Einträge zum Thema «Writers’ Corner»

30. Juli 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Weil mal wieder Montag ist – Juli Zeh begann ihren Urlaub auch voller Vorfreude, begleitet von einem Menschen, zwei Hunden und einer Katze. Ins bulgarische Rila-Gebirge sollte die Reise gehen, aber in Ungarn machte das Auto schlapp. Eine Werkstatt finden sie in Budapest, nur das nötige Ersatzteil ist nicht da. Also organisiert ihnen die Werkstatt ein Hotel. »Ein Kettenhotel im Gewerbegebiet«:

»Was in unserem Zimmer am Fenster hängt, sieht aus wie Duschvorhänge und riecht auch so. Auch die Abmessungen unserer neuen Behausung erinnern an eine Duschkabine. Die Hunde füllen den schmalen Gang zwischen Bett und Wand. Die Katze füllt jene Ecke des Schreibtischs, die nicht vom bauchigen Fernseher gefüllt wird. Den Rest des Platzes füllen unsere Koffer. Uns Menschen bleibt das Bett als ständiger Aufenthaltsort. Um diese Tatsache in einen logischen Zusammenhang zu stellen, entscheiden wir uns spontan für einen grippalen Infekt.

Wir husten und niesen. Wir schniefen und schnauben. Das letzte bisschen Luft im Raum riecht nach Schweiß und Viren. Draußen fällt Dauerregen. Es wird auch tagsüber nicht hell. Morgens und abends schleppen wir uns vor die Tür, um in der benachbarten Mall Nasentropfen, Brötchen und Scheibenkäse zu kaufen. Was wir nicht aufessen, legen wir zu den angebrochenen Hunde- und Katzenfutterdosen auf den Fernseher.«

Juli Zeh / DIE ZEIT

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche – und lassen Sie bloß keine Viren an sich ran… :-)

21. Juli 2012

Writers’ Corner

»An den Rändern der Gesellschaft, an ihren vermeintlich schlechtesten Plätzen, findet man meist die grössten Freiheiten. Nichts ist langweiliger und beengender als der Tisch des Kapitäns, an dem man sich korrekt benehmen muss. Kunst entsteht am Katzentisch, nicht am Tisch des Kapitäns, und in Kanada gibt es sogar ein Sprichwort, wonach noch nie jemand, der Schlips und Kragen trug, eine gute Idee gehabt habe. Das ist natürlich eine sehr ungerechte Bemerkung, aber in gewisser Weise glaube ich, dass sie stimmt.«

Michael Ondaatje

7. Juli 2012

Writers’ Corner
»Am schlimmsten sind Hotels und Restaurants.«

»Was ich vermisse? Ruhe. Ich setze mich vor den Konzerten backstage in diese Großraumduschen mit der Akustischen und spiele Flamenco. Gute Akustik. Dabei sammle ich mich selbst ein, sozusagen. Am schlimmsten sind die Hotels und Restaurants. Überall Drum ’n’ Bass, House, ein einziges Geploppe, Gesirre, Gezwitscher, Geloope. Du kannst durch diese Hotels durchtanzen, vom Zimmer durch den Flur durch den Aufzug durch den Frühstückssaal und dann raus durch die Rezeption bis auf die Straße. Dich im Kreis drehen, mit dem Kopf wackeln, in die Hände klatschen, rausgrooven. Das ist Terror.«

Oliver Riedel von »Rammstein« im Shorebreak Hotel, Huntington
(Zitiert nach SZ-Magazin, 6.7.2012, S. 28)

3. Juli 2012

Writers’ Corner:
Das Loch im Picasso

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Es dürfte nicht wenige Museumsdirektoren geben, die das Wynn Hotel in Las Vegas um seine Gemäldesammlung beneiden. Steve Wynn zählt nicht nur zu den erfolgreichsten Hoteliers, sondern auch zu den leidenschaftlichsten Kunstsammlern der Gegenwart. Aber was ein echter Sammler ist, der kauft nicht nur Kunst, er verkauft sie auch. So ließ sich Wynn 2006 von dem Hedgefonds-Milliardär Steven Cohen überreden, ihm Picassos Porträt »La Reve« abzutreten – für den höchsten Preis, der bis dahin jemals für ein Gemälde bezahlt worden war. Aber Geld ist nicht alles, und leicht scheint Steve Wynn der Abschied von dem Bild nicht gefallen zu sein. Jedenfalls lud er eine Reihe von Bekannten und Gästen seines Hauses – darunter auch die Regisseurin Nora Ephron – ein, mit ihm gemeinsam einen letzten Blick darauf zu werfen. Ein letztes Mal verbreitete er sich voller Enthusiasmus über das Gemälde, das dabei war, für unabsehbare Zeit, vielleicht für immer, aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Wie gesagt: die Trennung fiel ihm schwer. Sehr schwer. Und so fand er inmitten seiner Ausführungen einen kreativen, wenngleich drastischen Weg, den Picasso doch noch zu behalten. Nun ja – nicht ganz den Picasso, den er an Steven Cohen veräußert hatte, aber immerhin, am Ende lief es fast aufs selbe hinaus. Nämlich? – Das lassen Sie sich am besten von Nora Ephron selbst schildern, die in der Huffington Post darüber berichtete (ich habe bei der Geschichte schallend gelacht):

»A couple of weekends ago, we went to Las Vegas. It was a small group of us who can never get enough Vegas. We stayed at The Wynn, where we always stay. We like the Wynn and we like Steve and Elaine Wynn, who own the Wynn, and we like the breakfast buffet at the Wynn, which is the greatest breakfast buffet in Las Vegas and therefore in the world. It’s even better than the breakfast buffet at the Bellagio Hotel, which Steve Wynn used to own. The day you die and go to heaven, there will not be a breakfast buffet as good as the one at the Wynn.

We got there Friday night and went straight to dinner at the SW Restaurant, which is of course named after Steve Wynn. I’d never been there. It has a strip steak that I honestly thought was the finest steak of my life, and let me tell you, I eat a lot of steak. (This reminds me, someone at our table ordered a steak made of grass-fed beef, it was the second time I’d had grass-fed beef in less than a week, it’s become a big trend, and may I say that someone should stamp out grass-fed beef because it has no taste whatsoever.) Anyway, while we were eating, Steve and Elaine Wynn stopped by the table. Wynn was in a very good mood because, he told us, he had just sold a Picasso for $139 million. I was surprised he’d sold it, because the Picasso in question was not just any old Picasso but the famous painting Le Reve, which used to hang in the museum at the Bellagio when Wynn owned it, and no question it was Wynn’s favorite painting. He’d practically named his new hotel after it, but at some point in the course of construction he’d changed his mind and decided to name the hotel after himself, which, when you think of it, was a good idea, what with the homonym and all. Meanwhile, he named the Cirque de Soleil Show at the Wynn after Le Reve. weiterlesen…

21. Mai 2012

Writers’ Corner

»Es ist alles Lüge, was gesagt wird, das ist die Wahrheit, verehrter Herr.«

Thomas Bernhard
 

(Ja ich weiß, in der Philosphie gibt es das »Lügner-Paradoxon« schon viel länger, aber es fehlt ihm der schlawinerhafte österreichische Schmäh…)

17. Mai 2012

Merk-Sätze (4)

»I imagine our current situation will cause future generations to shudder at the thoughtlessness in the way in which we today fill our homes, our cities and our landscape with a chaos of assorted junk.«

Dieter Rams

12. Mai 2012

Writers’ Corner:
Neue Bürowelten (2)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Wenn … die Maschinen immer kleiner werden und immer leichter zu handhaben sind, dadurch die Büroarbeit nahezu immateriell erscheint, so müssen die Räume vielleicht um so mehr denen im häuslichen Bereich ähneln. Meine utopische Vorstellung wäre ein Büro, das mit Kunst gemischt ist. Zum Beispiel mit Bildern, mit Musik, mit Skulpturen oder mit Architektur. Es müßte sehr schöne Räume geben, in denen die Menschen in diesen ›Soft-Situationen‹ angenehm arbeiten können, und zugleich müßten diese großen Räume mit Bildern bestückt sein, so daß sich die Beschäftigten wie in einem Museum fühlen könnten. Denn überhaupt finde ich, die architektonisch interessanteren Gebäude heute sind die Museen, denn dort konzentriert sich die Spiritualität der Menschheit. Diese Museen dürfen nicht demagogisch und nicht monumental sein; auch sie sollten etwas von dem Charakter eines Privathauses haben: Wenn man in ein Museum geht, muß man sich an ein Haus erinnert fühlen. Und auch ein wenig an die alten Kirchen, an diese Spiritualität, die neue Kirchen nicht mehr haben und die man heute in Museen findet. Und dann kommt noch die Idee des Theaters hinzu. Also: Haus, Museum, Kirche, Theater. Das ist eine sehr interessante Mischung. Und es wäre wunderbar, wenn man diese Mischung auf die Bürogebäude übertragen und in die Büroräume hineintragen könnte.«

Alessandro Mendini*

Und auch hier hake ich nach: ist die Integration unterschiedlicher Funktionen, Bereiche und Lebenswelten, ihre Verschmelzung zu einem charismatischen, in sich stimmigen Ganzen, nicht eine der ganz großen Stärken des Hotels? Fast möchte ich von einer Kulturleistung sprechen. Und liegt nicht die wichtigste Herausforderung für Hoteldesigner und Innenarchitekten darin, diese Integration immer weiter zu treiben und auf ein gewandeltes Lebensgefühl, neue Fragen und eine Vervielfachung der Möglichkeiten überzeugende Antworten zu finden? Was denn sonst, würde ich sagen. Umso weniger kann ich nachvollziehen, wie stiefmütterlich und rückwärtsgewandt die meisten Hotels – sogar solche, die sich auf Ver­an­staltungen konzentriert haben – ihre Seminar- und Kon­fe­renz­be­reiche behandeln. Das Gegenteil wäre angesagt. Und ich wage mir gar nicht auszumalen, welche Chancen sich böten, würden Hotels hier die Vor­reiter­funktion übernehmen, zu der sie eigentlich prädestiniert sind.

Mir imponiert übrigens auch die Selbstverständlichkeit, mit der Mendini im Zusammenhang mit dem Büro ein so aufgeladenes Wort wie Spiritualität in den Mund nimmt und auf seine großen, archetypischen Vorbilder bezieht. Haus, Museum, Kirche, Theater? In Bezug auf Hotels würde ich die Aufzählung noch um den Marktplatz und das Wirtshaus ergänzen. Je einfacher die Worte, desto größer die Räume, die sie dem Denken und der Kreativität eröffnen.
 

* In: Uta Brandes (Hrsg.): Rolf Fehlbaum, Vitra. Vom Umgang mit Design, Gegenwart und Ökonomie, S. 68. Steidl Verlag, Göttingen 1991

12. Mai 2012

Writers’ Corner:
Neue Bürowelten (1)

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Das Büro ist in den Köpfen der meisten immer noch ein völlig festgefügter Raum, in dem sich Arbeit als Pflicht niederschlägt. Solange Arbeit sich als Gegenwelt zu Freizeit und Freiheit versteht, können Büros auch nicht leben und atmen. Da sich diese Arbeitsauffassung aber aufzulösen beginnt, können wir über ein neues Büro nachdenken. Damit das nicht reine Science-fiction wird, müssen die objektiven Bedingungen gegeben sein. Man verändert die Gesellschaft natürlich nicht über neue Möbel, ebensowenig wie die Sexualität über neue Betten. Wenn sich Veränderungen aber abzeichnen, kann man sie durch Mittel der Architektur und des Designs ausdrücken und beschleunigen. – Was mich im Moment am meisten interessiert, sind Versuche, neue Modelle für das »hedonistische Büro« zu entwickeln. Selbst wenn keines dieser Modelle für ein Büro in Serienproduktion tauglich sein sollte, können diese Entwürfe als Vorstufe, als Lockerungsübung gegenüber dem uniformierten Büro eine Bedeutung gewinnen. Wenn das Büro nicht mehr als Ort der Fremdbestimmung und der Pflichtausübung gesehen wird, sondern als eine Mischung von Eigen- und Fremdverwirklichung, dann wird daraus ein anderer Ort. Dann hat der Ort etwas mit dem arbeitenden Individuum zu tun, und damit dieser Ort mein Ort wird, muß ich Optionen haben, um mich sozusagen in diesen Ort hineinzuwählen.«

Rolf Fehlbaum, Vitra*

Gehört es nicht schon lange – und erst recht heute – zum Selbst­ver­ständnis von Hotels, dem Gast einen Ort zu bieten, in den er sich »sozusagen hineinwählen« kann? Und liegt darin nicht ein weiteres Argument dafür, daß Hotels bei der Gestaltung von Seminar- und Konferenzbereichen eine Vorreiterrolle übernehmen und inspirierende neue Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation entwickeln, statt sich an der Tristesse von Office-Umgebungen zu orientieren, die einer vergangenen Zeit angehören? Für die Teilnehmer der dort stattfindenden Veranstaltungen ist es zweifellos attraktiver, im Hotel eine Alternative zu dieser Tristesse zu erleben, statt sie im Hotel wiederholt zu finden.
 

* In: Uta Brandes (Hrsg.): Rolf Fehlbaum, Vitra. Vom Umgang mit Design, Gegenwart und Ökonomie, S. 162. Steidl Verlag, Göttingen 1991

10. Mai 2012

Merk-Sätze (3)

architecture design interior hotel design innenarchitektur
[Kudos: Arch Daily]

5. Mai 2012

Writers’ Corner

»Sie müssen das, was Sie tun, wirklich lieben. Sie müssen Ihre Seele mit Ideen füttern, und Sie dürfen nicht aufhören, als Mensch zu wachsen. Das ist es, was einem hilft, Kunst zu schaffen.«
Madonna

Wo sie recht hat, hat sie recht.

3. Mai 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Unter dem Titel »Die Muse des stillen Örtchens. Toiletten und Badezimmer – die verkannten Kulturstätten des Alltags« ist kürzlich in der NZZ ein Beitrag des amerikanischen Dichters Charles Simic erschienen, den ich als Ganzes zur Lektüre empfehle. Hier ist ein Ausschnitt daraus:

»Haben unsere Gründerväter gelesen, während sie auf ihren Nachttöpfen sassen? […]

Als Gast in fremden Häusern bin ich auf Toilettenbibliotheken gestossen, deren Umfang und intellektuelle Ambitioniertheit mir den Atem verschlugen. Es war mir nicht recht klar, ob Platons Dialoge in der griechischen Originalfassung, Marx’ «Kommunistisches Manifest» und der letzte Roman von Thomas Pynchon dort aufgereiht waren, um Eindruck zu schinden – oder ob ein anderer Gastgeber, der die Memoiren aller amerikanischen Ex-Präsidenten seit Ronald Reagan bereitgestellt hatte, den Gast zum Lachen bringen wollte. Lyrikbände fanden sich eher selten, sogar in den Häusern von Dichtern, hingegen bin ich öfters auf Anthologien gestossen. Wäre die Lektüre von Hamlets Monologen oder John Keats’ «Ode an eine Nachtigall» an solchem Ort nicht unschicklich? Ich weiss es nicht. Ich habe von Leuten gehört, die auf dem Klo die Bibel lesen; sogar für einen areligiösen Menschen wie mich war das ein ziemlicher Schock. Noch entsetzter war ich, im Domizil eines bekannten Kunstsammlers eine Darstellung der Madonna mit dem Kinde von einem sehr versierten Nachahmer Raffaels – oder, verwerflicher Gedanke, gar von der Hand des Meisters selbst – auf der Toilette vorzufinden.

Ich selbst tendiere bei der angedeuteten Gelegenheit zu Nachschlagewerken wie «Halliwell’s Film Guide», dem «Guinness Book of World Records», dem «Dictionary of Philosophy» oder dem «Farmers’ Almanac». In Notfällen lasse ich mich aber auch von der Zeitschrift «People» darüber aufklären, dass Kyra Sedgwick und Kevin Bacon entfernte Verwandte sind oder ob Emma Stone nun eher Ryan Gosling oder Andrew Garfield küssen würde.«

Charles Simic

Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen diesen Gedanken und dem Namen des Verlags, der Simic letztes Buch veröffentlicht hat, nämlich der »Edition Refugium«? Das wird Simic’ Geheimnis bleiben. Aber recht hat er. Es ist ja eine alte Streitfrage, bei welcher Gelegenheit die Menschen auf die interessanteren Einfälle kommen – beim Zähnputzen, oder bei noch schamhafter verschwiegenen Tätigkeiten. Besser gesagt: es wäre eine Streitfrage, läge nicht ein so massives Tabu darüber. Einer der ersten, die es gebrochen haben, war James Joyce im »Ulysses«, wo Harold Blooms Gedankenfluß beim täglichen Stuhlgang gleich zu Beginn des Romans leitmotivischen Charakter für den ganzen Rest erhält. Aber so sehr die Literaturwissenschaftler diesen inneren Monolog rühmen und die Leser ihn goutieren – Folgen hatte er keine, jedenfalls nicht für die Gestaltung öffentlicher Bäder und Toiletten.

Der Grund dafür liegt wohl nicht nur in einem kulturellen Tabu. Auch ich hätte Hemmungen, in einer fremden Toilette nach dort bereitgestellten Büchern oder Zeitschriften zu greifen (und sorge lieber dafür, daß ich selbst was Anregendes dabeihabe). Zu denken gibt mir Simic’ Glosse in anderer Hinsicht. Warum orientiert sich die Gestaltung von Badezimmern und Toiletten weithin eher an Reinräumen oder Operationssälen statt an Bibliotheken oder Salons? Warum ist ihr ästhetisches Paradigma die Keimfreiheit statt die Öffnung des Geistes für neue Ideen und Gedankenverbindungen? Kurz: warum sterile Hygiene statt kultureller Reichtum? (Hygiene setze ich voraus, aber grade der Schein der Hygiene kann leider täuschen, und umgekehrt setzt vorbildliche Hygiene heute weniger denn je eine Ästhetik der Keimfreiheit voraus).

In München gibt es ein berühmtes Cafe in Schwabing, dessen Toiletten­wände mit Original­werbung aus der ersten Hälfte des 20. Jahr­hunderts gestaltet sind. Ich war noch jedesmal in Ver­suchung, mehr Zeit darin zu ver­bringen als ich mußte – und als meiner Begleitung zumu­tbar gewesen wäre. In den Bädern des Steigenberger Grandhotels Handelshof in Leipzig, die wir gestaltet haben, können sich die Gäste beim Duschen an Zitaten aus Goethes »Faust« erfreuen. Und daß eine halbstündige Dokumentation nicht ausreichte, den Kosmos von Henry Millers Badezimmer zu durchmessen, haben wir ebenfalls schon festgestellt. Der Blick auf das durchschnittliche Hotelbad ist dann erst recht ernüchternd. Ich behaupte: sosehr die Hotelbäder vom technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte profitiert haben – im Hinblick auf die Gestaltung und die Innenarchitektur liegen immense Potentiale weiterhin brach.

Vielleicht ist es Zeit, das zu ändern. Vergessen wir nicht, daß Fortschritt eine Sache der Ideen ist – und daß Bäder und Toiletten nicht dazu da sein sollten, uns dieselben auszutreiben… ;-)

28. April 2012

Writers’ Corner:
Arianna Huffington über das »perfekte Hotel«

»Hotel perfection is…a deep bathtub and a room far, far away from the elevator that’s pitch dark when you go to sleep, otherwise I have to go around draping sweaters and scarves over the little green lights on the phone, the TV and the alarm clock.«

Arianna Huffington

Klingt bescheiden – und dennoch nicht so, als würde sie es allzuoft erleben…

26. April 2012

Writers’ Corner

»If able men and women who are good Architects and Planners and socially responsible people are put in control I have seen, from my own experience, how quickly things, with good will, can be changed, but it requires a moral rather than a purely materialistic view of Architecture and this is where women, with their instincts for love and affection, may be especially useful.«

Jane Drew

26. April 2012

Writers’ Corner:
Axel Hacke über die sprachschöpferischen Ösis

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»Zu den sprachlichen Besonderheiten unseres geliebten Nachbarlandes Ö. gehören seit einiger Zeit nicht mehr nur die Zwetschge, das Pickerl und die Faschier­maschine, sondern auch der Genuss Wirt. Ein kurzer Blick auf die Internetseiten der entsprechenden Institutionen lehrt uns, was wir unter diesem Begriff zu verstehen haben: Der Genuss Wirt arbeitet in einer Genuss Region und sucht seinen Besuchern einen Genuss-Moment nach dem anderen, ja sozusagen multiple Genuss-Momente zu vermitteln.

Als wäre das nicht genug, bietet man uns in Ö. nun auch noch Da -geht’s-mir-gut-Hotels. Wanderer, kommst Du in ein Da-geht’s-mir-gut-Hotel, erfreue dich einerseits der »hohen Wanderkompetenz der Gastgeber und MitarbeiterInnen«! Andererseits rechne auch mit erwanderbaren ›Da-geht’s-mir-gut‹-Wander­ge­heim­nissen in der Nähe des Hotels« und einem Schuhtrockenraum mit Wasch­gelegenheit.«

Axel Hacke im SZ-Magazin vom 20.4.2012
 

Herzlichen Dank an Axel Hacke für diese aktuelle Ergänzung unserer Bemühungen um die deutsch-österreichische Verständigung, die uns hier in der Serendipity Suite seit Jahren am Herzen liegt – vgl. hier, hier, hier, und hier. Auf die zweite Sprach Innovation, die diese kurze Passage so prachtvoll zelebriert, haben die Ösis freilich kein Monopol; wahrscheinlich haben sie sie noch nicht einmal erfunden. Ich meine die Getrennt Schreibung zusammen gesetzter Haupt wie auch Eigenschafts Wörter. Aber was sind Genuss Hotels, Haupt Wörter et al. gegen den urdeutschen Kartoffel Puffer, der mir auch schon begegnet ist. Ich warte noch auf das erste Hotel, das seine Ferien Gäste zur Fest Spiel Saison begrüßt. Und wer gedacht hat, die Coolness des Genitiv Apostroph’s ließe sich nicht mehr steigern, sieht sich getäuscht: alles ist möglich, wenn wir den Zwängen der sprachlichen Korrektheit den Lauf Pass geben.

25. April 2012

Merksätze (2)

»Creativity is not a talent. It is a way of operating.«

John Cleese

19. April 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

This is the kind of long term thinking everybody is talking about and nobody seems to understand. But without it, you’ll never get it right, let alone create anything great:

»Fortunately, my training has been in doing things that take a long time. You know? I was at Apple 10 years. I would have preferred to be there the rest of my life. So I’m a long-term kind of person. I have been trained to think in units of time that are measured in several years. With what I’ve chosen to do with my life, you know, even a small thing takes a few years. To do anything of magnitude takes at least five years, more likely seven or eight. Rightfully or wrongfully, that’s how I think.«

Steve Jobs, 1995

17. April 2012

Merk-Sätze (1)

»Design ist Funktion, die sich nützlich macht.«

Carlos Obers

10. April 2012

Writers’ Corner

»The right client (or one that shares your view of the world) can be your greatest asset. The wrong client, who wants to use your skills to accomplish his sales objectives, can destroy your sense of yourself. Like good friends, good clients are hard to find.«

MIlton Glaser

5. April 2012

Writers’ Corner

»Wabi-sabi is a beauty of things imperfect, impermanent, and incomplete. It is a beauty of things modest and humble. It is a beauty of things unconventional.«

Leonard Koren

23. März 2012

Writers’ Corner

»Architects in the past have tended to concentrate their attention on the building as a static object. I believe dynamics are more important: the dynamics of people, their interaction with spaces and environmental condition.«

John Portman

5. März 2012

Pantoufle

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Entweder das Pantoufle reist nicht gerne, oder es hat einen tiefsitzenden Groll gegen Hotels jeder Art entwickelt. Womöglich kommt ja auch beides zusammen, was die Intensität seiner Schimpftiraden erklären würde. Natürlich könnte es sich auch ganz anders verhalten, und das Pantoufle freut sich über jede Gelegenheit, sich zwischendurch über was anderes aufzuregen als die Schlagzeilen, die uns alle ärgern, wenn wir die Zeitung aufschlagen oder uns aus Versehen auf die SPIEGEL online Kolumne Jan Fleischhauers verirren. So genau weiß man das nie bei diesen feinfedrigen Qualitätsjournalisten.

Ich weiß auch nicht, ob das Pantoufle grade eine Reise hinter sich hat – oder im Begriff steht, eine anzutreten. Aber wenn Sie mich fragen: seine neuesten Invektiven klingen eher nach Vorfreude als nach Erfahrungsbericht. Wie auch immer – ein paar Ausschnitte daraus vermitteln vielleicht einen Eindruck, ohne die Lektüre des ganzen Beitrags ersetzen zu wollen oder können. Da wäre zum Beispiel der gute Ruf, der dem Barman als geborenem Psychologen und Seelentröster vorauseilt. Alles gelogen, behauptet das Pantoufle:

»Daß der Mann hinter der Bar ein geborener Psychologe und geduldiger Zuhörer ist, hat Hollywood seit Erfindung des Tonfilms in Absprache mit der fuselerzeugenden Industrie erfolgreich verkauft. Es stimmt so wenig wie Sam es noch einmal spielt. Casablanca ist in Afrika, nicht in Duisburg. Die Hochleistungsarbeiter im Namen der gehobenen Gastlichkeit schenken Bier in extra dafür angefertigte, sektkelchgroße Gläslein ein zu Preisen wie beim Oktoberfest, nur daß man dort statt der Kelche Eimer bekommt. Warum ist es eigentlich so schwer, Maß zu halten.«

Aber hier ist das Pantoufle ja noch vornehm und handzahm. Zur Hochform läuft es dagegen auf, wenn es um Hotelduschen geht, mit denen offenbar nicht nur amerikanische Gegenwartsphilosophen auf Kriegsfuß stehen:

»Ich bin ja grundsätzlich kein militärisch ausgerichteter Mensch. Grundsätzlich.

Aber : Die Konstrukteure von Badezimmeramaturen und ihre Gangsterkollegen der Fraktion Innenarchitektur möchte ich einmal im Leben auf einen nur für mich reservierten Kasernenhof schleifen.

In der ersten Reihe links („stehen sie gefälligst stramm, wenn ich sie anschreie!!“) steht der Erfinder des kugelgelagerten Duschkopfs, der wild und unberechenbar um sich spritzt, wenn man den Wasserhahn auch nur schief ansieht.

Links von ihm der Ganove mit dem Faible für Hochdruck-Heißreinigung. Automatische Umschaltung während des Duschvorgangs von eiskalt auf siedend. („Ihnen reiß ich den Arsch soweit auf, daß ein Panzer darin wenden kann!!“).

Dann die armen Würstchen von Innenarchitekten, unfähig, den Lauf des Wassers auch nur zu ahnen. Mister „schiefe Ebene zur Tür“, Herr „Klapp-Glastüren statt Duschvorhang“ und der debile Vollidiot „Nasszelle“.

Kein Uniformzwang! Gehobene Freizeitkleidung ist vollkommen ausreichend.

Zum Aufwärmen dürfen sie an einem regnerischen Morgen der bekannten Trend-Sportart „Mountain-Rolling“ huldigen ( Bergwandern mit Rollschuhen); einmal Großglockner und zurück. Nach einem knappen, aber nahrhaften Mittagessen (Wassersuppe mit Seifeneinlage nach Art des Hauses) steht Erdkunde auf dem Programm. Die lasse ich durch den Dreck robben, dass sie ihre eigene Mutter nicht wiedererkennt! Gegen Abend gibt es zum Abschluß großes Gülletauchen. Angetan mit Badehose und Schnorchel können diese Aasgeier ihre erschwindelten Rolex-Uhren aus einem mit Jauche gefüllten Swimmingpool fischen.

Zum krönenden Abschluß eines wunderbaren Tages sehe ich ihnen beim Versuch zu, sich mit ihren Kreationen zu reinigen. Der Kerl mit dem Wasserschalter „heiß/kalt/an/aus“ darf baden („setz dich nur hin, das warme Wasser kommt sofort… dürfen es noch ein paar Eiswürfel mehr sein?“).

Einer geht duschen, während der andere versuchen muß, das zur Tür herauslaufende Wasser mit einem Teelöffel aufzuhalten.

Der Nasszellen-Trottel darf sich mit dem tropfenden, zerfließenden Klumpen Klopapier den Arsch abwischen , während sein Kollege sich eine Blasenentzündung beim Versuch des Zähneputzens holt – stehendes Wasser: Kniehoch!!

Ich mach sie fertig…die werden für immer an mich denken – denen dreh ich den Hals um! Wenn ich die in die Finger kriege…

Aber das nur nebenbei.«

Aber das nur nebenbei. Möchte wirklich wissen, wie es sich anhört, wenn es beim Pantoufle wirklich zur Sache geht – einfach mal so beiseite gesprochen.

Eigentlich müßte ich mich jetzt ganz furchtbar aufregen und zurückkeilen, denn bei der »Fraktion Innenarchitektur« bin ich natürlich mitgemeint. Aber ich bin oft genug selbst Hotelgast, und wenn ich daran denke, was ich dabei immer wieder erlebe, dann spricht mir das Pantoufle aus der Seele. Schon erstaunlich, was so ein Perspektivenwechsel bewirkt. So, wie wenn ich mich am Wochenende aufs Fahrrad setze und alle Autofahrer zum Teufel wünsche, zu denen ich tags darauf wieder gehöre. Bei manchen Hoteliers habe ich sogar den Eindruck, sie wüßten gar nicht aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, Gast zu sein. Darüber lohnt es sich direkt nachzudenken, bevor die Woche so richtig beginnt.

Man könnte fast einen Blogeintrag dazu verfassen… ;-)

2. März 2012

Writers’ Corner: Kissenschlachten

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ein ruhiges Zimmer ist wichtig, ein gutes Bett noch wichtiger, am allerwichtigsten aber ist das richtige Kissen. Und das richtige – das ist für jeden Gast ein anderes. Hotels, die etwas auf sich halten, haben deshalb heutzutage ein »Kissenmenü« anzubieten, und darüber hinaus für asiatische Gäste noch ein paar Extras. Jetzt hat sich auch die frühere Reiseredakteurin der »Vogue«, Rebecca Willis, in der »Intelligent Life«-Beilage des »Economist« dieses Themas angenommen:

»Steven, who works in the bed department of Selfridges, told me that choosing a mattress is easy compared with finding the right pillow. […] Hotels have caught on to this. The one in Switzerland where I was staying last week had a printed menu of seven different kinds of pillow to choose from, should the two feather ones supplied not be suitable. I test-slept a few of them, though I skipped the ›Hard Pillow with horse hair‹ (unappealing), the ›small bolster‹ (too Continental) and the ›anti-allergy pillow filled with hollow fibres‹​ (too faddy). I decided I wasn’t sweaty enough to need the ›Spelt Pillow to regulate moisture‹. The ›neck support pillow‹ was too high for me, while the ›pillow with Merino wool‹​ did indeed provide ›comfortable temperature and cosy feeling‹​, but not enough support. I had high hopes of the ›Pine pillow, filled with 100% pine wood, soporific‹, but it turned out to be A4 sized, slightly scented—a mere accessory. If it had been a chunk of pine tree in a cotton cover, though, I’d certainly have given it a try.

I knew a woman once who travelled with her own pillow. Until recently, I thought she was at best eccentric or at worst affected. I’m starting to see her with new eyes.«

25. Februar 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

»[Das Hotel] war in den fünfziger Jahren errichtet worden, und der Architekt hatte sich nicht entscheiden können zwischen Funktionalität und einer nachträglich an die Wände geklatschten Folklore aus bunten Mosaiken, Spitzbögen und Mukarnas; eine eklektizistische Katastrophe. Es lag sicher nicht an dieser Stillosigkeit allein, dass sich das Hotel so großer Beliebtheit erfreute, aber sie hatte ihren Anteil daran. Selbst in der Nebensaison musste man lange im Voraus buchen.«

Wolfgang Herrndorf, »Sand«

23. Februar 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Nicht nur im Silicon Valley, auch in Hollywood machen Frauen sich eher klein, wo Männer dazu tendieren, sich aufzuplustern. Meryl Streep, die selbst ihr Licht nicht unter den Scheffel stellt, kann gleichwohl ein Lied davon singen. Aber sie bringt zusätzlich einen Aspekt ins Spiel, den ich mir bisher vielleicht zu wenig bewußt gemacht habe. Im aktuellen SPIEGEL- Gespräch kommen die beiden Interviewer darauf zu sprechen, daß sie vor der Premiere ihres neuen Films »Die Eiserne Lady« die wichtigsten englischen Journalistinnen eingeladen habe, um ihnen das Werk vorzuführen (und persönlich für sie zu kochen). Meryl Streep kommentiert das folgendermaßen:

»Streep: Ja. Die Betonung liegt auf: Journalistinnen. Wir haben die Männer bewußt diskriminiert, denn normalerweise wird Meinung von Bloggern gemacht, alles junge Männer, die dann bestimmen, wie über einen Film geredet wird. Wir aber wissen, daß Frauen so nicht arbeiten. Frauen überlegen länger.

SPIEGEL: Wirklich?

Streep: O ja. Ich habe diese Lektion gelernt, als ich noch eine junge Frau war. Für meinen Bachelor war ich zunächst auf einem reinen Mädchen-College. Dort stellte der Professor eine Frage, dann herrschte Stille, alle dachten nach, und schließlich antwortete eine. In meinem letzten Jahr wurden Mädchen- und Jungen-Colleges zusammengelegt, und ich ging nach Dartmouth, wo vorher nur Jungen studiert hatten. Wenn dort der Professor auch nur im Begriff war, eine Frage zu stellen, war schon ein Mann längst aufgestanden und wusste die Antwort. Diese Lektion hat sich eingebrannt.«

Das ist nun einer dieser Punkte, wo weibliche Zurückhaltung nicht bloß einen Mangel an Selbstbewußtsein oder Durchsetzungsvermögen beweist, sondern eine echte Stärke darstellt. Auch Sheryl Sandberg hat dem, wie ich glaube, bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Aber wie bringt man diese Stärke zum Tragen, ohne permanent von vorlauten (und vor allem: lauten) Männern übertönt zu werden? Eine schwierige Frage. Wie ich sagte: eine weibliche Unternehmenskultur steht vor lauter ungelösten Problemen… ;-)

18. Februar 2012

Writers’ Corner

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Ein Writers’ Corner, der ohne Worte auskommt und sich ganz auf Bilder beschränkt? Das klingt paradox, aber nur bis man diesen speziellen Writer’s Corner, nämlich die Bibliothek des Schriftstellers und Pulitzer-Preisträgers Michael Cunningham, gesehen hat. Da hat jemand, ohne sich um Konventionen und Begriffsschubladen zu scheren, einfach zwei seiner größten Leidenschaften miteinander verbunden. Mir imponiert das – schon deshalb, weil ich beide Leidenschaften mit Cunningham teile, sie aber ganz altmodisch und wohlanständig voneinander trenne. Als Parallele fällt mir nur noch Henry Millers Badezimmer ein, aber auch dort bleibt das Bad eigentlich ein Bad.

Nehmen Sie in diesem Sinn diesen Eintrag als Kontrapunkt zum vor­an­ge­gan­genen, der so ganz praktisch und nüchtern ausgerichtet war… ;-)

bad bibliothek interior design innenarchitektur

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[Kudos: Under the Mountain Bunker]