7. Dezember 2009

Glücksfunde (Serendipity)

Jetzt erst und also reichlich spät komme ich dazu, dieses Interview mit Zaha Hadid gründlicher zu lesen. So kann es gehen, wenn man sich Sachen für eine spätere Lektüre beiseitelegt. Zu bedauern ist daran aber nichts; ich habe im Gegenteil die besten Erfahrungen damit gemacht. Meist nämlich nehme ich Bücher oder Artikel dann wieder zur Hand, wenn sie zu den Themen passen, die mich grade beschäftigen. Dann fesseln mich Aspekte, auf die ich zu der Zeit, als das Interview noch druckfrisch war, vermutlich gar nicht geachtet hätte. Und damit wäre ich eigentlich schon direkt bei dem Thema, um das im Moment viele meiner Gedanken kreisen. Aber ich greife vor.

In dem Interview – das Original erschien in der Wochenend-, nicht wie die Onlineversion behauptet in der Immobilienbeilage der SZ – in dem Interview also geht es nur am Rande um konkrete Bauten oder Entwürfe Hadids, auch nicht um Grundsatzfragen der Architektur oder um ihr architektonisches Credo. Das Gespräch dreht sich vielmehr um ihre Art zu arbeiten und die Quellen ihrer Inspiration. Man erwartet analytische, konstruktiv orientierte Anworten von der Architektin, die ursprünglich Mathematik studierte und deren Entwürfe überhaupt nur mit Hilfe des Computers realisierbar wurden; noch eine Generation zuvor hätten sie jeden Statiker zur Verzweiflung gebracht. Doch Zaha Hadid straft die Erwartungen Lügen. So stellt Eva Karcher, die das Interview führt, gegen Ende des Gesprächs die Frage: »Gehen Sie eher intuitiv vor?« Hadid bringt es fertig, in einem Atemzug die Frage zu bejahen – und gleichzeitig die Vorstellungen, die sich normalerweise mit dem Begriff der Intuition verbinden, zurückzuweisen:  

»Für mich ist Intuition nichts anderes als Beobachtungsgabe. So entstehen Erfindungen, glaube ich – nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Man probiert etwas aus, irrt sich, versucht wieder und wieder und irgendwann hat man etwas Neues geschaffen.«

Daß es nicht genügt, darauf zu warten, daß uns die Muse küßt, haben wir geahnt. Schön, wenn’s so einfach wäre. Vereinfacht und zum Zweck der Verdeutlichung zugespitzt ist freilich auch Zaha Hadids Antwort. Ein bißchen Rumprobieren, Brainstorming, trial and error – daraus entsteht für sich genommen ebenfalls nichts Neues, geschweige denn Besseres. Wenn tausend Affen tausend Jahre lang auf Schreibmaschinen herumhacken, kommen auch nach tausend Wiederholungen des Experiments nicht Goethes gesammelte Werke heraus – noch nicht mal ein einziges Gedicht. So lautet das Standardargument derer, die den göttlichen oder wenigstens übernatürlichen Ursprung von Kreativität und menschlichem Schöpfertum verteidigen. Das weiß natürlich auch Zaha Hadid. Gerade deshalb betont sie etwas polemisch die rein handwerkliche, experimentelle, nach außen gerichtete und gewissermaßen alltägliche Seite des kreativen Prozesses – wohl wissend, daß eine Reihe weiterer Zutaten nötig sind. Zum einen Geduld – eine gespannte, hellwache und immer auch an sich selbst zweifelnde Geduld:

»Eigentlich braucht man viel Zeit dafür, aber die habe ich nun mal nicht. Also versuche ich immer wieder, ganz von vorne zu beginnen. Es ist wohl genau dieses Element der Unsicherheit, das Gefühl, eine Reise in unbekanntes Territorium anzutreten, weshalb es am Ende immer wieder gelingt.«

Die Geduld ist also mit einer bewußten Anstrengung verbunden. Denn das Bekannte steht dem Neuen im Wege – und alles, was wir wissen, kennen wir schon.

Das Phæno in Wolfsburg

Das Phæno in Wolfsburg

Ins Unbekannte aufbrechen heißt: mit dem Bekannten tabula rasa machen; erst dann zeigt es sich überhaupt. Dazu müssen wir das, was wir zu wissen meinen, außer Kraft setzen und zeitweilig vergessen, um stattdessen »ganz von vorne zu beginnen«. Das ist ein waghalsiges Unterfangen. Auf Wegbe­schrei­bungen oder Karten können wir dabei nicht bauen – die gehören zur bekannten, also der alten Welt. Nur unter der Voraussetzung, daß wir nicht wissen, wohin die Reise geht, ob wir jemals ans Ziel kommen werden und ob es das Ziel überhaupt gibt, dürfen wir hoffen, das Ziel zu erreichen und im Unbekannten das Neue zu finden, wofür sich die Reise gelohnt hat.

Das Unterfangen wäre nicht nur waghalsig, sondern geradezu halsbrecherisch, hätten wir nicht wenigstens einen Kompaß. Dieser Kompaß besteht im Fall von Zaha Hadid aus Impulsen und menschlichen Erfahrungsdimensionen, die mit ihrem »Fachwissen«, ihrer Kompetenz als Architektin wenig zu tun haben. Besser gesagt: die ihrer Kompetenz und unverwechselbaren Handschrift voraus- und zugrundeliegen. Sie liegen vielmehr, beispielsweise, in ihrer Herkunft – den Erinnerungen an ihre Jugend, worin sich persönliche Erfahrungen und eine viel ältere Geschichte miteinander verbinden:

»Die Kultur meiner Heimat Irak ist 6000 Jahre alt. Mit meinem Vater habe ich als Teenager die sumerischen Städte im Süden besucht. Wir fuhren mit einem kleinen Boot in die Sümpfe, es war atemberaubend. Die Schönheit der Landschaft, in der Sand, Wasser, Schilf, Vögel, Gebäude und Menschen miteinander zu verschmelzen schienen, hat mich zutiefst geprägt.

SZ: Auch Ihre Architektur und Ihr Design wirken vegetabilisch.

Interessant, dass Sie das sagen. Wenn ich baue, denke ich tatsächlich immer daran, wie gern die meisten Menschen in der Natur spazieren gehen. Sie fühlen sich einfach gut dabei. Vielleicht begreifen sie meine Architektur intuitiv als eine Art Landschaft im urbanen Raum.

Hungerburgbahn, Bergstation

Hungerburgbahn, Bergstation

Zur lebensgeschichtlichen Prägung kommen weitere »Navigations­hilfen«: eine instinktive Aversion gegen »die Diktatur der rechten Winkel«, der sich die »Explosion der Raum­er­neuerung« verdankt. Die An­regung durch »die utopische Energie« der russi­schen Supre­ma­tisten. Das Erlebnis der Choreo­gra­phien John Crankos im Stuttgarter Ballett, das zu Hadids Vision von Leichtigkeit und zum tänzerischen Moment ihrer Arbeit beiträgt – »meine Gebäude sollen fließen und ihre Umgebung in Schwingung versetzen«. Schließlich – um nur noch eins der Beispiele zu nennen, die Zaha Hadid in dem Gespräch anführt – die Erfahrung des Zeichnens und die Rolle, die Zeichnungen für sie spielen:

»Für meine Arbeit sind sie wesentlich, weil Zeichnen und Malen immer in Schichten geschieht, die sich übereinanderlagern. Die Idee des Morphens und der ständigen Formverwandlungen kam aus der Malerei.«

Das alles gehört zum »Sensorium«, dem Gespür, das Zaha Hadid auf ihren Expeditionen in unbekannte Territorien zur Verfügung steht. Statt Kompaß oder Orientierungshilfen könnte man auch Wünschelrute dazu sagen.

Museo del Mediterraneo, Reggio Calabria

Museo del Mediterraneo, Reggio Calabria

Deren oft fast unmerklichen, unterhalb der Ebene bewußter Wahr­nehmung liegenden Ausschlägen vertraut sie, wenn es darum geht, viel­ver­sprechende Wege von Sack­gassen und bloße Luft­spie­ge­lungen von loh­nen­den Etappen­zie­len zu unter­scheiden. Am Ende steht dann das, wofür es von vornherein keine Garantie gibt und was jedesmal aufs Neue auch im Scheitern enden könnte: das Glück des Gelingens.

Dieses Gelingen hat ganz und gar nicht den Charakter der Schöpfung oder des kreativen Wurfs, wie man heute eher sagen würde. Weder kommt es aus dem eigenen Inneren, den Tiefen der Seele, noch ist es eine Manifestation der schöpferischen Potenz des Menschen. Eingebung, Inspiration, Intuition, der Kuß der Muse, die Kraft der Idee – das alles sind irreführende Begriffe und Metaphern. Denn das Glück des Gelingens erscheint demjenigen, dem es widerfährt, nicht als sein Werk. Der Gedanke kommt, wann er will – nicht wann wir wollen, hat Nietzsche einmal gesagt. Das Gelingen hat deshalb den Charakter der Entdeckung – des Glücksfunds, zu dem der Zufall ebensoviel beiträgt wie der eigene Spürsinn. Die Entdeckung überrascht den Entdecker bzw. die Entdeckerin genauso wie später die Betrachter und Nutzer, die Hadids Architektur auf sich wirken lassen.

Die Überraschung ist sogar ein wesentliches Merkmal des Gelingens. Sie wurzelt darin, daß jede echte Entdeckung darin besteht, etwas zu finden, wonach wir nicht gesucht haben. Eine Entdeckung wäre keine Entdeckung, hätten wir das, was wir entdecken, vorher schon gekannt. Wie aber sollen wir nach etwas suchen, was wir gar nicht kennen? Das meinte wohl auch Picasso mit seiner berühmten Bemerkung: »Ich suche nicht, ich finde«. Und nicht selten machen wir die erstaunlichsten Entdeckungen in Momenten, da wir am wenigsten mit ihnen rechnen und ganz vergessen haben, daß wir auf der Suche sind. Dann ist die Wünschelrute in uns am wirksamsten.

Sir Horace Walpole (1717–1797), Schöpfer des Worts »serendipity«...

Sir Horace Walpole (1717–1797), Schöpfer des Worts »serendipity«...

Für die Gabe, Entdeckungen zu machen, nach denen wir nicht gesucht haben, gibt es im Deutschen kein eigenes Wort. Im Englischen schon; es heißt serendipity. Nicht nur dem Deutschen fehlt dafür eine Entsprechung, sondern auch den meisten anderen Sprachen. Deshalb steht serendipity unter den zehn englischen Wörtern, die am schwersten in andere Sprachen zu übersetzen sind, ziemlich weit oben. Das ist nicht seine einzige Besonderheit. Serendipity gehört auch zu den ganz wenigen Wörtern, von denen wir den genauen Geburtstag kennen: es erblickte am 28. Januar 1754 das Licht der Welt in einem Brief, den der englische Dichter, Politiker, Architekt und Gartenbaumeister Sir Horace Walpole an seinen Freund Horace Mann schrieb. Außer dem Wort serendipity hat uns Walpole übrigens noch etwas Bleibendes hinterlassen, nämlich die Parkform, die wir heute als Englischen Garten bezeichnen; »The Castle of Otranto« hingegen – der Roman, der ihm zu seiner Zeit Weltruhm bescherte – ist heute weitgehend vergessen. Aber das nur nebenbei.

...und die Bibliothek in seinem Landhaus »Strawberry Hill«

...und die Bibliothek in seinem Landhaus »Strawberry Hill«

In dem besagten Brief erläutert Walpole nicht nur die Bedeutung des Worts, sondern auch seine Herkunft bzw. seine Wurzeln. Er verdanke es, so jedenfalls erklärt er es seinem Freund, der Lektüre eines »dummen Mär­chens«, das er bei einem dritt­klassi­gen italie­ni­schen Schrift­steller des 16. Jahr­hun­derts g­efun­den habe. Dieser Schrift­steller hieß Michele Tramezzino, was im Deutschen so viel wie »halbe Portion« bedeutet, das Märchen trug den Titel » Peregrinaggio di tre figluoli del re di Serendippo« (Reise der drei Söhne des Königs von Serendip), und Tramezzino gab an, bei einem gewissen Christophero Armeno darauf gestoßen zu sein; der aber habe auch nur eine persische Quelle ins Italienische übersetzt. Eine rechte Odyssee und literarische Räuberpistole also – doch das hat in der Literatur Tradition. In diesem Fall ist ihr noch nicht einmal eine gewisse Glaubwürdigkeit abzusprechen,  denn die Geschichte der drei Prinzen von Serendip gibt es in orientalischen Quellen tatsächlich, und speziell in der persischen Hoch­literatur hat sie – bei Firdausi, Nizami, Khusrau sowie in 1001 Nacht eine Reihe bedeutender Meta­mor­phosen erfahren. Sarandib (arabisch) bzw. Sarandip (persisch) ist übrigens der alte Name der Insel Ceylon, die mittler­weile auch schon wieder anders, nämlich Sri Lanka heißt.

Doch nun von Sarandip oder Sri Lanka zurück zur serendipity und der Bedeutung, die Horace Walpole dem von ihm geprägten Begriff gegeben hat; ich lasse ihn am besten selbst zu Wort kommen:

»As their highnesses [gemeint sind die Königssöhne] traveled, they were always making discoveries, by accidents and sagacity, of things which they were not in quest of.«

Genau das – die Begabung, Entdeckungen zu machen, nach denen man nicht gesucht hat – ist bis heute die Hauptbedeutung des Wortes geblieben; sekundär dient es bisweilen auch dazu, diese Glücksfunde selbst zu bezeichnen. Ich glaube allerdings nicht, daß Walpole auf die Geschichte der drei Prinzen stieß, als er nach einem Namen für diese Fähigkeit suchte; naheliegender scheint mir, daß er erst beim Lesen der Geschichte auf diese besondere Gabe aufmerksam wurde. Insofern ist die »Entdeckung« des Worts ihrerseits ein Beispiel für das, was es bezeichnet, nämlich serendipity.

Und Zaha Hadid hat natürlich recht: bei bedeutenden Entdeckungen ist meistens oder immer serendipity im Spiel. Das schmälert mitnichten die Leistung der Forscher und Entdecker oder reduziert sie gar auf einen »bloßen Zufall«. Im Gegenteil: es bedarf höchster Wachheit und Geistesgegenwart, im scheinbaren Zufall das Wunder des Neuen wahrzunehmen. In aller Regel nämlich ist die Entdeckung des Neuen von einem Unfall oder vom Scheitern kaum zu unterscheiden – und wer innerhalb der Horizonte des schon Bekannten bleibt, sieht überhaupt nur letzteres. Als Archimedes in die Wanne stieg und das Wasser überlief, hätte es nahegelegen, über die Schweinerei auf dem Fußboden zu fluchen – oder damit zu hadern, daß er schon wieder zugenommen hatte. Archimedes aber »sah« im überlaufenden Wasser ein universelles physikalisches Prinzip am Werk, das von da an seinen Namen trug und bis heute seine praktische Bedeutung behalten hat. (Freilich – auch das muß gesagt sein – hätte er vermutlich gar nichts gesehen, wenn er nicht schon vorher lange über Mittel und Wege gebrütet hätte, das Volumen unregelmäßiger Körper exakt zu bestimmen; die Entdeckung ist die Krönung des Wegs – nicht dessen Anfang.)

Arno Penzias und Robert Wilson vor ihrem Empfänger für Radiosignale im Mikrowellenbereich

Arno Penzias und Robert Wilson vor ihrem Empfänger für Radiosignale im Mikro­wellen­bereich

Oder – um noch ein Beispiel an­zu­führen, das näher an der Gegen­wart liegt: als Arno Penzias und Robert Wilson 1964 für die Bell Labora­tories einen Radio­empfänger von bis dahin un­erreich­ter Empfind­lich­keit ent­wickel­ten, um damit Signale aus dem Welt­all auf­zu­fangen, ver­zweifel­ten sie schier an dessen »Kinde­rkrank­heit« – einem Eigen­rauschen, das die Empfind­lichkeit des Apparats wertlos machte. Solche Phänomene störenden Grund­rauschens kennt jeder Radio­techniker – und ihre Quelle auf­zus­püren, ent­wickelt sich häufig zum Alp­traum. Auch Penzias und Wilson bemühten sich vergeblich, dem Stör­ge­räusch auf die Spur zu kommen. Ihr Gerät wäre wohl als ge­schei­tertes Projekt in der Ver­senkung ver­schwunden, hätten sie nicht Physikern der benachbarten Stanford University von ihrem Problem erzählt.

30 Jahre nach Penzias/Wilson lieferte die Cobe-Mission der Nasa einen weiteren Beleg für die Urknalltheorie: die räumliche Struktur der kosmischen Hintergrundstrahlung

30 Jahre nach Penzias/Wilson lieferte die Cobe-Mission der Nasa einen weiteren Beleg für die Ur­knall­theorie: die räumliche Struktur der kosmi­schen Hinter­grund­strahlung

Die beschäftigten sich damals mit theoretischen Modellen von der Entstehung des Universums – und einer von ihnen kam auf eine verwegene Vermutung. Wäre es nicht denkbar – so fragte er – daß das Rauschen seine Ursache nicht in einem Fehler des Empfängers habe, sondern dessen besonderer Leistungsfähigkeit geschuldet sei? Dann aber kam, nach dem damaligen Stand des Wissens (an dem sich in dieser Hinsicht bis heute nichts geändert hat) nur eine Radioquelle in Frage, die dieselben Eigenschaften aufwies wie das Grundrauschen eines Empfängers, und das war die kosmische »Hintergrundstrahlung«, die als Spur eines hypothetischen »Urknalls« im Universum zurückbleiben mußte. Weitere Experimente bestätigten diese Vermutung. Damit war der erste experimentelle Nachweis für die These vom Urknall oder Big Bang geführt, die bis dahin nur eine von vielen konkurrierenden kosmologischen Hypothesen gewesen war: serendipity at work.

Es handelt sich, wie ich eingangs bemerkt habe, um eine Thematik, die mich seit einiger Zeit verstärkt beschäftigt. Das hat folgenden Grund. Serendipity steht zwar, wie wir gesehen haben, für eine individuelle Begabung, Haltung und Einstellung zur Welt. Sie braucht aber eine Welt, in der sie sich entfalten kann. Eine Welt hingegen, die alle Unwägbarkeiten und Eventualitäten eliminieren möchte und nur am reibungslosen, vorherberechenbaren Funktionieren interessiert ist, nimmt auch der serendipity die Luft zum Atmen. Sie erstickt jegliches Innovationspotential. Und das charakterisiert, wie mir scheint, die Situation, in der wir uns heute befinden und in die wir uns immer weiter hineinbewegen. Unsere Gesellschaft leidet an einem Syndrom, das ich als die »Tyrannei des Masterplans« bezeichnen möchte. Der Masterplan zeichnet sich dadurch aus, daß in ihm alle Ergebnisse schon vorweggenommen sind. Neues, das nicht ins Schema paßt, wird darin zum Störfaktor, und Individuen, die aus Entdeckerlust bewußt das Risiko des Scheiterns auf sich nehmen, müssen das nach Kräften verheimlichen, um akzeptiert zu werden. Gelingt ihnen das nicht in ausreichendem Maß, bescheinigt man ihnen einen Mangel an soft skills, die für eine effiziente Arbeit im Team und einen reibungslosen workflow unerläßlich seien.

Das ist – auch Zaha Hadid weiß im Interview ein Lied davon zu singen – der Druck, unter dem Kreative heute stehen, arbeiten und dennoch immer wieder staunenswerte Leistungen erbringen. Daran, auf Widerstände zu stoßen, sind kreative Querköpfe und Dickschädel nun mal seit Jahrhunderten gewöhnt. Schlimmer ist, daß es immer weniger Räume gibt, in denen Kreativität und Innovation gefragt sind – und daß auch die bestehenden Räume immer enger werden. Um nur in meinem eigenen, engen Bereich der Architektur, Innenarchitektur und Planung von Hotels zu bleiben (aber in der Politik, der Wissenschaft und der Technik verhält es sich nicht anders): wo ein »Masterplan« gleich welcher Art die Resultate bis ins Kleinste vorwegnimmt, reduziert sich die Rolle von Gestaltung und Planung auf nichts als dekorative Zutat. Das Ergebnis ist in seiner Wirkung vorhersehbar: gewollt, gekünstelt, »designt«. Gesucht, nicht gefunden. Wie könnte es anders sein? Wer das Neue, Unvorhergesehene und Überraschende will, muß auch den Weg dahin wollen – und in den Weg dahin investieren. Der aber benötigt Zeit, mehr Zeit, als nach der simplen Logik der Effizienz für die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten erforderlich wäre. Denn bei kreativen und innovativen Lösungen liegt die eigentliche Leistung nicht im fertigen Resultat, sondern in den vielen Halb- und Dreiviertel-Lösungen, die man auf dem Weg dahin links und rechts hat liegen lassen. So arbeiten erfolgreiche Wünschelrutengänger, die auf die Magie der serendipity vertrauen. Letztlich beruht das Gelingen jeder Planung auf Dingen, die sich nicht planen lassen. Dem Spiel der Kreativität mit dem Zufall. Der Fähigkeit, vorgegebene Ziele zu verfehlen und dafür andere, ungleich lohnendere zu erreichen. Und so weiter und so weiter. Aber schon wer es wagte, auch nur so zu reden, würde von den Buchhaltern der Effizienz und Sachwaltern des Masterplans sehr schnell für geistig unzurechenbar erklärt werden. Es ist ja auch kein Zufall, daß die Architektur Zaha Hadids die längste Zeit mehr bewundert als gebaut wurde.

Investiert wird stattdessen in immer ausgefeiltere Methoden der »Prozeßoptimierung«. Für Grundlagenarbeit, Innovation und kreatives Experimentieren dagegen steht immer weniger Zeit und Geld zur Verfügung. Über kurz oder lang werden dann unweigerlich auch die »staunenswerten Leistungen« immer seltener werden und schließlich ganz ausbleiben, weil die kreativen – und ich sage in aller Deutlichkeit: die wirklich wertschöpfenden Schichten – nicht mehr willens und in der Lage sind, sich den Aufbruch in unbekannte Territorien zu leisten und das Risiko dafür ganz alleine zu tragen. Optimiert wird dann nur noch der Status-quo. Daß das für jede Gesellschaft tödlich ist, liegt auf der Hand. Aber will es jemand hören in einem Meinungsklima, worin allen Ernstes und immer noch die bloße Reduzierung von Kosten und der Abbau von Personal als Königsweg zur Unternehmenssanierung ausgegeben werden?

Mit der »Autentica habita« gewährte Friedrich Barbarossa der Universität Bologna das »Scholarenprivileg«; heute sagen wir Hoch­schulautonomie dazu

Mit der »Autentica habita« gewährte Friedrich Barbarossa der Universität Bologna das »Scholarenprivileg«; heute sagen wir Hochschulautonomie dazu

Die schlimmsten Folgen zeitigt der einseitige, profitversessene und zukunftsblinde Effizienzwahn ausgerechnet in jenem Bereich, der für unsere Zukunft am wichtigsten ist – der Bildung. Schulen die, statt individuelle Potentiale zu fördern, sich nur noch an einer quantifizierbaren Relation zwischen Input und Output von »Lehrstoff« messen lassen wollen, verdienen diesen Namen nicht. An den Universitäten hat man der Tyrannei des Masterplans heute den Namen »Bologna-Prozeß« verpaßt. Das ist nicht ohne Ironie. Immerhin beherbergt die Stadt Bologna die älteste Universität Europas, der schon 1155 von Friedrich I. die Freiheit von Forschung und Lehre vertraglich garantiert wurde, und deren Ausstrahlung und geistig-intellektueller Einfluß auf das übrige Europa über Jahrhunderte weg kaum zu überschätzen ist. Ausgerechnet im Namen dieser Stadt wird nun der akademischen Freiheit der Garaus gemacht.

Natürlich weiß ich, daß die akademische Freiheit mißbraucht werden kann und oft genug mißbraucht wurde. Aber das gilt für die Freiheit generell. Wollen wir sie deshalb abschaffen? Wahrscheinlich muß man die akademische Freiheit heute auch anders interpretieren und ausgestalten, als es Humboldt im 19. Jahrhundert vorschwebte – geschenkt. Dennoch bin ich sicher: intellektuelle, wissenschaftliche und kulturelle Höchstleistungen sind nicht möglich ohne den akademischen Freiraum, der den Mut zum Risiko und die Freude am Experimentieren belohnt. Und die komplexen, nicht vorhersehbaren Herausforderungen, vor denen wir in Zukunft nicht weniger stehen werden als jetzt, verlangen nicht nur Höchstleistungen, sondern kreative Höchstleistungen. Wer darauf gedrillt wurde, mit vorgegebenen Werkzeugen vorgegebene Aufgaben zu lösen – und nichts sonst –, ist diesen Herausforderungen sicher nicht gewachsen. Die Zukunft gehört jenen Lösungen und Entdeckungen, von denen bisher noch keiner geträumt, geschweige denn danach gesucht hat: serendipity.

Diese Fähigkeit, Entdeckungen zu machen, nach denen man nicht gesucht hat, ist keine Begabung, mit der man auf die Welt kommt – oder auch nicht. Sie ist nicht in den Genen verankert und ein für allemal festgeschrieben. Man kann sie lernen, üben und immer weiter vervollkommnen. Sie ist auch keine akademische Disziplin, sondern eine Lebenskunst. Zu dieser Kunst, zur serendipity als persönlicher Herausforderung, gehört zuallererst die Absage an einen Masterplan fürs eigene Leben. An dessen Stelle treten Neugier, Offenheit und die Lust an der Improvisation. Das Wissen, daß Umwege und sogar scheinbare Abwege oft schneller zum Ziel führen als die rohe Gewalt des direkten Wegs. Daß sich die Horizonte ständig verschieben, und daß wir manche Ziele überhaupt erst in den Blick bekommen, sobald wir uns auf den Weg gemacht haben. Daß Ballast abwerfen muß, wer die Schwerkraft überwinden will. Leichtigkeit, Schnelligkeit, Beweglichkeit – das sind die Eigenschaften, die uns von Entdeckung zu Entdeckung führen. Das Leben und die Welt haben mehr und besseres zu bieten, als in den ausgefeiltesten Masterplan hineinpaßt. Serendipity macht das Leben reicher und die Welt lebenswerter. Mehr kann man von einer Lebenskunst fast nicht erwarten.

 

Ich möchte Sie mit diesen Überlegungen nicht allein lassen, ohne eine Entdeckung mit Ihnen zu teilen, die ich bei den Recherchen zu diesem Thema zufällig und ohne Absicht – also serendipitously – gemacht habe: die Serendipity Suite gibt es schon. Zwar nicht als Blog; auch nicht als Zimmerflucht in einem Hotel – dafür aber als musikalische Suite. Sie stammt von dem amerikanischen Komponisten Richard Meyer, und der ist zwar kein Haydn, Mozart oder Beethoven – hörenswert ist sein kleines Stück aber allemal. Lassen Sie sich überraschen.