Einträge zum Thema Marketing

3. September 2010

Heiteres Beruferaten

Die WELT hat mal wieder den Finger am Puls der Zeit. Jetzt hat sie entdeckt, daß die Hotelbranche in rasender Kreativität dabei ist, neue Berufe und Berufsbilder zu kreieren. Das klang schon mal vielversprechend. Viel öfter wird ja das Gegenteil beklagt: zuwenig Innovationsfreude in der Hotellerie. Also fing ich zu lesen an.

Der Artikel begann – zur Einstimmung, vermutete ich – mit dem neuen Job des Hotelpoeten. Der geht im Restaurant von Tisch zu Tisch, trägt selbst verfaßte Gedichte vor oder findet Reime zu beliebigen Worten und Wortverbindungen, die ihm die Gäste zuwerfen. Wahnsinnig aufregend. Und ein internationaler Erfolg, wie die WELT versichert. Daß der Poet aus Stratford-upon-Avon kommt, soll seine Qualitäten wohl zusätzlich beglaubigen. Immerhin wurde dort schon William Shakespeare geboren. Ich fand’s trotzdem zum Gähnen. Und noch nicht mal sonderlich neu. Dunkel erinnert man sich, sowas auch schon in Fernseh-Shows gesehen zu haben, kurz bevor man vor der Glotze einschlief. Na ja, was soll’s, dachte ich. Das war jetzt erstmal zum Aufwärmen. Keiner will schon zu Anfang sein ganzes Pulver verschießen. Eine gute Story baut langsam die Spannung auf, bevor sie zum Höhepunkt kommt. Es kann nur besser werden.

Es wurde aber nicht besser. Nur peinlicher. Da traten etwa arbeitslose Opernsänger auf, die sich als Kellner verdingten. Und während sie die gedünstete Forelle servierten, hielten sie kurz inne, um zur nicht gelinden Überraschung der Gäste »La donna è mobile…« zu schmettern. Überraschung ist heutzutage wohl ein Wert an sich. Und selbst damit ist es bei vielen dieser »neuen Hotelberufe« nicht weit her. Darüber, daß Hotels mit mehrere Stockwerke hohen Aquarien für deren Reinigung Taucher beschäftigen müssen, wundert sich wohl nur ein WELT-Reporter. Und wenn an einem tropischen Palmenstrand die Badegäste Gefahr laufen, von herabfallenden Kokosnüssen oder abgestorbenen Zweigen getroffen zu werden, dürfte es jedem verantwortungsvollen Hoteldirektor ein Anliegen sein, solche Gefahrenquellen jeden Morgen beseitigen zu lassen. Das war, wie ich vermute, vor 30 Jahren nicht anders als heute. Vielleicht hießen sie damals noch nicht »Coconut Climber«. Und ein Beruf ohne eigenen Namen ist nun mal kein richtiger Beruf.

Statt einem Höhe- strebt der WELT-Artikel langsam aber sicher seinem absoluten Tiefpunkt zu. Der ist erreicht, als man uns den Gärtner des pfälzischen Hotels »Kloster Hornbach« vorstellt. Der kümmert sich nicht nur um Blumen, Bäume und den Gemüsegarten, sondern auch um die hauseigene Carrera-Rennbahn. Was für eine glänzende Berufsperspektive.

Das macht mir Mut, selbst mit einer bescheidenen Anregung zur wunderbaren Berufsvermehrung beizutragen. Ich schlage also vor – jetzt alle mal herhören, bitte: den ultimativen Hotel-Vortänzer. Nein, nicht was Sie meinen. Einen Tanzlehrer oder Ballett-Tänzer kann jeder engagieren. Wer sowas macht, ist einfach noch nicht richtig auf den Hund gekommen. Und erst dann wird es wirklich sensationell. Lassen Sie sich überraschen:

2. September 2010

One More Take (Kommunikation, zum dritten)

So ein Kitsch, denke ich jedesmal wieder, wenn mir dieser Song zu Ohren kommt. Sie werden lachen: so ging es mir schon beim ersten Hören vor vielen, vielen Jahren. Ach, was soll’s, sage ich mir dann – und höre den Song zu Ende. Ein Ohrwurm eben, in jeder Hinsicht. Aber das ist es nicht allein. Auch hier hat jemand den Mut, eine einfache Botschaft in ebenso einfache Worte zu kleiden. People meet in architecture. Think different. Imagine… Davor scheuen wir uns alle, aus Angst, unbedarft zu erscheinen. Womöglich pathetisch zu klingen. Naiv, sentimental und kitschig – wie dieses Lied (und John Lennon hatte immerhin einen Ruf als »der Intellektuelle unter den Beatles« zu verlieren).

Es hat schon einen Grund, warum Jobs den Beatle Lennon in seine bunt zusammengewürfelte Schar von Querdenkern aufnahm, »the crazy ones«, wie er sie gern nennt. Die englische Formulierung trifft es besser als das Wort Querdenker. Da steht dann Buckminster Fuller neben Bob Dylan, Amelia Ehrhardt neben Albert Einstein, Cassius Clay alias Muhammad Ali neben Pablo Picasso, Alfred Hitchcock neben Frank Lloyd Wright. Und so weiter. Verrückte unter sich. »Because the people who are crazy enough to think they can change the world, are the ones who do.« Just imagine…

Schön und gut, heißt es dann oft. Im Showbusiness darf man schon mal Trivialitäten als Weisheit verkaufen. Nichts gegen Kitsch. Aber alles zu seiner Zeit. Jetzt wenden wir uns wieder ernsthafteren Dingen zu.

Ist Goethe ernsthaft genug? Der war sich nicht zu schade, im reifen Alter die Sätze zu Papier zu bringen:  weiterlesen…

2. September 2010

Kompetenz kommunizieren, zum zweiten

Das Video aus dem vorigen Beitrag ist zwar eine historische Rarität – abgesehen vom intimen Kreis und den dem daraus folgenden Fehlen von PR-Effekten: wo haben Sie sonst schon Steve Jobs in Shorts gesehen? –, leider läßt aber auch die Bildqualität zu wünschen übrig. Die Werbekampagne, die Jobs als Konsequenz seiner Überlegungen zu Apples Kernkompetenz vorstellt, kommt deshalb zu kurz. Wer sie nicht schon kennt, erhält nur einen unzureichenden Eindruck. Das ist schade, denn sie zeigt beispielhaft, welches Potential in der Kernkompetenz steckt, wenn man sie (wie Jobs und ich) als menschlich nachvollziehbares Wozu begreift. Steht die Kernkompetenz in einem menschlichen (gesellschaftlichen, kulturellen, historischen, politischen) Sinnzusammenhang, ergibt sich die Werbebotschaft beinahe von selbst und bedarf keiner zusätzlichen Mätzchen oder eigens hinzuerfundener »Erlebniswelten«, um glaubwürdig rüberzukommen. Sie kann sogar – wie im Fall von Apples Think-different-Kampagne – völlig darauf verzichten, irgendwelche Produkte zu zeigen oder Leistungen zu visualisieren; selbst der Unternehmensname erscheint erst ganz zum Schluß und nur wenige Sekunden lang.

Ich zeige Ihnen deshalb den allerersten, von Steve Jobs im vorangegangenen Video vorgestellten Think-different-Spot von 1997 noch einmal in etwas besserer Bildqualität. Außer aus Filmspots bestand die Kampagne im wesentlichen aus Anzeigen und Plakaten, mit denselben historischen Persönlichkeiten in der Hauptrolle, die auch im folgenden Video auftreten. Über die Qualitäten dieses Werbe-Auftritts muß ich weiter nicht viel sagen; es handelt sich um eine der mit Abstand erfolgreichsten Kampagnen der letzten Jahrzehnte.

Um auch noch die Brücke zu unseren »eigentlichen« Themen zu schlagen – und damit Sie nicht denken, ich schweife ab: natürlich ist auch dieser Blog in erster Linie eine breit angelegte Suche nach Sinnzusammenhängen, in denen Hotels, Hotel-Dienstleistungen und mit der Hotellerie zusammenhängende Themen stehen – ein Forschungsprojekt als work in progress also, das sich für Kernkompetenzen interessiert. Um die geht es nämlich nicht erst in der Kommunikation bzw. Werbung, sondern schon bei der Planung, Gestaltung und dem Betrieb eines Hotels.

Think different – das ist auch hier das Thema. Und in diesem Sinn ist das folgende Video viel mehr als »nur Computerwerbung«.

1. September 2010

Wie man eine Kernkompetenz kommuniziert

Nicht nur Hotels haben eine Geschichte und eine Botschaft, sondern auch Unternehmen. Marketingleute nennen das die Kernkompetenz – und haben meist keine Ahnung, worauf es dabei ankommt. Denn es geht nicht um Marketing – auch nicht um einen technologischen Vorsprung oder ein »Alleinstellungsmerkmal«. Es geht tatsächlich um eine Botschaft und eine Geschichte. Die handeln davon, was das Unternehmen der Welt zu geben hat und womit es die Menschen bereichert. Das ist sein eigentliches Thema – und im nächsten Schritt geht es dann darum, mit diesem besonderen Thema, also der Kernkompetenz, Gewinne zu erzielen.

Am Anfang aber steht immer die Geschichte. Der elementare Rückbezug auf den Menschen und seine Welt. Schon Vision klingt dafür zu hochgestochen. In der Regel ist es ganz einfach und selbstverständlich. Allzu einfach und selbstverständlich nach dem Geschmack von Marketingexperten:. »People Meet in Architecture«. Fast schon banal, würden sie sagen. Aber das ist der Ausgangspunkt, um glaubwürdig Visionen zu entwickeln, die das Gegenüber begeistern. Modische Etiketten, Werbeslogans oder architektursoziologische Diskurse eignen sich dafür nicht.

Leider haben wir es weitgehend verlernt, in dieser Hinsicht unseren besseren Instinkten zu vertrauen – abgesehen davon, daß einem diese Einfachheit und Klarheit auch nicht in den Schoß fällt. Deswegen bin ich immer dankbar für Beispiele, von denen ich lernen kann. Kazuyo Sejimas Biennalemotto ist ein solches Beispiel. Burkhard Schwenkers Abschieds-Mail war ein anderes. Und wie der Zufall es will, bin ich grade gestern in der New York Times über ein drittes gestolpert. Es handelt sich um eine Rede Steve Jobs’ im Jahr 1997 vor Apple-Mtarbeitern – wenige Monate, nachdem er ins Unternehmen zurückgekehrt war, und kurz bevor das Unternehmen mit einer neuen Werbekampagne auch öffentlich seinen Relaunch einleitete. Es war die Zeit, in der Apple am Abgrund stand: der Computerhersteller hatte die Orientierung verloren, der Marktanteil sank seit Jahren kontinuierlich, und selbst die eigenen Mitarbeiter hatten das Vertrauen in die Marke verloren.

In dieser Situation hing alles davon ab, daß es dem Unternehmen gelang, sich auf seine eigentliche Stärke, seine Botschaft und seine Geschichte zurückzubesinnen – und Apple das Vertrauen in sich selbst wiedererlangte. Es zeichnet Steve Jobs aus, daß er das verstand – und die Herausforderung annahm. Wie er das tat, mit welchem Ernst und mit welcher Leidenschaft er die Kernkompetenz des Unternehmens auf ihren menschlichen Kern zurückführte, in unprätentiösen starken Worten und nicht ohne Humor: das ist wirklich sehenswert. In gewisser Weise ist in dieser kurzen Ansprache bereits die Erfolgsgeschichte der folgenden 13 Jahre vorgezeichnet. Obgleich zu diesem Zeitpunkt davon keiner träumte, Steve Jobs womöglich ausgenommen. Wirklich, man kann einiges daraus lernen. Aber urteilen Sie selbst:

31. August 2010

Die zwei Gesichter des Social Web

Stephanie Marcus in Mashable:

»For all the praise that brand advertisers have for social media, they must be aware that it’s very much a double-edged sword. And for all the free marketing, advertising and brand promotion via Facebook, Twitter, Foursquare, and other platforms used to help build an identity and relationship with your customers, it can just as quickly turn on you and your brand.«

Das ist einer der Gründe, warum ich so beharrlich zur Vorsicht im Umgang mit Social Media rate. Was das Social Web für Sie tut, kann es auch gegen sie tun; so sehr es nutzt, so sehr vermag es zu schaden. Wenn ein potentieller Gast zwei Dutzend Hotelbewertungen bei einem Online-Portal liest – was meinen Sie, welche er in Erinnerung behält? Klar doch: die schlimmste. Und das ist keine böswillige Unterstellung meinerseits, sondern der Erfahrungswert von TUI, nachzulesen im aktuellen SPIEGEL (Link nur für Abonnenten).

Und wozu lädt das ein? auf welche Idee könnte da einer kommen, der Ihnen schaden möchte? Auch hier will ich niemandem Böses unterstellen. Aber es sind schließlich schon haarsträubende Dinge vorgekommen. Und das ist nur die naheliegendste der Gefahren, die vom Social Web drohen können.

Keine dieser Gefahren muß sich materialisieren. Aber man sollte sie kennen – und gegen sie gerüstet sein. Deshalb rate ich weiterhin zu konstruktiver Skepsis und viel Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand. Im Grunde ist es wie bei den abenteuerlichen und »todsicheren« Finanzmarkt-Konstrukten, die bis vor kurzem so in Mode waren: wenn Ihnen Ihr Bankberater das Blaue vom Himmel verspricht und Sie verstehen trotzdem nicht, wie genau das funktionieren soll – dann weiß er’s aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nicht (und möglicherweise auch sonst keiner).

Die Folgen für die Finanzmärkte haben wir erlebt. Im Social Web sind die Auswirkungen nicht ganz so gravierend und treffen eher den Einzelnen. Das ist freilich ein schwacher Trost, wenn es sich bei dem Einzelnen ausgerechnet um Sie handelt.

12. August 2010

Kundenorientierung

Mir fällt auf, daß alle von Kundenorientierung reden und dennoch immer nur das eine meinen. Und zwar – bezogen auf die Hotellerie: die Hotels hätten den Gästen die Wünsche von den Lippen abzulesen und ihnen womöglich schon vorher nach dem Munde zu reden. Der Gast ist König, das Hotel der Lakai. Aber eigentlich hat das Wort Kundenorientierung noch eine ganz andere Bedeutung, nämlich Orientierung zu geben. Nicht einfach nur dem Gast zu willen zu sein, sondern ihm zu zeigen, worin Gastlichkeit und Gastfreundschaft heute bestehen kann. Darin läge für mich die vornehmste Aufgabe eines innovativen Hotelkonzepts und damit auch von Kundenorientierung. Natürlich soll der Gast kriegen, was er sich wünscht – aber umgekehrt kriegen Hotels auch nur die Gäste, die sie verdienen.

Oder wie sehen Sie das?

12. August 2010

Social Market Research

Sollten Sie das Wort noch nie gehört haben, wär’s kein Wunder. Wenn doch, ist mir jemand zuvorgekommen; ich hab’s nämlich grade erfunden. Gemeint ist damit: Marktforschung mit Hilfe von Social Media. Die deutsche Übersetzung klingt sogar noch besser: Soziale Marktforschung. Das sollte ich mir eigentlich schützen lassen, aber ich fürchte, dann riskiere ich ein Gerichtsverfahren wegen bewußter Irreführung des Markts und der Öffentlichkeit. ;-)

Irreführung liegt mir allerdings fern. Ich denke vielmehr: die interaktiven Angebote des Web 2.0 bieten in vieler Hinsicht konkurrenzlose Möglichkeiten, sich mit dem Markt rückzukoppeln, Resonanz von den Zielgruppen zu bekommen und aufgrund der Reaktionen Korrekturen vorzunehmen oder Verbesserungen einzuleiten. Das ist gewissermaßen »Echtzeit-Marketing«, und Tripadvisor, Facebook oder Twitter werden dafür ja bereits umfänglich genutzt, nicht zuletzt in der Hotellerie. Unternehmerische Strategien wie das Kaizen oder der Kontinuierliche Verbesserungsprozeß (KVP) können davon nur profitieren.

»In vieler Hinsicht«, habe ich gesagt, und das heißt: es gibt auch Grenzen. Neue Technologien, die grenzenlose Möglichkeiten suggerieren, wecken nur zu leicht grenzenlose Erwartungen, die sie nicht einlösen können. »Grenzwertig« finde ich beispielsweise schon die Aktion, mit der das W Hotel London, Leicester Square – geplanter Eröffnungstermin: Februar 2011 – gegenwärtig auf Facebook von sich reden macht. »Mr W« will dort von der Community wissen, wie das neue Hotel seine » Munchies Boxes« bestücken soll (andernorts sagt man Minibar dazu). Das klingt im ersten Moment nach einer sehr vernünftigen Idee. Demokratischer geht’s nicht: diejenigen, die sie später nutzen werden, sollen auch über den Inhalt der Minibar entscheiden. Sollte das Hotel freilich die Ergebnisse dieser Umfrage tatsächlich der Bestückung seiner Minibars zugrundelegen, wären ihm gleich mehrere Denkfehler unterlaufen.  weiterlesen…

10. August 2010

Originale und Kopien, Fortsetzung

Wer sich das Original leisten kann, haben wir festgestellt, leistet sich das Original. Und wer das Original besitzt, rümpft die Nase über Kopien. In den Augen des durchschnittlichen Käufers und Nutzers hat das Original einen höheren Wert als jede Kopie. Das liegt keineswegs nur am höheren Preis. Eines der besten und erfolgreichsten Geschäftsmodelle der letzten Jahrzehnte war die Idee von Swatch, Billigst-Uhren durch eine limitierte Auflage und den ständigen saisonalen Wechsel zu Originalen zu machen. Einige der frühen Modelle sind heute fast nicht mehr zu kriegen, und wenn, dann für Normalsterbliche nicht zu bezahlen.

Sind sie das wirklich wert? Werden Originale vielleicht einfach überschätzt? Beruht ihr Wert womöglich auf einer bloßen Illusion – und dahinter steht bloß eine clevere Geschäfts-Idee, die dann von Werbern und Marketing-Experten ins Extrem getrieben wird? Soll ich nur für den Namen ein Vielfaches dessen bezahlen, was das Produkt wirklich wert ist – und das nur eines vielfach ebenso imaginären Status-Gewinns wegen? (Die wirklich Reichen und der alte Adel haben für derlei Firlefanz ja oft genug nichts als Verachtung übrig.)

Fragen dieser Art hat sich wahrscheinlich jeder schon mal gestellt, mich eingeschlossen. Beispiele dafür, wo der Kult des Originals an Schwachsinn grenzt, sind unschwer zu finden – und ein Serienprodukt als Original zu bezeichnen, ist in gewisser Weise ohnehin ein Widerspruch in sich. Trotzdem ist das nicht die ganze Geschichte. Wenn wir den ganzen faulen Zauber weglassen, bleibt dennoch eine Sehnsucht nach Originalen, die tief in uns verwurzelt ist. Es ist dieses tiefverwurzelte Bedürfnis, das es Marketingleuten überhaupt erst erlaubt, aus dem Tanz ums magische Original ein so profitables Geschäft zu machen. Und aus demselben Grund werden noch so vernünftige Kosten-Nutzen-Kalkulationen oder -Erwägungen ein Produkt – ob einen Konsumartikel oder eine Dienstleistung wie in der Hotellerie – niemals zu einem Objekt der Begierde werden lassen.

Wieder einmal ist es Jonah Lehrer, der mir für diese intuitive Überzeugung einen empirischen Beleg liefertweiterlesen…

31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

21. Juli 2010

Ist das Freundschaft?

Frage dich nicht, was Social Networks dir zu bieten haben – frage dich lieber, wofür du Social Networks nutzen möchtest.

Imagewerbung (oder Kundenakquise) im Social Web sei aufwendiger als klassische Imagewerbung – und bringe erheblich weniger, habe ich neulich geschrieben. Einige Leser haben sich daran gestoßen. Es steht ja auch im Widerspruch zu dem, was momentan alle Spatzen von sämtlichen Dächern pfeifen. Aber Spatzen haben nun mal Spatzenhirne.

Seth Godin, einer der klügsten amerikanischen Marketing-Vordenker und Autor mehrer internationaler Bestseller, hat dazu kürzlich eine aufschlußreiche Rechnung aufgemacht. Das Kriterium, das er dabei an die Werbung anlegt, ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Umwandlungsrate. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Ein Pfarrer – so Godin – kann hoffen, mit einer aufrüttelnden Predigt 70 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger dazu zu bewegen, sich mit einem eigenen Beitrag an der Kollekte zu beteiligen. Eine angesagte Pop-Gruppe kriegt möglicherweise 20 Prozent des Publikums dazu, ein T-Shirt, ein Souvenir oder eine CD zu erstehen. Bei einem begabten Straßenmusikanten sind es vielleicht 10 Prozent seiner Zuhörer, die bereit sind, einen Dollar in seinen Hut zu schmeißen.

Für eine Direct-Marketing-Aktion ist es hingegen – erstklassiges Adress-Material vorausgesetzt – mittlerweile gar nicht mehr leicht, eine Umwandlungsrate von zwei Prozent zu erzielen, die lange als erstrebenswertes Ziel galt. Auf ähnliche Werte, also ca. zwei Prozent, kommt heute ein beliebter Blogger, wenn er seinen Lesern ein Buch empfiehlt, das er geschrieben hat.

Ein Twitter-User mit Tausenden von Fans dagegen darf sich glücklich schätzen, wenn auf seine Empfehlung hin einer von tausend auf seine Empfehlung einen Link anklickt, um etwas zu kaufen. Eine Umwandlungsrate von 0,1 Prozent, im Zweifel eher weniger.

Ich weiß nicht, wo Godin seine Daten herhat oder wie belastbar die Zahlen sind. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: er hat seine Liste nach absteigendem commitment geordnet. Für dieses englische Wort gibt es keine wirklich passende deutsche Entsprechung. Ich würde es am ehesten wiedergeben als eine Mischung von Verbindlichkeit und innerer Beteiligung des Angesprochenen. Hierin liegt die Pointe von Godins Argument – und gleichzeitig der Fehlschluß, dem so viele aufsitzen, die in Social Networks eine Marketing-Wunderwaffe sehen. Oder – weniger wohlwollend ausgedrückt – der Trick derer, die Ihnen Social Networks als eine solche verkaufen möchten.  weiterlesen…

17. Juli 2010

Schmutzige Geheimnisse

Auch in der Hotellerie sind mittlerweile die Social Networks in aller Munde. Wer nur davon spricht, kriegt leuchtende Augen. Kein Zweifel: das ist ein Markt, in dem einiges zu holen ist. Ob davon auch die Hotels profitieren, ist allerdings sehr die Frage.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Tempo, das die Ereignisse einem vorgeben. Innerlich bin ich noch gar nicht über die Neuheiten der letzten Woche hinausgekommen. Da hat Matthias Horx, seines Zeichens selbsternannter Papst der deutschen Trendforschung, das Internet für tot erklärt, jedenfalls in seiner jüngsten Form, dem Mitmach-Web (oft auch unter den Stichworten Social Web oder Web 2.0 gehandelt). Allenfalls als Unterschichtenmedium habe es (noch) eine Chance. Sowas muß man erst mal verdauen.

Aber Horx ist sich seiner Sache sicher. Wer was auf sich hält, kehrt dem Internet den Rücken: »Es gibt einen Offline-Trend. Menschen gehen bewusst weg vom Internet und verweigern es.« Was übrig bleibt, ist der gesellschaftliche Bodensatz: »Nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.« Horx meint Menschen, die mittels Blogs, Microblogs (Twitter) und anderen Medien versuchen, neue Wege der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu erproben. Mich zum Beispiel. Ich würde ihm allerdings nahelegen, sich nicht meinen Kopf zu zerbrechen und lieber seine eigene schmutzige Unterwäsche auf Halbmast zu flaggen. Meine wird er nicht zu sehen kriegen.

Immerhin ist der deutsche Trend-Guru in illustrer Gesellschaft. Ebenfalls in der letzten Woche hat auch der Popstar Prince seinen Abgesang auf das Internet angestimmt:

»The internet’s completely over. I don’t see why I should give my new music to iTunes or anyone else. They won’t pay me an advance for it and then they get angry when they can’t get it.

The internet’s like MTV. At one time MTV was hip and suddenly it became outdated. Anyway, all these computers and digital gadgets are no good.

They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Vielleicht wäre es kleinlich, Prince darauf hinzuweisen, daß seine neuen Songs durchaus bei iTunes erhältlich sind. Ich möchte lieber an ein anderes schmutziges Geheimnis erinnern: der einstige Superstar war einer der ersten, die den großen Plattenfirmen den Rücken kehrten, um ihre Musik direkt übers Internet zu vermarkten. Heute sind es andere, die Geld damit machen. Die – aus Sicht von Prince durchaus überzeugende – Schlußfolgerung daraus: the Internet »can’t be good for you«.

Bei Matthias Horx verhält es sich ähnlich. Er mag sich immer noch für die oberste Instanz in Sachen Trends halten, aber was das Internet betrifft, geben längst andere den Ton an. Das bedroht nicht nur Horx’ Ruf, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage seines »Zukunftsinstituts«.

Gleichzeitig gestehe ich gern, daß ich Meldungen dieser Art mit einer diebischen Freude lese. Ich kann den ganzen Medien- und Marketing-Rummel um das »Social Web« nämlich auch nicht mehr hören. Die Leute überschlagen sich, als hätten sie den Stein der Weisen entdeckt. Da kann ein bißchen Ernüchterung nur gut tun, und dafür habe ich auch schon vor ein paar Wochen plädiert. Dieselbe Skepsis verdienen freilich Horx, Prince und Konsorten. Das Internet verschwindet nicht, bloß weil sie es für überholt erklären. Totgesagte leben länger. Und die Macht des Social Web zu unterschätzen wäre gefährlich für jeden, der sich am Markt behaupten muß – ganz besonders aber für Dienstleister und damit auch Hotels.  weiterlesen…

26. Juni 2010

Noch mehr vergebene Chancen

Hotels, die alles versuchen, ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, Irritationen von ihnen fernzuhalten und Fremdheitsgefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen, verfehlen möglicherweise genau damit das wichtigste Bedürfnis ihrer Gäste. Mit dieser ketzerischen Hypothese – und aktuellen empirischen Befunden, die sie stützen – habe ich mich erst vor wenigen Tagen beschäftigt. Nun tun Hotels ja nicht absichtlich das Falsche; schon aus Eigeninteresse orientieren sie sich vorrangig am Wohl ihrer Gäste. Nur ein zufriedener Gast ist ein guter Gast. Wenn ihre Bemühungen dennoch ins Leere laufen und häufig das Gegenteil dessen bewirken, was sie sich zum Ziel setzen, dann stellt sich die Frage: wie läßt sich diese Energie sinnvoller einsetzen – ohne erneut populären Irrtümern und Vorurteilen aufzusitzen?

Wie der Zufall es will (aber in Wirklichkeit handelt es sich natürlich eher um Serendipity), stolpere ich heute über einen Artikel im »Boston Globe«, der unter dem Titel »The best vacation ever« einige Ergebnisse der empirischen Urlaubsforschung referiert. Empirische Urlaubsforschung? Sie haben recht – dieser Forschungszweig fristet bisher eher ein Schattendasein – erst recht gemessen an den zahllosen Untersuchungen, die sich mit der Arbeitswelt und der Effizienz von Arbeitsplätzen und Arbeitsformen beschäftigen. Im Unterschied zur Markt- und Meinungsforschung geht es der Urlaubsforschung allerdings nicht um subjektive Überzeugungen, Wünsche und Träume, sondern um die reale, empirisch nachprüfbare Wirkung des Urlaubs: was trägt dazu bei, das Urlaubserlebnis positiv zu verstärken; was ist im Gegenteil geeignet, es zu beeinträchtigen.  weiterlesen…

25. Juni 2010

Vorsicht, Werbung (4)

Die amerikanische Fluggesellschaft spirit airlines hat schon öfter mit provokativen, meist sexistischen Anzeigen Aufsehen und Anstoß erregt. Jetzt haben sie sich der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko angenommen – die aktuelle Kampagne läuft unter dem Motto: »Check Out The Oil On Our Beaches«. Damit hat die Fluglinie wohl endgültig den Vogel abgeschossen; vermutlich handelt es sich bei selbigem um eine Möwe oder einen Pelikan mit ölverschmiertem Gefieder.

[Update:]

Man beachte im übrigen die Liebe zum Detail, mit der die Anzeigen die Unternehmensfarben des Ölkonzerns – Gelb und Grün – aufnehmen und das Firmenkürzel BP als »Best Protection« interpretieren. Man müßte den Hut ziehen vor so viel »Professionalität«, würde einem nicht gleichzeitig – gelb und grün – die Galle hochkommen dabei…

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24. Juni 2010

Vergebene Chancen

Reisen bildet und erweitert den Horizont, hat man uns immer erzählt. Jetzt haben Untersuchungen ergeben: Reisen macht auch kreativer, schärft die Wahrnehmung und beseitigt Denkblockaden. Hotels könnten zu dieser Wirkung einiges beitragen. Leider tun sie in der Regel genau das Gegenteil.

Früher war Fliegen ein Abenteuer, später ein Luxus. Heute ist es ein Vergnügen für Masochisten. Vom ungenießbaren Kaffee am Flughafen über lange Schlangen beim Check-in, Sicherheitsschleusen und Body-Scanner bis hin zum konfiszierten Deo-Roller reicht die Liste der Unannehmlichkeiten, die der Flugreisende geduldig auf sich nimmt, bevor er erfährt, daß sein Flug anulliert wurde, und wegen des verpaßten Anschluß-Flugs die Zwischenlandung sechs Stunden dauern wird statt der vorgesehenen 50 Minuten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat er den Gemütszustand erreicht, wo ihn auch das völlige Fehlen von Beinfreiheit, die gummiartige Konsistenz des Boeuf Stroganoff oder die verstopfte Bordtoilette nicht mehr zu erschüttern vermögen. Flugreisen – damit haben wir uns abzufinden – sind zu einer Zumutung geworden. Wer trotzdem ein Ticket löst, tut das auf eigene Gefahr.

Das sind wohl nur noch die wenigsten, sollte man eigentlich vermuten. Außer den unverbesserlichen Masochisten im wesentlichen diejenigen, die aus beruflichen Gründen auf das Fliegen nicht verzichten können. Doch dem ist nicht so. Nur 30% der Flugreisenden sind geschäftlich unterwegs. 70% fliegen aus freien Stücken. Offenbar erwarten sie sich vom Reisen Vorteile, die die Zumutungen des Fliegens aufwiegen oder sogar in den Schatten stellen. Handelt es sich dabei um bloße Illusionen – Träume, von denen nur die Tourismus-Industrie profitiert? Oder steckt mehr dahinter?  weiterlesen…

20. Juni 2010

»Schickes Design, nicht zu Ende gedacht«

Fehlt es an Mut? Nimmt die Angst überhand? Oder warum sonst gibt es in der Hotel- und Touristikbranche soviel »Innovation« – und so wenig Bewegung? Und was hat das alles mit dem Reptiliengehirn zu tun?

In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts brauchte Mut, wer sich in Jeans in die Oper oder in ein schickes Restaurant wagte. Oder gar: Jeans im Büro, in der Vorstandsetage? Das emblematische Kleidungsstück der Rocker und der Halbstarken?! Undenkbar. Dann avancierte die blaue Röhrenhose zum Erkennungszeichen der Nonkonformisten. Noch ein paar Jahre, und jeder trug sie, immer und überall. Alle waren Nonkonformisten, und keiner wollte aus der Reihe tanzen. Ein weiteres Beispiel: das schwarze Outfit, mit dem sich die Pariser »Existenzialisten« nach dem zweiten Weltkrieg demonstrativ vom Rest der Gesellschaft distanzierten. Heute genügt ein Blick, um auf einer Messe oder Vernissage die Architekten, Designer, Künstler zu erkennen. Die kreative Klasse trägt Schwarz. Ausnahmen? – würden die Regel bestätigen, aber man findet sie kaum. Der demonstrative Protest ist zur Attitüde erstarrt. Ein neuer Konformismus hat sich breitgemacht, der seinen Trägern das angenehme Gefühl vermittelt, zu den Nonkonformisten zu gehören. Zu den Unangepaßten, den Querdenkern, der Avantgarde. Zur Elite eben.

Ungefähr so verhält es sich heute mit dem »Design«. Jeder schmückt sich gern damit, jeder findet es irgendwie schick, jeder meint, mit dem Design über ein todsicheres Differenzierungs- und Alleinstellungsmerkmal zu verfügen. Die Absurdität einer »massenhaften Alleinstellung« fällt schon gar keinem mehr auf. Erst recht nicht, wie sehr sich dabei der Designbegriff unter der Hand entleert, in sein Gegenteil verkehrt, pervertiert hat. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn es den Benutzer vor Rätsel stellt oder überhaupt keine erkennbare Existenzberechtigung hat, dann ist es: Design. Und damit ein Wert an sich, mit profenen Maßstäben nicht zu messen. Wer fragt, wozu das gut sein soll, entlarvt sich als Banause. Kandinsky oder Picasso oder Mondrian haben schließlich auch keine Sonnenuntergänge und röhrenden Hirschen gemalt.

Lassen wir die Selbstüberschätzung beiseite, die sich darin äußert. Wenn Design Kunst ist, dann allenfalls Kunst, die sich nützlich macht – und genau an der Nützlichkeit läßt sie es fehlen. Irgendwann bemerken sogar die Autoritätshörigsten unter ihren Bewunderern, daß es dem Kaiser an Kleidern gebricht. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Begriff Design mittlerweile ins Negative zu kippen droht und auf dem besten Wege ist, zum Schimpfwort zu werden. In der aktuellen Ausgabe von »Hospitality Inside« (Abonnement erforderlich) finde ich diese These bestätigt. Ein Artikel darin beschäftigt sich mit dem ersten Hotel einer neuen Kette, das kürzlich in der Türkei eröffnet wurde. Zu den »Markenzeichen« der neuen Kette zählt auch das Design. Und das sind die Details, an denen laut »Hospitality Inside« die anwesenden Journalisten den »Designanspruch« erkennen:

»Im Bad lassen sich die aalglatten, runden Wasserhähne mit nassen Händen nicht mehr zudrehen, Schmink- bzw. Vergrösserungsspiegel fehlen, ein Papierkorb steht nur im WC, im Schrank hängen die unsäglichen, nicht ganz herausnehmbaren Kleiderbügel, etliche Haken und viel Ablagefläche fehlen.«

»Ein schickes Design, aber nicht zu Ende gedacht«, lautet danach das Fazit. Nicht zu Ende gedacht – immerhin. Das impliziert zumindest, es habe sich dabei überhaupt jemand was gedacht. Das darf bezweifelt werden. Denn in derselben Ausgabe von »Hospitality Inside« kommt dasselbe Hotel ein zweites Mal vor – diesmal als Vergleichsobjekt für ein Haus einer anderen Kette mit ähnlichem Anspruch.  weiterlesen…

16. Juni 2010

»Heute maltärtieren uns Design-Hotels«
Eine Abrechnung

Jetzt zieht sogar Gottfried Knapp gegen den Design-Wahn vom Leder. Die Liste derer, die diese Aversion teilen, wird immer länger. Auch ich habe diesbezüglich kein Blatt vor den Mund genommen; als »Methadon für Image-Junkies« habe ich das zum Fetisch erhobene Design bezeichnet; den Design-Boom als Blase, der mit ungedeckten Schecks und wertlosen Derivaten handelt. Matteo Kries, der Chef-Kurator des Vitra Design Museums, sieht sogar totalitäre Züge in den Glücks- und Heils-Versprechen der Design-Industrie. Und nun also Gottfried Knapp, der Altmeister der Architektur- und Design-Kritik.

Seine bitterböse Polemik in der Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung hat freilich eine eigene, für unsere Branche pikante Pointe. Knapp redet nicht übers Design allgemein, sondern greift sich für seine Kritik beispielhaft einen Bereich heraus – ein Feld, worin das zum ästhetischen Selbstzweck verkommene und nur noch auf Effekt schielende Design besonders verheerende Wirkungen entfaltet. Knapp nimmt also die Hotellerie aufs Korn: »Früher gab es Bett und Bad, es gab glamouröse Grandhotels oder nette Pensionen. Inzwischen malträtieren uns Design-Hotels«, so sein Befund, den er kurz und bündig als »eine Abrechnung« untertitelt.

Und die läßt kaum etwas aus, was den Designern peinlich sein müßte, wenn sie denn noch ein Schamgefühl hätten; da aber Design keine Grenzen kennt, sind auch die Schamgrenzen längst gefallen. Knapp belegt das mit mehreren Beispielen, von denen ich hier nur eines anführe:

»Selbst für ordinäre Pissoirs haben sich engagierte Gestalter etwas wahrhaft Abgründiges einfallen lassen: In einem Design-Hotel in Berlin sind die Urinale im Männerklo wie weit geöffnete Frauenschmollmünder mit kräftig rot geschminkten Lippen geformt. Wer hier sein Wasser abschlägt und mit ansieht, wie hinter den beiden oben liegenden Hasenzähnen das Spülwasser hervorschießt, kann sich der abstrusen Vorstellung hingeben, dass seinem weiblichen Gegenüber vor Wonne das Wasser im Mund zusammenläuft.

Einige Herren der Schöpfung mögen solche anatomischen Überdeutlichkeiten für witzig halten.«

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21. Mai 2010

3D-Marketing

Die sündteuren Flachbildfernseher sind grade erst abbezahlt, da rollt schon die nächste Welle auf uns zu. 3D-TV heißt das neue Zauberwort, genauer eigentlich: 3D-HDTV. Das bringt zwar auch keine besseren Programme, dafür kommen sie viel effektvoller rüber. Da wird es doch gleich wieder zum Erlebnis, vor der Glotze zu sitzen.

Apropos Sitzen – ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten – aber: worauf sitzen Sie eigentlich grade? Sagen Sie jetzt bitte nicht: auf einem Stuhl. Stühle waren gestern. Heute sitzt man auf Grcic, Diez, Starck oder Citterio. Für konservativere Naturen wären auch Panton, Eames oder Saarinen eine akzeptable Wahl. Das sind keine Stühle, das ist Kunst. Die macht noch aus der hinterletzten Absteige ein Designhotel. Vorausgesetzt, die Dinge werden ins richtige Licht »gesetzt«.

Und damit bin ich beim nächsten Thema. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als wir uns Gedanken über die passenden Lampen und Leuchten machten? Heute haben Sie die Wahl zwischen Licht-Lösungen, Licht-Objekten und Licht-Skulpturen. Mit denen können Sie fast nichts falsch machen. Wenn sie nicht zum Ambiente passen, heben sie wenigstens das Selbstgefühl.

Und darauf kommt es letztlich doch an, oder? Auch bei Politikern, wie ich gestern dezent angedeutet habe. Wenn die mit den Spielregeln des Finanzmarkts nicht zurecht kommen, nehmen sie nicht etwa Nachhilfe-Unterricht. Nein, dann kämpfen sie gegen Spekulanten, Finanzhaie und Heuschrecken-Schwärme. Ist einfach ungleich publikumswirksamer. Und fürs Publikum in jedem Fall unterhaltsamer: wenn es merkt, daß der, der da gegen Drachen kämpft, gar kein heiliger Georg ist sondern nur ein Ritter von trauriger Statur, hat es erst recht seinen Spaß.

Sie merken sicher, worauf ich hinaus will. Darum will ich das Fazit gar nicht in Worte fassen. Sondern lieber das folgende Schrift-Bild für sich selbst sprechen lassen:

3d

[Kudos: lotusmodern via A Day Late & Half a Pixel Short. Im Original steht unter dem Bild: »do it for the money«.]

17. Mai 2010

Mehr zum Mitmach-Web

Was ich da soeben im Economist lese, erstaunt mich zwar nicht wirklich – zum Nachdenken bringt’s mich trotzdem. Natürlich wissen wir alle, welch großen und immer noch wachsenden Einfluß Online-Portale wie Tripadvisor oder Yelp mittlerweile darauf haben, für welches Hotel sich Gäste entscheiden. Hotels sind also gut beraten, genau zu verfolgen, was auf derartigen Portalen über sie zu lesen ist. So weit, so gut und nichts als gesunder Menschenverstand. Die Kommentare selbst sind ja zum Glück anonym und Manipulationen damit so gut wie ausgeschlossen. Sollte man denken.

Doch dem ist nicht so. Der Economist zitiert Christopher Elliott, einen der besten Kenner der Branche:

»An increasing number of image-conscious properties have begun connecting the dots between unbylined write-ups that appear on such popular travel sites as TripAdvisor or Yelp, and your personal information, such as your loyalty program preferences.

If you write a positive review, you might expect a reward from the hotel — a gift basket or a discount on your next stay. Pan a property, and you could get a concerned e-mail from the general manager asking you to reconsider your review. Or even a black mark against you in the chain’s guest database.« (Elliotts Artikel als Ganzes können Sie hier nachlesen.)

Zufriedene Gäste belohnen, unzufriedene bestrafen; die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – eine Idee wie gemacht für einen Platz unter den Top 10 im Rennen um die dümmsten Marketing-Strategien aller Zeiten. Natürlich reagieren viele Hotels und Hotelketten wesentlich klüger. Sie schreiben den Gästen, die die schlimmsten Verrisse verfaßt haben, persönliche Entschuldigungsbriefe – oder laden sie ein, wiederzukommen und eine kostenlose Nacht oder sogar ein kostenloses Wochenende im Hotel zu verbringen.   weiterlesen…

11. Mai 2010

Wer macht mit im Mitmach-Web?

Brauchen Hotels das Web 2.0? Ersetzen »Social Media« die herkömmlichen Kommunikationsformen? Liegt die Zukunft der Branche im Mitmach-Web? Diese Auffassung vertrat letzten Monat ein Kongreß in München. Was ich dazu meine? Mitläufer sind selten auch Siegertypen…

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre boten Compuserve MyWorld und geocities.com Privatanwendern erstmals die Möglichkeit, kostenlos eigene Homepages zu erstellen. Erinnern Sie sich noch? Macht nichts – ist ja auch schon drei Jahrhunderte her, nach Internet-Maßstäben gerechnet. Jedenfalls setzte schnell ein regelrechter Run auf das neue Angebot ein. Eine eigene Website zu haben, gehörte in manchen Kreisen fast schon zum guten Ton. Unter Kids sowieso. Das war die Geburtsstunde des Mitmach-Webs.

Leider sahen alle diese schönen neuen »Internetpräsenzen« bald schon ziemlich alt aus. Ende der 90er Jahre gab es die ersten Weblogs. Anfang des Jahrtausends entwickelte sich das blogging zur Massenbewegung, und das »Simsen« trat gleichberechtigt neben das Telefonieren. Parallel dazu entstanden Angebote wie Flickr, YouTube, MySpace, Facebook und zuletzt Twitter. Damit befinden wir uns fast in der Gegenwart – aber auch die dauert mittlerweile schon eine gefühlte Ewigkeit. Ich jedenfalls konnte es fast nicht glauben, als ich vor wenigen Tagen hörte, YouTube sei fünf Jahre alt geworden. Fünf Jahre erst…

Immerhin entdecken jetzt auch die Marketingberater der Hotelbranche das Web 2.0.   weiterlesen…

8. Mai 2010

Unter Freunden

Irgendwas ist anders geworden, dachte ich in der letzten Zeit öfters, wenn ich in ein Hotel eincheckte. Wahrscheinlich haben Sie es auch schon gemerkt: man fühlt sich auf Anhieb freundlicher empfangen als früher, vielleicht auch besser aufgehoben. Das liegt an den Schildern, die uns jetzt überall deutlich sichtbar schon im Eingangsbereich begrüßen. Manchmal sind sie sogar mit der Hand geschrieben, aber das ist denn doch eher die Ausnahme – man kann nicht alles haben. Jedenfalls werden wir auf diesen Tafeln aufs herzlichste willkommen geheißen, man wünscht uns einen angenehmen Aufenthalt und versichert uns, alles zu tun, damit wir uns wie in Abrahams Schoß fühlen. Toll, nicht wahr. Und unterschrieben sind diese Willkommensgrüße nicht etwa mit »die Direktion« oder, nur eine kleine Spur persönlicher, »Ihre Direktion« – nein, darunter steht mit schöner Regelmäßigkeit: »Ihr Gastgeber«.   weiterlesen…

1. Mai 2010

Expo 2010, Shanghai

expo_shanghai

Vor lauter Frühlingsgefühlen soll aber, bitteschön, auch die Expo in Shanghai nicht ganz zu kurz kommen, die heute ihre Pforten geöffnet hat. »Bessere Stadt, besseres Leben«, lautet das Leitthema dieser »größten Expo aller Zeiten«; Deutschland beteiligt sich daran unter dem kalauerverdächtigen Motto balancity, und die Süddeutsche Zeitung nimmt die Eröffnung zum Anlaß, unter dem Titel »Nation als Marke« ein bißchen über dreidimensionales Marketing zu schwadronieren (leider nicht online). Klingt imposant, nicht wahr, und ist deshalb auch seit etwa zehn Jahren voll angesagt in der zeitgemäßen Verkaufe. Wer sonst nichts zu sagen hat, spricht von Brand Building in 3D.

Jetzt also, als Gipfel des Brand Marketings, das Nation Branding. »Die Marke Deutschland sollte verpackt werden«, wie die SZ schreibt – auch wenn Verpackungsdesign natürlich gleich schon wieder viel weniger eindrucksvoll klingt als dreidimensionales Marketing. Überhaupt hat es, mit Karl Kraus zu reden, der Fortschritt auch in diesem Fall an sich, daß er viel größer aussieht, als er von Nahem besehen wirklich ist. Geht’s nicht auch weniger hochgestochen, frage ich mich. Gute Architektur prägt sich ein und bleibt im Gedächtnis – ob man das Branding nennt oder sonstwie. Das war so im alten Ägypten, in Griechenland und in Rom, und es ist heute keinen Deut anders. Wo hingegen Architektur kein anderes Ziel und keinen anderen Inhalt hat als Branding, wo sie sich im Verpackungsdesign erschöpft, da handelt es sich in der Regel um schlechte Architektur und erfolgloses Branding – Einweg-Design und Wegwerfmarketing.

Damit will ich nichts gegen den deutschen Pavillon sagen. Was Lennart Wiechell vom Münchner Büro Schmidhuber und Kaindl entworfen hat, geht über Brand Building zum Glück weit hinaus. Aber ich reagiere nun mal allergisch auf diese ganzen Glamour-Begriffe, weil auch in der Hotel- und Tourismusbranche die Möchtegern-Experten mittlerweile mit Trend-Vokabeln um sich werfen, als müßten die Gäste hinterher in Schlagworten schlafen und sich willkommen fühlen. Tun sie natürlich nicht; wer will’s ihnen verdenken.
 

P.S.: Die englischen Wörter »brand« und »branding« kommen übrigens vom Brandzeichen, womit einst das Vieh »markiert« wurde – eine für die Tiere äußerst schmerzhafte Prozedur, gegen die heute sämtliche Tierschützer der Welt Sturm laufen würden. Das deutsche Wort »Marke« hat denselben Ursprung.

19. April 2010

Vorsicht, Werbung (2)

Am Ende gleicht sich alles wieder aus. Manchmal ist das ein tröstlicher Gedanke. Beispielsweise drängt sich mir oft der Verdacht auf, viele Kreative in Werbeagenturen seien zwar schnell zur Hand mit Begriffen wie Zielgruppe, Zielgruppenaffinität und Erlebniswelt – ohne allerdings einen blassen Schimmer von den Menschen zu haben, mit denen sie sprechen, geschweige denn eine Ahnung davon, was sie ihnen mitteilen wollen. Im Gegenzug freilich – und darin liegt fast schon wieder eine Art höherer Gerechtigkeit – rätseln die angeblich angesprochenen Zielgruppen dann nicht selten vergeblich, was etwa eine Anzeige ihnen sagen möchte und was für Handlungen daraus zu folgen hätten.

Klingt etwas überspitzt? Dann frage ich Sie, wofür die folgende Headline wirbt:

indien 2

Eine Fern-Universität? Ein Motivations-Seminar für Manager? Einen Investment-Fonds? Einen Arbeitsplatz bei McDonalds? Alles voll daneben. Aber auch unfair, könnten Sie einwenden. Schließlich weiß man, daß Anzeigen-Headlines immer erst in Kombination mit dem Bildmotiv funktionieren – dem »Key Visual«, um auch Fachleuten verständlich zu bleiben. Recht haben Sie. Hier also das Bild zum Text:

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Hilft Ihnen immer noch nicht weiter? Mir auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Scheint wohl irgendwas mit Zielen zu tun zu haben, die man sich steckt – und je höher einer zielt, desto weiter wird er kommen. Aber vielleicht ist ja die Comic-Figur links unten der Schlüssel zum Geheimnis?

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Auch nicht wirklich, oder? Außer daß sie mich vage an eine Bausparkasse erinnert. Aber nein, das war ja ein Fuchs. Da bleibt uns wohl doch nichts anderes übrig, als einen Blick auf den Absender der Anzeige zu werfen:   weiterlesen…

17. April 2010

Energiequelle Mensch

Über ein Fitnessangebot verfügen heute die meisten Hotels; manche könnten mit ihrer Ausstattung und ihren Trainingsmöglichkeiten sogar dem einen oder anderen Fitness-Studio Konkurrenz machen. Neben Wellness steht Fitness ziemlich weit oben auf der Liste dessen, was Hotels ihren Gästen zu bieten haben. Und letztere, die Gäste also, investieren in ihre Fitness eine Menge Energie. Die kommt ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit und langfristig wohl auch ihrer Gesundheit zugute, verpufft ansonsten aber folgenlos in der Form von Wärme. Reibungsverlust, nennen die Physiker das.

Ich habe mich oft gefragt ob das nicht anders geht. Die Arbeit, die auf Fahrradergometern, Laufbändern, Rudermaschinen und ähnlichen Geräten geleistet wird, ließe sich ja problemlos in elektrischen Strom umwandeln und ins Netz einspeisen. Natürlich hätte das eher symbolische Bedeutung. Energiepolitisch fielen die erzeugten Strommengen nicht ins Gewicht. Dennoch scheint mir der Gedanke dahinter wichtig: Die Menschen tun etwas für sich selbst, und mit dem, was sie dabei an Kraft und Wohlbefinden gewinnen, nützen sie gleichzeitig der Umwelt.

Der hängt zusammen mit einer der großen ungelösten Fragen, vor denen Hotelplaner nach meiner Überzeugung heute stehen.   weiterlesen…

27. März 2010

Zauberworte

Kürzlich habe ich in Berlin an einer Tagung teilgenommen; es ging mal wieder um die Frage, die unserer Branche wohl am stärksten unter den Nägeln brennt: was brauchen Hotels und was können sie dafür tun, sich von anderen zu unterscheiden und ihre Gäste dauerhaft an sich zu binden. Die Reise hat sich gelohnt. Nicht wegen der Tagung – die bot die üblichen Antworten, die wir kennen. Aber da sie bis zum Abend dauerte, hatte ich beschlossen, in Berlin zu übernachten. Als ich am nächsten Morgen abreiste, traf ich im Hotelflur, auf dem Weg von meinem Zimmer zum Lift, ein Zimmermädchen – eins jener Wesen, die wir kaum je beachten, weil sie auch uns keines Blickes würdigen. Sie und ich treffen uns also im engen Flur, sie macht Platz, ich bin dabei, an ihr vorbeizugehen – da hebt sie den Kopf, schaut mich an, lächelt und sagt:

»Auf Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal.«

Den ganzen Tag lang ist mir dieser Moment nicht mehr aus dem Kopf gegangen, und ihr Lächeln hat mich in den Flieger und vom Flughafen bis nach Hause begleitet. Auf Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal. Bis zum nächsten Mal? Aber ganz bestimmt. Ich kann es kaum erwarten.

Wie man Gäste an sich bindet – das habe ich nicht auf der Tagung erfahren, sondern hier im Hotel Ellington. Dagegen verblaßten alle klugen Ratschläge der Marketingexperten und sonstigen Profis, die überdies meist mit erheblichem Aufwand verbunden waren. Was kosten dagegen diese sechs Worte: »Auf Wiedersehen. Bis zum nächsten Mal«? So einfach ist das. Aber was braucht es, damit sich die Mitarbeiter so sehr mit »ihrem« Hotel identifizieren?

22. März 2010

Vorsicht, Werbung (1)

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»Sie haben ein tolles Produkt«, sagt der Kundenberater der Werbeagentur, »ein traumhaftes Angebot, wenn ich das sagen darf. Aber Produkt allein genügt nun mal nicht. Sie müssen das Produkt auch kommunizieren. Den Nerv treffen. Die Kunden da abholen, wo sie sind. Ihre Träume ansprechen. Und wovon träumen die Menschen, wenn sie an Urlaub in den Bergen denken? Wovon träumen sie, wenn sie nicht grade Achttausender bezwingen wollen? Richtig: von den Alpen. Von Österreich. Von der Schweiz. Österreichische Seilbahnen. Touren mit Blick aufs Matterhorn. Oder auch umgekehrt«, fügt er eilig hinzu, um über den Punkt bloß keine Diskussion aufkommen zu lassen. Diskussion kann er jetzt gar keine brauchen. Er blickt in die Runde. Gespannte Gesichter. Kein Widerspruch von Kundenseite. Was soll man dagegen auch sagen. Aber der schwierigste Part kommt noch. Seine feuchten Handflächen kriegt zum Glück keiner mit. Er fährt fort:   weiterlesen…

10. März 2010

Kann man dazu »Trend« sagen?

Die Zeiten bleiben schwierig. Der Reise- und Tourismusmarkt leidet weiterhin unter der allgemeinen wirtschaftlichen Krisenstimmung. Das ist nicht neu, und insofern kann auch der Tenor der heute eröffneten ITB in Berlin nicht überraschen. Die Menschen sparen; Pauschalreisen und All-inclusive-Angebote sind die großen Renner. Die Branche hat sich auf den Trend eingestellt und blickt daher trotzdem vorsichtig optimistisch in die Zukunft – so der Spiegel.

Nun, die Anbieter müssen sich nach dem Markt richten – das gebietet die wirtschaftliche Vernunft. Aber ich wäre vorsichtig, allzu einseitig auf den aktuellen »Trend« zu setzen. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob das Wort Trend hier wirklich am Platz ist. Die Leute treffen ihre Wahl ja nicht ganz aus freien Stücken – sie treffen sie »der Not gehorchend, nicht dem inneren Drange«. Der Urlaub, den sie sich leisten können, entspricht nicht unbedingt dem, den sie sich wünschen. Sobald die Zeiten wieder besser werden – und darauf hoffen wir schließlich alle – sind es aber die Wünsche, die sich durchsetzen werden. Und das umso stärker, je länger sie zurückstehen mußten. Wer jetzt voll auf all-inclusive macht, hat ihnen dann nicht mehr allzuviel zu bieten.

Ein Dilemma? Ich fürchte Ja. Hier ist wohl unternehmerisches Augenmaß gefragt. Ich würde es jedenfalls für einen Fehler halten, die Schnäppchenjäger-Stimmung überzubewerten. So wie mir generell die Unterscheidung zwischen Luxusmarkt und Massenmarkt als überholt erscheint. Man kann auf geringere Budgets und ein höheres Kostenbewußtsein Rücksicht nehmen – und dennoch hochwertige und exklusive Angebote kreieren, die außerdem auf die veränderten Wünsche der Reisenden Rücksicht nehmen. Die sich also am Trend von morgen orientieren – nicht nur an der Notlage von heute.

Das gilt im übrigen nicht nur für die Tourismusbranche allgemein, sondern nicht zuletzt auch für Hotels und ihr Interior Design. Dazu würde ich gern in den nächsten Tagen noch ein wenig mehr sagen.

5. März 2010

Reisenotizen

Der aktuellen ZEIT liegt wieder mal ein Sonderheft »Zeit-Reisen« bei. Unter dem Titel »Die Reise meines Lebens« hat die Redaktion zehn Schriftsteller gebeten, ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit den Lesern zu teilen. Auf den naheliegenden Gedanken, das Leben selbst als Reise zu interpretieren – vielleicht als Wechselspiel zwischen inneren und äußeren Reisen, Ortsveränderungen in der Welt und Ortsveränderungen im Denken –, auf diesen Gedanken ist erstaunlicherweise keiner von ihnen verfallen, obwohl die Idee inmitten eines bunten Straußes klassischer Reisebilder durchaus nicht der Originalität entbehrt hätte.

Dennoch ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und streckenweise denkwürdiges Heft dabei herausgekommen. Vom Klischee der Traumreise sind diese Lebensreisen so weit entfernt wie nur möglich – es sei denn, man bezieht in den Begriff »Traum« auch Alpträume mit ein: »Manche Dinge sehen wir und verstehen sie nicht, und andere verstehen wir und zögen es vor, sie nicht sehen zu müssen. So oder so, die Dinge sind da, und jede Reise ist ein Schritt auf sie zu« – schreibt Stefan Thome über seine Reise durch Tibet nach Lhasa.

Aber nicht immer führt die Reise in die Fremde – manchmal führt sie zurück zu den eigenen Ursprüngen. Und die Begegnung mit diesen erweist sich womöglich als abgründiger und bedrohlicher als die gefährlichsten Abenteuer in einem unbekannten Land. So ging es Anna-Katharina Hahn, als sie nach Stuttgart zurückkehrte – der Stadt ihrer Kindheit, der sie einst fluchtartig den Rücken gekehrt hatte, um in Hamburg und Berlin, wie es im Märchen so schön heißt, »ihr Glück zu versuchen«. Wer nach alledem eine Horrorstory erwartet, liegt freilich falsch. Auch Alpträume haben bisweilen ein Happy End (und sind dann im Rückblick der Schlüssel zur Entdeckung unvermuteter Reichtümer).

Von ganz anderer Art die Amerikareise von Julia Schorch. Die führt sie nicht in die Vergangenheit, sondern entscheidet über ihren weiteren Lebensweg. Und auch jene Art von Abenteuerreisen kommt nicht zu kurz, die wir von Schriftstellern erwarten. Sibylle Lewitscharoff etwa erzählt, wie sie vor 30 Jahren als alleinreisende junge Frau mehrere Monate lang zunächst den Rio Ucayali und dann den ganzen Lauf des Amazonas hinunterschipperte, Karl-Heinz Ott berichtet von unglaublichen Erlebnissen bei einem philippinischen Wunderheiler, und Annette Pehnt läßt uns ein Jahr zwischen den Fronten im irischen Bürgerkrieg miterleben.

Aufgelockert wird die Abfolge erzählender Texte neben eindrucksvollen Fotos durch Miniaturen aus der Feder von Zeit-Autoren, die unter dem übergreifenden und vieldeutigen Motto »Abwege« stehen. Mal habe ich geschmunzelt, mal lauthals gelacht. So berichtet Thomas Niederberghaus von seinem todesmutigen Entschluß, in einer Woche zu Pferd die Steppe Kalmückiens zu durchqueren. Sieben strapaziöse Tagesetappen später wird er anläßlich eines Empfangs beim Präsidenten gebeten, eine Rede zu halten:

»„Diese Reise hat mich sehr berührt“, sagte ich, „und daß ich das Ganze mit nur wenigen Blessuren überstanden habe, verdanke ich dieser einzigartigen Errungenschaft.“ Ich zog eine Eduscho-Unterhose mit dicken Po-Polstern aus der Tasche. Die Kalmücken lagen am Boden, und der Präsident sagte: „Wir werden sie ins Museum hängen.“«

Sie merken: ich könnte selbst richtig ins Erzählen kommen – aber das wäre Schwadronieren aus zweiter Hand und ich würde Sie damit genau um das Vergnügen bringen, das ich Ihnen nahelegen wollte: sich das Heft zu besorgen und selber drin zu schmökern (online ist dieses Reise-Special vorläufig nicht verfügbar; sollte sich das ändern, werde ich den Link nachtragen).

Stattdessen würde ich gern noch ein paar Worte über einen Aspekt verlieren, der mir zu denken gegeben hat. weiterlesen…

9. Februar 2010

Runter kommen sie immer

Ob das die Überschrift ist, die die Fluglinie mir mit dem untenstehenden Bild nahelegen wollte? Eher nicht, denke ich. Trotzdem ist der Crash program­miert: ent­weder der Absturz des Flug­zeugs oder der der Air­line scheinen un­ver­meidlich – spätestens im Kopf des Be­trachters:

turkish_airlines

»Man lügt wohl bisweilen mit dem Munde, aber mit dem Maul, das man dabei macht, sagt man dennoch die Wahr­heit« – so ungefähr hat das Nietzsche einmal formu­liert. Das trifft auch auf die Werbung zu. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und be­haupten: die Vor­urteile und das anti­quierte Kunden­bild der Tourismus­branche (von denen ich bei­spiels­weise hier und hier ge­sprochen habe), werden nirgends deut­licher sicht­bar, als in den An­zeigen und Fern­seh­spots, die sie schaltet. weiterlesen…

2. Februar 2010

Inseln und Brücken

Die Kunden würden immer unkalkulierbarer, jammert die Tourismus­indu­strie. Aber heißt das in Wahrheit nicht einfach: wir verstehen unsere Kunden immer weniger? Und was helfen dagegen immer neue, noch differenziertere Angebote? Wäre es nicht sinnvoller, sich um ein besseres Verständnis zu bemühen? Womöglich gar das eigene Selbstverständnis in Frage zu stellen? Vielleicht sind die Kunden ja ganz vernünftig. Und nur die Tourismusplaner haben ein Brett vor dem Kopf.

Harun al-Raschid war der Günter Wallraff des alten Orients. Aber Vergleiche hinken bekanntlich immer. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein Autor und Journalist sich unter’s gewöhnliche Volk mischt – oder der mächtigste Mann der Welt, ein Herrscher, dessen Ruhm so hell erstrahlte, daß Kinder noch heute glänzende Augen bekommen, wenn sie von seinen Abenteuern hören (und Erwachsene nicht minder, sofern sie das Staunen nicht verlernt haben). Mich jedenfalls hat die Figur des Kalifen von Bagdad schon früh in ihren Bann gezogen. Nicht zuletzt wegen seiner Lust am »Mummenschanz«, die ihn für seinen Hofstaat und seine politischen Berater völlig »unkalkulierbar« machte. Alle paar Wochen nämlich hatte Harun das Bedürfnis, das Gewand eines Händlers, Bettlers, fremden Reisenden oder Bauern anzulegen, sich auch sonst entsprechend zurechtzumachen, und in dieser Gestalt – tagsüber wie auch nachts – durch den Basar und die Straßen Bagdads zu streifen und den Kontakt zu den einfachen Leuten zu suchen. Auf diese Weise gewann er von der Stimmung im Land, vom Leben, den Nöten und Träumen der Menschen ein unendlich viel realistischeres Bild, als es ihm die Würdenträger des Reichs, gnädig gewährte Audienzen oder jubelnde Untertanen je hätten vermitteln können. Die Abenteuer, die der Kalif auf diesen Streifzügen erlebte, sowie die Geschichten, die ihm zu Ohren kamen, füllen einige der schönsten Seiten von »1001 Nacht«.

Aus Märchen läßt sich einiges lernen. Könnten wir nicht, versuchsweise, den Hofstaat und die politischen Berater mit den Marketingexperten, Planern und Managern der Tourismusbranche identifizieren? Und Harun al-Raschid mit dem »König Kunden«, der des ganzen höfischen Zeremoniells überdrüssig geworden ist – und dem sein Hofstaat den Buckel runterrutschen kann? Dann würden die Höflinge vergeblich versuchen, mit immer raffinierteren Tricks um die Gunst und Aufmerksamkeit des Herrschers zu buhlen. Dann wäre die Herausforderung, vor der sie stehen, eine ganz andere: umzudenken und eine neue Rolle für sich zu finden.

Wie gesagt: Vergleiche hinken immer – wichtiger ist, ob sie uns auf eine neue Spur bringen. Mir erscheint es vielversprechend, in dieser Richtung weiterzudenken. Und ich möchte im folgenden ein paar anekdotische Hinweise anführen, die diese Vermutung untermauern. weiterlesen…

13. Januar 2010

Ein König auf Abwegen (Reality Check)

Der Kunde ist König, aber Könige haben ihre Launen. Bisweilen sind sie unberechenbar. Das hat nun auch die Touristikbranche entdeckt. Markt­forscher und Reiseanbieter sind alarmiert. Das Wort vom »unkalkulierbaren Reisenden« macht die Runde – so etwa im jüngsten »World Travel Trends Report«, der pünktlich zur Berliner Touristikmesse ITB Ende letzten Jahres erschienen ist. Statt rechtzeitig – sagen wir: so ca. ein Jahr im voraus – die fürsorglich konfektionierten Pauschalangebote der Veranstalter zu buchen, warten diese unberechenbaren Zeitgenossen bis zum letzten Moment und entscheiden sich dann spontan, der Eingebung des Augenblicks folgend und womöglich für eine Destination, die erst in den Tagen oder Wochen davor aus unverhersehbaren Gründen ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt ist. Wie soll man unter solchen Umständen noch vernünftig kalkulieren? – fragen die Planer der Touristikkonzerne und kratzen sich ratlos am Kopf. Es herrscht Krisenstimmung in der Branche, und auch ich bin einigermaßen entsetzt.

Allerdings nicht über das Schreckgespenst des unkalkulierbaren Reisenden. Könige wären keine Könige, genössen sie nicht besondere Privilegien – und Privilegien sind dazu da, sie zu nutzen. Könige haben Narrenfreiheit, bin ich versucht zu sagen, und nicht zufällig unterhielten Könige seit je ein besonderes Verhältnis zu ihren Hofnarren. Nichts gegen Spontanbucher also. Entsetzt bin ich vielmehr über die Haltung, die in dem aktuellen Krisengerede einmal mehr zum Ausdruck kommt. Das Wunschbild vom kalkulierbaren Reisenden. Die Erwartungshaltung, Urlaubsreisende möchten sich bitteschön berechenbar verhalten. Als wäre das selbstverständlich. Als wäre es auch nur wünschens­wert. Oder auch: als hätte beispielsweise ich, als Reisende und potentielle Kundin, nichts besseres verdient als Urlaub aus der Konserve. Eine Auswahl wie im Supermarkt. Eine blaue Dose, eine grüne Dose, eine rote Dose. Für jeden etwas, und wo Palmenstrand draufsteht, soll auch Palmenstrand drin sein. Garantiert. Überraschungen ausgeschlossen. Außer daß es so schön, wie die Hochglanzbilder vorgaukelten, hinterher dann doch nie gewesen sein wird. Damit hat der Urlauber sich abzufinden. Aber nur so lange er nichts Besseres geboten kriegt. Oder bis er endgültig die Schnauze voll hat von der Konservenkost. Dann hört er auf, kalkulierbar zu sein. Und Tourismusprofis kriegen das Nervenflattern. weiterlesen…

11. Januar 2010

1100.006 wie Liebe

Wer Melvil Dewey war, wissen heute nur noch Eingeweihte – das nach ihm benannte Ordnungsschema aber kennt in Amerika jedes Schulkind. Die Dewey Decimal Classification (DDC) – häufig auch einfach library classification genannt – ist das System, nach dem jede öffentliche Bibliothek und jede Schulbücherei geordnet ist. Jedes Wissensgebiet und jede noch so kleine Spezialdisziplin hat darin einen unverwechselbaren, durch eine Dezimalzahl bezeichneten Platz.

Ein Gast, der in einem Hotel Zimmernummern von der Art 500.001, 1000.006 oder 1200.002 vorfindet, wird deshalb nicht lange brauchen, um den Namen der Herberge zu erraten. Genau so – The Library nämlich – heißt das Fünf-Sterne-Haus denn auch, das sich selbst unter den Ersten Adressen New Yorks einordnet. Die Lage des Boutique-Hotels in Midtown Manhattan, an der Ecke Madison Ave. und 41. Straße, ist jedenfalls ideal – nur wenige Schritte entfernt vom Bryant Park, der Grand Central Station, der 5th Avenue und dem Times Square mit dem angrenzenden Theaterbezirk. Ebenso in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen: die berühmte New York Public Library sowie die Pierpont Morgan Library, die wohl als Inspirationsquelle für das Hotelkonzept dienten; die 41. Straße ist auch unter dem Namen Library Way bekannt.

Die Planer haben das Konzept stilsicher umgesetzt und ein Hotel geschaffen, das in dieser Form tatsächlich einzigartig sein dürfte. Von den 60 Zimmern, die sich auf die oberen zehn Stockwerke des 14-stöckigen Gebäudes verteilen, gleicht – Dewey sei Dank – keins dem anderen. Jede Etage ist einer der zehn Hauptkategorien der DDC zugeordnet, und jedes Zimmer wiederum einem ganz bestimmten Wissensgebiet daraus, das echte Experten schon an der Zimmernummer ablesen können. Dieses Wissensgebiet entscheidet darüber, welche Bücher der Gast im Zimmer vorfindet, und welche Bilder an den Wänden ihn erwarten. So dürfen sich in Zimmer 1000.006, das den Neuen Medien gewidmet ist, Bill Gates und Steve Jobs (bzw. Porträts der beiden) an den Wänden in friedlicher Koexistenz üben. Viel gefragter als dieses sind allerdings die Zimmer 800.001 und 1100.006, die im Zeichen der erotischen Literatur respektive der Liebe stehen – dicht gefolgt auf der Beliebtheitsskala vom Märchenzimmer mit der Nummer 800.005.   weiterlesen…

21. Oktober 2009

Fata Morgana

Wenn alles nach Plan läuft, wird Kasachstan ab nächstem Jahr das größte Hotelprojekt der Welt wenn nicht sogar aller Zeiten verwirklichen. Mitten in der kasachischen Wüste. Deshalb muß auch als erstes ein Flughafen her. Geplante Kapazität: 25 Millionen Passagiere pro Jahr. Da scheint sich jemand seiner Sache sehr sicher zu sein. Aber es geht ja auch nicht um einen x-beliebigen Hotelkomplex. Sondern um ein zweites Las Vegas. Nein, keine Stadt nach dem Vorbild von Las Vegas – eine exakte Kopie des Spielerparadieses in der Wüste Nevadas soll es werden. Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew hat schon mal vorab – ebenfalls nach dem Vorbild der USA – alle übrigen Spielkasinos des Landes schließen lassen. Das hat aber eher symbolische Bedeutung. Denn das große Geschäft sollen Spieler von anderswo bringen: weiterlesen…

16. Oktober 2009

Betten frei im Supermarkt

Irgendwann reicht’s dann auch. Vielleicht liegt es einfach daran, daß mir in der letzten Zeit zu viele davon untergekommen sind; sie schießen ja wie die Pilze aus dem Boden. Jedenfalls kann ich das Wort »Themenhotel« nicht mehr hören. Selbst wenn es sich, wie in diesem Fall, um eine Europa-Premiere handelt: das erste europäische Supermarkt-Hotel im nordrhein-westfälischen Neuwied. Für Juli 2010 ist die Eröffnung geplant. Dann darf der Gast sich in Bettwäsche mit Bierwerbung, Dosensuppen- oder Süßwarenreklame kuscheln; Einkaufswägelchen fungieren als Sitzgelegenheiten; entlang den Gängen stapelt sich das Warenangebot in Stahlregalen; in der Rezeption erkennt er die Supermarktkasse wieder.

Und ich hatte gedacht, die Gefängnishotels seien nicht mehr zu toppen… Dabei haben letztere wenigstens die Authentizität, eine düstere Romantik und den morbiden Charme der Selbstpreisgabe für sich – Qualitäten, die dem Supermarkt-Hotel völlig abgehen. Mehr zu sagen verbietet mir die Höflichkeit. Wie gesagt: ich mag von Themenhotels nichts mehr hören und auch nicht drüber reden. Dennoch – weiterlesen…

14. September 2009

Reality Check

1200 Euro pro Nacht kostet es, sich einen Öko-Urlaub in Dubais Vorzeige-Resort Al Maha zu gönnen. Theoretisch. Praktisch sollte man eher den doppelten Betrag beiseitelegen: die Mindestbuchungsdauer beträgt zwei Nächte. Und wer sich vor Ort nicht unversehens als armer Schlucker oder Geizhals fühlen möchte, erwägt vielleicht, noch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Denn für 1200 Euro kriegt er grade mal die billigsten Zimmer bzw. Suiten. Luxus auf Sparflamme, gewissermaßen. Da ist noch viel Luft nach oben – bis hin zur »Präsidentensuite« für 7000 Euro/Nacht. Es handelt sich nun mal, wie Merian nicht zufällig schon in der Überschrift festhält, um ein Öko-Hotel für Betuchte – »jenseits von Jesuslatschen und Jutebeutel«.

Genau das hat mich bewogen, mir den Artikel gründlicher vorzunehmen. Nicht wegen der Zimmerpreise – da mögen sich andere drüber mokieren. Ich habe nichts gegen Reichtum, und es gibt eine Unzahl obszönerer Arten, sein Geld loszuwerden als für umweltbewußte Wellness-Urlaube – oder für Urlaub überhaupt. Aber ich habe auf diesen Seiten schon mehrfach die Überzeugung geäußert, daß Luxushotels künftig auch in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit eine Führungsrolle übernehmen müssen – und daß sich ihre Reputation nicht zuletzt danach bemessen wird, wieweit sie dazu imstande sind. Sollte sich Dubai auch darin als Übermorgenland erweisen? Nach dem höchsten Wolkenkratzer der Welt und den größten von Menschenhand geschaffenen Insel-Archipelen nun auch das Hotel mit der weltbesten Energiebilanz?   weiterlesen…

6. September 2009

Nichts als Kartoffeln – Nachtrag

Wer das »1. Deutsche Kartoffelhotel« etwas zu harmlos und zu retro findet, könnte an einem aktuelleren Trend der themenorientierten Hotellerie Gefallen finden: Gefängnishotels. Die haben es – im Unterschied zum Kartoffelhotel – sogar schon zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht:

»Ein Gefängnishotel ist eine neue Hotelform, die oft in lichtlosen, vergitterten Gefängnisgebäuden nach deren Schließung eingerichtet werden, um diese mit vertretbaren Umbaukosten anderweitig zu nutzen und damit die oft denkmalgeschützten Gebäude zu erhalten. Sie werden von Reisenden aufgesucht, die auf der Suche nach Erlebnis- oder Themenhotels sind und dort einmal selbst erfahren wollen, wie es sich „hinter Gittern“ schläft. Einige bieten optional als Nachtkleidung die typische gestreifte Sträflingskleidung, die Vorführung beim Haftrichter oder gar das Schlafen auf Gefängnispritschen an.«

Dem Vernehmen nach lassen sich die Betreiber den Nervenkitzel teuer bezahlen. Ich frage mich, ob es nicht billiger ginge. Ein zünftiger Einbruch würde genügen. Oder habe ich da was mißverstanden?

5. September 2009

Nichts als Kartoffeln

Themenhotels sind ja wohl der große Renner im Moment. Schwer zu sagen, wann der Trend begann – vor fünf Jahren? vor zehn Jahren? Früher jedenfalls nicht. Nur das Wendland – das stille, naturverbundene, traditionsverhaftete Wendland – war seiner Zeit weit voraus. Dort gab es ein Themenhotel, lange bevor der Name dafür erfunden wurde. Nämlich seit 1991. Damals feierte im Rundlingsdorf Lübeln das »1. Deutsche Kartoffelhotel« seine Eröffnung. Wer des Deutschen nicht mächtig ist, weiß trotzdem schnell, woran er ist. Spätestens, sobald er den Zimmerschlüssel in Empfang nimmt, an dem eine Kartoffel aus Stein hängt. Und das ist erst der Anfang, wie der Reporter der ZEIT zu berichten weiß:

»Das Zimmer, riesig, mit gelb betupften Wänden und einer Tür ins Grüne, heißt Maja. Die anderen Zimmer werden Granola, Grandiflora, Jetta genannt. Zum Essen reicht man Kartoffelbratwurst, Kartoffelbirnchen und Kartoffelschnaps. Und Kartoffelpüree mit Apfelmus – »Himmel und Erde«.«

Das Hotel macht seinem Namen offenbar Ehre. Die Kartoffel ist allgegenwärtig. Und das nicht nur als Nahrungsmittel:   weiterlesen…

30. August 2009

Virtuelle Paradiese

Geahnt haben wir es längst, aber dieser Bericht des SZ-Magazins verdichtet die Ahnung zur Gewißheit: die alpenländische Idylle, die uns aus den Heimatfilmen der 50er Jahre und aus der Milka-Werbung noch so lebhaft vor Augen steht, gehört endgültig der Vergangenheit an.

»Die Bergdörfer sind durch zu viele Bunte-Mützen-Shops und Saufpavillons aus Kunststoff zu Freizeitsportler-Erlebnisparks mutiert. Skifahrer stehen lieber auf den Tischen als auf den Pisten. Und wir haben die Alpen zu einer einzigen Großraumdisco gemacht, in der nicht mal nachts Ruhe einkehrt.«

Kurz und gut: die Einheimischen geldgeil, die Touristen verprollt, und beider Nachwuchs verbrüdert sich im Komasaufen. Ballermann ist überall. Höchste Zeit, dem was entgegenzusetzen. Hoteliers in Österreich machen jetzt den Anfang und sorgen für ein bißchen echte, ursprüngliche Idylle inmitten all des falschen Budenzaubers.

Am 5. Dezember wird das völlig neu und aufwendig aus Zedernholz gebaute Ferienparadies Priesteregg eröffnen. Ein Bergbauerndorf, wie es sich betuchte Feriengäste vorstellen:   weiterlesen…

28. August 2009

Design sells

Erst kürzlich habe ich an dieser Stelle versucht, die Bedeutung des Apple-Designs etwas besser zu verstehen. Dazu paßt die folgende Meldung aus the Atlantic. Danach ist es der Apple Store, der auf New Yorks Fifth Avenue mit weitem Abstand den größten Umsatz macht. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Computerladen. Auf der Fifth Avenue. Einer der berühmtesten und teuersten Einkaufsmeilen der Welt. Dieser Apple Store also – der mittlerweile ja auch als architektonische Sehenswürdigkeit zum Pflichtprogramm jedes New-York-Besuchs zählt – macht einen Umsatz von 350 Mio. Dollar pro Jahr. Das sind, bei einer Fläche von knapp 1.000 qm, mehr als 350.000 Dollar/qm. Zum Vergleich: den Umsatz von Tiffany & Co. (ebenfalls auf der Fifth Avenue) schätzen Experten auf ca. 180.000 Dollar/qm. Ein Sprecher des Unternehmens bezeichnete diese Zahl allerdings als zu hoch gegriffen. Und der Abstand scheint weiter zu wachsen. Während in den ersten Monaten des Jahrs 2009 die Fifth Avenue deutliche Umsatzeinbußen hinnehmen mußte – Tiffany etwa um 22 Prozent –, konnten die Apple Stores ihren Umsatz um 2,5 Prozent steigern.

Design sells, kann man dazu nur sagen. Jedenfalls dann, wenn man es so versteht (und umsetzt) wie Steve Jobs und Apple.

23. August 2009

Was sich mit Geld nicht kaufen läßt – Forts.

Manchmal möchte man meinen, die Zufälle legten es gradezu drauf an, einem den Glauben an den Zufall auszutreiben. Zum Beispiel: kaum bin ich im zeitmagazin über das Hotel Olympic gestolpert – »ein gutes Buch auf jedem Zimmer« – lese ich in Spiegel online einen Bericht über das Literaturhotel Franzosenhohl in Iserlohn. Ob sich da sowas wie ein neuer Trend abzeichnet? Das wird die Zukunft zeigen. Die Initiatorin und Chefin des Hauses Andrea Reichert jedenfalls hat sich damit ihren zweiten Lebenstraum erfüllt (der erste hatte in einer eigenen Buchhandlung bestanden, und der zweite ist erkennbar die Steigerung des ersten.) Wenn man das als Marketingidee bezeichnen will, dann verdankt sie sich offenkundig einem Blick in den Spiegel (dem aus Glas, nicht dem aus Papier mit Online-Ableger). Ich habe diese Methode ja schon mal vor ein paar Wochen wärmstens empfohlen. Sie besteht darin, erstens, seiner innersten Leidenschaft und tiefsten Überzeugung höchste Priorität einzuräumen. Zweitens, der Bereitschaft, seine Leidenschaft mit anderen zu teilen. Und drittens dem unbedingten Vertrauen darauf, daß sich die andern (also der Markt) davon angesprochen fühlen. Natürlich funktioniert das nicht immer. Aber mindestens so oft – ich behaupte: öfter – als die konventionellen Marketingmethoden mit ihren Zielgruppenanalysen und Marktforschungsprogrammen, die bekanntlich aller empirischen Exaktheit zum Trotz schon so manchen denkwürdigen Flop produziert haben.

Daran ist in Wirklichkeit gar nichts Geheimnisvolles. Überlegen Sie einfach mal, wofür Sie selbst bereit sind, mehr Geld auszugeben als üblich oder eigentlich geplant. Nun? sind das nicht die Dinge, bei denen Ihr Herz höher schlägt? die ein Verlangen wecken, das jedes Bedürfnis übersteigt? die Sie nicht haben müssen aber haben wollen? – Leidenschaft trifft auf Leidenschaft, und der Funke springt über. Es sind solche »Resonanzphänomene“, die das akademische Marketing so gut wie gar nicht beachtet. Damit entgeht ihm das Entscheidende, nämlich die Bedeutung dessen, was sich mit Geld nicht kaufen läßt. Denn finanzieller Aufwand allein – und sei er noch so groß – kann niemals bewirken, daß »der Funke überspringt«. Leidenschaft hat kein Geldäquivalent.

Was sich mit Geld nicht kaufen läßt – diese Thema verbindet – neben den Büchern natürlich – das Hotel Olympic und das Literaturhotel Franzosenhohl. Und ich werde das Gefühl nicht los, daß mich dieses Thema auch darüber hinaus noch längere Zeit beschäftigen wird.

In der Zwischenzeit wünsche ich sowohl dem Hotel Olympic als auch dem Literaturhotel Franzosenhohl (von denen ich keins aus eigener Anschauung kenne) allen Erfolg, den sie verdienen.

22. August 2009

Was sich mit Geld nicht kaufen läßt

Zum Lesen bleibt mir schon lange viel weniger Zeit, als ich mir wünschen würde. Darum freue ich mich regelmäßig darauf, abends vor dem Einschlafen noch ein Buch zur Hand zu nehmen und wenigstens ein paar Seiten drin zu schmökern. Damit bin ich nicht allein, wie ich dem zeitmagazin entnehme. Dieses zählt zu seinen Entdeckungen der Woche unter anderem das Münchner Hotel Olympic. »Klein, sympathisch, in schönster Lage«, heißt es im zugehörigen Text – das könnte soweit auch in jedem Hochglanzkatalog stehen. Aber dann kommt es: »auf jedem Zimmer liegt ein gutes Buch.«

Auf jedem Zimmer liegt ein gutes Buch. Ich schlage vor, das von der Entdeckung der Woche zur Entdeckung des Jahres zu befördern. Was für eine Alternative zum unpersönlichen Charme der üblichen »persönlichen Aufmerksamkeiten« – Pralinen auf dem Kopfkissen, Schnittblumen in der Vase, die obligate Obstschale und möglicherweise sogar eine Flasche Champagner im Champagnerkübel. Alles schön und alles gut gemeint. Mit einem guten Buch aber überhaupt nicht zu vergleichen. Und das nicht bloß der Abwechslung wegen. Ginge es darum, könnte man auch Matchbox-Autos auf das Kissen drapieren statt der Süßigkeiten. Ein gutes Buch hingegen ist nicht einfach ein etwas anderes Willkommenspräsent – es ist etwas grundsätzlich anderes als normale Willkommenspräsente.   weiterlesen…

19. August 2009

Reality Check

Um 4,8 Prozent, so lese ich, seien die Umsätze des deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes im ersten Halbjahr 2009 durchschnittlich zurückgegangen. Am stärksten getroffen habe es dabei, mit einem Rückgang um 7,1 Prozent, die Hoteliers. Das könnte man mit Fug eine schlechte Nachricht nennen – es ist aber die gute, lerne ich aus demselben Beitrag. Denn: hätten die Betriebe nicht rechtzeitig ihre Preise erhöht, wäre der Einbruch noch viel dramatischer ausgefallen – um 9,4 Prozent bei den Hoteliers und 6,9 Prozent bei den Gastronomen.

Und was schließen wir daraus? Welches Bild will uns die zuständige PR-Agentur oder Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit vermitteln? Die deutschen Hoteliers hätten in weiser Voraussicht die Krise kommen sehen und – clever wie sie sind – ratzfatz ganz schnell erst mal die Preise angehoben. Vielleicht in der Hoffnung, mit etwas Glück über höhere Preise die sinkenden Übernachtungszahlen sogar wettzumachen. Ganz geklappt hat’s dann doch nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen. Da hätten doch glatt die treuen Stammgäste auch noch die Rechnung derjenigen bezahlt, die gar nicht gekommen sind. Wer denkt sich sowas aus, frage ich mich?   weiterlesen…

18. August 2009

Spieglein, Spieglein an der Wand

Was Hotels von Apple lernen können

Bryan Appleyards sorgfältige recherchiertes und glänzend geschriebenes Porträt in der Sunday Times bildet sicherlich das Glanzlicht in der ausgedehnten Berichterstattung, die die englische und amerikanische Presse in den letzten Wochen Steve Jobs zuteil werden ließ. Aktueller Grund für den Medienrummel ist die Lebertransplantation, der sich der Mitbegründer des Computerunternehmens Apple und der Filmproduktionsfirma Pixar jüngst unterziehen mußte – von der die Öffentlichkeit freilich erst erfuhr, nachdem er sie erfolgreich überstanden hatte.

Es genügen schon wesentlich harmlosere Anlässe, um Jobs in die Schlagzeilen zu bringen. Der Mann ist ein Firmenchef mit Popstar-Status. Das liegt zum einen an seinem persönlichen Charisma, das Wall-Street-Analysten ebenso in seinen Bann zieht wie Computernerds oder Harvard-Absolventen. Dazu kommt der weiterwirkende Nimbus des Underdogs, der erfolgreich den Computergiganten IBM herausforderte. Dann Ende der 90er Jahre sein glänzendes Comeback bei Apple, das er im Anschluß ein zweites Mal zur Kultmarke machte, nachdem man ihm mehr als zehn Jahre zuvor unsanft den Stuhl vor die Tür gesetzt hatte. Weiter sein scheinbarer Sieg über den Krebs 2004 – freilich mit dem »Nachspiel« besagter Lebertransplantation (wenn man den Ärzten glauben darf, jedoch mit exzellenter Prognose). Und nicht zuletzt die polarisierende Qualität seines Führungsstils, die jahrzehntelang zu den heftigsten, nicht selten an Glaubenskriege erinnernden Kontroversen um seine Person führten. Kurz: ein Leben wie ein Hollywoodfilm.

Die mediale Fixierung auf den nächsten Akt des Dramas oder den nächsten großen Wurf verhindert allerdings, so scheint mir, einen gelassenen Blick auf Jobs’  historische Leistung – seinen Beitrag zur Geschichte des Designs und zur Designkultur der Gegenwart. Ich würde diesen Beitrag ohne zu zögern in eine Reihe stellen mit der Arts & Crafts Bewegung, dem Bauhaus oder der Ulmer Schule. Vielleicht hat er den Designbegriff grundlegender und folgenreicher verändert als jeder dieser drei Reformansätze oder als irgendjemand sonst zuvor.   weiterlesen…