Einträge zum Thema Trends

7. September 2010

Enttäuschung gegen Vorkasse

so betitelt die ZEIT ihren Bericht über ein Budget-Hotel (Teil einer sehr bekannten und angesagten Kette) in Hamburg. Wüßte ich nicht, daß es sich um eine Rezension handelt, hätte ich es für eine Satire gehalten. Man hat dort wohl an einigem anderen gespart, um »viel Design für wenig Geld« zu bieten – und dann hat das Geld noch nicht mal für wirklich viel Design gelangt: einige wenige Reminiszenzen an Arne Jacobsen (das SAS Royal Hotel in Kopenhagen) und dazu eine halbwegs modern anmutende Bogenleuchte, das wars auch schon. Zum Service zwei Kostproben aus dem Originaltext:

»Als [der Kellner] zurück ist, moniert man das schmutzige Wasserglas, Spuren von Lippenstift. Wortlos stellt er ein anderes hin. Leider auch dreckig. Er greift ein drittes Glas, an dessen Rand er noch einmal mit dem schmuddeligen Bartuch entlangzieht. »Die Gläser sind erst eine Woche alt«, sagt er, »da kann eigentlich nichts dran sein.« Vielleicht gebraucht erstanden?«

Und dazu – als Auftakt und gleichzeitig Fazit des gesamten Aufenthalts:

»Die Dame beim Einchecken bedauert denn auch, dass sie den Gast nur im zweiten Stock unterbringen kann. Sie hätte auch sagen können: »Ihr Zimmer zeigt zum Hinterhof. Ziehen Sie besser die Vorhänge zu.« Aber das sagt sie nicht. Stattdessen bittet sie den Gast um seine Kreditkarte, hier wird sofort abgebucht. Sie sagt: »Check-in heißt bei uns gleichzeitig Check-out.« Sie hätte auch sagen können: »Nachdem Sie gezahlt haben, sind Sie uns ziemlich egal.« Aber auch das sagt sie nicht.«

Sowas kann natürlich immer und überall passieren und ist in jedem Fall ärgerlich. Wenn man freilich das Preis-Leistungs-Verhältnis zum wichtigsten Verkaufsargument und Alleinstellungsmerkmal stilisiert, ist es unverzeihlich. Mein eigenes Fazit: es gibt offensichtlich nicht nur Premium-Economy, sondern auch Holzklasse-Economy. Und auf den Unterschied sollte man überall achten, wo »Budget« als Gütesiegel draufsteht.

3. September 2010

Heiteres Beruferaten

Die WELT hat mal wieder den Finger am Puls der Zeit. Jetzt hat sie entdeckt, daß die Hotelbranche in rasender Kreativität dabei ist, neue Berufe und Berufsbilder zu kreieren. Das klang schon mal vielversprechend. Viel öfter wird ja das Gegenteil beklagt: zuwenig Innovationsfreude in der Hotellerie. Also fing ich zu lesen an.

Der Artikel begann – zur Einstimmung, vermutete ich – mit dem neuen Job des Hotelpoeten. Der geht im Restaurant von Tisch zu Tisch, trägt selbst verfaßte Gedichte vor oder findet Reime zu beliebigen Worten und Wortverbindungen, die ihm die Gäste zuwerfen. Wahnsinnig aufregend. Und ein internationaler Erfolg, wie die WELT versichert. Daß der Poet aus Stratford-upon-Avon kommt, soll seine Qualitäten wohl zusätzlich beglaubigen. Immerhin wurde dort schon William Shakespeare geboren. Ich fand’s trotzdem zum Gähnen. Und noch nicht mal sonderlich neu. Dunkel erinnert man sich, sowas auch schon in Fernseh-Shows gesehen zu haben, kurz bevor man vor der Glotze einschlief. Na ja, was soll’s, dachte ich. Das war jetzt erstmal zum Aufwärmen. Keiner will schon zu Anfang sein ganzes Pulver verschießen. Eine gute Story baut langsam die Spannung auf, bevor sie zum Höhepunkt kommt. Es kann nur besser werden.

Es wurde aber nicht besser. Nur peinlicher. Da traten etwa arbeitslose Opernsänger auf, die sich als Kellner verdingten. Und während sie die gedünstete Forelle servierten, hielten sie kurz inne, um zur nicht gelinden Überraschung der Gäste »La donna è mobile…« zu schmettern. Überraschung ist heutzutage wohl ein Wert an sich. Und selbst damit ist es bei vielen dieser »neuen Hotelberufe« nicht weit her. Darüber, daß Hotels mit mehrere Stockwerke hohen Aquarien für deren Reinigung Taucher beschäftigen müssen, wundert sich wohl nur ein WELT-Reporter. Und wenn an einem tropischen Palmenstrand die Badegäste Gefahr laufen, von herabfallenden Kokosnüssen oder abgestorbenen Zweigen getroffen zu werden, dürfte es jedem verantwortungsvollen Hoteldirektor ein Anliegen sein, solche Gefahrenquellen jeden Morgen beseitigen zu lassen. Das war, wie ich vermute, vor 30 Jahren nicht anders als heute. Vielleicht hießen sie damals noch nicht »Coconut Climber«. Und ein Beruf ohne eigenen Namen ist nun mal kein richtiger Beruf.

Statt einem Höhe- strebt der WELT-Artikel langsam aber sicher seinem absoluten Tiefpunkt zu. Der ist erreicht, als man uns den Gärtner des pfälzischen Hotels »Kloster Hornbach« vorstellt. Der kümmert sich nicht nur um Blumen, Bäume und den Gemüsegarten, sondern auch um die hauseigene Carrera-Rennbahn. Was für eine glänzende Berufsperspektive.

Das macht mir Mut, selbst mit einer bescheidenen Anregung zur wunderbaren Berufsvermehrung beizutragen. Ich schlage also vor – jetzt alle mal herhören, bitte: den ultimativen Hotel-Vortänzer. Nein, nicht was Sie meinen. Einen Tanzlehrer oder Ballett-Tänzer kann jeder engagieren. Wer sowas macht, ist einfach noch nicht richtig auf den Hund gekommen. Und erst dann wird es wirklich sensationell. Lassen Sie sich überraschen:

1. September 2010

Vorsicht, Werbung – 10 (Mehr Licht)

es werde licht

Ich bin das Licht, die Wahrheit und das Leben*. So hell kann es gar nicht sein, daß es noch heller nicht schöner wäre. Wer will noch Glühbirnen, wenn es Leuchtstoff-Energiesparlampen gibt. Das ist doch ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht, zwischen Sonne und Mond. Scheint diese Anzeige sagen zu wollen. Damit liefert sie den perfekten Kommentar zum gestrigen Beitrag – und gleichzeitig eine unfreiwillige Bestätigung von dessen These.

Obwohl – so unfreiwillig wohl auch wieder nicht. In Wirklichkeit ist das genau die Botschaft, die Leuchtenhersteller unter die Leute bringen wollen. Schließlich geht es ihnen um bessere Geschäfte, nicht schlechtere. Um höhere Nachfrage, nicht geringere. Und also um mehr Licht, nicht um weniger.

Man kann es den Herrschaften noch nicht mal verdenken. Das sind sie ihren Unternehmen und deren Aktionären einfach schuldig. Deshalb werden sie alles tun, die leuchtende Vision des Economist noch strahlendere Wirklichkeit werden zu lassen.
 

* Ja, ich weiß, in der Bibel steht es anders. Aber es gibt immer mehrere Wege, die frohe Botschaft zu verkünden. Fragen Sie eine Werbeagentur.

31. August 2010

Die zwei Gesichter des Social Web

Stephanie Marcus in Mashable:

»For all the praise that brand advertisers have for social media, they must be aware that it’s very much a double-edged sword. And for all the free marketing, advertising and brand promotion via Facebook, Twitter, Foursquare, and other platforms used to help build an identity and relationship with your customers, it can just as quickly turn on you and your brand.«

Das ist einer der Gründe, warum ich so beharrlich zur Vorsicht im Umgang mit Social Media rate. Was das Social Web für Sie tut, kann es auch gegen sie tun; so sehr es nutzt, so sehr vermag es zu schaden. Wenn ein potentieller Gast zwei Dutzend Hotelbewertungen bei einem Online-Portal liest – was meinen Sie, welche er in Erinnerung behält? Klar doch: die schlimmste. Und das ist keine böswillige Unterstellung meinerseits, sondern der Erfahrungswert von TUI, nachzulesen im aktuellen SPIEGEL (Link nur für Abonnenten).

Und wozu lädt das ein? auf welche Idee könnte da einer kommen, der Ihnen schaden möchte? Auch hier will ich niemandem Böses unterstellen. Aber es sind schließlich schon haarsträubende Dinge vorgekommen. Und das ist nur die naheliegendste der Gefahren, die vom Social Web drohen können.

Keine dieser Gefahren muß sich materialisieren. Aber man sollte sie kennen – und gegen sie gerüstet sein. Deshalb rate ich weiterhin zu konstruktiver Skepsis und viel Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand. Im Grunde ist es wie bei den abenteuerlichen und »todsicheren« Finanzmarkt-Konstrukten, die bis vor kurzem so in Mode waren: wenn Ihnen Ihr Bankberater das Blaue vom Himmel verspricht und Sie verstehen trotzdem nicht, wie genau das funktionieren soll – dann weiß er’s aller Wahrscheinlichkeit nach selbst nicht (und möglicherweise auch sonst keiner).

Die Folgen für die Finanzmärkte haben wir erlebt. Im Social Web sind die Auswirkungen nicht ganz so gravierend und treffen eher den Einzelnen. Das ist freilich ein schwacher Trost, wenn es sich bei dem Einzelnen ausgerechnet um Sie handelt.

30. August 2010

Das wohlkonfektionierte Kreuzfahrt-Vergnügen

Der Monat August verbindet sich in meiner Vorstellungswelt mit Hochsommer – aber Hochsommer spielt dieses Jahr wohl anderswo. Bei dem Novemberwetter draußen ist es jedenfalls kein Wunder, wenn wenigstens die Gedanken auf Wanderschaft gehen – aber was heißt Wanderschaft: eine Südsee-Kreuzfahrt – das wär’s doch eigentlich. Und passenderweise stoße ich auch gleich auf einen Artikel, der mir verrät, welche Fortschritte Kreuzfahrtschiffe in Sachen Unterbringung und Wohnkomfort mittlerweile gemacht haben. So eine Schiffskabine unterscheide sich kaum mehr von einem halbwegs anständigen Hotelzimmer, heißt es – und die investigativen Kollegen von HotelChatter belegen das gleich mit einem selbstgedrehten Video:

Es handelt sich um Zimmer 1214 an Bord der Carnival Glory, also eine durchschnittliche Kabine auf einem durchschnittlichen Schiff, wie der Beitrag versichert. Auf den Luxuslinern der allerneuesten Generation, heißt das wohl, dürfen wir uns auf noch komfortablere, noch »hotelähnlichere« Verhältnisse freuen. Toll, nicht wahr. Warum mangelt es mir dennoch an der pflichtschuldigen Begeisterung? Die Kabine sieht ja wirklich aus, wie Hotelzimmer überall auf der Welt eben aussehen. Aber hätte letzteres nicht schon gereicht, frage ich Sie. Genügt es nicht, wenn uns das Hotelzimmer nicht mehr verrät, ob wir grade in Wattenscheid oder in Washington übernachten? Müssen wir jetzt auch noch rätseln, ob wir bei einem Schritt aus dem Haus überhaupt festen Boden unter den Füßen haben – oder vielleicht auf hoher See zum Schnäppchenpreis über die Weltmeere dümpeln?

Muß wohl am Novemberwetter liegen, daß mir keine sonnigeren Kommentare dazu einfallen. (Aber ich zweifle auch ganz ernsthaft daran, ob »hotelähnlichere Kabinen« David Foster Wallace beispielsweise zu einem positiveren Fazit über das moderne Kreuzfahrt-Vergnügen bewogen hätten; vgl. auch hier.)

Sollten Sie aber diesen Beitrag zufällig an Bord eines Schiffes in der Südsee lesen, dann freuen Sie sich doch bitte des herrlichen Sonnenscheins – und lassen Sie sich nicht die Stimmung vermiesen vom Gedanken an das Winterwetter, das Sie zuhause erwartet… ;-)

20. August 2010

Hotel zur tierischen Liebe

Für die süßen Kleinen ist das Beste grade gut genug, und was uns lieb ist, darf auch teuer sein. Nein, ich rede nicht von den Kindern – denen hat, wie man weiß, ein wenig Zucht und Strenge noch nie geschadet. Tiere aber, Hunde oder Katzen, sind uns in all ihrer tierischen Unschuld und Hilflosigkeit gewissermaßen vom lieben Gott persönlich anvertraut. Da soll es ihnen an nichts fehlen, was menschenmöglich und tiergerecht ist. Oder was manche Leute für tiergerecht halten. Das ist schon lange so und wurde in den letzten Jahren immer schlimmer, pardon: besser. Nur an einem Fünf-Sterne-Hotel für unsere tierischen Lieblinge hat es bisher noch gefehlt, aber auch das gibt es jetzt. Das Chateau Poochie in Florida läßt in puncto Luxus nach oben hin nur wenig Spielraum. Vom Flatscreen-TV im Einzelzimmer über den Personal Trainer bis hin zu buddhistischen Massagebehandlungen ist alles geboten, was das Haustierherz begehrt. Und wenn Herrchen oder Frauchen zwischendurch mal Sehnsucht nach ihren vierbeinigen Lebensgefährten verspüren – auch kein Problem. Wozu gibt es Video-Telefonie.

Meine Katze freilich würde mir da was husten. Die findet schon ein normales Telefon die totale Verarsche. Was soll denn das, maunzt sie gelangweilt, ist in Wirklichkeit doch eh keiner da. Wahrscheinlich habe ich das Tier nicht richtig erzogen.

Aber zurück zum Chateau Poochie. Vielleicht bringt das folgende Video ja den einen oder anderen auf eine Idee, womit er Bello oder Minouche zum Geburtstag überraschen könnte. Vergessen Sie in dem Fall bitte nicht, sofern Sie hinterher noch Geld auf dem Konto haben, auch ein bißchen was für die Flutopfer in Pakistan lockerzumachen. Ein paar Euro reichen schon – mit Luxus können die ohnehin nicht wirklich was anfangen…

Eine zusätzliche Bildstrecke zum Chateau Poochie finden Sie hier; um mehr Einträge aus der Kategorie Beyond Imagination zu sehen, klicken Sie bitte auf diesen Link.

12. August 2010

Social Market Research

Sollten Sie das Wort noch nie gehört haben, wär’s kein Wunder. Wenn doch, ist mir jemand zuvorgekommen; ich hab’s nämlich grade erfunden. Gemeint ist damit: Marktforschung mit Hilfe von Social Media. Die deutsche Übersetzung klingt sogar noch besser: Soziale Marktforschung. Das sollte ich mir eigentlich schützen lassen, aber ich fürchte, dann riskiere ich ein Gerichtsverfahren wegen bewußter Irreführung des Markts und der Öffentlichkeit. ;-)

Irreführung liegt mir allerdings fern. Ich denke vielmehr: die interaktiven Angebote des Web 2.0 bieten in vieler Hinsicht konkurrenzlose Möglichkeiten, sich mit dem Markt rückzukoppeln, Resonanz von den Zielgruppen zu bekommen und aufgrund der Reaktionen Korrekturen vorzunehmen oder Verbesserungen einzuleiten. Das ist gewissermaßen »Echtzeit-Marketing«, und Tripadvisor, Facebook oder Twitter werden dafür ja bereits umfänglich genutzt, nicht zuletzt in der Hotellerie. Unternehmerische Strategien wie das Kaizen oder der Kontinuierliche Verbesserungsprozeß (KVP) können davon nur profitieren.

»In vieler Hinsicht«, habe ich gesagt, und das heißt: es gibt auch Grenzen. Neue Technologien, die grenzenlose Möglichkeiten suggerieren, wecken nur zu leicht grenzenlose Erwartungen, die sie nicht einlösen können. »Grenzwertig« finde ich beispielsweise schon die Aktion, mit der das W Hotel London, Leicester Square – geplanter Eröffnungstermin: Februar 2011 – gegenwärtig auf Facebook von sich reden macht. »Mr W« will dort von der Community wissen, wie das neue Hotel seine » Munchies Boxes« bestücken soll (andernorts sagt man Minibar dazu). Das klingt im ersten Moment nach einer sehr vernünftigen Idee. Demokratischer geht’s nicht: diejenigen, die sie später nutzen werden, sollen auch über den Inhalt der Minibar entscheiden. Sollte das Hotel freilich die Ergebnisse dieser Umfrage tatsächlich der Bestückung seiner Minibars zugrundelegen, wären ihm gleich mehrere Denkfehler unterlaufen.  weiterlesen…

11. August 2010

Duschen wie im Tropenregen

Wenn uns schon beim Duschen die besten Ideen kommen – warum sollten wir dann mit der erstbesten, womöglich ganz gewöhnlichen und stinknormalen Dusche vorlieb nehmen? Es geht doch auch anders: das Alila Cha Am Hotel in Thailand wirbt mit einer Dusche, unter der Sie sich vorkommen sollen wie in einem tropischen Regenguß. Falls Sie einen solchen schon mal erlebt haben. Wenn nicht, dürfen Sie’s trotzdem genießen – und wer dabei nicht auf ausschweifende Gedanken kommt, dem ist wohl auch sonst nicht zu helfen.

md3992D
Bilder: concierge.com, Dornbracht

Nur der Vollständigkeit halber: die »Tropendusche« heißt mit bürgerlichem Namen RainSky und stammt von dem deutschen Hersteller Dornbracht, über den ich Design-Liebhabern und Bad-Ästheten vermutlich nichts zu erzählen brauche.

9. August 2010

Originale, Kopien, Abkömmlinge

Der berühmte, buchstäblich »aus einem Guß« gefertigte Kunststoff-Stuhl, den Verner Panton 1959/60 kreierte, hört nicht auf, Designer und Architekten zu inspirieren. Die neueste Variation auf das Thema stammt von Karin Rashid, der auch gleich den passenden Tisch dazu entwarf:


Bilder: TheCoolist

Interessant finde ich, wie Rashid das Thema aufgreift und dabei dennoch ein völlig anderes, geradezu entgegengesetztes Konzept verwirklicht: lauter gerade Linien und Flächen, wo der Panton-Chair ausschließlich aus Kurven und gewölbten Oberflächen besteht. Hier zum Vergleich noch einmal das »Original«:


Bild: vitra/Ian Bitter

Es gibt also nicht nur Originale und Kopien, sondern auch Originale, die eine »Familie« begründen und deren Geschichte einen ganzen Stammbaum von Abkömmlingen umfaßt. Vielleicht besteht darin das wichtigste Wesens­merk­mal von Klassikern – mal abgesehen davon, daß Pantons Stuhl schon zur Zeit seiner Entstehung auch formal revolutionär war und eine technologische Innovation darstellte, die gänzlich neue Fertigungstechniken erforderte.

Karin Rashids »Vondom Chair« ist jedenfalls, im Abstand von 50 Jahren, ein absolut eigenständiger Entwurf, der sichtbar einer anderen Zeit angehört und nach einem anderen Ambiente verlangt als Pantons Klassiker. Was halten Sie davon?

6. August 2010

Train Spotting im Hotel

train-room-akihabara-washington-hotel-3-620x264_exp

Für alle, die schon alles ausprobiert haben, hier ein Vorschlag, auf den sie selber womöglich nie gekommen wären: die Spielzeug-, pardon: Modell-Eisenbahn im Hotelzimmer. Zwar ist die Anreise etwas lang – es sei denn, Sie hätten ohnehin in Japan zu tun –, dafür haben Sie ausreichend Zeit für die Planung: die neue Attraktion des Akihabara Washington Hotels in Tokio ist auf Monate ausgebucht. Angeblich sind viele Japaner richtige Eisenbahn-Narren. Daß das Bett deutlich kleiner ausfällt als die Eisenbahn-Anlage, dürfte bei alledem keinen ernstlich stören. Wer wird in so einem Zimmer schon ans Schlafen denken…

Was der Spaß kostet? 265 Dollar die Nacht.

Und da dachte ich immer, das Kind im Mann sei ein Produkt der westlichen Zivilisation, und andernorts würden die Männer erwachsen. So kann man sich täuschen.

Und weil’s so schön ist, hier der Zugverkehr in Aktion:

[Kudos: CrunchGear]

5. August 2010

W-LAN Everywhere, Fortsetzung

Rollende W-LAN Hotspots für New York: 1000 der berühmten Yellow Cabs stellen von diesem Herbst an einen freien Internet-Zugang zur Verfügung. Die Fahrgäste werden’s zu schätzen wissen; Taxifahrten in der Großstadt können bekanntlich dauern. Das gilt nicht nur für New York. In Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam ziehen, wie Sie sich erinnern werden, auch Hotels Konsequenzen daraus und bieten ihren Gästen freies W-LAN beim Shuttle-Service vom und zum Flughafen. Und vielleicht lassen sich auch die Österreicher vom New Yorker Beispiel inspirieren: Taxis mit W-LAN auszustatten dürfte erheblich einfacher sein als Tausende Berggipfel damit zu versorgen.

Übrigens: Passanten im Umkreis von ca. 120 Metern ums Taxi kommen ebenfalls in den Genuß des freien Internets. Bei der Taxidichte in New York könnte allein auf diesem Weg schnell eine flächendeckende Versorgung herauskommen.

Hierzulande hingegen hat Robert Schweizer, seines Zeichens Rechtsvorstand des Burda-Verlags, soeben erneut gefordert, Suchmaschinenbetreiber hätten dafür, daß sie den Verlagen Leser zuführen, gefälligst Geld zu zahlen. Und der Spiegel faselt in seiner aktuellen Ausgabe in Altherren-Manier hoffnungsvoll was von einer »Null-Blog-Generation«. Alles mit dem kaum verhüllten Hintergedanken: wenn wir nur den Kopf tüchtig in den Sand stecken und die Schotten dicht machen, wird sich schon nicht allzuviel ändern. Den Fortschritt freilich schert das wenig – er geht einfach über Deutschland hinweg.

Es sind schon Welten, die hier aufeinanderprallen, oder zumindest: diametral entgegengesetzte Haltungen und Denkweisen.

4. August 2010

Originale und Kopien

Klar ist: nur das Original zählt; nur Originale versprechen Erfolg. Warum sind die meisten Hotels dann dennoch Kopien?

Im Zeitalter industrieller Massenfertigung wird es immer einfacher und kostengünstiger, Kopien herzustellen. Die Kopien werden auch immer besser. Bisweilen sind sie vom Original kaum zu unterscheiden und führen selbst Experten in die Irre. Einige Hersteller geben der Kopie dann sogar einen anderen Namen und verkaufen sie als Marke im eigenen Recht – als »zweites Original« gewissermaßen. Beispiele dafür muß ich keine nennen – das Klonen von Markenprodukten ist in manchen Ländern längst ein Wirtschaftsfaktor von einigem Gewicht.

Doch bei aller Perfektion in der Nachahmung bleibt ein wichtiger Unterschied zwischen Original und Kopie: die Originale kosten mehr. Kopien sind oft für einen Bruchteil des Originalpreises zu haben. Selbst wenn es sich um Fälschungen handelt, die sich als Originale ausgeben, sind sie in der Regel billiger. Von seiten der Anbieter ist das ein Gebot der Klugheit: wenn Kunden meinen, ein unschlagbares Schnäppchen zu machen, sind sie leichtfertiger beim Geldausgeben. Zum normalen Preis würden die Leute genauer hingucken – und für eine Fälschung würde keiner den Original-Preis bezahlen.

Wirklich logisch ist das nicht. Wenn eine Kopie genauso aussieht, sich genauso anfühlt und genauso funktioniert wie das Original – worin liegt dann noch der Unterschied zu diesem? Und dennoch bleibt es dabei: zwischen dem Original und der Kopie liegen Welten. Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel: angenommen, Geld spiele keine Rolle – wofür würden Sie sich entscheiden: das Original oder die Kopie? Na, also. Und angenommen, Geld spiele eine Rolle und sie hätten sich eben deshalb für die Kopie entschieden: wie viel wären Sie bereit, dafür auszugeben? 90 Prozent des Originalpreises? 50 Prozent? Ein Viertel? Da sehen Sie’s. So wie Sie würden auch fast alle anderen antworten. Aus diesem Grund ist der Vertrieb billiger Kopien ein blühender Industriezweig.

Und aus demselben Grund bleibt die Entwicklung und Produktion von Originalen das bessere Geschäftsmodell. Zum einen erzielen sie höhere Preise und damit auch bessere Margen. Zweitens sind sie meist auch langlebiger und entwicklungsfähiger als die Kopien. Klone sind Eintagsfliegen.

Natürlich weiß das heutzutage jedes Kind. Nur in der Hotelbranche hat es sich noch nicht ganz rumgesprochen.  weiterlesen…

31. Juli 2010

Virale Effekte? Infekte? Infarkte?

Begeisterung ist schön und ansteckend. So sehen das jedenfalls diejenigen, die sich selber haben anstecken lassen. Wenn sie stattdessen auf vorsichtige Skepsis stoßen, sind sie darüber eher weniger begeistert – und versuchen erst recht und mit immer neuen Argumenten ihr Gegenüber zu überzeugen. Das Gegenüber bin in diesen Tagen häufig ich, wenn ich mich der pflichtschuldigen Begeisterung für das Social Web verweigere. Einem Social Web wohlgemerkt, an dem ich selbst aktiv teilnehme und als Compuserve-User schon teilgenommen habe, als es das World Wide Web noch gar nicht gab – auch nicht in der Version 1.0. Aber das nur nebenbei.

Guerilla-Marketing, Schwarm-Intelligenz und virale Effekte – das sind so die Begriffe, die mir dann um die Ohren fliegen. Wenn mich auch das nicht überzeugt – und ehrlich gesagt: es überzeugt mich nicht –, muß ich mir zur Strafe ein paar Videos auf YouTube ansehen, die es im Laufe einer Woche auf mehrere hunderttausend Aufrufe gebracht haben, und binnen eines Jahres auf Millionen. Das ist doch der Beweis, oder etwa nicht? Dagegen läßt sich wenig sagen. Es ist schon toll, auf was für eine Fan-Gemeinde es niedliche Kätzchen oder auch Darmwind-Rhapsodisten bringen können.

Na also, hält man mir dann vor. So einfach ist das. Ein bißchen Gespür für den Zeitgeist, eine zündende Idee und ein gut gemachter Film. Danach braucht es nur noch ein Quentchen Glück, und zack! – schon ist es passiert: the clip goes viral, wie es im Web-Jargon so schön heißt. So funktioniert Werbung heute, so begeistert man ein Millionenpublikum. Mit Hilfe der Multiplikator-Effekte des Social Web, und das bei denkbar geringem Aufwand.

Das kleine Quentchen Glück nicht zu vergessen, füge ich hinzu, und weiß nur allzu genau, daß es diese klitzekleine Unwägbarkeit ist, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringt. Dazu müssen Sie das Glück nur quantifizieren:  weiterlesen…

30. Juli 2010

Serendipity. Voll im Trend.

Vor etwa zehn Jahren prokrastinierte, wer ein bißchen angeben und sich wichtig machen wollte. Schließlich wußte kaum einer, was das Wort bedeutete. Heute ist Prokrastination eine Allerweltsvokabel. Wir brauchen dringend was Neues, um Eindruck zu schinden. Am besten mit snobistisch englischem statt mit gelehrt lateinischem Stammbaum. Und wir müssen noch nicht mal lange suchen; das Modewort des nächsten Jahrzehnts ist soeben aus dem Ei geschlüpft und hat es auf Anhieb zu Titel-Ehren gebracht. Ab sofort wird serendipitiert.

Ernsthaft. Im neuen Merkur, den ich druckfrisch in Hände halte, schreibt David Wagner einen ganzen Essay mit der Überschrift »Ich serendipitiere«. Einfach so – ich serendipitiere, als sei das ebenso geläufig wie Meditieren, Bramarbasieren oder Prokrastinieren. So stellt man gezielt sein Licht unter den Scheffel. Und in ein paar Monaten wird Wagner dann beiläufig erzählen, er habe völlig unbeabsichtigt einen Trend ins Leben gerufen. Ohne auch nur zu erwähnen, daß sich dieser Blog schon seit mehr als einem Jahr das Serendipitieren auf die Fahne geschrieben hat. Damals haben mich sogar Engländer, native speakers also, gefragt, was »serendipity« eigentlich bedeute. Die Vorreiterin bin ich. Mir fehlt nur Wagners Cleverness.

Der bringt es nämlich fertig, nach der verheißungsvollen Überschrift zwar, beispielsweise, zu schildern, wie er mit 22 Jahren dazu kam, Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zu lesen – dafür aber die Worte serendipitieren, Serendipität oder serendipitös in seinem ganzen Essay kein einziges weiteres Mal zu erwähnen. Merkur–Leser wissen, was es mit der Serendipität auf sich hat. Wenn nicht, sind sie zu blöd oder sonst nicht ganz auf der Höhe. Das will natürlich keiner auf sich sitzen lassen. Und reicht den Schwarzen Peter weiter: schon im nächsten Gespräch wird er beiläufig einfließen lassen, wie ihm serentipitierenderweise mal wieder ein ganz besonderer Coup geglückt ist. Schön, nicht wahr? So werden Moden lanciert.

Aber bei Ihnen sind solche Hochstapler zum Glück an den Falschen geraten. Sie wissen viel besser als diese Angeber, was »Serendipity« bedeutet, wo das Wort herkommt und wie es Eingang in die englische (und jetzt auch die deutsche) Sprache gefunden hat. Und wenn nicht, können Sie es jederzeit nachlesen. Womit wir uns wieder ernsthafteren Dingen zuwenden könnten.

 

P.S:
Schade, daß ich kein Gästebuch führe. Dann könnte ich gucken, ob und wann David Wagner sich drin verewigt hat… :-) :-) :-)

30. Juli 2010

Luxushotels im Aufwind?

Vor einigen Wochen habe ich über den Deutschen Hotelimmobilien-Kongress berichtet und die positive Stimmung hervorgehoben, die dort herrschte. Fast alle waren sich einig: die Talsohle ist durchschritten, die schlechten Zeiten liegen hinter uns, mit dem Hotelmarkt geht es wieder aufwärts. Die Expansionspläne, von denen einige der großen Ketten berichteten, gaben der optimistischen Grundstimmung zusätzliche Nahrung.

Jetzt scheint ein Artikel in der New York Times diese Einschätzung zu bestätigen und durch harte Fakten zu untermauern. Die Belegungszahlen der Hotels wachsen noch stärker, als selbst die zuversichtlichsten Experten erwartet hatten – und die aktuellen Prognosen sehen kein Ende des Aufschwungs. Das sind erfreuliche Nachrichten – für amerikanische Hotels und Hotelmanager. Mir ist natürlich klar, daß diese Zahlen für Deutschland gar nichts besagen – und zur Situation hierzulande fehlen mir aktuelle emprische Daten. Aufgefallen jedoch ist mir eine Besonderheit an der Entwicklung in den USA, und ich frage mich, ob es sich dabei um ein spezifisch amerikanisches Phänomen handelt oder um einen allgemeineren, nicht auf Amerika beschränkten Trend.

Wenn Sie den Artikel in der New York Times genauer lesen, werden Sie nämlich bemerken: das Wachstum fällt im Luxus-Segment, bei den absoluten Top-Hotels, erheblich stärker aus als bei den Mittelklasse-Häusern, die zwar auch Zuwächse verzeichnen, im direkten Vergleich aber deutlich hinterherhinken. Das steht klar im Widerspruch zur Meinung, die auf dem Hotelimmobilien-Kongress mehrheitlich zu hören war.  weiterlesen…

30. Juli 2010

3 Goldene Regeln für den Erfolg im Social Web

Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich immer wieder und zum Teil intensiv mit den Möglichkeiten, die das sogenannte Web 2.0 oder »Mitmach-Web« eröffnet und habe gerade in den letzten Monaten mit vielen Menschen aus der Hotelbranche darüber gesprochen. Man kann sich bei diesem Thema nächtelang die Köpfe heißreden. Am Ende aber laufen für mich solche Diskussionen fast immer auf drei einfache Regeln hinaus, die bei den meisten meiner Gesprächspartner eher für Ernüchterung sorgen:

Regel 1
Sorge offline für zufriedene Gäste

Regel 2
Nutze das Social Web, um dich über deine Arbeit oder deine Ideen auszutauschen, mit deinen Gästen in Dialog zu treten und mit ihnen in Kontakt zu bleiben

Regel 3
Wenn du Regel 1 nicht einlöst, wird dir Regel 2 mehr schaden als nützen

Zusammengefaßt: das Social Web bietet dir Möglichkeiten, aber es sorgt gleichzeitig dafür, daß deine konkrete, praktische Arbeit ungleich höhere Werbewirkung entfaltet als noch so hoher Werbeaufwand. Das Web 2.0 belohnt Leistung, nicht flotte Sprüche. Der Grund dafür liegt darin, daß mit dem Social Web die Meinungsmacht unwiderruflich von den Werbern auf die Beworbenen, also die Konsumenten und Nutzer übergeht.  weiterlesen…

23. Juli 2010

Writers’ Corner (Kulturelles Erbe)

Das sogenannte kulturelle Erbe ist ein Schatz – bisweilen aber auch eine Bürde. Die wog im Fall des Kaisersaals – stellvertretend für das Hotel Esplanade – immerhin 1 800 Tonnen. Nicht immer ist das Erbe so gewichtig. Das Sofa Hildegard Knefs aus dem Hotel Schweizerhof etwa wurde, wie Sie sich erinnern, gewogen und für zu leicht befunden. Aber es ist für Leute, die sich gern mit Kultur schmücken, ohne mit ihr was am Hut zu haben, nicht immer leicht, in dieser Hinsicht die richtigen Maßstäbe zu finden. Davon weiß auch der Verleger und Schriftsteller Klaus Wagenbach ein Lied zu singen – und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

»Als nach der Wiedervereinigung am prominenten Ort in Berlin ein Zentrum bürgerlicher Selbstversicherung, das Hotel Adlon, wieder aufgebaut worden war, erhielt eine Buchhandlung den Auftrag, die Bibliothek einzurichten: keine Taschenbücher, am besten Halbleder oder mindestens Ganzleinen, überwiegend grün, aber auch braun oder dunkelrot et cetera. Die Buchhändlerin hat sich dazu nicht geäußert, aber strafweise erhielt das Adlon mehrere Ausgaben von Gustav Freytags Soll & Haben. Geschieht ihm recht. Noch 2009, in einem funkelnagelneuen Hotel in Rostock, passierte mir ähnliches: In der Eingangshalle stößt man auf eine Wand mit Büchern, die offensichtlich ein Analphabet ausgesucht hat. Hauptsächlicher Zweck auch hier: Wir möchten Ihnen einen Eindruck von unserer Bildung vermitteln, die zugleich gediegen wie abgehangen ist.«

Klaus Wagenbach
 

Als »Kulturverlederung« bezeichnet Wagenbach treffend dieses Phänomen. Sie erinnern sich vielleicht an den Beitrag »1100.006 wie Liebe«, worin ich die Verwechslung von Kultur und kultureller Attitüde mindestens ebenso heftig aufs Korn genommen habe. Wagenbachs Berliner Beobachtungen sind auch ein Kommentar zum Library Hotel in New York. Es ist wohl Vorsicht angezeigt, wenn man allzu euphorisch transatlantische Gemeinsamkeiten beschwört…
;-) ;-) ;-)

21. Juli 2010

Design, eine Ehrenrettung, 5. Teil

»Objects of Desire« lautet der Titel der fünften und letzten Folge der BBC-Serie zum modernen Design. Schon der Titel suggeriert: wir nähern uns der Gegenwart. Der Zeit, in der einerseits Designgegenstände zum Objekt der Begierde werden. Andererseits Designer im Hinblick auf Fragen der Ökologie, der Computertechnologie und der weltweiten Vernetzung vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Also auch der Zeit, in der die Zahl der offenen Fragen die der Antworten weit überwiegt. Aber das war vermutlich noch nie anders. Deshalb will ich im Vorfeld auch nicht allzuviele Worte machen: freuen Sie sich auf eine Begegnung mit Philippe Starck, Marc Newson, Jonathan Ive, Stephen Fry und anderen.

[Die vorangegangenen Folgen der Serie finden Sie hier, hier, hier und hier.]

21. Juli 2010

Ist das Freundschaft?

Frage dich nicht, was Social Networks dir zu bieten haben – frage dich lieber, wofür du Social Networks nutzen möchtest.

Imagewerbung (oder Kundenakquise) im Social Web sei aufwendiger als klassische Imagewerbung – und bringe erheblich weniger, habe ich neulich geschrieben. Einige Leser haben sich daran gestoßen. Es steht ja auch im Widerspruch zu dem, was momentan alle Spatzen von sämtlichen Dächern pfeifen. Aber Spatzen haben nun mal Spatzenhirne.

Seth Godin, einer der klügsten amerikanischen Marketing-Vordenker und Autor mehrer internationaler Bestseller, hat dazu kürzlich eine aufschlußreiche Rechnung aufgemacht. Das Kriterium, das er dabei an die Werbung anlegt, ist nicht der Bekanntheitsgrad, sondern die Umwandlungsrate. Und darin liegt der entscheidende Unterschied.

Ein Pfarrer – so Godin – kann hoffen, mit einer aufrüttelnden Predigt 70 Prozent der sonntäglichen Kirchgänger dazu zu bewegen, sich mit einem eigenen Beitrag an der Kollekte zu beteiligen. Eine angesagte Pop-Gruppe kriegt möglicherweise 20 Prozent des Publikums dazu, ein T-Shirt, ein Souvenir oder eine CD zu erstehen. Bei einem begabten Straßenmusikanten sind es vielleicht 10 Prozent seiner Zuhörer, die bereit sind, einen Dollar in seinen Hut zu schmeißen.

Für eine Direct-Marketing-Aktion ist es hingegen – erstklassiges Adress-Material vorausgesetzt – mittlerweile gar nicht mehr leicht, eine Umwandlungsrate von zwei Prozent zu erzielen, die lange als erstrebenswertes Ziel galt. Auf ähnliche Werte, also ca. zwei Prozent, kommt heute ein beliebter Blogger, wenn er seinen Lesern ein Buch empfiehlt, das er geschrieben hat.

Ein Twitter-User mit Tausenden von Fans dagegen darf sich glücklich schätzen, wenn auf seine Empfehlung hin einer von tausend auf seine Empfehlung einen Link anklickt, um etwas zu kaufen. Eine Umwandlungsrate von 0,1 Prozent, im Zweifel eher weniger.

Ich weiß nicht, wo Godin seine Daten herhat oder wie belastbar die Zahlen sind. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: er hat seine Liste nach absteigendem commitment geordnet. Für dieses englische Wort gibt es keine wirklich passende deutsche Entsprechung. Ich würde es am ehesten wiedergeben als eine Mischung von Verbindlichkeit und innerer Beteiligung des Angesprochenen. Hierin liegt die Pointe von Godins Argument – und gleichzeitig der Fehlschluß, dem so viele aufsitzen, die in Social Networks eine Marketing-Wunderwaffe sehen. Oder – weniger wohlwollend ausgedrückt – der Trick derer, die Ihnen Social Networks als eine solche verkaufen möchten.  weiterlesen…

17. Juli 2010

Schmutzige Geheimnisse

Auch in der Hotellerie sind mittlerweile die Social Networks in aller Munde. Wer nur davon spricht, kriegt leuchtende Augen. Kein Zweifel: das ist ein Markt, in dem einiges zu holen ist. Ob davon auch die Hotels profitieren, ist allerdings sehr die Frage.

Es ist schon ein Kreuz mit dem Tempo, das die Ereignisse einem vorgeben. Innerlich bin ich noch gar nicht über die Neuheiten der letzten Woche hinausgekommen. Da hat Matthias Horx, seines Zeichens selbsternannter Papst der deutschen Trendforschung, das Internet für tot erklärt, jedenfalls in seiner jüngsten Form, dem Mitmach-Web (oft auch unter den Stichworten Social Web oder Web 2.0 gehandelt). Allenfalls als Unterschichtenmedium habe es (noch) eine Chance. Sowas muß man erst mal verdauen.

Aber Horx ist sich seiner Sache sicher. Wer was auf sich hält, kehrt dem Internet den Rücken: »Es gibt einen Offline-Trend. Menschen gehen bewusst weg vom Internet und verweigern es.« Was übrig bleibt, ist der gesellschaftliche Bodensatz: »Nur soziale Verlierer verbleiben im Sozialen Netzwerk – diejenigen, die nichts Wichtigeres zu tun haben, als sich ständig gegenseitig die Unterhosen zu zeigen.« Horx meint Menschen, die mittels Blogs, Microblogs (Twitter) und anderen Medien versuchen, neue Wege der Kommunikation, des Austauschs und des Dialogs zu erproben. Mich zum Beispiel. Ich würde ihm allerdings nahelegen, sich nicht meinen Kopf zu zerbrechen und lieber seine eigene schmutzige Unterwäsche auf Halbmast zu flaggen. Meine wird er nicht zu sehen kriegen.

Immerhin ist der deutsche Trend-Guru in illustrer Gesellschaft. Ebenfalls in der letzten Woche hat auch der Popstar Prince seinen Abgesang auf das Internet angestimmt:

»The internet’s completely over. I don’t see why I should give my new music to iTunes or anyone else. They won’t pay me an advance for it and then they get angry when they can’t get it.

The internet’s like MTV. At one time MTV was hip and suddenly it became outdated. Anyway, all these computers and digital gadgets are no good.

They just fill your head with numbers and that can’t be good for you.«

Vielleicht wäre es kleinlich, Prince darauf hinzuweisen, daß seine neuen Songs durchaus bei iTunes erhältlich sind. Ich möchte lieber an ein anderes schmutziges Geheimnis erinnern: der einstige Superstar war einer der ersten, die den großen Plattenfirmen den Rücken kehrten, um ihre Musik direkt übers Internet zu vermarkten. Heute sind es andere, die Geld damit machen. Die – aus Sicht von Prince durchaus überzeugende – Schlußfolgerung daraus: the Internet »can’t be good for you«.

Bei Matthias Horx verhält es sich ähnlich. Er mag sich immer noch für die oberste Instanz in Sachen Trends halten, aber was das Internet betrifft, geben längst andere den Ton an. Das bedroht nicht nur Horx’ Ruf, sondern auch die wirtschaftliche Grundlage seines »Zukunftsinstituts«.

Gleichzeitig gestehe ich gern, daß ich Meldungen dieser Art mit einer diebischen Freude lese. Ich kann den ganzen Medien- und Marketing-Rummel um das »Social Web« nämlich auch nicht mehr hören. Die Leute überschlagen sich, als hätten sie den Stein der Weisen entdeckt. Da kann ein bißchen Ernüchterung nur gut tun, und dafür habe ich auch schon vor ein paar Wochen plädiert. Dieselbe Skepsis verdienen freilich Horx, Prince und Konsorten. Das Internet verschwindet nicht, bloß weil sie es für überholt erklären. Totgesagte leben länger. Und die Macht des Social Web zu unterschätzen wäre gefährlich für jeden, der sich am Markt behaupten muß – ganz besonders aber für Dienstleister und damit auch Hotels.  weiterlesen…

22. Juni 2010

Na endlich!

Kaum ist der Sommer einen Tag alt, läßt sich sogar die Sonne an einem Himmel blicken, der in ungewohntem Blau erstrahlt. Da will ich mich nicht lumpen lassen und ohne Scheu – und ohne Angst, das Schicksal in Versuchung zu führen – die Sommerbilder zeigen, von denen wir in den zurückliegenden Wochen so sehnsüchtig wie vergeblich geträumt haben. Viel Vergnügen!

SERFOMAY 2010 from zweizwei on Vimeo.

20. Juni 2010

»Schickes Design, nicht zu Ende gedacht«

Fehlt es an Mut? Nimmt die Angst überhand? Oder warum sonst gibt es in der Hotel- und Touristikbranche soviel »Innovation« – und so wenig Bewegung? Und was hat das alles mit dem Reptiliengehirn zu tun?

In den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts brauchte Mut, wer sich in Jeans in die Oper oder in ein schickes Restaurant wagte. Oder gar: Jeans im Büro, in der Vorstandsetage? Das emblematische Kleidungsstück der Rocker und der Halbstarken?! Undenkbar. Dann avancierte die blaue Röhrenhose zum Erkennungszeichen der Nonkonformisten. Noch ein paar Jahre, und jeder trug sie, immer und überall. Alle waren Nonkonformisten, und keiner wollte aus der Reihe tanzen. Ein weiteres Beispiel: das schwarze Outfit, mit dem sich die Pariser »Existenzialisten« nach dem zweiten Weltkrieg demonstrativ vom Rest der Gesellschaft distanzierten. Heute genügt ein Blick, um auf einer Messe oder Vernissage die Architekten, Designer, Künstler zu erkennen. Die kreative Klasse trägt Schwarz. Ausnahmen? – würden die Regel bestätigen, aber man findet sie kaum. Der demonstrative Protest ist zur Attitüde erstarrt. Ein neuer Konformismus hat sich breitgemacht, der seinen Trägern das angenehme Gefühl vermittelt, zu den Nonkonformisten zu gehören. Zu den Unangepaßten, den Querdenkern, der Avantgarde. Zur Elite eben.

Ungefähr so verhält es sich heute mit dem »Design«. Jeder schmückt sich gern damit, jeder findet es irgendwie schick, jeder meint, mit dem Design über ein todsicheres Differenzierungs- und Alleinstellungsmerkmal zu verfügen. Die Absurdität einer »massenhaften Alleinstellung« fällt schon gar keinem mehr auf. Erst recht nicht, wie sehr sich dabei der Designbegriff unter der Hand entleert, in sein Gegenteil verkehrt, pervertiert hat. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn es den Benutzer vor Rätsel stellt oder überhaupt keine erkennbare Existenzberechtigung hat, dann ist es: Design. Und damit ein Wert an sich, mit profenen Maßstäben nicht zu messen. Wer fragt, wozu das gut sein soll, entlarvt sich als Banause. Kandinsky oder Picasso oder Mondrian haben schließlich auch keine Sonnenuntergänge und röhrenden Hirschen gemalt.

Lassen wir die Selbstüberschätzung beiseite, die sich darin äußert. Wenn Design Kunst ist, dann allenfalls Kunst, die sich nützlich macht – und genau an der Nützlichkeit läßt sie es fehlen. Irgendwann bemerken sogar die Autoritätshörigsten unter ihren Bewunderern, daß es dem Kaiser an Kleidern gebricht. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß der Begriff Design mittlerweile ins Negative zu kippen droht und auf dem besten Wege ist, zum Schimpfwort zu werden. In der aktuellen Ausgabe von »Hospitality Inside« (Abonnement erforderlich) finde ich diese These bestätigt. Ein Artikel darin beschäftigt sich mit dem ersten Hotel einer neuen Kette, das kürzlich in der Türkei eröffnet wurde. Zu den »Markenzeichen« der neuen Kette zählt auch das Design. Und das sind die Details, an denen laut »Hospitality Inside« die anwesenden Journalisten den »Designanspruch« erkennen:

»Im Bad lassen sich die aalglatten, runden Wasserhähne mit nassen Händen nicht mehr zudrehen, Schmink- bzw. Vergrösserungsspiegel fehlen, ein Papierkorb steht nur im WC, im Schrank hängen die unsäglichen, nicht ganz herausnehmbaren Kleiderbügel, etliche Haken und viel Ablagefläche fehlen.«

»Ein schickes Design, aber nicht zu Ende gedacht«, lautet danach das Fazit. Nicht zu Ende gedacht – immerhin. Das impliziert zumindest, es habe sich dabei überhaupt jemand was gedacht. Das darf bezweifelt werden. Denn in derselben Ausgabe von »Hospitality Inside« kommt dasselbe Hotel ein zweites Mal vor – diesmal als Vergleichsobjekt für ein Haus einer anderen Kette mit ähnlichem Anspruch.  weiterlesen…

16. Juni 2010

»Heute maltärtieren uns Design-Hotels«
Eine Abrechnung

Jetzt zieht sogar Gottfried Knapp gegen den Design-Wahn vom Leder. Die Liste derer, die diese Aversion teilen, wird immer länger. Auch ich habe diesbezüglich kein Blatt vor den Mund genommen; als »Methadon für Image-Junkies« habe ich das zum Fetisch erhobene Design bezeichnet; den Design-Boom als Blase, der mit ungedeckten Schecks und wertlosen Derivaten handelt. Matteo Kries, der Chef-Kurator des Vitra Design Museums, sieht sogar totalitäre Züge in den Glücks- und Heils-Versprechen der Design-Industrie. Und nun also Gottfried Knapp, der Altmeister der Architektur- und Design-Kritik.

Seine bitterböse Polemik in der Wochenend-Beilage der Süddeutschen Zeitung hat freilich eine eigene, für unsere Branche pikante Pointe. Knapp redet nicht übers Design allgemein, sondern greift sich für seine Kritik beispielhaft einen Bereich heraus – ein Feld, worin das zum ästhetischen Selbstzweck verkommene und nur noch auf Effekt schielende Design besonders verheerende Wirkungen entfaltet. Knapp nimmt also die Hotellerie aufs Korn: »Früher gab es Bett und Bad, es gab glamouröse Grandhotels oder nette Pensionen. Inzwischen malträtieren uns Design-Hotels«, so sein Befund, den er kurz und bündig als »eine Abrechnung« untertitelt.

Und die läßt kaum etwas aus, was den Designern peinlich sein müßte, wenn sie denn noch ein Schamgefühl hätten; da aber Design keine Grenzen kennt, sind auch die Schamgrenzen längst gefallen. Knapp belegt das mit mehreren Beispielen, von denen ich hier nur eines anführe:

»Selbst für ordinäre Pissoirs haben sich engagierte Gestalter etwas wahrhaft Abgründiges einfallen lassen: In einem Design-Hotel in Berlin sind die Urinale im Männerklo wie weit geöffnete Frauenschmollmünder mit kräftig rot geschminkten Lippen geformt. Wer hier sein Wasser abschlägt und mit ansieht, wie hinter den beiden oben liegenden Hasenzähnen das Spülwasser hervorschießt, kann sich der abstrusen Vorstellung hingeben, dass seinem weiblichen Gegenüber vor Wonne das Wasser im Mund zusammenläuft.

Einige Herren der Schöpfung mögen solche anatomischen Überdeutlichkeiten für witzig halten.«

weiterlesen…

15. Juni 2010

Let’s Colour Project

Man soll aufhören, wenn’s am besten schmeckt, hat meine Großmutter immer gesagt. Gehalten habe ich mich nicht daran, jedenfalls nicht immer. Aber heute ist ohnehin die gegenteilige Devise angesagt. Es gibt nichts Gutes, womit wir nicht überfüttert werden. Kaum hat einer eine Idee, die irgendwie ankommt, muß eine Welle draus werden. Eine Bewegung. Eine Heilsbotschaft. Jeder Bürostuhl ein Fitness-Center. Jeder Supermarkt ein Öko-Paradies. Jedes Stundenhotel ein Design-Tempel. Sogar die Hpye-Verweigerung wird im Handstreich zum Hype geadelt – siehe die No-Logo-Bewegung.

Jetzt also die Farbe. Über das Projekt, Favelas in Rio de Janeiro durch Farbe aufzuwerten, habe ich berichtet. Das fand ich ja noch lobenswert. Die »Let’s Colour« Initiative aber geht gleich noch ein paar Schritte weiter. Sie hat jedem unschuldigen Stück Grau auf der Welt den Kampf angesagt. Wie es auf ihrer Website heißt:

»Grey is out. Gloom is gone. It’s time to live our lives in colour.

The Let’s Colour Project is a worldwide initiative to transform grey spaces with vibrant colour. A mission to spread colour all over the world.

We are working together with local communities across the globe, rolling up our sleeves to paint streets, houses, schools and squares.«

Sowas kommt heraus, wenn ein paar Idealisten einen verückten Einfall haben – und ein Farbenhersteller das Markt- und Marketing-Potential der Idee erkennt. Immerhin: das folgende Video – gedreht von dem vielfach preisgekrönten Adam Berg, hat es wirklich in sich. Darum möchte ich es Ihnen allem Unbehagen zum Trotz auch nicht vorenthalten.

(Wenn Sie nach dieser Orgie nun noch einmal die letzte Abbildung in diesem Beitrag betrachten, werden Sie feststellen, wie farbig sogar das Grau sein kann. Wenn man es läßt. Richtig wohltuend, finde ich.)

10. Juni 2010

In eigener Sache: Hapimag

Ein Auftrag und eine Aufgabe, über die ich mich aus mehreren Gründen außerordentlich freue. Die Neugestaltung des Hapimag Resorts Marbella fällt in eine Phase, in der das schweizer Time-Sharing-Unternehmen sein Selbstverständnis erweitert und zunehmend bestrebt ist, seinen Gesellschaftern ein Leistungs-Spektrum zu bieten, das früher eine Domäne der Hotellerie darstellte. Gleichzeitig beobachten wir im Hotelbereich schon seit einigen Jahren verstärkte Bestrebungen, Alternativen zum klassischen Beherbergungs-Modell zu entwickeln. Das sind, wie ich meine, zwei Seiten einer einzigen Medaille. In beiden Fällen handelt es sich darum, Antworten auf eine veränderte Marktlage und die damit einhergehende Nachfrage zu finden. Eine wachsende Zahl von Menschen stellt andere Ansprüche an den Urlaub und das Reisen im allgemeinen, möchte ein Höchstmaß an persönlichem Komfort mit einer aktiveren Haltung und einer größeren Nähe zum Gastland verbinden.

Das sind Entwicklungen, die ich schon lange mit Neugier und großem Interesse verfolge; auch hier im Blog habe ich sie schon mehrfach zum Thema gemacht – zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier, um nur ein paar Beispiele herauszugreifen. Ich betrachte es deshalb als besondere Herausforderung und Chance, gemeinsam mit Hapimag einen weiteren praktischen Beitrag zu dieser Entwicklung zu leisten.

Mehr möchte ich in diesem frühen Stadium zu diesem speziellen Projekt noch nicht sagen. Aber ich bin sicher, daß es uns in den kommenden Monaten einigen Gesprächs-Stoff bieten wird.

Hapimag Resort Marbella

Hapimag Resort Marbella

6. Juni 2010

Die Vision vom »Eigentums-Hotel«

Alberghi diffusi, Pixel-Hotel, Couch-Surfing – das sind neue Entwicklungen, die auf veränderte Bedürfnisse vieler Urlauber hindeuten, und die auf die Wünsche dieser Zielgruppen innovative Antworten finden. Ich habe sie unter dem etwas provokativen Schlagwort eines »Trends zum Nicht-Hotel« zusammengefaßt. Erstaunlicherweise berühren sich nun aber, wie mir scheint, diese aktuellen Entwicklungen mit einer Idee, die mindestens schon ein halbes Jahrhundert alt ist; genauer gesagt: die alte Idee entwickelt sich ihrerseits zunehmend in Richtung dieses Trends.

Bevor Sie mir vorwerfen, in Rätseln zu reden – ich spreche vom Time-Sharing. Hierzulande dürfte das schweizer Unternehmen Hapimag der älteste und bekannteste Vertreter dieses Konzepts sein. Über den Grundgedanken brauche ich in diesem Kreis nicht allzuviele Worte machen. Es handelt sich um eine Anzahl von Resorts und Ferienwohnungen in aller Welt (im Fall von Hapimag sind es 56 Immobilien in 16 Ländern mit insgesamt mehr als 5 300 Appartements), die allen Aktionären gemeinsam gehören. Mit den Aktien erwirbt der Teilhaber das Recht, jedes beliebige Appartement für eine bestimmte Zeit des Jahres für sich zu nutzen; mehr Details dazu können Sie in diesem Interview mit Kurt Scholl, dem CEO des Unternehmens oder auf der Hapimag-Homepage nachlesen.

Dieses Modell war ursprünglich gedacht als ökonomisch und ökologisch sinnvolle Alternative zum eigenen Ferienhaus oder der eigenen Ferienwohnung, die in aller Regel den größten Teil des Jahrs über leer steht und auch sonst häufig nicht einlöst, was sich die Eigentümer ursprünglich davon versprachen.   weiterlesen…

3. Juni 2010

Hotels hätten soviel mehr zu bieten

Schon mehrfach sind wir der Frage nachgegangen, ob sich in den letzten Jahren so etwas wie ein Trend zum Nicht-Hotel abzeichnet. Das Pixel-Hotel in Linz bot uns einen Anhaltspunkt für diese Hypothese; ebenso Carla Sozzanis 3rooms in Mailand. Einige Wochen später haben wir das Thema dann etwas grundsätzlicher erörtert und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Jetzt gibt mir ein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel Gelegenheit, den gedanklichen Faden wieder aufzugreifen.

Es geht dabei um den erstaunlichen Boom, den die »Alberghi diffusi« seit knapp zwanzig Jahren in Italien erleben. Falls Sie den Ausdruck zum ersten Mal hören: bei den Aberghi diffusi handelt es sich um eine spezielle Art von Nicht-Hotel, die als unkonventioneller Lösungsansatz für ein akutes Problem entstanden sind.   weiterlesen…

31. Mai 2010

Schlafen im Hochsicherheitstrakt

Große Hotels stehen vor großen Herausforderungen – das ist eine Binsenweisheit. Größe schafft Probleme der vielfältigsten Art, nicht zuletzt im Hinblick auf die Sicherheit. 50 oder 150 Gäste bilden eine relativ überschaubare Menge – aber bei 1 500 oder 3 000 Betten kann von Übersichtlichkeit nicht mehr die Rede sein. Das ist ein ähnlicher qualitativer Sprung wie der von der Dorfgemeinschaft zur Anonymität einer Stadt. »Hospitality Inside« stellt in einer der letzten Ausgaben (nur für Abonnenten) die Frage, wie die in den letzten Jahren zahlreicher werdenden Mega-Hotels (sogar von einem Trend ist die Rede) mit dieser grundsätzlich anderen Risiko-Dimension umgehen.   weiterlesen…

21. Mai 2010

3D-Marketing

Die sündteuren Flachbildfernseher sind grade erst abbezahlt, da rollt schon die nächste Welle auf uns zu. 3D-TV heißt das neue Zauberwort, genauer eigentlich: 3D-HDTV. Das bringt zwar auch keine besseren Programme, dafür kommen sie viel effektvoller rüber. Da wird es doch gleich wieder zum Erlebnis, vor der Glotze zu sitzen.

Apropos Sitzen – ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten – aber: worauf sitzen Sie eigentlich grade? Sagen Sie jetzt bitte nicht: auf einem Stuhl. Stühle waren gestern. Heute sitzt man auf Grcic, Diez, Starck oder Citterio. Für konservativere Naturen wären auch Panton, Eames oder Saarinen eine akzeptable Wahl. Das sind keine Stühle, das ist Kunst. Die macht noch aus der hinterletzten Absteige ein Designhotel. Vorausgesetzt, die Dinge werden ins richtige Licht »gesetzt«.

Und damit bin ich beim nächsten Thema. Erinnern Sie sich noch an die Zeiten, als wir uns Gedanken über die passenden Lampen und Leuchten machten? Heute haben Sie die Wahl zwischen Licht-Lösungen, Licht-Objekten und Licht-Skulpturen. Mit denen können Sie fast nichts falsch machen. Wenn sie nicht zum Ambiente passen, heben sie wenigstens das Selbstgefühl.

Und darauf kommt es letztlich doch an, oder? Auch bei Politikern, wie ich gestern dezent angedeutet habe. Wenn die mit den Spielregeln des Finanzmarkts nicht zurecht kommen, nehmen sie nicht etwa Nachhilfe-Unterricht. Nein, dann kämpfen sie gegen Spekulanten, Finanzhaie und Heuschrecken-Schwärme. Ist einfach ungleich publikumswirksamer. Und fürs Publikum in jedem Fall unterhaltsamer: wenn es merkt, daß der, der da gegen Drachen kämpft, gar kein heiliger Georg ist sondern nur ein Ritter von trauriger Statur, hat es erst recht seinen Spaß.

Sie merken sicher, worauf ich hinaus will. Darum will ich das Fazit gar nicht in Worte fassen. Sondern lieber das folgende Schrift-Bild für sich selbst sprechen lassen:

3d

[Kudos: lotusmodern via A Day Late & Half a Pixel Short. Im Original steht unter dem Bild: »do it for the money«.]

18. Mai 2010

Die Authentizitäts-Falle

Das ist ein Buch, das neugierig macht und auf dessen Lektüre ich mich freue. Damit habe ich auch schon verraten, daß ich es nicht gelesen habe – und wenn ich an den Stapel unbedingt gelesen werden wollender Bücher neben meinem Bett denke, wird dieses hier wohl noch eine Zeitlang warten müssen. Erwarten Sie also bitte keine authentische Rezension von mir. In Wirklichkeit spreche ich auch gar nicht über das Buch, sondern über ein Interview mit seinem Autor, das World Hum vor ein paar Tagen veröffentlicht hat. Darin allerdings schien mir einiges nachdenkenswert – und ein paar Gedanken dazu möchte ich mit Ihnen teilen.

Andrew Potter heißt der Autor, und das Buch trägt den provozierenden Titel »The Authenticity Hoax« – auf deutsch etwa »Die Authentizitäts-Lüge« oder »Die Authentizitäts-Falle«, wenn nicht gar – in einem etwas bildungslastigeren Verlag: »Mythos Authentizität«. Seinen Ausgangspunkt nimmt es laut Potter von einer einfachen, nachvollziehbaren, wenngleich nicht sonderlich originellen Feststellung: der Wunsch nach Authentizität, der in vielen Bereichen des Konsums und vor allem des Tourismus fast schon Züge von Gier angenommen hat, ist nur ein Symptom – Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Authentizität ist vor allem das Gegenbild zu dem, was ist, die Antithese zur alltäglichen Öde. Ob das, wovon der Einzelne dann träumt – das kärgliche, einfache Leben der Bauern oder das gefährliche Leben in San Franciscos Tenderloin District, das ausschweifende Leben der Künstler oder das aufregende Leben der Abenteurer – ob das alles dem wahren Leben oder der Natur wirklich näher ist, spielt dabei erstmal gar keine Rolle. Entscheidend ist die Unzufriedenheit, die nach Fluchtwegen sucht. Und weil die längst ein Massen-Phänomen darstellt, ist auch Authentizität zu einem Massenbedürfnis geworden.

Das hat zwei Folgen, die gleichzeitig die beiden Pole darstellen, zwischen denen der Begriff von »Authentizität« heute oszilliert.   weiterlesen…

17. Mai 2010

Mehr zum Mitmach-Web

Was ich da soeben im Economist lese, erstaunt mich zwar nicht wirklich – zum Nachdenken bringt’s mich trotzdem. Natürlich wissen wir alle, welch großen und immer noch wachsenden Einfluß Online-Portale wie Tripadvisor oder Yelp mittlerweile darauf haben, für welches Hotel sich Gäste entscheiden. Hotels sind also gut beraten, genau zu verfolgen, was auf derartigen Portalen über sie zu lesen ist. So weit, so gut und nichts als gesunder Menschenverstand. Die Kommentare selbst sind ja zum Glück anonym und Manipulationen damit so gut wie ausgeschlossen. Sollte man denken.

Doch dem ist nicht so. Der Economist zitiert Christopher Elliott, einen der besten Kenner der Branche:

»An increasing number of image-conscious properties have begun connecting the dots between unbylined write-ups that appear on such popular travel sites as TripAdvisor or Yelp, and your personal information, such as your loyalty program preferences.

If you write a positive review, you might expect a reward from the hotel — a gift basket or a discount on your next stay. Pan a property, and you could get a concerned e-mail from the general manager asking you to reconsider your review. Or even a black mark against you in the chain’s guest database.« (Elliotts Artikel als Ganzes können Sie hier nachlesen.)

Zufriedene Gäste belohnen, unzufriedene bestrafen; die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen – eine Idee wie gemacht für einen Platz unter den Top 10 im Rennen um die dümmsten Marketing-Strategien aller Zeiten. Natürlich reagieren viele Hotels und Hotelketten wesentlich klüger. Sie schreiben den Gästen, die die schlimmsten Verrisse verfaßt haben, persönliche Entschuldigungsbriefe – oder laden sie ein, wiederzukommen und eine kostenlose Nacht oder sogar ein kostenloses Wochenende im Hotel zu verbringen.   weiterlesen…

11. Mai 2010

Wer macht mit im Mitmach-Web?

Brauchen Hotels das Web 2.0? Ersetzen »Social Media« die herkömmlichen Kommunikationsformen? Liegt die Zukunft der Branche im Mitmach-Web? Diese Auffassung vertrat letzten Monat ein Kongreß in München. Was ich dazu meine? Mitläufer sind selten auch Siegertypen…

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre boten Compuserve MyWorld und geocities.com Privatanwendern erstmals die Möglichkeit, kostenlos eigene Homepages zu erstellen. Erinnern Sie sich noch? Macht nichts – ist ja auch schon drei Jahrhunderte her, nach Internet-Maßstäben gerechnet. Jedenfalls setzte schnell ein regelrechter Run auf das neue Angebot ein. Eine eigene Website zu haben, gehörte in manchen Kreisen fast schon zum guten Ton. Unter Kids sowieso. Das war die Geburtsstunde des Mitmach-Webs.

Leider sahen alle diese schönen neuen »Internetpräsenzen« bald schon ziemlich alt aus. Ende der 90er Jahre gab es die ersten Weblogs. Anfang des Jahrtausends entwickelte sich das blogging zur Massenbewegung, und das »Simsen« trat gleichberechtigt neben das Telefonieren. Parallel dazu entstanden Angebote wie Flickr, YouTube, MySpace, Facebook und zuletzt Twitter. Damit befinden wir uns fast in der Gegenwart – aber auch die dauert mittlerweile schon eine gefühlte Ewigkeit. Ich jedenfalls konnte es fast nicht glauben, als ich vor wenigen Tagen hörte, YouTube sei fünf Jahre alt geworden. Fünf Jahre erst…

Immerhin entdecken jetzt auch die Marketingberater der Hotelbranche das Web 2.0.   weiterlesen…

8. Mai 2010

Unter Freunden

Irgendwas ist anders geworden, dachte ich in der letzten Zeit öfters, wenn ich in ein Hotel eincheckte. Wahrscheinlich haben Sie es auch schon gemerkt: man fühlt sich auf Anhieb freundlicher empfangen als früher, vielleicht auch besser aufgehoben. Das liegt an den Schildern, die uns jetzt überall deutlich sichtbar schon im Eingangsbereich begrüßen. Manchmal sind sie sogar mit der Hand geschrieben, aber das ist denn doch eher die Ausnahme – man kann nicht alles haben. Jedenfalls werden wir auf diesen Tafeln aufs herzlichste willkommen geheißen, man wünscht uns einen angenehmen Aufenthalt und versichert uns, alles zu tun, damit wir uns wie in Abrahams Schoß fühlen. Toll, nicht wahr. Und unterschrieben sind diese Willkommensgrüße nicht etwa mit »die Direktion« oder, nur eine kleine Spur persönlicher, »Ihre Direktion« – nein, darunter steht mit schöner Regelmäßigkeit: »Ihr Gastgeber«.   weiterlesen…

4. Mai 2010

Grand Hotel Kindergarten

Das hat uns jetzt grade noch gefehlt nach all den Mißbrauchs-Skandalen der jüngsten Vergangenheit: Hotels als Hort der Kinderfeindlichkeit. Und Hotelgäste – deutsche Hotelgäste zumal – als Kinderfeinde par excellence. Allen, die es immer schon gewußt haben, liefert die FAZ nun die fällige Bestätigung. »Kinderfeinde« titelt die selbsternannte Zeitung für Deutschland lapidar und ohne jedes Fragezeichen. Und beruft sich dabei auf eine absolut seriöse Quelle »bar jedes Verdachts«; gemeint ist wohl eher »über jeden Verdacht erhaben«, aber wahrscheinlich war auch der Lektor vom Inhalt so geschockt, daß ihm solche Kleinigkeiten gar nicht mehr auffielen.

Denn schockierend ist es allemal, was »das führende europäische Online-Hotelreservierungsportal HRS« (FAZ) in einer Umfrage herausfand. Dabei beginnt es ganz harmlos. Die Mehrheit der Hotelgäste, so heißt es dort, hat nichts gegen Kinder am Pool – nicht einmal dann, wenn es zwischendurch laut hergeht. »Rennen, Krabbeln, Rufen, Lachen und Weinen in Gängen und der Lobby eines Hotels« seien ebenfalls »allgemein akzeptiert«. Sogar im Speisesaal fühlen sich die meisten Gäste durch »umherlaufende und spielende Kinder« wenig bis gar nicht gestört. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber wer jetzt Entwarnung geben möchte, läßt sich blenden. Das alles ist nur die Oberfläche. Die FAZ hat tiefer geschürft. Und hinter der zur Schau getragenen Toleranz wahre Abgründe von Unmenschlichkeit aufgedeckt. Zwei Bereiche nämlich gibt es, so die entscheidende Erkenntnis, wo Hotelgäste lieber unter sich bleiben und Kinder nicht dabeihaben wollen: die Hotelbar und den Wellnessbereich. Ein Dank an die FAZ, die den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen: »entlarvend, beschämend, schockierend«,   weiterlesen…

1. Mai 2010

Expo 2010, Shanghai

expo_shanghai

Vor lauter Frühlingsgefühlen soll aber, bitteschön, auch die Expo in Shanghai nicht ganz zu kurz kommen, die heute ihre Pforten geöffnet hat. »Bessere Stadt, besseres Leben«, lautet das Leitthema dieser »größten Expo aller Zeiten«; Deutschland beteiligt sich daran unter dem kalauerverdächtigen Motto balancity, und die Süddeutsche Zeitung nimmt die Eröffnung zum Anlaß, unter dem Titel »Nation als Marke« ein bißchen über dreidimensionales Marketing zu schwadronieren (leider nicht online). Klingt imposant, nicht wahr, und ist deshalb auch seit etwa zehn Jahren voll angesagt in der zeitgemäßen Verkaufe. Wer sonst nichts zu sagen hat, spricht von Brand Building in 3D.

Jetzt also, als Gipfel des Brand Marketings, das Nation Branding. »Die Marke Deutschland sollte verpackt werden«, wie die SZ schreibt – auch wenn Verpackungsdesign natürlich gleich schon wieder viel weniger eindrucksvoll klingt als dreidimensionales Marketing. Überhaupt hat es, mit Karl Kraus zu reden, der Fortschritt auch in diesem Fall an sich, daß er viel größer aussieht, als er von Nahem besehen wirklich ist. Geht’s nicht auch weniger hochgestochen, frage ich mich. Gute Architektur prägt sich ein und bleibt im Gedächtnis – ob man das Branding nennt oder sonstwie. Das war so im alten Ägypten, in Griechenland und in Rom, und es ist heute keinen Deut anders. Wo hingegen Architektur kein anderes Ziel und keinen anderen Inhalt hat als Branding, wo sie sich im Verpackungsdesign erschöpft, da handelt es sich in der Regel um schlechte Architektur und erfolgloses Branding – Einweg-Design und Wegwerfmarketing.

Damit will ich nichts gegen den deutschen Pavillon sagen. Was Lennart Wiechell vom Münchner Büro Schmidhuber und Kaindl entworfen hat, geht über Brand Building zum Glück weit hinaus. Aber ich reagiere nun mal allergisch auf diese ganzen Glamour-Begriffe, weil auch in der Hotel- und Tourismusbranche die Möchtegern-Experten mittlerweile mit Trend-Vokabeln um sich werfen, als müßten die Gäste hinterher in Schlagworten schlafen und sich willkommen fühlen. Tun sie natürlich nicht; wer will’s ihnen verdenken.
 

P.S.: Die englischen Wörter »brand« und »branding« kommen übrigens vom Brandzeichen, womit einst das Vieh »markiert« wurde – eine für die Tiere äußerst schmerzhafte Prozedur, gegen die heute sämtliche Tierschützer der Welt Sturm laufen würden. Das deutsche Wort »Marke« hat denselben Ursprung.

27. April 2010

Deutsche Gartenzwerge erobern chinesische Herzen

Es gab Zeiten, da galt die Expo als Ereignis und als einzigartige Gelegenheit, der Welt die neuesten Errungenschaften von Wissenschaft und Technik zu präsentieren. Espressomaschine, Eiffelturm, Reißverschluß, Lippenstift, Telefon, Rolltreppe, die erste elektrische Schreibmaschine, der Farbfernseher, das Atomium und und und – lauter Expo-Premieren, die unsere Zivilisation geprägt haben.

Und 2010? Was erwartet uns dieses Mal? Auf der Expo in Shanghai?

Der deutsche Pavillon, so lese ich auf CRI-Online, präsentiere unter dem Leitmotiv »balancity« »verschiedene Facetten deutscher Wirklichkeit unserer Tage«. Eine eigene Halle widmet sich ausschließlich dem Thema Gartengestaltung und Gartenleben. Und was darf in einem echten deutschen Garten nicht fehlen? Richtig. Der Gartenzwerg. Die chinesischen Gäste sind hellauf begeistert – zumal sie die putzigen Kerlchen dem Vernehmen nach wohl auch noch anfassen – oder sich auf einer Parkbank sitzend vor der Kulisse der Wartburg zusammen mit einem bunten Zwerg fotografieren lassen dürfen.

Wie bitte? Gartenzwerge auf einer Weltausstellung? Da sollte ich mein Verhältnis zum Gartenzwerg vielleicht noch einmal gründlich überdenken.

Dabei fällt mir ein, wie ich vor Jahren von Niederbayern nach Tschechien fuhr. Kaum hatte ich die Grenze überquert, erstreckte sich vor mir eine schier unüberschaubare Phalanx von Gartenzwergen. Gartenzwerge auf allen Straßen und Plätzen des kleinen Ortes. Als hätte eine wahre Völkerwanderung dieser kleinen Männchen stattgefunden. Und dazwischen immer wieder deutsche Touristen, die ihre soeben erstandenen Zwerge unter die Arme packten und glücklich und froh zu ihren Autos eilten.

Ein Bild, das ich nie vergessen werde.

Immerhin aber sollen in Shanghai die Gartenzwerge auf dem Kopf stehen. Geht es dabei möglicherweise gar nicht wirklich um die Zwerge, sondern um eine – sei’s ehrfürchtige, sei’s ironische oder sei’s kritische – Hommage an Georg Baselitz? Oder handelt es sich einfach nur um zeitgenössisches Design? Vielleicht sollte ich also nicht so sehr mein Verhältnis zu Gartenzwergen überdenken, sondern das zum Design. Aber das habe ich ja – hier und hier – eben erst getan… ;-)

(Und noch etwas geht mir durch den Kopf: habe ich nicht vor einiger Zeit gelesen, aus Helmut Kohls Garten sei der dazugehörige Zwerg entwendet worden? Woher, frage ich mich da, stammen eigentlich die Gartenzwerg-Stars in Shanghai? Aus Tschechien? Oder aus dem Vorgarten eines Einfamilienhauses in Oggersheim?!)

23. April 2010

Design als Ersatzdroge

Mateo Kries ist Chefkurator des Vitra Design Museum in Weil am Rhein. Wahrscheinlich kennen Sie den Namen Vitra. Die Firma und ihr »Chairman Rolf Fehlbaum« haben ja nun wahrlich Design-Geschichte geschrieben. Auch das Vitra Design Museum ist Ihnen möglicherweise ein Begriff – ob wegen seiner großartigen Sammlung oder wegen Frank Gehrys Architektur, sei dahingestellt. Denn das ganze Vitra Firmengelände ist seit Jahrzehnten ein Mekka der Design- und Architektur-Freaks auf der ganzen Welt. Hier steht das erste Haus, das Zaha Hadid – deren Entwürfe schon vorher legendär waren, aber weithin als unrealisierbar galten – auch wirklich gebaut hat. Hier stehen Gebäude von Nicholas Grimshaw, Tadao Ando, Jean Prouvé, Richard Buckminster Fuller, Alvaro Siza, Jasper Morrison und Herzog und de Meuron. Eine zusätzliche Produktionshalle – geplant von den diesjährigen Pritzker-Preisträgern Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa (Sanaa) – steht kurz vor der Fertigstellung. Und die Stühle-Sammlung des Vitra Design Museums gilt als weltweit einzigartig.

Wenn sich dessen Chefkurator also zum Thema Design äußert, haben diese Worte Gewicht. Wer wäre mehr dazu prädestiniert, eine Lanze für das zeitgenössische Design zu brechen? Mateo Kries tut das Gegenteil. Er spricht eher vom Sündenfall des Designs – und von unserem Sündenfall vor dem Design. Sündenfall vor dem Design heißt: Kapitulation des denkenden Individuums als Wesen mit eigenem Geschmack und eigenen Wertvorstellungen. »Das Ornament ist ein Verbrechen«, hat Adolf Loos zu Beginn des letzten Jahrhunderts dekretiert, und damit die Hoffnung auf eine schönere Welt durch klares, schnörkelloses Design verbunden. Wir stehen am Ende dieser Epoche, die Designer haben die Welt verändert, und Mateo Kries gibt zu verstehen, daß er die absolute Herrschaft des Designs über alle Lebensbereiche, die unsere Zeit charakterisiert, für ein Verbrechen an der Menschheit hält.   weiterlesen…

18. April 2010

Noch mehr OLED-Leuchten

PR_OLED_D-4_April10

 
 
Kaum ein Hersteller, der auf der light & building in Frankfurt und der Mailänder Möbelmesse nicht auch LED-Leuchten zeigte. Die Technologie ist definitiv im Massenmarkt angekommen, das Angebot kaum noch überschaubar. Anders die auf organischen Halbleitermaterialien basierende OLED-Technik. Heute gilt sie als next step und Zukunftstechnologie – ein Platz, den vor zwei Jahren noch die LEDs innehatten. Umso interessanter sind die Entwürfe, die zu sehen waren, zeigen sie doch zumindest im Ansatz, welche gestalterischen Möglichkeiten die nächste Leuchtengeneration eröffnet. Einen dieser Entwürfe – Tom Dixons »Flat Lamp« habe ich Ihnen bereits vorgestellt. Und »flat« ist auch das Motto und Leitmotiv der beiden anderen Neuheiten, auf die ich heute kurz hinweisen möchte.

Die erste stammt von den diesjährigen Pritzker-Preisträgern Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa (Sanaa) und wurde in Zusammenarbeit mit Zumtobel realisiert (siehe Aufmacherbild oben). Wie bei Tom Dixon handelt es sich um ein extrem puristisch-minimalistisches Design, das die verblüffend flache Bauweise von OLED-Elementen zum Gestaltungsprinzip macht. Auch eine Verwandtschaft mit rAndom Internationals »Fade to Light« Installation ist unübersehbar. Ob es sich beim Leuchtmittel ebenfalls um Philips »Lumiblades« handelt, wie der Anschein nahelegt, ist der Website von Zumtobel leider nicht zu entnehmen.

Nicht von Philips, sondern von den Mitbewerbern Osram und Novaled stammt die Technik der zweiten Novität dieses Beitrags:     weiterlesen…

8. April 2010

25 Jahre made by markus-diedenhofen (1)

Das Acom Hotel Nürnberg

Ich hatte Ihnen weitere Fotos vom Acom Hotel in Nürnberg versprochen; dieses Versprechen möchte ich heute einlösen. An anderer Stelle habe ich angekündigt, aus Anlaß des 25jährigen Bestehens unseres Büros hier in der Serendipity Suite einige wichtige Stationen des Wegs Revue passieren zu lassen, die uns an den Punkt gebracht haben, von dem aus wir heute in die Zukunft blicken. Dazu gehören Arbeiten, die von der Fachpresse gemeinhin als Renommierprojekte bezeichnet werden – aber auch solche, die uns aus anderen Gründen wichtig waren oder einfach nur Freude gemacht haben.   weiterlesen…

29. März 2010

Ein Trend zum Nicht-Hotel? (Forts.)

Die Suche nach Innovation im Hotelbereich führt zu Lösungen, die mit dem gewohnten Bild vom Hotel fast nichts mehr gemein haben. Wir sind auf dieses Phänomen schon letztes Jahr im Dezember gestoßen, als wir uns mit dem Pixel-Hotel in Linz und Carla Sozzanis »3rooms« in Mailand beschäftigten – letzteres von der New York Times zu einem der »Hotels of the Decade« gekürt. »Gibt es einen Trend zum Nicht-Hotel?« – hatten wir uns gefragt –, die Frage aber vorläufig offengelassen.

Die aktuelle Ausgabe von »Hospitality Inside« berichtet ausführlich über die Diskussionsrunde zum Thema »Innovation: Rezepte gegen langweilige Hotels« im Rahmen des 5. ITB Hospitality Day auf der ITB Berlin – und gibt mir Anlaß, auf die Frage von damals zurückzukommen. Zu den Teilnehmern an der Diskussionsrunde zählte auch Michael Levie, dessen Konzept der »citizenM hotels« »von Preisen geradezu überhäuft wurde« (so »Hospitality Inside«). Levie betonte, wie wichtig es sei, traditionelle Denk- und Verhaltensmuster hinter sich zu lassen und fügte hinzu,

»dass Etikette nach Vorschrift, Codes und Begrüssungsformeln von Mitarbeitern Hotels kalt und distanziert erscheinen lassen, was nicht der Weg sei, den citizenM gehen wolle. Das Unternehmen beschäftigt zahlreiche branchenfremde Mitarbeiter und legt mehr Wert auf Persönlichkeit als auf Konformität.«

Aber Levie geht noch wesentlich weiter. Er schlägt buchstäblich vor, keinen Stein auf dem anderen zu lassen:

»„Die Hotelbranche ist ausgesprochen langsam, wenn es um Innovation geht. Es reicht schon aus, eine weisse Wand grau zu streichen, und schon gilt man als innovativ“, fasste Levie zusammen. „Wir haben dagegen ganz bei Null angefangen. Wir haben uns alle Prozesse genau angesehen und dann aus dem Ergebnis unserer Analyse etwas Neues entwickelt. Sicherheit und Brandschutz sind natürlich Pflicht … aber der Rest? Einfach über Bord werfen und von vorn anfangen“, so sein Ratschlag.«

Tabula rasa machen? – ganz von vorn beginnen? – »branchenfremde Mitarbeiter« zur besonderen Stärke von Hotels erklären? Noch vor wenigen Jahren hätte man solche Ratschläge als Spinnereien praxisfremder Phantasten abgetan.   weiterlesen…

18. März 2010

Premium Economy (Acom Hotel)

Darin könnte die größte Chance von Economy-Hotels liegen: vom Trend zu profitieren, indem man gegen den Strom schwimmt.

Der Trend zu Pauschalreisen, All-inclusive-Angeboten und preisgünstigen Unterkünftigen war eins der großen Themen auf der diesjährigen ITB in Berlin. Die Leute müssen sparen, klar. So war das schon immer in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Aber das ist es nicht allein: Auch im Luxus-Segment ändern sich die Maßstäbe. Selbst da, wo Geld keine Rolle spielt, achten die Menschen mehr darauf, was sie für ihr Geld bekommen.

Und das bringt mich zu einem wichtigen, oft übersehenen Aspekt des Trends zu den kostengünstigeren Angeboten. Die Leute müssen nicht nur sparen – sie wollen auch sparen. Genauer gesagt: sie setzen andere Prioritäten und verzichten bewußt auf Dinge, die sie nicht brauchen, um für das, was sie ausgeben, zu kriegen, was sie sich wünschen.   weiterlesen…

14. März 2010

Martin Jetpack – Fortsetzung

Auch James Fallows, einer der angesehensten Journalisten in den USA, Pilot aus Leidenschaft und »Luftfahrtpapst« der Zeitschrift »The Atlantic«, ist neugierig geworden auf den Martin Jetpack und überzeugt davon, daß er sich durchsetzen wird. Nicht zuletzt wegen des des Preises: der Jetpack soll nicht mehr kosten als eine Oberklasse-Limousine (von 76.000 Dollar = ca. 55.000 Euro sprach die Huffington Post; bei entsprechenden Stückzahlen dürfte der Preis wohl noch deutlich sinken).

Die Huffington Post hatte das spektakuläre Fluggerät übrigens schon am 25. Februar auf der Titelseite; mittlerweile ziehen auch die deutschen Medien nach – an diesem Wochenende beispielsweise hier und hier.

Vielleicht lag ich also richtig mit meiner Prognose: der Martin Jetpack hat ein enormes Marktpotential und könnte sich schnell zum Kult-Gerät mausern. Wird also der Traum vom Fliegen für jedermann wahr? Das vielleicht (noch) nicht. Aber Hotels für Sportbegeisterte und Erlebnishungrige sollten sich schon mal drauf einstellen: ihre Gäste könnten künftig die Lufthoheit beanspruchen… :-)

[Mehr zum Martin Jetpack – technische Spezifikationen, Sicher­heits­aus­stattung etc. – finden Sie auf der Website des Unternehmens.]

13. März 2010

Die ITB und die Zukunft

Weniges liest sich erheiternder als das, was Futurologen vor 20, 30 oder auch 50 Jahren für unsere Gegenwart prophezeiten. So gut wie nichts davon ist eingetreten. Die Zukunftsforscher irren sich immer. Dennoch kommen wir nicht umhin, uns mit der Zukunft zu beschäftigen: sie bestimmt die Ziele, die wir uns setzen; umgekehrt trägt unsere Arbeit an diesen Zielen mit dazu bei, wie die Zukunft aussehen wird. Den »Future Day« im Rahmen der ITB in Berlin fand ich darum im Prinzip eine gute Sache; ich wäre gern dabei gewesen, hätte mein Terminkalender das zugelassen.

So bin ich auf Medienberichte angewiesen. Die haben meine Erwartungen leider enttäuscht. Nach dem, was ich etwa in der ZEIT lese, stand der »Zukunftstag« eher im Zeichen der Futurologie und des Blicks in die Kristallkugel als einer konkreten »Arbeit an der Zukunft«.

Drei Themenbereiche sind es der ZEIT zufolge, die sich als die großen Zukunftherausforderungen für die Tourismusbranche abzeichnen: der demographische Wandel, der Klimawandel, und der Wandel in den Anforderungen der Zielgruppen. Der Reihe nach.   weiterlesen…

10. März 2010

Kann man dazu »Trend« sagen?

Die Zeiten bleiben schwierig. Der Reise- und Tourismusmarkt leidet weiterhin unter der allgemeinen wirtschaftlichen Krisenstimmung. Das ist nicht neu, und insofern kann auch der Tenor der heute eröffneten ITB in Berlin nicht überraschen. Die Menschen sparen; Pauschalreisen und All-inclusive-Angebote sind die großen Renner. Die Branche hat sich auf den Trend eingestellt und blickt daher trotzdem vorsichtig optimistisch in die Zukunft – so der Spiegel.

Nun, die Anbieter müssen sich nach dem Markt richten – das gebietet die wirtschaftliche Vernunft. Aber ich wäre vorsichtig, allzu einseitig auf den aktuellen »Trend« zu setzen. Ich bin noch nicht einmal sicher, ob das Wort Trend hier wirklich am Platz ist. Die Leute treffen ihre Wahl ja nicht ganz aus freien Stücken – sie treffen sie »der Not gehorchend, nicht dem inneren Drange«. Der Urlaub, den sie sich leisten können, entspricht nicht unbedingt dem, den sie sich wünschen. Sobald die Zeiten wieder besser werden – und darauf hoffen wir schließlich alle – sind es aber die Wünsche, die sich durchsetzen werden. Und das umso stärker, je länger sie zurückstehen mußten. Wer jetzt voll auf all-inclusive macht, hat ihnen dann nicht mehr allzuviel zu bieten.

Ein Dilemma? Ich fürchte Ja. Hier ist wohl unternehmerisches Augenmaß gefragt. Ich würde es jedenfalls für einen Fehler halten, die Schnäppchenjäger-Stimmung überzubewerten. So wie mir generell die Unterscheidung zwischen Luxusmarkt und Massenmarkt als überholt erscheint. Man kann auf geringere Budgets und ein höheres Kostenbewußtsein Rücksicht nehmen – und dennoch hochwertige und exklusive Angebote kreieren, die außerdem auf die veränderten Wünsche der Reisenden Rücksicht nehmen. Die sich also am Trend von morgen orientieren – nicht nur an der Notlage von heute.

Das gilt im übrigen nicht nur für die Tourismusbranche allgemein, sondern nicht zuletzt auch für Hotels und ihr Interior Design. Dazu würde ich gern in den nächsten Tagen noch ein wenig mehr sagen.

10. März 2010

Abgehoben?

 
learning

»Wer wird denn gleich in die Luft gehen«, lautete der Spruch des HB-Männchens – eine der erfolgreichsten Werbekampagnen der letzten Jahrzehnte. Bald schon könnte darauf die vielstimmige Antwort lauten: ja, ja und abermals ja. Das werden sich außer mir noch viele andere gedacht haben, die in den letzten Wochen die Flug-Erprobung des Martin Jetpacks mitverfolgt haben. Das Ding ist mittlerweile so gut wie serienreif; Ende des Jahres soll es auf den Markt kommen. Für Hotels und Reiseveranstalter ist das noch mehr Grund zur Begeisterung als die künstlichen Gletscher, über die ich gestern berichtet habe. Wenn mich nicht alles täuscht, steht vielen von ihnen ein veritabler Boom ins Haus.

Für alle, die noch nie was vom Martin Jetpack gehört haben: das ist die alltagstaugliche Version dessen, was der Volksmund »Raketenrucksack« getauft hat. Seinen ersten großen Auftritt hatte dieser im James-Bond-Film »Feuerball« – da hielten viele das Fluggerät für Science Fiction (in Wirklichkeit flog Bill Suitor, der Sean Connery doubelte, mit einem echten, vom amerikanischen Militär und der Firma Bell entwickelten Raketengürtel). 1984 dann schwebte bei der Eröffnung der olympischen Spiele von Los Angeles ein »Raketenmann« ins Stadion; das war spektakulär, aber aus der Sicht der Fernsehzuschauer doch nur ein Gag unter vielen. Den Traum vom Fluggerät für jedermann hatten die meisten da längst zu den Akten gelegt. Jetzt sieht es ganz danach aus, als ob er Wirklichkeit würde.    weiterlesen…