Einträge zum Thema «Öffentlichkeit»

31. Juli 2012

Höhere Preise? Aber gerne.

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Mac-Nutzer zahlen mehr fürs Hotelzimmer, wenn sie online buchen, hieß es vor ein paar Wochen. Das klang natürlich sensationell skandalös und schaffte es schnell in die Schlagzeilen. »Apple-Nutzer zahlen drauf«, titelte Bild. Das ist zwar richtig, aber trotzdem falsch. Oder jedenfalls mißverständlich. Ungesagt bleibt da nämlich: Apple-Nutzer tun das gern. Sie fühlen sich dabei gar nicht über den Tisch gezogen. Und sie werden auch nicht über den Tisch gezogen.

Das Online-Reiseportal Orbitz (um dessen Geschäftspraktiken es ging) hat das auch gleich klargestellt: Mac-Nutzer geben von vornherein 30 Prozent mehr pro Nacht für ein Zimmer aus als andere. Das läßt sich einer Analyse von Orbitz’ Kundendaten leicht entnehmen. Auch ist die Wahr­schein­lich­keit wesentlich höher, daß sie sich für ein Vier- oder Fünf-Sterne-Hotel entscheiden. Daraus hat Orbitz die naheliegende Konsequenz gezogen und präsentiert den Mac-Kunden in seinen Empfehlungen hochwertigere und entsprechend teurere Angebote als »ordinären PClern«. Die Apple-Nutzer wissen das ebenso zu schätzen wie Amazon-Kunden Buchempfehlungen, die auf erstaunlich genaue Weise ihren Geschmack treffen. Und um nichts anderes handelt es sich bei dem angeblichen Skandal. Keiner verlangt unterschiedliche Preise für unterschiedliche Zimmer. Der Shitstorm auf Twitter verebbte folglich ziemlich rasch, und auch die Medien verfolgten das Thema nicht weiter.

Mir gibt an der Geschichte was anderes zu denken. Ist es nicht erstaunlich, daß sich Apple einen – immer noch wachsenden – Kundenstamm herangezogen hat, der bereit ist, auch auf anderen Gebieten für höhere Qualität mehr Geld auszugeben (was bei Apple selbst im übrigen gar nicht mehr unbedingt nötig ist)? Das straft alle Lügen, die darüber jammern, die Geiz-ist-geil-Mentalität nehme überhand und den Schnäppchenjägern gehöre die Zukunft. Auch der gegenteilige Markt hat Wachstumspotential. Orbitz hat das verstanden und vermittelt den richtigen Hotels die richtigen Gäste.

Nur die Hotels selbst, könnte man meinen, haben das immer noch nicht kapiert. Wie kommt es sonst, daß selbst Luxushotels über den Preis werben und sich gegenseitig mit Schnäppchen und Sonderkonditionen unterbieten? Kaum einer geht den umgekehrten Weg und adressiert bewußt den Markt, den Apple und Orbitz (und natürlich noch ein paar andere) ihm auf dem silbernen Tablett präsentieren. Es ist schon deprimierend, wenn ich stattdessen in USA Today lesen muß, in Berlin gebe es in Nobelhotels weltweit mit die niedrigsten Zimmerpreise. Da sind die auch noch stolz drauf, so sehr sie gleichzeitig lamentieren. Daß der Tourismus insgesamt ob seiner Niedriglöhne und schlechten Arbeitsbedingungen im Kreuzfeuer der Kritik steht, nimmt da schon gar nicht mehr Wunder.

Dabei wäre es eigentlich nur eine Sache des gesunden Menschenverstands, vom Stilgefühl nicht zu reden: wenn Gäste für anspruchsvolle Hotels optieren, dann sollten diese Hotels zeigen, daß sie auf solche Gäste Wert legen und sie wertschätzen. Dann sollten sie denselben Anspruch kommunizieren. Aber wo sind die Hotels, die das einlösen? Wo sind Hotelwebsites, die sich in Klasse und gestalterischer Raffinesse mit der Welt von Apple messen könnten?

Das alles – ich schaue grade in den Spiegel – gilt nicht nur für Hotels, sondern auch für die Websites beispielsweise von Architektur- und Innenarchitekturbüros. Wenn ich mir Partner und Auftraggeber wünsche, die mehr erwarten als der Durchschnitt, dann muß ich ihnen auch mehr bieten. Gerade diese potentiellen Kooperationspartner haben ja in der Regel ein feines Gespür für Qualität. Wenn ich über Erfahrung, Kompetenz, Ästhetik, gestalterische Leidenschaft und Weltoffenheit nur rede, statt sie in jedem Detail meiner Website unter Beweis zu stellen, dann werden gerade die sich nicht angesprochen fühlen, die ich ansprechen möchte.

Wer stattdessen auf die sattsam bekannten Worthülsen und Leerformeln setzt, diese mit seelenloser Grafik von der Stange dekoriert, zu allem Überfluß vielleicht noch seine Besucher mit Flash-Animationen, nichtssagenden Fotos oder klippschülerhaften Zeichnungen malträtiert, der wird die Resonanz bekommen, die er verdient. An der allgemeinen Niveaulosigkeit, über die er sich dann gern beklagt, hat er selbst seinen Anteil.

Aber von wirklich zielführendem Marketing verstehen die meisten wohl wenig.

20. Juli 2012

Google+ Local

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Daß Google im Tourismus und als unverzichtbarer Partner der Hotellerie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden will, zeichnet sich seit einiger Zeit ab. Google Places war eine der Komponenten in dieser Strategie, hat sich aber wohl gegen Foursquare & Co. nicht ganz so erfolgreich durchgesetzt, wie sich die Google-Verantwortlichen das gewünscht hatten. Darum hat man den Dienst überarbeitet und voll in Google+ integriert. Auch der Name hat sich geändert: aus Google Places wurde Google+ Local. Was daran für Hotels interessant ist und Hoteliers beachten sollten, hat ReviewPro kurz zusammengefaßt. (Eine etwas gründlichere Analyse hätte ich mir freilich schon gewünscht.)

5. Mai 2012

Hotel und Öffentlichkeit

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Wie der Zufall, der bei uns Serendipity heißt, so spielt: gerade habe ich mir anläßlich der »72 Hours Urban Action Stuttgart 21« Gedanken über die Gestaltung des öffentlichen Raums gemacht, da lese ich im aktuellen SZ Magazin die Kolumne »Hotel Europa«, die diese Woche dem »Straf« in Mailand gewidmet ist und dabei die enge Symbiose zwischen Hotel und städtischer Öffentlichkeit hervorhebt:

»Das ›Straf‹ ist eines dieser Hotels, das Lebensfreude anzieht und ausstrahlt: Die Hotelbar quillt schon am Nachmittag über, und spätestens bei Sonnenuntergang ist die ganze Straße, in der das ›Straf‹ liegt, voll mit Menschen, die auf dem Bordstein vor dem Hotel Aperol Sprizz zuzeln. Der DJ verausgabt sich in der zur Straße hin offenen Bar, die Frauen zeigen, was die Stadt modisch herzugeben hat, und die Rosenverkäufer strecken einem im Minutentakt die Sträuße ins Gesicht.«

Gut, das »Straf« ist sicher einmalig in der Art, wie es die Design- und Modemetropole Mailand repräsentiert. Aber genauso einmalig sind viele andere Hotels in ihrer Art: der Bayerische Hof in München mit seinem Nightclub und dem »angeschlossenen« Theater; oder das Steigenberger Grandhotel Handelshof in Leipzig mit seiner inneren Nähe zum Gewandhaus und überhaupt zum musikalischen und kulturellen Leben der Stadt – um zwei geographisch näherliegende Beispiele zu nehmen. Der Resonanzraum zwischen Hotel und Stadt ist jedesmal ein anderer, und ihn zum Klingen zu bringen und mit Leben zu füllen ist Teil jener Aufgabe, die ich als Bekenntnis des Hotels zu seinem Standort bezeichne, und der ich nicht ohne Grund zentrale Bedeutung beimesse.

Um als Hoteldesigner zur Gestaltung dieses Resonanzraums beizutragen, genügt es nicht, die aktuellen Trends zu kennen und ein vorgegebenes Briefing abzuarbeiten. Man muß sich intensiv mit Geschichte und Gegenwart eines Hauses und seiner Rolle im städtischen Leben beschäftigen. Nicht jeder Auftraggeber – auch das muß gesagt sein – hat daran Interesse; diese Art »Grundlagenforschung« kostet Zeit, und Zeit ist bekanntlich Geld. Aber – und das ist die andere Seite – sie lohnt sich auch. Bestenfalls bedeutet sie den Unterschied zwischen einer Lösung von der Stange mit begrenztem Neuigkeitswert – und einem Ort, dessen Name zum Begriff wird.

5. Mai 2012

Nicht schon wieder:
Stuttgart 21. Aber anders…

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»72 Hour Urban Action« bezeichnet sich selbst als »the world’s first real-time architecture competition«. Premiere feierte die Initiative 2010 in Bat Yam; zwei Jahre später ist jetzt Stuttgart an der Reihe. Es geht dabei um Interventionen im öffentlichen Raum, die auf lokale Gegebenheiten und Bedürfnisse antworten und nach Möglichkeit über den Tag hinaus Bestand haben und wirken sollen. Zehn internationale Teams werden miteinander um die besten Ideen und Lösungen wetteifern, und sie haben genau drei Tage und drei Nächte Zeit, sie in die Wirklichkeit umzusetzen.

Nicht zufällig hat man sich Stuttgart als Austragungsort des zweiten Wettbewerbs dieser Art ausgesucht. Auch wenn die deutsche Öffentlichkeit es mittlerweile eher als Kriegsschauplatz kennt, ist Stuttgart 21 doch auch das größte innerstädtische Entwicklungsprojekt Europas. Ich finde es erfrischend, darin zur Abwechslung mal eine konstruktive Her­aus­forde­rung zu sehen – und sie anzunehmen. Die Pro- und Contra-Argumente kennen wir mittlerweile ja schon auswendig. Dazu kommt aus meiner persönlichen Warte, daß ich die Gestaltung des öffentlichen Raums ohnehin als eine der zentralen und oft zu gering bewerteten gesell­schafts­po­li­ti­schen Aufgaben der Zukunft betrachte. Es ist eine Aufgabe, die wie wenige andere einen engen Schulterschluß von Architekten und Innen­architekten erfordert; als Hoteldesigner sind wir ständig mit ihr kon­fron­tiert. Wer aber meint, den öffentlichen Raum des Hotels gestalten zu können, ohne sich um Trends und Entwicklungen in anderen Bereichen zu kümmern, hat das Wichtigste nicht verstanden: daß öffentliche Räume nur im Austausch miteinander existieren und sich entwicklen können. In jedem öffentlichen Raum, der diesen Namen verdient, ist die Resonanz und die Interferenz mit anderen öffentlichen Räumen zu spüren.

Und wenn ein solches Event in Stuttgart, also sozusagen vor der eigenen Haustür stattfindet – na ja, da ist dann die Neugier umso größer. Wenn es irgend geht, werde ich deshalb im Juli vor Ort mit dabei sein, um zu sehen, was die Teams auf die Beine stellen. Für alle, die’s mir gleichtun wollen – hier die Daten von der offiziellen Website: »Take Off July 11th 2012 | Landing and Awards July 14th 2012«. Und wer es mit dem Dabeisein nicht bewenden lassen und selbst mitmachen will: die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 26. Mai…

Eigentlich komisch bei dem ganzen Medienrummel um Stuttgart 21, daß ich von dieser Initiative in der deutschen Presse bislang noch nichts gelesen habe. Zum Ausgleich zeige ich Ihnen abschließend noch das gut gemachte Ankündigungsvideo zur »72 Hours Urban Action Stuttgart 21«:

3. April 2012

Medien-Echo:
Best Western Premier Hotel Villa Stokkum

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Hottelling hat einen ausführlichen, sachlichen und informativen Bericht über dieses Projekt veröffentlicht, das uns schon sehr lange beschäftigt. Die eigentlichen Bauarbeiten für das ehrgeizige neue Veranstaltungszentrum beginnen allerdings erst im Juli, und aus diesem Grund finde ich den Artikel in Hotelling gleich doppelt bemerkenswert. Es geschieht leider viel zu selten, daß bereits im Vorfeld so detailliert über geplante Hotelprojekte berichtet wird. Aber das Beispiel sollte Schule machen. Die Öffentlichkeit in den Entstehungsprozeß solcher Projekte einzubeziehen, steigert zum einen das Interesse und leistet zum anderen vielleicht einen Beitrag, die brachliegende öffentliche Diskussion über architektonische Fragen anzuregen.

Für mich hat sich bei diesem Projekt ein weiteres Mal bestätigt, daß wir mit der Gründung von RMDS die richtige Idee zur richtigen Zeit hatten. Je komplexer die Anforderungen – in ökologischer, stadtplanerischer, denkmalpflegerischer und technischer Hinsicht –, desto stärker macht es sich bezahlt, wenn Hochbau-, Stadt- und Landschaftsplaner, Innenarchitekten und Haustechniker von Anfang an gemeinsam und in intensivem Dialog miteinander an einem Projekt arbeiten. Auf manche Lösungen wären wir ohne diesen ständigen Austausch wohl gar nicht gekommen. Darüber hinaus geht im Team fast alles schneller und mit geringerem Aufwand. So genau kann man im Vorhinein die Schnittstellen und jeweiligen Verantwortungsbereiche gar nicht definieren, daß nicht Reibungsverluste und überflüssige Kosten entstünden (überflüssig allerdings erst dann, wenn es eine bessere Alternative gibt, die sie vermeidet). Wenn ich sage, »es macht sich bezahlt«, meine ich also durchaus auch Kostenvorteile für den Auftraggeber – von dem Vorteil, für alle Aufgaben und Projektphasen einen einzigen Ansprechpartner zu haben, gar nicht zu reden.

Aber ich will uns hier um Himmels willen nicht selbst über den grünen Klee loben; da ist einfach einiges der Freude darüber geschuldet, mit einem neuen und unerprobten Konzept auf dem richtigen Weg zu sein. Genauso wichtig für das Ergebnis ist freilich das Gegenüber – der Auftraggeber, bei dem es sich in diesem Fall um eine Auftraggeberin handelte. Und auch in dieser Hinsicht habe habe ich die Villa Stokkum als Glücksfall erlebt. Gabriele Christ, seit nahezu 20 Jahren Eigentümerin der ehemaligen Adelsresidenz, ist nicht nur Hoteliersfrau aus Leidenschaft, sie liebt vor allem dieses besondere Haus. Ihr ganzes Denken ist darauf gerichtet, seine historische Substanz zu erhalten oder zu neuem Leben zu erwecken, und ihm gleichzeitig eine Zukunft zu geben, die über die Gegenwart hinaus Bestand hat. Mit diesem doppelten Anspruch hat sie uns mehr als einmal vor schwierige Aufgaben gestellt – und zu mehr als zufriedenstellenden Lösungen angestachelt. Dafür an dieser Stelle ein öffentliches Dankeschön.

Und in diesem Sinne möchte ich abschließend auch das vorangegangene Eigenlob relativieren und ohne jede Koketterie feststellen: wir sind nie besser als unsere Auftraggeber – und immer nur so gut, wie sie es zulassen.

30. März 2012

So schreibt man Geschichte:
Das Swatch Art Peace Hotel in Shanghai

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Es braucht wohl immer wieder Branchenfremde* wie Nick Hayek, um in der Hotellerie neue Akzente zu setzen. Als Hotelier jedenfalls hat sich der Sohn des Schweizer Paradeunternehmers Nicolas Hayek (bekannt vor allem als »Erfinder« der Swatch und des Smart) bisher keinen Namen gemacht. Zunächst schien er überhaupt aus der Art zu schlagen. Statt in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, arbeitete er in einer Gießerei, studierte anschließend auf der Filmakademie in Paris, betätigte sich in der Folge als Filmproduzent und Regisseur und feierte mit Filmen wie »Family Express« (1992, mit Peter Fonda) auch international Erfolge.

Letztlich aber diente dieser Lebensabschnitt wohl vor allem dem Sammeln von Erfahrungen und der Erweiterung des Horizonts. 1994 kehrte er in die Schweiz und ins väterliche Unternehmen zurück, wo er schnell zum Vizepräsidenten der Swatch Group und Marketingleiter der Swatch AG avancierte. Seit 2003 steht er als CEO an der Spitze der Unternehmensgruppe.

Vielleicht drängt es ihn nun, ein weiteres Mal zu beweisen, daß er seinen Aufstieg nicht nur seinem Namen und der Protektion seines 2010 verstorbenen Vaters verdankt. Das habe ich gedacht, als ich jetzt diese Geschichte gelesen habe. Auf der Suche nach einem Standort für den geplanten Swatch-Showroom in Shanghai stieß Hayek auf ein Gebäude von ganz besonderer Ausstrahlung: das ehemalige Palace-Hotel, fertiggestellt im Jahr 1908, als Shanghai als »Hure des Ostens« und Stadt der Opiumhöhlen einen eher schillernden Ruf genoß, der sicher mit zur Faszination der Handelsmetropole beitrug. Damals und auch noch in den Jahrzehnten danach war das Hotel eins der prachtvollsten Häuser der Stadt. Ein Jahr nach der Eröffnung trat hier die Opiumkommission zusammen und einigte sich auf eine weltweite Ächtung des Drogenhandels; etwas später feierte der Mao-Widersacher Chiang Kai-Shek im Palace-Hotel seine Verlobung. Seit 1949 hieß das Haus dann Peace-Hotel – mit Palästen hatten die Kommunisten wenig am Hut –, und der alte Glanz begann zu verblassen.

Ein ideales Umfeld für die Produkte der Marke Swatch, fand Nick Hayek. Fast zu schade, nur als Showroom zu dienen. Kurzerhand kaufte er das ganze Gebäude, ließ sich von der Aura des Orts inspirieren und beschloß, der Geschichte des Hauses ein neues Kapitel hinzuzufügen. So entstand das »Swatch Art Peace Hotel«. Das ist, wie es sich für ein neues Kapitel gehört, nicht einfach eine Rückkehr zu den Ursprüngen, eine Erneuerung des früheren Glanzes mit den Mitteln und Möglichkeiten von heute, sondern ein Hotel ganz eigener Art. Konservativere Gemüter werden vielleicht sagen, eigentlich sei es gar kein Hotel, sondern eine Künstlerkolonie. Das stimmt natürlich auch: nur der vierte Stock dient als Luxushotel für »normale«, freilich auch zahlungskräftige Gäste. Der zweite und der dritte Stock dagegen ist den Künstlern vorbehalten, die hier nach dem Willen Hayeks ideale Bedingungen zum Arbeiten vorfinden sollen: großzügige, allerdings bewußt einfach gestaltete Zimmer und reichhaltig ausgestattete Ateliers. Natürlich genießen die Künstler dabei alle Annehmlichkeiten eines Hotels; keiner muß sich um das Frühstück kümmern, die Betten machen oder die Bäder sauberhalten. weiterlesen…

23. März 2012

Architektur & Design: ein Festival

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

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Die interessanten Dinge passieren überall auf der Welt, nur nicht da wo man selber zuhause ist oder sich gerade aufhält. Das scheint ein Naturgesetz zu sein, deshalb will ich mich gar nicht groß drüber beschweren. Schön wäre es dennoch, wenn dieses Beispiel Nachahmer fände: in Chicago findet vom 12. bis zum 16. April – also ganze fünf Tage lang – ein Filmfestival statt, das ausschließlich dem Thema Architektur & Design gewidmet ist. Zu den sehenswerten Filmen gibt es ein ebenso interessantes Rahmenprogramm. Filmemacher, Architekten, Designer, Wissenschaftler, Publizisten und andere Beteiligte werden in Podiumsdiskussionen aktuelle – oder auch zeitlos relevante – Fragen erörtern. Einzelheiten zum Programm sind auf der Website des Veranstalters zu finden.

Nein, ich werde deshalb nicht eigens nach Chicago fliegen. Stattdessen wiederhole ich meine Anregung: was in Amerika möglich ist, sollte doch auch bei uns funktionieren. Sowohl die Architektur als auch das Design könnten von etwas mehr Öffentlichkeit und Bürgernähe nur profitieren.

13. März 2012

David Rockwell über Innenarchitektur:
Raum und Bewegung

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

David Rockwell gehört zu den interessantesten und anregendsten Innenarchitekten und Hoteldesignern der letzten Jahre. Das hängt sicher damit zusammen, daß er sich in seiner Arbeit nie auf Hotels oder Restaurants beschränkte, sondern sich mit derselben Leidenschaft – und mit Erfolg – scheinbar ganz anderen, in Wirklichkeit aber doch verwandten Herausforderungen stellte. Im folgenden Video spricht er u.a. über die Bedeutung, die der Beruf seiner Mutter – sie war eine bekannte Tänzerin – für seine Auffassung von Raum und Architektur hatte. Dieser biographische Bezug wundert mich nicht. Ich denke schon lange, daß der statische Begriff des Raums erst durch die dynamischen Komponenten von Bewegung und Zeit zur Erfahrung und zum Erleben wird. Wahrscheinlich könnten Choreographen und Innenarchitekten mehr voneinander lernen als den meisten unter ihnen bewußt ist. Darüber gäbe es eine Menge zu sagen – jetzt lasse ich aber erst einmal David Rockwell zu Wort kommen. Schauplatz des Interviews ist das Elinor Bunin Monroe Film Center in New York, eins von David Rockwells letzten Projekten.


[Kudos: ArchDaily]

7. März 2012

Markus-Diedenhofen auf der ITB

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Für alle, die keine Gelegenheit haben, an der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB) teilzunehmen, die X-Perts-Lounge von Hospitality Inside zu besuchen und dort persönlich mit uns ins Gespräch zu kommen – hier das einminütige Video, womit wir uns in diesem Rahmen vorstellen dürfen; am besten anzusehen im Fullscreen-Modus und, sofern Sie über einen schnellen Internetanschluß verfügen, in der HD-Auflösung von 720 p.:

Es war, das nur nebenbei, gar nicht so einfach, in dieser kurzen Zeit einen halbwegs authentischen und repräsentativen Eindruck unserer Arbeit zu vermitteln; für das Raumerleben, um das es dabei geht, spielt eben auch der Zeitfaktor eine wichtige Rolle (und uns standen, da die ersten und letzten fünf Sekunden des Endlosvideos für das Logo reserviert waren, in Wirklichkeit nur 50 Sekunden für die eigentliche Präsentation zur Verfügung).

22. Februar 2012

Einfach nur Glück gehabt?

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Kürzlich hat die New York Times ein ausführliches Porträt Sheryl Sandbergs veröffentlicht. Das ist sicher hochverdient; wenige Frauen haben es in der Wirtschaft weiter gebracht – sogar in Amerika; nach Deutschland darf man in diesem Zusammenhang gar nicht erst schauen. Als COO hat Sandberg nach dem Urteil namhafter Experten mindestens ebensoviel, wenn nicht mehr zum kometenhaften Aufstieg und Erfolg von Facebook beigetragen wie Mark Zuckerberg. Für viele junge Frauen wurde sie damit zum Vorbild, und das ist eine Rolle, die sie gern annimmt. Immer wieder ermutigt sie in Reden und Vorträgen ihre Geschlechtsgenossinnen, mehr Selbstbewußtsein zu entwickeln und offensiver den Erfolg zu suchen.

Natürlich weiß sie, daß zum Erfolg stets auch ein Quentchen Glück gehört, und daß Frauen es immer noch wesentlich schwerer haben, ganz nach oben zu kommen. Umso befremdlicher ist dann die folgende Passage im New-York-Times-Artikel, über die auch Rebecca Rosen von The Atlantic gestolpert ist:

»Some say her aim-high message is a bit out of tune. Everyone agrees she is wickedly smart. But she has also been lucky, and has had powerful mentors along the way.«

Da ist die zentrale Aussage, Sandberg sei »wickedly smart«, eingerahmt von zwei mehr als fragwürdigen Einschränkungen. Zum einen habe ihr Appell an junge Frauen, mehr Ehrgeiz zu entwickeln, einen falschen Zungenschlag. Und das liege, zweitens, daran, daß sie selbst eben einfach Glück gehabt und einflußreiche Förderer gefunden habe. Natürlich ist das eine Unverschämtheit, und sie wird dadurch nicht besser, daß die Autorinnen(!) Nicole Perlroth und Claire Cain Miller sich hinter anonymen Quellen verstecken: »Some say…«

Doch darauf will ich gar nicht den Finger legen. Es lohnt sich nicht (und entspricht auch nicht meiner Art), auf derlei Diskriminierungen jedesmal mit Empörung zu reagieren. Eine andere Pointe scheint mir interessanter. Denn was hier durchschlägt – und Sheryl Sandberg wird in ihren Vorträgen nicht müde, darauf hinzuweisen –, ist ja nicht nur ein männliches Vorurteil, sondern eine verbreitete weibliche Grundhaltung. Männer erklären sich und anderen ihren Erfolg damit, wie gut sie seien; Frauen betonen gern, sie hätten eben Glück gehabt. Man kann lange darüber diskutieren, ob das eine Art von Schutzhaltung ist, mit der die Frauen gleichsam vorbeugend allen Angriffen, dem Neid und der Eifersucht, den Wind aus den Segeln nehmen wollen. Sicher ist: diese Haltung ist kontraproduktiv; die Frauen schaden sich selbst damit. Mach dich nicht kleiner als du bist, wenn du Erfolg haben willst, sagt Shery Sandberg wieder und wieder.

Darüber lohnt es sich nachzudenken. Wir sind ja, mit mir an der Spitze, ein sehr stark weiblich geprägtes Büro – und ich neige dazu, das für eine Stärke eher als eine Schwäche zu halten, gerade im Bereich der Innen­archi­tektur und des Hotel­designs. Aber kommunizieren wir diese Stärke als solche auch nach außen? Kommunizieren wir überhaupt unsere Stärken angemessen nach außen? Leider muß ich die Frage verneinen. Das Bild, das wir der Öffent­lichkeit von uns vermitteln, entspricht bei weitem nicht dem Rang und der Qualität unserer Arbeit. Wir machen uns kleiner als wir sind. Es ist längst an der Zeit, das zu ändern – vom Selbst­ver­ständnis und dem Auf­treten jedes einzelnen (weiblichen oder männlichen) Mitarbeiters bis hin zu dem, was man Corporate Design oder unternehmerisches Erscheinungsbild nennt.

Dabei ist allerdings Augenmaß angesagt. Ein gesundes Maß an Be­schei­den­heit ist nämlich, so glaube ich, nichts Schlechtes und mir persönlich sympathischer als machohaftes Auf­trumpfen und Platz­hirsch­ge­habe. Davon gibt es bereits viel zu viel, und unser Ziel kann ja nicht darin be­ste­hen, nun kurzerhand noch männlicher und un­aus­stehli­cher zu werden als die schlimmsten Vertreter dieses Geschlechts. Doch für eine Alternative dazu, einen gleichermaßen bescheidenen und selbstbewußten, ich sage jetzt einfach: weiblichen Unternehmensauftritt, gibt es bislang nur wenige Vorbilder. In vieler Hinsicht ist es Neuland, das wir hier betreten, und das ist das Faszinierende daran. Aber ich gebe mich auch keinen Illusionen hin: der Großteil des Weges liegt noch vor uns.

15. Februar 2012

Raum für Menschen

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Anfangs haben Fotobände viel zu meiner Begeisterung für Architektur beigetragen. Zahlreichen Gebäuden und Architekten, die mir später wichtig wurden und heute noch etwas bedeuten, bin ich zuerst auf den Seiten dieser Bücher begegnet. Je mehr Bauwerke und gestaltete Räume ich allerdings persönlich sah und erlebte, desto weniger hatten mir all die Prachtbände und aufwendig gestalteten Monographien zu sagen. Seit ich selber als Innenarchitektin tätig bin, hat sich meine Skepsis noch gesteigert. Über die Bücher hinaus erstreckt sie sich auch auf das Gros der Architekturzeitschriften oder Internet-Blogs.

Der Grund: sie sind so menschenleer. Sie machen die Architektur oder den Architekten zum Star, als sei das Bauwerk ein Wert an sich, das man am besten und in seiner reinsten Form auf sorgfältig komponierten Hochglanzbildern bewundert. Menschen stören da bloß. Angesichts einer solchen Haltung erstaunt es mich nicht, daß so viele der »modernen Architektur« ablehnend gegenüberstehen. Von einer besonderen Wertschätzung der Architektur zeugt diese Haltung aber nicht. Eigentlich ist sie das genaue Gegenteil. Denn das Ziel jeder Architektur besteht darin, Lebensräume zu gestalten. Wenn sie das Leben verbannen muß, um zur Geltung zu kommen, dann handelt es sich um schlechte Architektur. Die zwei wichtigsten Fragen an jede architektonische Gestaltung lauten: wie sieht der Raum aus und wie fühlt der Raum sich an, den sie den Menschen bietet, die sich darin aufhalten; und zweitens: welche Möglichkeiten eröffnet sie den Menschen, sich diesen Raum anzuverwandeln und zu eigen zu machen. Genau darauf geben all die tollen Fotobände keine Antwort.

Nach meiner Überzeugung geht es in ihnen auch mehr um die Fotografie als um die Architektur. Mit der Wirklichkeit haben sie nichts zu tun. In Wirklichkeit sind menschleere Gebäude nämlich ein Alptraum, und menschenleere Hotels ganz besonders. Sie gehören in den Gruselfilm oder in den Psychothriller. Ein Hoteldesigner, der nicht das Erleben der Gäste und des Personals ins Zentrum seiner gestalterischen Überlegungen stellt, hat seinen Beruf verfehlt. Und die Hotels selbst wären gut beraten, auch das Bild, das sie nach außen vermitteln – in Anzeigen, Prospekten oder im Internetauftritt – authentisch mit Leben zu füllen. Daran fehlt es fast durchgängig; mit ein paar glücklich lächelnden, mittels Photoshop zusätzlich »geschönten« Statisten ist es jedenfalls nicht getan.

Aber bleiben wir erst noch bei den Architekten. Warum zeigen sie ihre Werke auf eine derart museale Weise? Meine These: es liegt gar nicht an ihnen, oder nicht an ihnen allein. Mindestens ebenso verantwortlich sind die Fachwelt, die Bücher- und Zeitschriftenmacher, das Feuilleton. Dahinter steht eine Ideologie, die in die Jahre gekommen und längst nicht mehr zeitgemäß ist. Immer mehr Architekten und Innenarchitekten suchen nach Alternativen, sonst hätte der niederländische Fotograf Iwan Baan nicht so großen Erfolg. Baan opponiert seit Jahren gegen die statische und museale Tradition der Architekturfotografie. Dagegen stellt er seine Auffassung einer »erzählerischen Fotografie«, die Gebäude in Zusammenhänge einbettet und zeigt, wie Menschen den Raum nutzen. Und die Architekten reißen sich darum, ihre Bauwerke von ihm fotografieren zu lassen; die Liste seiner Auftraggeber umfaßt Namen wie Rem Koolhaas, Herzog & de Meuron, SANAA, Steven Holl, Toyo Ito, Zaha Hadid und eine Reihe anderer.

Noch eindrucksvoller aber sind die Serien, die ohne Auftrag entstanden sind. Dazu zählen etwa seine Bilder aus Brasilia und Chandigarh im Buch mit dem programmatischen Titel »Living with Modernity«. Was Baan darin dokumentiert, entspricht vermutlich nicht dem, was Le Corbusier oder Oscar Niemeyer einst vorschwebte, und wahrscheinlich wären sie teilweise entsetzt darüber, wie die einheimische Bevölkerung heute mit ihren Bauten umgeht. Gegen die Architektur spricht das nicht, im Gegenteil.

Zur Zeit und noch bis zum 3. März sind Baans Fotos aus Brasilia und Chandigarh – zusammen mit Arbeiten Jan Bitters und Hertha Hurnaus’ – in der Architekturgalerie Berlin zu sehen. Wenn Sie Gelegenheit dazu haben – die Ausstellung lohnt einen Besuch.

Und ich werde mir weiter wie schon seit Jahren den Kopf darüber zerbrechen, wie wir unsere eigene Arbeit im Sinne Baans lebendiger, authentischer und erzählerischer dokumentieren können. Gerade bei Hotels stehen dem nämlich Hindernisse entgegen, die sich schwer überwinden lassen. Eine statische Fotogalerie, wie sie im Moment noch auf unserer Website zu finden ist, kann es aber auch nicht sein. Im Zuge des Redesigns unserer Website arbeiten wir deshalb daran, dem Betrachter Innenarchitektur zusätzlich noch auf andere Weise emotional näherzubringen und erlebbar zu machen. Es gibt fast immer mehrere Wege, die zu einem Ziel führen.

In wenigen Wochen können Sie sich selbst ein Bild davon machen.

30. Januar 2012

Swiss Hotel Film Award 2011

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Schon im letzten Juli habe ich hier über den Swiss Hotel Film Award berichtet; im August wurden die Preisträger ausgezeichnet – und jetzt sind ihre Filme auch online zu sehen. Ein Musterbeispiel für die Bedächtigkeit, die viele an den Schweizern so schätzen. Doch das nur nebenbei. Eigentlich möchte ich Ihnen heute den Siegerfilm vorstellen – der ist nämlich wirklich brillant und dazu bitterböse. Sollten Sie allerdings eine aktuelle Anspielung darin zu finden meinen, liegen Sie dennoch falsch: »Monsieur du Lit« wurde gedreht, lange bevor Dominique Strauss-Kahn weltweit für Schlagzeilen sorgte.

»Dieser Award verbindet zwei total verschiedene Berufsbereiche der Schweiz: Film und Hotel. Es wäre schön wenn noch andere Schweizer Verbände auf die Idee kämen, sich mit Film zu liieren, denn lohnen tut’s sich bestimmt«, meinte der Regisseur Timo von Gunten im Anschluß an die Preisverleihung. Dem schließe ich mich an. Und es muß gar nicht unbedingt Film sein. Mode, Kunst, Musik – es gibt zahllose Möglichkeiten. Hotel profitieren ungemein davon, eine aktive Rolle im gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu übernehmen. Es steht ihnen auch gut zu Gesicht, wie ich meine.

Gedreht haben von Gunten und sein Team im Festivalhotel Schweizerhof in Luzern – und das war, von der längerfristigen Profilierung mal ganz abgesehen, schon per se eine Bereicherung für die Gäste wie für für das Hotelpersonal, so Clemens Hunziger, Direktor des Schweizerhofs:

[Kudos: Hotelier TV]

Um auch den zweiten und den dritten Platz nicht zu verschweigen – die gingen an «Salty Times» von Stefan Eichenberger und an «Home Sweet Hotel» von Alfonso Gordillo. Mit dem Publikumspreis wurde «Stille Post» von Alejandro Gasser Daza ausgezeichnet. Alle drei sind auf Hotelier TV auch online zu sehen. Das Anschauen lohnt sich, wenngleich ich mit der Jury übereinstimme, daß Timo von Gunten seinen gleichwertigen Mitbewerbern das kleine Quentchen Aberwitz und Abgründigkeit voraus hatte.

25. Januar 2012

Architektur und Poesie

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

In einer Gesprächsreihe, die den Innovatoren in der Architektur gewidmet ist, spricht Renzo Pianos über – Poesie. Und zwar nicht verschämt, als etwas, dem man neben der Technik, der Funktionalität und der formalen Qualität vielleicht auch noch Beachtung schenken könnte, sondern gewissermaßen als Gütesiegel einer Architektur, die über den Tag hinaus Bestand hat:

»When you grow up you start to understand that architecture is not only about construction but also about society, about people, culture and community. So you start complicating things and you still make it piece by piece, because this is the way you build up your experience and then of course you also understand – probably you always understood in some way – that architecture is about a sense of lightness, about expression, language and poetry.«

Da spricht der Italiener in Renzo Piano. In kaum einem anderen Land verbinden sich viele Jahrhunderte kultureller Entwicklung und Ver­fei­nerung auf dieselbe Weise mit einer ungebrochenen Boden­ständig­keit und Volks­tüm­lich­keit der Kultur. Aber wir können – und sollten – davon lernen. Dem technokratischen und häufig insiderhaften Architekturdiskurs von heute täte ein wenig Poesie ganz gut – und mehr noch als dem Diskurs der Architektur selbst. Denn Pragmatismus und Poesie, Nüchternheit und Emphase sind keine Gegensätze, sondern die zwei Pole eines Spannungsfelds:

»There is a pragmatic concern about the consumption of energy, as well as a poetic concern about how the building is in dialogue with the city. But the two things come together. So in some way I like the idea that you accept that logic and you understand that the earth is fragile and that you have to save energy, but in poetic terms, you actually celebrate this fragility by making buildings that add a sense of lightness and a sense of belonging to the natural environment.«

Darin, diese beiden Aspekte zusammenzubringen, liegt die eigentliche Herausforderung. Wo sie eingelöst wird, entsteht große Architektur. Dafür benutzt Piano ein weiteres Wort, bei dem vielen Investoren und Buchhaltern die Haare zu Berge stehen dürften. Er spricht von einem Wunder:

»And this is what I call modernity, the idea of putting emerging technology into the design in such a way that you can perform a miracle.«

»Poesie«, »Wunder« – das sind allerdings keine Floskeln aus dem Elfenbeinturm des Architekten. Architektur ist für die Menschen da, und Kultur ist verwurzelt im Alltag und im gesellschaftlichen Leben – in Italien mehr als anderswo, das habe ich gerade gesagt. Deshalb kommt zu den Begriffen der Poesie und des Wunders noch ein dritter, mindestens ebenso unzeitgemäßer dazu: die Liebe:

»Buildings are loved if they are accessible. Buildings are not loved if they are selfish and cut off from life.«

Das gilt nicht nur für die Architektur, sondern auch für die Innenarchitektur und das Hoteldesign, und vermutlich noch für eine ganze Reihe anderer Dinge. Jetzt aber lasse ich Renzo Piano selbst zu Wort kommen; nehmen Sie sich die Viertelstunde Zeit – es lohnt sich:

[Kudos: archdaily]

21. Januar 2012

Design auf finnisch

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Turin und Seoul hatten den Anfang gemacht – seit 1. Januar darf sich nun Helsinki Designhauptstadt der Welt nennen. Skandinavien also, genauer gesagt Finnland. Das leuchtet ein; skandinavisches Design ist ein Begriff. Aber was ist das spezifisch Finnische am skandinavischen Design, was ist der finnische Beitrag? Die Finnen selbst geben darauf zwei Antworten: die Sauna, und die Stille.

Damit sind zwei Leitmotive angeschlagen, die in meiner Arbeit als Innenarchitektin und Hoteldesignerin eine besondere Rolle spielen. Zur Sauna muß ich nicht viel sagen. Sie bildet einen zentralen Bestandteil jedes Spas, und Spas gehören seit Jahren zu den wichtigsten Diffe­renzie­rungs­faktoren in der Hotellerie. Ihre Bedeutung wird in Zukunft eher noch zunehmen.

Noch interessanter finde ich freilich den Begriff der Stille als Designthema. In den üblichen Diskussionen über Architektur, Design und Gestaltung ist das Wort kaum jemals zu vernehmen. Und doch trifft es einen Nerv, wie ich meine. Stille ist das, was uns fehlt und was im Alltag immer schwerer zu finden ist. Das ist keineswegs nur negativ – in der Fülle von Reizen liegt nicht der geringste Reiz von Metropolen und großen Städten. Ein ständiger Strom von Anregungen, der uns in Bewegung hält und Stoff für neue Ideen liefert. Heute braucht es nicht einmal mehr die Metropolen, um in diesen Strom einzutauchen. Mangel herrscht eher am Gegenteil, und das im buchstäblichsten Sinne. Kein Lift, kein Wartesaal, kein Cafe und kein Restaurant, die nicht zur natürlichen Geräuschkulisse auch noch einen musikalischen Klangteppich beisteuern zu müssen glauben. Selbst am zu unrecht so genannten »stillen Örtchen« erklingt nicht selten Mozarts »Zauberflöte« als Begleitmusik. Das ist der Soundtrack des modernen Lebens; ich nenne es akustische Umweltverschmutzung.

Darin liegt nach meiner Überzeugung eine der Herausforderungen des heutigen Hoteldesigns. Denn Hotels sind immer auch Orte des Rückzugs – für den Geschäftsreisenden nicht weniger als für den Urlauber. Das Bedürfnis nach Rückzug, nach Besinnung und Zu-Sich-Kommen beschränkt sich nicht nur aufs eigene Zimmer (wo im übrigen, wie man weiß, Ruhe ebenfalls keineswegs garantiert ist). Auch in den öffentlichen Bereichen wünschen sich viele Gäste Zonen der Intimität und relativen Ungestörtheit. Die Reize und Anregungen eines gesellschaftlichen Raums zu verbinden mit Oasen der Stille: das ist die Quadratur des Kreises, die wir als Innenarchitekten und Hoteldesigner zu lösen haben.

Stille als Thema: damit könnte Helsinki tatsächlich einen un­kon­ventio­nellen, dafür umso wertvolleren Beitrag zum heutigen Design leisten. Ich bin sehr gespannt, was sich die Finnen dazu einfallen lassen. Ob ich es schaffe, mir vor Ort einen eigenen Eindruck zu verschaffen, ist eher zweifelhaft. Aber ich werde hier in der Serendipity Suite über alles In­ter­es­sante berichten, was mir aus Helsinki zu Ohren kommt – so pa­ra­dox das beim Thema Stille auch klingen mag.

Fürs erste lasse ich Sie allein mit dem Video der Lightshow, die am 1. Ja­nuar den Auftakt zum Jahr als Designhauptstadt der Welt bildete. Still ging es dabei allerdings nicht zu – weder im akustischen noch im optischen Sinn:

10. Januar 2012

Ungeliebte Architektur

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ich selbst beschwere mich oft und gern über die mangelnde Wertschätzung, die der Architektur oft entgegengebracht wird. Das gilt für Bauherren, Projektentwickler, Investoren, genauso aber für eine Öffentlichkeit, die sich für Architektur nicht interessiert und noch weniger von ihr versteht. Und wenn ich von Architektur rede, meine ich immer auch Innenarchitektur und Hoteldesign. Darüber zu schimpfen tut gut und befreit. Es hilft auch dabei, sich seine positive Motivation zu bewahren, statt zu resignieren und mit dem Strom zu schwimmen.

In einem nachdenkenswerten TEDx Talk hat David Chipperfield Ende letzten Jahres den Finger auf einen anderen wunden Punkt gelegt: warum mögen die Leute die heutige Architektur nicht? Er drückt es noch deftiger aus und fragt: »Why does everyone hate modern architecture?« Schwupps, da sind die Rollen vertauscht, und auf der Anklagebank sitzen jetzt wir Architekten, der gefeierte Star Chipperfield natürlich inbegriffen. Aber sich wechselseitig den Schwarzen Peter zuzuspielen bringt gar nichts. Das weiß auch David Chipperfield. Genausowenig genügt es, auf die zurecht gefeierten Ausnahmen hinzuweisen, zu denen viele von Chipperfields eigenen Projekten zählen. Das ändert nichts am architektonischen Elend, das uns täglich umgibt und seit Jahrzehnten das Bild unserer Städte prägt.

Statt nach Sündenböcken zu suchen, fragt Chipperfield lieber nach den Ursachen. Sein Kollege Rem Koolhaas kommt in diesem Zusammenhang meist schnell auf den Kapitalismus, die Regeln des Marktes und das Profitinteresse zu sprechen. Da ist viel Wahres dran, aber Chipperfield hat es gern eine Nummer kleiner, und er bleibt bei dem, was näher liegt: der mangelnden Kooperation und dem fehlenden Dialog zwischen den Beteiligten. Die sehen einander eher als Gegner denn als Partner. Die Bauherren wehren sich gegen die Spleens und den kostspieligen Selbstverwirklichungswahn der Architekten, die Architekten fürchten, daß kurzfristige Kosten-Nutzen-Erwägungen auf Kosten der Qualität gehen, und so reihum. Genauso ist es, werden viele sagen. Doch im Unterschied zum Kapitalismus läßt sich daran, die Bereitschaft vorausgesetzt, in jedem Einzelfall etwas ändern. Chipperfield nennt als Beispiel seinen heftig umstrittenen Wiederaufbau des Neuen Museums in Berlin. Die Schlagzeilen und Polemiken sind in frischer Erinnerung. Doch wichtig war nicht der Streit als solcher, bei dem es teilweise durchaus gesitteter hätte hergehen können, sondern daß alle Verantwortlichen dennoch im Gespräch miteinander blieben. So führten die Diskussionen und Auseinandersetzungen zu einem viel überzeugenderen Ergebnis, als wenn jeder stur auf seiner Ausgangsposition beharrt hätte. Das Neue Museum zählt zweifellos zu den wenigen architektonischen Glücksfällen der neuen deutschen Hauptstadt – und die Berliner haben das Haus in ihr Herz geschlossen.

Sicher läßt sich das Beispiel nicht beliebig auf jedes Kaufhaus oder jedes Projekt des sozialen Wohnungsbaus übertragen. Trotzdem lohnt es sich, darüber nachzudenken – nicht zuletzt deshalb, weil Chipperfield den absoluten Tiefpunkt der hassenswerten Architektur ausgerechnet anhand eines Hotels illustriert. So schlimm wie in dem Fall, den er vorstellt, sehen Hotels zum Glück selten aus. Aber Glanzstücke der Architektur sind es eben auch nur selten, was in den Hochglanzprospekten der Tourismusindustrie angepriesen wird. Ich bin überzeugt: mit denkbar geringem Aufwand – investiert in ernsthafte Gespräche, Interesse und gegenseitiges Vertrauen – ließen sich da gewaltige Fortschritte erzielen, von denen alle profitieren. Am meisten vielleicht die Gäste. Ich betrachte Chipperfields TEDx Talk als Anregung, uns auf den Weg dahin zu machen:

4. Januar 2012

Wünsche

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Gegen gute Vorsätze zum Jahresbeginn habe ich was, aber Wünsche sind etwas Schönes. Es fehlt ihnen das Zerknirschte der Vorsätze, darum haben sie in der Regel auch mehr Leuchtkraft. Leichter in die Wirklichkeit umzusetzen sind sie deswegen nicht. Reden wir also darüber, was ich mir vom eben begonnenen Jahr wünsche. Vorher muß ich aber etwas anderes loswerden, was mich beschäftigt, nämlich das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden. Irgendwie, so mein Eindruck, verwenden die, die die wirklich wichtigen Entscheidungen treffen – in Regierungsämtern, Vorstandetagen und Kungelrunden – unverhältnismäßig viel Energie darauf, uns keinen reinen Wein einzuschenken und bittere Wahrheiten nach Möglichkeit vorzuenthalten. Sie sagen uns das, wovon sie meinen, daß wir es hören wollen. Und das ist keineswegs mein privates und vielleicht übersensibles Empfinden. In Wirklichkeit ist es noch schlimmer: die überwiegende Mehrzahl der Menschen fühlen sich nicht nur auf den Arm genommen – sie sind überzeugt, daß in allen wichtigen Fragen über ihre Köpfe hinweg und bedenkenlos auch gegen ihre Interessen entschieden wird, ohne daß sie den geringsten Einfluß darauf hätten. Die da oben machen ja doch, was sie wollen.

Das bringt mich auf meine Kollegen, die Architekten und Innen­archi­tekten; keine Sorge, zu den Wünschen komme ich auch noch. Reden Sie mit einem von ihnen – den Architekten und Innenarchitekten also – über seine Arbeit, und Sie hören Entschuldigungen. Spätestens dann, wenn Sie den Finger auf eine wunde Stelle legen (meist aber auch schon vorher und ungefragt). Dann erfahren Sie, wie das Ganze hätte werden sollen, wäre es nach dem Architekten oder Innenarchitekten gegangen. Dann hören Sie von den Abstrichen, die man heutzutage machen müsse – sei es wegen des mangelnden Muts der Auftraggeber, wegen des Schielens auf den Profit oder aus Rücksicht auf den Massengeschmack – und der sei nun mal erbärmlich. Die Gesellschaft kriegt die Bauwerke und Räume – um in meinem eigenen Bereich zu bleiben: die Hotels –, die sie verdient.

Bei den Hotels selbst sieht es um keinen Deut besser aus. Schauen Sie sich mal die albernen Mätzchen an, mit denen etwa Hotels auf Facebook mit ihren Gästen »kommunizieren« und einen auf social competence machen. Kein Concierge und kein Hoteldirektor würde sich trauen, seinen Gästen in der Wirklichkeit auf so infantile Weise gegenüberzutreten. Trotzdem verweigern sich die wenigsten Häuser diesem Schwachsinn. Das wollen die Leute doch; darauf stehen sie…  weiterlesen…

7. Dezember 2011

Fokus Intergastra (3)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Über den Themenschwerpunkt »Fokus Hotel« auf der Intergastra 2012 (vom 11. bis zum 15. Februar) habe ich bereits berichtet – sowohl über die konkreten Themen und Angebote des kommenden Jahres, als auch darüber, was mir langfristig und über den konkreten Anlaß hinaus dabei vorschwebt. Auf einer sehr praxisnahen Ebene geht es um eine Gesprächsplattform, die nicht nur das Spektrum existierender Lösungen erschließt, sondern darüber hinaus zum Impulsgeber und Katalysator künftiger Innovationen werden kann. Dieselbe Art von Gesprächen also, die ich mir gestern von professionellen Architektur- und Innenarchitekturkritikern gewünscht habe. Ich selber fange halt da an, wo meine eigenen Kompetenzen liegen.

Natürlich interessiert es mich, wie diese Initiative ankommt und aufgenommen wird. Wo ich auf Berichte darüber stoße, werde ich deshalb auch hier in der Serendipity Suite darauf hinweisen – jedenfalls dann, wenn es sich nicht nur um Wiederholungen dessen handelt, was anderswo schon berichtet wurde; das gibt es häufiger, als dem durchschnittlichen Zeitungs- und Zeitschriftenleser bewußt ist.

Auf den folgenden Beitrag trifft das nicht zu. Hotelling hat gestern der Intergastra insgesamt einen ausführlichen und informativen Artikel gewidmet. Zu »Fokus Hotel« ist darin folgendes zu lesen:

»Für Hoteliers bietet die Intergastra als einzige deutsche Gastronomie-Fachmesse wieder eigene Hallen exklusiv für das Objektgeschäft im Bereich Hotellerie. Als einzige Hotelfachmesse präsentiert die Intergastra Firmen wie Buderus, Wolf Heizkessel, AEG Haustechnik im Energiebereich, Berndorf Bäderbau oder Neuland Konferenztechnik. Der Themenpark „Fokus Hotel“ – ein Hotel zum Anfassen mit beispielhaften Lösungen für diverse Hotelbereiche – der 2010 zum ersten Mal in Stuttgart präsentiert wurde wird wieder im Mittelpunkt stehen. Unter dem Motto „Bauen im Bestand“ liegt der Schwerpunkt in diesem Jahr beim Thema Einrichtung und Innenausbau von Hotelzimmern und Bädern. Zahlreiche Kompletteinrichter und Planer werden vor Ort sein. Konzipiert und gestaltet wird „Fokus Hotel“ vom Reutlinger Innenarchitekturbüro Markus-Diedenhofen im Auftrag der Messe Stuttgart.«

Unerwähnt bleibt das übergreifende Motto »Stadt/Land/Fluß«, das für die Breite der angesprochenen Hotelkategorien steht. Auch wird das Thema Bauen im Bestand zwar seinen (wichtigen) Platz erhalten, nicht aber die exklusive Rolle spielen, die der Artikel in Hotelling ihm zuschreibt. Aber das sind Kleinigkeiten, und wo wenn nicht hier sollte ich solche sachlichen Korrekturen und Ergänzungen zur Sprache bringen…

6. Dezember 2011

Bessere Kritiker, bitte

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Letzte Woche holte Thomas Fisher von der University of Minnesota zu einem großen Rundumschlag gegen die herrschende Architekturkritik aus. Die Polemik kam nicht aus heiterem Himmel. Schon vor einiger Zeit hatten Alexandra Lange und Nancy Levinson beklagt, was in den Medien unter Architekturkritik firmiere, seien in Wirklichkeit nur oberflächliche Kommentare zum Aussehen von Gebäuden – wenig aufschlußreich und für die Leser erst recht uninteressant. Alexandra Lange schrieb:

»Architecture criticism cannot simply be about what’s new because that leads precisely to the globe-trotting, star-gazing, architecture-as-sculpture approach we have now. What we need is criticism that treats renderings and buildings as different, since users are the ultimate critics. We need criticism that connects us to a building’s references, emotions and textures, not only its news value. We need criticism moored to place, and to the history of that place, so that the ways forward multiply (and don’t only involve building something curvy).«

Das berührt sich mit meinen kritischen Überlegungen zur Dominanz des Auges und zur Reduktion der Architektur auf »Schauwerte«. Schon deshalb freue ich mich, Schützenhilfe von einigen wenigen, aber namhaften Kritikern und Architekturtheoretikern zu bekommen. Das Unbehagen an der Deutungshoheit selbstverliebter Kritikerpäpste be­schränkt sich auch nicht auf die USA, sondern schwappt glück­licher­weise auch zu uns über; ein Beispiel dafür ist die aktuelle Kontro­verse zwischen Magnago Lampugnani und Stanislaus von Moos in der NZZ.

Wenn ich als Innenarchitektin vom Elend der Architekturkritik spreche, dann deshalb, weil wir im Hinblick auf die Innenarchitektur noch nicht einmal schlechte Kritiker haben, sondern nur ein allgemeines Desinteresse. Ich finde dieses Defizit beklagenswert. Gute Kritiker erfüllen eine wichtige Funktion, allerdings nicht – da gebe ich Thomas Fisher, Alexandra Lange und Nancy Levinson recht – als blasierte Betrachter und auch nicht als »Schmierfinken der Architektur« oder der Innenarchitektur (Stanislaus von Moos). Gute Kritiker sind engagierte und zugleich kenntnisreiche Kritiker. Gute Kritiker ergreifen Partei und sind Partei. Sie nehmen teil an der Debatte über die von uns gestaltete Welt. Darüber, wie sie aussieht und sich anfühlt. Oder wie sie aussehen und sich anfühlen sollte. Also darüber, wie wir leben, arbeiten, feiern, uns ausruhen und miteinander umgehen wollen – und welche Visionen und Träume sich daran knüpfen. Gute Architektur- und Innenarchitekturkritiker sprechen über die ganze Welt, wenn sie von Architektur sprechen.

Und solche Gespräche bringen uns weiter. Sie geben der Innenarchitektur und dem Hoteldesign die Impulse, die so nötig sind, wenn wir wirklich Neues schaffen wollen statt immer nur das Aktuelle. Denn das Aktuelle, das dem jeweils letzten Trend hinterherhechelt, veraltet immer schneller und viel zu schnell, um sich auf Dauer zu lohnen.

Kritiker als Gesprächspartner – das würde ich mir wünschen. Kritiker, denen es gelingt, auch die Öffentlichkeit in dieses Gespräch einzubeziehen, mehr noch: sie mit ihrer eigenen Leidenschaft anzustecken. Solche Kritiker wären die überfällige Ergänzung zu den Bewertungsportalen, an denen sich heute die meisten orientieren. Diese Portale haben zwar eine wichtige Funktion und in den letzten Jahren viel Positives bewirkt. Impulse für die Zukunft oder den Fortschritt gehen aber nicht von ihnen aus.

21. November 2011

Peter Eisenman: Architektur und Freundschaft

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Im September haben wir Peter Eisenman im Gespräch erlebt, wenige Tage darauf habe ich hier in der Serendipity Suite den Film gezeigt, den die Cornell University aus Anlaß der 50-Jahr-Feier seines Studienabschlusses Richard Meier gewidmet hat. Eisenman und Meier sind nicht nur persönlich miteinander befreundet – sie haben auch sonst einiges gemeinsam: beide studierten in Cornell, beide machten im Jahr 1956 ihren Abschluß, und beide gehören zu den legendären Big Five der amerikanischen Architektur. Manche werden sich daher schon im September gefragt haben: wenn die Cornell University Richard Meier in einem eigenen Film würdigt, warum dann nicht auch Peter Eisenman?

Nun, genau das hat sie getan, und der Film ist nicht weniger sehens- und hörenswert wie der über Meier. Und auch in diesem Fall hat die Cornell University das Video aus dem Jahr 2006 in diesem Jahr freigegeben und auf YouTube zur Verfügung gestellt. Falls Sie es noch nicht gesehen haben, wäre der heutige Montag vielleicht eine gute Gelegenheit, das nachzuholen. Ich persönlich freue mich immer, die Woche mit unkonventionellen Gedanken, neuen Gesichtspunkten und interessanten Anregungen beginnen zu können; davon profitiere ich dann die ganzen kommenden fünf Tage. In diesem Sinn ist das folgende Video durchaus ein lohnendes Vergnügen, was aber den Genuß nicht weiter schmälern sollte:


[Kudos: ArchDaily]

3. November 2011

Gestatten: Google. Darf ich eintreten, bitte?

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Wer schon Googles Street View als unzumutbar erlebt hat, darf sich gleich noch mehr empören, denn jetzt geht Google einen ganzen Schritt weiter. Nach den Fassaden ist nun das Innere von Gebäuden an der Reihe. Viele werden sich darüber freuen – namentlich die Inhaber oder Betreiber von Hotels, Cafes, Restaurants, Läden, Einkaufspassagen und ähnlichem. An die richtet sich das Angebot in erster Linie. Auf Antrag schickt ihnen Google einen kompetenten, speziell geschulten Fotografen ins Haus und erstellt aus den Fotos ein 360-Grad-Panorama. Potentielle Gäste oder Kunden können den Orten ihres Interesses dann schon mal vorab einen Besuch abstatten, sich darin bewegen und einen ersten Eindruck verschaffen, um zu entscheiden, was für sie in die engere Wahl kommt.

Im folgenden Video vermittelt Google die Vorteile des neuen Dienstes auf amüsante, wenngleich – was die Pointe angeht – nicht sehr überraschende Weise:

Wer wissen möchte, wie das in der Praxis aussieht, findet hier ein paar ausgewählte Beispiele aus den USA, Australien und Japan, wo er sich nach Herzenslust umschauen und an einzelne Details auch heranzoomen kann. Ich hab’s ausprobiert und war beeindruckt. Was sich hier für Möglichkeiten eröffnen, ist nur zu ahnen. Ich wage vorherzusagen: in Verbindung mit (beispielsweise) dem Google Hotel Finder, Google+ und dem immensen Such- und Datenbank-Know-how des Konzerns wird Google Business Photos (so heißt der neue Dienst) in kurzer Zeit den Markt nachhaltig verändern. Auf einige der Platzhirsche von heute kommen schwerere Zeiten zu; innovativen Newcomern bieten sich riesige Chancen. Und wer dabei natürlich auf jeden Fall gewinnt, ist Google.

Vorerst steht Google Business Photo Interessenten in den Vereinigten Staaten, Australien, Neuseeland, Japan, Frankreich und Großbritannien zur Verfügung; weitere Märkte sollen schrittweise folgen. Ich weiß nicht, wie ich drauf komme – aber mein Gefühl sagt mir, daß Deutschland diesmal nicht sehr weit vorn auf der Liste zu finden sein wird… ;-)

26. Oktober 2011

Beyond Imagination oder
Das Publikum ist dein Gast, und die Gäste sind dein Publikum

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ein Hotelangestellter, der sich an seinem Arbeitsplatz schlecht behandelt oder gar gemobbt fühlt? Das kommt vor und ist ebenso alltäglich wie Hotels, die über unfähige oder unmotivierte Mitarbeiter klagen. Es lohnt sich gar nicht, darüber zu reden. Wenn es aber einem dieser unzufriedenen Hotelmitarbeiter gelingt, seine Kündigung zu einem Ereignis zu machen, an dem die ganze Welt teilhat, dann sollte man vielleicht ein wenig genauer hinschauen.

Der Vorfall selbst liegt jetzt schon ein paar Wochen zurück. Ich habe mich gestern wieder daran erinnert, als ich mit Carsten Hennig über den neuen Imagefilm der Adlon Holding diskutierte. Das sind zwei Themen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben – wäre da nicht die Art, wie Joey (so ließ sich der Hotelangestellte in den Medien nennen) seine Kündigung inszenierte. Zusammen mit seiner Band marschierte er in das Hotel, übergab sein Kündigungsschreiben und ließ sich dann von seiner Band buchstäblich im Triumphmarsch aus dem Hotel geleiten. Danach veröffentlichte er das Video dieses Auftritts bei YouTube. Binnen weniger Tage wurde es ein halbe Million mal abgerufen; mittlerweile haben es zweieinhalb Millionen Menschen gesehen; noch viel mehr haben über die Medien darüber erfahren.

Ist dieser Film besser als Imagefilm der Adlon Holding? In technischer Hinsicht keinesfalls. Es handelt sich um ein typisches Amateurvideo, in jeder Hinsicht dilettantisch gemacht. Aber Joey hat den alltäglichen Vorgang seiner Kündigung in ein einzigartiges Ereignis verwandelt. Davon handelt der Film. Er erzählt eine Geschichte, und weil er eine Geschichte zu erzählen hat, erreicht er die Zuschauer und die breite Öffentlichkeit. Genau damit, eine einzigartige, unverwechselbare Geschichte zu erzählen, tun sich Hotels furchtbar schwer; ich habe schon öfter darauf hingewiesen. Sie setzen lieber auf Klischees und Statussymbole, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Vergangenheit ist aber das, was vorbei ist und nicht mehr wiederkommt.

Aus eben diesem Grund ist mir im Zusammenhang mit dem Adlon-Film Joeys Video eingefallen. Es zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, umzudenken. Ein einzelner Angestellter, jeder beliebige Hotelgast, der was zu meckern hat, sogar ein Bewerber, der sich zu unrecht abgewiesen fühlt – sie alle haben potentiell die ganze Welt als Forum, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu geben. Kein Hotel ist davor gefeit; keines gut genug, solche Negativschlagzeilen auszuschließen. Das ist die eigentliche Herausforderung, vor die das Social Web die Hotels heute stellt. Der werden sie nur gerecht, wenn sie ebenso überzeugend und wirkungsvoll – und nicht zuletzt mit langem Atem – ihre eigene Geschichte erzählen. Und wenn alles, was sie tun oder sagen oder öffentlich zeigen, einen Beitrag zu dieser Geschichte bildet – eine Facette in einem größeren Ganzen.

Es liegt mir freilich fern, den Hotels dieser Welt besserwisserische Ratschläge zu erteilen. Im Gegenteil: ich denke, wir sitzen in ein und demselben Boot. Wir Innenarchitekten und Hoteldesigner stehen vor derselben Herausforderung. Wir müssen uns die Geschichte des Hotels zu eigen machen, müssen vielleicht auch daran mitarbeiten, sie zu entwickeln, um sie dann in ein Raumerlebnis und eine persönliche Erfahrung umzusetzen, die den Gast im wahrsten Sinn des Wortes »anspricht«. Dieses Denken in übergreifenden »Geschichten« gehört vielleicht nicht zum klassischen Berufsbild des Innenarchitekten – aber es ist das, wofür wir künftig die Verantwortung tragen und woran wir gemessen werden.

Den Auftritt Joeys und seiner Band – The What Cheer? Brigade – möchte ich Ihnen zu guter Letzt trotzdem nicht vorenthalten:

24. Oktober 2011

Demnächst in Ravensburg

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Am 25. November findet in Ravensburg der 12. Ravensburger Tourismustag statt. Das ist noch eine Weile hin, ich weiß. Doch ich bin eingeladen, mit einem Vortrag über die Aufgaben und Möglichkeiten der Innenarchitektur zu der Veranstaltung beizutragen – und da sind fünf Wochen nicht allzuviel Zeit. Zumal ich mir, und das wird Sie vielleicht überraschen, immer etwas schwer tue mit diesem Thema. Nicht, weil ich wenig dazu zu sagen hätte, sondern weil die Diskrepanzen so groß sind zwischen dem, was sich die Öffentlichkeit unter Innenarchitektur vorstellt, worin die Funktion des Innenarchitekten tatsächlich besteht – und was Innenarchitekten eigentlich leisten könnten und leisten sollten, wenn es gelänge, die traditionellen Rollen und Arbeitsabläufe an die veränderten Anforderungen und Möglichkeiten von heute anzupassen.

Im begrenzten Rahmen eines einzelnen Referats darf man bestenfalls hoffen, Einzelaspekte anzureißen. Wenn es mir gelingt, ein realistisches Bild von der Bedeutung der Innenarchitektur zu vermitteln, und gleichzeitig eine Ahnung von ihren künftigen Möglichkeiten gerade im Hotel – dann bin ich sehr zufrieden.

Falls Sie Interesse an der Tagung haben und an dem Tag vielleicht ohnehin in der Nähe sind, freue ich mich darauf, Sie persönlich in Ravensburg zu begrüßen. Ein Anmeldeformular finden Sie hier; die Teilnahme ist kostenlos; das Mittagessen im Romantik-Hotel Waldhorn kostet 19,– Euro.

Im Anschluß noch die Pressemitteilung zu den übrigen Programmpunkten der Veranstaltung:
 

12. Ravensburger Tourismustag: Wo Gäste träumen dürfen

Der Ravensburger Tourismustag der Dualen Hochschule Ravensburg ist ein Klassiker. In Zusammenarbeit mit dem DEHOGA Baden-Württemberg und der IHK Bodensee-Oberschwaben tauschen sich in seiner zwölften Auflage am Freitag, 25. November, Experten und Interessierte der Branche in der DHBW Ravensburg (Marienplatz 2, Aula) zum Thema „Design – Projektentwicklung – Architektur in Tourismus und Hotellerie“ aus. Untertitel der Veranstaltung: „Wo Gäste träumen dürfen“.

Sei es das edle Designhotel, das Thermalbad mit Wohlfühlcharakter oder gar eine gesamte Region: Die Architektur ist ein wesentlicher Aspekt im Tourismus. Sie definiert den Ort, an dem die Gäste träumen dürfen. Rund um dieses Thema kreisen die Vorträge der fünf Referenten des 12. Ravensburger Tourismustags. Start der Veranstaltung ist um 9.30 Uhr, das Ende gegen 15.30 Uhr.

Unter dem Titel „Architektur macht Marke“ beschäftigt sich Christian Schützinger, Landestourismusdirektor des Vorarlberg Tourismus, mit dem Phänomen, dass die regionale Baukultur zum Erfolgsfaktor für eine gesamte Tourismusregion wird. Traditionelle Materialien und klare, schlichte Konzepte sind bei zeitgenössischen Vorarlberger Bauten zum Markenzeichen geworden, das nicht nur Architektur-Interessierte entzückt.

Über die Themen Hotelprojektmanagement und Hotelinnenarchitektur referieren Eva-Maria Bánlaki, Feuring Projektmanagement, und Cornelia Markus-Diedenhofen. Feuring begleitet weltweit Hotelprojekte, oft im Luxussegment,von der Standortsuche bis zur Ausstattung. Markus-Diedenhofen gehört zu den größten Innenarchitekturbüros in Deutschland. Die Firma gestaltet das Innenleben von kleinen Hotels in Familienbesitz genauso wie das von Häusern der Extraklasse. So zum Beispiel das mehrfach prämierte Freiburger Umwelthotel Best Western Victoria, den Öschberghof in Donaueschingen oder das Rocco Forte in München.

Am Nachmittag spricht Nicole Srock-Stanley, Geschäftsführerin dan pearlman Markenarchitektur Berlin, über integriertes Place Branding. Ihre Firma für Marken- und Erlebnisarchitektur liefert namhaften Auftraggebern aus aller Welt architektonische Ideen, die überraschen sollen. Visionen entwickelt sie unter anderem für Automarken wie BMW, Mini oder Smart, aber auch für Unternehmen wie Lufthansa oder den Erlebnis-Zoo Hannover. Bäder als emotionale Räume beschäftigen zum Abschluss Ernst Ulrich Tillmanns, Geschäftsführer 4a Architektur Stuttgart. Seine Firma hat das Hallenbad Biberach genauso gestaltet wie die Therme Konstanz und einen Wellnesspark in Moskau.

Lassen Sie sich nicht in Verwirrung stürzen. Auf einigen Websites des Veranstalters ist als Veranstaltungstermin irrtümlich der 27. November angegeben; andere – z.B. AHGZ online – haben das übernommen. Der richtige Termin ist selbstverständlich Freitag, der 25. November.

21. Oktober 2011

Das Hotel und die Stadt

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Am meisten faszinieren mich Hotels, die für die Stadt, in der sie sich befinden, eine Bedeutung haben – die also die Stadt, ihre Geschichte, ihre Gegenwart, ihr gesellschaftliches und kulturelles Leben widerspiegeln und repräsentieren, aber dabei ihrerseits der Stadt etwas zurückgeben, zu ihrem Flair beitragen und gewissermaßen zu einem festen Bestandteil ihres Selbstverständnisses werden. Die Stadt prägt das Hotel, das Hotel prägt die Stadt, und beide führen einen ständigen Dialog miteinander. Das ist schwieriger als Bettenburgen zu planen, oder architektonische Solitäre, die in keiner Beziehung zu ihrer Umgebung stehen. Doch wenn es gelingt, lohnt das Ergebnis die Mühe umso mehr.

Ein aktuelles Beispiel dafür aus unserer eigenen Arbeit bildet das Steigenberger Grandhotel Handelshof in Leipzig. Im ganzen Haus begegnet der Gast der Geschichte Leipzigs als Musikstadt, als Bücherstadt, als Stadt des Textilhandels und als Schauplatz von Goethes Faust. Gleichzeitig wahrt der respektvolle Umgang mit der architektonischen Substanz des ursprünglichen Handelshofs die Beziehung zum 20. Jahrhundert und zur jüngeren Vergangenheit. In allem, was darüber hinausgeht – und das ist eine Menge – ist das Hotel ganz heutig und der Zukunft zugewandt. Daß diese heikle Synthese geglückt ist, zeigte sich schon kurz nach der Eröfffnung beim großen Festival zum 100. Todestag Gustav Mahlers. Als gesellschaftliches Zentrum und Ort des Austauschs zwischen Künstlern und der Öffentlichkeit stand der Handelshof für mehr als eine Woche im Zentrum der Aufmerksamkeit einer weltweiten kulturinteressierten Öffentlichkeit. Er hat diese Bewährungsprobe mit Bravour bestanden.

Natürlich ist das nur zu einem geringen Teil das Verdienst der Innenarchitektur. Wir Innenarchitekten schaffen nur die Bühne, auf der das Team des Hotels seinen Ehrgeiz und seine Vision verwirklichen kann. Gleichwohl ist die Bühne wichtig, und wenn sie nicht zum Stück paßt, wird sich auch der Erfolg in Grenzen halten.

Mir fällt dazu ein weiteres Beispiel ein, über das ich hier schon ausführlich berichtet habe, nämlich das Hotel Schweizerhof in Berlin. Das hatten wir vor dem Hintergrund seiner Geschichte in der geteilten Stadt und in enger Zusammenarbeit mit dem Betreiber als »Hauptstadthotel der Nach-Wendezeit« konzipiert. Auf das Ergebnis bin ich heute noch stolz. Dann wechselten die Besitzverhältnisse, und dem neuen Eigentümer fehlte das Verständnis für die Idee, an der sich die Gestaltung orientiert hatte. Es genügten einige wenige Änderungen und kosmetische Korrekturen – und das Haus hatte sein Flair und seine Ausstrahlung verloren. Danach war es nur noch ein Luxushotel unter vielen.

Vielleicht erinnern sich einige Leser auch noch an die besondere Erfolgsgeschichte des Grand Hotels Europe in St. Petersburg. Die hatte mit der Innenarchitektur wenig zu tun, ist aber mindestens ebenso respektgebietend. Sie beruhte darauf, daß es dem damaligen Direktor Thomas Noll gelang, eine Brücke zu schlagen zwischen der begüterten internationalen Klientel des Hotels und den ärmsten Jugendlichen der Stadt, deren massenhaftes Elend leider einen wesentlichen Bestandteil des heutigen St. Petersburg bildet.

So eindrucksvoll diese drei Beispiele sind, so wenig haben sie miteinander gemeinsam. Sie unterscheiden sich voneinander so stark wie die städtischen Kontexte in denen sie stehen. Und das rührt an einen entscheidenden Punkt. Denn nicht nur ist jeder Standort für sich genommen einzigartig – auch das Funktionsgefüge der Stadt als solcher und der Stellenwert der städtischen Öffentlichkeit haben sich in den letzten 100 Jahren stärker gewandelt als in Jahrhunderten zuvor – und sie sind weiter im Fluß. Auch auf diesen Funktionswandel muß das Hoteldesign überzeugende Antworten finden, sollen die Hotels künftig weiterhin eine zentrale Rolle im Leben der Stadt übernehmen.

Das ist, jedenfalls nach meiner Überzeugung, viel mehr als eine zusätzliche Pflichtaufgabe. Für mich gehört die Beschäftigung mit solchen grenzüberschreitenden, scheinbar fachfremden Themen und Fragestellungen vielmehr zu den anregendsten und fruchbarsten Aspekten meiner Arbeit. Besonders dann, wenn man dabei mit so interessanten und aufgeschlossenen Persönlichkeiten in Kontakt kommt wie dem dänischen Architekten Jan Gehl, der als urbanistischer Berater der Stadt Kopenhagen Akzente für die weitere Entwicklung der Stadt gesetzt hat. Wenn Sie das folgende Video gesehen haben, werden Sie wissen, was ich meine:


[Kudos: ArchDaily]

14. Oktober 2011

Writers’ Corner:
Öffentlichkeit im Wandel

»Ich bin nun mal in einer Zeit geboren, als das Fernsehen auf seinen Höhepunkt zustrebte. Heute erlebe ich seinen Niedergang. Es verliert an Bedeutung. Die meisten Jugendlichen, die mich ansprechen, kennen mich von YouTube.«

Hape Kerkeling

5. Oktober 2011

Hoteldesign und Klangarchitektur

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Schon vor der Eröffnung im Juni hat das New Yorker Yotel für Schlagzeilen gesorgt, und auch seither habe ich nur positive, bisweilen auch begeisterte Kritiken gelesen. Doch das Hotel scheint sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen zu wollen. Jetzt hat es den Musiker Tom Middleton engagiert, um als Klangarchitekt (sound architect) auch akustisch Akzente zu setzen. Ziel ist es, den Gästen in sämtlichen öffentlichen Bereichen des Hotels jeweils unterschiedliche Klangerlebnisse zu bieten. In den Worten des Yotel-CEOs Gerard Greene:

»YOTEL redefines the hotel experience in many ways and the sensory offering is as important as the price and location. I wanted to work with people that understood the architecture of sound to enhance the guest experience. Tom’s Trip compilations showcased a wide variety of musical genres that were carefully crafted to create an inspirational musical journey; this Sound Architecture would complement that transitional nature of hotel from breakfast to work space to dancing and cocktails,«

Und dabei soll es nicht bleiben. Gerard Greene hat darüber hinaus einen Vertrag mit den Musik-Promotern von Giant Step geschlossen, die in Zusammenarbeit mit Middleton die New Yorker Szene und die musikalische Tradition der Stadt ins Hotel bringen sollen. Tom Middleton selbst wird in regelmäßigen Abständen eine »Sound Of The Cosmos«-Party organisieren. Er sagt:

»My key focus is on making the music in Yotel sound different from what is found at other hotels. Using the technique of Sound Branding, I composed bespoke music and created unique sound designs specifically for each of the various public areas at Yotel – even the elevators and restrooms – the perfect soundtrack for the perfect stay.«

Das klingt alles ziemlich interessant – interessanter jedenfalls als der Ansatz von Ambiance Radio, über den ich vor einiger Zeit berichtet habe. Wir selbst arbeiten immer wieder mit Klängen, Klangerlebnissen oder Klanginstallationen – beispielsweise im Mövenpick Hotel Wasserturm oder im Steigenberger Grandhotel Handelshof. Das ist ein Aspekt der Innenarchitektur, der generell größere Aufmerksamkeit verdient, als ihm gemeinhin zuteil wird. Es genügt nicht, die Anonymität der allgegenwärtigen Soundteppiche zu beklagen; man muß ihnen gestaltete Klangwelten entgegensetzen – und dazu gehören auch, wie ich meine, die Zonen der Konzentration und der Stille.

Klangarchitektur als integraler Bestandteil des Hoteldesigns? Unbedingt. In diesem Sinn bin ich sehr gespannt, wie das Experiment des Yotels sich weiter entwickelt – und welchen »Anklang« es finden wird.