Einträge zum Thema «Ökologie»

26. April 2012

Salone Internazionale del Mobile:
Werner Aisslingers Farm der Stühle

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

2011 beeindruckte Werner Aisslinger die Messebesucher in Mailand mit seinem Hemp Chair. Dieser »Hanfstuhl« war einerseits eine Hommage an Verner Panton und die nach ihm benannte ikonische Stuhlkreation, trat aber gleichzeitig den Beweis an, daß sich die Befreiung von traditionellen, durch das Material vorgegebenen Formen, die damals der Kunststoff versprach, heute auch mit nachwachsenden Werkstoffen verwirklichen läßt. Deswegen habe ich dem Hemp Chair seinerzeit hier in der Serendipity Suite einigen Platz eingeräumt.

Und auch in diesem Jahr sorgte Aisslinger für Aufsehen auf dem Salone Internazionale del Mobile, diesmal mit einem Konzept, das er auf den Namen Chair Farm getauft hat. Wie schon der Name sagt, handelt es sich um Stühle aus dem Gewächshaus. Dabei macht sich Aisslinger zwei Eigenschaften der Bambuspflanze zunutze. Zum einen wuchert sie wie Unkraut und wächst ca. 30 Zentimeter pro Tag, zum anderen läßt sie sich durch Hindernisse und äußere Zwänge im Wachstum nicht aufhalten, sondern ändert einfach dessen Richtung. Auf diese Weise läßt sie sich mittels einen stählernen Korsetts dazu bringen, sogar in Form von Stühlen zu wachsen. Bevor ich versuche, das im Detail zu beschreiben, zeige ich Ihnen enfach Bilder:

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12. März 2012

Exzesse

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

ökologie nachhaltigkeit sustainability energie energy design

Der political correctness ist längst die ecological correctness gleich­be­rech­tigt zur Seite getreten – und treibt die seltsamsten Blüten. Schon vor längerer Zeit habe ich hier über das Hotel in Kopenhagen berichtet, das seine Gäste für ein Viertelstündchen Strampelei auf dem Fahrradergometer mit Essensgutscheinen belohnt. Das Angebot kommt blendend an; am ökologischen Mehrwert kann man zwar zweifeln, aber wahrscheinlich geht es den Gästen ohnehin mehr um die Gratis-Völlerei hinterher. Seltsam berührt mich freilich auch die mittlerweile Usus gewordene Aufforderung, Handtücher, die man gewaschen habe möchte, einfach auf den Boden und gewissermaßen den Zimmermädchen vor die Füße zu schmeißen. Ökologisch mag das sinnvoll sein, aber ist es auch höflich? Früher hätte man so etwas als schlechtes Benehmen gebrandmarkt.

Auswüchse gibt es allerdings nicht nur im ökologischen Bereich, sondern auch in Sachen Wellness. Dazu zählen beispielsweise die Anti-Schnarchzimmer, mit denen Intercontinental (IHG) seit einiger Zeit von sich reden macht. Ob sich die Publicity auch in Belegungszahlen niederschlägt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ein englischer Designer, so meldet BILD, hat nun beide Aspekte miteinander verbunden und ein Gerät entwickelt, das die beim Schnarchen entstehende Energie in Strom umwandelt, der dann das Handy, den Laptop oder andere Kleingeräte auflädt. Klingt unglaublich? Nun ja, es ist ja auch nur die BILD-Version der Geschichte. In Wirklichkeit heißt der englische Designer João Paulo Lammoglia und stammt aus Rio de Janeiro. Seine Aire-Mask allerdings gibt es tatsächlich. Für Schnarcher mit ihren gefährlichen Atemaussetzern ist sie jedoch eher kontraindiziert. Lammoglias Erfindung richtet sich an ganz normale Menschen, die ihren Beitrag zur energetischen Nachhaltigkeit leisten wollen. Und zwar nicht nur im Schlaf, sondern auch beim Spazierengehen, Joggen, Lesen oder anderen Tätigkeiten, auf die ich nicht näher eingehen mag.

Eine spezielle Form der Windenergie, gewissermaßen. Ob irgendeine Hotelkette auch dieses Konzept aufgreift, wird sich zeigen. Ernst gemeint ist es jedenfalls schon, und an Anerkennung fehlt es der Idee ebenfalls nicht. Immerhin hat Lammoglia damit den red dot design award »best of the best« erhalten – einen der weltweit renommiertesten Designpreise überhaupt. Über die Berechtigung dieser Auszeichnung dürfte es geteilte Meinungen geben. Ich jedenfalls werde mir in Zukunft Zurückhaltung auferlegen, wenn ich über die diversen red dot awards spreche, die wir in den letzten Jahren gewonnen haben… ;-)

Quelle: http://inhabitat.com/aire-mask-uses-the-power-of-human-breath-to-charge-gadgets/

21. November 2011

Öko-Blüten

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Irgendwann in meiner Jugendzeit hatte ich meine Flugzeugphase. Die ersten zehn oder zwanzig Jahre der Fliegerei faszinierten mich besonders. Unglaublich, welche skurrilen Konstruktionen da der Schwerkraft zu trotzen wagten. Schon beim ersten Fluggerät der Gebrüder Wright befand sich das kastenförmige Leitwerk vorne – statt hinten, wie es uns heute logisch erscheint. Und das war noch die geringste der Merkwürdigkeiten. Schon in den Jahrhunderten zuvor waren die Erfinder ja auf die aberwitzigsten Ideen verfallen, von den Skizzen Leonardo da Vincis bis zu den Gleitflugapparaten Otto von Lilienthals.

Aber die Fliegerei ist nur ein willkürliches Beispiel. Es scheint bei jeder neuen Technologie so zu sein, daß die Anfänge auch die größte Vielfalt hervorbringen. Das ist ein Experimentieren mit allen Möglichkeiten, bis sich ein gewisser Standard herauskristallisiert, der sich dann nur noch langsam, dafür aber stetig weiterentwickelt. Die technische und die natürliche Evolution gehorchen da offenbar ganz ähnlichen Gesetzen.

Was das ökologische Bauen betrifft, sind wir heute ungefähr in derselben Lage wie die Luftfahrt vor 100 Jahren. Wir wissen, daß nachhaltigen Lebensformen, die sich in natürliche Kreisläufe einbetten, die Zukunft gehört – aber wir haben noch keine Ahnung, wie diese Zukunft architektonisch und innenarchitektonisch aussehen wird. Wir befinden uns in der Experimentierphase. Manches, was wir gegenwärtig für vielversprechend halten, könnte sich als Sackgasse erweisen; anderes, dem wir nur geringe Zukunftschancen einräumen, könnte durch die Verbindung mit neuen Technologien und Materialien ungeahnte Bedeutung erlangen.

Das gilt für alle Aspekte des Bauens, also auch fürs Hoteldesign. Die »doppelköpfige Dusche«, der wir vor wenigen Tagen begegnet sind, gehört in diesem Zusammenhang sicher zu den abartigeren Lösungsvorschlägen. Ich traue mich, sie als Totgeburt zu bezeichnen. Reichlich ungewohnt sieht auch das »Flowerbed Hotel« aus, das die vielfach ausgezeichneten Architekten von MVRDV entworfen haben. In diesem Fall würde ich freilich eher von einer Versuchsanordnung sprechen. Der künftige Verwendungszweck erlaubte ein Experimentieren mit Lösungen, die unter normalen Bedingungen unrealistisch wären. Das Hotel soll den geplanten Bloomin’ Holland Themenpark (mit angegliedertem Business Center) ergänzen. In diesem Zusammenhang wirkt die »Gewächshaus-Architektur durchaus stimmig. Ein Modell für das »Hotel der Zukunft« ist das sicher nicht. Aber vermutlich enthält es viele Anregungen, die sich auch für andere Kontexte fruchtbar machen lassen. Wir werden uns im Team sicher noch ausgiebig damit beschäftigen – allerdings erst, wenn wir über aussagekräftigeres Material verfügen und der Terminstress etwas nachgelassen hat. Also vermutlich erst nach Weihnachten.

Vorerst lasse ich die Computerrenderings, die MVRDV publiziert hat, für sich sprechen. Von der Innenarchitektur verraten sie leider noch nicht allzuviel.


[Kudos: ArchDaily]

19. November 2011

Duschköpfe – ein moralisches Dilemma…

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Daß Drachen bisweilen zwei Köpfe haben (oder jedenfalls so dargestellt werden), habe ich gewußt. Aber Duschen?! Nun, man lernt nie aus – sehen Sie selbst:


[Kudos: Rob Walker]

Wozu soll das gut sein, fragt sich der arglose Gast. Für die Dusche zu zweit vielleicht? Auch nicht wirklich lustfördernd, wenn’s denn so gedacht sein sollte. Ist es aber nicht. Daran läßt der auf umwelt-, nicht jedoch lese­freund­lichem Grün gedruckte Hinweis an der Wand keinen Zweifel. Falls ich neulich gedankenlos beklagt haben sollte, es gebe zwar Bedie­nungs­an­lei­tungen für Dusch­matten, nicht aber für die Duschen selbst, leiste ich hiermit Abbitte. Der Zettel an der Wand läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Einer der »Heavenly Showers«, die das Hotel hier für den anspruchvollen Gast installiert hat, wurde bewußt in seiner Leistung gedrosselt, »in an effort to minimize water usage and protect one of our most precious natural resources«. Wie fürsorglich, denkt der Gast und findet sich schon damit ab, daß es nun doch nichts wird mit dem »Heavenly Shower« auf den er sich gefreut hat.

Doch halt – es gibt ja noch den zweiten Duschkopf. Sollte vielleicht — und in der Tat, da steht es: er braucht bloß einen Knopf zu drücken, »to experience the most from the Heavenly Shower«. Dazu ist dann der zweite Duschkopf da. Da hat der Gast jetzt die Wahl: entweder er verhält sich politisch korrekt und umweltbewußt. Oder er outet sich als Öko-Sau. Um sich danach im Spiegel zu betrachten, muß er bloß den Kopf ein wenig drehen…

Immerhin – die Botschaft, die das Hotel mit entwaffnender Deutlichkeit vermittelt, sollte zu denken geben: »Refresh yourself or restore our world« – beides zusammen geht nicht. Solange der Hotellerie nichts besseres einfällt – und zwar glaubwürdig und überzeugend – wird das wohl nichts werden mit der ökologischen Wende, fürchte ich… ;-)

8. Oktober 2011

Body & Space
Steven Holl über Architektur

von Cornelia Markus-Diedenhofen, AK Aichner, Christian Aichner

Den Architekten Steven Holl schätze ich schon lange; als Aquarellisten habe ich ihn erst viel später kennengelernt – und daß er überdies ein glänzender Redner und von seinen Studenten verehrter akademischer Lehrer ist, wußte ich bisher nur durch das Zeugnis Dritter. Nachdem ich das folgende Video gesehen habe, kann ich es mir vorstellen. Die Leidenschaft für Architektur und die Leidenschaft, eine adäquate Sprache für sie zu finden, gehen hier offenbar Hand in Hand; Denken, Reden und Handeln sind nur verschiedene Aspekte ein und derselben Sache.

Und das meiste von dem, was Steven Holl hier zur Architektur äußert, gilt ebenso für die Innenarchitektur und stimmt überein mit dem, was auch mir vorschwebt – inklusive der Aufforderung zum Ungehorsam gegenüber dem Auftraggeber. Denn es geht nicht darum, dessen Wünsche zu erfüllen, sondern ihn mit Vorschlägen und Lösungen zu überraschen, an die er selber nie gedacht hätte.

AD Interviews: Steven Holl from ArchDaily on Vimeo.

28. August 2011

Hotel und Umwelt: Ökologie interaktiv

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Was Ökologie betrifft, habe ich ein Faible für Intercontinental Hotels (IHG). Zum einen, weil es das Unternehmen nicht bei Lippenbekenntnissen beläßt, sondern seit Jahren zu den wichtigsten Wegbereitern nachhaltiger und umweltgerechter Lösungen in der Hotellerie zählt. Zum anderen – und das finde ich fast noch bemerkenswerter: weil es bereit ist, das so gewonnene Wissen mit anderen zu teilen. Das läßt sich IHG sogar einiges kosten, wie das aktuelle, vor wenigen Tagen online gegangene Redesign seiner Innovation Hotel Website zeigt, die speziell diesem Thema gewidmet ist. Im Vergleich zur Vorgängerversion setzt die neue Website noch erheblich stärker auf Interaktivität, was der Vermittlung der Inhalte sehr zugute kommt. Wer sich für Ökologie, Nachhaltigkeit oder Energie-Effizienz im Umfeld des Hotels (und nicht nur dort) interessiert, sollte einen Blick darauf werfen:

Wie gesagt: die Website ist interaktiv und erschließt sich selbst, was mir weitere Ausführungen dazu erspart. Klicken Sie auf den Link und gehen Sie auf Entdeckungsreise.

Für mich macht diese Website einmal mehr einen Punkt deutlich, den man sich gar nicht oft genug vergegenwärtigen kann: der Grundgedanke des Internets im allgemeinen und des Social Web im besonderen lautet Teilen – und das bedeutet in erster Linie: Geben, ohne eine Gegenleistung zu erwarten oder gar zu fordern. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur traditionellen Werbung oder Öffentlichkeitsarbeit – und gleichzeitig das eigentliche, noch längst nicht hinreichend verstandene Erfolgsgeheimnis des neuen Mediums.

Wer hingegen jammert, im Social Web würden alle nur etwas von ihm wollen, hat das entweder nicht begriffen. Oder er nimmt sich selbst zu wichtig.

16. August 2011

Virtuelles Hotel-Design bei Marriott

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

In seinem Blog erinnert sich Bill Marriott an die alten Zeiten, als er noch selbst mit Hand anlegte, um im Schweiße seines Angesichts den richtigen Platz für das Mobiliar zu finden. Unwirklich anmutende Gedächtnisbilder aus grauer Vorzeit, so meint er. Heute seien an die Stelle von Hammer und Nägeln die Maus und der Monitor getreten. Innenarchitektur entstehe am Computer. Hoteldesign sei zunächst virtuelles Design, und im nächsten Schritt dann eine Art Filmkulisse. Bill Marriott illustriert das mit dem folgenden Video, das – für mich leider viel zu kurz – den Designprozeß bei Marriott erläutert:

Die Vorteile der »computergestützten Innenarchitektur« liegen auf der Hand: Trends lassen sich aufgreifen, solange sie aktuell sind; neue Konzepte zeitnah am Markt plazieren. Aber selbstverständlich hat die Medaille auch eine Kehrseite: virtuelle Hoteldesigns tragen auch ein virtuelles Verfallsdatum. Fast schon alle zwei Jahre wird ein Konzept durch das nächste ersetzt; die Umschlaggeschwindigkeit nähert sich der in der Modebranche.

Und hier sehe ich die eigentliche Herausforderung. Schnell sind wir auch – da macht uns so leicht keiner was vor. Doch dabei stellen sich eine Reihe weiterer Fragen. Ist dieses Tempo auch ökologisch verantwortbar? Ist es denkbar, hohe Umschlaggeschwindigkeiten mit den Prinzipien der Nachhaltigkeit zu vereinbaren? Welche übergreifenden Ideen und Kooperationsmodelle wären dafür erforderlich? Gibt es langfristig angelegte Design-Konzepte, die gleichwohl die Möglichkeiten der Variabilität und Veränderbarkeit schon in sich tragen – was dann wieder der Kontinuität des Marken-Images zugute käme? Um nur einige zu nennen.

Ich behaupte nicht, daß wir auf diese Fragen schon zufriedenstellende Antworten hätten. Über die verfügt gegenwärtig keiner. Aber darüber nicht nachzudenken und wenigstens Teillösungen zu entwickeln – das hielte ich für sträflich.

7. August 2011

Vorsicht, Werbung (26)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Über Tiere in Hotels haben wir schon berichtet; auch über Hotels mit Sonderangeboten für vierbeinige Gäste – und die Gefahren, die ahnungs­losen Zimmermädchen dabei von alleingelassenen Rüden dro­hen –; und selbst auf Luxusetablissements nur für Hunde und Katzen hatten wir schon mal ein Auge geworfen. Die mit tierischem Anhang reisenden Hotelgäste, zumal die Gourmets unter ihnen, interessiert aber noch etwas anderes: was bekommen ihre Lieblinge vorgesetzt, während sie sich im Zwei- oder Drei-Sterne-Restaurant des Hotels verwöhnen lassen? Wieviele dieser Gäste aber so gesundheitsbewußt sind, für ihren Hund auf das folgende Produkt zu bestehen, weiß ich nicht. Wäre ich selber ein Hund, würde ich mich schaudernd abwenden:


[Kudos: Marketing Blog]

Es ist natürlich ein billiges Wortspiel zu sagen, hier sei sogar die Typographie auf den Hund gekommen. Leider stimmt es aber, und ich habe mich daran gewöhnt, von der Lieblosigkeit seiner Präsentation auf die Qualität eines Produkts zu schließen. Meistens liege ich damit richtig. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit aber auch noch auf den Inhalt lenken:

»Probably not as much pleasure as what he normally licks, but much better for him«

heißt es da. Auf gut Deutsch: schmeckt bescheuert, ist aber gesund. Und das ist ein Argument, das komischerweise zieht, und nicht nur, wenn es um Hunde geht. Man kann damit geschmacklich minderwertige Bio-Lebensmittel verkaufen oder den höheren Preis für Milchprodukte rechtfertigen, die rechtsdrehende Milch- oder Fett- oder Sonstwasfür-Säuren enthalten. Man darf sogar darauf hoffen, daß Hotelgäste es gut finden, wenn die Handtücher nicht regelmäßig gewechselt werden. Trotzdem bleibt es eine saublöde Masche – Bauernfängerei, die sich über kurz oder lang rächt.

Medizin darf bitter schmecken, wenn es gar nicht anders geht (und die Pharmahersteller arbeiten ständig an diesbezüglichen Verbesserungen) – aber die Bitterkeit ist kein Selbstzweck. Von einem Bio-Apfel erwarte ich, daß er besser schmeckt als sein auf maximale Erträge getrimmter Billig-Konkurrent. Ebenso sollte ein Öko-Hotel auch in jeder anderen Hinsicht mehr und Besseres zu bieten haben als seine Mitbewerber. Nur damit wird es sich langfristig profilieren und Erfolg haben.

Alles andere ist Yöghund.

Ob aber Yöghund, Frolic oder eine spezielle Frischfleisch-Zubereitung aus der Hotelküche (gibt es!) – in einer Hinsicht bleibt das Ergebnis dasselbe und steht seit einigen Jahren zunehmend im Zentrum der Aufmerksamkeit. Seither sieht man weltweit in den Städten die Hundebesitzer mit Schaufel und Säckchen ihren treuen Vierbeinern hinterherhecheln, um das wieder wegzumachen, was diese grade hingemacht haben. Aber beileibe nicht alle sind so pflichtbewußt. Vor allem die Jüngeren zeigen nicht selten einen bedauerlichen Mangel an Disziplin. Speziell an die wendet sich eine neue Werbekampagne der Stadt München. Dreijährige finden sie wahrscheinlich zum Schreien komisch. Aber ob das wirklich die Altersgruppe ist, die die Stadtväter erreichen wollen?!

»Holy shit«, fällt mir dazu nur ein. Und OB Christian Ude setzt seinen Namen drunter…

27. Juli 2011

Licht aus Sollektoren

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Lichtleiter kennt man schon länger – für praktische Beleuchtungs­zwecke waren sie bis­lang nur bedingt geeignet. Das könnte sich bald schon ändern: im Rahmen eines Forschungs­projekts hat die Georg-Simon-Ohm-Hoch­schule in Nürn­berg ein System ent­wickelt, das mehrere Techniken mit­ein­ander kombiniert, um Tages­licht effizient ins Innere von Gebäuden zu leiten. Als wichtigste Vor­teile nennen die Ent­wickler den hohen Wirkungs­grad (also eine große Licht­aus­beute), die wirk­same Aus­filterung von UV- und Wärme­strahlung sowie eine flexible Licht­steuerung durch auto­matische oder gezielt ein­ge­setzte Bei­mischung von LED-Licht. Auch die Kosten sollen sich bei groß­technischer Fertigung in Grenzen halten; genauere Angaben dazu habe ich ver­geblich gesucht.

Funktionsprinzip des Sollektors

Funktionsprinzip des Sollektors

Technisch besteht das System aus drei Haupt­komponenten: dem eigentlichen Sollektor, der mit Hilfe von 900 Linsen das Sonnen­licht ein­fängt und bündelt; Kabeln aus polymer-optischen Fasern, die das Licht ins Gebäude­innere leiten; sowie einem Leucht­körper, der das Licht wieder an den Raum abgibt. Zwischen 50 und 70 Prozent des ein­ge­fangenen Lichts können auf diese Weise zur Raum­be­leuchtung genutzt werden. Nach Angaben der Hoch­schule ent­spricht der ein­ge­koppelte Licht­strom eines Sollektors der Leistung von 50 Halogen­lampen von je 100 Watt; bei einer Kanten­länge des Sollektors von etwas über 50 cm wäre das unfaß­bar viel – ich gebe darum diese Infor­mation, solange ich keine zusätzliche Bestäti­gung dafür finde, nur mit Vor­behalt weiter.  weiterlesen…

28. Juni 2011

Kennen Sie WOBO?

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Manche Leute finden ja Werbung und Marketing der Firma Heineken besser als ihr Bier – und haben mir das deutlich zu verstehen gegeben, als ich neulich ein paar Werbe-Beispiele vorstellte. Um über das Bier zu urteilen, fehlt mir die Kennerschaft. Dafür bin ich aus reinem Zufall über ein anderes Kuriosum gestolpert, das mir schon wieder imponiert hat. Alfred Henry (Freddy) Heineken, der von 1941 bis 1989 das Unternehmen leitete und es zum Weltkonzern machte, interessierte sich für mehr als nur Bier. Und in dem, was ihn sonst noch so umtrieb, war er offenbar seiner Zeit ein ganzes Stück voraus.

Das gilt jedenfalls für Heinekens WOBO. Geduld bitte, ich wußte erst auch nicht, was das ist. Die Idee entstand auf einer Reise durch die Karibik. Alfred Heineken staunte über die Unmengen leerer Bierflaschen, die sich nicht nur auf den Müllhalden sammelten, sondern das Stadtbild beherrschten und die Landschaft verschandelten. Gleichzeitig wunderte er sich über die miserable Bauqualität der Häuser einschließlich der Neubauten. Baumaterial sei schwer zu bekommen, sagte man ihm, und Qualitätsware kaum zu bezahlen. Ja, wenn das so ist, dachte Heineken – den Leuten kann geholfen werden.

Wieder zurück in Holland, beauftragte er den Architekten John Habraken damit, das, was ihm durch den Kopf gegangen war, in die Tat umzusetzen. Wenig später präsentierte dieser den Entwurf einer Flasche, die gleichzeitig als Glasziegel dienen konnte. Der Flaschenhals paßte exakt in die konkave Wölbung des Bodens; Noppen auf den beiden ebenen Seitenflächen verhinderten ein Verrutschen; als Bindemittel diente ein spezieller Mörtel:

Heineken war fest vom Potential und der Nützlichkeit seiner Idee überzeugt und ließ gleich zwei aufeinander abgestimmte Flaschengrößen in Produktion gehen. Und er dachte in großen Maßstäben: WorldBottle – kurz WOBO – hieß die neue Flasche. Um die Praxistauglichkeit der Idee unter Beweis zu stellen, wurden auf dem Heineken-Brauereigelände eine Lagerhalle und eine Mauer aus WOBOs errichtet.

Das blieben, soweit man weiß, die einzigen »Flaschenbauten«. Der Markt war skeptisch, und auch innerhalb des Unternehmens hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Nicht einmal das legendäre Heineken-Marketing stellte sich in den Dienst der Sache, und die starb eines langsamen Todes. Wenige Jahre später wurde die Produktion eingestellt. Wie gesagt: Heineken war seiner Zeit voraus und die Welt noch nicht reif für seine Idee.

Mittlerweile sind Nachhaltigkeit, Recycling und Wiederverwertung, Schonung der Ressourcen und ökologisches Bauen in aller Munde. Heute könnte WOBO möglicherweise zum Renner werden. Aber ich will hier gar nicht für die Wiederverwertung einer alten Idee plädieren. Ich sehe darin eher ein Beispiel, welch kreative Lösungen in diesem Feld möglich sind, wenn man die gewohnten Bahnen verläßt und ein bißchen Einfallsreichtum beweist.

Anders herum gesagt: auch das sogenannte ökologische Bauen ist längst schon wieder dabei, in langweiliger, öder Routine zu erstarren. Viel zu wenige machen sich die Mühe, nach Alternativen zu den mittlerweile etablierten Alternativen zu suchen und die Chance unkonventioneller Lösungen zu nutzen. Ein wenig mehr frischer Wind täte gut.

Wie sich das fördern ließe? Man könnte ja vielleicht einen Alfred H. Heineken Preis ins Leben rufen – oder einen WOBO Award…

18. Juni 2011

Rem Koolhaas spricht

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Was Rem Koolhaas zur Architektur zu sagen hat, beginnt recht konventionell als Rückblick auf die eigene Biographie und die Geschichte von OMA bzw. AMO – und es endet so provokativ und aufregend, daß ich noch einige Zeit brauchen werde, meine Gedanken dazu in eine Ordnung zu bringen oder Koolhaas’ Gedanken weiterzuspinnen. Überrascht hat mich das nicht; Koolhaas war schon immer das enfant terrible unter den sogenannten Stararchitekten. Das liegt nicht zuletzt daran, daß er sich konsequent weigert, den Raum als das Metier der Architekten auf eine Komposition aus Ziegel, Beton, Stahl und Glas zu reduzieren. Viele haben ihm vorgeworfen, in fremden Revieren zu wildern – aber für Rem Koolhaas sind es keine fremden Reviere. Architektur beschäftigt sich nicht nur mit gebauten Räumen, oder vielmehr: diese sind so eng mit politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen oder künstlerischen Räumen verbunden, daß die Architektur von ihnen gar nicht absehen kann. Alles andere käme für Koolhaas einem Denkverbot gleich, oder einem freiwilligen Anlegen von Scheuklappen. Und den Vorwurf kann man ihm nun sicherlich nicht machen, wie Sie gleich feststellen werden (die Tonqualität des Video bessert sich übrigens nach den ersten Minuten enorm, sobald die Umgebungsgeräusche ausgeblendet werden):

OMA “Three in One” – Lecture at the Berlage Institute in Rotterdam by Rem Koolhaas from OMA on Vimeo.

15. Juni 2011

Frank Gehry im Gespräch

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Wer sich für Architektur interessiert, freut sich jedesmal, die Bauwerke der Architekten, die er schätzt, auch in Wirklichkeit zu sehen. Ansonsten ist er auf Monographien oder gelegentliche Zeitschriftenbeiträge angewiesen. Die Gelegenheit, namhafte Architekten im Gespräch zu erleben – dazu noch im Fernsehen –, ergibt sich selten, wenn überhaupt. Manchmal aber doch: hier ist in voller Länge das Interview, das Geraldine Duke von der Australian Broadcasting Corporation mit Frank Gehry führte; Anlaß war die öffentliche Vorstellung seines Entwurfs für die Business School der University of Technology Sidney (UTS):

(Bei Minute 10 stoppt das Video und Sie werden eingeladen, es auf der Website von ABC weiterzugucken (dort optional auch im Fullscreen-Modus); alternativ dazu können Sie aber auch unten in der Zeitleiste auf das Ende der bereits abgelaufenen Zeit und anschließend auf den Play-Button klicken; das Video läuft dann weiter.)

Hier noch ein kurzer Fernsehbeitrag zum Projekt selbst – ebenfalls anläßlich dessen erster öffentlicher Vorstellung:

14. Mai 2011

Die Umweltweltmeister:
Das Hotel Victoria in Freiburg

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

An einer Wand der Lobby, wo in manch anderem Vier-Sterne-Haus die gerahmten und signierten Bilder prominenter Gäste hängen, finden sich im Hotel Victoria in Freiburg Zertifikate. Die Auszeichnung zum umweltfreundlichsten Hotel der Welt ist gleich zweimal darunter. Dazu kommt eine Reihe weiterer deutscher und internationaler Preise, die Rang und Namen haben: der Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg (ebenfalls zweimal), der Deutsche Solarpreis, der Energy Globe Award, der EMAS-Award, der REST-Award und einige andere.

Darin spiegeln sich die Prioritäten, die das Hotel seit mehr als 25 Jahren setzt. 1985 übernahmen die heutigen Inhaber Astrid und Bertram Späth das Haus in dritter Generation und steuerten von Beginn an einen Öko-Kurs, der anfangs nur milde belächelt wurde: Öko – das waren ein paar sektiererische Weltverbesserer, grüne Krawallos und Körnerfresser. Die Klientel eines Vier-Sterne-Hotels sieht anders aus. Hätten die Späths damals von einem grünen Ministerpräsidenten noch zu ihren Lebzeiten schwadroniert, man hätte sie lauthals ausgelacht statt milde belächelt.

Gekommen ist es bekanntlich so, wie sich’s selbst die Späths nicht zu prophezeien getraut hätten. Auf die Weise wird zum Vorreiter, wer als Außenseiter begann. Das ist wohl auch der Grund, daß die ZEIT in ihrer aktuellen Ausgabe dem emissionsfreien Hotel Victoria einen ausführlichen Artikel widmet. Öko ist Mainstream geworden, und das Hotel Victoria zur Referenz für die Branche. Zu dieser öffentlichen Anerkennung möchte ich Astrid und Bertram Späth gratulieren – zum einen weil sie es verdient haben; zum anderen, weil mich darüber hinaus noch einiges mit ihrem Haus verbindet.   weiterlesen…

25. März 2011

MIPIM Award geht nach Indien

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Auch wenn wir diesmal selbst nicht vertreten waren, war ich natürlich gespannt, wer 2011 MIPIM Award gewinnen würde – insbesondere in der Kategorie Hotels and Tourism Resorts. Am 10. März war es soweit; einen Tag später gingen die Katastrophenbilder aus Japan um die Welt, die uns seither – zusammen mit anderen weltpolitischen Ereignissen – in Atem gehalten haben. Das ist aber kein Grund, den »Oscar der Immobilien­branche« ganz mit Schweigen zu übergehen; vielleicht kann er ja überhaupt erst jetzt und mit etwas Abstand die Aufmerksamkeit finden, die er verdient.

Für Patrioten hielt sich freilich heuer die Spannung schon im Vorfeld in Grenzen: im Bereich Hotels and Tourism Resorts hatte es diesmal kein deutsches Projekt auf die Shortlist geschafft. Nachdem aber im Vorjahr das Kameha Grand in Bonn die begehrte Trophäe erhalten hat, fand ich das weiter nicht schlimm; schließlich bietet die MIPIM mit ihrer internationalen Ausrichtung gerade die Chance, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Und daß Deutschland in Sachen Hotellerie nicht unbedingt den Nabel der Welt darstellt, dürfte kein Geheimnis sein.

Das Siegerprojekt bestätigt das auf eindrucksvolle Weise. Es handelt sich um das Park Hotel Hyderabad in Indien. Die Stadt bzw. das Fürstentum Hyderabad verdanken ihren Reichtum und legendären Ruf vor allem den Diamanten. Der wohl berühmteste Diamant aller Zeiten, der Koh-i-Noor, stammt von dort, und lange Zeit war Hyderabad der einzige Fundort von Diamanten in der Welt überhaupt. Auch eine Reihe weiterer Edel- und Halbedelsteine werden in der Gegend abgebaut und verarbeitet. An diese Tradition sollte das neue Hotel architektonisch und gestalterisch anknüpfen – durch ein raffiniertes Spiel mit dem Licht, edle Materialien, geometrische Formen und facettierte Flächen. Im Zeichen dieses vorgegebenen Themas wagte man das Experiment, mit der Umsetzung mehrere hochkarätige Büros, jedes mit ausgeprägter eigener Handschrift, zu beauftragen. Und das Experiment scheint geglückt: die individuellen Facetten fügen sich, soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann, zu einem in sich stimmigen größeren Ganzen.  weiterlesen…

24. März 2011

Nach dem dritten Original ist es ein Stil

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Daß Klassiker – auch und gerade moderne Klassiker – gegen Klone und billige Kopien zu kämpfen haben, ist nichts Neues; die Preisgestaltung mancher Hersteller und Rechte-Inhaber ist daran nicht unschuldig. Viel interessanter finde ich es, wenn zeitgenössische oder nicht allzuweit zurückliegende Designlösungen Variationen oder Gegen-Entwürfe hervorbringen. Manchmal denke ich: je radikaler und unverwechselbarer ein Entwurf, desto mehr fühlen sich andere Gestalter davon herausgefordert. So wird das Unikat zum »Stammvater« eines Stils oder einer ganzen »Gattung« von Objekten. Was Avantgarde war, wird Mainstream. Der Gegensatz zwischen Tradition und Moderne erweist sich damit als Illusion: die Moderne bringt ihre eigene Tradition hervor, und von dem Hintergrund dieser Tradition heben sich dann die Avantgardisten und Tabubrecher von heute ab. Denen wirft man dann gern Verrat an den hehren Idealen der Moderne vor – solange, bis sich herausstellt, daß sie den Keim zu neuen Traditionen und Gattungen in sich trugen…

Es sind übrigens nicht unbedingt die künftigen Klassiker unter den heutigen Kreationen, die am meisten kopiert werden – das ist eins der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zwischen bloßer Mode und gestalterischer Innovation. Der Rang der letzteren zeigt sich oft erst im Nachhinein. Die einen imponieren der breiten Masse, die anderen ihresgleichen.

Was ich eigentlich sagen wollte: grade bin ich auf die jüngste Variante eines Sitzmöbels gestoßen, das anfangs vielen nur als Gag oder kurzlebige Modetorheit erschien.  weiterlesen…

12. Februar 2011

Nachhaltiger Ärger

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Royal Flush« betitelt Gulliver eine seiner aktuellen Kolumnen im Economist, und Pokerspieler meinen zu wissen, was gemeint ist. Aber sie irren sich. To flush bedeutet im Englischen auch einfach, zu spülen oder wegzuspülen, und the flushing ist die Spülung. Genau darum geht es auch, um Klospülungen nämlich, und zwar in der kleinen amerikanischen Hotelkette Loews. Um heutigen Umweltvorschriften zu genügen, verwenden die Toiletten der Hotels schon seit geraumer Zeit beim Spülen nur noch halb so viel Wasser wie in der Vergangenheit. Das Resultat war unerfreulich. Von den drei Loews Hotels in Orlando verzeichnete jedes durchschnittlich 120 Beschwerden wegen verstopfter Klos – pro Monat, wohlgemerkt. Da wurden zwar Ressourcen gespart, doch dieser »Fortschritt« war mit verärgerten und angeekelten Gästen ziemlich teuer erkauft.

Jetzt hat das Management beschlossen, die Konsequenzen aus diesen unhaltbaren Zuständen zu ziehen und sämtliche Toiletten der Hotels zu erneuern. Die Wahl fiel dabei auf das das Modell Champion 4, eine der »abzugsstärksten« Toiletten, die der amerikanische Markt zu bieten hat. Gegenüber der Zeitschrift USA Today sprachen die Verantwortlichen bei Loews von einem »Quantensprung« und einem »technischen Durchbruch«. Champion 4 könne problemlos sogar ein ganzes Set von Golfbällen in einem einzigen Spülvorgang beseitigen. Ich frage mich, ob sie das selbst ausprobiert haben oder einfach der Fernsehwerbung für das Produkt vertrauen:

Mittlerweile verfügt ein Drittel aller Loews Hotels über die neuen Turbospüler. Die Zahl der verstopften Toiletten ging drastisch zurück. Na also, könnte man denken: Ende gut, alles gut. Mir aber paßt die ganze Richtung nicht. Was ist das für eine Umweltbewußtsein, das sich darin äußert, Gäste zu bevormunden und zu schikanieren? Klos, die beim geringsten Anlaß verstopfen; in den Nachttischlämpchen Glühbirnen, die zum Schlafen zu hell und zum Lesen zu schummrig sind; und in jüngster Zeit vermehrt rationierte Wassermengen pro Duschvorgang. Ökologie hin oder her – manchmal ist mir einfach danach, ausgiebig und üppig zu duschen. Für diesen Luxus habe ich schließlich bezahlt, in der Regel nicht wenig. Und der Zimmerpreis reduziert sich ja nicht, bloß weil ich plötzlich mit Shampoo in den Haaren im Trockenen stehe.

Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß diese Art von ökologischem Engagement Hotels den Imagegewinn beschert, den sie sich wahrscheinlich erhoffen. Eher ernten sie nachhaltigen Ärger.

3. Dezember 2010

Vorsicht, giftig

Stellen Sie sich vor, ein Produkt komme mit folgendem Beipackzettel in den Handel:

»Herzlichen Glückwunsch. Sie haben ein Produkt erworben, das dem letzten Stand der Technik entspricht und an dessen Herstellung höchste Sorgfalt gewandt wurde. Sie werden lange Freude damit haben.

Bei normalem Gebrauch und sachgemäßer Behandlung gehen keine gesundheitlichen Gefahren von dem Produkt aus. Sollte aus Versehen ein Exemplar auf den Boden fallen oder aus anderen Gründen zerbrechen, bitten wir Sie, unbedingt die folgenden Hinweise zu beachten:

• Bitten Sie alle Personen außer Ihnen, umgehend den Raum zu verlassen und ihn auf keinen Fall wieder zu betreten; dasselbe gilt für Haustiere

• Öffnen Sie sämtliche Fenster weit und verlassen Sie danach ebenfalls den Raum; versuchen Sie dabei, möglichst wenig und möglichst flach und nur durch die Nase zu atmen; schalten Sie alle Heizungen, Klimaanlagen und sonstige Wärmequellen aus; sofern vorhanden, halten Sie sich ein Taschentuch o.ä. vor die Nase

• Warten Sie mindestens 15 Minuten, bevor Sie den Raum wieder betreten und lassen Sie während der folgenden Aufräumarbeiten die Fenster weit geöffnet

• Für das Entfernen der Reste eignet sich ein Pappkarton, der anschließend ebenfalls entsorgt werden kann; Bruchstücke, die im Teppich hängen, sollten mit einem Klebeband aufgenommen werden; keinesfalls den Staubsauger benutzen

• Sammeln Sie die Überreste in einem verschließbaren Behältnis (Schraubglas o.ä.) und bringen Sie dieses umgehend zu einer Sondermüll-Deponie«

Undenkbar, sagen Sie – ein solches Produkt dürfte bei uns nie in den Handel kommen? Da haben Sie recht, zumindest im Grundsatz. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Das Produkt, von dem die Rede ist, findet sich zig-millionenfach in deutschen Haushalten. Es handelt sich um die Kompakt-Leuchtstofflampe, umgangssprachlich auch einfach Energiesparlampe genannt. Und die obigen Warnhinweise entsprechen denen, die das Umweltbundesamt veröffentlichte, nachdem man Energiesparlampen von europäischen(!) Markenherstellern einem Test unterzogen hatte. Die Quecksilber-Konzentrationen, die dabei gemessen wurden, überstiegen den Richtwert von 0,35 Mikrogramm pro Kubikmeter um das 20-fache.

Als Konsequenz daraus fordert jetzt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) von der Bundesregierung, in Brüssel eine Aussetzung des Glühlampenverbots zu erwirken, bis risikofreie Alternativen zur Verfügung stehen. Schon jetzt sollten »Hersteller und Händler … ihren Kunden das Geld für die unsicheren Produkte zurückerstatten«.

Der Wahnsinn geht also weiter. Mal sehen, was als nächstes kommt.

Und ich überlege mir solange, wie viele Hotels oder Bürögebäude es eigentlich heute noch gibt, in denen man »die Fenster weit öffnen« kann. Für Behörden ist das weniger wichtig. Der Amtsschimmel entwickelt sich prächtig auch ohne Licht und frische Luft…
 

P.S.
Bisher dachte ich immer, der Amtsschimmel würde wiehern. Wie aber, wenn es sich bei dem Schimmel gar nicht um ein Pferd, sondern um den Pilz gleichen Namens handelte?! ;-)

17. November 2010

Das 24-Stunden-Haus

Wie kommt ein Klimaanlagen-Hersteller dazu, sich zusätzlich als Hotel­bau­meister zu versuchen – und das dann auch noch im Rekordtempo? Ich bin sicher nicht die einzige, die sich das gefragt hat. Die Antwort darauf liegt eventuell sehr nahe. Denn das Ark Hotel in Changsha ist nicht das erste Bauwerk, das die Broad corporation in eigener Regie errichtet hat. Es gibt mindestens einen Vorläufer: den Pavillon der Broad corporation für die Expo in Shanghai. Schon dort hatte das Unternehmen den Ehrgeiz, ein an ökologischen Anforderungen orientiertes Gebäude in Rekordzeit zu realisieren. Ganze 24 Stunden hat man dafür gebraucht:

Ob damals bereits die Pläne für das Ark Hotel in der Schublade lagen, oder ob man in Shanghai dafür geübt hat, ohne es zu wissen, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich könnte mir schon vorstellen, daß die Broad corporation daraus einen eigenen Geschäftszweig entwickelt. Nur an der Formensprache und architektonischen Qualität müßten die Klimaanlagen-Bauer wohl noch ein wenig arbeiten…

23. Oktober 2010

Reality Check: Ökologie

»Öko« ist gut fürs Image – so richtig was tun dafür wollen die wenigsten, noch nicht mal namhafte Designer, wie ich gestern festgestellt habe. Meinen Verdacht, beim Rest der Wirtschaft verhalte es sich nicht anders, finde ich leider soeben bestätigt: dem Deutschlandbericht 2010 des Carbon Disclosure Projects (CDP) zeigen nur neun der 200 größten deutschen Unternehmen gute Leistungen in Sachen Klimaschutz. Zwei Drittel der Unternehmen produzierten sogar mehr Treibhausgase pro Euro Umsatz als im Jahr davor; die Investitionen in Klimaschutzmaßnahmen haben sich von 2008 auf 2009 halbiert.

Ich muß gestehen: lieber hätte ich mit meiner pessimistischen Einschätzung unrecht behalten. Gäbe es nicht eine Reihe gesetzlicher Auflagen sowie Labels und Zertifizierungen, auf die auch Kunden und Konsumenten wert legen, sähe die Bilanz womöglich noch schlechter aus.

22. Oktober 2010

Viel Design, wenig Ökologie

Das aktuelle ZEITmagazin ist ein Themenheft zum Design. Im Zentrum steht ein hochinteressantes Experiment. Die Redaktion bat eine Reihe internationaler Designer – darunter keine einzige Frau, was mir nach dem vorangegangenen Beitrag besonders aufstößt –, sie bat diese Designer also, Alltagsgegenstände neu zu entwerfen, bei denen sonst eher selten namhafte Designer zu Rate gezogen werden; Marketingfachleute dafür umso öfter. Die Dinge also, die soviel zur Verschandelung unserer Lebenswelt beitragen, ohne daß uns das überhaupt noch auffällt: Wäscheständer, Naßrasierer, Wärmeflaschen, Energiesparlampen und ähnliches. Was die Designer dazu an Alternativen entwickelt haben, ist – wie nicht anders zu erwarten – mal mehr, mal weniger überzeugend.

Doch darüber wollte ich gar nicht sprechen. Sondern über das, was die Designer anschließend im Gespräch mit dem ZEITmagazin zu ihren Kreationen zu sagen hatten. Genauer gesagt: darüber, was sie nicht sagten. Keiner von ihnen erwähnte auch nur mit einem Wort ökologische Gesichtspunkte – genausowenig, wie die Werte, die damit zusammenhängen: Langlebigkeit, recycelbare Materialien, eine vernünftige Energiebilanz bei der Herstellung, Beständigkeit gegenüber der Mode etc. Und das bei einer Aufgabe, wo sie frei von äußeren Zwängen ganz ihrer eigenen Überzeugung folgen konnten. So richtig verinnerlicht, scheint es, haben die Designer das ökologische Denken noch nicht. Von einer »ökologischen Wende«, die manche gern herbeireden würden, sind wir wohl noch ein Stück entfernt – um es vorsichtig auszudrücken.

Und wenn sogar die Designer der Ökologie so geringe Priorität beimessen – was sollen wir dann von all den großen Sprüchen halten, mit denen Unternehmen oder Politiker ihre ökologische Verantwortung beschwören? Wir leben vielleicht nicht in einer Zeit der Ökologie, sondern der ökologischen Lippenbekenntnisse…

11. Oktober 2010

Blue Hotel Award an das Hotel Stadthalle in Wien

Irgendwas vergißt man immer. Was ich bei meinem Bericht von der EXPO REAL in München zu erwähnen versäumt habe, ist ein neuer Preis, der heuer zum ersten Mal vergeben wurde. Der »Blue Hotel Award« soll europäische Hotels auszeichnen, die Maßstäbe in Sachen Nachhaltigkeit gesetzt haben – sowohl architektonisch, als auch im Hinblick auf die Betriebsführung. Die Bewertung orientiert sich an drei übergeordneten Kriterien:

– Ökologie (Einsatz von Umwelttechnik und Reduzierung des Verbrauchs von Ressourcen, Einsatz von lokalen Ressourcen)

– Ökonomie (Senkung der Betriebskosten und Einsatz von innovativen Technologien)

– Soziale Verantwortung (Erhaltung bzw. Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Mitarbeiterförderung und Mitarbeitermotivation)

Als weltweit erstes Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz ist das Hotel Stadthalle in Wien sicher ein würdiger erster Preisträger für die neue Auszeichnung. Ich habe schon vor mehr als einem Jahr über dieses Wiener Drei-Sterne-Haus berichtet, und bin in der Folge mehrfach darauf zurückgekommen. Dabei ist es nicht allein die technische Leistung, die mir imponiert, sondern die Entschlossenheit und Tatkraft, mit der hier jemand ein ganz persönliches Ziel verwirklicht. Wenn ich Eigensinn dazu sage, dann ist das als Kompliment gemeint. Da ist kein Schielen auf den Trend im Spiel, auch keine Spekulation darauf, mit einer modischen Umweltzertifizierung den eigenen Marktwert zu steigern. Manuela Reitterer, die Inhaberin des Hotels Stadthalle, hat getan, was ihr gut und richtig schien. Punkt.

Mit Öko-Fanatismus hat das freilich nichts zu tun. Gut und richtig meint immer auch: gut und richtig für die Gäste. Denen mutet Frau Reitterer keinen Verzicht zu, ohne etwas Besseres an die Stelle zu setzen.  weiterlesen…

7. Oktober 2010

Öko? Ruhe, bitte.

Diese Meldung hat scheinbar gar keinen Bezug zur Hotellerie – in Wirklichkeit aber mehr, als uns lieb sein kann. Es geht um um die amerikanische Firma Frito-Lay, eine Tochter von PepsiCo. Die hatte mit hohem Entwicklungs­auf­wand für ihre beliebten, am Markt höchst erfolgreichen SunChips eine neue, biologisch abbaubare Verpackung entwickelt. Auch in die nötigen Maschinen und die Umstellung der Produktion investierte das Unternehmen erhebliche Summen, bevor es die Innovation der Öffentlichkeit vorstellte. Das Medien-Echo war groß; das Publikum applaudierte. Ein voller Erfolg, wie es schien. Dann meldeten sich erste kritische Stimmen: die neue Verpackung sei irgendwie lauter als die alte. Nörgeln ist ansteckend und schärft das Gehör. Bald fühlten sich auch andere durch das besondere Rascheln der Öko-Tütchen gestört. Aus den kritischen Stimmen wurde ein Sturm der Entrüstung, begleitet von Umsatz-Rückgängen im zweistelligen Prozentbereich.

Es kam, wie es kommen mußte: Frito-Lay ersetzte bei fünf der sechs SunChips-Geschmacksrichtungen die neue Packung wieder durch die alte. Man bleibe aber dem Leitbild der Nachhaltigkeit verpflichtet: die sechste Packung solle dazu dienen, die Reaktion der Käufer auf in Entwicklung befindliche, optimierte Versionen der Öko-Folie zu testen.

So weit, so vorhersehbar. Ökonomische Argumente sind allemal stärker als ökologische. Gegen den Markt hat die Ökologie keine Chance. Aber der Markt existiert nicht für sich – er besteht aus lauter einzelnen Menschen. Und hier stellen sich die interessanteren Fragen. Sind all die ökologischen Glaubenssätze nur Lippenbekenntnisse – liegt den Menschen in Wahrheit gar nicht so viel an der Umwelt? Diese Schlußfolgerung, denke ich, wäre voreilig. Das Problem liegt anderswo:  weiterlesen…

17. September 2010

Grüner Wegwerf-Luxus

Über Tyler Brûlés jüngste Philippika gegen die Öko-Lüge in der Hotellerie und die Doppelmoral selbst respektabler Häuser, die es fertigbringen, ohne rot zu werden noch die kurzlebigsten Investitionen mit hehren Bekenntnissen zur Nachhaltigkeit zu verbinden, habe ich ausführlich berichtet.

Nun ist diese, ursprünglich in der Financial Times publizierte Polemik bei Merian auch auf deutsch erschienen und online verfügbar. Falls Sie bisher noch nicht zum Lesen gekommen sind, nutze ich die Gelegenheit, Ihnen den Artikel ein weiteres Mal ans Herz zu legen. Ich bin sicher, er spricht vielen der etwas anspruchsvolleren Hotelgäste aus der Seele. Warum orientieren sich Hoteliers und Hotelbetreiber eigentlich so oft an den anderen, die mit jedem Euro geizen?

15. September 2010

Writers’ Corner

»Es braucht ein grundlegend anderes Konzept eines technischen Nährstoffmanagements. Wir können alles neu erfinden. Das ist das Tolle dabei. Intelligente Verschwendung ist das Ziel. […] Schauen Sie sich die Bäume im Frühling an. Die sind nicht effizient. Die sparen nicht, die verzichten nicht, die vermeiden nicht. Aber sie produzieren alle Dinge so, dass sie für andere Lebewesen förderlich sind. Statt die Natur zu romantisieren, sollten wir uns an ihr ein Beispiel nehmen.«

Michael Braungart
(aus dem Interview, auf das ich Sie am Ende dieses Beitrags hingewiesen hatte)

14. September 2010

Die Doppelmoral von Öko-Hotels

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, mag sich Tyler Brûlé gedacht haben, als er in seiner aktuellen Financial-Times-Kolumne gegen die grassierende Öko-Selbstbeweihräucherung von Hotels und Hotelketten vom Leder zog. Das sind massive Säbelhiebe anstelle der subtilen Florett-Stöße, die seine Leser von ihm gewohnt sind. Hohn und Spott statt Ironie und feiner Spitzen. Da ist ihm wohl wirklich die Hutschnur geplatzt, und ich kann ihn gut verstehen – mehr noch: ich könnte fast jeden seiner Sätze unterschreiben.

Gleich zu Beginn bescheinigt Brûlé den Öko-Aposteln der Branche, völlig auf dem Holzweg zu sein und das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen:

»I spend almost two-thirds of my year in hotel rooms and am confronted by an ever-puzzling picture. Both large global hotel groups and small-scale boutique operators say they want to create a more environmentally harmonious stay for their guests – but they seem to be going about it completely the wrong way.«

Und wie sieht dieser »completely … wrong way« in der Praxis aus? Tyler Brûlé zitiert den Brief eines Hoteldirektors, der wissen wollte, was er, Tyler Brûlé, davon halte, die Bettwäsche nur alle paar Tage statt täglich zu wechseln, und ob er sich für oder gegen eine Mehrfachbenutzung von Handtüchern ausspreche. Immerhin wäre das Wort eines Tyler Brûlé in dieser Frage von einigem Gewicht, gilt der Kanadier doch als nahezu unfehlbare Instanz in Sachen Trends und zeitgemäßen Lebensstil. Allerdings haben sich viele Hotels auch ohne solche höheren Weihen längst auf den Öko-Pfad begeben und bitten ihre Gäste seit Jahren, der Umwelt zuliebe beispielsweise die Handtücher mehrfach zu verwenden. Frei nach dem Motto: für die Umwelt ist uns kein Aufwand zu hoch – und wenn unsere Gäste des besseren ökologischen Gewissens wegen sogar bereit sind, für weniger Leistung auch noch mehr zu bezahlen (jedenfalls aber nicht weniger) – umso besser.

Zurück zum Brief des Hoteldirektors, der sich vonseiten Tyler Brûlés offensichtlich gar nichts anderes vorstellen konnte als höchstes Lob für sein vorbildliches ökologisches Engagement. Der aber denkt gar nicht dran:  weiterlesen…