Vielleicht schütteln Sie noch den Kopf über die absurden »neuen Hotelberufe«, mit denen uns die WELT bekannt gemacht hat. Aber in New York muß sich die Beherbergungsbranche tatsächlich mit einem neuen, nicht unbedingt erfreulichen Berufsbild anfreunden: dem des Hotel-Kammerjägers. Hier wie in anderen amerikanischen Großstädten macht die explodierende Wanzenplage auch vor Edel-Boutiquen und Fünf-Sterne-Hotels nicht halt. Die gemeine Bettwanze ist nicht zu stoppen und fast nicht totzukriegen. Zur Schadenfreude besteht kein Anlaß: Experten halten ein Übergreifen der Plage nach Europa für möglich oder sogar wahrscheinlich.
Zum Ausgleich fallen andernorts klassische Hotel-Berufsbilder dem Fortschritt zum Opfer. Im Hotel Tenne im schweizerischen Saas-Fee werden die Gäste neuerdings von Herbie bewirtet. Herbie ist ein Roboter, bereitet die Frühstückseier zu und kümmert sich um den frisch gepreßten Orangensaft. Noch verschont er uns mit Gedichten und Opern-Arien. Aber auch das könnte sich ändern.
So bewahrheitet sich einmal mehr der alte Erfahrungssatz: die Wirklichkeit übertrifft die kühnsten Erwartungen. Erstens kommt es schlimmer, zweitens als man denkt. Oder wie es in der berühmten Liedzeile heißt:
»I know the rent is in arrears.
The dog has not been fed in years. It’s even worse than it appears.«
Die kannten Sie noch nicht? Dann hören Sie selbst – hier sind Jerry Garcia und The Grateful Dead:
Die WELT hat mal wieder den Finger am Puls der Zeit. Jetzt hat sie entdeckt, daß die Hotelbranche in rasender Kreativität dabei ist, neue Berufe und Berufsbilder zu kreieren. Das klang schon mal vielversprechend. Viel öfter wird ja das Gegenteil beklagt: zuwenig Innovationsfreude in der Hotellerie. Also fing ich zu lesen an.
Der Artikel begann – zur Einstimmung, vermutete ich – mit dem neuen Job des Hotelpoeten. Der geht im Restaurant von Tisch zu Tisch, trägt selbst verfaßte Gedichte vor oder findet Reime zu beliebigen Worten und Wortverbindungen, die ihm die Gäste zuwerfen. Wahnsinnig aufregend. Und ein internationaler Erfolg, wie die WELT versichert. Daß der Poet aus Stratford-upon-Avon kommt, soll seine Qualitäten wohl zusätzlich beglaubigen. Immerhin wurde dort schon William Shakespeare geboren. Ich fand’s trotzdem zum Gähnen. Und noch nicht mal sonderlich neu. Dunkel erinnert man sich, sowas auch schon in Fernseh-Shows gesehen zu haben, kurz bevor man vor der Glotze einschlief. Na ja, was soll’s, dachte ich. Das war jetzt erstmal zum Aufwärmen. Keiner will schon zu Anfang sein ganzes Pulver verschießen. Eine gute Story baut langsam die Spannung auf, bevor sie zum Höhepunkt kommt. Es kann nur besser werden.
Es wurde aber nicht besser. Nur peinlicher. Da traten etwa arbeitslose Opernsänger auf, die sich als Kellner verdingten. Und während sie die gedünstete Forelle servierten, hielten sie kurz inne, um zur nicht gelinden Überraschung der Gäste »La donna è mobile…« zu schmettern. Überraschung ist heutzutage wohl ein Wert an sich. Und selbst damit ist es bei vielen dieser »neuen Hotelberufe« nicht weit her. Darüber, daß Hotels mit mehrere Stockwerke hohen Aquarien für deren Reinigung Taucher beschäftigen müssen, wundert sich wohl nur ein WELT-Reporter. Und wenn an einem tropischen Palmenstrand die Badegäste Gefahr laufen, von herabfallenden Kokosnüssen oder abgestorbenen Zweigen getroffen zu werden, dürfte es jedem verantwortungsvollen Hoteldirektor ein Anliegen sein, solche Gefahrenquellen jeden Morgen beseitigen zu lassen. Das war, wie ich vermute, vor 30 Jahren nicht anders als heute. Vielleicht hießen sie damals noch nicht »Coconut Climber«. Und ein Beruf ohne eigenen Namen ist nun mal kein richtiger Beruf.
Statt einem Höhe- strebt der WELT-Artikel langsam aber sicher seinem absoluten Tiefpunkt zu. Der ist erreicht, als man uns den Gärtner des pfälzischen Hotels »Kloster Hornbach« vorstellt. Der kümmert sich nicht nur um Blumen, Bäume und den Gemüsegarten, sondern auch um die hauseigene Carrera-Rennbahn. Was für eine glänzende Berufsperspektive.
Das macht mir Mut, selbst mit einer bescheidenen Anregung zur wunderbaren Berufsvermehrung beizutragen. Ich schlage also vor – jetzt alle mal herhören, bitte: den ultimativen Hotel-Vortänzer. Nein, nicht was Sie meinen. Einen Tanzlehrer oder Ballett-Tänzer kann jeder engagieren. Wer sowas macht, ist einfach noch nicht richtig auf den Hund gekommen. Und erst dann wird es wirklich sensationell. Lassen Sie sich überraschen:
Die europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat eine Studie erstellen lassen und gibt jetzt Entwarnung. Der Verdacht, es gebe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen zu engen Sitzabständen und der Gefahr von Thrombosen, habe sich nicht bestätigt. Damit kann bis auf weiteres alles beim Alten bleiben. Der Forderung von Politikern, Ärzten und Verbraucherschützern, verbindlich größere Sitzabstände vorzuschreiben, erteilt die EASA eine klare Absage. Dazu wäre sie zwar befugt – da aber für die Passagiere keine Lebensgefahr drohe, werde sie von dieser Befugnis keinen Gebrauch machen.
Das könne sich in Zukunft aber ändern, betonte ein Sprecher der Behörde. Denn die Fluggäste werden im Schnitt immer größer und schwerer. Das führe möglicherweise dazu, daß die eng gestaffelten Sitzreihen eine rechtzeitige Evakuierung verhinderten. In diesem Fall werde man selbstverständlich regulierend eingreifen. Das beruhigt mich jetzt wirklich. Und die Logik dahinter ist einfach bestechend: solange es keine Toten gibt, dürfen die Fluggesellschaften ihren Passagieren zumuten, was sie wollen. Sollte es aber wirklich Tote geben, wird die EASA ein Expertenteam untersuchen lassen, ob sich wissenschaftlich schlüssig ein Kausalzusammenhang zwischen der vermuteten Ursache und den Todefällen beweisen läßt. Man braucht schließlich Sicherheit, bevor man handelt. Schade, daß die EU-Institutionen nicht in allen Bereichen so hohe ethische Maßstäbe anlegen. Auf ein Verbot der Glühbirne könnten wir dann noch lange warten…
Aber vielleicht sollte man in Zukunft trotzdem öfter mit der Bahn fahren. Und das Flugzeug nur in Ausnahmefällen benutzen. Am besten in Vollnarkose.
Für die süßen Kleinen ist das Beste grade gut genug, und was uns lieb ist, darf auch teuer sein. Nein, ich rede nicht von den Kindern – denen hat, wie man weiß, ein wenig Zucht und Strenge noch nie geschadet. Tiere aber, Hunde oder Katzen, sind uns in all ihrer tierischen Unschuld und Hilflosigkeit gewissermaßen vom lieben Gott persönlich anvertraut. Da soll es ihnen an nichts fehlen, was menschenmöglich und tiergerecht ist. Oder was manche Leute für tiergerecht halten. Das ist schon lange so und wurde in den letzten Jahren immer schlimmer, pardon: besser. Nur an einem Fünf-Sterne-Hotel für unsere tierischen Lieblinge hat es bisher noch gefehlt, aber auch das gibt es jetzt. Das Chateau Poochie in Florida läßt in puncto Luxus nach oben hin nur wenig Spielraum. Vom Flatscreen-TV im Einzelzimmer über den Personal Trainer bis hin zu buddhistischen Massagebehandlungen ist alles geboten, was das Haustierherz begehrt. Und wenn Herrchen oder Frauchen zwischendurch mal Sehnsucht nach ihren vierbeinigen Lebensgefährten verspüren – auch kein Problem. Wozu gibt es Video-Telefonie.
Meine Katze freilich würde mir da was husten. Die findet schon ein normales Telefon die totale Verarsche. Was soll denn das, maunzt sie gelangweilt, ist in Wirklichkeit doch eh keiner da. Wahrscheinlich habe ich das Tier nicht richtig erzogen.
Aber zurück zum Chateau Poochie. Vielleicht bringt das folgende Video ja den einen oder anderen auf eine Idee, womit er Bello oder Minouche zum Geburtstag überraschen könnte. Vergessen Sie in dem Fall bitte nicht, sofern Sie hinterher noch Geld auf dem Konto haben, auch ein bißchen was für die Flutopfer in Pakistan lockerzumachen. Ein paar Euro reichen schon – mit Luxus können die ohnehin nicht wirklich was anfangen…
Eine zusätzliche Bildstrecke zum Chateau Poochie finden Sie hier; um mehr Einträge aus der Kategorie Beyond Imagination zu sehen, klicken Sie bitte auf diesen Link.
In Hotels wird geklaut, was das Zeug hält. Manchmal von den eigenen Mitarbeitern, öfter aber von den Gästen. Je vornehmer ein Haus, desto unverfrorener die Souvenirjäger und desto wertvoller ihre Beute. So jedenfalls lautet das populäre Vorurteil, das Insider nur bestätigen können. Neu ist das alles freilich nicht, und irgendwann kennt man auch die wildesten Geschichten beinahe auswendig. Mittlerweile bringt mich das ganze Thema nur noch zum Gähnen.
Meine Neugier hielt sich daher in Grenzen, als die WELT kürzlich die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlichte, worin sie Direktoren von Luxushotels nach den kecksten Diebstählen in ihrem Haus befragt hatte. Eine Sommerloch-Geschichte, dachte ich. Und die meisten Stories blieben denn auch auf dem Niveau meiner tiefgespannten Erwartungen – oder lagen darunter. Bis auf drei, die den Rahmen sprengten und mich spontan zum Lachen brachten.
Die erste spielt in einem Wellness-Hotel in der Region Edersee und wirkt im ersten Moment gar nicht spektakulär. Aus der Lobby hatte jemand zwei hochwertige, hoteleigene Computer mitgehen lassen. Kein Grund zur Aufregung bei der Hotel-Leitung, und auch die herbeigerufene Polizei nahm’s gelassen. Für solche Fälle hatte man vorgesorgt; sämtliche öffentlichen Bereiche des Hotels waren video-überwacht. Der Dieb oder die Diebe würden lange Gesichter machen, dachte man – und machte dann selber welche. weiterlesen…
Eigentlich hatten wir dem Kraken Paul schon Lebwohl gesagt, aber die Welt will nicht von ihm lassen. Über den ursprünglichen Anlaß – die erstaunlichen prophetischen Fähigkeiten des Tiers – geht das Interesse längst hinaus; die Neugier der Menschen ist unersättlich. So hat sich in Amerika jüngst ein heftiger Streit darüber entwickelt, wie wohl die Mehrzahl von Krake, englisch »octopus«, lautet. Die Redaktion von Merriam-Webster, der amerikanischen Entsprechung zum Duden, hat jetzt die Frage entschieden. Oder auch nicht. Denn die höchste Instanz in Sachen korrekten Sprachgebrauchs versucht sich an einem salomonischen Urteil, das für korrekt erklärt, was streng genommen falsch ist. Ob das die erhitzten Gemüter beruhigt, sei dahingestellt.
Rein grammatikalisch nämlich, so Merriam-Webster, müsse man zu Kraken im Plural »octopedes« sagen. Wenn Sie das versuchen, werden Sie von Ihrem amerikanischen Gesprächspartner freilich so scheel angesehen, wie wenn Sie im Deutschen von zwei Kraken als »Krakeeler« redeten. Paul und Paula, die Krakeeler. Dann schon lieber Oktopäden. Oder gleich »octopuses«, wie es jedem normalen Ami, der nicht vom Korrektheits-Bazillus befallen ist, spontan von den Lippen gehen würde. Genau dazu gibt auch Merriam-Webster seinen Segen. Aber nur, wenn sich die Betreffenden nicht mehr über Leute aufregen, die – etymologisch genauso unsinnig – die Mehrzahl »octopi« vorziehen. »Jedem das Seine«, könnte man diese Entscheidung zusammenfassen. Über soviel Laxheit im Umgang mit der Sprache wird sich wohl bald der nächste Streit entzünden…
Nur gut, daß wenigstens über den Genitiv von »octopus« Einigkeit herrscht. Die Streitfrage haben die Beatles nämlich schon vor Jahrzehnten entschieden. Wer daran zweifelt, hat also die Autorität von Klassikern gegen sich. Und die ist in sprachlichen Zweifelsfällen allemal höher einzustufen als die Meinung einer Wörterbuch-Redaktion. Und jedenfalls auch musikalisch überzeugender:
(Im übrigen haben wir Deutsche nicht den mindesten Grund, uns über die Amis zu mokieren. Wir hatten nur das Glück, daß der Krake Paul heißt. Was aber, wenn seine Zwillings-Schwester Paula solche prophetischen Gaben an den Tag gelegt hätte? Hätten wir dann vom Kraken Paula gesprochen? oder doch eher von der Krakin?!
Das frage ich jetzt Sie, liebe Leserinnen und Leser… )
Wenn die Außentemperatur über die magische 30-Grad-Marke klettert und immer weiter steigt, bis die Quecksilber-Säule zu sieden droht; wenn die graue Masse hinter den Schädelknochen anfängt, Blasen zu werfen und die Gedanken nur noch vor sich hinblubbern – dann weiß ich: das ist einer jener Tage, vor denen mich mein Religionslehrer immer gewarnt hat. In der Hölle braten, nannte er das. Die Sinne verwirren sich, aus dem wabernden Hitzeglast steigen Trug- und Traumbilder empor, und wir würden uns nicht wundern, Gletscherzungen aus dem Kühlschrank wachsen zu sehen, oder auf der Straße einem Pinguin zu begegnen.
Aber halt: der Pinguin ist keine Halluzination und keine Fata Morgana. Den gibt es wirklich, der ist aus Fleisch und Blut und so real wie Sie und ich. Müßte ich einen Film drehen, worin ausschließlich Tiere die Hauptrollen spielen, würde ich ihn als Empfangs-Chef eines Luxushotels besetzen – oder vielleicht als Chef de rang. So aber sage ich nur: es gibt Tage, an denen man es sich gönnen sollte, einem Pinguin zu begegnen. Viel Vergnügen.
35 Grad warm soll’s heute wieder werden, sagt der Wetterbericht, oder sogar noch wärmer, sagt ein anderer. Und vom Schreibtisch her lächelt mich sardonisch die Arbeit an, die ich an diesem Wochenende zu erledigen habe. Du wirst doch jetzt nicht über die Hitze jammern, wispert eine Stimme in meinem Kopf – Regentage kommen noch genug. Aber gar nicht, antwortet eine andere. Eigentlich kann es mir gar nicht warm genug sein. Aber schön wär’s schon, jetzt sich im Meer zu aalen, wie ein Fisch durchs Wasser zu gleiten…
Ein Fisch? – mischt sich da endlich die gute Fee ein, die in keinem Sommermärchen fehlen darf. Ein Fisch ist ein bißchen viel verlangt. Die Fische sind längst schon vergeben. Aber eine Schildkröte hätte ich noch da – ein Tier von ausnehmend sonnigem Gemüt…
Fisch, Seepferd, Schildkröte – was auch immer, antworte ich. Hauptsache, das Wasser ist klar und keine Ölplattform in der Nähe. Wenn’s weiter nichts ist, lächelt die Fee, dann klick doch mal einfach auf den Pfeil da unten:
Das ist eins der wenigen Filmdokumente, die Fullers »Dymaxion Car« in Aktion zeigen; was auf Fotos eher skurril aussieht, wirkt hier durchaus elegant und komfortabel; beachten Sie vor allem auch die effektvolle Demonstration des kleinen Wendekreises gleich zu Anfang des Films. Man könnte meinen, es handle sich um eine Konzeptstudie aus den 50er Jahren – Fuller baute das Gefährt aber schon 1933. Als Antrieb diente ein Ford V8-Motor mit 83 PS; der Verbrauch betrug dank der aerodynamischen Konstruktion 7,8 Liter pro 100 Kilometer, was selbst heute noch ein respektabler Wert ist – ebenso wie die Höchstgeschwindigkeit, die laut Buckminster Fuller bei 190 km/h liegen sollte. Den praktischen Beweis dafür mußte er schuldig bleiben: die vorhandenen Prototypen wurden nie schneller als mit ca. 140 km/h bewegt, und zur angestrebten und eigentlich schon beschlossenen Serienfertigung kam es dann doch nicht. Vielleicht will ja Sir Norman Foster, der bekanntlich ein Faible für schnelle Fortbewegungsmittel aller Art hat, mit seinem restaurierten »Dymaxion Car« die Behauptung seines Freundes nun nachträglich unter Beweis stellen.
Die amerikanische Fluggesellschaft spirit airlines hat schon öfter mit provokativen, meist sexistischen Anzeigen Aufsehen und Anstoß erregt. Jetzt haben sie sich der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko angenommen – die aktuelle Kampagne läuft unter dem Motto: »Check Out The Oil On Our Beaches«. Damit hat die Fluglinie wohl endgültig den Vogel abgeschossen; vermutlich handelt es sich bei selbigem um eine Möwe oder einen Pelikan mit ölverschmiertem Gefieder.
[Update:]
Man beachte im übrigen die Liebe zum Detail, mit der die Anzeigen die Unternehmensfarben des Ölkonzerns – Gelb und Grün – aufnehmen und das Firmenkürzel BP als »Best Protection« interpretieren. Man müßte den Hut ziehen vor so viel »Professionalität«, würde einem nicht gleichzeitig – gelb und grün – die Galle hochkommen dabei…
Ein Türspion, durch den man rausgucken kann, erlaubt auch Blicke in umgekehrter Richtung. Das will Marriott seinen Gästen nicht zumuten. Deshalb gehört in den Hotels der Kette neuerdings eine Türspion-Sichtblende zur Zimmerausstattung. Jedenfalls in den Häusern, die über Türspione verfügen. Ob diese Innovation schon zum Patent angemeldet ist, entzieht sich meiner Kenntnis…
Natürlich gab es auch Pannen in diesen 25 Jahren – Momente, in denen ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Ein paar dieser Mißgeschicke aus den allerersten Jahren des Büros Markus-Diedenhofen Innenarchitektur sind mir besonders lebhaft in Erinnerung, fast so, als wäre es gestern gewesen. Das liegt wohl daran, daß ich damals relativ neu im Geschäft war und etwas grüner hinter den Ohren als heute – folglich stand auch mein Selbstbewußtsein auf eher wackligen Beinen. Was ich jetzt Panne nenne, erschien mir damals als Katastrophe. Als Ende der Welt. Als Sintflut vielleicht. Ja, doch – Sintflut paßt ganz gut zu der Geschichte, die ich erzählen möchte.
Sie spielt in einer kleinen bis mittelgroßen Stadt von ca. 60 000 Einwohnern. Eine Stadt, in der die Eröffnung eines neuen, luxuriösen Hotels einer renommierten internationalen Kette ein Ereignis war. Zur Eröffnungsfeier waren nicht nur die Honoratioren der Stadt gekommen, sondern auch Pressevertreter sowie der Rundfunk, der überdies live übertrug. Und ich sollte eine Rede halten; schließlich hatte mein Büro die Innenausstattung geplant und gestaltet. Darin hatte ich auch entschieden mehr Übung als im Reden. Vor allen Dingen hatte mir keiner gesagt, wie man sich verhält, wenn hinter einem die Hölle losbricht. weiterlesen…
Schon vor ca. einem Jahr hatte Damien Walters mit seiner athletisch-akrobatischen Performance Aufsehen erregt. Viele wollten ihren Augen nicht trauen: lag das überhaupt noch im Bereich des Menschenmöglichen? Was die Leute bloß haben, dachte sich Damien Walters. Und zeigt in seinem neuen Video noch viel spektakulärere Szenen. Schwer zu sagen, ob die Möglichkeiten damit ausgereizt sind. Die letzten fünf Prozent sind eine dehnbare Größe. In den meisten Fällen ist noch mehr drin. Oder, wie die Bayern sagen: a bisserl was geht immer.
Manchmal treibt der Drang zur Perfektion und zu den letzen fünf Prozent auch seltsame Blüten. Läßt sich der Schiefe Turm von Pisa noch übertreffen? Wie schief läßt sich ein Hochhaus bauen? Ins Buch der Rekorde hat es jetzt mit einem Neigungswinkel von 18 Grad das Capital Gate Gebäude in Dubai geschafft, das unter anderem auch ein Hyatt Hotel mit 189 Zimmern beherbergen wird. Da braucht man sich noch nicht mal aus dem Fenster zu lehnen, um einen Blick auf den Bürgersteig vor dem Haus zu erhaschen…
Ha, zwei freie Tage, um die Frühjahrsmüdigkeit endgültig abzustreifen und sich mal wieder richtig körperlich zu betätigen. Oder um – wenn das Wetter nicht mitspielt und einem auch sonst nicht danach ist – erst recht genußvoll auf der faulen Haut zu liegen. Wer sich für letzteres entschieden hat, könnte sich im folgenden Video und seinen menschlich-allzumenschlichen Szenen aus dem »Hotel zum Faultier« wiederfinden. (Besonders die letzte Einstellung hat es mir angetan; wenn man bei einem Tierbild von Charakterstudie sprechen kann, gehört dieses dazu.)
Okay, ich weiß – es handelt sich nicht um ein Hotel, sondern ein Waisenhaus für Faultiere; aber über derartige Unterschiede kann man doch ausnahmsweise mal großzügig hinwegsehen, oder?
In früheren, verklemmteren Zeiten hatte die Kirche, die katholische zumal, ihre liebe Not (Liebe? Not…) mit dem Sex und nahm bei der Frage, wie die Kinder in die Welt kommen, am liebsten Zuflucht bei den Blumen auf dem Felde und emsig summenden Bienen. Da hat sich, zumindest was die Aufklärung betrifft, doch einiges gewandelt, wovon sich die staunenden Gläubigen auf dem Ökumenischen Kirchentag in München einmal mehr überzeugen konnten. Unter dem Titel »Werteorientierte Sexualerziehung heute« präsentierte die Erzdiözese München-Freising in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Aids-Stiftung ein Programm ohne falsche Scham. Zu zeitgenössischen Disco-Klängen treffen sich Spermien und Eizellen auf einer wilden Party. Verführerisch lächelnd tanzen die Spermien auf die Eizellen zu; anschließend stellt sich nur noch die alte, immer gleiche Frage: zu dir oder zu mir? Keins von beiden, antworten die modernen Aufklärer – und empfehlen stattdessen ein »Luxushotel«; früher sagte man wohl Plazenta dazu. Und wer hätte das gedacht: auch im Hotel herrscht Bombenstimmung, und der »Partyservice« hat schon die wunderbarsten Nährstoffe und herrlichsten Leckereien bereitgestellt (ganz schön anstrengend das religiöse Leben heute – kaum noch Pausen zwischen den Partys).
Die Eizelle ist in der Zwischenzeit – solche Wunder gibt es im Katholizismus noch immer – zur glitzernden Disco-Kugel mutiert, und die begeisterten Samenzellen können sich vor Lust und Begeisterung fast nicht mehr halten. Wer dabei an ein Stundenhotel denkt oder an schlimmeres, beweist nur seine schmutzige Phantasie, handelt es sich doch vielmehr um ein Neun-Monats-Etablissement.
Da muß man sich nicht wundern – denke ich mir, als ich in der taz den Bericht zu der Veranstaltung lese – wenn die Menschen zum Hotel eine besonders tiefe, emotionale Beziehung entwickeln. Sogar der blöde Spruch: »Fühlen Sie sich bei uns bitte wie zuhause!« bekommt da plötzlich eine tiefere Bedeutung. Jeder Hotelaufenthalt: eine Rückkehr zu den Ursprüngen. Ins Warme. Ins Feuchte. In den Mutterleib. Wohl bekomm’s.
Nur von Aids war bei alledem nicht die Rede. Komisch eigentlich. Aber vielleicht hätte sich das einfach nicht so recht mit der Partystimmung vertragen, neben der unsere eigenen Aufklärungsbemühungen hier in der Serendipity Suite fast schon antiquiert wirken.
Auch Katzenmütter sind Mütter. Bisweilen adoptieren sie sogar Menschenkinder. Die verteidigen sie dann, als wären es ihre eigenen. Wenn Gefahr droht – oder auch nur zu drohen scheint – wird aus der zahmen Stubenkatze eine wilde Löwin. Für ihre Jungen kämpft sie gegen alle und jeden, sogar gegen Menschen. Und schlägt sie in die Flucht. So wie die Babysitterin in dem folgenden Film.
Ganz ehrlich gesagt: ich hätte das auch nicht für möglich gehalten.
Der Stellenwert der Farbe in unserem Leben zeigt sich am deutlichsten dann, wenn sie fehlt. Selten aber habe ich den Unterschied zwischen einer Welt in Schwarz-Weiß und einer in Farbe lustvoller und unterhaltsamer in Szene gesetzt gesehen als in dem folgenden Video:
Das hat uns jetzt grade noch gefehlt nach all den Mißbrauchs-Skandalen der jüngsten Vergangenheit: Hotels als Hort der Kinderfeindlichkeit. Und Hotelgäste – deutsche Hotelgäste zumal – als Kinderfeinde par excellence. Allen, die es immer schon gewußt haben, liefert die FAZ nun die fällige Bestätigung. »Kinderfeinde« titelt die selbsternannte Zeitung für Deutschland lapidar und ohne jedes Fragezeichen. Und beruft sich dabei auf eine absolut seriöse Quelle »bar jedes Verdachts«; gemeint ist wohl eher »über jeden Verdacht erhaben«, aber wahrscheinlich war auch der Lektor vom Inhalt so geschockt, daß ihm solche Kleinigkeiten gar nicht mehr auffielen.
Denn schockierend ist es allemal, was »das führende europäische Online-Hotelreservierungsportal HRS« (FAZ) in einer Umfrage herausfand. Dabei beginnt es ganz harmlos. Die Mehrheit der Hotelgäste, so heißt es dort, hat nichts gegen Kinder am Pool – nicht einmal dann, wenn es zwischendurch laut hergeht. »Rennen, Krabbeln, Rufen, Lachen und Weinen in Gängen und der Lobby eines Hotels« seien ebenfalls »allgemein akzeptiert«. Sogar im Speisesaal fühlen sich die meisten Gäste durch »umherlaufende und spielende Kinder« wenig bis gar nicht gestört. Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber wer jetzt Entwarnung geben möchte, läßt sich blenden. Das alles ist nur die Oberfläche. Die FAZ hat tiefer geschürft. Und hinter der zur Schau getragenen Toleranz wahre Abgründe von Unmenschlichkeit aufgedeckt. Zwei Bereiche nämlich gibt es, so die entscheidende Erkenntnis, wo Hotelgäste lieber unter sich bleiben und Kinder nicht dabeihaben wollen: die Hotelbar und den Wellnessbereich. Ein Dank an die FAZ, die den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen: »entlarvend, beschämend, schockierend«, weiterlesen…
Zuerst kam es immer wieder zu Verzögerungen bei der Fertigstellung – dann machte Flugasche den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Jetzt ist es endlich soweit: vorgestern wurde das Armani-Hotel in Dubais Burj Khalifa eröffnet. Auch das Rätsel um die Innenarchitektur der neuen Luxusherberge ist damit gelüftet – jedenfalls ein bißchen. Die (wenigen) Bilder aus dem Inneren des Hotels gingen um die Welt und sind beispielsweise hier und hier zu bewundern. Ich widme diesen Beitrag deshalb einer anderen Attraktion. Dem Schauspiel, das ein Blick aus dem Fenster einigen der Gäste bietet –nämlich den Dubai Fountain, der direkt an den Burj Khalifa grenzt. Lassen Sie sich verzaubern:
(Und fragen Sie mich bitte nicht andauernd, was ich von Giorgio Armani als Innenarchitekt halte. Das verrate ich Ihnen erst, sobald die erste Casual Wear Collection made by markus-diedenhofen auf dem Markt ist. )
Lassen Sie mich noch ein paar Worte zu Henri Poincaré sagen, dem wir im letzten Beitrag begegnet sind. Der Franzose – er lebte von 1854 bis 1912 – war eins der letzten »Universalgenies« der Mathematik. Fast alle mathematischen Disziplinen verdanken ihm entscheidende Impulse und Beiträge; einige davon – darunter das wichtige Gebiet der mathematischen Topologie – hat er begründet oder mitbegründet. Ebenso bedeutsam sind seine Beiträge zur theoretischen Physik, und als Autor bemühte er sich erfolgreich, die schwierigsten Fragen der Wissenschaft auch einem größeren Publikum nahezubringen. Damit erwarb er sich einen solchen Ruf, daß ihn die elitäre Sektion Literatur des Institut Français zu ihrem Mitglied machte.
Im normalen Leben allerdings entsprach der kurzsichtige und unbeholfene Poincaré auf fast schon übertriebene Weise dem Bild, das man sich vom weltfremden Wissenschaftler macht. Boshafte Zeitgenossen spotteten, er sei als Beidhänder zur Welt gekommen – mit der rechten Hand nicht weniger ungeschickt als mit der linken. Der Wissenschaftshistoriker Ian Stewart schreibt:
»Es gibt eine überkommene Karikatur für einen Mathematiker: geistesabwesend, mit Vollbart und einer Brille, die er ständig sucht, obwohl sie sich auf seiner Nase befindet. Nur wenige der großen (und weniger großen) Mathematiker entsprechen diesem Stereotyp. Auf Poincaré paßte es voll. Mehr als einmal hat er gedankenverloren die Bettwäsche im Hotel eingepackt, wenn er abreiste.«
Aus Versehen die Bettwäsche mitgehen zu lassen – auch damit kann man sich einen Namen machen. Ich weiß nicht, ob die Geschichte stimmt; wenn nicht, ist sie gut erfunden. Und jedenfalls ein Grund, Henri Poincaré einen Ehrenplatz in der Serendipity Suite einzuräumen…
Über Agostino Ramellis Lesemaschine sprachen wir gerade. Daß sie auch das Zeug dazu hat, den geneigten Leser zu erschlagen, haben wir dabei freilich unerwähnt gelassen:
aus: Richard Lester, »Die drei Musketiere«, 1973. Die relevante Szene sehen Sie gleich eingangs nach 20 Sekunden.
Und hier als weiterer Beitrag zum heutigen Tag des Buchs eine Erfindung des italienischen Ingenieurs Agostino Ramelli. Bedenkt man das Gewicht der damaligen Folianten, handelt es sich zweifellos um eine leserfreundliche Innovation. Ramelli selbst beschrieb sein »drehbares Lesepult« als »ansehnliche und sinnreiche Maschine, … die sehr nützlich für jeden ist, der gern studiert, besonders aber für jene, die unter Gicht oder körperlichen Gebrechen leiden, denn mit dieser Maschine kann man eine große Anzahl von Büchern lesen, ohne sich von der Stelle zu bewegen.«
Wer Richard Lesters Film »Die drei Musketiere« gesehen hat, kann sich an das Monstrum vielleicht erinnern – der Regisseur ließ es für den Film originalgetreu nachbauen.
Aber bei allem Respekt vor der handwerklich-technischen Leistung: die heutigen Ebooks – heißen sie nun Kindle, Nook oder iPad – sind vielleicht doch ein wenig handlicher…
(Und weil ein Tag des Buchs ohne Buchtip eine halbe Sache wäre, hier meine Empfehlung: »Eine Geschichte des Lesens« von Alberto Manguel, auch als Taschenbuch erhältlich.)
Schon wieder Island. Speiende Vulkane, eine Aschewolke, die sich über Nord- und Mitteleuropa senkt und den Flugverkehr fast vollständig zum Erliegen bringt – und erst im letzten und vorletzten Jahr waren es die Finanzkrise, der Zusammenbruch der Kaupthing Bank und der drohende Staatsbankrott, die den Inselstaat in die Schlagzeilen brachten.
Darüber gerät nur zu leicht aus dem Blick, daß Island mehr zu bieten hat als Katastrophen. Im Verhältnis zu seiner Größe und geringen Einwohnerzahl ist der Beitrag des Landes zur europäischen Kultur nur zum Staunen – man denke an die Edda oder die isländischen Ursprünge des Nibelungenlieds. In der Gegenwart haben sich beispielsweise die Sängerin Björk und der »Lichtkünstler« Olafur Eliasson international einen Namen gemacht; letzterer eröffnet am 28. April im Berliner Martin-Gropius-Bau seine Ausstellung »Innen Stadt Außen«, auf die ich jetzt schon gespannt bin.
Aber lassen wir für einen Augenblick sogar die Kultur beiseite. Das folgende Video lädt Sie ein, die Poesie und wilde Schönheit des kleinen Landes auf sich wirken zu lassen. »Simply stunning« – so der britisch-amerikanische Journalist Andrew Sullivan, dem ich den Hinweis auf dieses Video verdanke.
(Es entbehrt im übrigen nicht der Ironie, wieviel Energie die Lufthansa daran wendete, den drohenden Pilotenstreik abzuwenden – und jetzt ist die Flotte möglicherweise länger und nachhaltiger an den Boden gefesselt, als streikende Piloten das vermocht hätten. Eine kleine Erinnerung daran, wie wirkungsvoll die Naturgewalten immer noch alle menschlichen Planungen durchkreuzen können. Weil die Isländer seit Generationen und Aber-Generationen gelernt haben, mit dieser Erfahrung zu leben, sind sie vielleicht mit den Folgen der Finanzkrise besser fertig geworden als viele andere…)
Die einfachsten Lösungen sind oft die besten. Leider gilt das auch dann, wenn sich die kreative Energie in den Dienst krimineller Zwecke stellt. So wie in dem Fall, von dem ich grade lese – einer neuen(?) Masche des Kreditkarten-Betrugs in den Vereinigten Staaten. Wie die funktioniert? Ich sagte es schon: äußerst einfach.
Der Betrüger und sein Komplize (zu zweit funktioniert die Sache besser) halten sich, scheinbar angeregt in ein Gespräch vertieft, unauffällig in der Nähe der Rezeption auf. In Wirklichkeit beobachten die beiden genau, wie Sie einchecken. Wenige Minuten später ruft einer von ihnen bei der Rezeption an und bittet um eine Verbindung mit Zimmer 428 – dem Zimmer, das Sie grade bezogen haben. Als das Telefon klingelt, heben Sie ab, und eine Stimme am anderen Ende sagt: »Guten Tag, hier ist die Rezeption, entschuldigen Sie bitte die Störung. Wir haben hier ein kleines Problem mit Ihrer Kreditkarte…«
Den Rest können Sie sich denken. Vielleicht ersucht der Anrufer Sie, die Kreditkartenangaben zu wiederholen – vielleicht fragt er, ob Sie nicht einfachheitshalber eine andere Karte angeben könnten. Auf jeden Fall kann er darauf zählen – das ist das Raffinierte daran –, daß Sie ihm volles Vertrauen schenken. Wer sonst sollte jetzt, Minuten nach dem Einchecken, am anderen Ende sein als die Rezeption?
Nun gut – was Sie angeht, sind Sie von jetzt an gewarnt. Sollte der Trick aber Schule machen und den Sprung über den Atlantik schaffen – und davon muß man ausgehen, wie ich fürchte –, dann tun Hotels gut daran, ihre Gäste beim Einchecken darauf hinzuweisen, daß keiner der Mitarbeiter sie jemals telefonisch nach Kreditkarten-Informationen oder anderen persönlichen Daten fragen wird.
Banken, Online-Shops u.ä. machen das schon lange, wenngleich nicht immer erfolgreich. Aber dann kann hinterher wenigstens keiner sagen, man habe ihn nicht gewarnt…
Immer, wenn Veränderungen oder Innovationen ins Haus stehen, findet sich eine bestimmte Gruppe von Leuten, die auf praktische Erfahrungen, empirische Untersuchungen, die menschliche Natur u.s.w. verweisen, um das Neue als unrealistisch abzutun. Meist muß man ihre Argumente, wie den Entenhasen, nur aus etwas anderer Perspektive betrachten, dann besagen sie das Gegenteil. Der folgende Werbespot von Penguin Books demonstriert das auf unnachahmliche Weise. Ein kleiner Hinweis: Sie müssen den Spot ungefähr bis zu Hälfte ansehen, um die Pointe und den besonderen Clou zu kapieren. Dann allerdings werden Sie nur noch ungläubig staunen und lächeln:
Volksbräuche und regionale Traditionen sind der Tourismusbranche lieb und teuer. Sie geben dem Reisenden das Gefühl, etwas Echtes und Ursprüngliches zu erleben und ganz ins fremde Land einzutauchen. Dazu gehört zum Beispiel die kroatische Sitte, in Ostereier kunstvolle Ornamente einzuritzen. »Ostereierkratzen«, sagen die Österreicher dazu. Das Studio Burgenland des ORF wollte einen Bericht darüber senden. Aber fast wäre man über die Anmoderation nicht hinausgekommen:
Hotels, die den Sommer über schließen, gibt es in jedem Wintersport-Ort. Aber Hotels, die jeden Winter neu gebaut werden, jedesmal anders und jedesmal als Gesamtkunstwerk – solche Hotels dürften Seltenheitswert haben. Mir jedenfalls war bis vor zwei Tagen kein einziges bekannt. Da bin ich im Blog archidose auf das ICEHOTEL gestoßen. Es befindet sich in Schweden, ca. 200 Kilometer nördlich des Polarkreises in dem kleinen Ort Jukkasjärvi, der mir vorher auch nichts sagte. Die Idee wurde im Jahr 1989 geboren, als eine Initiative namens Art-ic Exhibition versuchte, die Region auch für den Wintertourismus attraktiv zu machen. Was als einfache Unterkunft begann, wurde bald zu einer festen Institution – einem Hotel mit knapp 50 Suiten und Zimmern, inkl. Lounge, Bar, Kino und einer eigenen Kapelle.
Wenn Anfang November der erste Frost einsetzt, beginnen die Bauarbeiten. Mehr als 40 Künstler und Designer sind jeweils für Architektur und Innenarchitektur verantwortlich. Anfang Dezember können dann die ersten Gäste einziehen – die Arbeit aber geht weiter, bis Ende Dezember das Hotel als Ganzes fertiggestellt ist.
Viele kennen Henry Miller nur als Autor schweinischer Bücher, die sie als pornographisch bezeichnen würden, wenn es sich nicht um Weltliteratur handelte. Gelegentlich bezichtigen sie dennoch die Bewunderer von Millers Romanen eines heimlichen Hangs zur Pornographie, den diese mit dem Begriff »Kunst« notdürftig verbrämten. Aber die Zeiten, in denen Henry Miller als Skandalautor erbitterte Kontroversen provozierte, sind zum Glück wohl vorbei und wir können uns anderen Dingen zuwenden. Zum Beispiel seinem Badezimmer. Dessen Wände sind fast lückenlos von Fotos, Zeichnungen und Drucken bedeckt und selber fast ein Roman. Henry Miller persönlich aus diesem Roman seines Lebens vortragen zu hören, ist ein Vergnügen der seltenen Art. Erwarten Sie aber bitte keine Zoten oder schmutzige Anekdoten – auch wenn die Erotik natürlich nicht ausgeblendet bleibt.
Und wundern Sie sich auch nicht, wenn Ihnen danach supermoderne, luxuriöse Bäder seltsam nackt und steril vorkommen. Das ist der Effekt, auf den ich im vorangegangenen Beitrag hingewiesen habe.
[Vorsicht: der Film dauert fast 35 Minuten. Warten Sie also, bis Sie genug Zeit haben, ihn in Ruhe und mit Genuß auf sich wirken zu lassen.]
»Wer wird denn gleich in die Luft gehen«, lautete der Spruch des HB-Männchens – eine der erfolgreichsten Werbekampagnen der letzten Jahrzehnte. Bald schon könnte darauf die vielstimmige Antwort lauten: ja, ja und abermals ja. Das werden sich außer mir noch viele andere gedacht haben, die in den letzten Wochen die Flug-Erprobung des Martin Jetpacks mitverfolgt haben. Das Ding ist mittlerweile so gut wie serienreif; Ende des Jahres soll es auf den Markt kommen. Für Hotels und Reiseveranstalter ist das noch mehr Grund zur Begeisterung als die künstlichen Gletscher, über die ich gestern berichtet habe. Wenn mich nicht alles täuscht, steht vielen von ihnen ein veritabler Boom ins Haus.
Für alle, die noch nie was vom Martin Jetpack gehört haben: das ist die alltagstaugliche Version dessen, was der Volksmund »Raketenrucksack« getauft hat. Seinen ersten großen Auftritt hatte dieser im James-Bond-Film »Feuerball« – da hielten viele das Fluggerät für Science Fiction (in Wirklichkeit flog Bill Suitor, der Sean Connery doubelte, mit einem echten, vom amerikanischen Militär und der Firma Bell entwickelten Raketengürtel). 1984 dann schwebte bei der Eröffnung der olympischen Spiele von Los Angeles ein »Raketenmann« ins Stadion; das war spektakulär, aber aus der Sicht der Fernsehzuschauer doch nur ein Gag unter vielen. Den Traum vom Fluggerät für jedermann hatten die meisten da längst zu den Akten gelegt. Jetzt sieht es ganz danach aus, als ob er Wirklichkeit würde. weiterlesen…
Woran mich das Bild von der symbolischen Bruchlandung der Turkish Airlines unwillkürlich erinnert hat:
Ein Mann, dem Outfit und der Startnummer nach zu urteilen einer der Olympiateilnehmer, wirft sich in die Anlaufspur, stößt sich vom Schanzentisch ab – und danach beginnt ein seltsames Schauspiel. Offenkundig ist der Sprung von der Olympiaschanze eine völlig ungewohnte Erfahrung für ihn. Wild rudert er mit den Armen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, die Fernsehzuschauer in aller Welt halten den Atem an, und dann landet er doch noch sicher. Bei einer Weite um die 50 Meter statt der doppelten Distanz wie die übrigen Teilnehmer. Der letzte Platz war ihm sicher. Augenscheinlich hatte er das Fliegen nie gelernt.
Das war Eddie the Eagle. Einige von Ihnen werden sich an ihn erinnern. Publikumsliebling und heimlicher Star der Olympischen Winterspiele 1988 in Calgary. In der Gunst der Menschen und der Medien verwies er selbst die Superstars der Wintersport-Nationen auf die Plätze:
In Kürze, 22 Jahre später, beginnen erneut Olympische Winterspiele in Kanada. In Vancouver statt in Calgary. Und die Kanadier haben den Sympathieträger von damals bis heute nicht vergessen. weiterlesen…
Der Traum vom Fliegen mal wieder. Verstehen kann ich das schon. Die große Zeit der Grandhotels ist längst Geschichte, und auch Kreuzfahrten sind nicht mehr das, was sie mal gewesen sein mögen. Bleibt nur noch der Luftraum für die Träume vom grenzenlosen Luxus. Kombiniert mit dem Prinzip Entschleunigung: Hetze und Luxus vertragen sich schlecht. Also kein Düsenjet, sondern ein Luftschiff – genauer gesagt, ein Starrluftschiff wie früher die Zeppeline, aber nicht als »fliegende Zigarre« gestaltet, sondern eher als fliegender Diamant. Man könnte meinen, ein Origami-Künstler habe sich am Luftschiff-Design versucht.
»Aircruiser« heißt das futuristische, mit Solarenergie betriebene Gefährt, das der südkoreanische Technologiekonzern Samsung dieser Tage der Öffentlichkeit vorstellte. Das Konzept dafür – entstanden in Kooperation mit der britischen Designfirma Seymourpowell – ist bereits ziemlich detailliert ausgearbeitet. Das Luftschiff ist 265 Meter hoch und besteht aus vier gasgefüllten Teilen, die wie eine Blüte das Fünf-Sterne-Hotel im Inneren umschließen. Dieses läßt den Gästen die Wahl zwischen einem Penthouse, vier Doppel-Appartements und fünf kleineren Appartements; dazu kommen überdurchschnittlich geräumige öffentliche Bereiche: Bar/Lounge, Rezeption, Speisesaal, Aufenthaltsraum etc.
Klingt spektakulär, ist schwer zu beschreiben und noch schwerer vorstellbar. Samsung und Seymourpowell haben deshalb ein computeranimiertes Video dazu erstellt, das einen Eindruck vom lautlosen Schweben über Kontinenten und Ozeanen vermitteln soll:
Das ist schon traumhaft oder? (vom Interieur will ich mal absehen). Bleibt nur, wie so oft, die Frage, ob es dem Traum vergönnt sein wird, Wirklichkeit zu werden. weiterlesen…
Vor vielen Jahren saß ich einmal, zusammen mit anderen Reisenden, tagelang in einem Motel in der Baja California fest. Die heftigsten Regenfälle seit Menschengedenken hatten zu einer Vielzahl von Erdrutschen geführt; aus ausgetrockneten Seitentälern waren reißende Flüsse geworden; sämtliche Straßen, die auf die Halbinsel – oder aus ihr hinaus – führten, waren unpassierbar. Der allgemeine Unmut über den Zwangsaufenthalt wich bald einer gewissen Schicksalsergebenheit – bei wem will man sich schon über Naturkatastrophen beschweren. Gleichzeitig mit diesem Stimmungsumschwung geschah etwas, das ich nicht mehr vergessen werde. Plötzlich gab es nur noch ein einziges Gesprächsthema im Motel. Wildfremde Menschen begannen, einander von ihren Reiseabenteuern zu erzählen – im Auto, im Flugzeug, im Hotel, in zwielichtigen Vierteln exotischer Städte. Als habe ein Virus sämtliche Hotelgäste befallen. Immer phantastischer wurden die Geschichten, immer stärker drängten sich die Heldentaten am Steuer in den Vordergrund. Das alles, während draußen auf dem Parkplatz die vier-, sechs- oder achtzylindrigen Limousinen, Jeeps und Pick-ups im weiterhin strömenden Regen untätig herumstanden…
An diese imaginären Heldentaten habe ich mich erinnert, als ich das folgende Video zum ersten Mal sah. Es handelt sich zwar um einen Werbespot, aber um keine Produkt- und deshalb erst recht keine Schleichwerbung. Dafür aber um den sensibelsten und wirkungsvollsten Werbefilm für eine gute Sache, den ich seit langem gesehen habe. Aber urteilen Sie selbst:
Auch Träume schlagen Brücken, und man muß nur mal die Freiheit von Gedanken, die auf Reisen gehen, vergleichen mit den Traumbildern von Traumurlauben, die uns die Werbung vorgaukelt, um zu erkennen, wie trostlos und ärmlich das alles ist. Aber genug davon. Hier ist eine Einladung, die Phantasie schweifen zu lassen, noch über die bewegten Bilder hinaus. Bis an die Grenzen der Vorstellungskraft. Und sogar darüber hinaus. Beyond Imagination. Viel Vergnügen!
Nun hat das Jahr also begonnen, die Ziffern im Kalender sind über die Dezimalschwelle hinweg von 09 auf 10 umgesprungen, und auch die guten Vorsätze sind fast schon wieder zwei Tage alt. Vielleicht gehöre ich diesmal zu den wenigen, die keine Gefahr laufen, ihnen untreu zu werden. Ich habe mir nämlich fest vorgenommen, ohne alle Vorsätze ins neue Jahr zu starten. Erstens taugen sie ohnehin nichts. Und außerdem sind sie Ballast aus der Vergangenheit, den wir ohne Not und aus freien Stücken mit uns rumschleppen. Jeder gebrochene Vorsatz ist ein Sieg des Alten über das Neue.
Deshalb passen die »guten Vorsätze« eigentlich überhaupt nicht zum Jahresanfang. Der steht ja auch symbolisch für einen Neubeginn. Das ganze Spektakel und der Krach, mit dem wir den Wechsel vollziehen, soll die Geister des alt und schal Gewordenen in die Flucht schlagen. Ein Ritual der Wiedergeburt: das neue Jahr liegt jungfräulich vor uns, damit wir es jungfräulich, buchstäblich wie neugeboren beginnen. Darin liegt die Magie und die Kraft dieses kulturübergreifenden kulturellen Rituals. Die »Altlasten« holen uns früh genug wieder ein. Jetzt versuchen wir erst einmal, das Leben zu nehmen, als habe es grade erst begonnen.
Diese »Magie des ersten Mals« hat mich am folgenden Video so bezaubert. Ich wünsche Ihnen noch einmal ein tolles Jahr, das Sie mit Neuem und Unerwartetem überrascht.
Schenkt man den Astronomen Glauben, beginnt heute der Winter; die Meteorologen sehen ihn bekanntlich schon drei Wochen früher ins Land ziehen. Den Meteorologen ist wohl irgendwie entgangen, daß Weihnachten hierzulande längst zur grünen Jahreszeit gehört – daß Deutschland seit vielen Jahren erst im Januar unter einer dicken Schneedecke liegt oder sogar erst im Februar – und überhaupt ist die Astronomie bei weitem die ältere und ehrwürdigere der beiden Wissenschaften. Also verabschieden wir uns heute vom Herbst, der trüben Jahreszeit, und begrüßen den lustigen Winter. Lustig? der Winter?! Aber klar doch – betrachten Sie nur mal das folgende Video. Und sagen Sie von nun an nie mehr, man könne im Winter keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken.
Nachtrag: den Beitrag habe ich am Vorabend des 21. Dezember geschrieben. Da hab ich noch nicht geahnt, wie aktuell über Nacht mein Willkommensgruß an den Winter werden würde. Es empfiehlt sich wohl doch, der Astronomie zu trauen. Sie irrt ja auch bei der Vorhersage von Mond- oder Sonnenfinsternissen viel seltener als die Meteorologie bei Wettervorhersagen für den kommenden Tag.
»Links, rechts, links, rechts. Er konnte nur diese eine Sache«, schreibt ZEIT-Redakteur Stefan Willeke über Stan Libuda. Das reicht immerhin, ihn zum »Jahrhundertgenie« zu erklären. Was würde Willeke wohl zu Mark Daniel sagen? Oder liegt das jenseits seiner Vorstellungskraft – beyond imagination?!
Vielleicht sind wir zu besessen von der Vorstellung, an einem bestimmten Ort ankommen zu müssen – und wissen deshalb nicht mehr zu würdigen, wie unbeschreiblich herrlich es sein kann, zu fliegen. Etwas von diesem Glück vermittelt das nachfolgende Video. Vorsicht – Suchtgefahr!
Man kann einen Supermarkt nicht nur mit Betten aufpeppen – man kann ihn auch zur Bühne für ein »Musical« umfunktionieren. Was die Popularität angeht, dürfte sich das Supermarkthotel freilich schwer tun, mit dem nachfolgenden Clip von ImprovEverywhere Schritt zu halten: Die Zahl der Abrufe nähert sich rapide der Millionengrenze…
Wahrscheinlich hat Tyler Brûlé den falschen Maßstab an die Schweizer angelegt. Wer sich schon im siebten Himmel fühlt, wenn er nur den Himmel als Dach über sich hat, bringt für die Ansprüche und Extravaganzen der Fötzel aus aller Welt naturgemäß kein Verständnis auf. Hören Sie Zarli Cariget vom legendären Züricher Cabaret Cornichon:
(Und falls Sie wissen möchten, was ein Fötzel ist, schauen Sie schnell auch im Writers’ Corner einen Eintrag weiter unten vorbei…)