Der aktuellen ZEIT liegt wieder mal ein Sonderheft »Zeit-Reisen« bei. Unter dem Titel »Die Reise meines Lebens« hat die Redaktion zehn Schriftsteller gebeten, ihre diesbezüglichen Erfahrungen mit den Lesern zu teilen. Auf den naheliegenden Gedanken, das Leben selbst als Reise zu interpretieren – vielleicht als Wechselspiel zwischen inneren und äußeren Reisen, Ortsveränderungen in der Welt und Ortsveränderungen im Denken –, auf diesen Gedanken ist erstaunlicherweise keiner von ihnen verfallen, obwohl die Idee inmitten eines bunten Straußes klassischer Reisebilder durchaus nicht der Originalität entbehrt hätte.
Dennoch ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames und streckenweise denkwürdiges Heft dabei herausgekommen. Vom Klischee der Traumreise sind diese Lebensreisen so weit entfernt wie nur möglich – es sei denn, man bezieht in den Begriff »Traum« auch Alpträume mit ein: »Manche Dinge sehen wir und verstehen sie nicht, und andere verstehen wir und zögen es vor, sie nicht sehen zu müssen. So oder so, die Dinge sind da, und jede Reise ist ein Schritt auf sie zu« – schreibt Stefan Thome über seine Reise durch Tibet nach Lhasa.
Aber nicht immer führt die Reise in die Fremde – manchmal führt sie zurück zu den eigenen Ursprüngen. Und die Begegnung mit diesen erweist sich womöglich als abgründiger und bedrohlicher als die gefährlichsten Abenteuer in einem unbekannten Land. So ging es Anna-Katharina Hahn, als sie nach Stuttgart zurückkehrte – der Stadt ihrer Kindheit, der sie einst fluchtartig den Rücken gekehrt hatte, um in Hamburg und Berlin, wie es im Märchen so schön heißt, »ihr Glück zu versuchen«. Wer nach alledem eine Horrorstory erwartet, liegt freilich falsch. Auch Alpträume haben bisweilen ein Happy End (und sind dann im Rückblick der Schlüssel zur Entdeckung unvermuteter Reichtümer).
Von ganz anderer Art die Amerikareise von Julia Schorch. Die führt sie nicht in die Vergangenheit, sondern entscheidet über ihren weiteren Lebensweg. Und auch jene Art von Abenteuerreisen kommt nicht zu kurz, die wir von Schriftstellern erwarten. Sibylle Lewitscharoff etwa erzählt, wie sie vor 30 Jahren als alleinreisende junge Frau mehrere Monate lang zunächst den Rio Ucayali und dann den ganzen Lauf des Amazonas hinunterschipperte, Karl-Heinz Ott berichtet von unglaublichen Erlebnissen bei einem philippinischen Wunderheiler, und Annette Pehnt läßt uns ein Jahr zwischen den Fronten im irischen Bürgerkrieg miterleben.
Aufgelockert wird die Abfolge erzählender Texte neben eindrucksvollen Fotos durch Miniaturen aus der Feder von Zeit-Autoren, die unter dem übergreifenden und vieldeutigen Motto »Abwege« stehen. Mal habe ich geschmunzelt, mal lauthals gelacht. So berichtet Thomas Niederberghaus von seinem todesmutigen Entschluß, in einer Woche zu Pferd die Steppe Kalmückiens zu durchqueren. Sieben strapaziöse Tagesetappen später wird er anläßlich eines Empfangs beim Präsidenten gebeten, eine Rede zu halten:
»„Diese Reise hat mich sehr berührt“, sagte ich, „und daß ich das Ganze mit nur wenigen Blessuren überstanden habe, verdanke ich dieser einzigartigen Errungenschaft.“ Ich zog eine Eduscho-Unterhose mit dicken Po-Polstern aus der Tasche. Die Kalmücken lagen am Boden, und der Präsident sagte: „Wir werden sie ins Museum hängen.“«
Sie merken: ich könnte selbst richtig ins Erzählen kommen – aber das wäre Schwadronieren aus zweiter Hand und ich würde Sie damit genau um das Vergnügen bringen, das ich Ihnen nahelegen wollte: sich das Heft zu besorgen und selber drin zu schmökern (online ist dieses Reise-Special vorläufig nicht verfügbar; sollte sich das ändern, werde ich den Link nachtragen).
Stattdessen würde ich gern noch ein paar Worte über einen Aspekt verlieren, der mir zu denken gegeben hat. weiterlesen…