18. Mai 2010

Die Authentizitäts-Falle

Das ist ein Buch, das neugierig macht und auf dessen Lektüre ich mich freue. Damit habe ich auch schon verraten, daß ich es nicht gelesen habe – und wenn ich an den Stapel unbedingt gelesen werden wollender Bücher neben meinem Bett denke, wird dieses hier wohl noch eine Zeitlang warten müssen. Erwarten Sie also bitte keine authentische Rezension von mir. In Wirklichkeit spreche ich auch gar nicht über das Buch, sondern über ein Interview mit seinem Autor, das World Hum vor ein paar Tagen veröffentlicht hat. Darin allerdings schien mir einiges nachdenkenswert – und ein paar Gedanken dazu möchte ich mit Ihnen teilen.

Andrew Potter heißt der Autor, und das Buch trägt den provozierenden Titel »The Authenticity Hoax« – auf deutsch etwa »Die Authentizitäts-Lüge« oder »Die Authentizitäts-Falle«, wenn nicht gar – in einem etwas bildungslastigeren Verlag: »Mythos Authentizität«. Seinen Ausgangspunkt nimmt es laut Potter von einer einfachen, nachvollziehbaren, wenngleich nicht sonderlich originellen Feststellung: der Wunsch nach Authentizität, der in vielen Bereichen des Konsums und vor allem des Tourismus fast schon Züge von Gier angenommen hat, ist nur ein Symptom – Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben. Authentizität ist vor allem das Gegenbild zu dem, was ist, die Antithese zur alltäglichen Öde. Ob das, wovon der Einzelne dann träumt – das kärgliche, einfache Leben der Bauern oder das gefährliche Leben in San Franciscos Tenderloin District, das ausschweifende Leben der Künstler oder das aufregende Leben der Abenteurer – ob das alles dem wahren Leben oder der Natur wirklich näher ist, spielt dabei erstmal gar keine Rolle. Entscheidend ist die Unzufriedenheit, die nach Fluchtwegen sucht. Und weil die längst ein Massen-Phänomen darstellt, ist auch Authentizität zu einem Massenbedürfnis geworden.

Das hat zwei Folgen, die gleichzeitig die beiden Pole darstellen, zwischen denen der Begriff von »Authentizität« heute oszilliert.  Zum einen wird wirkliche Authentizität zu einem immer knapperen Gut, das sich nur mehr die leisten können, die sehr viel Geld haben oder die bereit sind, extreme Mühen und Gefahren auf sich zu nehmen. Je weiter diese Entwicklung fortschreitet, desto mehr wird Authentizität zum Luxusartikel und Status-Symbol. Auf der anderen Seite und gleichsam als Gegenbewegung dazu entwickelt sich ein Markt für Authentizität zweiter Hand – »Erlebnisreisen« und »Abenteuer-Urlaube« zum Schnäppchen-Preis etwa. Als extreme Beispiele führt Potter die Nachbauten des Eiffelturms oder der Pyramiden in Las Vegas an, oder »Disney’s California Adventure«. Aber auch die weltweit zu beobachtende artifizielle Rekonstruktion historischer Bauwerke oder ganzer Stadtteile als Kopien ihrer selbst gehört für ihn dazu – Fälschung höherer Ordnung.

Mir selbst fällt dazu ein weiteres Beispiel ein – nämlich der Run auf »Designermöbel« –, wo in gewisser Weise die beiden Pole zusammenfallen: einerseits der Name des berühmten Designers als Statussymbol, andererseits rund um den Globus, beliebig und austauschbar, überall die gleichen Möbel.

Also: hier Authentizität als Status-Symbol, dort eine Disneyland-Authentizität – mit vielen Mischformen dazwischen. Nach dem wahr gewordenen Traum vom erfüllten Leben klingt das alles nicht. Es hinterläßt einen schalen Nachgeschmack. Ein Ungenügen. Und weckt deshalb den Wunsch nach mehr. Nach Besserem. Oder jedenfalls Anderem. Die Jagd nach Authentizität hat längst Suchtcharakter. Es ist eine Gier, die nie befriedigt wird. Und als Folge davon nach immer stärkeren Reizen verlangt.

Und wo bleibt das Positive? – sind Sie jetzt vielleicht versucht zu fragen. Genau darauf will ich hinaus. Denn Authentizität ist, meint Potter, eigentlich überall zu finden, sofern man von der Gier Abschied nimmt. Dazu braucht es vielleicht noch etwas Glück. Er nennt das Beispiel eines Touristen, den es in Venedig nach einem authentischen venezianischen Abendessen gelüstet. Das ist für den Fremden ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Vom schlimmsten Touristen-Nepp bis zur schlichten Trattoria mit exzellenter Küche erwarten ihn fast alle Grade von Authentizität und Nicht-Authentizität. Und dann gibt es den besonderen Glücksfall und gleichzeitig Gipfel der Authentizität, nämlich – und hier zitiere ich Potter wörtlich:

»to get something that nobody can actually buy at all and that would be having somebody who lives in Venice, a friend of a friend, cook you a meal. Which nobody could even buy on the open market. Which makes it completely authentic.«

Authentizität ist das, was sich mit Geld nicht kaufen läßt. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich mir über dieses Thema, hier in der Serendipity Suite, auch schon mal ausführlich Gedanken gemacht habe. Damals ging es mir darum, was eigentlich das Erfolgsgeheimnis von Hotels ausmacht. Und vielleicht geht es darum auch hier. Es wäre in diesem Sinn ganz verfehlt, auf das Bedürfnis der Gäste mit »Authentizität als Attraktion« zu antworten, mit einem sorgsam inszenierten und perfekt bespielten Ambiente. Oder gar mit Authentizität als Grenzerfahrung oder artifizieller Erlebniswelt, worauf so viele »Themenhotels« setzen. Vielleicht kommt es stattdessen nur darauf an, authentisch zu sein. Das Einfachste. Und das Schwerste. Etwas, das sich mit Geld nicht kaufen läßt.

Ich denke dabei an eine Erfahrung, die ich immer wieder mit Auftraggebern mache – und zwar pardoxerweise gerade mit denen, die eine besonders hohe Meinung von Innenarchitektur und Design haben. Die erwarten häufig viel zu viel von uns. Wir wüßten doch, erklären sie, was in ist und was die Leute wollen. Und sie denken ernsthaft, daß im Design der Schlüssel zum Erfolg liege. Ich antworte darauf: Wir leben, wie Sie wissen, in einer globalisierten Welt. Was in ist, ist überall in. Es ist das, was Sie mit allen anderen gemeinsam haben. Was aber zählt, ist das, was Sie unterscheidet. Was Sie vor anderen auszeichnet. Es ist die Seele Ihres Hauses. Die hat zu tun mit seiner Umgebung, mit deren Geschichte, mit den Menschen, die es führen und die darin arbeiten, sowie noch mit einer Reihe anderer Dinge. Und uns geht es darum, dieser Seele eine äußere Gestalt zu geben, worin Ihre Gäste sich wiederfinden. Deshalb müssen Sie uns etwas von dieser Seele vermitteln, bevor wir etwas für Sie tun können.

Ich sehe im Anschluß an solche Worte meist in lange Gesichter. Aber wer sich dann auf das Abenteuer einließ, hat es, so denke ich, nicht bereut.