11. Januar 2010

1100.006 wie Liebe

Wer Melvil Dewey war, wissen heute nur noch Eingeweihte – das nach ihm benannte Ordnungsschema aber kennt in Amerika jedes Schulkind. Die Dewey Decimal Classification (DDC) – häufig auch einfach library classification genannt – ist das System, nach dem jede öffentliche Bibliothek und jede Schulbücherei geordnet ist. Jedes Wissensgebiet und jede noch so kleine Spezialdisziplin hat darin einen unverwechselbaren, durch eine Dezimalzahl bezeichneten Platz.

Ein Gast, der in einem Hotel Zimmernummern von der Art 500.001, 1000.006 oder 1200.002 vorfindet, wird deshalb nicht lange brauchen, um den Namen der Herberge zu erraten. Genau so – The Library nämlich – heißt das Fünf-Sterne-Haus denn auch, das sich selbst unter den Ersten Adressen New Yorks einordnet. Die Lage des Boutique-Hotels in Midtown Manhattan, an der Ecke Madison Ave. und 41. Straße, ist jedenfalls ideal – nur wenige Schritte entfernt vom Bryant Park, der Grand Central Station, der 5th Avenue und dem Times Square mit dem angrenzenden Theaterbezirk. Ebenso in unmittelbarer Nachbarschaft gelegen: die berühmte New York Public Library sowie die Pierpont Morgan Library, die wohl als Inspirationsquelle für das Hotelkonzept dienten; die 41. Straße ist auch unter dem Namen Library Way bekannt.

Die Planer haben das Konzept stilsicher umgesetzt und ein Hotel geschaffen, das in dieser Form tatsächlich einzigartig sein dürfte. Von den 60 Zimmern, die sich auf die oberen zehn Stockwerke des 14-stöckigen Gebäudes verteilen, gleicht – Dewey sei Dank – keins dem anderen. Jede Etage ist einer der zehn Hauptkategorien der DDC zugeordnet, und jedes Zimmer wiederum einem ganz bestimmten Wissensgebiet daraus, das echte Experten schon an der Zimmernummer ablesen können. Dieses Wissensgebiet entscheidet darüber, welche Bücher der Gast im Zimmer vorfindet, und welche Bilder an den Wänden ihn erwarten. So dürfen sich in Zimmer 1000.006, das den Neuen Medien gewidmet ist, Bill Gates und Steve Jobs (bzw. Porträts der beiden) an den Wänden in friedlicher Koexistenz üben. Viel gefragter als dieses sind allerdings die Zimmer 800.001 und 1100.006, die im Zeichen der erotischen Literatur respektive der Liebe stehen – dicht gefolgt auf der Beliebtheitsskala vom Märchenzimmer mit der Nummer 800.005.  

Die geringste Nachfrage besteht übrigens, so das Management, nach Zimmer 1100.005, das sich paranormalen Phänomenen – also dem Okkultismus – verschrieben hat. Das könnte sich aber schnell ändern. Sobald in der Presse, im Fernsehen oder im Internet die ersten Berichte über unerklärliche Erscheinungen, Re-Inkarnationen Verstorbener oder Botschaften aus dem Jenseits auftauchen, dürfte sich das Hotel vor Nachfragen kaum mehr retten können. :-)

Doch bleiben wir in der Gegenwart. Noch erheblich spürbarer als in den Zimmern ist die Bibliotheksatmosphäre in den öffentlichen Bereichen des Hotels – von der Rezeption bis zu den Lounges und der Bar im 14. Stock. Da gibt es einen Reading Room, einen Writer’s Den und einen Poetry Garden – und wohin man auch blickt: Bücher, Bücher, Bücher, säuberlich einsortiert in deckenhohe Mahagony-Regale. Nur ein System oder irgendeine Art von Ordnung ist darin nicht zu erkennen – geschweige denn eine Dewey Decimal Classification. Da steht Dan Brown neben Thomas Pynchon, und Hamlet erfreut sich der Gesellschaft von Philip Marlowe und Harry Potter. Das hat immerhin zur Folge, daß man beim Stöbern auf der Suche nach der passenden Lektüre immer wieder die unverhofftesten Entdeckungen macht; von serendipity ist in diesem Zusammenhang in Presseberichten und Web-Rezensionen von Hotelgästen mehr als einmal die Rede – schon aus diesem Grund will ich dieses furchtbare Durcheinander vorerst nicht allzu streng bewerten. Aber eine Frage drängt sich mir dennoch auf.

Die Stammgäste der Serendipity Suite erinnern sich vielleicht, daß ich vor ein paar Monaten – im Zusammenhang mit dem Münchner Hotel Olympic und dem Literaturhotel Franzosenhohl – schon einmal die Vermutung geäußert habe, daß sich hier eventuell ein neuer Trend, ein Revival des Bücherhotels abzeichnet. The Library scheint diese Vermutung zu bestätigen. Und trotzdem zögere ich. Etwas in mir sträubt sich, die New Yorker Luxusherberge beispielsweise mit dem Literaturhotel Franzosenhohl zu vergleichen. Dort ist es eine leidenschaftliche Leserin und Büchernärrin, die darauf gewettet hat, mit ihrer Leidenschaft nicht allein zu sein, und aus dieser Überzeugung heraus den Mut fand, ein Literaturhotel zu gründen. Ich halte es für wahrscheinlich, daß sie damit einen Nerv getroffen hat – deshalb spreche ich von einem möglichen Trend.

Auch The Library in New York wäre selbstverständlich nicht so erfolgreich, spräche es nicht ein mächtiges unterschwelliges Bedürfnis an, aus dem jeder Trend sich nährt. Trotzdem verhalten sich die Dinge hier völlig anders. The Library kalkuliert mit dem Trend, es ist sehr gekonnt auf den Trend hin konzipiert. Man hat einen Bedarf erkannt und setzt erfolgreich darauf, daß Bücher, Bildung und eine gewisse Tiefe wieder zum guten Ton gehören und einen Distinktionsgewinn versprechen.

Ich könnte auch sagen: im Library Hotel fungieren die Bücher überwiegend als Statussymbole. Da ist keine Leidenschaft eines Lesers spürbar, der andere Leser begeistern und seine Leidenschaft mit ihnen teilen möchte. Ich komme auf die völlige Zusammenhanglosigkeit, das Fehlen jeder Ordnung zurück, mit der die Bände dekorativ auf die Regale verteilt sind. Zwar habe ich versprochen, mich mit Tadel zurückzuhalten – eins aber will ich doch feststellen: so geht kein Leser mit seinen Büchern um. Höchstens ein Marketingleiter, den man zum Bibliothekar ehrenhalber ernannt hat. So, wie es in The Library tatsächlich der Fall ist.

Spricht das gegen das Hotel? Natürlich nicht. Sehr wohl aber gegen die Ernsthaftigkeit seines bibliophilen Anspruchs. Denn – wenn ich die Bilder der Zimmer und der sonstigen Räumlichkeiten betrachte: Zum Schmökern oder gar zum Schreiben lädt mich hier gar nichts ein. Die Bücher erscheinen mir als pure Dekoration – Teil eines nahezu perfekt umgesetzten Marketingkonzepts. Ein bißchen erinnert mich das Ganze an die Bücherwände, die noch vor wenigen Jahrzehnten jedes bessere Wohnzimmer (verun)zierten und den bildungsbürgerlichen Anspruch seiner Bewohner signalisierten. Auch darin waren die Bücher meist nach rein ästhetischen Gesichtspunkten ohne Rücksicht auf den Inhalt geordnet, und Lesespuren zeigten – wenn überhaupt – die wenigsten.

Es ist ein wichtiger, oft übersehener Unterschied, der sich hier manifestiert. Wahrscheinlich zeigt jeder Trend diese zwei Gesichter. Da gibt es zum einen die, die ihn initieren und tragen, indem sie ihre Liebe und Leidenschaft zum Geschäftsmodell machen. Und zweitens diejenigen, die den Trend erkennen und darauf setzen, mithilfe ausgefeilter Marketingkonzepte davon zu profitieren. Beides kann erfolgreich sein. Und es braucht in der Regel auch beide Komponenten, damit neue Entwicklungen jene gesellschaftliche Durchschlagskraft erlangen, die wir dann mit dem Namen Trend bezeichnen. So wenig ich daher die beiden Gesichter bzw. die jeweiligen Protagonisten moralisch bewerten will, so sehr gehört meine Sympathie den ersteren, die sich persönlich in die Waagschale werfen. Umgemünzt auf Hotels: nur da, wo ich die Persönlichkeit, den Stil, die Vorlieben des Besitzers oder Betreibers spüre, kann ich mich als Gast wirklich zuhause fühlen.

Aufmerksame Leser der Serendipity Suite sind vermutlich bereits des öftern darüber gestolpert, daß ich mich gar nicht genug über die sogenannten Themen-Hotels mokieren kann. Andererseits aber immer wieder betone, wie entscheidend wichtig es für ein Hotel sei, ein Thema zu haben. In Wirklichkeit zielt der scheinbare Widerspruch genau auf denselben Unterschied. Authentisch oder marketinggesteuert – das ist hier die Frage. In den extremeren Fällen ist das leicht zu beantworten. Sehr oft aber liegen die Dinge komplizierter, und die Unterscheidung zwischen Authentizität und Attitüde ist nicht ganz so einfach zu treffen. Es gibt sogar Fälle – Mischformen gewissermaßen – wo die Grenzen zwischen beiden verschwimmen.

Aus diesem Grund nimmt diese Frage einen so großen Raum in diesem Blog ein. Denn ich habe den Verdacht: nur die Antwort darauf liefert uns den Schlüssel, wirklich zukunftsweisende Entwicklungen von bloßen Eintagsfliegen, Nischenphänomenen oder modischen Torheiten zu unterscheiden.

Es würde mich sehr interessieren, wie Sie darüber denken.
 

Foto: »The Library Hotel«

»The Library« von außen
 

Library Hotel Lobby 2MB

Rezeption
 

library_new_reading room
Reading Room
 

Foto: »The Library Hotel«

Reading Room
 

Foto: »The Library Hotel«

Writer’s Den
 

Foto: »The Library Hotel«

Love Room
 

Foto: »The Library Hotel«

Fairy Tales Room
 

Foto: »The Library Hotel«

Astronomy Suite