jede öffentliche Bibliothek und jede Schulbücherei geordnet ist. Jedes Wissensgebiet und jede noch so kleine Spezialdisziplin hat darin einen unverwechselbaren, durch eine Dezimalzahl bezeichneten Platz.

Ein Gast, der in einem Hotel Zimmernummern von der Art 500.001, 1000.006 oder 1200.002 vorfindet, wird deshalb nicht lange brauchen, um den Namen der Herberge zu erraten. Genau so – The Library nämlich – heißt das Fünf-Sterne-Haus denn auch, das sich selbst unter den Ersten Adressen New Yorks einordnet. Die Lage des Boutique-Hotels in Midtown Manhattan, an der Ecke Madison Ave. und 41. Straße, ist jedenfalls ideal – nur wenige Schritte entfernt vom Bryant Park, der Grand Central Station, der 5th Avenue und dem Times Square mit dem angrenzenden Theaterbezirk. Ebenso in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen: die berühmte New York Public Library sowie die Pierpont Morgan Library, die wohl als Inspirationsquelle für das Hotelkonzept dienten; die 41. Straße ist auch unter dem Namen Library Way bekannt.

Die Planer haben das Konzept stilsicher umgesetzt und ein Hotel geschaffen, das in dieser Form tatsächlich einzigartig sein dürfte. Von den 60 Zimmern, die sich auf die oberen zehn Stockwerke des 14-stöckigen Gebäudes verteilen, gleicht – Dewey sei Dank – keins dem anderen. Jede Etage ist einer der zehn Hauptkategorien der DDC zugeordnet, und jedes Zimmer wiederum einem ganz bestimmten Wissensgebiet daraus, das echte Experten schon an der Zimmernummer ablesen können. Dieses Wissensgebiet entscheidet darüber, welche Bücher der Gast im Zimmer vorfindet, und welche Bilder an den Wänden ihn erwarten. So dürfen sich in Zimmer 1000.006, das den Neuen Medien gewidmet ist, Bill Gates und Steve Jobs (bzw. Porträts der beiden) an den Wänden in friedlicher Koexistenz üben. Viel gefragter als dieses sind allerdings die Zimmer 800.001 und 1100.006, die im Zeichen der erotischen Literatur respektive der Liebe stehen – dicht gefolgt auf der Beliebtheitsskala vom Märchenzimmer mit der Nummer 800.005.   weiterlesen…

2. Januar 2010

Ohne jeden Vorsatz (Beyond Imagination)

Nun hat das Jahr also begonnen, die Ziffern im Kalender sind über die Dezimalschwelle hinweg von 09 auf 10 umgesprungen, und auch die guten Vorsätze sind fast schon wieder zwei Tage alt. Vielleicht gehöre ich diesmal zu den wenigen, die keine Gefahr laufen, ihnen untreu zu werden. Ich habe mir nämlich fest vorgenommen, ohne alle Vorsätze ins neue Jahr zu starten. Erstens taugen sie ohnehin nichts. Und außerdem sind sie Ballast aus der Vergangenheit, den wir ohne Not und aus freien Stücken mit uns rumschleppen. Jeder gebrochene Vorsatz ist ein Sieg des Alten über das Neue.

Deshalb passen die »guten Vorsätze« eigentlich überhaupt nicht zum Jahresanfang. Der steht ja auch symbolisch für einen Neubeginn. Das ganze Spektakel und der Krach, mit dem wir den Wechsel vollziehen, soll die Geister des alt und schal Gewordenen in die Flucht schlagen. Ein Ritual der Wiedergeburt: das neue Jahr liegt jungfräulich vor uns, damit wir es jungfräulich, buchstäblich wie neugeboren beginnen. Darin liegt die Magie und die Kraft dieses kulturübergreifenden kulturellen Rituals. Die »Altlasten« holen uns früh genug wieder ein. Jetzt versuchen wir erst einmal, das Leben zu nehmen, als habe es grade erst begonnen.

Diese »Magie des ersten Mals« hat mich am folgenden Video so bezaubert. Ich wünsche Ihnen noch einmal ein tolles Jahr, das Sie mit Neuem und Unerwartetem überrascht.

22. Dezember 2009

Chelsea Hotel (One More Take)

Nichts gegen Merian – aber darin auf das Chelsea Hotel als Reiseempfehlung zu stoßen, stimmt dennoch wehmütig. Wenn es je ein Domizil für schräge Vögel, ausgeflippte Typen, Superstars und verkrachte Genies gab, dann dieses. Die Legenden, die sich um das Chelsea Hotel und seine Bewohner ranken, füllen ein Buch. Es heißt »Legends of the Chelsea Hotel: Living with the Artists and Outlaws of New York’s Rebel Mecca«, und sein Autor, Ed Hamilton, gehörte jahrzehntelang zu den vielen »Dauergästen« des Hotels. Vieles, was im Buch keinen Platz mehr fand, ist in seinem Blog nachzulesen. Aber selbst Ed Hamilton kennt nur einen Bruchteil der Geschichten aus eigener Anschauung, die im  Laufe eines Jahrhunderts dem Haus seinen einzigartigen Nimbus verschafften.   weiterlesen…

18. Dezember 2009

Kulinarisch-literarisches Doppel

Last-Minute-Tips für Selber-Weihnachtsgeschenke

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: die Geschenke für die Familie, für Freunde, Angestellte und Geschäftspartner sind alle besorgt – nur an mich habe ich nicht gedacht. Wer spielt schon gerne Christkind für sich selbst… Wobei – eine kleine Belohnung könnte man sich schon gönnen. Als ich – über einen Artikel von Adam C. Engst in TidBITS – auf Epicurious gestoßen bin, habe ich darum nicht lange gezögert. Epicurious von Condé Nast Digital ist eine iPhone-App, deren wortspielerischer Name zum einen auf Epikur, den Gott der Feinschmecker anspielt, zum anderen auf das englische Wort »curious« für neugierig. Wer daraus schließt, es handle sich um Programm für Gourmets, eine Rezeptsammlung womöglich, liegt goldrichtig; echte Gourmets mußten aber ohnehin nicht raten, weil sie die mehrfach ausgezeichnete Website epicurious.com längst kennen.   weiterlesen…

16. Dezember 2009

Hotels in History

Bertha von Suttner, das Hotel Baur au Lac und der Friedensnobelpreis

Friedensnobelpreisträger sind nicht zu beneiden. Erstens gibt es immer eine lautstarke Fraktion, die findet, er oder sie habe den Preis nicht verdient, und es sei eine Schande, daß stattdessen nicht dieser oder jene ausgezeichnet worden sei. Ähnlich geht es eigentlich nur noch den Literatur­nobel­preisträgern – aber Literatur genießt in der Öffentlichkeit einen geringeren Stellenwert.

Zweitens müssen sie den Preis ganz allein, getrennt von den anderen Preisträgern entgegennehmen – in Oslo statt in Kopenhagen. Dergestalt isoliert, sollen sie in ihrer Dankesrede dann die Ehre des Preises retten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber mit so viel Häme, wie Präsident Barack Obama letzte Woche entgegenschlug, wurde noch selten eine Preisrede aufgenommen. Wäre es nach den deutschen Kommentatoren gegangen, hätte sich Obama entweder für den Fehlgriff des Auswahlkomitees entschuldigen – oder ersatzweise mindestens sein Amt als US-Präsident niederlegen müssen. Angesichts dieser Alternative hat er sich, wie ich finde, sehr respektabel aus der Affäre gezogen.

Präsident Obama hält seine Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises (Foto: Pete Souza, Weißes Haus, Wikimedia)

Präsident Obama hält seine Rede während der Zeremonie zur Verleihung des Friedensnobelpreises

Aber das ist hier nicht mein Thema; ich habe mir in diesem Blog strikte politische Enthaltsamkeit verordnet. Trotzdem hat es mit dem Thema zu tun, denn der Friedensnobelpreis stand im Mittelpunkt von Kontro­versen, seit er im Jahr 1901 erstmalig an Henry Dunant und Frédéric Passy vergeben wurde. Auch Alfred Nobel war klar, daß es immer wieder Streit um Preis und Preisträger geben würde. Das ist einer der Gründe, warum der Preis in Oslo vergeben wird; vor dem Hintergrund der damaligen politischen Situation hoffte Nobel, auf diese Weise den Einfluß politischer Interessen auf die Wahl des Preisträgers zu begrenzen. weiterlesen…

16. Dezember 2009

Writer’s Corner (2)

Anläßlich des Abschlußbanketts des Internationalen Friedenskongresses 1904 in Boston hielt der amerikanische Philosoph William James im Anschluß an Bertha von Suttner eine Rede, die nicht zuletzt deshalb bemerkenswert und noch heute aktuell ist, weil sie erstaunliche  Parallelen zur Nobel Lecture aufweist, die Barack Obama 55 Jahre später, also 2009 gehalten hat:

»I am only a philosopher, and there is only one thing that a philosopher can be relied on to do. You know that the function of statistics has been ingeniously described as being the refutation of other statistics. Well, a philosopher can always contradict other philosophers. In ancient times philosophers defined man as the rational animal; and philosophers since then have always found much more to say about the rational than about the animal part of the definition.   weiterlesen…

7. Dezember 2009

Glücksfunde (Serendipity)

Jetzt erst und also reichlich spät komme ich dazu, dieses Interview mit Zaha Hadid gründlicher zu lesen. So kann es gehen, wenn man sich Sachen für eine spätere Lektüre beiseitelegt. Zu bedauern ist daran aber nichts; ich habe im Gegenteil die besten Erfahrungen damit gemacht. Meist nämlich nehme ich Bücher oder Artikel dann wieder zur Hand, wenn sie zu den Themen passen, die mich grade beschäftigen. Dann fesseln mich Aspekte, auf die ich zu der Zeit, als das Interview noch druckfrisch war, vermutlich gar nicht geachtet hätte. Und damit wäre ich eigentlich schon direkt bei dem Thema, um das im Moment viele meiner Gedanken kreisen. Aber ich greife vor.

In dem Interview – das Original erschien in der Wochenend-, nicht wie die Onlineversion behauptet in der Immobilienbeilage der SZ – in dem Interview also geht es nur am Rande um konkrete Bauten oder Entwürfe Hadids, auch nicht um Grundsatzfragen der Architektur oder um ihr architektonisches Credo. Das Gespräch dreht sich vielmehr um ihre Art zu arbeiten und die Quellen ihrer Inspiration. Man erwartet analytische, konstruktiv orientierte Anworten von der Architektin, die ursprünglich Mathematik studierte und deren Entwürfe überhaupt nur mit Hilfe des Computers realisierbar wurden; noch eine Generation zuvor hätten sie jeden Statiker zur Verzweiflung gebracht. Doch Zaha Hadid straft die Erwartungen Lügen. So stellt Eva Karcher, die das Interview führt, gegen Ende des Gesprächs die Frage: »Gehen Sie eher intuitiv vor?« Hadid bringt es fertig, in einem Atemzug die Frage zu bejahen – und gleichzeitig die Vorstellungen, die sich normalerweise mit dem Begriff der Intuition verbinden, zurückzuweisen:   weiterlesen…

30. November 2009

Hotel Grimes? (Hotels in History)

Eigentlich ist Alex Ross Musikkritiker; sein jüngstes, sehr zu empfehlendes Buch »The Rest is Noise« ist erst vor wenigen Wochen auch auf Deutsch erschienen. Daß er sich in seinem Blog auch über Hotels ausläßt, war mir neu. Noch sonderbarer fand ich dann, daß es das Hotel Grimes, das er im Titel nennt, gar nicht gibt – jedenfalls nicht in der Ortschaft Lowestoft in Suffolk, wo es sich Ross zufolge befinden sollte. weiterlesen…

24. November 2009

Reality Check

Fragt man 3 halbwegs gebildete Menschen nach den 50 größten Deutschen aller Zeiten, erhält man wahrscheinlich 287 Namen. Mindestens. Nun hat sich auch die ZEIT an dieser unmöglichen Aufgabe versucht und daraus eine Sonderbeilage gemacht. Größe allein genügt ihr aber nicht. Sie sucht nach Vorbildern, die heute noch aktuell und mehr denn je zukunftsweisend sind – »Menschen, von denen wir lernen können, die wir wiederhaben wollen«.   weiterlesen…

4. November 2009

Luxus für die Ärmsten

Diese Reportage aus Merian klingt ein wenig so, als habe ein Drehbuchautor die Geschichte erfunden. Ein guter Film könnte schwerlich draus werden: zu rührselig der Inhalt; an den Haaren herbeigezogen die Story – und das Ganze viel zu schön, um wahr zu sein. Kitsch as Kitsch can, würde man im Kino sagen. Wir sind aber nicht im Kino, sondern in Rußland, genauer gesagt in St. Petersburg, im Grand Hotel Europe. Rußlands erstes Fünf-Sterne-Hotel, und ebenso unbestritten das erste Haus am Platz. Seit 1835 stieg hier ab, was Rang und Namen hatte – von Tschaikowsky, Prokofjew oder Strawinsky über Maxim Gorki und Georges Bernard Shaw bis hin zu Jimmy Carter, Bill Clinton, Queen Elizabeth II., Helmut Kohl und vielen anderen. So weit, so gut und für ein Hotel dieses Rangs eigentlich nicht der Rede wert. Große Namen, gesellschaftlicher Glanz, Luxus, Verschwendung – solche Assoziationen gehen mir beim Wort Grandhotel ohnehin durch den Kopf. Aber soziales Engagement? Unterstützung für die Ärmsten? Hilfe für Kinder in Not? – nein, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen. weiterlesen…

16. Oktober 2009

Betten frei im Supermarkt

Irgendwann reicht’s dann auch. Vielleicht liegt es einfach daran, daß mir in der letzten Zeit zu viele davon untergekommen sind; sie schießen ja wie die Pilze aus dem Boden. Jedenfalls kann ich das Wort »Themenhotel« nicht mehr hören. Selbst wenn es sich, wie in diesem Fall, um eine Europa-Premiere handelt: das erste europäische Supermarkt-Hotel im nordrhein-westfälischen Neuwied. Für Juli 2010 ist die Eröffnung geplant. Dann darf der Gast sich in Bettwäsche mit Bierwerbung, Dosensuppen- oder Süßwarenreklame kuscheln; Einkaufswägelchen fungieren als Sitzgelegenheiten; entlang den Gängen stapelt sich das Warenangebot in Stahlregalen; in der Rezeption erkennt er die Supermarktkasse wieder.

Und ich hatte gedacht, die Gefängnishotels seien nicht mehr zu toppen… Dabei haben letztere wenigstens die Authentizität, eine düstere Romantik und den morbiden Charme der Selbstpreisgabe für sich – Qualitäten, die dem Supermarkt-Hotel völlig abgehen. Mehr zu sagen verbietet mir die Höflichkeit. Wie gesagt: ich mag von Themenhotels nichts mehr hören und auch nicht drüber reden. Dennoch – weiterlesen…

13. Oktober 2009

Dienstleistungs-Blues

Wer innerhalb weniger Jahre gleich zwei international erfolgreiche Kult-Magazine – »Wallpaper« und »Monocle« – aus der Taufe hebt, dessen Meinung zählt. Nicht zufällig gilt Tyler Brûlé in manchen Kreisen als oberste Instanz in Sachen Lifestyle. Leser der Financial Times und von Merian schätzen darüber hinaus seine Kolumne»Fast Lane«, worin er sich  über Hotels, Dienstleistungsangebote und weiteres Wissenswerte aus aller Welt verbreitet. Nur mit den Schweizern hat sich’s Tyler Brûlé vor ein paar Wochen ziemlich böse verscherzt.   weiterlesen…

29. September 2009

Lucy in the Sky stirbt in London

Gestorben war »Lucy in the Sky with Diamonds« eigentlich schon lange vorher. Jedenfalls für die BBC, die den Beatles-Hit von 1967 von ihren Sendern verbannte, weil sie in den Anfangsbuchstaben des Titels eine Hommage an die Droge LSD zu erkennen meinte (ähnlich erging es später den Eagles, deren Song The Hotel California als Hymne auf das Rauschmittel THC, also Crack, interpretiert wurde). Nun aber starb Lucy wirklich – Lucy Vodden nämlich, die Schulfreundin von John Lennons Sohn Julian. Eine Zeichnung von ihr hatte Julian seinem Vater mit den Worten gezeigt: »That’s Lucy in the sky with diamonds!« John Lennon bestand zeitlebens darauf, daß das Lied darin seinen Ursprung habe – und nicht in irgenwelchen LSD-Visionen. Vielleicht lassen sich jetzt auch die letzten Skeptiker überzeugen. Es gibt immer wieder Dinge, die sich beim Wort nehmen lassen. Manchmal ist Lucy in the sky schlicht und einfach Lucy Vodden, Gastfreundschaft ist wirklich Gastfreundschaft, und hinter der Vorsilbe Öko- vor dem Wort Hotel verbirgt sich nichts als das ehrliche Bemühen um Nachhaltigkeit und die Schonung natürlicher Ressourcen. Leider nicht immer…

19. September 2009

Rasender Reporter – Nachtrag

Mittlerweile sind zu Pasolinis Reportage »Die lange Straße aus Sand« (mit der ich mich vor wenigen Tagen ausführlich beschäftigt habe) eine Reihe weiterer Rezensionen erschienen – z.B. hier und hier und hier; die ZEIT (Nr. 38/2009 – online nur für Abonnenten verfügbar) sowie Merian haben Ausschnitte daraus veröffentlicht. Immerhin – das Buch scheint die Resonanz zu kriegen, die es verdient.

Zum Reinhören: ein Interview mit Peter Kammerer, der auch das Nachwort zum Buch verfaßt hat.

12. September 2009

Rasender Reporter

Das schönste Italienreisebuch des Jahres kommt aus einem weitgehend unbekannten, neu gegründeten Verlag und ist fünfzig Jahre alt. Es heißt »Die lange Straße aus Sand«, und der Text stammt von dem Dichter, Schriftsteller, Filmemacher, Essayisten und »Universaldissidenten« Pier Paolo Pasolini – PPP, wie er in seiner Heimat bis heute genannt wird. Der war 1959 in Italien bereits eine Berühmtheit, aber noch nicht die moralische Instanz, zu der er dann in den späten 60er und in den 70er Jahren wurde. Zwei Jahre nach der Reise, die »Die lange Straße aus Sand« schildert, kam mit »Accattone« Pasolinis erster eigener Film in die Kinos und begründete seinen anhaltenden Weltruhm als Regisseur. Daß es zu der Reise kam, ist dem Zufall zu verdanken. Genauer gesagt, dem Zusammentreffen zweier Zufälle. weiterlesen…