Einträge zum Thema Öffentlichkeit

12. August 2010

Social Market Research

Sollten Sie das Wort noch nie gehört haben, wär’s kein Wunder. Wenn doch, ist mir jemand zuvorgekommen; ich hab’s nämlich grade erfunden. Gemeint ist damit: Marktforschung mit Hilfe von Social Media. Die deutsche Übersetzung klingt sogar noch besser: Soziale Marktforschung. Das sollte ich mir eigentlich schützen lassen, aber ich fürchte, dann riskiere ich ein Gerichtsverfahren wegen bewußter Irreführung des Markts und der Öffentlichkeit. ;-)

Irreführung liegt mir allerdings fern. Ich denke vielmehr: die interaktiven Angebote des Web 2.0 bieten in vieler Hinsicht konkurrenzlose Möglichkeiten, sich mit dem Markt rückzukoppeln, Resonanz von den Zielgruppen zu bekommen und aufgrund der Reaktionen Korrekturen vorzunehmen oder Verbesserungen einzuleiten. Das ist gewissermaßen »Echtzeit-Marketing«, und Tripadvisor, Facebook oder Twitter werden dafür ja bereits umfänglich genutzt, nicht zuletzt in der Hotellerie. Unternehmerische Strategien wie das Kaizen oder der Kontinuierliche Verbesserungsprozeß (KVP) können davon nur profitieren.

»In vieler Hinsicht«, habe ich gesagt, und das heißt: es gibt auch Grenzen. Neue Technologien, die grenzenlose Möglichkeiten suggerieren, wecken nur zu leicht grenzenlose Erwartungen, die sie nicht einlösen können. »Grenzwertig« finde ich beispielsweise schon die Aktion, mit der das W Hotel London, Leicester Square – geplanter Eröffnungstermin: Februar 2011 – gegenwärtig auf Facebook von sich reden macht. »Mr W« will dort von der Community wissen, wie das neue Hotel seine » Munchies Boxes« bestücken soll (andernorts sagt man Minibar dazu). Das klingt im ersten Moment nach einer sehr vernünftigen Idee. Demokratischer geht’s nicht: diejenigen, die sie später nutzen werden, sollen auch über den Inhalt der Minibar entscheiden. Sollte das Hotel freilich die Ergebnisse dieser Umfrage tatsächlich der Bestückung seiner Minibars zugrundelegen, wären ihm gleich mehrere Denkfehler unterlaufen.  weiterlesen…

31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

30. Juli 2010

3 Goldene Regeln für den Erfolg im Social Web

Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich immer wieder und zum Teil intensiv mit den Möglichkeiten, die das sogenannte Web 2.0 oder »Mitmach-Web« eröffnet und habe gerade in den letzten Monaten mit vielen Menschen aus der Hotelbranche darüber gesprochen. Man kann sich bei diesem Thema nächtelang die Köpfe heißreden. Am Ende aber laufen für mich solche Diskussionen fast immer auf drei einfache Regeln hinaus, die bei den meisten meiner Gesprächspartner eher für Ernüchterung sorgen:

Regel 1
Sorge offline für zufriedene Gäste

Regel 2
Nutze das Social Web, um dich über deine Arbeit oder deine Ideen auszutauschen, mit deinen Gästen in Dialog zu treten und mit ihnen in Kontakt zu bleiben

Regel 3
Wenn du Regel 1 nicht einlöst, wird dir Regel 2 mehr schaden als nützen

Zusammengefaßt: das Social Web bietet dir Möglichkeiten, aber es sorgt gleichzeitig dafür, daß deine konkrete, praktische Arbeit ungleich höhere Werbewirkung entfaltet als noch so hoher Werbeaufwand. Das Web 2.0 belohnt Leistung, nicht flotte Sprüche. Der Grund dafür liegt darin, daß mit dem Social Web die Meinungsmacht unwiderruflich von den Werbern auf die Beworbenen, also die Konsumenten und Nutzer übergeht.  weiterlesen…

21. Juli 2010

Ist das Freundschaft?

Frage dich nicht, was Social Networks dir zu bieten haben – frage dich lieber, wofür du Social Networks nutzen möchtest.

Imagewerbung (oder Kundenakquise) im Social Web sei aufwendiger als klassische Imagewerbung – und bringe erheblich weniger, habe ich neulich geschrieben. Einige Leser haben sich daran gestoßen. Es steht ja auch im Widerspruch zu dem, was momentan alle Spatzen von sämtlichen Dächern pfeifen. Aber Spatzen haben nun mal Spatzenhirne.

Seth Godin, einer der klügsten amerikanischen Marketing-Vordenker und Autor mehrer internationaler Bestseller, hat dazu kürzlich eine aufschlußreiche Rechnung aufgemacht. Das Kriterium, das er dabei an die Werbung anlegt, ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Umwandlungsrate. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Ein Pfarrer – so Godin – kann hoffen, mit einer aufrüttelnden Predigt 70 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger dazu zu bewegen, sich mit einem eigenen Beitrag an der Kollekte zu beteiligen. Eine angesagte Pop-Gruppe kriegt möglicherweise 20 Prozent des Publikums dazu, ein T-Shirt, ein Souvenir oder eine CD zu erstehen. Bei einem begabten Straßenmusikanten sind es vielleicht 10 Prozent seiner Zuhörer, die bereit sind, einen Dollar in seinen Hut zu schmeißen.

Für eine Direct-Marketing-Aktion ist es hingegen – erstklassiges Adress-Material vorausgesetzt – mittlerweile gar nicht mehr leicht, eine Umwandlungsrate von zwei Prozent zu erzielen, die lange als erstrebenswertes Ziel galt. Auf ähnliche Werte, also ca. zwei Prozent, kommt heute ein beliebter Blogger, wenn er seinen Lesern ein Buch empfiehlt, das er geschrieben hat.

Ein Twitter-User mit Tausenden von Fans dagegen darf sich glücklich schätzen, wenn auf seine Empfehlung hin einer von tausend auf seine Empfehlung einen Link anklickt, um etwas zu kaufen. Eine Umwandlungsrate von 0,1 Prozent, im Zweifel eher weniger.

Ich weiß nicht, wo Godin seine Daten herhat oder wie belastbar die Zahlen sind. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: er hat seine Liste nach absteigendem commitment geordnet. Für dieses englische Wort gibt es keine wirklich passende deutsche Entsprechung. Ich würde es am ehesten wiedergeben als eine Mischung von Verbindlichkeit und innerer Beteiligung des Angesprochenen. Hierin liegt die Pointe von Godins Argument – und gleichzeitig der Fehlschluß, dem so viele aufsitzen, die in Social Networks eine Marketing-Wunderwaffe sehen. Oder – weniger wohlwollend ausgedrückt – der Trick derer, die Ihnen Social Networks als eine solche verkaufen möchten.  weiterlesen…

3. Juni 2010

Hotels hätten soviel mehr zu bieten

Schon mehrfach sind wir der Frage nachgegangen, ob sich in den letzten Jahren so etwas wie ein Trend zum Nicht-Hotel abzeichnet. Das Pixel-Hotel in Linz bot uns einen Anhaltspunkt für diese Hypothese; ebenso Carla Sozzanis 3rooms in Mailand. Einige Wochen später haben wir das Thema dann etwas grundsätzlicher erörtert und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Jetzt gibt mir ein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel Gelegenheit, den gedanklichen Faden wieder aufzugreifen.

Es geht dabei um den erstaunlichen Boom, den die »Alberghi diffusi« seit knapp zwanzig Jahren in Italien erleben. Falls Sie den Ausdruck zum ersten Mal hören: bei den Aberghi diffusi handelt es sich um eine spezielle Art von Nicht-Hotel, die als unkonventioneller Lösungsansatz für ein akutes Problem entstanden sind.   weiterlesen…

17. Mai 2010

Mehr zum Mitmach-Web

Was ich da soeben im Economist lese, erstaunt mich zwar nicht wirklich – zum Nachdenken bringt’s mich trotzdem. Natürlich wissen wir alle, welch großen und immer noch wachsenden Einfluß Online-Portale wie Tripadvisor oder Yelp mittlerweile darauf haben, für welches Hotel sich Gäste entscheiden. Hotels sind also gut beraten, genau zu verfolgen, was auf derartigen Portalen über sie zu lesen ist. So weit, so gut und nichts als gesunder Menschenverstand. Die Kommentare selbst sind ja zum Glück anonym und Manipulationen damit so gut wie ausgeschlossen. Sollte man denken.

Doch dem ist nicht so. Der Economist zitiert Christopher Elliott, einen der besten Kenner der Branche:

»An increasing number of image-conscious properties have begun connecting the dots between unbylined write-ups that appear on such popular travel sites as TripAdvisor or Yelp, and your personal information, such as your loyalty program preferences.

If you write a positive review, you might expect a reward from the hotel — a gift basket or a discount on your next stay. Pan a property, and you could get a concerned e-mail from the general manager asking you to reconsider your review. Or even a black mark against you in the chain’s guest database.« (Elliotts Artikel als Ganzes können Sie hier nachlesen.)

Zufriedene Gäste belohnen, unzufriedene bestrafen; die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – eine Idee wie gemacht für einen Platz unter den Top 10 im Rennen um die dümmsten Marketing-Strategien aller Zeiten. Natürlich reagieren viele Hotels und Hotelketten wesentlich klüger. Sie schreiben den Gästen, die die schlimmsten Verrisse verfaßt haben, persönliche Entschuldigungsbriefe – oder laden sie ein, wiederzukommen und eine kostenlose Nacht oder sogar ein kostenloses Wochenende im Hotel zu verbringen.   weiterlesen…

14. Mai 2010

Der BGH und das W-LAN

Auf die möglichen Konsequenzen nicht zuletzt für Hotels hatte ich hier vor ein paar Wochen hingewiesen. Jetzt hat der BGH seine Entscheidung verkündet: der Betreiber eines privaten W-LANs ist verpflichtet, dieses mit einem hinreichend sicheren Paßwort zu schützen. Tut er das nicht und das W-LAN wird von Dritten für Urheberrechtsverletzungen oder andere unrechtmäßige Handlungen genutzt, haftet dafür in begrenztem Umfang auch der W-LAN-Betreiber. Er kann auf Unterlassung verklagt werden und trägt die vorangegangenen Abmahnkosten.

Allerdings – das ist die gute Nachricht: er ist nicht schadensersatzpflichtig, da er die Urheberrechtsverletzung nicht selbst begangen hat. Eine Beihilfe zu einer Straftat wiederum würde Vorsatz voraussetzen, woran es in der Regel fehlen dürfte. Die weniger gute Nachricht: künftig genügt eine einzige erfolgreiche Abmahnung, um ein offenes W-LAN ein für allemal stillzulegen. Hotels, Cafes, Shopping-Malls – aber auch öffentlichen Einrichtungen, die einen kostenlosen Internet-Zugang als Dienstleistung anbieten, dürfte für ein solches Angebot von nun an die Grundlage entzogen sein.   weiterlesen…

13. April 2010

Das iPad ist anders

Revolutioniert das iPad die Computerindustrie? Kann es die Verlagsbranche retten? Für die Betroffenen sind das drängende Fragen. Noch wichtiger aber scheint mir eine Frage, die bislang kaum einer stellt: wie verändert das iPad den öffentlichen Raum und die Interaktion zwischen Menschen? Eine Antwort darauf ist nicht nur für Hotels von Interesse.

Seit etwas mehr als einer Woche ist das iPad nun zu haben, und die anfänglichen Verkaufszahlen übertreffen die des iPods und des iPhones um Längen. Weit mehr als eine halbe Million Geräte gingen in dieser Zeit über den Ladentisch; zum Vergleich: beim iPod waren es knapp 1,4 Millionen in den ersten zwei Jahren. Die hitzigen Diskussionen, die seither um Sinn oder Unsinn, Vorteile und Nachteile dieses »Bildschirm-Computers« geführt werden, kann Apple jedenfalls sehr gelassen zur Kenntnis nehmen. Dennoch scheint mir eine Frage wichtig, die sich auch nicht zufällig immer wieder in den Vordergrund drängt: was ist eigentlich neu oder »revolutionär« am iPad? Handelt es sich überhaupt um eine echte Innovation – oder vielleicht doch nur um einen Bastard, eine mehr oder weniger gelungene Mischung vorhandener Produktkategorien: Laptop, iPod, Ebook-Reader, Videoplayer, Personal Information Manager? Von jedem etwas, aber in allen Einzeldisziplinen den wirklichen Spezialisten unterlegen?

Wie immer die Antwort darauf ausfällt – an der eigentlichen Frage geht sie vorbei. Ein Vergleich mit anderen Produkten bringt so wenig wie der isolierte Blick auf die Leistungsdaten des iPad. Enthusiastische Befürworter verweisen deshalb regelmäßig auf die praktische Erfahrung: man müsse den iPad in Händen gehalten und selbst benutzt haben, um ihn wirklich zu begreifen. Da ist was dran, es ist aber immer noch zuwenig. Und vielleicht noch nicht einmal nötig: ich habe das iPad im Original nicht einmal gesehen, geschweige denn in die Hand genommen. Mein Aha-Erlebnis resultiert aus dem Betrachten von YouTube-Videos, worin glückliche Besitzer oder Vorab-Tester über das Gerät diskutierten. Die Gesprächsteilnehmer waren viel zu begeistert und absorbiert von ihrer direkten persönlichen Erfahrung, um den entscheidenden Punkt überhaupt zu bemerken bzw. darauf zu achten, was sich zwischen ihnen ständig abspielte:   weiterlesen…

10. April 2010

Diskretion Ehrensache?

Datenschutz gehört zu den Themen, die häufig erst diskutiert werden, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist – dann dafür umso heftiger. Im aktuellen Sprachgebrauch gehören die Worte »Datenschutz« und »Skandal« so eng zusammen wie »Wirtschaft« und »Krise« oder »Klima« und »Wandel«. Hotels bilden, so könnte man meinen, die Ausnahme von der Regel. Schlagzeilen hat das Thema in diesem Bereich, der sonst ja durchaus die Aufmerksamkeit des Sensations-, Skandal- und Schlüsselloch-Journalismus auf sich zieht, bislang jedenfalls nicht gemacht. Entweder die Hotels haben den Datenschutz bestens im Griff – oder es handelt sich um die Ruhe vor dem Sturm.

Letzteres scheint mir wahrscheinlicher. Ich komme darauf durch eine Nachricht, die ich in diesen Tagen gelesen habe. Es geht dabei um eine renommierte, weltweit agierende Hotelkette im oberen Marktsegment. Die hat jüngst beschlossen, die Online-Aktivitäten ihrer Gäste zu überwachen. Zum Einsatz kommt dabei das ProActive System der schwedischen Firma NetClean. Deren CEO Christian Sjöberg beschreibt die Vorteile seines Produkts folgendermaßen:

»Many collectors of child abuse images carry the images with them when they go away on business or on holiday. Organisations need to protect against this. No business wants to be portrayed as careless or indifferent about their networks being used to allow child abuse images to be viewed or passed around.«

Dem Wortlaut nach geht das sogar noch weiter als die bloße Überwachung ein- und ausgehender Datenströme. Ein weiterer Artikel zum ProActive System bestätigt diesen Verdacht:   weiterlesen…

20. März 2010

Noch einmal: MIPIM Award

Was einem beim Stöbern in Erinnerungen nicht alles zwischen die Finger gerät… Zum Beispiel die Rede, die ich damals anläßlich der Eröffnung des Mövenpick Hotels »Wasserturm« gehalten habe – da war dem Haus der MIPIM Award grade verliehen worden. Ein Abschnitt daraus hat es mir beim Wiederlesen besonders angetan, darum möchte ich ihn Ihnen nicht vorenthalten (unmittelbar davor hatte ich ein paar Worte zum Übermaß an Informationen gesagt, denen wir Tag für Tag ausgesetzt sind):

»Was wir hier als Inneneinrichter verwirklicht haben und verwirklichen durften, folgt eher der entgegengesetzten Maxime: möglichst viel mit möglichst wenig Worten zu sagen. Der unverbindlich-beliebigen, gleichwohl schamlos aufdringlichen Schwatzhaftigkeit, die längst auch vom öffentlichen Raum und seiner Architektur Besitz ergriffen hat, ein sehr genaues, sehr differenziertes »Hier und Jetzt und nirgendwo sonst« entgegenzusetzen. Den Worten soviel Raum zu geben, daß sie die unterschiedlichsten Antworten zulassen, und soviel Gewicht, daß sie auch neben dem Schweigen bestehen können.

Denn natürlich, meine Damen und Herren, liebe Gäste und Freunde, ist auch die Architektur – die Innenarchitektur zumal – eine Art von Sprache. Eine Art von Sprache sogar, die älter ist und weiter zurückreicht als alle anderen Sprachen, die heute gesprochen und geschrieben werden. Und eben deshalb, so möchte ich hinzufügen, auch eine Sprache, die wie kaum eine andere geeignet ist, nationale Unterschiede und scheinbar unüberwindliche kulturelle Differenzen zu überbrücken.

Sollte ich in einem einzigen Satz zusammenfassen, was für mich den tiefsten Kern unserer Arbeit ausmacht, wüßte ich darum keine bessere Definition als die: Innenarchitektur ist die Kunst und die Aufgabe, aus Räumen, die uns umgeben, Orte zu machen, die uns ansprechen.« (Cornelia Markus-Diedenhofen)

Dem habe ich auch heute noch wenig hinzuzufügen.

16. Dezember 2009

Luxus für die Ärmsten – Nachtrag

Sie erinnern sich an das Grand Hotel Europe in St. Petersburg? Vor einigen Wochen habe ich an dieser Stelle ausführlich über dieses Haus und die Initiative des Hoteldirektors Thomas Noll berichtet, einigen der Ärmsten der Armen – Straßen- und Waisenkindern – eine Ausbildungs-Chance und Lebensperspektive zu geben. Heute abend hat das ZDF-Auslandsjournal dem Thema einen sehenswerten 5-Minuten-Beitrag gewidmet. Falls sie ihn verpaßt haben sollten: in der Mediathek des ZDF ist er noch sieben Tage lang auch online verfügbar.

Nun sind fünf Minuten eher knapp bemessen, da kommt zwangsläufig einiges zu kurz. Vermißt habe ich in dem Beitrag vor allem zwei Aspekte, die mir wichtig scheinen. Zum einen geht es bei der Sache nicht nur um einen isolierten Akt der Wohltätigkeit – Thomas Noll sieht sein Engagement in einem größeren Zusammenhang: als Verpflichtung des Hotels gegenüber der Stadt; und noch weiter gedacht: als Verantwortung der Reichen und Mächtigen, gegenüber dem Elend am anderen Ende des sozialen Spektrums nicht die Augen zu verschließen. In der Vernetzung mit anderen Organi­sationen und Initiativen hat er es geschafft, in der Stadt an der Newa aus dieser Verantwortung ein gesellschaftliches Thema und eine Prestige­angelegenheit zu machen. Darüber habe ich in dem erwähnten Beitrag ausführlich berichtet.

Einen zweiten Aspekt möchte ich hier nachtragen. Bei allem karitativen Engagement hat Thomas Noll nie das primäre Ziel aus den Augen verloren, seinem Haus unter den besten Hotels der Welt einen Platz an der absoluten Spitze zu sichern. Erst vor wenigen Wochen – am 8. November – wurde das Grand Hotel Europe im Rahmen der World Travel Awards als bestes Luxushotel der Welt (World’s Leading Luxury Hotel) ausgezeichnet. Vom Prestige her entspricht das einem Pritzker-Preis in der Architektur oder dem Oscar im Filmbusiness. Die Auszubildenden »von der Straße« haben sich dieses ehrgeizige Ziel mit zu eigen gemacht. So etwas ist eine Chance, die man nur selten bekommt. Die Auszeichnung ist darum auch ihre Auszeichnung. Und darin liegt, wie ich meine, ein wesentliches Erfolgsgeheimnis des gesamten Projekts. Bisher hat noch keiner der Jugendlichen das Vertrauen enttäuscht, das Thomas Noll in sie setzte.

Thomas Noll nach der Verleihung des Word Travel Awards in London am 8. November 2009

24. November 2009

Reality Check

Fragt man 3 halbwegs gebildete Menschen nach den 50 größten Deutschen aller Zeiten, erhält man wahrscheinlich 287 Namen. Mindestens. Nun hat sich auch die ZEIT an dieser unmöglichen Aufgabe versucht und daraus eine Sonderbeilage gemacht. Größe allein genügt ihr aber nicht. Sie sucht nach Vorbildern, die heute noch aktuell und mehr denn je zukunftsweisend sind – »Menschen, von denen wir lernen können, die wir wiederhaben wollen«.   weiterlesen…

4. November 2009

Luxus für die Ärmsten

Diese Reportage aus Merian klingt ein wenig so, als habe ein Drehbuchautor die Geschichte erfunden. Ein guter Film könnte schwerlich draus werden: zu rührselig der Inhalt; an den Haaren herbeigezogen die Story – und das Ganze viel zu schön, um wahr zu sein. Kitsch as Kitsch can, würde man im Kino sagen. Wir sind aber nicht im Kino, sondern in Rußland, genauer gesagt in St. Petersburg, im Grand Hotel Europe. Rußlands erstes Fünf-Sterne-Hotel, und ebenso unbestritten das erste Haus am Platz. Seit 1835 stieg hier ab, was Rang und Namen hatte – von Tschaikowsky, Prokofjew oder Strawinsky über Maxim Gorki und Georges Bernard Shaw bis hin zu Jimmy Carter, Bill Clinton, Queen Elizabeth II., Helmut Kohl und vielen anderen. So weit, so gut und für ein Hotel dieses Rangs eigentlich nicht der Rede wert. Große Namen, gesellschaftlicher Glanz, Luxus, Verschwendung – solche Assoziationen gehen mir beim Wort Grandhotel ohnehin durch den Kopf. Aber soziales Engagement? Unterstützung für die Ärmsten? Hilfe für Kinder in Not? – nein, darauf wäre ich im Leben nicht gekommen. weiterlesen…

5. Oktober 2009

Momentaufnahmen

Mitten in die heute Nachrichten des ZDF vom 9. November 1989 platzte wenige Minuten nach 19 Uhr die Eilmeldung von der Neuigkeit, die SED-Politbürmitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz um 18 Uhr 55 verkündet hatte. Dies dürfte die erste Nachrichtenmeldung gewesen sein, in der die Öffentlichkeit von dem historischen Ereignis erfuhr; erstaunlich, wie sachlich und unbeteiligt der Sprecher sie vortrug.

Und hier die Bilder von den ersten Menschen, die mit Billigung der DDR-VoPos den Grenzübergang an der Bornholmer Straße passierten; im Abstand von 20 Jahren begreift man langsam, was damals passiert ist…

19. September 2009

Rasender Reporter – Nachtrag

Mittlerweile sind zu Pasolinis Reportage »Die lange Straße aus Sand« (mit der ich mich vor wenigen Tagen ausführlich beschäftigt habe) eine Reihe weiterer Rezensionen erschienen – z.B. hier und hier und hier; die ZEIT (Nr. 38/2009 – online nur für Abonnenten verfügbar) sowie Merian haben Ausschnitte daraus veröffentlicht. Immerhin – das Buch scheint die Resonanz zu kriegen, die es verdient.

Zum Reinhören: ein Interview mit Peter Kammerer, der auch das Nachwort zum Buch verfaßt hat.

19. August 2009

Reality Check

Um 4,8 Prozent, so lese ich, seien die Umsätze des deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes im ersten Halbjahr 2009 durchschnittlich zurückgegangen. Am stärksten getroffen habe es dabei, mit einem Rückgang um 7,1 Prozent, die Hoteliers. Das könnte man mit Fug eine schlechte Nachricht nennen – es ist aber die gute, lerne ich aus demselben Beitrag. Denn: hätten die Betriebe nicht rechtzeitig ihre Preise erhöht, wäre der Einbruch noch viel dramatischer ausgefallen – um 9,4 Prozent bei den Hoteliers und 6,9 Prozent bei den Gastronomen.

Und was schließen wir daraus? Welches Bild will uns die zuständige PR-Agentur oder Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit vermitteln? Die deutschen Hoteliers hätten in weiser Voraussicht die Krise kommen sehen und – clever wie sie sind – ratzfatz ganz schnell erst mal die Preise angehoben. Vielleicht in der Hoffnung, mit etwas Glück über höhere Preise die sinkenden Übernachtungszahlen sogar wettzumachen. Ganz geklappt hat’s dann doch nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen. Da hätten doch glatt die treuen Stammgäste auch noch die Rechnung derjenigen bezahlt, die gar nicht gekommen sind. Wer denkt sich sowas aus, frage ich mich?   weiterlesen…