8. März 2012

Dicke Fische

von Cornelia Markus-Diedenhofen, A K Aichner, Christian Aichner

Trends im Hoteldesign und im Bereich des privaten Wohnens beeinflussen sich wechselseitig. Speziell im Luxussegment stehen sie nicht selten im Wettbewerb zueinander. Und der führt mitunter zu tierischen Auswüchsen…

Der französische Stürmerstar Thierry Henry ist vielen ob seiner Dribbelkünste und Torgefährlichkeit in bester Erinnerung. Von seiner Leidenschaft für Fische war bisher weniger die Rede. Das hat sich jetzt schlagartig geändert, als der Arsenal-Star bekanntgab, sein erst 1999 gebautes Haus im Norden Londons abreißen und an seine Stelle einen Neubau setzen zu wollen, in dessen Zentrum ein vierstöckiges Aquarium stehen soll, das 25 000 Liter Wasser fassen und 350 Fischen eine Heimat bieten soll.

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Unter Architekten haben diese Pläne einen Entrüstungssturm ausgelöst. Schließlich geht es nicht um den Abriß irgendeines Reihenhauses in HIntertupfingen oder Großburgwedel; was Thierry Henry den Fischen opfern möchte, gilt vielmehr als eins der Meisterwerke moderner Architektur in England, entworfen von dem Architekten Richard MacCormac. Auch der hat sich mittlerweile entschieden gegen Henrys Neubaupläne ausgesprochen – aber das ist ja auch kaum weiter verwunderlich.


Richard MacCormacs Haus für Thierry Henry

Ein bißchen zum Staunen finde ich das alles aber schon. Kaum ein paar Jahrzehnte ist es her, da galten Aquarien als Gipfel der Spießigkeit. Dann kamen – ungefähr gleichzeitig mit den fliegenden Toastern – Fische als Bildschirmschoner in Mode. Der Computermonitor mutierte zum virtuellen Aquarium – und plötzlich galten Aquarien als cool; noch das Kameha Grand in Bonn vermarktet seinen digitalen Fischteich als visionäre Attraktion. Schon vorher freilich ließen sich Hotelplaner von der neuen Coolness inspirieren und integrierten ins Atlantis-Hotel in Dubai ein gigantisches Aquarium, dessen Haie den zahlungskräftigen Gästen einen wohligen Schauer über den Rücken jagen.

Doch was Dubai kann, kann Berlin schon lange, genaugenommen sechs Jahre länger als Dubai. Bereits 2003 eröffnete in der deutschen Hauptstadt das Radisson Blu mit dem Aquadom im Atrium – bis heute das größte freistehende Aquarium der Welt. Möglicherweise liegt es an den Haien und am exotischen Klang des Namens Dubai, daß dem Atlantis-Hotel soviel mehr Publicity zuteil wurde; vielleicht aber auch an dem Auftrieb internationaler Stars und Möchtegern-Stars – von Kim Kardashian bis zu Boris Becker –, die an der Eröffnungsgala teilnahmen und von der Boulevardpresse entsprechend gefeiert wurden. Im Unterschied zum Aquarium des Atlantis Hotels ist der Aquadom allerdings auch für Nicht-Hotelgäste zugänglich.

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[Radisson Blu, Berlin – Kudos: Atlas Obscura]

Gegen die mehr als eine Million Liter Wasser, die der Aquadom enthält, nimmt sich Thierry Henrys geplantes Aquarium dann fast schon wieder bescheiden aus. Trotzdem frage ich mich: sind digitale Fische wirklich spannender als lebende? Und kann, wenn sich die Spießigkeit ins Monumentale steigert, etwas anderes herauskommen als monumentales Spießbürgertum? Von den Fischen ist darauf keine Antwort zu erwarten; die sind, zu unserem Glück, bekanntlich stumm.