Einträge zum Thema Lesetips

15. August 2010

In Zukunft lieber ohne mich

Hollywood liefert die Traumbilder, die Wirklichkeit korrigiert sie dann. Das erfuhr auch der Schriftsteller David Foster Wallace, als er im Auftrag von Harper’s Magazine eine Kreuzfahrt unternahm, um in einer Reportage darüber zu berichten. Der Traum erwies sich über weite Strecken als Alptraum. Eine erweiterte Fassung seines Erfahrungsberichts veröffentlichte Wallace später als Buch, dessen Fazit er kurzerhand zum Titel machte:

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Auch wenn damit alles gesagt scheint, empfehle ich Ihnen dennoch, das ganze Buch zu lesen (sofern Sie’s nicht schon kennen). Es ist in der Tat schrecklich amüsant – und die beste literarische Behandlung des Phänomens Kreuzfahrt, die ich kenne.

Übrigens: so kongenial Marcus Ingendaay den Titel übersetzt hat – das Original ist noch eine Spur lakonischer: »A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again«.

31. Juli 2010

One More Take (Serendipity)

Nun haben also, David Wagner sei Dank, die Serendipität und das Serendipitieren endlich auch Eingang in die deutsche Literatursprache gefunden; ein paar vergebliche Anläufe dazu hat’s ja schon gegeben. Zur Feier dieses Ereignisses hier noch einmal, für alle, die sie noch nicht kennen, Richard Meyers »Serendipity Suite«, und für alle anderen ebenso.

Übrigens: Wagners Aufsatz ist schön, wirklich. Sie sollten ihn lesen, wenn Sie den Merkur im Hause haben (und wenn nicht, ist diesem Manko leicht abzuhelfen).

P.S.
Trotzdem läßt mir das Serendipitieren keine Ruhe. Sollte es nicht eher Serendipisieren heißen? So wie in Autorität – Autorisieren? Wer autorisiert hier eigentlich den korrekten Sprachgebrauch? Ich warte auf Wortmeldungen und Stellungnahmen – gerne auch von der Duden-Redaktion…

26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  weiterlesen…

23. Juli 2010

Writers’ Corner (Kulturelles Erbe)

Das sogenannte kulturelle Erbe ist ein Schatz – bisweilen aber auch eine Bürde. Die wog im Fall des Kaisersaals – stellvertretend für das Hotel Esplanade – immerhin 1 800 Tonnen. Nicht immer ist das Erbe so gewichtig. Das Sofa Hildegard Knefs aus dem Hotel Schweizerhof etwa wurde, wie Sie sich erinnern, gewogen und für zu leicht befunden. Aber es ist für Leute, die sich gern mit Kultur schmücken, ohne mit ihr was am Hut zu haben, nicht immer leicht, in dieser Hinsicht die richtigen Maßstäbe zu finden. Davon weiß auch der Verleger und Schriftsteller Klaus Wagenbach ein Lied zu singen – und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

»Als nach der Wiedervereinigung am prominenten Ort in Berlin ein Zentrum bürgerlicher Selbstversicherung, das Hotel Adlon, wieder aufgebaut worden war, erhielt eine Buchhandlung den Auftrag, die Bibliothek einzurichten: keine Taschenbücher, am besten Halbleder oder mindestens Ganzleinen, überwiegend grün, aber auch braun oder dunkelrot et cetera. Die Buchhändlerin hat sich dazu nicht geäußert, aber strafweise erhielt das Adlon mehrere Ausgaben von Gustav Freytags Soll & Haben. Geschieht ihm recht. Noch 2009, in einem funkelnagelneuen Hotel in Rostock, passierte mir ähnliches: In der Eingangshalle stößt man auf eine Wand mit Büchern, die offensichtlich ein Analphabet ausgesucht hat. Hauptsächlicher Zweck auch hier: Wir möchten Ihnen einen Eindruck von unserer Bildung vermitteln, die zugleich gediegen wie abgehangen ist.«

Klaus Wagenbach
 

Als »Kulturverlederung« bezeichnet Wagenbach treffend dieses Phänomen. Sie erinnern sich vielleicht an den Beitrag »1100.006 wie Liebe«, worin ich die Verwechslung von Kultur und kultureller Attitüde mindestens ebenso heftig aufs Korn genommen habe. Wagenbachs Berliner Beobachtungen sind auch ein Kommentar zum Library Hotel in New York. Es ist wohl Vorsicht angezeigt, wenn man allzu euphorisch transatlantische Gemeinsamkeiten beschwört…
;-) ;-) ;-)

20. Juli 2010

Ein Saal auf Wanderschaft

Erinnert sich noch jemand an Jean Claudes und Christos Aktion, den Reichstag zu verpacken? Ich meine nicht das historische Faktum an sich, sondern das ganze Drumherum: die jahrzehntelangen Diskussionen vorher, der politische Streit von den Ortsvereinen bis ins Parlament, das weltweite Medienecho – und dann die Emotionen, die das verhüllte Bauwerk auslöste, während sich die Verpackungsplanen nonchalant im Wind und der Berliner Luft kräuselten. Magische Momente. Ich kann es bezeugen; ich bin dabeigewesen.

Andererseits hatte von Jean Claude und Christo niemand was anderes erwartet. In der Kunstgeschichte haben sie als »Verpackungskünstler« längst ihren festen Platz. Auf die Idee, ein störendes Gebäude oder Teile davon einfach weg- und danach hinter Glas zu packen – auf die Idee muß man dagegen erst mal kommen. Dazu braucht es wohl die spezielle Mischung aus Euphorie und Hysterie, die das Berlin der Nach-Wende-Zeit charakterisierte. Das kann ich ebenfalls bezeugen – wir haben in diesen Jahren den neuen Schweizerhof gestaltet und aus einem Frontstadt-Hotel ein Hauptstadt-Hotel gemacht. Auch so eine Konfrontation mit der Geschichte, die ich erst kürzlich hier in der Serendipity Suite noch einmal Revue passieren ließ. Bei der Gelegenheit habe ich mehr als einmal an das Hotel Esplanade gedacht – jenes denkmalgeschützte Haus, das man »wegpackte«, weil es den Neubauplänen im Weg stand. Diese Nicht-Renovierung kostete 75 Millionen Euro; technisch handelte es sich um eine Meisterleistung, und das Medien-Echo darauf war (jedenfalls in Berlin) fast so gewaltig wie der Christo-Rummel. Aber das öffentliche Gedächtnis ist kurzlebig: heute kräht kein Hahn mehr nach der Geschichte, und kaum einer weiß noch, was es mit dem »Kaisersaal« wirklich auf sich hat.

Mir erscheint der heutige 20. Juli 2010 ein passendes Datum, noch einmal an das ehemalige Hotel Esplanade und seine Geschichte zu erinnern – sowie an die Art, wie man diese Geschichte »verladen« und »weggepackt« hat.  weiterlesen…

5. Juli 2010

Das ist ein Hotel, sagt die Frau

Alleinreisende haben andere Ansprüche an Hotels als beispielsweise Familien mit Kindern; alleinreisende Frauen erst recht. Ich muß es wissen – ich gehöre schließlich selbst zu dieser Zielgruppe, genau genommen sogar zu beiden. Deshalb bin ich auf dieses Buch neugierig geworden, das an diesem Wochenende in der WELT besprochen wurde. Das Buch heißt »Ein Hotel für jede Stimmung«; geschrieben hat es die schweizer Reise-Journalistin Susanna Heim, die sich schon von Berufs wegen für Hotels interessiert und im Lauf der Jahre in zahllosen davon übernachtet hat. Soweit ich sehe, füllt das Buch eine Marktlücke: der spezifisch weibliche Blick auf das Hotel, dazu noch von jemandem mit einem derartigen beruflichen Hintergrund, hat in der Literatur bislang gefehlt. Schon deshalb scheint mir das Bändchen lesenswert; fundierte persönliche Erfahrungsberichte und Auseinandersetzungen mit einem Thema können nach meiner Erfahrung ein paar Dutzend Marktforschungen und Zielgruppenanalysen aufwiegen oder ganz überflüssig machen. Aber das ist es nicht allein, was meine Neugier erregt hat.

Susanna Heim beschreibt in ihrem Buch zwanzig Hotels – zehn Stadt- und zehn Wellness- bzw. Sporthotels. Doch weder im einen noch in dem anderen Fall geht es um eine Rangfolge. Heim mißt die Hotels nicht an einem objektiven Maßstab oder an vorab definierten Kriterien. Es handelt sich vielmehr um zwanzig Lieblingshotels, die ihr alle gleichermaßen ans Herz gewachsen sind – und jedes aus völlig anderen Gründen. Das ist von vornherein ein anderer Ansatz als in standardisierten Testberichten oder der ebenso standardisierten Kategorisierung nach Sternen. Der Unterschied ist wichtig.Er impliziert nicht nur ein Bekenntnis zu Subjektivität und Individualität, sondern vor allem eine Absage an den gedankenlos immer wieder bis zum Überdruß wiederholten Anspruch, der Gast solle sich im Hotel »wie zuhause« fühlen. In einer glänzenden Formulierung modifiziert Heim diesen Anspruch auf eine Weise, die ihn in sein Gegenteil verkehrt.  weiterlesen…

2. Mai 2010

Hotel Hollywood Sunday Special

Der Film, aus dem Sie gleich einen Ausschnitt sehen werden, kam vor 50 Jahren ins Kino; der Todestag des Regisseurs jährte sich vor wenigen Tagen, am 29. April, zum 30. Mal. Es handelt sich nicht nur um eine der berühmtesten, sondern auch eine der am häufigsten zensierten Szenen der gesamten Filmgeschichte. Das mag Sie überraschen, wenn Sie hören, daß es sich um die Duschszene aus Alfred Hitchcocks »Psycho« handelt. Bis in die Gegenwart wurden überwiegend mehr oder weniger verstümmelte Versionen des Films gezeigt bzw. auf Video und DVD in den Handel gebracht.

Zum Inhalt der Duschszene muß ich hier so wenig sagen wie zur Handlung des Films insgesamt. Stattdessen ein paar Details, die verdeutlichen, wieviel Arbeit erforderlich ist, damit eine Zwei-Minuten-Sequenz zu einem Erlebnis wird, das keiner mehr vergißt, der den Film auch nur einmal gesehen hat. Hitchcock kombiniert hier eine künstliche Zeitdehnung mit einer extremen Zeitverdichtung. Den zwei Minuten des Films entsprechen 45 Sekunden realer Handlung; in diesen zwei Minuten präsentiert uns Hitchcock allerdings nicht weniger als rund 70 Einstellungen und 50 Schnitte. Der Dreh nahm eine ganze Woche in Anspruch, was etwa einem Drittel der gesamten Drehzeit Janet Leighs entspricht.

Ursprünglich war die Szene ganz ohne musikalische Untermalung geplant; der Filmkomponist Bernard Herrmann war von ihr jedoch so beeindruckt, daß er sich an einem musikalischen Thema dazu versuchte. Hitchcock war vom Ergebnis begeistert, verdoppelte kurzerhand Herrmanns Gage, und »The Murder« wurde zu einem Hit und Evergreen, der es an Bekanntheit mit der Filmszene selbst aufnehmen kann. Soviel zur Einstimmung; noch mehr »Werkstattgeschichten« finden Sie in François Truffauts Buch »Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?«

Jetzt aber Willkommen in Bates’ Motel – und ziehen Sie sich besser was über, falls Sie zu Gänsehaut neigen… ;-)

23. April 2010

Keep Smiling

Und hier als weiterer Beitrag zum heutigen Tag des Buchs eine Erfindung des italienischen Ingenieurs Agostino Ramelli. Bedenkt man das Gewicht der damaligen Folianten, handelt es sich zweifellos um eine leserfreundliche Innovation. Ramelli selbst beschrieb sein »drehbares Lesepult« als »ansehnliche und sinnreiche Maschine, … die sehr nützlich für jeden ist, der gern studiert, besonders aber für jene, die unter Gicht oder körperlichen Gebrechen leiden, denn mit dieser Maschine kann man eine große Anzahl von Büchern lesen, ohne sich von der Stelle zu bewegen.«

Agostino Ramelli, »Lesemaschine« (1588)

Wer Richard Lesters Film »Die drei Musketiere« gesehen hat, kann sich an das Monstrum vielleicht erinnern – der Regisseur ließ es für den Film originalgetreu nachbauen.

Aber bei allem Respekt vor der handwerklich-technischen Leistung: die heutigen Ebooks – heißen sie nun Kindle, Nook oder iPad – sind vielleicht doch ein wenig handlicher… :-)
 

(Und weil ein Tag des Buchs ohne Buchtip eine halbe Sache wäre, hier meine Empfehlung: »Eine Geschichte des Lesens« von Alberto Manguel, auch als Taschenbuch erhältlich.)

5. März 2010

Reisenotizen

Der aktuellen ZEIT liegt wieder mal ein Sonderheft »Zeit-Reisen« bei. Unter dem Titel »Die Reise meines Lebens« hat die Redaktion zehn Schriftsteller gebeten, ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit den Lesern zu teilen. Auf den naheliegenden Gedanken, das Leben selbst als Reise zu interpretieren – vielleicht als Wechselspiel zwischen inneren und äußeren Reisen, Ortsveränderungen in der Welt und Ortsveränderungen im Denken –, auf diesen Gedanken ist erstaunlicherweise keiner von ihnen verfallen, obwohl die Idee inmitten eines bunten Straußes klassischer Reisebilder durchaus nicht der Originalität entbehrt hätte.

Dennoch ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und streckenweise denkwürdiges Heft dabei herausgekommen. Vom Klischee der Traumreise sind diese Lebensreisen so weit entfernt wie nur möglich – es sei denn, man bezieht in den Begriff »Traum« auch Alpträume mit ein: »Manche Dinge sehen wir und verstehen sie nicht, und andere verstehen wir und zögen es vor, sie nicht sehen zu müssen. So oder so, die Dinge sind da, und jede Reise ist ein Schritt auf sie zu« – schreibt Stefan Thome über seine Reise durch Tibet nach Lhasa.

Aber nicht immer führt die Reise in die Fremde – manchmal führt sie zurück zu den eigenen Ursprüngen. Und die Begegnung mit diesen erweist sich womöglich als abgründiger und bedrohlicher als die gefährlichsten Abenteuer in einem unbekannten Land. So ging es Anna-Katharina Hahn, als sie nach Stuttgart zurückkehrte – der Stadt ihrer Kindheit, der sie einst fluchtartig den Rücken gekehrt hatte, um in Hamburg und Berlin, wie es im Märchen so schön heißt, »ihr Glück zu versuchen«. Wer nach alledem eine Horrorstory erwartet, liegt freilich falsch. Auch Alpträume haben bisweilen ein Happy End (und sind dann im Rückblick der Schlüssel zur Entdeckung unvermuteter Reichtümer).

Von ganz anderer Art die Amerikareise von Julia Schorch. Die führt sie nicht in die Vergangenheit, sondern entscheidet über ihren weiteren Lebensweg. Und auch jene Art von Abenteuerreisen kommt nicht zu kurz, die wir von Schriftstellern erwarten. Sibylle Lewitscharoff etwa erzählt, wie sie vor 30 Jahren als alleinreisende junge Frau mehrere Monate lang zunächst den Rio Ucayali und dann den ganzen Lauf des Amazonas hinunterschipperte, Karl-Heinz Ott berichtet von unglaublichen Erlebnissen bei einem philippinischen Wunderheiler, und Annette Pehnt läßt uns ein Jahr zwischen den Fronten im irischen Bürgerkrieg miterleben.

Aufgelockert wird die Abfolge erzählender Texte neben eindrucksvollen Fotos durch Miniaturen aus der Feder von Zeit-Autoren, die unter dem übergreifenden und vieldeutigen Motto »Abwege« stehen. Mal habe ich geschmunzelt, mal lauthals gelacht. So berichtet Thomas Niederberghaus von seinem todesmutigen Entschluß, in einer Woche zu Pferd die Steppe Kalmückiens zu durchqueren. Sieben strapaziöse Tagesetappen später wird er anläßlich eines Empfangs beim Präsidenten gebeten, eine Rede zu halten:

»„Diese Reise hat mich sehr berührt“, sagte ich, „und daß ich das Ganze mit nur wenigen Blessuren überstanden habe, verdanke ich dieser einzigartigen Errungenschaft.“ Ich zog eine Eduscho-Unterhose mit dicken Po-Polstern aus der Tasche. Die Kalmücken lagen am Boden, und der Präsident sagte: „Wir werden sie ins Museum hängen.“«

Sie merken: ich könnte selbst richtig ins Erzählen kommen – aber das wäre Schwadronieren aus zweiter Hand und ich würde Sie damit genau um das Vergnügen bringen, das ich Ihnen nahelegen wollte: sich das Heft zu besorgen und selber drin zu schmökern (online ist dieses Reise-Special vorläufig nicht verfügbar; sollte sich das ändern, werde ich den Link nachtragen).

Stattdessen würde ich gern noch ein paar Worte über einen Aspekt verlieren, der mir zu denken gegeben hat. weiterlesen…

1. März 2010

Bitte weghören (One More Take)

Wer zur Zielgruppe des Hotels »Renovatio« gehört, von dem der voran­gegangene Beitrag handelt, sollte sich besser keins der folgenden Videos antun. Aber es käme einer Unter­lassungs­sünde gleich, von Hotel­bars zu reden, ohne den Song zu er­wähnen, der im letzten Jahr­hundert gleich zweimal zum Mega-Hit wurde. Zunächst die Original­fassung von Bert Brecht/Kurt Weill, die von 1927 an um die Welt ging (der Text stammt übrigens, wie viele »Brecht­texte« der damaligen Zeit, von seiner Geliebten Elisabeth Hauptmann, der Alex Ross ein »wunderbar exzentrisches Englisch« attestiert:

Einige unter den Später­ge­borenen werden sich über diese Vor­geschichte des Lieds wundern, das in ihrem Gedächtnis als einer der größten Hits der Doors weiterlebt – gesungen von dem legendären Jim Morrison im Jahr 1967:

Schon fünf Jahre früher, 1962, hatte Bob Dylan Lotte Lenya mit einem Brecht/Weill-Programm in Greenwich Village erlebt und war zutiefst fasziniert von dem sprachlich-musikalischen »Gestus«, den Brecht und Weill kreiert hatten. Ein Erlebnis, das seine gesamte weitere musika­lische Ent­wicklung prägte. In den Worten des Musik­historikers Alex Ross:

»Im Geiste Brechts und Weills fing Dylan bald an, den Musik­hörern des späten 20. Jahr­hunderts seine eigenen Gestus­momente zu ver­schaffen: „The answer is blowin‘ in the wind“, „A hard rain‘s gonna fall“, „The times they are a-changin’“. Letzteres ist ein direktes Zitat einer Brecht-Zeile.«

Aus: Alex Ross, The Rest is Noise, München 2009, S. 220 – ein Buch übrigens, das ich jedem Musikinteressierten nur wärmstens ans Herz legen kann.

18. Februar 2010

Fast ein Tripel-Jubiläum

Sämtliche Jungs der Nachbarschaft, ob Rotznasen oder aufgeblasene Schnösel, rissen sich drum, ein Stück von Tante Pollys Zaun streichen zu dürfen. Für dieses Privileg waren sie bereit, ihre (momentan) kostbarsten Schätze zu opfern – einen Apfel, eine Meerschaumpfeife, echte Glasmurmeln. Tom Sawyer strahlte. Nicht nur hatte er sich die Arbeit erspart, die ihm Tante Polly zur Strafe aufgebrummt hatte – er war auch noch reich geworden dabei.

So beginnt Mark Twains Bestseller »The Adventures of Tom Sawyer«. Wer die Szene (und danach das ganze Buch) in seiner Jugend gelesen hat, ist für den Rest seines Lebens gefeit gegen ideologische Scheuklappen und moralinsaures Pharisäertum. Wenn nicht, dann war ihm ohnehin nicht zu helfen.

Noch erfolgreicher war dann der Nachfolge-Roman »Adventures of Huckleberry Finn«. Kein Geringerer als Ernest Hemingway bezeichnete es als das wichtigste Buch der amerikanischen Literatur überhaupt, das Buch, mit dem die amerikanische Literatur erst begonnen habe.

»All of American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn … There was nothing before. There has been nothing as good since.«

Mark Twain 1909

Mark Twain 1909

Hemingway liebte starke Sprüche. In Wirklichkeit wiederholte er bloß, was andere vor ihm schon konstatiert hatten – William Faulkner etwa, der Twain als den »Vater der amerikanischen Literatur« bezeichnet hatte. Aber eigentlich braucht es keine solchen Superlative, um den 125. Geburtstag von »Huckleberry Finn« (des Buchs, nicht seines Helden) zu feiern, das am 18. Februar 1885 in Twains eigenem Verlag, Webster & Co., seine amerikanische Premiere feierte. Das Datum hat es in sich. Im selben Jahr wurde Mark Twain 50 Jahre alt – und da hatte er noch genau 25 Jahre zu leben. In ein und demselben Jahr feiern wir also Mark Twains 175. Geburtstag, den 125. Geburtstag »Huckleberry Finns« und den 100. Todestag des Schriftstellers. Mark Twain hätte das gefallen; nicht zufällig war er stolz darauf, daß seine Lebensspanne exakt mit der zweimaligen Wiederkehr des Halley’schen Kometen zusammenfiel – dieses »unzurechenbaren Gesellen«, dem er sich seelenverwandt fühlte (und für diese Prophezeiung nahm Twain selbstbewußt sogar sein Todesjahr vorweg).

Ein überaus stimmiges Tripel-Jubiläum also. Nur die historische Wahrheit bleibt dabei auf der Strecke. Denn es stimmt zwar, daß »Huckleberry Finn« am 18. Februar 1885 Amerika-Premiere feierte; schon ein Jahr davor allerdings war es in England und in Kanada herausgekommen. Vielleicht aber paßt das erst recht zu Samuel Langhorne Clemens, dessen erstes Werk unter dem Namen W. Epaminondas Adrastus Perkins erschien, und der sich später buchstäblich das Seemannsgarn als Künstlernamen erkor: »mark twain!«, riefen die Mississippi-Schiffer, wenn die Wassertiefe unter dem Schiffskiel zwei Faden betrug und damit eine sichere Passage gewährleistete. Allein für diese Namenswahl hätte Clemens alias Twain den Nobelpreis verdient, den er natürlich nicht bekam, obwohl er lange genug dafür gelebt hätte. Aber für so manchen Juror in Stockholm hat die amerikanische Literatur bekanntlich bis heute nicht begonnen, und womöglich fanden die Herren der Schwedischen Akademie das Seemannsgarn des Amerikaners auch moralisch bedenklich. »Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“ – hat André Heller (auch so ein Pseudonym!) mal gesungen, und das ist eine Zeile ganz aus dem Geiste Mark Twains. weiterlesen…

18. Dezember 2009

Kulinarisch-literarisches Doppel

Last-Minute-Tips für Selber-Weihnachtsgeschenke

Vielleicht geht es Ihnen wie mir: die Geschenke für die Familie, für Freunde, Angestellte und Geschäftspartner sind alle besorgt – nur an mich habe ich nicht gedacht. Wer spielt schon gerne Christkind für sich selbst… Wobei – eine kleine Belohnung könnte man sich schon gönnen. Als ich – über einen Artikel von Adam C. Engst in TidBITS – auf Epicurious gestoßen bin, habe ich darum nicht lange gezögert. Epicurious von Condé Nast Digital ist eine iPhone-App, deren wortspielerischer Name zum einen auf Epikur, den Gott der Feinschmecker anspielt, zum anderen auf das englische Wort »curious« für neugierig. Wer daraus schließt, es handle sich um Programm für Gourmets, eine Rezeptsammlung womöglich, liegt goldrichtig; echte Gourmets mußten aber ohnehin nicht raten, weil sie die mehrfach ausgezeichnete Website epicurious.com längst kennen.   weiterlesen…

18. Oktober 2009

Liebesnester der ZEIT

Zum Nachlesen: die ZEIT bringt diese Woche (ZEIT Nr. 43 + online) eine Sonderbeilage zum Thema »Liebesnester«; Untertitel: »Von Köln bis Buenos Aires – Hotels für Leidenschaft und Abenteuer«. Aus dem Editorial der Printausgabe:

»Hotels sind reizvolle Orte. Sie bieten ihren Gästen gesellschaftliches Leben und Anonymität zugleich. Wohl deshalb spielen sich hinter den Zimmertüren einmalige Abenteuer ab. Romantische und wilde, verheißungsvolle und verhängnisvolle, schöne und schaurige Geschichten von Zuneigung und Zueignung und den kleinen und großen Momenten des Glücks. Natürlich spricht kein Hotel darüber. Diskretion ist Ehrensache! Für dieses Heft haben unsere Autoren solche Geschichten gesucht – und sie in wahren Liebesnestern gefunden.«

Ich habe das 28-seitige Heft bisher erst flüchtig durchgeblättert und fand beim ersten Diagonallesen die Qualität der Beiträge durchaus unterschiedlich. Aber das gilt wohl ebenso für die besprochenen Hotels. Bemerkens- und lobenswert: auch Stundenhotels (in Buenos Aires) sind darunter. Hängengeblieben bin ich an einer Reportage über das Hotel Kakslauttanen in Lappland. Die Vorstellung, durchs gläserne Dach der Iglu-Appartements das spektakuläre Schauspiel der Nordlichter zu genießen, fand ich ich gar zu reizvoll. Obs auch der Leidenschaft zugute käme, kann ich nicht beurteilen.

Wie gesagt: einfach mal selber reinschmökern!

12. September 2009

Rasender Reporter

Das schönste Italienreisebuch des Jahres kommt aus einem weitgehend unbekannten, neu gegründeten Verlag und ist fünfzig Jahre alt. Es heißt »Die lange Straße aus Sand«, und der Text stammt von dem Dichter, Schriftsteller, Filmemacher, Essayisten und »Universaldissidenten« Pier Paolo Pasolini – PPP, wie er in seiner Heimat bis heute genannt wird. Der war 1959 in Italien bereits eine Berühmtheit, aber noch nicht die moralische Instanz, zu der er dann in den späten 60er und in den 70er Jahren wurde. Zwei Jahre nach der Reise, die »Die lange Straße aus Sand« schildert, kam mit »Accattone« Pasolinis erster eigener Film in die Kinos und begründete seinen anhaltenden Weltruhm als Regisseur. Daß es zu der Reise kam, ist dem Zufall zu verdanken. Genauer gesagt, dem Zusammentreffen zweier Zufälle. weiterlesen…

8. Juni 2009

Verkehrte Welt

Da stimmt doch was nicht, denke ich beim zweiten Lesen von Joseph Roths Roman »Hotel Savoy« – beim ersten Mal war ich 17 oder 18 und alles schien mir logisch und stimmig. Jetzt stolpere ich schon auf den ersten Seiten über die Beschreibung des Hotels. Da hat der Held nach seiner Ankunft erst mal ein paar Stunden geschlafen und macht sich auf, seinen Onkel in der Stadt einen Besuch abzustatten. Und mit jeder Stufe, die er die Treppe von seinem Zimmer in der sechsten Etage zur Rezeption hinuntersteigt, wundere ich mich mehr:   weiterlesen…