Am 6. August 1881 überfiel den Philosophen Friedrich Nietzsche auf einem der zahlreichen Fußmärsche, die er von Sils-Maria aus unternahm, das, was ihm selbst als sein größter Gedanke erschien: die Lehre von der Ewigen Wiederkunft des Gleichen. Seither ist Sils-Maria weltberühmt und hat einen festen Platz in der Geistes- und Kulturgeschichte. Kaum weniger zum Ruf des Ortes und zu seiner kulturellen Ausstrahlung hat das Hotel Waldhaus beigetragen, das 1881 freilich noch nicht existierte. Aber es darf ohnehin bezweifelt werden, ob Nietzsche hier abgestiegen wäre – nicht nur, weil die bescheidenen Ruhestandsbezüge eines Basler Professors das nicht erlaubten, sondern vor allem, weil er in Sils-Maria die Zurückgezogenheit und ein einfaches Leben ohne äußere Ablenkungen suchte. Das spartanisch eingerichtete Zimmer, in dem er über viele Jahre hinweg immer wieder logierte, ist heute noch zu besichtigen; für ein solches Eremitendasein war und ist das Hotel Waldhaus sicher weniger geeignet.
1908, acht Jahre nach dem Tod des Philosophen, wurde der imposante, zur Zeit seiner Entstehung in vieler Hinsicht einzigartige Hotel-Neubau eröffnet. Er thront über dem Dorf, als habe es ihn immer schon gegeben – und als gehöre er gleichzeitig gar nicht hierhin. An ein Schiff fühlte sich Ulrich Greiner bei dem Anblick erinnert; er sah »den ehemaligen Luxusdampfer weiß aus dem dunklen Nadelwald emporleuchten«, und offen blieb nur eine einzige Frage: »wie … kam das Schiff auf den Berg?« Es wurde dahin gehext, könnte man vermuten. Das wirft die weitere Frage auf, ob sich Thomas Mann, ein treuer Stammgast, nicht auch von der »Waldhaus«-Atmosphäre zu seinem »Zauberberg« inspirieren ließ. Definitiv beantworten läßt sich wohl weder die eine noch die andere Frage.
Überhaupt ist das Waldhaus ein Ort der unaufgelösten und unauflösbaren Gegensätze. Das beginnt schon beim Namen, der an eine abgeschiedene Idylle von bescheidenen Dimensionen denken läßt und von dem palastartigen Bauwerk ganz augenscheinlich Lügen gestraft wird. Desgleichen verträgt sich die abgeschiedene Lage, die schon Nietzsche anzog und Theodor W. Adorno an das Ende der Welt und an die unwirtliche Leere des Kosmos gemahnte, erstaunlich gut mit dem kosmopolitischen Flair und der weltgewandten Gastlichkeit des Hauses. Gäste, die erwarten, den Ort ihrer Träume Jahr für Jahr unverändert wie seit Jahrzehnten wiederzufinden, fühlen sich im Waldhaus paradoxerweise ebensogut aufgehoben wie solche, die wert auf zeitgemäßen Komfort und Luxus legen. Die ewige Widerkehr des Gleichen schließt den Fortschritt nicht aus – und das Hotel investiert jährlich zwischen drei und vier Millionen Schweizer Franken, um das unter Beweis zu stellen. So entsteht – schon wieder ein scheinbarer Gegensatz – »eine eigenwillige, aber wohlüberlegte Mischung aus Kargheit und Grosszügigkeit, eigentlich urhelvetisch«, wie es die heutigen Besitzer formulieren. Die sind die Nachfahren des Gründers Josef Giger; das Hotel ist seit vier Generationen im Familienbesitz, und wahrscheinlich ist nur ein Familienunternehmen in der Lage, eine solche Tradition mehr als ein Jahrhundert lang am Leben zu erhalten.
Aber seine absolute Alleinstellung verdankt das Waldhaus weder den landschaftlichen Reizen, noch der Architektur oder der Vielfalt und Qualität seines Angebots. Womit vermutlich kein anderes Hotel auf der Welt konkurrieren kann, ist etwas anderes: weiterlesen…









