Einträge zum Thema Zukunft

5. August 2010

Einig gegen’s Körberlgeld oder
W–LAN Everywhere

Nein, ich wußte auch nicht, was das heißt, obwohl mir das Wiener Idiom vertrauter ist als beispielsweise das Plattdeutsche. Als »Körberlgeld« bezeichnen die Österreicher die Gebühren, die Hotels für die Internet-Nutzung erheben; ob das Wort darüber hinaus noch weitere Bedeutungen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls stehen diese Gebühren bei unseren alpenländischen Nachbarn gegenwärtig im Kreuzfeuer der Kritik. Politiker, Verbände, Tourismus-Experten und Fremdenverkehrsmanager sind sich einig: das Körberlgeld muß weg. Ganz weg.

Denn – und das ist das zweite, was ich neu gelernt habe: im Großen und Ganzen ist das freie W-LAN in österreichischen Hotels bereits weitgehend die Regel. Es sind die schwarzen Schafe, die wenigen verbliebenen Hardliner, gegen die sich die Kritik richtet. Die Internet-Nutzung separat in Rechnung zu stellen – das sei ein wenig, als würde man den Gästen die Wursträder (österreichisch für: Wurstscheiben) am Frühstücks-Buffet einzeln verkaufen – so Norbert Kettner von WienTourismus. Das ist aber längst nicht mehr zeitgemäß. Das tun nur noch die Ewig-Gestrigen. Daran kann man ermessen, wie weit die diesbezügliche Diskussion in der Alpen-Republik bereits fortgeschritten ist. Das mag an der Rolle liegen, die der Wirtschaftsfaktor Tourismus in Österreich spielt. Freies W-LAN immer und überall sowie die flächendeckende Verfügbarkeit des mobilen Internets sind Standort-Vorteile, die ein internationales Publikum zu schätzen weiß.

Aus diesem Grund geht es bei der aktuellen Debatte auch keineswegs ausschließlich um Hotels. Der Ehrgeiz der Österreicher ist größer.  weiterlesen…

30. Juli 2010

Luxushotels im Aufwind?

Vor einigen Wochen habe ich über den Deutschen Hotelimmobilien-Kongress berichtet und die positive Stimmung hervorgehoben, die dort herrschte. Fast alle waren sich einig: die Talsohle ist durchschritten, die schlechten Zeiten liegen hinter uns, mit dem Hotelmarkt geht es wieder aufwärts. Die Expansionspläne, von denen einige der großen Ketten berichteten, gaben der optimistischen Grundstimmung zusätzliche Nahrung.

Jetzt scheint ein Artikel in der New York Times diese Einschätzung zu bestätigen und durch harte Fakten zu untermauern. Die Belegungszahlen der Hotels wachsen noch stärker, als selbst die zuversichtlichsten Experten erwartet hatten – und die aktuellen Prognosen sehen kein Ende des Aufschwungs. Das sind erfreuliche Nachrichten – für amerikanische Hotels und Hotelmanager. Mir ist natürlich klar, daß diese Zahlen für Deutschland gar nichts besagen – und zur Situation hierzulande fehlen mir aktuelle emprische Daten. Aufgefallen jedoch ist mir eine Besonderheit an der Entwicklung in den USA, und ich frage mich, ob es sich dabei um ein spezifisch amerikanisches Phänomen handelt oder um einen allgemeineren, nicht auf Amerika beschränkten Trend.

Wenn Sie den Artikel in der New York Times genauer lesen, werden Sie nämlich bemerken: das Wachstum fällt im Luxus-Segment, bei den absoluten Top-Hotels, erheblich stärker aus als bei den Mittelklasse-Häusern, die zwar auch Zuwächse verzeichnen, im direkten Vergleich aber deutlich hinterherhinken. Das steht klar im Widerspruch zur Meinung, die auf dem Hotelimmobilien-Kongress mehrheitlich zu hören war.  weiterlesen…

17. Juli 2010

Schmutzige Geheimnisse

Auch in der Hotellerie sind mittlerweile die Social Networks in aller Munde. Wer nur davon spricht, kriegt leuchtende Augen. Kein Zweifel: das ist ein Markt, in dem einiges zu holen ist. Ob davon auch die Hotels profitieren, ist allerdings sehr die Frage.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Tempo, das die Ereignisse einem vorgeben. Innerlich bin ich noch gar nicht über die Neuheiten der letzten Woche hinausgekommen. Da hat Matthias Horx, seines Zeichens selbsternannter Papst der deutschen Trendforschung, das Internet für tot erklärt, jedenfalls in seiner jüngsten Form, dem Mitmach-Web (oft auch unter den Stichworten Social Web oder Web 2.0 gehandelt). Allenfalls als Unterschichtenmedium habe es (noch) eine Chance. Sowas muß man erst mal verdauen.

Aber Horx ist sich seiner Sache sicher. Wer was auf sich hält, kehrt dem Internet den Rücken: »Es gibt einen Offline-Trend. Menschen gehen bewusst weg vom Internet und verweigern es.« Was übrig bleibt, ist der gesellschaftliche Bodensatz: »Nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.« Horx meint Menschen, die mittels Blogs, Microblogs (Twitter) und anderen Medien versuchen, neue Wege der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu erproben. Mich zum Beispiel. Ich würde ihm allerdings nahelegen, sich nicht meinen Kopf zu zerbrechen und lieber seine eigene schmutzige Unterwäsche auf Halbmast zu flaggen. Meine wird er nicht zu sehen kriegen.

Immerhin ist der deutsche Trend-Guru in illustrer Gesellschaft. Ebenfalls in der letzten Woche hat auch der Popstar Prince seinen Abgesang auf das Internet angestimmt:

»The internet’s completely over. I don’t see why I should give my new music to iTunes or anyone else. They won’t pay me an advance for it and then they get angry when they can’t get it.

The internet’s like MTV. At one time MTV was hip and suddenly it became outdated. Anyway, all these computers and digital gadgets are no good.

They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Vielleicht wäre es kleinlich, Prince darauf hinzuweisen, daß seine neuen Songs durchaus bei iTunes erhältlich sind. Ich möchte lieber an ein anderes schmutziges Geheimnis erinnern: der einstige Superstar war einer der ersten, die den großen Plattenfirmen den Rücken kehrten, um ihre Musik direkt übers Internet zu vermarkten. Heute sind es andere, die Geld damit machen. Die – aus Sicht von Prince durchaus überzeugende – Schlußfolgerung daraus: the Internet »can’t be good for you«.

Bei Matthias Horx verhält es sich ähnlich. Er mag sich immer noch für die oberste Instanz in Sachen Trends halten, aber was das Internet betrifft, geben längst andere den Ton an. Das bedroht nicht nur Horx’ Ruf, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage seines »Zukunftsinstituts«.

Gleichzeitig gestehe ich gern, daß ich Meldungen dieser Art mit einer diebischen Freude lese. Ich kann den ganzen Medien- und Marketing-Rummel um das »Social Web« nämlich auch nicht mehr hören. Die Leute überschlagen sich, als hätten sie den Stein der Weisen entdeckt. Da kann ein bißchen Ernüchterung nur gut tun, und dafür habe ich auch schon vor ein paar Wochen plädiert. Dieselbe Skepsis verdienen freilich Horx, Prince und Konsorten. Das Internet verschwindet nicht, bloß weil sie es für überholt erklären. Totgesagte leben länger. Und die Macht des Social Web zu unterschätzen wäre gefährlich für jeden, der sich am Markt behaupten muß – ganz besonders aber für Dienstleister und damit auch Hotels.  weiterlesen…

3. Juli 2010

Platz 18, Tendenz absteigend

Der britische »Economist« hat diese Woche sein jüngstes Digital Economy Ranking (früher: E-readiness Ranking) vorgestellt. Diese jährlich aktualisierte Liste existiert seit mehr als 10 Jahren; sie wird von der Economist Intelligence Unit (EIU) und dem IBM Institute for Business Value erarbeitet und hat zum Ziel, Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft verläßliche Daten zu liefern, um den Stand der Informations- und Kommunikations-Technologie in ihrem Land im Hinblick auf den globalen ökonomischen Wettbewerb einzuschätzen. In die Bewertung fließt deshalb eine Vielzahl von Faktoren ein, die von der technischen Infrastruktur über den Zugang zu digitalen Diensten und die rechtlichen Rahmenbedingungen bis hin zum Nutzungsverhalten und dem digitalen Know-how der Nutzer reichen. Denn – in den Worten des Studienleiters Denis McCauley: »Strong digital development requires concerted action and progress across many fronts.«

Die Zusammenfassung der Studie erläutert das am Beispiel des diesjährigen Spitzenreiters Schweden:

»This year’s leader, Sweden, and most of the other top-tier countries boast, along with high degrees of connectivity, stable business and legal environments; strong educational and cultural drivers; supportive government ICT policies; and, partly as a result of all the forgoing, active and growing use of digital services by individuals and businesses.«

Schweden, von Anfang an im Spitzenfeld dabei, hat heuer übrigens erstmals den langjährigen Spitzenreiter Dänemark vom ersten Platz verdrängt. Generell allerdings hat sich an der führenden Rolle der skandinavischen Länder nicht viel verändert; auf dem vierten Platz folgt Finnland, auf dem sechsten Norwegen. Einen deutlichen Sprung nach vorn haben die USA getan, die es mit Platz drei immerhin aufs Siegertreppchen schafften; einen wesentlichen Anteil daran hat der Studie zufolge Apples iPhone und die dadurch initiierte massive Zunahme der mobilen Internet-Nutzung. Mit ins Spitzenfeld haben sich die Niederlande geschoben, die auf Platz fünf liegen; weiter auf dem Vormarsch eine Reihe asiatischer Länder, vor allem dank konsequenter Investitionen in die Infrastruktur.

Und wo liegt Deutschland? – würden Sie jetzt wahrscheinlich fragen, hätten Sie’s nicht schon in der Überschrift gelesen. Platz 18 also, ein Platz schlechter als letztes Jahr.  weiterlesen…

20. Juni 2010

OLED-Perspektiven

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Nach allem, was mir Fachleute erzählen, heißt die Lichtquelle der Zukunft OLED. Gegenüber den LEDs als der einzigen ernsthaften und überdies schon marktreifen Alternative zeichnen sich OLEDs durch größere Flexibilität und das voraussichtlich bessere Preis-Leistungsverhältnis aus. Leider ist bislang – von gelegentlichen Pressemeldungen und sporadischen Prototypen abgesehen – nur wenig Konkretes über OLEDs zu erfahren. Viele Fragen, die ihren praktischen Einsatz betreffen, bleiben offen. Mit großem Interesse habe ich daher gelesen, welche Ziele die EU in ihrem beziehungsreich so genannten Programm »OLED 100« für die OLED-Entwicklung vorgibt:

• 100 Lumen pro Watt
• eine Lebensdauer von 100.000 Stunden
• 100 mal 100 Zentimeter große Flächen
• Kosten von 100 Euro pro Quadratmeter

Dazu ein paar Vergleichsdaten, um diese Zahlen besser einordnen zu können. Herkömmliche Glühlampen sind auf eine Betriebsdauer von ca. 1.000 Stunden ausgelegt; 100.000 Stunden entsprechen einem Dauerbetrieb von 4.167 Tagen bzw. 11,4 Jahren. Die Lichtausbeute beträgt bei heutigen Glühlampen etwa 14 lm/W, bei Halogenstrahlern 24 lm/W und bei Energiesparlampen 65 bis 85 lm/W. Der von der EU genannte Zielwert liegt also deutlich über den heute meist eingesetzten Alternativen; angesichts der realen Leistung von ca. 20 lm/W bei heute erhältlichen OLEDs könnte er allerdings unrealistisch scheinen. Doch das Steigerungspotential scheint durchaus vorhanden; 2009 hat die TU Dresden einen Flächenstrahler vorgestellt, der rein weißes Licht erzeugt und mit 90 lm/W dem Ziel schon ziemlich nahe kommt.

Während die Technologie in jüngster Zeit eine rasante Weiterentwicklung erfahren hat, steckt die Großserienfertigung noch in den Kinderschuhen. Auf einen genauen Zeitrahmen mag sich keiner festlegen, aber fünf Jahre werden allgemein für eine realistische Schätzung gehalten.

Ich wollte, es ginge schneller.. :-)

[Vorangegangene Beiträge zum Thema OLEDs hier, hier und hier]

8. Juni 2010

20 Prozent weniger Spritverbrauch?

In Ian McEwans jüngstem Roman »Solar« klaut der Held, ein Physik-Nobelpreisträger, seinem Doktoranden die Formel für »künstliche Photosynthese«. Die Versuchung muß groß gewesen sein. Photosynthese ist der Prozeß, bei dem grüne Pflanzen aus Sonnenlicht Energie erzeugen. Wer imstande wäre, ihn technisch nachzuahmen, könnte Maschinen bauen, die ohne Treibstoff laufen.

Gut, das ist Science Fiction.

Doch was die ZEIT da berichtet, klingt zwar nicht ganz so spektakulär, eber ebenfalls unglaublich. Ein taiwanesischer Erfinder namens Jacky Lynn soll ein System entwickelt haben, das den Treibstoff-Verbrauch und die Emissionen von Bussen, Autos und Motorrädern um 20 Prozent senkt – ohne Leistungs-Einbußen, versteht sich. Womit das funktioniert? Mit Wasser. Zehn Liter reichen für ca. 1 500 Kilometer. Daraus wird mittels Elektrolyse ein Sauerstoff- Wasserstoff-Gemisch hergestellt, das zusätzlich in den Tank eingespritzt wird und für die Treibstoff-Einsparung verantwortlich ist. Ein taiwanesisches Unternehmen hat die Erfindung zur Serienreife weiterentwickelt und unter dem Namen EP-C100 Hybrid Fuel auf den Markt gebracht. Praxistests in öffentlichen Verkehrsmitteln in Taiwan und China verliefen erfolgreich; die weltweite Vermarktung soll in Kürze beginnen. Auch ältere Fahrzeuge können problemlos nachgerüstet werden.   weiterlesen…

6. Juni 2010

Die Vision vom »Eigentums-Hotel«

Alberghi diffusi, Pixel-Hotel, Couch-Surfing – das sind neue Entwicklungen, die auf veränderte Bedürfnisse vieler Urlauber hindeuten, und die auf die Wünsche dieser Zielgruppen innovative Antworten finden. Ich habe sie unter dem etwas provokativen Schlagwort eines »Trends zum Nicht-Hotel« zusammengefaßt. Erstaunlicherweise berühren sich nun aber, wie mir scheint, diese aktuellen Entwicklungen mit einer Idee, die mindestens schon ein halbes Jahrhundert alt ist; genauer gesagt: die alte Idee entwickelt sich ihrerseits zunehmend in Richtung dieses Trends.

Bevor Sie mir vorwerfen, in Rätseln zu reden – ich spreche vom Time-Sharing. Hierzulande dürfte das schweizer Unternehmen Hapimag der älteste und bekannteste Vertreter dieses Konzepts sein. Über den Grundgedanken brauche ich in diesem Kreis nicht allzuviele Worte machen. Es handelt sich um eine Anzahl von Resorts und Ferienwohnungen in aller Welt (im Fall von Hapimag sind es 56 Immobilien in 16 Ländern mit insgesamt mehr als 5 300 Appartements), die allen Aktionären gemeinsam gehören. Mit den Aktien erwirbt der Teilhaber das Recht, jedes beliebige Appartement für eine bestimmte Zeit des Jahres für sich zu nutzen; mehr Details dazu können Sie in diesem Interview mit Kurt Scholl, dem CEO des Unternehmens oder auf der Hapimag-Homepage nachlesen.

Dieses Modell war ursprünglich gedacht als ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative zum eigenen Ferienhaus oder der eigenen Ferienwohnung, die in aller Regel den größten Teil des Jahrs über leer steht und auch sonst häufig nicht einlöst, was sich die Eigentümer ursprünglich davon versprachen.   weiterlesen…

14. Mai 2010

Der BGH und das W-LAN

Auf die möglichen Konsequenzen nicht zuletzt für Hotels hatte ich hier vor ein paar Wochen hingewiesen. Jetzt hat der BGH seine Entscheidung verkündet: der Betreiber eines privaten W-LANs ist verpflichtet, dieses mit einem hinreichend sicheren Paßwort zu schützen. Tut er das nicht und das W-LAN wird von Dritten für Urheberrechtsverletzungen oder andere unrechtmäßige Handlungen genutzt, haftet dafür in begrenztem Umfang auch der W-LAN-Betreiber. Er kann auf Unterlassung verklagt werden und trägt die vorangegangenen Abmahnkosten.

Allerdings – das ist die gute Nachricht: er ist nicht schadensersatzpflichtig, da er die Urheberrechtsverletzung nicht selbst begangen hat. Eine Beihilfe zu einer Straftat wiederum würde Vorsatz voraussetzen, woran es in der Regel fehlen dürfte. Die weniger gute Nachricht: künftig genügt eine einzige erfolgreiche Abmahnung, um ein offenes W-LAN ein für allemal stillzulegen. Hotels, Cafes, Shopping-Malls – aber auch öffentlichen Einrichtungen, die einen kostenlosen Internet-Zugang als Dienstleistung anbieten, dürfte für ein solches Angebot von nun an die Grundlage entzogen sein.   weiterlesen…

24. April 2010

Das Dreikörperproblem

Wer bei der Planung eines Hotels und seiner Erfolgsstrategie auf wissenschaftliche Methoden und empirisch untermauerte Analysen bauen möchte, sollte vielleicht umdenken. In der Realität der Markts liefert Intuition oft die exakteren Ergebnisse als die Mathematik.

Seit Galilei, Kepler und vor allem Newton die Gesetze der Himmelsmechanik formulierten, betrachten wir das Universum als Uhrwerk, das keine Geheimnisse mehr birgt. Wie bewegt sich der Mond um die Erde, die Erde um die Sonne, die Sonne um das Zentrum der Milchstraße? Auf jede dieser Fragen gibt es eine Antwort – und eine einfache mathematische Formel, mit der wir sie berechnen können. Solange wir alles andere außer acht lassen. Alles andere – das wären etwa die Einflüsse sämtlicher anderen Himmelskörper. Oder auch nur eines einzigen. 1889 bewies der französische Mathematiker Henri Poincaré, daß schon für ein System aus nur drei Körpern die klassischen Bewegungsgleichungen versagen. Nicht etwa, weil unsere Rechenkünste nicht ausreichten. Die Gleichungen sind vielmehr prinzipiell unlösbar – auch für die stärksten Supercomputer der Jetztzeit. Bis heute behelfen sich die Physiker daher mit Näherungsgleichungen – und die Natur tut ihnen den Gefallen, sich daran zu halten. Die Physiker wissen allerdings auch (und bemühen sich, das nicht allzu laut zu sagen), daß dabei eine Portion glücklicher Zufall im Spiel ist. Sie vertrauen einfach darauf – und wir mit ihnen –, daß die Sonne auch morgen wieder aufgeht. Was bleibt uns anderes übrig.

Im Grunde steht die Wissenschaft damit da, wo auch wir Normalsterblichen stehen – und wo unsere Vorfahren vor 10 000 Jahren schon standen. Das mag Sie überraschen, weil die Naturwissenschaft seit Jahrhunderten den Mythos ihrer Unfehlbarkeit nährt und durch großartige technische Errungenschaften untermauert. In Wirklichkeit beweist das nur, welche Möglichkeiten schon die Kenntnis ganz elementarer und vergleichsweise oberflächlicher Gesetzmäßigkeiten eröffnet. Wo die Verhältnisse komplexer werden – etwa beim Entenhasen – ist es dann mit der angeblichen Präzision nicht mehr weit her. Sogar etwas so Simples wie eine hundertprozentig exakte Wettervorhersage ist zum Scheitern verurteilt – und zwar aus ähnlich prinzipiellen Gründen wie Poincarés Dreikörperproblem.

In anderen Bereichen ist der Befund noch desillusionierender.   weiterlesen…

10. April 2010

Diskretion Ehrensache?

Datenschutz gehört zu den Themen, die häufig erst diskutiert werden, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist – dann dafür umso heftiger. Im aktuellen Sprachgebrauch gehören die Worte »Datenschutz« und »Skandal« so eng zusammen wie »Wirtschaft« und »Krise« oder »Klima« und »Wandel«. Hotels bilden, so könnte man meinen, die Ausnahme von der Regel. Schlagzeilen hat das Thema in diesem Bereich, der sonst ja durchaus die Aufmerksamkeit des Sensations-, Skandal- und Schlüsselloch-Journalismus auf sich zieht, bislang jedenfalls nicht gemacht. Entweder die Hotels haben den Datenschutz bestens im Griff – oder es handelt sich um die Ruhe vor dem Sturm.

Letzteres scheint mir wahrscheinlicher. Ich komme darauf durch eine Nachricht, die ich in diesen Tagen gelesen habe. Es geht dabei um eine renommierte, weltweit agierende Hotelkette im oberen Marktsegment. Die hat jüngst beschlossen, die Online-Aktivitäten ihrer Gäste zu überwachen. Zum Einsatz kommt dabei das ProActive System der schwedischen Firma NetClean. Deren CEO Christian Sjöberg beschreibt die Vorteile seines Produkts folgendermaßen:

»Many collectors of child abuse images carry the images with them when they go away on business or on holiday. Organisations need to protect against this. No business wants to be portrayed as careless or indifferent about their networks being used to allow child abuse images to be viewed or passed around.«

Dem Wortlaut nach geht das sogar noch weiter als die bloße Überwachung ein- und ausgehender Datenströme. Ein weiterer Artikel zum ProActive System bestätigt diesen Verdacht:   weiterlesen…

2. April 2010

Tatort Wettbewerbspräsentation

Jeder ist sich selbst der Nächste, denkt so mancher in der Hotelbranche. Und sägt kräftig an dem Ast, auf dem er sitzt.

Der »Tatort« – ich meine die Fernsehserie – ist ein deutsches National­heilig­tum. Aus unserem Leben so wenig wegzudenken wie die Tagesschau oder »Wetten, daß«. Schon der Vorspann macht süchtig. Klaus Doldingers Ohrwurm als musikalische Untermalung. Dann natürlich die Sequenz von Grafiken und Filmbildern – die Augen des Opfers im Visier des Scharfschützen, Hände in ohnmächtiger Abwehr, die Beine des wegrennenden Schützen. Kommunikationsdesign vom Feinsten, kreiert von – ja, von wem eigentlich? Das hätte bis vor kurzem keiner zu sagen gewußt – außer der Grafikerin selbst, wenn man sie gefragt hätte. Aber es kannte sie ja niemand.

Das ändert sich bald. Künftig wird sie in den Inserts ebenso genannt werden wie Klaus Doldinger und die anderen Beteiligten. Um dahin zu kommen, bedurfte es allerdings eines Gerichtsverfahrens, das Kristina Böttrich-Merdjanowa vor einigen Tagen in erster Instanz gewann. Kristina Böttrich-Merdjanowa ist die Grafikerin und Trickfilmerin, die den Vorspann vor vierzig Jahren geschaffen hat. Heute ist sie 75 Jahre alt, und ihr Trailer ist gefragter denn je: durchschnittlich mehr als einmal täglich ist er über irgendeine der ARD-Anstalten zu sehen. Deshalb – so das Gericht – habe Böttrich-Merdjanowa nicht nur Anspruch auf die Nennung ihres Namens, es stehe ihr darüber hinaus auch ein Anteil an den Erlösen in vielfacher Millionenhöhe zu, die die Sender mit ihrer Arbeit erzielt hätten. Das sei in Deutschland durch das Grundgesetz, Artikel 14 verbürgt und im Urheberrecht festgeschrieben. Da dürfte zu den 2.500 DM – knapp 1.300 Euro –, die sie 1970 für ihr Werk erhalten hatte, noch einiges hinzukommen.

Wie schön, dachte ich, daß in Deutschland das geistige Eigentum und die schöpferische Arbeit so hohe Wertschätzung genießen. Sowas hört unsereiner natürlich gern – schließlich ist es das, wovon wir Kreativen leben. Oder doch nicht? Die Freude über das Urteil und die vorausschauende Weisheit des Grundgesetzes verfliegt schnell, wenn man sich der schnöden Wirklichkeit und täglichen Praxis zuwendet.    weiterlesen…

24. März 2010

Es kommen lichtere Zeiten

Die ZEIT greift ein Thema auf, das uns auch auf diesen Seiten kürzlich zweimal untergekommen ist – Sie erinnern sich an die Straßen-/Außenleuchten von Philips, die mittels Solarzellen ihren eigenen Strom erzeugen; zweitens, ebenfalls von Philips, die OLED-Lumiblades und die faszinierende Installation »Fade to Light«. Wir stehen vor einer Epochenschwelle, findet auch die ZEIT. Glühlampen, Halogenleuchten, Leuchtstoffröhren (und ihre mißglückte Re-Inkarnation, die Energiesparlampe) werden schon bald das Schicksal von Schreibmaschinen, Transistorradios und Wählscheibentelefonen teilen: nostalgische Erinnerungen der älteren Generation. Das wäre an sich nicht weiter erwähnenswert – Fachleuten und technisch Interessierten ist schon länger klar, daß dem LED- und vielleicht noch mehr dem OLED-Licht die Zukunft gehört.

Nur – »Zukunft« ist ein dehnbarer Begriff. Und bei allem Respekt vor dem Tempo des Fortschritts: denen, die das Potential der neuen Technologie sehen, dauert die Entwicklung viel zu lange. Kommerziell verfügbare Lösungen sind (noch) unverhältnismäßig teuer und decken bislang nur einen kleinen Teil des Anwendungsspektrums herkömmlicher Lichtquellen ab. Aber – und das war für mich die Erkenntnis, deretwegen sich die Lektüre des ZEIT-Artikels gelohnt hat – das könnte sich jetzt sehr schnell ändern.   weiterlesen…

18. März 2010

Spiegelfechtereien mit Licht

Spiegel, Leuchte oder beides?

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Die Antwort darauf lautet: beides – und mehr. Die Philips OLED Lumiblade Leucht-Elemente wirken im ausgeschalteten Zustand als Spiegel, können aber auch auf die Bewegungen des Betrachters reagieren und dann entweder von einer Lichtquelle zum Spiegel werden – oder vom Spiegel zur Lichtquelle. Alles natürlich gezielt steuerbar, sodaß sich die faszinierendsten Effekte erzielen lassen. Das hat das London-Berliner Design-Kollektiv rAndom International in Kooperation mit Philips zur Installation »Fade to Light« inspiriert, die letztes Jahr auf der Mailänder Möbelmesse für Furore sorgte und bis vor wenigen Wochen die Besucher der Münchner Neuen Sammlung in ihren Bann zog:

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»Fade to Light«, Photo: © rainer schmitzberger

»Fade to Light«, Photo: © rainer schmitzberger

»Fade to Light«, Photo: © rainer schmitzberger

Hier sagen Bilder mehr als tausend Worte, aber immer noch zu wenig. Aus diesem Grund gleich auch noch ein paar filmische Impressionen:   weiterlesen…

14. März 2010

Martin Jetpack – Fortsetzung

Auch James Fallows, einer der angesehensten Journalisten in den USA, Pilot aus Leidenschaft und »Luftfahrtpapst« der Zeitschrift »The Atlantic«, ist neugierig geworden auf den Martin Jetpack und überzeugt davon, daß er sich durchsetzen wird. Nicht zuletzt wegen des des Preises: der Jetpack soll nicht mehr kosten als eine Oberklasse-Limousine (von 76.000 Dollar = ca. 55.000 Euro sprach die Huffington Post; bei entsprechenden Stückzahlen dürfte der Preis wohl noch deutlich sinken).

Die Huffington Post hatte das spektakuläre Fluggerät übrigens schon am 25. Februar auf der Titelseite; mittlerweile ziehen auch die deutschen Medien nach – an diesem Wochenende beispielsweise hier und hier.

Vielleicht lag ich also richtig mit meiner Prognose: der Martin Jetpack hat ein enormes Marktpotential und könnte sich schnell zum Kult-Gerät mausern. Wird also der Traum vom Fliegen für jedermann wahr? Das vielleicht (noch) nicht. Aber Hotels für Sportbegeisterte und Erlebnishungrige sollten sich schon mal drauf einstellen: ihre Gäste könnten künftig die Lufthoheit beanspruchen… :-)

[Mehr zum Martin Jetpack – technische Spezifikationen, Sicher­heits­aus­stattung etc. – finden Sie auf der Website des Unternehmens.]

13. März 2010

Writers’ Corner

Was mir zum »Future Day« auf der ITB in Berlin noch einfällt: so notwendig und spannend die Beschäftigung mit der Zukunft sein mag und so sehr sie das Denken beflügelt – die wirklich entscheidenden Fragen bleiben zu allen Zeiten dieselben. Zum Beispiel: wo finde ich morgens die Brille, von der ich überzeugt bin, sie am Vorabend ordentlich auf dem Nachttischchen deponiert zu haben? Oder wie mache ich dem Zimmermädchen im Hotel begreiflich, daß ich das aufgeschlagene Buch auf dem Schreibtisch bei meiner Rückkehr aufgeschlagen wiederfinden möchte? Oder – aber dazu lasse ich am besten Stanislaw Lem zu Wort kommen, dessen Ich-Erzähler man sich als Gast eines weit in der Zukunft liegenden Mega-Hotels vorstellen muß, wo er zu allem Überfluß an einem »Futurologischen Kongreß« teilnimmt.

(Falls Sie den Namen Stanislaw Lem grade nicht unterbringen können: von ihm stammt u.a. der Science-Fiction-Klassiker »Solaris«, dessen Verfilmung durch Andrei Tarkowski ihrerseits zu einem Kultfilm und Klassiker der Filmgeschichte avancierte.)

Ach ja, wir waren bei den wirklich entscheidenden Fragen:

»Morgens esse ich immer weiche Eier, und in keinem Hotel der Erde können sie ans Bett serviert werden, ohne daß sie samt den Dottern eklig gerinnen. Dies ergibt sich selbstredend aus den stetig zunehmenden Ausmaßen der Hauptstadthotels. Wenn anderthalb Meilen die Kochküche vom Zimmer trennen, dann rettet nichts die Dotter vor dem Gerinnen. Soviel ich weiß, haben eigene Hilton-Fachleute dieses Problem untersucht und den Schluß gezogen, Abhilfe schüfen lediglich eigene Aufzüge mit Überschallgeschwindigkeit; jedoch der sogenannte »Sonic-Boom«, der Knall beim Durchbrechen der Schallmauer, ließe in geschlossenem Raum die Trommelfelle platzen. Wir könnten vielleicht verlangen, der Küchenautomat solle rohe Eier liefern, und der Kellnerautomat solle sie vor unseren Augen im Zimmer weich kochen; doch dann könnten wir fast ebensogut einen Stall voll eigener Hühner ins Hilton mitschleppen!«

Stanislaw Lem

13. März 2010

Die ITB und die Zukunft

Weniges liest sich erheiternder als das, was Futurologen vor 20, 30 oder auch 50 Jahren für unsere Gegenwart prophezeiten. So gut wie nichts davon ist eingetreten. Die Zukunftsforscher irren sich immer. Dennoch kommen wir nicht umhin, uns mit der Zukunft zu beschäftigen: sie bestimmt die Ziele, die wir uns setzen; umgekehrt trägt unsere Arbeit an diesen Zielen mit dazu bei, wie die Zukunft aussehen wird. Den »Future Day« im Rahmen der ITB in Berlin fand ich darum im Prinzip eine gute Sache; ich wäre gern dabei gewesen, hätte mein Terminkalender das zugelassen.

So bin ich auf Medienberichte angewiesen. Die haben meine Erwartungen leider enttäuscht. Nach dem, was ich etwa in der ZEIT lese, stand der »Zukunftstag« eher im Zeichen der Futurologie und des Blicks in die Kristallkugel als einer konkreten »Arbeit an der Zukunft«.

Drei Themenbereiche sind es der ZEIT zufolge, die sich als die großen Zukunftherausforderungen für die Tourismusbranche abzeichnen: der demographische Wandel, der Klimawandel, und der Wandel in den Anforderungen der Zielgruppen. Der Reihe nach.   weiterlesen…

10. März 2010

Abgehoben?

 
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»Wer wird denn gleich in die Luft gehen«, lautete der Spruch des HB-Männchens – eine der erfolgreichsten Werbekampagnen der letzten Jahrzehnte. Bald schon könnte darauf die vielstimmige Antwort lauten: ja, ja und abermals ja. Das werden sich außer mir noch viele andere gedacht haben, die in den letzten Wochen die Flug-Erprobung des Martin Jetpacks mitverfolgt haben. Das Ding ist mittlerweile so gut wie serienreif; Ende des Jahres soll es auf den Markt kommen. Für Hotels und Reiseveranstalter ist das noch mehr Grund zur Begeisterung als die künstlichen Gletscher, über die ich gestern berichtet habe. Wenn mich nicht alles täuscht, steht vielen von ihnen ein veritabler Boom ins Haus.

Für alle, die noch nie was vom Martin Jetpack gehört haben: das ist die alltagstaugliche Version dessen, was der Volksmund »Raketenrucksack« getauft hat. Seinen ersten großen Auftritt hatte dieser im James-Bond-Film »Feuerball« – da hielten viele das Fluggerät für Science Fiction (in Wirklichkeit flog Bill Suitor, der Sean Connery doubelte, mit einem echten, vom amerikanischen Militär und der Firma Bell entwickelten Raketengürtel). 1984 dann schwebte bei der Eröffnung der olympischen Spiele von Los Angeles ein »Raketenmann« ins Stadion; das war spektakulär, aber aus der Sicht der Fernsehzuschauer doch nur ein Gag unter vielen. Den Traum vom Fluggerät für jedermann hatten die meisten da längst zu den Akten gelegt. Jetzt sieht es ganz danach aus, als ob er Wirklichkeit würde.    weiterlesen…

4. März 2010

Nano-Tech-Revolution – Nachtrag

So ganz ohne Resonanz ist die Beschichtung von Oberflächen mit ultradünnem Siliziumdioxid in Deutschland doch nicht geblieben, wie ein Leser dankenswerterweise anmerkt. Zumindest in der WELT vom 9. Februar ist ein Artikel darüber erschienen. Derselbe Leser bekräftigt meine Vermutung, daß die neue Technologie gegen mächtige Lobby-Interessen zu kämpfen haben wird:

»das Thema scheint derzeit in der Tat erst am Beginn zu stehen. Unlängst war aber auch in der WELT ein interessanter Artikel zu diesem Produkt zu lesen: http://www.welt.de/die-welt/wissen/article6311645/Nie-wieder-Tassen-spuelen.html

Ich denke, dass es sicher eine Lobby gegen zu unempfindliche Oberflächen gibt, was auch in diesem Artikel beschrieben wird.«

Der Leser – ich kenne ihn auch persönlich – hat wahrscheinlich noch mehr Einblick als ich in das, was hinter den Kulissen so gespielt wird. Daß aufseiten der Reinigungsmittelindustrie gigantische Umsätze auf dem Spiel stehen, liegt ohnehin auf der Hand. Aber ist das die ganze Wahrheit? Kann man sich damit zufrieden geben? weiterlesen…

2. März 2010

Öko-Licht-Spiele

Geht es nach dem Traditionskonzern Philips, zeigen Außen­leuch­ten der Zu­kunft zwei ver­schie­dene Ge­sichter. Erstens als Taglicht:

taglicht

Und zweitens als Nachtlicht:

nachtlicht

Eigentlich ein nahe­liegendes Konzept, das Philips hier der Natur ab­ge­guckt und auf dem Simplicity Event 2008 in Moskau erst­mals vor­ge­stellt hat. Natür­lich denkt der Konzern an Straßen­be­leuch­tung als wich­tigstes Ein­satz­ge­biet – das ist ja auch mit Ab­stand der größte Markt. Aber es braucht wenig Phan­tasie, um sich eine Fülle weiterer Ein­satz­möglich­keiten aus­zu­malen. Außen­be­leuch­tung, die keine externe Strom­quelle be­nötigt, wäre in vielen Be­rei­chen eine attrak­tive Lösung.   weiterlesen…

8. Februar 2010

Hotel Zeppelin

Der Traum vom Fliegen mal wieder. Verstehen kann ich das schon. Die große Zeit der Grandhotels ist längst Geschichte, und auch Kreuzfahrten sind nicht mehr das, was sie mal gewesen sein mögen. Bleibt nur noch der Luftraum für die Träume vom grenzenlosen Luxus. Kombiniert mit dem Prinzip Entschleunigung: Hetze und Luxus vertragen sich schlecht. Also kein Düsenjet, sondern ein Luftschiff – genauer gesagt, ein Starrluftschiff wie früher die Zeppeline, aber nicht als »fliegende Zigarre« gestaltet, sondern eher als fliegender Diamant. Man könnte meinen, ein Origami-Künstler habe sich am Luftschiff-Design versucht.

»Aircruiser« heißt das futuristische, mit Solarenergie betriebene Gefährt, das der südkoreanische Technologiekonzern Samsung dieser Tage der Öffentlichkeit vorstellte. Das Konzept dafür – entstanden in Kooperation mit der britischen Designfirma Seymourpowell – ist bereits ziemlich detailliert ausgearbeitet. Das Luftschiff ist 265 Meter hoch und besteht aus vier gasgefüllten Teilen, die wie eine Blüte das Fünf-Sterne-Hotel im Inneren umschließen. Dieses läßt den Gästen die Wahl zwischen einem Penthouse, vier Doppel-Appartements und fünf kleineren Appartements; dazu kommen überdurchschnittlich geräumige öffentliche Bereiche: Bar/Lounge, Rezeption, Speisesaal, Aufenthaltsraum etc.

Klingt spektakulär, ist schwer zu beschreiben und noch schwerer vorstellbar. Samsung und Seymourpowell haben deshalb ein computeranimiertes Video dazu erstellt, das einen Eindruck vom lautlosen Schweben über Kontinenten und Ozeanen vermitteln soll:

Das ist schon traumhaft oder? (vom Interieur will ich mal absehen). Bleibt nur, wie so oft, die Frage, ob es dem Traum vergönnt sein wird, Wirklichkeit zu werden. weiterlesen…

27. Januar 2010

Mehr zur Intergastra (Jubiläenfieber)

Geplant war das alles nicht. 2010 findet die Intergastra in Stuttgart zum 25. Mal statt; gleichzeitig wird unser Büro heuer 25 Jahre alt. Ein Zusammentreffen, das sich angesichts des zweijährigen Turnus der Intergastra so nie wiederholen wird. Und nun feiern wir dieses Doppeljubiläum damit, daß wir erstmals selbst einen aktiven Beitrag zur Intergastra leisten. Völlig ungeplant, wie gesagt. Manchmal führt der Zufall auf eine Art Regie, daß man gar nicht mehr an Zufälle glauben mag.

Und das ist noch nicht einmal alles. Denn es gibt auf der Intergastra noch einen weiteren Geburtstag zu feiern – genauer gesagt: eine Geburt; etwas prosaischer ausgedrückt: eine Premiere. Eine Kooperation dreier Büros, deren jedes in seinem Bereich zu den führenden Unternehmen der Branche zählt. Neben Markus-Diedenhofen Innenarchitektur sind das Riehle + assoziierte Architekten und Stadtplaner in Reutlingen, sowie die Scholze Gruppe (Ingenieure | Consultants) aus Leinfelden-Echterdingen mit mehreren Niederlassungen in Deutschland und weltweit. weiterlesen…

11. Januar 2010

1100.006 wie Liebe

Wer Melvil Dewey war, wissen heute nur noch Eingeweihte – das nach ihm benannte Ordnungsschema aber kennt in Amerika jedes Schulkind. Die Dewey Decimal Classification (DDC) – häufig auch einfach library classification genannt – ist das System, nach dem jede öffentliche Bibliothek und jede Schulbücherei geordnet ist. Jedes Wissensgebiet und jede noch so kleine Spezialdisziplin hat darin einen unverwechselbaren, durch eine Dezimalzahl bezeichneten Platz.

Ein Gast, der in einem Hotel Zimmernummern von der Art 500.001, 1000.006 oder 1200.002 vorfindet, wird deshalb nicht lange brauchen, um den Namen der Herberge zu erraten. Genau so – The Library nämlich – heißt das Fünf-Sterne-Haus denn auch, das sich selbst unter den Ersten Adressen New Yorks einordnet. Die Lage des Boutique-Hotels in Midtown Manhattan, an der Ecke Madison Ave. und 41. Straße, ist jedenfalls ideal – nur wenige Schritte entfernt vom Bryant Park, der Grand Central Station, der 5th Avenue und dem Times Square mit dem angrenzenden Theaterbezirk. Ebenso in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen: die berühmte New York Public Library sowie die Pierpont Morgan Library, die wohl als Inspirationsquelle für das Hotelkonzept dienten; die 41. Straße ist auch unter dem Namen Library Way bekannt.

Die Planer haben das Konzept stilsicher umgesetzt und ein Hotel geschaffen, das in dieser Form tatsächlich einzigartig sein dürfte. Von den 60 Zimmern, die sich auf die oberen zehn Stockwerke des 14-stöckigen Gebäudes verteilen, gleicht – Dewey sei Dank – keins dem anderen. Jede Etage ist einer der zehn Hauptkategorien der DDC zugeordnet, und jedes Zimmer wiederum einem ganz bestimmten Wissensgebiet daraus, das echte Experten schon an der Zimmernummer ablesen können. Dieses Wissensgebiet entscheidet darüber, welche Bücher der Gast im Zimmer vorfindet, und welche Bilder an den Wänden ihn erwarten. So dürfen sich in Zimmer 1000.006, das den Neuen Medien gewidmet ist, Bill Gates und Steve Jobs (bzw. Porträts der beiden) an den Wänden in friedlicher Koexistenz üben. Viel gefragter als dieses sind allerdings die Zimmer 800.001 und 1100.006, die im Zeichen der erotischen Literatur respektive der Liebe stehen – dicht gefolgt auf der Beliebtheitsskala vom Märchenzimmer mit der Nummer 800.005.   weiterlesen…

7. Dezember 2009

Glücksfunde (Serendipity)

Jetzt erst und also reichlich spät komme ich dazu, dieses Interview mit Zaha Hadid gründlicher zu lesen. So kann es gehen, wenn man sich Sachen für eine spätere Lektüre beiseitelegt. Zu bedauern ist daran aber nichts; ich habe im Gegenteil die besten Erfahrungen damit gemacht. Meist nämlich nehme ich Bücher oder Artikel dann wieder zur Hand, wenn sie zu den Themen passen, die mich grade beschäftigen. Dann fesseln mich Aspekte, auf die ich zu der Zeit, als das Interview noch druckfrisch war, vermutlich gar nicht geachtet hätte. Und damit wäre ich eigentlich schon direkt bei dem Thema, um das im Moment viele meiner Gedanken kreisen. Aber ich greife vor.

In dem Interview – das Original erschien in der Wochenend-, nicht wie die Onlineversion behauptet in der Immobilienbeilage der SZ – in dem Interview also geht es nur am Rande um konkrete Bauten oder Entwürfe Hadids, auch nicht um Grundsatzfragen der Architektur oder um ihr architektonisches Credo. Das Gespräch dreht sich vielmehr um ihre Art zu arbeiten und die Quellen ihrer Inspiration. Man erwartet analytische, konstruktiv orientierte Anworten von der Architektin, die ursprünglich Mathematik studierte und deren Entwürfe überhaupt nur mit Hilfe des Computers realisierbar wurden; noch eine Generation zuvor hätten sie jeden Statiker zur Verzweiflung gebracht. Doch Zaha Hadid straft die Erwartungen Lügen. So stellt Eva Karcher, die das Interview führt, gegen Ende des Gesprächs die Frage: »Gehen Sie eher intuitiv vor?« Hadid bringt es fertig, in einem Atemzug die Frage zu bejahen – und gleichzeitig die Vorstellungen, die sich normalerweise mit dem Begriff der Intuition verbinden, zurückzuweisen:   weiterlesen…

24. November 2009

Reality Check

Fragt man 3 halbwegs gebildete Menschen nach den 50 größten Deutschen aller Zeiten, erhält man wahrscheinlich 287 Namen. Mindestens. Nun hat sich auch die ZEIT an dieser unmöglichen Aufgabe versucht und daraus eine Sonderbeilage gemacht. Größe allein genügt ihr aber nicht. Sie sucht nach Vorbildern, die heute noch aktuell und mehr denn je zukunftsweisend sind – »Menschen, von denen wir lernen können, die wir wiederhaben wollen«.   weiterlesen…

14. November 2009

Berlin Mitte

Was empfiehlt die New York Times ihren Lesern, wenn sie ein paar Nächte in Berlin verbringen wollen? Doch, wirklich: das Circus Hotel. Wären Sie nicht drauf gekommen? Geht mir genauso. Immerhin: auch bei tripadvisor rangiert es seit Monaten auf Platz 1 unter gegenwärtig 616 bewerteten Berliner Hotels. Es mag also vielleicht was dran sein. Nun aber zum Londoner Daily Telegraph und seiner Liste der Top Five unter den Berliner Hotels. Auch die birgt Überraschungen. Zwar findet sich auf Platz 1 – wer hätte anderes erwartet – das Hotel Adlon Kempinski. Danach wird’s etwas unkonventioneller. Platz 2: das Hotel Hackescher Markt; Platz 3: Hotel Art Nouveau; Platz 5: Hotel Askanischer Hof. Und Platz 4? Nun – auf Platz 4 hat es das Circus Hostel geschafft. Nein, das ist nicht dasselbe Haus wie oben (wenn auch von denselben Leuten betrieben) – man beachte das »s« in der Mitte. Kein Hotel, sondern ein Hostel. Früher nannte man sowas Jugendherberge.

Das Adlon Kempinski in einem Atemzug mit einer Jugendherberge zu nennen – das muß man erst mal bringen. Nun ja, jedem das seine, hätte ich bis vor kurzem dazu gesagt. Oder sogar: die spinnen, die Briten. Aber so ganz unvorbereitet trafen mich derartige Urteile natürlich nicht. Schließlich hatte ich selbst durchaus Gründe, nach Berichten über die beiden Circus-Etablissements zu recherchieren.   weiterlesen…

6. November 2009

CEO des Jahrzehnts

Vor ein paar Monaten habe ich ausführlich dargestellt, warum ich den Apple-Gründer Steve Jobs – bei allem Glamour, der den Mann umgibt – in seiner Bedeutung für weithin unterschätzt halte. Nun hat die Zeitschrift Fortune ihn zum CEO des Jahrzehnts gekürt. Will ich meine Behauptung immer noch aufrechterhalten? Ich denke ja. Denn die vordergründigen Erfolge Jobs’ liegen ohnehin offen vor aller Augen. Man wird nicht so schnell einen anderen Unternehmer oder Manager finden, der mindestens vier Branchen und die dazugehörigen Märkte geprägt oder sogar revolutioniert hat: die Computerindustrie mit Apple; das Filmbusiness mit Pixar; die Musikindustrie mit dem iPod und iTunes; den Handymarkt mit dem iPhone. Die Frage wäre aber, was diese Erfolge miteinander verbindet – und weit über sie hinausweist. Denn die historische Zäsur, für die der Name Steve Jobs steht, beschränkt sich nicht auf diese vier Branchen. Wie wäre ich sonst darauf gekommen, daß auch Hotels und Hotelplaner eine Menge von seinem Beispiel lernen können?

Das verdeutlicht vielleicht viel besser das folgende Video, das den Entstehungsprozeß des berühmten Apple-Stores in der 5th Avenue dokumentiert. Und in mancher Hinsicht sagen die Bilder mehr, als ich seinerzeit mit bloßen Worten auszudrücken vermochte.

21. Oktober 2009

Fata Morgana

Wenn alles nach Plan läuft, wird Kasachstan ab nächstem Jahr das größte Hotelprojekt der Welt wenn nicht sogar aller Zeiten verwirklichen. Mitten in der kasachischen Wüste. Deshalb muß auch als erstes ein Flughafen her. Geplante Kapazität: 25 Millionen Passagiere pro Jahr. Da scheint sich jemand seiner Sache sehr sicher zu sein. Aber es geht ja auch nicht um einen x-beliebigen Hotelkomplex. Sondern um ein zweites Las Vegas. Nein, keine Stadt nach dem Vorbild von Las Vegas – eine exakte Kopie des Spielerparadieses in der Wüste Nevadas soll es werden. Der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew hat schon mal vorab – ebenfalls nach dem Vorbild der USA – alle übrigen Spielkasinos des Landes schließen lassen. Das hat aber eher symbolische Bedeutung. Denn das große Geschäft sollen Spieler von anderswo bringen: weiterlesen…

26. Juni 2009

Drei Sterne und ein Weltrekord

Das weltweit erste Hotel mit Nullenergiebilanz öffnet im November seine Tore. Nicht in Abu Dhabi oder auf Sylt oder wo immer sonst es entweder Sonne oder Wind im Überfluß gibt. Sondern mitten in Wien. In unmittelbarer Nähe der berühmten Stadthalle von Roland Rainer. Danach ist es auch benannt: Hotel Stadthalle. Alles, was nach heutigem Stand der Technik möglich ist, um Energieautarkie zu ermöglichen, ist in diesem Hotel vorhanden.

Am wirtschaftlichen Erfolg des Projekts hege ich nicht den geringsten Zweifel. Im Gegenteil – ich meine, daß das Hotel Kultstatus erlangen und zum Mekka für Wien-Besucher werden könnte, die sich außer für die k.&k.-Metropole auch noch für städtebauliche Pionierleistungen und wegweisende ökologische Konzepte begeistern. Schließlich steht Wien seit jeher für eine einzigartige Mischung aus Traditionsbewußtsein und Zukunftsoffenheit, das Festhalten am Bewährten und avantgardistischen Übermut.

Allerdings: auf die Annehmlichkeiten eines Luxushotels werden die Gäste verzichten müssen. Es gibt weder Spa noch Sauna und noch nicht einmal Minibars auf den Zimmern. Darum wird das Hotel Stadthalle auch weder mit fünf noch mit vier, sondern nur mit drei Sternen glänzen dürfen. Das ist meines Wissens das erste Mal, daß ein Hotel dieser Kategorie einen technologisch-architektonischen Durchbruch verwirklicht, der ihm weltweite Bekanntheit sichert.

Und darin sehe ich ein Problem. Denn natürlich sind es – wenn sie ihren Ruf sichern wollen – die Luxushotels, die in Sachen Fortschritt die Vorreiterrolle übernehmen müssen. Aber welches Luxushotel nimmt es freiwillig in Kauf, einen oder sogar zwei Sterne zu verlieren? Sollte das Sterne-Rating, das so viel zur Qualitätssteigerung und zur Qualitätssicherung von Hotels beigetragen hat, nun plötzlich zur Fessel werden, das den Fortschritt behindert? Ist es vielleicht an der Zeit, Fortschritt (und damit auch Luxus) anders, offener, vielfältiger zu definieren?