Einträge zum Thema Wirtschaft

21. August 2010

Was Macht mit uns macht (2)

Die Mächtigen ticken anders als die Ohnmächtigen, und das nicht immer zu ihrem Vorteil. Vor einigen Tagen habe ich über neuere Forschungsergebnisse berichtet, die diesen Befund empirisch untermauern. Schon die bloße Vorstellung von Macht und das damit verbundene (illusionäre) Machtgefühl genügt, die »Machtblindheit (myopia of power)« auszulösen. Dahinter steht kein böser Wille, sondern ein tiefverwurzelter psycho-physischer Reflex, der einen festen Bestandteil unseres evolutionären Erbes bildet. Den schädlichen, am Ende oft desaströsen Folgen der Machtblindheit entgeht höchstens, wer sein Leben in absoluter Ohnmacht und subalterner Bedeutungslosigkeit verbringt – und auch dann nur, wenn er sich nicht gerade durch den Verzicht auf Macht und Einfluß das Gefühl moralischer Überlegenheit verschafft. Es lohnt sich also, auf das Thema zurückzukommen. Denn Machtblindheit ist – abgesehen von der rein subjektiven Dimension – auch ein ernstzunehmender, häufig unterschätzter Wirtschaftsfaktor: sie schadet nicht nur dem, der von ihr befallen ist, sondern ebenso seiner Umwelt und damit, beispielsweise, auch dem Unternehmen, in dem und für das er Verantwortung trägt.

Ich erinnere noch einmal an das eindrucksvolle Experiment, worin die Probanden gebeten wurden, den Buchstaben E auf ihre Stirn zu malen. Die »Mächtigen« unter ihnen lösten die Aufgabe »aus ihrer Perspektive« – für das Gegenüber erschien das E spiegelverkehrt. Im Unterschied dazu schrieben diejenigen, die sich ohnmächtig und hilfsbedürftig fühlten, das E so, daß es für Außenstehende problemlos, nämlich seitenrichtig zu lesen war. In diesem Ergebnis zeigt sich plastisch ein wichtiges, vielleicht das entscheidende Wesensmerkmal der Machtblindheit: eine drastische Verengung der Wahrnehmung, die Unfähigkeit, die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aus einer anderen als der eigenen Perspektive wahrzunehmen. Und selbst dafür fehlt die Wahrnehmung; zu den interessantesten Begleiterscheinungen der Machtblindheit zählt die Tatsache, daß die Mächtigen sich genau das Gegenteil attestieren und davon überzeugt sind, Sachverhalte und Probleme schärfer und umfassender zu durchdringen als ihre Umwelt.  weiterlesen…

17. August 2010

Was Macht mit uns macht (1)

Die Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut, heißt es immer wieder. Das ist ein erschreckender Satz. Denn wer Verantwortung übernimmt, eine Führungsposition innehat oder überhaupt etwa bewirken will auf der Welt, in seinem Gemeinwesen oder einem Unternehmen, braucht dafür – Macht. Ob er will oder nicht. Sind wir also dazu verurteilt, in Ohnmacht zu verharren und andernfalls schlechtere Menschen zu werden? Oder muß man von vornherein ein gerüttelt Maß an Korruptheit und Rücksichtslosigkeit mitbringen, um im Diesseits überhaupt was zu bewirken? Sodaß den Heiligen nur noch die Hoffnung aufs Jenseits bliebe. Oder auf die Verehrung der Nachwelt.

Dummes Zeug, denke ich dann. Aber es bleibt ein Zweifel, der weiternagt. Natürlich wirkt das, was wir tun, auf uns selbst zurück. Kleider machen Leute, und Gewohnheiten prägen den Charakter. Und Macht – macht egoistisch und böse?!

Ein bißchen genauer möchte man es schon wissen. Schließlich sind Machtbeziehungen allgegenwärtig. Über Unternehmenskultur, Führungsqualitäten und Teamwork zu sprechen, ohne ihre Wirkungen mit einzubeziehen, wäre blauäugig – um es vorsichtig auszudrücken. In der aktuellen Ausgabe von Wired referiert Jonah Lehrer einige aktuelle Studien, die dazu interessante Aufschlüsse liefern.  weiterlesen…

16. August 2010

Aus der Schule geplaudert
[Langfassung]

Können wir von erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden was lernen? Aber sicher: wenn sie bereit und fähig sind, das, was sie selber erfahren, gelernt und erkannt haben, mit uns zu teilen. Doch, sowas gibt es.

Manager sind auch nur Menschen, heißt es oft, und meist ist Schadenfreude im Spiel, weil sich einer von ihnen irgendeinen dummen oder peinlichen oder gar strafrechtlich relevanten Ausrutscher geleistet hat. Aber: Manager sind wirklich Menschen, manchmal sogar Persönlichkeiten, und bisweilen zeigen sie das sogar – nicht nur privat, sondern auch öffentlich. Leider sind das die Ausnahmen und seltenen Glücksfälle. Das ging mir erst vor wenigen Tagen wieder durch den Kopf, als ich diese Abschiedsmail Burkhard Schwenkers las. Burkhard Schwenker war – die meisten werden es wissen – als Nachfolger des Firmengründers seit 2003 CEO von Roland Berger Strategic Consultants. Nun wechselt er an die Spitze des Aufsichtsrats und wird dem Beratungsunternehmen künftig beratend zur Seite stehen, seine bisherige Funktion übernimmt Martin Wittig.

Es ist üblich und gehört zum guten Ton, bei Anlässen dieser Art eine Erklärung abzugeben – eine Bilanz der eigenen Arbeit, ein paar Worte zum Unternehmen, ein Ausblick auf die Zukunft. Eine Pflichtübung also, und danach klingen die meisten dieser Statements denn auch. Die Mail, mit der sich Schwenker von seinen ehemaligen Mitarbeitern verabschiedet, schlägt einen anderen Ton an. Sie ist so persönlich, daß von dem, was er zu sagen hat, auch andere profitieren und was lernen können. Ein Büro für Innenarchitektur zum Beispiel, ein Hoteldirektor oder ein Investmentunternehmen. Das klingt paradox, ich weiß, weil man normalerweise das Berufliche für relevanter hält als das Private und eher an der Kompetenz und den professionellen Ratschlägen eines Beraters interessiert ist als an seinen persönlichen Erfahrungen.

Schon im dritten Satz vermittelt Schwenkers Mail eine Ahnung davon, was daran nicht stimmt. In all den Jahren, schreibt er, habe er sich im Dialog mit den Mitarbeitern stets bemüht, »to be positive with an optimistic attitude towards upcoming challenges«. Das gehört zur Rolle und Funktion eines CEOs. Jetzt, da er von dieser Funktion Abschied nimmt, ist aber eine Beschränkung auf die dazugehörige Rolle nicht mehr angemessen. Darin liegt kein Verzicht, sondern eine weitere Herausforderung:  weiterlesen…

14. August 2010

Aus der Schule geplaudert (2)

Wie schafft man in schwierigen Zeiten ein Wir-Gefühl und die Verpflichtung auf gemeinsame Ziele als Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg: darum ging es in der ersten Folge dieses Beitrags, der sich mit Burkhard Schwenkers Botschaft anläßlich seines Abschieds als CEO von Roland Berger auseinandersetzt. Heute geht es um den zweiten Schritt: wie setzt man danach diese Ziele erfolgreich um?

Die dominierenden Themen

Wer sich Ziele setzt, hat sie noch lang nicht erreicht. Genauso wichtig wie das Ziel ist der Weg dahin, und der ist eine Aufgabe für sich. Die alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, die hat es nie gegeben. Es ist die tägliche Praxis, in der sich Führungsqualitäten bewähren müssen. Man sollte meinen, ein Beratungsunternehmen sei dabei in seinem Element. Schließlich verdienen Berater viel Geld damit, ihren Klienten Werte zu vermitteln, die sich bei der Durchsetzung unternehmerischer Ziele bewähren. Um wieviel leichter müßte es ihnen fallen, auch für das eigene Unternehmen einen entsprechenden Kodex zu erarbeiten und für verbindlich zu erklären.

Das mag so sein, und Werte zu formulieren ist wichtig. Aber es reicht nicht aus, um dauerhaft und mit bleibendem Erfolg eine Haltung oder das Verhalten zu verändern. Solche Veränderungen liegen auf einer tieferen Ebene. Um es mit Burkhard Schwenkers Worten zu sagen:

»We have a lot of discussions about values or morality and ethics in business and leadership. This is absolutely necessary, but I believe that these kinds of conceptual frameworks will not really change behaviour. What helps are personal commitments and attitudes. You all know my personal favourites:

• a cool head, because complexity needs analytical skills

• a warm heart, because I’m completely convinced that you need to like people – taking care! – to lead properly

• and working hands, because it’s role models that give directions.«

Ein kühler Kopf, ein offenes Herz und fleißige Hände. Nachdenken, Wertschätzung üben, zupacken. Und das soll bereits alles sein? Wer schon mal Consultants in Aktion erlebt und gesehen hat, wie sie bei Strategie-Meetings Schaubilder, Diagramme und Mindmaps auf Flipcharts malen oder an die Wand beamen, kann sich nur die Augen reiben. Auch ich war verblüfft – aber kein bißchen befremdet.  weiterlesen…

13. August 2010

Aus der Schule geplaudert (1)

Können wir von erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden was lernen? Aber sicher: wenn sie bereit und fähig sind, das, was sie selber erfahren, gelernt und erkannt haben, mit uns zu teilen. Doch, sowas gibt es.

Manager sind auch nur Menschen, heißt es oft, und meist ist Schadenfreude im Spiel, weil sich einer von ihnen irgendeinen dummen oder peinlichen oder gar strafrechtlich relevanten Ausrutscher geleistet hat. Aber: Manager sind wirklich Menschen, manchmal sogar Persönlichkeiten, und bisweilen zeigen sie das sogar – nicht nur privat, sondern auch öffentlich. Leider sind das die Ausnahmen und seltenen Glücksfälle. Das ging mir erst vor wenigen Tagen wieder durch den Kopf, als ich diese Abschiedsmail Burkhard Schwenkers las. Burkhard Schwenker war – die meisten werden es wissen – als Nachfolger des Firmengründers seit 2003 CEO von Roland Berger Strategic Consultants. Nun wechselt er an die Spitze des Aufsichtsrats und wird dem Beratungsunternehmen künftig beratend zur Seite stehen, seine bisherige Funktion übernimmt Martin Wittig.

Es ist üblich und gehört zum guten Ton, bei Anlässen dieser Art eine Erklärung abzugeben – eine Bilanz der eigenen Arbeit, ein paar Worte zum Unternehmen, ein Ausblick auf die Zukunft. Eine Pflichtübung also, und danach klingen die meisten dieser Statements denn auch. Die Mail, mit der sich Schwenker von seinen ehemaligen Mitarbeitern verabschiedet, schlägt einen anderen Ton an. Sie ist so persönlich, daß von dem, was er zu sagen hat, auch andere profitieren und was lernen können. Ein Büro für Innenarchitektur zum Beispiel, ein Hoteldirektor oder ein Investmentunternehmen. Das klingt paradox, ich weiß, weil man normalerweise das Berufliche für relevanter hält als das Private und eher an der Kompetenz und den professionellen Ratschlägen eines Beraters interessiert ist als an seinen persönlichen Erfahrungen.

Schon im dritten Satz vermittelt Schwenkers Mail eine Ahnung davon, was daran nicht stimmt. In all den Jahren, schreibt er, habe er sich im Dialog mit den Mitarbeitern stets bemüht, »to be positive with an optimistic attitude towards upcoming challenges«. Das gehört zur Rolle und Funktion eines CEOs. Jetzt, da er von dieser Funktion Abschied nimmt, ist aber eine Beschränkung auf die dazugehörige Rolle nicht mehr angemessen. Darin liegt kein Verzicht, sondern eine weitere Herausforderung:  weiterlesen…

13. August 2010

Klare Verhältnisse bei Ritz-Carlton

Offenkundig bin ich mit meinem gestrigen Beitrag der offiziellen Presse­mit­teilung von Ritz-Carlton nur wenige Stunden zuvorgekommen. Wie aus letzterer hervorgeht, waren meine Informationen sachlich korrekt: Hervé Humler wird neuer Präsident und COO von Ritz-Carlton; Simon F. Cooper bleibt dem Mutterkonzern Marriott in neuer Funktion erhalten. Gestört hat man sich bei Ritz-Carlton hingegen an der Bemerkung, der Wechsel sei »aus heiterem Himmel« erfolgt. Ich korrigiere mich gerne: für die Öffentlichkeit mag die personelle Veränderung überraschend gekommen sein – intern war sie wohl lange geplant, und Hervé Humler ist seit Jahren für diese Führungsrolle aufgebaut worden. So verstehe ich jedenfalls die Formulierung von den »Promotions der letzten Jahre« – aber ich zitiere die Mail, die ich dazu von Ritz-Carlton erhielt, am besten im vollen Wortlaut:

»Hallo Serendipity-Suite,

Ich helfe gerne bei der Aufklärung. Die Meldung, das unser Präsident Simon Cooper sich verändert, ist korrekt und wurde gestern via PR Newswire an die Medien weltweit rausgegeben. Es ist nicht korrekt, dass diese Veränderung aus “heiterem Himmel” kam. Dieser Führungswechsel war seit langem geplant und Mr. Hervé Humler (einer der Gründer der The Ritz-Carlton Hotel Company) ist sukzessiv auf diese Rolle vorbereitet worden, wie die Promotions der letzten Jahre anzeigen. Die gestrige Meldung hat auch Information darauf gegeben, dass Mr. Cooper als President und Managing Director Asia/Pacific für Marriott International nach Hongkong gehen wird und dort für alle Marken unseres Mutterkonzerns zuständig sein wird.

Anbei die vollständigen Meldungen:

http://www.prnewswire.com/news-releases/marriott-international-announces-leadership-positions-for-asia-pacific-middle-east-and-africa-100517894.html

http://www.prnewswire.com/news-releases/the-ritz-carlton-names-herve-humler-president–coo-100517884.html

Viele Grüße
Marion Schumacher

Marion Schumacher
Regional Director Public Relations, Europe
The Ritz-Carlton Hotel Company«

Für Simon F. Cooper bedeutet die neue Position einen beruflichen Aufstieg. Als President & Managing Director, Asia Pacific übernimmt er die Verantwortung für mehr als 130 bestehende und 70 in Entwicklung befindliche Hotels des Konzerns; dazu gehören die Marken The Ritz-Carlton, JW Marriott, Marriott, Renaissance, Courtyard and Marriott Executive Apartments.

12. August 2010

Stühlerücken bei Ritz-Carlton

Normalerweise halte ich diesen Blog frei von Tagesaktualitäten; in diesem Fall mache ich eine Ausnahme, weil mir diese Nachricht doch mitteilenswert scheint: Simon F. Cooper, Präsident und CEO von Ritz-Carlton Hotels, wird diese Funktionen abgeben; an seine Stelle tritt Herve Humler, bisher Präsident von Ritz-Carlton International. Cooper soll dem Konzern allerdings erhalten bleiben und eine neue, nicht näher definierte Rolle bei Marriott übernehmen.

Bemerkenswert finde ich diese Meldung schon deshalb, weil der Rücktritt allem Anschein nach aus heiterem Himmel kommt; es handelt sich nicht um einen lange geplanten und entsprechend angekündigten Führungswechsel.

Ich werde versuchen, so schnell wie möglich eine Bestätigung oder ein Dementi dieser Neuigkeit zu finden, und dann darüber berichten – ebenso (die Geschichte interessiert mich jetzt doch) über Ursachen und Hintergründe des Wechsels, sofern ich auch darüber was erfahre.

31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

30. Juli 2010

Luxushotels im Aufwind?

Vor einigen Wochen habe ich über den Deutschen Hotelimmobilien-Kongress berichtet und die positive Stimmung hervorgehoben, die dort herrschte. Fast alle waren sich einig: die Talsohle ist durchschritten, die schlechten Zeiten liegen hinter uns, mit dem Hotelmarkt geht es wieder aufwärts. Die Expansionspläne, von denen einige der großen Ketten berichteten, gaben der optimistischen Grundstimmung zusätzliche Nahrung.

Jetzt scheint ein Artikel in der New York Times diese Einschätzung zu bestätigen und durch harte Fakten zu untermauern. Die Belegungszahlen der Hotels wachsen noch stärker, als selbst die zuversichtlichsten Experten erwartet hatten – und die aktuellen Prognosen sehen kein Ende des Aufschwungs. Das sind erfreuliche Nachrichten – für amerikanische Hotels und Hotelmanager. Mir ist natürlich klar, daß diese Zahlen für Deutschland gar nichts besagen – und zur Situation hierzulande fehlen mir aktuelle emprische Daten. Aufgefallen jedoch ist mir eine Besonderheit an der Entwicklung in den USA, und ich frage mich, ob es sich dabei um ein spezifisch amerikanisches Phänomen handelt oder um einen allgemeineren, nicht auf Amerika beschränkten Trend.

Wenn Sie den Artikel in der New York Times genauer lesen, werden Sie nämlich bemerken: das Wachstum fällt im Luxus-Segment, bei den absoluten Top-Hotels, erheblich stärker aus als bei den Mittelklasse-Häusern, die zwar auch Zuwächse verzeichnen, im direkten Vergleich aber deutlich hinterherhinken. Das steht klar im Widerspruch zur Meinung, die auf dem Hotelimmobilien-Kongress mehrheitlich zu hören war.  weiterlesen…

7. Juli 2010

Yes, we can

Was der Deutsche Hotelimmobilien-Kongress in Bonn mit der Fußball-WM gemein hatte. Oder wenigstens mit der deutschen Nationalmannschaft.

Ich gebe zu: ganz kalt läßt mich das Fußballfieber denn doch nicht. Zwar bin ich bekennender Nicht-Fan, aber ich habe auch nicht grundsätzlich was gegen Fußball. Und bei Europa- oder Weltmeisterschaften begebe ich mich nicht krampfhaft auf die Suche nach fußballfreien Zonen. Allerdings bin ich wohl schwerer zu begeistern als der durchschnittliche Fußball-Deutsche. Da braucht es schon Spiele wie die unserer Nationalmannschaft gegen England oder Argentinien. Nicht, daß ich mir zutrauen würde, im Anschluß mit Delling, Netzer und dem Rest der Fußballnation darüber zu fachsimpeln. Ich habe eher den Blick des Outsiders; es sind die nicht- oder nicht-nur-sportlichen Aspekte, die mir auffallen und Eindruck machen.

Zuallererst natürlich die sichtbare Freude am Spiel, die die elf Akteure auf dem Rasen miteinander verbindet. Und »verbindet« meine ich wörtlich: ich habe schon lange keine Mannschaft mehr erlebt – und das nicht nur im Fußball –, die ein so überzeugendes, nahezu ansteckendes Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Und das rührt daher, daß sie tatsächlich was gemeinsam haben. Sie sind nicht auf dem Feld, um eine Niederlage zu vermeiden. Sie trauen sich was zu und wollen zeigen, was sie können. Sie lassen sich von ihrem Selbstbewußtsein und ihrer eigenen Begeisterung mitreißen, und wenn die Gegner dabei manchmal ziemlich alt aussehen – umso besser. Auf Nummer Sicher sollen andere spielen. Es ist eine Lust, ihnen dabei zuzusehen.

Und es ist das totale Kontrastprogramm zu dem, was uns Politik und Medien hierzulande sonst so bieten. Dem täglichen Klein-klein und allgegenwärtigen Besitzstandsdenken. Den kindischen Intrigen und unsäglichen Neid-Debatten. Der Angst, sich zu exponieren und Verantwortung zu übernehmen. Lieber bleibt man ungreifbar und gesichtslos als Profil zu zeigen und sich angreifbar zu machen. Bloß nicht auffallen, nur keine Fehler machen scheint zur ersten Bürgerpflicht zu avancieren. Wer sich was zutraut, verhält sich anders. Und wie wollen wir in der gegenwärtigen Situation bestehen, wenn wir uns nicht was zutrauen und entschlossen sind, zu zeigen, was wir können? Manchmal möchte ich an diesem Land verzweifeln.

Dann war ich vor etwa einer Woche auf dem Deutschen Hotelimmobilien-Kongress in Bonn. Und da empfing mich eine Stimmung, die ich nicht erwartet hatte.  weiterlesen…

20. Juni 2010

»Schickes Design, nicht zu Ende gedacht«

Fehlt es an Mut? Nimmt die Angst überhand? Oder warum sonst gibt es in der Hotel- und Touristikbranche soviel »Innovation« – und so wenig Bewegung? Und was hat das alles mit dem Reptiliengehirn zu tun?

In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts brauchte Mut, wer sich in Jeans in die Oper oder in ein schickes Restaurant wagte. Oder gar: Jeans im Büro, in der Vorstandsetage? Das emblematische Kleidungsstück der Rocker und der Halbstarken?! Undenkbar. Dann avancierte die blaue Röhrenhose zum Erkennungszeichen der Nonkonformisten. Noch ein paar Jahre, und jeder trug sie, immer und überall. Alle waren Nonkonformisten, und keiner wollte aus der Reihe tanzen. Ein weiteres Beispiel: das schwarze Outfit, mit dem sich die Pariser »Existenzialisten« nach dem zweiten Weltkrieg demonstrativ vom Rest der Gesellschaft distanzierten. Heute genügt ein Blick, um auf einer Messe oder Vernissage die Architekten, Designer, Künstler zu erkennen. Die kreative Klasse trägt Schwarz. Ausnahmen? – würden die Regel bestätigen, aber man findet sie kaum. Der demonstrative Protest ist zur Attitüde erstarrt. Ein neuer Konformismus hat sich breitgemacht, der seinen Trägern das angenehme Gefühl vermittelt, zu den Nonkonformisten zu gehören. Zu den Unangepaßten, den Querdenkern, der Avantgarde. Zur Elite eben.

Ungefähr so verhält es sich heute mit dem »Design«. Jeder schmückt sich gern damit, jeder findet es irgendwie schick, jeder meint, mit dem Design über ein todsicheres Differenzierungs- und Alleinstellungsmerkmal zu verfügen. Die Absurdität einer »massenhaften Alleinstellung« fällt schon gar keinem mehr auf. Erst recht nicht, wie sehr sich dabei der Designbegriff unter der Hand entleert, in sein Gegenteil verkehrt, pervertiert hat. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn es den Benutzer vor Rätsel stellt oder überhaupt keine erkennbare Existenzberechtigung hat, dann ist es: Design. Und damit ein Wert an sich, mit profenen Maßstäben nicht zu messen. Wer fragt, wozu das gut sein soll, entlarvt sich als Banause. Kandinsky oder Picasso oder Mondrian haben schließlich auch keine Sonnenuntergänge und röhrenden Hirschen gemalt.

Lassen wir die Selbstüberschätzung beiseite, die sich darin äußert. Wenn Design Kunst ist, dann allenfalls Kunst, die sich nützlich macht – und genau an der Nützlichkeit läßt sie es fehlen. Irgendwann bemerken sogar die Autoritätshörigsten unter ihren Bewunderern, daß es dem Kaiser an Kleidern gebricht. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Begriff Design mittlerweile ins Negative zu kippen droht und auf dem besten Wege ist, zum Schimpfwort zu werden. In der aktuellen Ausgabe von »Hospitality Inside« (Abonnement erforderlich) finde ich diese These bestätigt. Ein Artikel darin beschäftigt sich mit dem ersten Hotel einer neuen Kette, das kürzlich in der Türkei eröffnet wurde. Zu den »Markenzeichen« der neuen Kette zählt auch das Design. Und das sind die Details, an denen laut »Hospitality Inside« die anwesenden Journalisten den »Designanspruch« erkennen:

»Im Bad lassen sich die aalglatten, runden Wasserhähne mit nassen Händen nicht mehr zudrehen, Schmink- bzw. Vergrösserungsspiegel fehlen, ein Papierkorb steht nur im WC, im Schrank hängen die unsäglichen, nicht ganz herausnehmbaren Kleiderbügel, etliche Haken und viel Ablagefläche fehlen.«

»Ein schickes Design, aber nicht zu Ende gedacht«, lautet danach das Fazit. Nicht zu Ende gedacht – immerhin. Das impliziert zumindest, es habe sich dabei überhaupt jemand was gedacht. Das darf bezweifelt werden. Denn in derselben Ausgabe von »Hospitality Inside« kommt dasselbe Hotel ein zweites Mal vor – diesmal als Vergleichsobjekt für ein Haus einer anderen Kette mit ähnlichem Anspruch.  weiterlesen…

2. April 2010

Tatort Wettbewerbspräsentation

Jeder ist sich selbst der Nächste, denkt so mancher in der Hotelbranche. Und sägt kräftig an dem Ast, auf dem er sitzt.

Der »Tatort« – ich meine die Fernsehserie – ist ein deutsches National­heilig­tum. Aus unserem Leben so wenig wegzudenken wie die Tagesschau oder »Wetten, daß«. Schon der Vorspann macht süchtig. Klaus Doldingers Ohrwurm als musikalische Untermalung. Dann natürlich die Sequenz von Grafiken und Filmbildern – die Augen des Opfers im Visier des Scharfschützen, Hände in ohnmächtiger Abwehr, die Beine des wegrennenden Schützen. Kommunikationsdesign vom Feinsten, kreiert von – ja, von wem eigentlich? Das hätte bis vor kurzem keiner zu sagen gewußt – außer der Grafikerin selbst, wenn man sie gefragt hätte. Aber es kannte sie ja niemand.

Das ändert sich bald. Künftig wird sie in den Inserts ebenso genannt werden wie Klaus Doldinger und die anderen Beteiligten. Um dahin zu kommen, bedurfte es allerdings eines Gerichtsverfahrens, das Kristina Böttrich-Merdjanowa vor einigen Tagen in erster Instanz gewann. Kristina Böttrich-Merdjanowa ist die Grafikerin und Trickfilmerin, die den Vorspann vor vierzig Jahren geschaffen hat. Heute ist sie 75 Jahre alt, und ihr Trailer ist gefragter denn je: durchschnittlich mehr als einmal täglich ist er über irgendeine der ARD-Anstalten zu sehen. Deshalb – so das Gericht – habe Böttrich-Merdjanowa nicht nur Anspruch auf die Nennung ihres Namens, es stehe ihr darüber hinaus auch ein Anteil an den Erlösen in vielfacher Millionenhöhe zu, die die Sender mit ihrer Arbeit erzielt hätten. Das sei in Deutschland durch das Grundgesetz, Artikel 14 verbürgt und im Urheberrecht festgeschrieben. Da dürfte zu den 2.500 DM – knapp 1.300 Euro –, die sie 1970 für ihr Werk erhalten hatte, noch einiges hinzukommen.

Wie schön, dachte ich, daß in Deutschland das geistige Eigentum und die schöpferische Arbeit so hohe Wertschätzung genießen. Sowas hört unsereiner natürlich gern – schließlich ist es das, wovon wir Kreativen leben. Oder doch nicht? Die Freude über das Urteil und die vorausschauende Weisheit des Grundgesetzes verfliegt schnell, wenn man sich der schnöden Wirklichkeit und täglichen Praxis zuwendet.    weiterlesen…

8. Oktober 2009

Alles für Devisen? – Nachtrag

»Devisenmolkereien« – das war eine andere Bezeichnung für die Interhotels, die dem Ministerium für Staatsicherheit (MfS), Hauptabteilung VI, Abteilung Touristik unterstanden. Gemolken bzw. abgeschöpft wurden die westlichen Gäste dort doppelt. Dabei waren die exorbitanten Preise für Kost und Logis in den 5-Sterne-Hotels nur die eine, vielleicht nicht einmal die wichtigere und sicher nicht die pikantere Seite. Denn vor allem verfügten die Gäste über Informationen, Know-how, Einflußmöglichkeiten – und sie kamen nicht selten zu geschäftlichen Zwecken. Es galt also sicherzustellen, daß die entsprechenden Verhandlungen zum Vorteil der DDR verliefen. Besonders beliebt war dabei eine Methode, die MfS-intern als »Mata-Hari-Modell« bezeichnet wurde.   weiterlesen…

28. August 2009

Design sells

Erst kürzlich habe ich an dieser Stelle versucht, die Bedeutung des Apple-Designs etwas besser zu verstehen. Dazu paßt die folgende Meldung aus the Atlantic. Danach ist es der Apple Store, der auf New Yorks Fifth Avenue mit weitem Abstand den größten Umsatz macht. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Computerladen. Auf der Fifth Avenue. Einer der berühmtesten und teuersten Einkaufsmeilen der Welt. Dieser Apple Store also – der mittlerweile ja auch als architektonische Sehenswürdigkeit zum Pflichtprogramm jedes New-York-Besuchs zählt – macht einen Umsatz von 350 Mio. Dollar pro Jahr. Das sind, bei einer Fläche von knapp 1.000 qm, mehr als 350.000 Dollar/qm. Zum Vergleich: den Umsatz von Tiffany & Co. (ebenfalls auf der Fifth Avenue) schätzen Experten auf ca. 180.000 Dollar/qm. Ein Sprecher des Unternehmens bezeichnete diese Zahl allerdings als zu hoch gegriffen. Und der Abstand scheint weiter zu wachsen. Während in den ersten Monaten des Jahrs 2009 die Fifth Avenue deutliche Umsatzeinbußen hinnehmen mußte – Tiffany etwa um 22 Prozent –, konnten die Apple Stores ihren Umsatz um 2,5 Prozent steigern.

Design sells, kann man dazu nur sagen. Jedenfalls dann, wenn man es so versteht (und umsetzt) wie Steve Jobs und Apple.

19. August 2009

Reality Check

Um 4,8 Prozent, so lese ich, seien die Umsätze des deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes im ersten Halbjahr 2009 durchschnittlich zurückgegangen. Am stärksten getroffen habe es dabei, mit einem Rückgang um 7,1 Prozent, die Hoteliers. Das könnte man mit Fug eine schlechte Nachricht nennen – es ist aber die gute, lerne ich aus demselben Beitrag. Denn: hätten die Betriebe nicht rechtzeitig ihre Preise erhöht, wäre der Einbruch noch viel dramatischer ausgefallen – um 9,4 Prozent bei den Hoteliers und 6,9 Prozent bei den Gastronomen.

Und was schließen wir daraus? Welches Bild will uns die zuständige PR-Agentur oder Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit vermitteln? Die deutschen Hoteliers hätten in weiser Voraussicht die Krise kommen sehen und – clever wie sie sind – ratzfatz ganz schnell erst mal die Preise angehoben. Vielleicht in der Hoffnung, mit etwas Glück über höhere Preise die sinkenden Übernachtungszahlen sogar wettzumachen. Ganz geklappt hat’s dann doch nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen. Da hätten doch glatt die treuen Stammgäste auch noch die Rechnung derjenigen bezahlt, die gar nicht gekommen sind. Wer denkt sich sowas aus, frage ich mich?   weiterlesen…