Einträge zum Thema Reality Check

3. September 2010

Heiteres Beruferaten

Die WELT hat mal wieder den Finger am Puls der Zeit. Jetzt hat sie entdeckt, daß die Hotelbranche in rasender Kreativität dabei ist, neue Berufe und Berufsbilder zu kreieren. Das klang schon mal vielversprechend. Viel öfter wird ja das Gegenteil beklagt: zuwenig Innovationsfreude in der Hotellerie. Also fing ich zu lesen an.

Der Artikel begann – zur Einstimmung, vermutete ich – mit dem neuen Job des Hotelpoeten. Der geht im Restaurant von Tisch zu Tisch, trägt selbst verfaßte Gedichte vor oder findet Reime zu beliebigen Worten und Wortverbindungen, die ihm die Gäste zuwerfen. Wahnsinnig aufregend. Und ein internationaler Erfolg, wie die WELT versichert. Daß der Poet aus Stratford-upon-Avon kommt, soll seine Qualitäten wohl zusätzlich beglaubigen. Immerhin wurde dort schon William Shakespeare geboren. Ich fand’s trotzdem zum Gähnen. Und noch nicht mal sonderlich neu. Dunkel erinnert man sich, sowas auch schon in Fernseh-Shows gesehen zu haben, kurz bevor man vor der Glotze einschlief. Na ja, was soll’s, dachte ich. Das war jetzt erstmal zum Aufwärmen. Keiner will schon zu Anfang sein ganzes Pulver verschießen. Eine gute Story baut langsam die Spannung auf, bevor sie zum Höhepunkt kommt. Es kann nur besser werden.

Es wurde aber nicht besser. Nur peinlicher. Da traten etwa arbeitslose Opernsänger auf, die sich als Kellner verdingten. Und während sie die gedünstete Forelle servierten, hielten sie kurz inne, um zur nicht gelinden Überraschung der Gäste »La donna è mobile…« zu schmettern. Überraschung ist heutzutage wohl ein Wert an sich. Und selbst damit ist es bei vielen dieser »neuen Hotelberufe« nicht weit her. Darüber, daß Hotels mit mehrere Stockwerke hohen Aquarien für deren Reinigung Taucher beschäftigen müssen, wundert sich wohl nur ein WELT-Reporter. Und wenn an einem tropischen Palmenstrand die Badegäste Gefahr laufen, von herabfallenden Kokosnüssen oder abgestorbenen Zweigen getroffen zu werden, dürfte es jedem verantwortungsvollen Hoteldirektor ein Anliegen sein, solche Gefahrenquellen jeden Morgen beseitigen zu lassen. Das war, wie ich vermute, vor 30 Jahren nicht anders als heute. Vielleicht hießen sie damals noch nicht »Coconut Climber«. Und ein Beruf ohne eigenen Namen ist nun mal kein richtiger Beruf.

Statt einem Höhe- strebt der WELT-Artikel langsam aber sicher seinem absoluten Tiefpunkt zu. Der ist erreicht, als man uns den Gärtner des pfälzischen Hotels »Kloster Hornbach« vorstellt. Der kümmert sich nicht nur um Blumen, Bäume und den Gemüsegarten, sondern auch um die hauseigene Carrera-Rennbahn. Was für eine glänzende Berufsperspektive.

Das macht mir Mut, selbst mit einer bescheidenen Anregung zur wunderbaren Berufsvermehrung beizutragen. Ich schlage also vor – jetzt alle mal herhören, bitte: den ultimativen Hotel-Vortänzer. Nein, nicht was Sie meinen. Einen Tanzlehrer oder Ballett-Tänzer kann jeder engagieren. Wer sowas macht, ist einfach noch nicht richtig auf den Hund gekommen. Und erst dann wird es wirklich sensationell. Lassen Sie sich überraschen:

3. September 2010

Der Fluggast spürt keinen Schmerz

Die europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat eine Studie erstellen lassen und gibt jetzt Entwarnung. Der Verdacht, es gebe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen zu engen Sitzabständen und der Gefahr von Thrombosen, habe sich nicht bestätigt. Damit kann bis auf weiteres alles beim Alten bleiben. Der Forderung von Politikern, Ärzten und Ver­braucher­schützern, verbindlich größere Sitzabstände vorzuschreiben, erteilt die EASA eine klare Absage. Dazu wäre sie zwar befugt – da aber für die Passagiere keine Lebensgefahr drohe, werde sie von dieser Befugnis keinen Gebrauch machen.

Das könne sich in Zukunft aber ändern, betonte ein Sprecher der Behörde. Denn die Fluggäste werden im Schnitt immer größer und schwerer. Das führe möglicherweise dazu, daß die eng gestaffelten Sitzreihen eine rechtzeitige Evakuierung verhinderten. In diesem Fall werde man selbstverständlich regulierend eingreifen. Das beruhigt mich jetzt wirklich. Und die Logik dahinter ist einfach bestechend: solange es keine Toten gibt, dürfen die Fluggesellschaften ihren Passagieren zumuten, was sie wollen. Sollte es aber wirklich Tote geben, wird die EASA ein Expertenteam untersuchen lassen, ob sich wissenschaftlich schlüssig ein Kausalzusammenhang zwischen der vermuteten Ursache und den Todefällen beweisen läßt. Man braucht schließlich Sicherheit, bevor man handelt. Schade, daß die EU-Institutionen nicht in allen Bereichen so hohe ethische Maßstäbe anlegen. Auf ein Verbot der Glühbirne könnten wir dann noch lange warten…

Aber vielleicht sollte man in Zukunft trotzdem öfter mit der Bahn fahren. Und das Flugzeug nur in Ausnahmefällen benutzen. Am besten in Vollnarkose.

1. September 2010

Wie man eine Kernkompetenz kommuniziert

Nicht nur Hotels haben eine Geschichte und eine Botschaft, sondern auch Unternehmen. Marketingleute nennen das die Kernkompetenz – und haben meist keine Ahnung, worauf es dabei ankommt. Denn es geht nicht um Marketing – auch nicht um einen technologischen Vorsprung oder ein »Alleinstellungsmerkmal«. Es geht tatsächlich um eine Botschaft und eine Geschichte. Die handeln davon, was das Unternehmen der Welt zu geben hat und womit es die Menschen bereichert. Das ist sein eigentliches Thema – und im nächsten Schritt geht es dann darum, mit diesem besonderen Thema, also der Kernkompetenz, Gewinne zu erzielen.

Am Anfang aber steht immer die Geschichte. Der elementare Rückbezug auf den Menschen und seine Welt. Schon Vision klingt dafür zu hochgestochen. In der Regel ist es ganz einfach und selbstverständlich. Allzu einfach und selbstverständlich nach dem Geschmack von Marketingexperten:. »People Meet in Architecture«. Fast schon banal, würden sie sagen. Aber das ist der Ausgangspunkt, um glaubwürdig Visionen zu entwickeln, die das Gegenüber begeistern. Modische Etiketten, Werbeslogans oder architektursoziologische Diskurse eignen sich dafür nicht.

Leider haben wir es weitgehend verlernt, in dieser Hinsicht unseren besseren Instinkten zu vertrauen – abgesehen davon, daß einem diese Einfachheit und Klarheit auch nicht in den Schoß fällt. Deswegen bin ich immer dankbar für Beispiele, von denen ich lernen kann. Kazuyo Sejimas Biennalemotto ist ein solches Beispiel. Burkhard Schwenkers Abschieds-Mail war ein anderes. Und wie der Zufall es will, bin ich grade gestern in der New York Times über ein drittes gestolpert. Es handelt sich um eine Rede Steve Jobs’ im Jahr 1997 vor Apple-Mtarbeitern – wenige Monate, nachdem er ins Unternehmen zurückgekehrt war, und kurz bevor das Unternehmen mit einer neuen Werbekampagne auch öffentlich seinen Relaunch einleitete. Es war die Zeit, in der Apple am Abgrund stand: der Computerhersteller hatte die Orientierung verloren, der Marktanteil sank seit Jahren kontinuierlich, und selbst die eigenen Mitarbeiter hatten das Vertrauen in die Marke verloren.

In dieser Situation hing alles davon ab, daß es dem Unternehmen gelang, sich auf seine eigentliche Stärke, seine Botschaft und seine Geschichte zurückzubesinnen – und Apple das Vertrauen in sich selbst wiedererlangte. Es zeichnet Steve Jobs aus, daß er das verstand – und die Herausforderung annahm. Wie er das tat, mit welchem Ernst und mit welcher Leidenschaft er die Kernkompetenz des Unternehmens auf ihren menschlichen Kern zurückführte, in unprätentiösen starken Worten und nicht ohne Humor: das ist wirklich sehenswert. In gewisser Weise ist in dieser kurzen Ansprache bereits die Erfolgsgeschichte der folgenden 13 Jahre vorgezeichnet. Obgleich zu diesem Zeitpunkt davon keiner träumte, Steve Jobs womöglich ausgenommen. Wirklich, man kann einiges daraus lernen. Aber urteilen Sie selbst:

1. September 2010

Das Energiesparlampen-Paradox – Forts.

Der Artikel des Economist, an den mein gestriger Beitrag anknüpfte, scheint einen Nerv getroffen zu haben. Gestern hat auch die New York Times in ihrer Rubrik »Idea of the Day« die Thesen des Economist aufgegriffen. Das ist begrüßenswert. Denn ungeachtet der vollendeten Tatsachen, die die EU leider geschaffen hat, verdient das Thema sicher eine breitere Diskussion als die Glaubenskriege, in denen es sich häufig erschöpft.

Erstaunt haben mich allerdings die Leserkommentare. Kaum jemand hat die Argumention des Artikels nachvollzogen und seine Pointe verstanden. Die einen unterstellten, der Economist empfehle eine Rückkehr zu den Pechfackeln der Höhlenbewohner (das erinnert mich an das Niveau der Atomstrom-Debatten hierzulande), die anderen meinten, die Verfasser des Artikels und der zugrundeliegenden Studie verlängerten einfach die Entwicklung von 1750 bis heute 20 Jahre in die Zukunft. Aber die Zunahme des »Lichtkonsums« in den letzten 250 Jahren diente nur der Veranschaulichung, nicht als Argument oder gar Beweis – ebenso übrigens wie die Analogie zum überproportional wachsenden Verkehrsaufkommen bei einem Ausbau des Straßennetzes.

Wer sich ein Urteil bilden möchte, wie fundiert oder fehlerhaft ihre Ergebnisse sind, sollte sich dabei schon auf die Studie selbst beziehen; sie ist online verfügbar – wenn Sie Interesse haben, klicken Sie hier.
 

Update:
Auch deutsche Medien sind jetzt auf die Studie Prof. Jeff Tsaos von den Sandia National Laboratories aufmerksam geworden. Das Bedürfnis nach ernsthafter Diskussion ist wohl doch weiter verbreitet als die EU-Bürokraten denken, die offenbar überzeugt sind, »das Volk, den großen Lümmel« (H. Heine) nur mit Verboten zur Räson bringen zu können.

1. September 2010

Vorsicht, Werbung – 10 (Mehr Licht)

es werde licht

Ich bin das Licht, die Wahrheit und das Leben*. So hell kann es gar nicht sein, daß es noch heller nicht schöner wäre. Wer will noch Glühbirnen, wenn es Leuchtstoff-Energiesparlampen gibt. Das ist doch ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, zwischen Sonne und Mond. Scheint diese Anzeige sagen zu wollen. Damit liefert sie den perfekten Kommentar zum gestrigen Beitrag – und gleichzeitig eine unfreiwillige Bestätigung von dessen These.

Obwohl – so unfreiwillig wohl auch wieder nicht. In Wirklichkeit ist das genau die Botschaft, die Leuchtenhersteller unter die Leute bringen wollen. Schließlich geht es ihnen um bessere Geschäfte, nicht schlechtere. Um höhere Nachfrage, nicht geringere. Und also um mehr Licht, nicht um weniger.

Man kann es den Herrschaften noch nicht mal verdenken. Das sind sie ihren Unternehmen und deren Aktionären einfach schuldig. Deshalb werden sie alles tun, die leuchtende Vision des Economist noch strahlendere Wirklichkeit werden zu lassen.
 

* Ja, ich weiß, in der Bibel steht es anders. Aber es gibt immer mehrere Wege, die frohe Botschaft zu verkünden. Fragen Sie eine Werbeagentur.

31. August 2010

Das Energiesparlampen-Paradox

Über Sinn und Unsinn des Glühlampenverbots haben wir hier bereits des öfteren gesprochen; der Unsinn überwiegt natürlich, wie bei den meisten Segnungen, die wir der Bürokratie verdanken. Dabei hat sich meine Kritik auf zwei praktische Gesichtspunkte konzentriert: der vorgeschlagene Ersatz – unter dem Namen Energiesparlampe im Handel – produziert minderwertiges, im Vergleich zur Glühlampe indiskutables Licht; die wirklich interessanten Alternativen, die LED- und vor allem die OLED-Leuchten, brauchen noch ein paar Jahre, bis sie die Glühbirne im großen Maßstab ersetzen können und sich ihr Einsatz auch ökonomisch rechnet. Vor diesem Hintergrund ist das Verbot der Glühbirne jedenfalls verfrüht, wahrscheinlich aber generell überflüssig. Sobald es überlegene Lösungen zu kaufen gibt, werden sie der Glühlampe sowieso den Rang ablaufen. Wo aber – aus welchen Gründen immer – die Glühbirne weiterhin das Beleuchtungsmittel der Wahl darstellt, da soll sie auch weiter existieren dürfen. Die Brüsseler Bürokraten hätten getrost etwas mehr Vertrauen in die Marktwirtschaft setzen dürfen…

So weit, so gut, und außer in Brüssel dürfte dieser Schlußfolgerung heute kaum noch jemand widersprechen.

Das einzige Argument, das den Befürwortern des Verbots bleibt, ist die Notwendigkeit, Energie zu sparen – lieber heute als morgen, und jedenfalls nicht erst dann, wenn die Kräfte des Marktes effizienteren und sparsameren Lösungen zum Durchbruch verhelfen. Angesichts des dramatischen Klimawandels müsse die Politik dem Markt Rahmenbedingungen setzen, so heißt es. Immerhin macht die Beleuchtung 6,5 Prozent des Welt-Energieverbrauchs aus.

Der Economist freilich stellt jetzt sogar dieses Argument in Frage und prognostiziert, daß das Verbot der Glühlampe im Gegenteil nicht nur zu einer Erhöhung, sondern sogar zu einer Vervielfachung des Energieverbrauchs führen wirdweiterlesen…

31. August 2010

Die zwei Gesichter des Social Web

Stephanie Marcus in Mashable:

»For all the praise that brand advertisers have for social media, they must be aware that it’s very much a double-edged sword. And for all the free marketing, advertising and brand promotion via Facebook, Twitter, Foursquare, and other platforms used to help build an identity and relationship with your customers, it can just as quickly turn on you and your brand.«

Das ist einer der Gründe, warum ich so beharrlich zur Vorsicht im Umgang mit Social Media rate. Was das Social Web für Sie tut, kann es auch gegen sie tun; so sehr es nutzt, so sehr vermag es zu schaden. Wenn ein potentieller Gast zwei Dutzend Hotelbewertungen bei einem Online-Portal liest – was meinen Sie, welche er in Erinnerung behält? Klar doch: die schlimmste. Und das ist keine böswillige Unterstellung meinerseits, sondern der Erfahrungswert von TUI, nachzulesen im aktuellen SPIEGEL (Link nur für Abonnenten).

Und wozu lädt das ein? auf welche Idee könnte da einer kommen, der Ihnen schaden möchte? Auch hier will ich niemandem Böses unterstellen. Aber es sind schließlich schon haarsträubende Dinge vorgekommen. Und das ist nur die naheliegendste der Gefahren, die vom Social Web drohen können.

Keine dieser Gefahren muß sich materialisieren. Aber man sollte sie kennen – und gegen sie gerüstet sein. Deshalb rate ich weiterhin zu konstruktiver Skepsis und viel Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand. Im Grunde ist es wie bei den abenteuerlichen und »todsicheren« Finanzmarkt-Konstrukten, die bis vor kurzem so in Mode waren: wenn Ihnen Ihr Bankberater das Blaue vom Himmel verspricht und Sie verstehen trotzdem nicht, wie genau das funktionieren soll – dann weiß er’s aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nicht (und möglicherweise auch sonst keiner).

Die Folgen für die Finanzmärkte haben wir erlebt. Im Social Web sind die Auswirkungen nicht ganz so gravierend und treffen eher den Einzelnen. Das ist freilich ein schwacher Trost, wenn es sich bei dem Einzelnen ausgerechnet um Sie handelt.

30. August 2010

Fairness

Erfolg hat ein Hotel auf lange Sicht dann, wenn sich die Gäste drin wohlfühlen, und die Gäste fühlen sich wohl, wenn ihnen die Atmosphäre behagt. Doch worin liegt das Geheimnis einer freundlichen, entspannten, gastfreundlichen Atmosphäre? Äußerlichkeiten wie ein großzügiges Raumgefühl, die Einrichtung, das Licht, die Farben vermögen dazu beizutragen. Entscheidend aber ist der menschliche Faktor: Umgangston und Umgangsformen – Freundlichkeit, Gelassenheit, Hilfsbereitschaft. Funktioniert blendend, solange sich alle an die Regeln halten. Das ist natürlich niemals der Fall. Und von seiten des Hotels nur zu beeinflussen, soweit es die eigenen Mitarbeiter betrifft – und das ist schwer genug. Aber was ist mit den Gästen? Die fühlen sich als Könige und wollen entsprechend behandelt werden. Das ist ihr gutes Recht. Allerdings verhalten sich auch Könige bisweilen wie Rüpel. Und ein einziger Querulant kann im schlimmsten Fall allen anderen Gästen die Stimmung verleiden (ein arroganter Concierge, ein mürrischer Kellner oder schlampiger Küchenchef natürlich ebenso).

Kurz: so toll kann eine Atmosphäre gar nicht sein, daß nicht ein Einzelner sie vergiften könnte. Ich bin wohl nicht die einzige, die diese Erfahrung schon zu wiederholten Malen gemacht hat. Patentrezepte gegen die notorischen Nörgler, Moralapostel, Weltverbesserungs-Aspiranten, Möchtegern-Diktatoren und sonstigen zu kurz gekommenen Egomanen gibt es selbstverständlich keine. Umso mehr hat mir eine Geschichte zu denken gegeben, die ich gestern gelesen habeweiterlesen…

30. August 2010

Das wohlkonfektionierte Kreuzfahrt-Vergnügen

Der Monat August verbindet sich in meiner Vorstellungswelt mit Hochsommer – aber Hochsommer spielt dieses Jahr wohl anderswo. Bei dem Novemberwetter draußen ist es jedenfalls kein Wunder, wenn wenigstens die Gedanken auf Wanderschaft gehen – aber was heißt Wanderschaft: eine Südsee-Kreuzfahrt – das wär’s doch eigentlich. Und passenderweise stoße ich auch gleich auf einen Artikel, der mir verrät, welche Fortschritte Kreuzfahrtschiffe in Sachen Unterbringung und Wohnkomfort mittlerweile gemacht haben. So eine Schiffskabine unterscheide sich kaum mehr von einem halbwegs anständigen Hotelzimmer, heißt es – und die investigativen Kollegen von HotelChatter belegen das gleich mit einem selbstgedrehten Video:

Es handelt sich um Zimmer 1214 an Bord der Carnival Glory, also eine durchschnittliche Kabine auf einem durchschnittlichen Schiff, wie der Beitrag versichert. Auf den Luxuslinern der allerneuesten Generation, heißt das wohl, dürfen wir uns auf noch komfortablere, noch »hotelähnlichere« Verhältnisse freuen. Toll, nicht wahr. Warum mangelt es mir dennoch an der pflichtschuldigen Begeisterung? Die Kabine sieht ja wirklich aus, wie Hotelzimmer überall auf der Welt eben aussehen. Aber hätte letzteres nicht schon gereicht, frage ich Sie. Genügt es nicht, wenn uns das Hotelzimmer nicht mehr verrät, ob wir grade in Wattenscheid oder in Washington übernachten? Müssen wir jetzt auch noch rätseln, ob wir bei einem Schritt aus dem Haus überhaupt festen Boden unter den Füßen haben – oder vielleicht auf hoher See zum Schnäppchenpreis über die Weltmeere dümpeln?

Muß wohl am Novemberwetter liegen, daß mir keine sonnigeren Kommentare dazu einfallen. (Aber ich zweifle auch ganz ernsthaft daran, ob »hotelähnlichere Kabinen« David Foster Wallace beispielsweise zu einem positiveren Fazit über das moderne Kreuzfahrt-Vergnügen bewogen hätten; vgl. auch hier.)

Sollten Sie aber diesen Beitrag zufällig an Bord eines Schiffes in der Südsee lesen, dann freuen Sie sich doch bitte des herrlichen Sonnenscheins – und lassen Sie sich nicht die Stimmung vermiesen vom Gedanken an das Winterwetter, das Sie zuhause erwartet… ;-)

28. August 2010

Seiner Zeit voraus – Fortsetzung

50 Jahre wurde Arne Jacobsens SAS Royal Hotel in Kopenhagen heuer alt – und der Ruhm als erstes Designhotel der Welt ist ihm wohl nicht zu nehmen. Aber was heißt das schon? Betrachten wir beispielsweise Kopenhagens zweite Erste Adresse – das Hotel D’Angleterre, im Zentrum der Stadt am Kongens Nytorv gelegen; zum Schloß Charlottenborg, dem königlichen Theater und dem berühmten Kaufhaus Magasin du Nord sind es jeweils nur ein paar Schritte. 200 Jahre hat das ehrwürdige Haus mittlerweile auf dem Buckel, viermal mehr als das SAS Royal, und das sieht man ihm auch an:

lowrez-dangleterre-Facade

Es gibt aber noch einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden First-Class-Häusern.  weiterlesen…

23. August 2010

Kommt jetzt der Sex auf den Hund?

Seit ich den Film und die Bilder des Chateau Poochie in Florida gesehen (und hier veröffentlicht) habe, höre ich nicht auf, mich zu wundern. Gäbe es Bilder, die nur das Haus und nicht seine Bewohner zeigen, würde schwerlich jemand erraten, worum es sich handelt. Die Architektur, das kostbare Interieur und die technische Ausstattung liefern nicht den mindesten Hinweis darauf, daß es sich hier um ein Luxus-Domizil für Hunde und Katzen handelt.

Entwickeln die Menschen also eine Affenliebe zu ihren Hunden und Katzen (vielleicht auch noch zu Eisbären und Kraken)? Machen sie keinen Unterschied mehr zwischen sich und ihren Haustieren? Verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Tier? Eine gefährliche Frage, wie ich festgestellt habe, denn jetzt finde ich überall Bestätigungen dieser These. Eine davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Auf den ersten Blick mag es zwar abwegig scheinen – aber vielleicht ist auch Ihnen bereits aufgefallen, welch verblüffende Ähnlichkeiten oft zwischen Sex-Artikeln und Hundspielzeug besteht. Wenn nicht, dann versuchen Sie mal, die folgenden Gegenstände richtig zuzuordnen:

1. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_1

2. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

spielzeug_2

3. Sex-Zubehör oder Hundezubehör?

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4. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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5. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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6. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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7. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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8. Sex-Spielzeug oder Hundespielzeug?

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Das soll für den Anfang genügen. Haben Sie den Verwendungszweck der Sachen richtig erkannt? Gratulation! Falls Sie hingegen Zweifel hegen, sollten Sie einfach  weiterlesen…

22. August 2010

Bettenmach-Ungemach

Was bringt manche Menschen dazu, selbst im Hotel zwanghaft ihr Bett selbst zu machen – wohl wissend, daß kurz darauf das Zimmermädchen die Arbeit von vorn beginnen und auf ihre Art zu Ende bringen wird. Die Frage stellt Don Alphonso in einem der lesenswerten Essays, aus denen sein Blog »Stützen der Gesellschaft« besteht. Ist es die kleinbürgerliche Fassade, die gewahrt werden muß? Oder handelt es sich um die Reminiszenz an eine längst vergangene Etikette, sinniert Don Alphonso in seinem traditionsbewußten Hotel in der Kurstadt Meran, wo die Erinnerung an bessere Tage in der k&k Monarchie noch nicht ganz verblaßt ist; »Sommerfrische« nannte man solche Aufenthalte seinerzeit.

Aber lesen Sie am besten selbst, was Don Alphonso dazu alles einfällt – und das ist einiges.

Ich kenne die strengen Regeln der großbürgerlichen Etikette wahrscheinlich ebenso gut wie Don Alphonso, ebenso die zwanghafte kleinbürgerliche Enge, und auch die stillose Barbarei vieler heutiger Touristenhorden ist mir nicht ganz fremd. Aber vielleicht ist die Antwort viel einfacher. Vielleicht sind die Leute, je weniger sie sich des eigenen gesellschaftlichen Status sicher sind, desto mehr bemüht, wenigstens den Schein und die äußere Form zu wahren. Sogar gegenüber dem Zimmermädchen oder dem Kellner. (Und wie viele mögen sich nicht, angesichts der Vielzahl dienstbarer Geister, die im Hotel bemüht sind, ihnen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, insgeheim als Hochstapler fühlen?)

Wie denken Sie darüber?

16. August 2010

Writers’ Corner

Die Frage nach der humanen Dimension eines Design, das Menschen dient und ihren Schönheitssinn anspricht, wird uns hier in der Serendipity Suite wohl noch ebenso lange beschäftigen wie die Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen Auswüchsen dieser Disziplin, die solche Ziele leichtfertig in den Wind schlägt. Die Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung (leider nicht online) hat zu diesem Thema ein Gespräch mit Alessandro Mendini geführt, einem der Altmeister des postmodernen Designs. Der bringt die heutige Lage folgendermaßen auf den Punkt:

»Das Problem des modernen Designs ist, dass es sich ausschließlich um Styling zu drehen scheint. Stars wie Marc Newson konzentrieren sich zu sehr auf Marketing und Hightech-Materialien. Für mich ist auch Design, das Kunst sein will, ein Problem. Es wird zu artifiziell, es verliert die Bodenhaftung. Es ist fast immer dummes Design. Denn es ist sehr kalkuliert und kalt. Es ist nicht mehr mit der Lebenswirklichkeit der Menschen verbunden, nicht mehr mit ihrem Alltag, mit ihren Körpern. Was ihm vor allem fehlt, ist eine humanistische Utopie.«

Alessandro Mendini wird nächstes Jahr 80. Schade, daß es gegenwärtig nur wenige so junge, rebellische Geister wie ihn gibt. Immerhin: bei den ganz Jungen wird die Forderung nach einer Umorientierung immer lauter.

16. August 2010

Aus der Schule geplaudert
[Langfassung]

Können wir von erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden was lernen? Aber sicher: wenn sie bereit und fähig sind, das, was sie selber erfahren, gelernt und erkannt haben, mit uns zu teilen. Doch, sowas gibt es.

Manager sind auch nur Menschen, heißt es oft, und meist ist Schadenfreude im Spiel, weil sich einer von ihnen irgendeinen dummen oder peinlichen oder gar strafrechtlich relevanten Ausrutscher geleistet hat. Aber: Manager sind wirklich Menschen, manchmal sogar Persönlichkeiten, und bisweilen zeigen sie das sogar – nicht nur privat, sondern auch öffentlich. Leider sind das die Ausnahmen und seltenen Glücksfälle. Das ging mir erst vor wenigen Tagen wieder durch den Kopf, als ich diese Abschiedsmail Burkhard Schwenkers las. Burkhard Schwenker war – die meisten werden es wissen – als Nachfolger des Firmengründers seit 2003 CEO von Roland Berger Strategic Consultants. Nun wechselt er an die Spitze des Aufsichtsrats und wird dem Beratungsunternehmen künftig beratend zur Seite stehen, seine bisherige Funktion übernimmt Martin Wittig.

Es ist üblich und gehört zum guten Ton, bei Anlässen dieser Art eine Erklärung abzugeben – eine Bilanz der eigenen Arbeit, ein paar Worte zum Unternehmen, ein Ausblick auf die Zukunft. Eine Pflichtübung also, und danach klingen die meisten dieser Statements denn auch. Die Mail, mit der sich Schwenker von seinen ehemaligen Mitarbeitern verabschiedet, schlägt einen anderen Ton an. Sie ist so persönlich, daß von dem, was er zu sagen hat, auch andere profitieren und was lernen können. Ein Büro für Innenarchitektur zum Beispiel, ein Hoteldirektor oder ein Investmentunternehmen. Das klingt paradox, ich weiß, weil man normalerweise das Berufliche für relevanter hält als das Private und eher an der Kompetenz und den professionellen Ratschlägen eines Beraters interessiert ist als an seinen persönlichen Erfahrungen.

Schon im dritten Satz vermittelt Schwenkers Mail eine Ahnung davon, was daran nicht stimmt. In all den Jahren, schreibt er, habe er sich im Dialog mit den Mitarbeitern stets bemüht, »to be positive with an optimistic attitude towards upcoming challenges«. Das gehört zur Rolle und Funktion eines CEOs. Jetzt, da er von dieser Funktion Abschied nimmt, ist aber eine Beschränkung auf die dazugehörige Rolle nicht mehr angemessen. Darin liegt kein Verzicht, sondern eine weitere Herausforderung:  weiterlesen…

15. August 2010

In Zukunft lieber ohne mich

Hollywood liefert die Traumbilder, die Wirklichkeit korrigiert sie dann. Das erfuhr auch der Schriftsteller David Foster Wallace, als er im Auftrag von Harper’s Magazine eine Kreuzfahrt unternahm, um in einer Reportage darüber zu berichten. Der Traum erwies sich über weite Strecken als Alptraum. Eine erweiterte Fassung seines Erfahrungsberichts veröffentlichte Wallace später als Buch, dessen Fazit er kurzerhand zum Titel machte:

für größere Ansicht bitte klicken

Auch wenn damit alles gesagt scheint, empfehle ich Ihnen dennoch, das ganze Buch zu lesen (sofern Sie’s nicht schon kennen). Es ist in der Tat schrecklich amüsant – und die beste literarische Behandlung des Phänomens Kreuzfahrt, die ich kenne.

Übrigens: so kongenial Marcus Ingendaay den Titel übersetzt hat – das Original ist noch eine Spur lakonischer: »A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again«.

14. August 2010

Aus der Schule geplaudert (2)

Wie schafft man in schwierigen Zeiten ein Wir-Gefühl und die Verpflichtung auf gemeinsame Ziele als Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg: darum ging es in der ersten Folge dieses Beitrags, der sich mit Burkhard Schwenkers Botschaft anläßlich seines Abschieds als CEO von Roland Berger auseinandersetzt. Heute geht es um den zweiten Schritt: wie setzt man danach diese Ziele erfolgreich um?

Die dominierenden Themen

Wer sich Ziele setzt, hat sie noch lang nicht erreicht. Genauso wichtig wie das Ziel ist der Weg dahin, und der ist eine Aufgabe für sich. Die alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, die hat es nie gegeben. Es ist die tägliche Praxis, in der sich Führungsqualitäten bewähren müssen. Man sollte meinen, ein Beratungsunternehmen sei dabei in seinem Element. Schließlich verdienen Berater viel Geld damit, ihren Klienten Werte zu vermitteln, die sich bei der Durchsetzung unternehmerischer Ziele bewähren. Um wieviel leichter müßte es ihnen fallen, auch für das eigene Unternehmen einen entsprechenden Kodex zu erarbeiten und für verbindlich zu erklären.

Das mag so sein, und Werte zu formulieren ist wichtig. Aber es reicht nicht aus, um dauerhaft und mit bleibendem Erfolg eine Haltung oder das Verhalten zu verändern. Solche Veränderungen liegen auf einer tieferen Ebene. Um es mit Burkhard Schwenkers Worten zu sagen:

»We have a lot of discussions about values or morality and ethics in business and leadership. This is absolutely necessary, but I believe that these kinds of conceptual frameworks will not really change behaviour. What helps are personal commitments and attitudes. You all know my personal favourites:

• a cool head, because complexity needs analytical skills

• a warm heart, because I’m completely convinced that you need to like people – taking care! – to lead properly

• and working hands, because it’s role models that give directions.«

Ein kühler Kopf, ein offenes Herz und fleißige Hände. Nachdenken, Wertschätzung üben, zupacken. Und das soll bereits alles sein? Wer schon mal Consultants in Aktion erlebt und gesehen hat, wie sie bei Strategie-Meetings Schaubilder, Diagramme und Mindmaps auf Flipcharts malen oder an die Wand beamen, kann sich nur die Augen reiben. Auch ich war verblüfft – aber kein bißchen befremdet.  weiterlesen…

13. August 2010

Klare Verhältnisse bei Ritz-Carlton

Offenkundig bin ich mit meinem gestrigen Beitrag der offiziellen Presse­mit­teilung von Ritz-Carlton nur wenige Stunden zuvorgekommen. Wie aus letzterer hervorgeht, waren meine Informationen sachlich korrekt: Hervé Humler wird neuer Präsident und COO von Ritz-Carlton; Simon F. Cooper bleibt dem Mutterkonzern Marriott in neuer Funktion erhalten. Gestört hat man sich bei Ritz-Carlton hingegen an der Bemerkung, der Wechsel sei »aus heiterem Himmel« erfolgt. Ich korrigiere mich gerne: für die Öffentlichkeit mag die personelle Veränderung überraschend gekommen sein – intern war sie wohl lange geplant, und Hervé Humler ist seit Jahren für diese Führungsrolle aufgebaut worden. So verstehe ich jedenfalls die Formulierung von den »Promotions der letzten Jahre« – aber ich zitiere die Mail, die ich dazu von Ritz-Carlton erhielt, am besten im vollen Wortlaut:

»Hallo Serendipity-Suite,

Ich helfe gerne bei der Aufklärung. Die Meldung, das unser Präsident Simon Cooper sich verändert, ist korrekt und wurde gestern via PR Newswire an die Medien weltweit rausgegeben. Es ist nicht korrekt, dass diese Veränderung aus “heiterem Himmel” kam. Dieser Führungswechsel war seit langem geplant und Mr. Hervé Humler (einer der Gründer der The Ritz-Carlton Hotel Company) ist sukzessiv auf diese Rolle vorbereitet worden, wie die Promotions der letzten Jahre anzeigen. Die gestrige Meldung hat auch Information darauf gegeben, dass Mr. Cooper als President und Managing Director Asia/Pacific für Marriott International nach Hongkong gehen wird und dort für alle Marken unseres Mutterkonzerns zuständig sein wird.

Anbei die vollständigen Meldungen:

http://www.prnewswire.com/news-releases/marriott-international-announces-leadership-positions-for-asia-pacific-middle-east-and-africa-100517894.html

http://www.prnewswire.com/news-releases/the-ritz-carlton-names-herve-humler-president–coo-100517884.html

Viele Grüße
Marion Schumacher

Marion Schumacher
Regional Director Public Relations, Europe
The Ritz-Carlton Hotel Company«

Für Simon F. Cooper bedeutet die neue Position einen beruflichen Aufstieg. Als President & Managing Director, Asia Pacific übernimmt er die Verantwortung für mehr als 130 bestehende und 70 in Entwicklung befindliche Hotels des Konzerns; dazu gehören die Marken The Ritz-Carlton, JW Marriott, Marriott, Renaissance, Courtyard and Marriott Executive Apartments.

12. August 2010

Stühlerücken bei Ritz-Carlton

Normalerweise halte ich diesen Blog frei von Tagesaktualitäten; in diesem Fall mache ich eine Ausnahme, weil mir diese Nachricht doch mitteilenswert scheint: Simon F. Cooper, Präsident und CEO von Ritz-Carlton Hotels, wird diese Funktionen abgeben; an seine Stelle tritt Herve Humler, bisher Präsident von Ritz-Carlton International. Cooper soll dem Konzern allerdings erhalten bleiben und eine neue, nicht näher definierte Rolle bei Marriott übernehmen.

Bemerkenswert finde ich diese Meldung schon deshalb, weil der Rücktritt allem Anschein nach aus heiterem Himmel kommt; es handelt sich nicht um einen lange geplanten und entsprechend angekündigten Führungswechsel.

Ich werde versuchen, so schnell wie möglich eine Bestätigung oder ein Dementi dieser Neuigkeit zu finden, und dann darüber berichten – ebenso (die Geschichte interessiert mich jetzt doch) über Ursachen und Hintergründe des Wechsels, sofern ich auch darüber was erfahre.

12. August 2010

Kundenorientierung

Mir fällt auf, daß alle von Kundenorientierung reden und dennoch immer nur das eine meinen. Und zwar – bezogen auf die Hotellerie: die Hotels hätten den Gästen die Wünsche von den Lippen abzulesen und ihnen womöglich schon vorher nach dem Munde zu reden. Der Gast ist König, das Hotel der Lakai. Aber eigentlich hat das Wort Kundenorientierung noch eine ganz andere Bedeutung, nämlich Orientierung zu geben. Nicht einfach nur dem Gast zu willen zu sein, sondern ihm zu zeigen, worin Gastlichkeit und Gastfreundschaft heute bestehen kann. Darin läge für mich die vornehmste Aufgabe eines innovativen Hotelkonzepts und damit auch von Kundenorientierung. Natürlich soll der Gast kriegen, was er sich wünscht – aber umgekehrt kriegen Hotels auch nur die Gäste, die sie verdienen.

Oder wie sehen Sie das?

11. August 2010

Leitgedanken

Von Firmenkultur und unternehmerischen Leitgedanken reden viele. Aber wofür stehen die Worte – und was bedeuten sie für die tägliche Praxis?

Mich wundert schon lange der Aufwand, den Unternehmen betreiben, um ihre Philosophie oder ihre Leitlinien zu formulieren. Dem Ergebnis ist der Aufwand kaum je anzusehen. Was als Mission Statement in der Imagebroschüre und auf der Website zu lesen ist, trägt eher skurrile Züge. Wortreich betont man die eigene Einzigartigkeit – und verwendet dabei bis aufs i-Tüpfelchen dieselben Formulierungen wie jeder andere auch. Wer fünf dieser feierlichen Erklärungen studiert hat, kennt sie alle. Wer mag sowas noch lesen? Keiner, würde ich wetten. Wozu also all diese Elaborate?

Ich will damit sagen: das Thema schien mir bislang nicht einmal des Nachdenkens wert. Dann habe ich diesen Essay des Internet-Pioniers und Unternehmers Paul Graham gelesen. An meiner Einschätzung der genannten Mission Statements hat sich dadurch nichts geändert. Aber seither frage ich mich, welche Chancen hier möglicherweise vergeben werden.

Grahams Überlegungen nehmen ihren Ausgangspunkt von einer scheinbar banalen Beobachtung: dem Vagabundieren seiner Gedanken morgens unter der Dusche. Wie jeder weiß, gehen beim Duschen die Gedanken ihre eigenen Wege – und auf die Weise entstehen bisweilen die allerbesten Einfälle. Da bin ich ganz zufällig drauf gekommen, sagen wir dann. Das stimmt aber nicht, behauptet Graham. Es ist kein Zufall woran wir beim Duschen denken – oder bei jeder anderen Gelegenheit, wo wir unseren Gedanken freien Lauf lassen. Am Inhalt dieser Gedanken können wir ablesen, was uns zu dieser Zeit am intensivsten beschäftigt; sie liefern uns unter Umständen aber auch Hinweise darauf, warum ein Erfolg, den wir anstreben, trotz aller Bemühungen ausbleibt.

Das hat seinen Grund in der Art, wie Innovation, schöpferische Arbeit und kreative Prozesse funktionieren. Diese entsprechen nicht dem Bild eines direkten Wegs von A nach B, von der Frage zur Antwort, von einem Ausgangspunkt zum anvisierten Ziel. Regelmäßig kommen wir an einen Punkt, wo wir steckenbleiben und nicht weiterwissen. »Dranbleiben« hilft da gar nichts – im Gegenteil: Loslassen heißt die Devise. Indem wir unsere Konzentration von der Aufgabe abziehen und »unsere Gedanken schweifen lassen«, erlauben wir ihnen, die gewohnten Bahnen zu verlassen, das Blickfeld zu erweitern, die Dinge anders zu sehen und neu zusammenzusetzen. Das Denken muß auf Abwege geraten, um kreativ zu sein.  weiterlesen…

10. August 2010

Originale und Kopien, Fortsetzung

Wer sich das Original leisten kann, haben wir festgestellt, leistet sich das Original. Und wer das Original besitzt, rümpft die Nase über Kopien. In den Augen des durchschnittlichen Käufers und Nutzers hat das Original einen höheren Wert als jede Kopie. Das liegt keineswegs nur am höheren Preis. Eines der besten und erfolgreichsten Geschäftsmodelle der letzten Jahrzehnte war die Idee von Swatch, Billigst-Uhren durch eine limitierte Auflage und den ständigen saisonalen Wechsel zu Originalen zu machen. Einige der frühen Modelle sind heute fast nicht mehr zu kriegen, und wenn, dann für Normalsterbliche nicht zu bezahlen.

Sind sie das wirklich wert? Werden Originale vielleicht einfach überschätzt? Beruht ihr Wert womöglich auf einer bloßen Illusion – und dahinter steht bloß eine clevere Geschäfts-Idee, die dann von Werbern und Marketing-Experten ins Extrem getrieben wird? Soll ich nur für den Namen ein Vielfaches dessen bezahlen, was das Produkt wirklich wert ist – und das nur eines vielfach ebenso imaginären Status-Gewinns wegen? (Die wirklich Reichen und der alte Adel haben für derlei Firlefanz ja oft genug nichts als Verachtung übrig.)

Fragen dieser Art hat sich wahrscheinlich jeder schon mal gestellt, mich eingeschlossen. Beispiele dafür, wo der Kult des Originals an Schwachsinn grenzt, sind unschwer zu finden – und ein Serienprodukt als Original zu bezeichnen, ist in gewisser Weise ohnehin ein Widerspruch in sich. Trotzdem ist das nicht die ganze Geschichte. Wenn wir den ganzen faulen Zauber weglassen, bleibt dennoch eine Sehnsucht nach Originalen, die tief in uns verwurzelt ist. Es ist dieses tiefverwurzelte Bedürfnis, das es Marketingleuten überhaupt erst erlaubt, aus dem Tanz ums magische Original ein so profitables Geschäft zu machen. Und aus demselben Grund werden noch so vernünftige Kosten-Nutzen-Kalkulationen oder -Erwägungen ein Produkt – ob einen Konsumartikel oder eine Dienstleistung wie in der Hotellerie – niemals zu einem Objekt der Begierde werden lassen.

Wieder einmal ist es Jonah Lehrer, der mir für diese intuitive Überzeugung einen empirischen Beleg liefertweiterlesen…

6. August 2010

Mehr Licht, bitte

Wenn ich unterwegs bin, ist das Hotelzimmer für mich eine Art sicherer Hafen – der Ort, wohin ich mich zurückziehen kann, um zu lesen, zu arbeiten oder auch nur einfach meine Ruhe zu haben. Und selbst wenn ich abends todmüde zurückkomme und ins Bett falle, schlafe ich nicht ein, ohne vorher wenigstens ein paar Seiten gelesen zu haben. Das ist ein Luxus, den ich mir gönne und ungern nehmen lasse. Ich brauche das als Einschub und Korrektiv zwischen dem einen Tag und dem nächsten. Leider schaffen es die meisten Hotels, das Vergnügen daran gehörig zu trüben. Und wenn ich »trüben« sage, meine ich das wörtlich: ich würde gern bei Licht lesen, nicht beim dämmrigen Schein einer 25-Watt-Funzel. Und das gilt sowohl nachts vor dem Einschlafen, als auch, wenn ich zwischendurch mal was lesen oder schreiben will. Es mag ja irrational sein – aber um klar denken zu können, brauche ich helle Räume um mich. Oder gleich völlige Dunkelheit.

Leider kenne ich nur ganz wenige Hotels, die mir das bieten. In der Regel ist es eher so: ich checke ein (nehmen wir der Einfachheit halber an: nach Einbruch der Dunkelheit), komme auf mein Zimmer, knipse das Licht an und suche als erstes nach dem Dimmer. Mein Vorgänger oder der Zimmerservice müssen den auf Schummerbeleuchtung eingestellt haben. Fehlanzeige, selbstverständlich. Es gibt keinen Dimmer. Es gibt nur Licht auf Sparflamme. Eigentlich müßte ich mich nach all den Jahren längst daran gewöhnt haben, aber ich ärgere mich immer noch maßlos über diese Sparwut auf meine Kosten.  weiterlesen…

5. August 2010

Einig gegen’s Körberlgeld oder
W–LAN Everywhere

Nein, ich wußte auch nicht, was das heißt, obwohl mir das Wiener Idiom vertrauter ist als beispielsweise das Plattdeutsche. Als »Körberlgeld« bezeichnen die Österreicher die Gebühren, die Hotels für die Internet-Nutzung erheben; ob das Wort darüber hinaus noch weitere Bedeutungen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls stehen diese Gebühren bei unseren alpenländischen Nachbarn gegenwärtig im Kreuzfeuer der Kritik. Politiker, Verbände, Tourismus-Experten und Fremdenverkehrsmanager sind sich einig: das Körberlgeld muß weg. Ganz weg.

Denn – und das ist das zweite, was ich neu gelernt habe: im Großen und Ganzen ist das freie W-LAN in österreichischen Hotels bereits weitgehend die Regel. Es sind die schwarzen Schafe, die wenigen verbliebenen Hardliner, gegen die sich die Kritik richtet. Die Internet-Nutzung separat in Rechnung zu stellen – das sei ein wenig, als würde man den Gästen die Wursträder (österreichisch für: Wurstscheiben) am Frühstücks-Buffet einzeln verkaufen – so Norbert Kettner von WienTourismus. Das ist aber längst nicht mehr zeitgemäß. Das tun nur noch die Ewig-Gestrigen. Daran kann man ermessen, wie weit die diesbezügliche Diskussion in der Alpen-Republik bereits fortgeschritten ist. Das mag an der Rolle liegen, die der Wirtschaftsfaktor Tourismus in Österreich spielt. Freies W-LAN immer und überall sowie die flächendeckende Verfügbarkeit des mobilen Internets sind Standort-Vorteile, die ein internationales Publikum zu schätzen weiß.

Aus diesem Grund geht es bei der aktuellen Debatte auch keineswegs ausschließlich um Hotels. Der Ehrgeiz der Österreicher ist größer.  weiterlesen…

4. August 2010

Originale und Kopien

Klar ist: nur das Original zählt; nur Originale versprechen Erfolg. Warum sind die meisten Hotels dann dennoch Kopien?

Im Zeitalter industrieller Massenfertigung wird es immer einfacher und kostengünstiger, Kopien herzustellen. Die Kopien werden auch immer besser. Bisweilen sind sie vom Original kaum zu unterscheiden und führen selbst Experten in die Irre. Einige Hersteller geben der Kopie dann sogar einen anderen Namen und verkaufen sie als Marke im eigenen Recht – als »zweites Original« gewissermaßen. Beispiele dafür muß ich keine nennen – das Klonen von Markenprodukten ist in manchen Ländern längst ein Wirtschaftsfaktor von einigem Gewicht.

Doch bei aller Perfektion in der Nachahmung bleibt ein wichtiger Unterschied zwischen Original und Kopie: die Originale kosten mehr. Kopien sind oft für einen Bruchteil des Originalpreises zu haben. Selbst wenn es sich um Fälschungen handelt, die sich als Originale ausgeben, sind sie in der Regel billiger. Von seiten der Anbieter ist das ein Gebot der Klugheit: wenn Kunden meinen, ein unschlagbares Schnäppchen zu machen, sind sie leichtfertiger beim Geldausgeben. Zum normalen Preis würden die Leute genauer hingucken – und für eine Fälschung würde keiner den Original-Preis bezahlen.

Wirklich logisch ist das nicht. Wenn eine Kopie genauso aussieht, sich genauso anfühlt und genauso funktioniert wie das Original – worin liegt dann noch der Unterschied zu diesem? Und dennoch bleibt es dabei: zwischen dem Original und der Kopie liegen Welten. Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: angenommen, Geld spiele keine Rolle – wofür würden Sie sich entscheiden: das Original oder die Kopie? Na, also. Und angenommen, Geld spiele eine Rolle und sie hätten sich eben deshalb für die Kopie entschieden: wie viel wären Sie bereit, dafür auszugeben? 90 Prozent des Originalpreises? 50 Prozent? Ein Viertel? Da sehen Sie’s. So wie Sie würden auch fast alle anderen antworten. Aus diesem Grund ist der Vertrieb billiger Kopien ein blühender Industriezweig.

Und aus demselben Grund bleibt die Entwicklung und Produktion von Originalen das bessere Geschäftsmodell. Zum einen erzielen sie höhere Preise und damit auch bessere Margen. Zweitens sind sie meist auch langlebiger und entwicklungsfähiger als die Kopien. Klone sind Eintagsfliegen.

Natürlich weiß das heutzutage jedes Kind. Nur in der Hotelbranche hat es sich noch nicht ganz rumgesprochen.  weiterlesen…

3. August 2010

Mehr zum iPad im Hotel

Gleich bei der Markteinführung hatte ich die Vermutung geäußert, daß dem iPad und vergleichbaren Tablet-Computern eine große Zukunft in Hotels beschieden sein könnte. Die Monate seither haben diese Prognose bestätigt. Überall auf der Welt bieten Luxus-Hotels ihren Gästen iPads als besondere Attraktion, meist zusammen mit hotelspezifischen Programmen und Features. Jetzt ist eine der großen, auch in Deutschland aktiven Business-Hotelketten auf den Zug aufgesprungen. Seit Anfang dieses Monats stellen ausgewählte Sofitel Häuser in vier europäischen Ländern – darunter das Sofitel Hotel Bayerpost in München – jedem Gast, der eine Suite bucht, auch ein iPad als kostenlosen Service zur Verfügung. Natürlich darf auch hier der hotelspezifische Zusatznutzen nicht fehlen: eine vorinstallierte Auswahl ständig aktualisierter internationaler Wirtschaftszeitungen, ergänzt um führende Tageszeitungen und Magazine – darunter einige, die nur im Abonnement bzw. gegen Bezahlung online zu haben sind. Sofitel läßt sich den Luxus durchaus was kosten.

Trotzdem: besonders revolutionär oder gar einfallsreich klingt das nicht. Dieselben Medien könnte das Hotel seinen Gästen unschwer auch offline offerieren. Das wäre allerdings ein ganz schöner Wust an Papier. Da ist das iPad doch erheblich komfortabler und vielseitiger – und bietet den Gästen darüber hinaus (noch) einen besonderen »Erlebniswert«. Außerdem, so argumentiert Sofitel, sei das umweltfreundlicher als Papier, und verspricht, das Lektüre-Angebot künftig noch kräftig zu erweitern. Außerdem sollen schrittweise weitere, auf die Anforderungen einer internationalen Business-Elite zielende Anwendungen dazukommen.

Darauf bin ich jetzt schon gespannt. Denn was ich bisher diesbezüglich kennengelernt habe, überzeugt mich keineswegs.  weiterlesen…

31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

30. Juli 2010

Serendipity. Voll im Trend.

Vor etwa zehn Jahren prokrastinierte, wer ein bißchen angeben und sich wichtig machen wollte. Schließlich wußte kaum einer, was das Wort bedeutete. Heute ist Prokrastination eine Allerweltsvokabel. Wir brauchen dringend was Neues, um Eindruck zu schinden. Am besten mit snobistisch englischem statt mit gelehrt lateinischem Stammbaum. Und wir müssen noch nicht mal lange suchen; das Modewort des nächsten Jahrzehnts ist soeben aus dem Ei geschlüpft und hat es auf Anhieb zu Titel-Ehren gebracht. Ab sofort wird serendipitiert.

Ernsthaft. Im neuen Merkur, den ich druckfrisch in Hände halte, schreibt David Wagner einen ganzen Essay mit der Überschrift »Ich serendipitiere«. Einfach so – ich serendipitiere, als sei das ebenso geläufig wie Meditieren, Bramarbasieren oder Prokrastinieren. So stellt man gezielt sein Licht unter den Scheffel. Und in ein paar Monaten wird Wagner dann beiläufig erzählen, er habe völlig unbeabsichtigt einen Trend ins Leben gerufen. Ohne auch nur zu erwähnen, daß sich dieser Blog schon seit mehr als einem Jahr das Serendipitieren auf die Fahne geschrieben hat. Damals haben mich sogar Engländer, native speakers also, gefragt, was »serendipity« eigentlich bedeute. Die Vorreiterin bin ich. Mir fehlt nur Wagners Cleverness.

Der bringt es nämlich fertig, nach der verheißungsvollen Überschrift zwar, beispielsweise, zu schildern, wie er mit 22 Jahren dazu kam, Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen – dafür aber die Worte serendipitieren, Serendipität oder serendipitös in seinem ganzen Essay kein einziges weiteres Mal zu erwähnen. Merkur–Leser wissen, was es mit der Serendipität auf sich hat. Wenn nicht, sind sie zu blöd oder sonst nicht ganz auf der Höhe. Das will natürlich keiner auf sich sitzen lassen. Und reicht den Schwarzen Peter weiter: schon im nächsten Gespräch wird er beiläufig einfließen lassen, wie ihm serentipitierenderweise mal wieder ein ganz besonderer Coup geglückt ist. Schön, nicht wahr? So werden Moden lanciert.

Aber bei Ihnen sind solche Hochstapler zum Glück an den Falschen geraten. Sie wissen viel besser als diese Angeber, was »Serendipity« bedeutet, wo das Wort herkommt und wie es Eingang in die englische (und jetzt auch die deutsche) Sprache gefunden hat. Und wenn nicht, können Sie es jederzeit nachlesen. Womit wir uns wieder ernsthafteren Dingen zuwenden könnten.

 

P.S:
Schade, daß ich kein Gästebuch führe. Dann könnte ich gucken, ob und wann David Wagner sich drin verewigt hat… :-) :-) :-)

30. Juli 2010

3 Goldene Regeln für den Erfolg im Social Web

Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich immer wieder und zum Teil intensiv mit den Möglichkeiten, die das sogenannte Web 2.0 oder »Mitmach-Web« eröffnet und habe gerade in den letzten Monaten mit vielen Menschen aus der Hotelbranche darüber gesprochen. Man kann sich bei diesem Thema nächtelang die Köpfe heißreden. Am Ende aber laufen für mich solche Diskussionen fast immer auf drei einfache Regeln hinaus, die bei den meisten meiner Gesprächspartner eher für Ernüchterung sorgen:

Regel 1
Sorge offline für zufriedene Gäste

Regel 2
Nutze das Social Web, um dich über deine Arbeit oder deine Ideen auszutauschen, mit deinen Gästen in Dialog zu treten und mit ihnen in Kontakt zu bleiben

Regel 3
Wenn du Regel 1 nicht einlöst, wird dir Regel 2 mehr schaden als nützen

Zusammengefaßt: das Social Web bietet dir Möglichkeiten, aber es sorgt gleichzeitig dafür, daß deine konkrete, praktische Arbeit ungleich höhere Werbewirkung entfaltet als noch so hoher Werbeaufwand. Das Web 2.0 belohnt Leistung, nicht flotte Sprüche. Der Grund dafür liegt darin, daß mit dem Social Web die Meinungsmacht unwiderruflich von den Werbern auf die Beworbenen, also die Konsumenten und Nutzer übergeht.  weiterlesen…

26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  weiterlesen…

21. Juli 2010

Ist das Freundschaft?

Frage dich nicht, was Social Networks dir zu bieten haben – frage dich lieber, wofür du Social Networks nutzen möchtest.

Imagewerbung (oder Kundenakquise) im Social Web sei aufwendiger als klassische Imagewerbung – und bringe erheblich weniger, habe ich neulich geschrieben. Einige Leser haben sich daran gestoßen. Es steht ja auch im Widerspruch zu dem, was momentan alle Spatzen von sämtlichen Dächern pfeifen. Aber Spatzen haben nun mal Spatzenhirne.

Seth Godin, einer der klügsten amerikanischen Marketing-Vordenker und Autor mehrer internationaler Bestseller, hat dazu kürzlich eine aufschlußreiche Rechnung aufgemacht. Das Kriterium, das er dabei an die Werbung anlegt, ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Umwandlungsrate. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Ein Pfarrer – so Godin – kann hoffen, mit einer aufrüttelnden Predigt 70 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger dazu zu bewegen, sich mit einem eigenen Beitrag an der Kollekte zu beteiligen. Eine angesagte Pop-Gruppe kriegt möglicherweise 20 Prozent des Publikums dazu, ein T-Shirt, ein Souvenir oder eine CD zu erstehen. Bei einem begabten Straßenmusikanten sind es vielleicht 10 Prozent seiner Zuhörer, die bereit sind, einen Dollar in seinen Hut zu schmeißen.

Für eine Direct-Marketing-Aktion ist es hingegen – erstklassiges Adress-Material vorausgesetzt – mittlerweile gar nicht mehr leicht, eine Umwandlungsrate von zwei Prozent zu erzielen, die lange als erstrebenswertes Ziel galt. Auf ähnliche Werte, also ca. zwei Prozent, kommt heute ein beliebter Blogger, wenn er seinen Lesern ein Buch empfiehlt, das er geschrieben hat.

Ein Twitter-User mit Tausenden von Fans dagegen darf sich glücklich schätzen, wenn auf seine Empfehlung hin einer von tausend auf seine Empfehlung einen Link anklickt, um etwas zu kaufen. Eine Umwandlungsrate von 0,1 Prozent, im Zweifel eher weniger.

Ich weiß nicht, wo Godin seine Daten herhat oder wie belastbar die Zahlen sind. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: er hat seine Liste nach absteigendem commitment geordnet. Für dieses englische Wort gibt es keine wirklich passende deutsche Entsprechung. Ich würde es am ehesten wiedergeben als eine Mischung von Verbindlichkeit und innerer Beteiligung des Angesprochenen. Hierin liegt die Pointe von Godins Argument – und gleichzeitig der Fehlschluß, dem so viele aufsitzen, die in Social Networks eine Marketing-Wunderwaffe sehen. Oder – weniger wohlwollend ausgedrückt – der Trick derer, die Ihnen Social Networks als eine solche verkaufen möchten.  weiterlesen…

17. Juli 2010

Writers’ Corner

»The internet’s completely over. […] All these computers and digital gadgets are no good. They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Prince (eigentlich: Prince Rogers Nelson), amerikanischer Megastar der 80er Jahre (vgl. auch hier)
 

»Breaking News: The Internet Declares Prince to be Completely Over.«

David Weinberger, Pionier des Internet-Marketings und Co-Autor des Bestsellers »The Cluetrain Manifesto – The End of Business as Usual«

10. Juli 2010

Paradoxien

Während wir hier unter der Hitze stöhnen – möge sie uns noch eine Zeitlang erhalten bleiben – tobt in den amerikanischen Medien schon seit Tagen ein fanatischer Meinungsstreit darüber, ob es nicht an der Zeit sei, Klima-Anlagen weltweit zu verbieten. Das Argument geht ungefähr folgendermaßen:

Klima-Anlagen bewirken ein immenses Anwachsen des Stromverbrauchs. Die Kraftwerke, die den Strom produzieren, produzieren dabei aber auch die Treibhausgase, die den Klimawandel und die Erderwärmung verursachen. Je wärmer es auf der Erde wird, desto mehr steigt der Bedarf an Klima-Anlagen. Mehr Klima-Anlagen wiederum bedeuten mehr Stromverbrauch, damit einen noch höheren Ausstoß an Treibhausgasen und eine weitere Beschleunigung des Klimawandels –

und so weiter.

Im Umkehrschluß könnte man auf die Idee kommen, ein Verbot von Klima-Anlagen sei der Königsweg, um sämtliche Energie- und Umweltprobleme zu lösen und den Klimawandel ein für allemal in den Griff zu kriegen. Genau das wollen die Befürworter eines solchen Verbots auch suggerieren.

Warum kommt mir dieses monokausale und kurzschlüssige Denken in »Patentrezepten« nur so vertraut vor?

 
P.S.
Während die Amerikaner sich in bloßen Diskussionen ergehen, sind wir hierzulande weiter und schaffen gleich vollendete Tatsachen. Letzte Woche etwa hat man in Bayern per Volksentscheid die Volksgesundheit gerettet…

9. Juli 2010

Unter Pinguinen

Wenn die Außentemperatur über die magische 30-Grad-Marke klettert und immer weiter steigt, bis die Quecksilber-Säule zu sieden droht; wenn die graue Masse hinter den Schädelknochen anfängt, Blasen zu werfen und die Gedanken nur noch vor sich hinblubbern – dann weiß ich: das ist einer jener Tage, vor denen mich mein Religionslehrer immer gewarnt hat. In der Hölle braten, nannte er das. Die Sinne verwirren sich, aus dem wabernden Hitzeglast steigen Trug- und Traumbilder empor, und wir würden uns nicht wundern, Gletscherzungen aus dem Kühlschrank wachsen zu sehen, oder auf der Straße einem Pinguin zu begegnen.

Aber halt: der Pinguin ist keine Halluzination und keine Fata Morgana. Den gibt es wirklich, der ist aus Fleisch und Blut und so real wie Sie und ich. Müßte ich einen Film drehen, worin ausschließlich Tiere die Hauptrollen spielen, würde ich ihn als Empfangs-Chef eines Luxushotels besetzen – oder vielleicht als Chef de rang. So aber sage ich nur: es gibt Tage, an denen man es sich gönnen sollte, einem Pinguin zu begegnen. Viel Vergnügen.

7. Juli 2010

Momentaufnahmen aus 25 Jahren (4)

mod

Moment mal, da war doch auch noch was anderes, dachte ich, nachdem mich die Einladung vom Optiker Stanzel 25 Jahre zurückversetzt hatte. Sommer 1985 – erinnern Sie sich noch? Ganz Deutschland fieberte mit, so wie jetzt bei der Fußball WM. Auch da ging es um Sieg oder Niederlage auf dem grünen Rasen, allerdings auf dem von Wimbledon. Und dann triumphierte der Nobody aus Germany. Heute vor 25 Jahren, am 7. Juli 1985. Boris Becker. The Leimener. Uns-Boris, wie er später liebevoll genannt wurde. Oder Bum-Bum-Boris, wie die Bild Zeitung wohl damals schon titelte. Da war der Junge grade mal 17. Andere sind in dem Alter noch nicht mal mit Pubertieren fertig. Das hat Becker später umso ausgiebiger nachgeholt.

Aber bleiben wir bei dem blutjungen Rotschopf, der über Nacht zum Weltstar wurde. In dem Zusammenhang, in dem sie auftauchte, hatte die Erinnerung daran für mich auch was Irreales. Hier eine Einladungskarte, worin das Jahr 1985 zur weiterwirkenden Gegenwart wurde. Da die Bilder aus Wimbledon, die mal als »unvergeßlich« galten und heute schon beinahe vergilbt sind: das ist ja schon fast nicht mehr wahr, dachte ich. Die »Ära Becker« und die Gegenwart – da liegen doch Ewigkeiten dazwischen. Oder jedenfalls Generationen: die Ära Sampras. Die Ära Federer. Und auch die neigt sich bereits wieder ihrem Ende zu.

Damals aber standen wir, der Leimener und ich, die gebürtige Leipzigerin aus Reutlingen, beide am Anfang unserer Karriere und hatten die Zukunft vor uns. Ich fieberte mit an diesem 7. Juli, und dachte keine Minute daran, daß ich 25 Jahre später Grund haben würde, stolz auf meine eigene Arbeit zu sein. Zu einer Zeit, da Becker seine Zukunft längst hinter sich hat. Gut, er hat Geschichte geschrieben mit diesem Wimbledon-Sieg, und auch noch einige Male danach, wenngleich dieser erste Triumph im Grunde nie mehr zu toppen war. Im Rückblick ist es eigentlich von Anfang an eine ziemlich traurige Erfolgs-Story. Und am Ende teilte Becker das Schicksal so vieler Stars von heute, insbesondere im Sport und im Show-Business: sie sind dazu verdammt, ihre eigene Geschichte zu überleben, es sein denn, sie sie erfänden sich ein zweites Leben nach dem ersten. Und das schaffen die wenigsten.

Nein, ich würde nicht mit Becker tauschen wollen. Womöglich müßte ich sonst, vor lauter Langeweile, ebenfalls nochmals damit anfangen, zu pubertieren.

mod

[Weitere »Momentaufnahmen« hier, hier  und hier; weitere Beiträge zu »25 Jahre made by markus-diedenhofen«:

Acom Hotel Nürnberg
Mövenpick Hotel Wasserturm, Hamburg
Öschberghof, Donaueschingen]

7. Juli 2010

Yes, we can

Was der Deutsche Hotelimmobilien-Kongress in Bonn mit der Fußball-WM gemein hatte. Oder wenigstens mit der deutschen Nationalmannschaft.

Ich gebe zu: ganz kalt läßt mich das Fußballfieber denn doch nicht. Zwar bin ich bekennender Nicht-Fan, aber ich habe auch nicht grundsätzlich was gegen Fußball. Und bei Europa- oder Weltmeisterschaften begebe ich mich nicht krampfhaft auf die Suche nach fußballfreien Zonen. Allerdings bin ich wohl schwerer zu begeistern als der durchschnittliche Fußball-Deutsche. Da braucht es schon Spiele wie die unserer Nationalmannschaft gegen England oder Argentinien. Nicht, daß ich mir zutrauen würde, im Anschluß mit Delling, Netzer und dem Rest der Fußballnation darüber zu fachsimpeln. Ich habe eher den Blick des Outsiders; es sind die nicht- oder nicht-nur-sportlichen Aspekte, die mir auffallen und Eindruck machen.

Zuallererst natürlich die sichtbare Freude am Spiel, die die elf Akteure auf dem Rasen miteinander verbindet. Und »verbindet« meine ich wörtlich: ich habe schon lange keine Mannschaft mehr erlebt – und das nicht nur im Fußball –, die ein so überzeugendes, nahezu ansteckendes Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Und das rührt daher, daß sie tatsächlich was gemeinsam haben. Sie sind nicht auf dem Feld, um eine Niederlage zu vermeiden. Sie trauen sich was zu und wollen zeigen, was sie können. Sie lassen sich von ihrem Selbstbewußtsein und ihrer eigenen Begeisterung mitreißen, und wenn die Gegner dabei manchmal ziemlich alt aussehen – umso besser. Auf Nummer Sicher sollen andere spielen. Es ist eine Lust, ihnen dabei zuzusehen.

Und es ist das totale Kontrastprogramm zu dem, was uns Politik und Medien hierzulande sonst so bieten. Dem täglichen Klein-klein und allgegenwärtigen Besitzstandsdenken. Den kindischen Intrigen und unsäglichen Neid-Debatten. Der Angst, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Lieber bleibt man ungreifbar und gesichtslos als Profil zu zeigen und sich angreifbar zu machen. Bloß nicht auffallen, nur keine Fehler machen scheint zur ersten Bürgerpflicht zu avancieren. Wer sich was zutraut, verhält sich anders. Und wie wollen wir in der gegenwärtigen Situation bestehen, wenn wir uns nicht was zutrauen und entschlossen sind, zu zeigen, was wir können? Manchmal möchte ich an diesem Land verzweifeln.

Dann war ich vor etwa einer Woche auf dem Deutschen Hotelimmobilien-Kongress in Bonn. Und da empfing mich eine Stimmung, die ich nicht erwartet hatte.  weiterlesen…

3. Juli 2010

Platz 18, Tendenz absteigend

Der britische »Economist« hat diese Woche sein jüngstes Digital Economy Ranking (früher: E-readiness Ranking) vorgestellt. Diese jährlich aktualisierte Liste existiert seit mehr als 10 Jahren; sie wird von der Economist Intelligence Unit (EIU) und dem IBM Institute for Business Value erarbeitet und hat zum Ziel, Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft verläßliche Daten zu liefern, um den Stand der Informations- und Kommunikations-Technologie in ihrem Land im Hinblick auf den globalen ökonomischen Wettbewerb einzuschätzen. In die Bewertung fließt deshalb eine Vielzahl von Faktoren ein, die von der technischen Infrastruktur über den Zugang zu digitalen Diensten und die rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zum Nutzungsverhalten und dem digitalen Know-how der Nutzer reichen. Denn – in den Worten des Studienleiters Denis McCauley: »Strong digital development requires concerted action and progress across many fronts.«

Die Zusammenfassung der Studie erläutert das am Beispiel des diesjährigen Spitzenreiters Schweden:

»This year’s leader, Sweden, and most of the other top-tier countries boast, along with high degrees of connectivity, stable business and legal environments; strong educational and cultural drivers; supportive government ICT policies; and, partly as a result of all the forgoing, active and growing use of digital services by individuals and businesses.«

Schweden, von Anfang an im Spitzenfeld dabei, hat heuer übrigens erstmals den langjährigen Spitzenreiter Dänemark vom ersten Platz verdrängt. Generell allerdings hat sich an der führenden Rolle der skandinavischen Länder nicht viel verändert; auf dem vierten Platz folgt Finnland, auf dem sechsten Norwegen. Einen deutlichen Sprung nach vorn haben die USA getan, die es mit Platz drei immerhin aufs Siegertreppchen schafften; einen wesentlichen Anteil daran hat der Studie zufolge Apples iPhone und die dadurch initiierte massive Zunahme der mobilen Internet-Nutzung. Mit ins Spitzenfeld haben sich die Niederlande geschoben, die auf Platz fünf liegen; weiter auf dem Vormarsch eine Reihe asiatischer Länder, vor allem dank konsequenter Investitionen in die Infrastruktur.

Und wo liegt Deutschland? – würden Sie jetzt wahrscheinlich fragen, hätten Sie’s nicht schon in der Überschrift gelesen. Platz 18 also, ein Platz schlechter als letztes Jahr.  weiterlesen…

26. Juni 2010

Noch mehr vergebene Chancen

Hotels, die alles versuchen, ihren Gästen jeden Wunsch von den Lippen abzulesen, Irritationen von ihnen fernzuhalten und Fremdheitsgefühle gar nicht erst aufkommen zu lassen, verfehlen möglicherweise genau damit das wichtigste Bedürfnis ihrer Gäste. Mit dieser ketzerischen Hypothese – und aktuellen empirischen Befunden, die sie stützen – habe ich mich erst vor wenigen Tagen beschäftigt. Nun tun Hotels ja nicht absichtlich das Falsche; schon aus Eigeninteresse orientieren sie sich vorrangig am Wohl ihrer Gäste. Nur ein zufriedener Gast ist ein guter Gast. Wenn ihre Bemühungen dennoch ins Leere laufen und häufig das Gegenteil dessen bewirken, was sie sich zum Ziel setzen, dann stellt sich die Frage: wie läßt sich diese Energie sinnvoller einsetzen – ohne erneut populären Irrtümern und Vorurteilen aufzusitzen?

Wie der Zufall es will (aber in Wirklichkeit handelt es sich natürlich eher um Serendipity), stolpere ich heute über einen Artikel im »Boston Globe«, der unter dem Titel »The best vacation ever« einige Ergebnisse der empirischen Urlaubsforschung referiert. Empirische Urlaubsforschung? Sie haben recht – dieser Forschungszweig fristet bisher eher ein Schattendasein – erst recht gemessen an den zahllosen Untersuchungen, die sich mit der Arbeitswelt und der Effizienz von Arbeitsplätzen und Arbeitsformen beschäftigen. Im Unterschied zur Markt- und Meinungsforschung geht es der Urlaubsforschung allerdings nicht um subjektive Überzeugungen, Wünsche und Träume, sondern um die reale, empirisch nachprüfbare Wirkung des Urlaubs: was trägt dazu bei, das Urlaubserlebnis positiv zu verstärken; was ist im Gegenteil geeignet, es zu beeinträchtigen.  weiterlesen…

25. Juni 2010

Check out the oil

Bekanntlich ist die Küste Floridas bislang, Winden und Meeresströmungen sei Dank, von der Ölpest weitgehend verschont geblieben. Die Betonung liegt auf »weitgehend« – es wurden keine massiven, zusammenhängenden Ölteppiche an Land gespült. Das Öl kommt eher tröpfchenweise. Das reicht aber schon; man muß nur etwas genauer hingucken. Einige Amateurfilmer haben die Aufforderung von spirit airlines – to check out the oil on our beaches – ernstgenommen; das folgende Video zeigt eine dieser Explorationen am Destin Beach im »Urlaubs-Paradies« Pensacola Bay. Es handelt sich um einen Strand, der von der Tourismusbehörde offiziell als »frei von Verschmutzungen« bezeichnet wird; sollten dennoch einzelne Ölfetzen angeschwemmt werden, stünden überall Einsatzkräfte bereit, um sie umgehend zu beseitigen. Vielleicht widmen Sie beim Betrachten des Videos den Aktivitäten dieser überall bereitstehenden Einsatz-Trupps ihre besondere Aufmerksamkeit… ;-)

Andernorts geht’s noch übler zu – beachten Sie nicht nur das aktuelle Aussehen dieses »weißesten Strands der Welt«, sondern auch den Aggregat-Zustand des Wassers, das brodelt, als würde es kochen oder als würde Säure darin gelöst:

24. Juni 2010

Vergebene Chancen

Reisen bildet und erweitert den Horizont, hat man uns immer erzählt. Jetzt haben Untersuchungen ergeben: Reisen macht auch kreativer, schärft die Wahrnehmung und beseitigt Denkblockaden. Hotels könnten zu dieser Wirkung einiges beitragen. Leider tun sie in der Regel genau das Gegenteil.

Früher war Fliegen ein Abenteuer, später ein Luxus. Heute ist es ein Vergnügen für Masochisten. Vom ungenießbaren Kaffee am Flughafen über lange Schlangen beim Check-in, Sicherheitsschleusen und Body-Scanner bis hin zum konfiszierten Deo-Roller reicht die Liste der Unannehmlichkeiten, die der Flugreisende geduldig auf sich nimmt, bevor er erfährt, daß sein Flug anulliert wurde, und wegen des verpaßten Anschluß-Flugs die Zwischenlandung sechs Stunden dauern wird statt der vorgesehenen 50 Minuten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hat er den Gemütszustand erreicht, wo ihn auch das völlige Fehlen von Beinfreiheit, die gummiartige Konsistenz des Boeuf Stroganoff oder die verstopfte Bordtoilette nicht mehr zu erschüttern vermögen. Flugreisen – damit haben wir uns abzufinden – sind zu einer Zumutung geworden. Wer trotzdem ein Ticket löst, tut das auf eigene Gefahr.

Das sind wohl nur noch die wenigsten, sollte man eigentlich vermuten. Außer den unverbesserlichen Masochisten im wesentlichen diejenigen, die aus beruflichen Gründen auf das Fliegen nicht verzichten können. Doch dem ist nicht so. Nur 30% der Flugreisenden sind geschäftlich unterwegs. 70% fliegen aus freien Stücken. Offenbar erwarten sie sich vom Reisen Vorteile, die die Zumutungen des Fliegens aufwiegen oder sogar in den Schatten stellen. Handelt es sich dabei um bloße Illusionen – Träume, von denen nur die Tourismus-Industrie profitiert? Oder steckt mehr dahinter?  weiterlesen…

20. Juni 2010

»Schickes Design, nicht zu Ende gedacht«

Fehlt es an Mut? Nimmt die Angst überhand? Oder warum sonst gibt es in der Hotel- und Touristikbranche soviel »Innovation« – und so wenig Bewegung? Und was hat das alles mit dem Reptiliengehirn zu tun?

In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts brauchte Mut, wer sich in Jeans in die Oper oder in ein schickes Restaurant wagte. Oder gar: Jeans im Büro, in der Vorstandsetage? Das emblematische Kleidungsstück der Rocker und der Halbstarken?! Undenkbar. Dann avancierte die blaue Röhrenhose zum Erkennungszeichen der Nonkonformisten. Noch ein paar Jahre, und jeder trug sie, immer und überall. Alle waren Nonkonformisten, und keiner wollte aus der Reihe tanzen. Ein weiteres Beispiel: das schwarze Outfit, mit dem sich die Pariser »Existenzialisten« nach dem zweiten Weltkrieg demonstrativ vom Rest der Gesellschaft distanzierten. Heute genügt ein Blick, um auf einer Messe oder Vernissage die Architekten, Designer, Künstler zu erkennen. Die kreative Klasse trägt Schwarz. Ausnahmen? – würden die Regel bestätigen, aber man findet sie kaum. Der demonstrative Protest ist zur Attitüde erstarrt. Ein neuer Konformismus hat sich breitgemacht, der seinen Trägern das angenehme Gefühl vermittelt, zu den Nonkonformisten zu gehören. Zu den Unangepaßten, den Querdenkern, der Avantgarde. Zur Elite eben.

Ungefähr so verhält es sich heute mit dem »Design«. Jeder schmückt sich gern damit, jeder findet es irgendwie schick, jeder meint, mit dem Design über ein todsicheres Differenzierungs- und Alleinstellungsmerkmal zu verfügen. Die Absurdität einer »massenhaften Alleinstellung« fällt schon gar keinem mehr auf. Erst recht nicht, wie sehr sich dabei der Designbegriff unter der Hand entleert, in sein Gegenteil verkehrt, pervertiert hat. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn es den Benutzer vor Rätsel stellt oder überhaupt keine erkennbare Existenzberechtigung hat, dann ist es: Design. Und damit ein Wert an sich, mit profenen Maßstäben nicht zu messen. Wer fragt, wozu das gut sein soll, entlarvt sich als Banause. Kandinsky oder Picasso oder Mondrian haben schließlich auch keine Sonnenuntergänge und röhrenden Hirschen gemalt.

Lassen wir die Selbstüberschätzung beiseite, die sich darin äußert. Wenn Design Kunst ist, dann allenfalls Kunst, die sich nützlich macht – und genau an der Nützlichkeit läßt sie es fehlen. Irgendwann bemerken sogar die Autoritätshörigsten unter ihren Bewunderern, daß es dem Kaiser an Kleidern gebricht. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Begriff Design mittlerweile ins Negative zu kippen droht und auf dem besten Wege ist, zum Schimpfwort zu werden. In der aktuellen Ausgabe von »Hospitality Inside« (Abonnement erforderlich) finde ich diese These bestätigt. Ein Artikel darin beschäftigt sich mit dem ersten Hotel einer neuen Kette, das kürzlich in der Türkei eröffnet wurde. Zu den »Markenzeichen« der neuen Kette zählt auch das Design. Und das sind die Details, an denen laut »Hospitality Inside« die anwesenden Journalisten den »Designanspruch« erkennen:

»Im Bad lassen sich die aalglatten, runden Wasserhähne mit nassen Händen nicht mehr zudrehen, Schmink- bzw. Vergrösserungsspiegel fehlen, ein Papierkorb steht nur im WC, im Schrank hängen die unsäglichen, nicht ganz herausnehmbaren Kleiderbügel, etliche Haken und viel Ablagefläche fehlen.«

»Ein schickes Design, aber nicht zu Ende gedacht«, lautet danach das Fazit. Nicht zu Ende gedacht – immerhin. Das impliziert zumindest, es habe sich dabei überhaupt jemand was gedacht. Das darf bezweifelt werden. Denn in derselben Ausgabe von »Hospitality Inside« kommt dasselbe Hotel ein zweites Mal vor – diesmal als Vergleichsobjekt für ein Haus einer anderen Kette mit ähnlichem Anspruch.  weiterlesen…

16. Juni 2010

»Heute maltärtieren uns Design-Hotels«
Eine Abrechnung

Jetzt zieht sogar Gottfried Knapp gegen den Design-Wahn vom Leder. Die Liste derer, die diese Aversion teilen, wird immer länger. Auch ich habe diesbezüglich kein Blatt vor den Mund genommen; als »Methadon für Image-Junkies« habe ich das zum Fetisch erhobene Design bezeichnet; den Design-Boom als Blase, der mit ungedeckten Schecks und wertlosen Derivaten handelt. Matteo Kries, der Chef-Kurator des Vitra Design Museums, sieht sogar totalitäre Züge in den Glücks- und Heils-Versprechen der Design-Industrie. Und nun also Gottfried Knapp, der Altmeister der Architektur- und Design-Kritik.

Seine bitterböse Polemik in der Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung hat freilich eine eigene, für unsere Branche pikante Pointe. Knapp redet nicht übers Design allgemein, sondern greift sich für seine Kritik beispielhaft einen Bereich heraus – ein Feld, worin das zum ästhetischen Selbstzweck verkommene und nur noch auf Effekt schielende Design besonders verheerende Wirkungen entfaltet. Knapp nimmt also die Hotellerie aufs Korn: »Früher gab es Bett und Bad, es gab glamouröse Grandhotels oder nette Pensionen. Inzwischen malträtieren uns Design-Hotels«, so sein Befund, den er kurz und bündig als »eine Abrechnung« untertitelt.

Und die läßt kaum etwas aus, was den Designern peinlich sein müßte, wenn sie denn noch ein Schamgefühl hätten; da aber Design keine Grenzen kennt, sind auch die Schamgrenzen längst gefallen. Knapp belegt das mit mehreren Beispielen, von denen ich hier nur eines anführe:

»Selbst für ordinäre Pissoirs haben sich engagierte Gestalter etwas wahrhaft Abgründiges einfallen lassen: In einem Design-Hotel in Berlin sind die Urinale im Männerklo wie weit geöffnete Frauenschmollmünder mit kräftig rot geschminkten Lippen geformt. Wer hier sein Wasser abschlägt und mit ansieht, wie hinter den beiden oben liegenden Hasenzähnen das Spülwasser hervorschießt, kann sich der abstrusen Vorstellung hingeben, dass seinem weiblichen Gegenüber vor Wonne das Wasser im Mund zusammenläuft.

Einige Herren der Schöpfung mögen solche anatomischen Überdeutlichkeiten für witzig halten.«

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15. Juni 2010

Let’s Colour Project

Man soll aufhören, wenn’s am besten schmeckt, hat meine Großmutter immer gesagt. Gehalten habe ich mich nicht daran, jedenfalls nicht immer. Aber heute ist ohnehin die gegenteilige Devise angesagt. Es gibt nichts Gutes, womit wir nicht überfüttert werden. Kaum hat einer eine Idee, die irgendwie ankommt, muß eine Welle draus werden. Eine Bewegung. Eine Heilsbotschaft. Jeder Bürostuhl ein Fitness-Center. Jeder Supermarkt ein Öko-Paradies. Jedes Stundenhotel ein Design-Tempel. Sogar die Hpye-Verweigerung wird im Handstreich zum Hype geadelt – siehe die No-Logo-Bewegung.

Jetzt also die Farbe. Über das Projekt, Favelas in Rio de Janeiro durch Farbe aufzuwerten, habe ich berichtet. Das fand ich ja noch lobenswert. Die »Let’s Colour« Initiative aber geht gleich noch ein paar Schritte weiter. Sie hat jedem unschuldigen Stück Grau auf der Welt den Kampf angesagt. Wie es auf ihrer Website heißt:

»Grey is out. Gloom is gone. It’s time to live our lives in colour.

The Let’s Colour Project is a worldwide initiative to transform grey spaces with vibrant colour. A mission to spread colour all over the world.

We are working together with local communities across the globe, rolling up our sleeves to paint streets, houses, schools and squares.«

Sowas kommt heraus, wenn ein paar Idealisten einen verückten Einfall haben – und ein Farbenhersteller das Markt- und Marketing-Potential der Idee erkennt. Immerhin: das folgende Video – gedreht von dem vielfach preisgekrönten Adam Berg, hat es wirklich in sich. Darum möchte ich es Ihnen allem Unbehagen zum Trotz auch nicht vorenthalten.

(Wenn Sie nach dieser Orgie nun noch einmal die letzte Abbildung in diesem Beitrag betrachten, werden Sie feststellen, wie farbig sogar das Grau sein kann. Wenn man es läßt. Richtig wohltuend, finde ich.)

11. Juni 2010

Farbenspiele

Schon wieder einen Geburtstag verschlafen. Und das, nachdem ich Ihnen Anfang Mai lang und breit was über die Rolle und Bedeutung der Farben erzählt habe. Eine Woche später wär’s soweit gewesen. Da wurde sie 200 Jahre alt – Goethes »Farbenlehre« nämlich. Halb so wild, werden jetzt diejenigen sagen, die sich überhaupt noch erinnern, daß Goethe auch in der Naturwissenschaft seinen Ehrgeiz hatte. Sogar noch mehr als in der Dichtung. Aber (so heißt es dann meist) das war doch nur ein Spleen. Eine liebenswürdige Spinnerei, ziemlich verschroben im übrigen und wissenschaftlich völlig daneben.

Goethe selbst allerdings betrachtete die »Farbenlehre« als das Wichtigste, was er in seinem Leben geschaffen hatte. Nichts geringeres habe er damit geleistet als dem Scharlatan Newton die Maske vom Gesicht zu reißen. Das war jetzt wohl wirklich übertrieben. Die maßlose Polemik gegen den Engländer trug Goethe keine Sympathien ein. Seine »Widerlegung« Newtons beruhte ohnehin auf einem Mißverständnis. Wahrscheinlich lag es daran, daß Wissenschaft und gebildete Öffentlichkeit sein Werk auch sonst nicht sonderlich ernst nahmen. Während Newtons Ruhm im Lauf des 19. Jahrhunderts immer heller erstrahlte, galt Goethes »Farbenlehre« im allerbesten Fall als Fußnote der Wissenschaftsgeschichte.

Das hat sich seither gründlich geändert. Denn in einem hatte Goethe recht: die physikalische Natur des Lichts und seine spektrale Zusammensetzung verrät uns viel über die Ursache der Farben, nichts aber über die Farbe selbst. Elektromagnetische Wellen sind das eine; unsere farbige Wahrnehmung der Welt etwas ganz anderes. Je mehr sich die Wissenschaft für letztere interessierte, desto mehr lernte sie Goethes Leistung zu würdigen. Dem war es nicht darum gegangen, die Vielfalt der Erscheinungen auf einfache Ursachen und allgemeine Gesetze zurückzuführen, sondern den Reichtum der Farben zu entfalten und dessen Fülle zu begreifen zu versuchen. Seine Einsichten, zum Zusammenspiel von Subjektivem und Objektivem bei jeder Farbempfindung, sein Beharren auf dem entscheidenden Anteil, der den schöpferischen Fähigkeiten des Menschen, der spontanen Aktivität des Organismus dabei zukommt – das alles erwies sich als wegweisend.

Von einer umfassenden Theorie der Farbwahrnehmung sind die Sinnesphysiologen heute immer noch weit entfernt. Aber ihre Forschungen in der Nachfolge Goethes und die Erkenntnisse, die sie dabei gewannen, haben uns ein Erfahrungswissen wieder zugänglich gemacht, das die Maler jahrhundertelang kultivierten, fortentwickelten und vom Meister auf den Schüler weitergaben. Es ist ein Wissen, das nahezu unerschöpfliche Möglichkeiten auch in anderen Bereichen als der Malerei eröffnet. Zum Beispiel bei der farbigen Gestaltung von Lebensräumen – also in der Architektur und Innenarchitektur, und damit nicht zuletzt auch in Hotels.

Lassen Sie uns also zum verspäteten Geburtstag der »Farbenlehre« ein Fest der Farben feiern. Die Augen werden Ihnen übergehen, hätte Goethe vielleicht gesagt; ich verspreche Ihnen einfach nur ein paar unglaubliche Erfahrungen.   weiterlesen…

9. Juni 2010

Die letzten fünf Prozent

Ein anständiges Soufflé hinzukriegen, ist heutzutage keine Kunst. Die narrensicheren Zutaten gibt’s in jedem Supermarkt. Sie können’s natürlich besser machen. Dann brauchen Sie dreimal so lange – oder fünfmal. Komischer Fortschritt, oder? Lohnt sich das überhaupt? Ist halbwegs anständig nicht gut genug? Viele Esser, vielleicht die Mehrzahl, werden den Unterschied gar nicht merken. Erst recht werden sie nicht bereit sein, dem Sterne-Koch, der seit 15 Jahren daran arbeitet, sein Soufflé zu perfektionieren, dafür das Zwanzig- oder das Fünfzigfache dessen zu bezahlen, was die Zutaten im Supermarkt kosten.

Aber darin liegt auch schon die ganze Antwort. Denn echte Feinschmecker nehmen wochenlange Wartezeiten in Kauf, um einmal im Leben in den Genuß des perfekten Soufflés zu kommen. Und, vielleicht noch wichtiger: das Verhältnis von absoluten Spitzenköchen und anspruchsvollen Gourmets ist so, daß solche Wartezeiten zwangsläufig entstehen. Spitzenkönner sind gefragt und haben ihren Preis. Die narrensicheren Zutaten im Supermarkt kriegen Sie nachgeschmissen. Sie unterscheiden sich voneinander durch die Verpackung und den Herstellernamen. Der Inhalt ist jedesmal mehr oder weniger derselbe. Am besten, Sie entscheiden sich für die billigste Variante.

Das gilt für die Gastronomie – und in fast allen anderen Branchen verhält es sich ebenso. Durchschnittswaren erzielen Durchschnittspreise, und die wiederum orientieren sich am billigsten Anbieter.   weiterlesen…

7. Juni 2010

Ein verschlafener Geburtstag

Am 1. Juni 2009 – vor einer Woche war es genau ein Jahr her – habe ich den ersten Beitrag dieses Blogs veröffentlicht. Und heute erst denke ich an diesen Geburtstag. Vielleicht darf ich zur verspäteten Feier des Tages diesen allerersten Beitrag trotzdem noch einmal veröffentlichen; ich fand es selbst interessant, ihn mit Abstand nochmals zu lesen – und Sie können ebenfalls beurteilen, ob das, was ich mir damals erhofft habe, wahr geworden ist, oder ob manches, was zwischen den Zeilen stand, sogar erst im Lauf der folgenden Monate greifbare Konturen gewann. Viel Vergnügen mit diesem »Oldtimer«.

Wozu dieser Blog, wozu Serendipity Suite? Das ist natürlich eine dumme Frage, weil in Wahrheit der Blog selbst sie beantworten muß – und nur die Leser können entscheiden, ob die Antwort sie zufriedenstellt. Sagen die Leser Nein, kann ich vorab noch so kluge Erklärungen abgeben – das hilft dann alles nichts. Ganz so einfach will ich mich trotzdem nicht aus der Affäre ziehen.

Ich denke, die Motive für diesen Blog sind dieselben, die meiner Arbeit als Innenarchitektin zugrundeliegen. Allerdings ist wohl nichts schwieriger als für die eigenen Motive die richtigen Worte zu finden. Mir fällt eine Geschichte dazu ein, die mich schon als Kind beschäftigt hat. Die Geschichte handelt von Prokrustes, einer Gestalt der griechischen Mythologie; ich kenne sie in der Fassung der »Griechischen Götter- und Heldensagen« von Gustav Schwab, die ich damals verschlungen habe wie einen Abenteuerroman; und das sind sie ja auch.

Prokrustes war ein Räuber und Wegelagerer, der an der Straße von Eleusis nach Athen auf friedliche Reisende lauerte und ihnen ein Bett anbot. War der entsprechende Reisende groß, wählte Prokrustes ein kleines Bett und hackte dem Unglücklichen die Beine ab, damit er hineinpaßte. Kleine Reisende dagegen erhielten ein großes Bett und wurden so lange gestreckt, bis sie den Geist aufgaben. Lassen wir die blutrünstigen Aspekte der Geschichte weg und behalten nur das Bett übrig, dann können wir sagen: Prokrustes war ein Hotelier, der die Gäste ziemlich unerbittlich seinen Regeln unterwarf. Wer nicht parierte, flog hochkant raus. Falls Sie glauben, sowas gebe es nicht, dann lesen Sie einfach mal, was Seume auf seinem »Spaziergang von München nach Syrakus« so alles erlebte. Gut, das war im 19. Jahrhundert, aber immerhin.   weiterlesen…