14. Juli 2010

25 Jahre made by markus diedenhofen (4)

Hotel »Schweizerhof«, Berlin

aufmacher

 
Das Sofa hatte Hildegard Knef gehört; genauer gesagt: es gehörte zu der Suite, in der Hildegard Knef einen Teil ihres Lebensabends verbrachte. Oder, wenn man es mit der historischen Genauigkeit noch genauer nehmen will: die man ihr kostengünstig überlassen hatte – als besseres Austrags-Stüberl gewissermaßen. Denn die Diva, die in ihrem Leben so viel gearbeitet hatte, die als Filmstar, Chanson-Sängerin und Buchautorin gleichermaßen reussierte, lebte am Ende ihres Lebens in finanziell sehr beengten Verhältnissen. Den Makel der »Sünderin« war sie letztlich nie mehr losgeworden. Ein Filmtitel als Omen für ein ganzes Leben – im Grunde ist es eine traurige, eine schäbige Geschichte.

So schäbig wie das Mobiliar des alten Hotels »Schweizerhof« insgesamt. Barockisierende Ungetüme, die in Plüsch und pseudorustikalem Kitsch schwelgten, an die sich aber zahllose Erinnerungen knüpften. Immerhin hatte der »Schweizerhof« ein zwei Jahrzehnte lang das besessen, was Nostalgiker gern als legendären Ruf bezeichnen. Auch der war freilich nicht unbedingt von der Art, auf die ein Firstclass-Hotel stolz sein dürfte. Immerhin: Dieter Thomas Heck, der in Berlin die »Internationale Hitparade« moderierte, verbrachte 1 300 Nächte hier. Die »La Casa«-Suite, in der später die Knef wohnen durfte, war damals für ihn reserviert. Ihm folgten allerhand andere Größen und jede Menge Möchtegern-Stars und Starlets des deutschen Show-Business. Deren Saufgelagen verdankte das Hotel seinen besonderen Ruf in der Stadt. Die nicht gerade großzügig dimensionierte »Wappen-Bar« hieß unter Insidern nur noch die Todeszelle. Werner Buttstädt, Publikumsliebling des NDR, goß dort den Fernet Branca grundsätzlich flaschenweise in sich hinein. Ähnlich hielt es die Polit-Prominenz, die alljährlich anläßlich der Grünen Woche im »Schweizerhof« logierte und in dessen Markgrafen-Saal ihre überparteilichen Kontakte pflegte. »Bier, Sekt, Schnaps und Wein / wie viel paßt in den Minister rein«, kommentierten Journalisten diese Treffen – off the record natürlich.
 

Am Anfang steht ein Schlußstrich

Schon in den letzten Jahren der alten Bundesrepublik waren Exzesse dieser Art nicht mal mehr den Klatsch-Kolumnisten eine Story wert. Die Wilhelm-Tell-Romantik des Interieurs, die in der »Frontstadt« mitteleuropäische Normalität suggerieren sollte, hatte sich schon damals überholt. Mit der Wende war die Zeit des »Schweizerhofs« dann endgültig abgelaufen. Einige Jahre lang erwog man eine gründliche Rundum-Erneuerung. Doch das gab die Bausubstanz schlicht nicht her. Das Gebäude, in den 60er Jahren von einem Münchner Autohändler als Investitionsobjekt errichtet, stieß auch in dieser Hinsicht an seine Grenzen. Man entschied sich also für Abbruch und Neubau statt für eine Renovierung. Und nicht mal die Lokalpresse, sonst eher dem Bewahren und der Traditionspflege zugetan, weinte dem heruntergekommenen Luxushotel eine Träne nach. »Alt geworden, der Sexappeal ist dahin«, schrieb etwa die »Berliner Zeitung« im Juni 1997. »Jedes Rouge auf den Wänden, jeder Lidstrich um die Fenster würde auf grausame Weise die Falten und Flecke noch mehr betonen, jede Renovierung wäre ein würdeloser Akt.«

Blieb die Frage, was mit Hildegard Knefs Sofa und dem anderen Krempel passieren sollte, der einmal ein Interieur gewesen war.  Darum drehten sich unsere ersten Gespräche mit den neuen Betreibern während der Planungsphase des Neubaus. Sollten die Möbel – oder wenigstens eine Auswahl daraus – als Zeichen der Kontinuität fungieren und eine Brücke in die Vergangenheit, zu den besseren Tagen des Hotels schlagen – oder war es an der Zeit, der »guten alten Zeit« endgültig ade zu sagen. Wir plädierten für den radikalen Neubeginn. Das galt umso mehr, als der wirtschaftliche und kulturhistorische Wert der Stücke gegen Null tendierte. Alles, was für sie sprach, war die zufällige und äußerliche Verbindung mit ein paar prominenten Namen. So etwas steigert möglicherweise den Marktwert auf Ebay. Ein Hotel aber ist kein Devotiionalienkabinett. Die Betreiber waren, wie sich schnell herausstellte, von sich aus zu ähnlichen Schlußfolgerungen gelangt. Andernfalls gäbe es heute nicht diesen Rückblick aus meiner Feder.

An dieser Stelle muß ich kurz innehalten, einen Schritt zurücktreten und Atem holen. So selbstverständlich, wie sich das jetzt anhört, ist es nämlich nicht. Eine Kahlschlags-Mentalität ist uns normalerweise fremd. In der Regel geht es uns darum, zwischen Bewahren und Erneuern, Kontinuität und Differenzierung die richtige Balance zu finden. Dem Spannungsfeld, das daraus entsteht, verdanken viele erfolgreiche Hotels ihre Suggestionskraft und ihr charakteristisches Flair – denken Sie an den Wasserturm auf dem Hamburger Schanzenberg oder an den »Öschberghof« in Donaueschingen. Sogar bei einem so funktionalen, an den Bedürfnissen von Business-Gästen orientierten Hotelneubau wie dem »Acom« in Nürnberg haben wir, wie Sie sich erinnern werden, die punktuelle Anknüpfung an die Geschichte der alten Reichsstadt auf den unterschiedlichsten Ebenen zu einem bewußten Gestaltungsprinzip gemacht.
 

Vom Frontstadt-Hotel zum Hauptstadt-Hotel

Warum haben wir dann ausgerechnet beim »Schweizerhof« für eine Radikal-Lösung plädiert? Darauf gibt es zwei Antworten. Die erste habe ich schon angedeutet, und sie leuchtet unmittelbar ein: nachdem das Gebäude selbst nicht zu retten war und einem Neubau weichen mußte, stand das, was sonst noch davon übrigblieb – das Mobiliar also – nur noch für den Mief der frühen Jahre. Genau den mußte das Hotel loswerden, wenn es eine Zukunft haben sollte. Ein sentimentales Festhalten an Erinnerungsstücken hätte das ganze Projekt kompromittiert und um seine Glaubwürdigkeit gebracht.

Die zweite Antwort hängt mit der ersten zusammen, stellt sie jedoch in einen größeren Zusammenhang. Die Schärfe, mit der sich die Frage nach Bewahren oder Erneuern im Fall des »Schweizerhofs« stellte, hatte ja einen Grund. Zwischen der ersten Eröffnung des Hotels im Jahr 1966 und dem Neubau lagen nicht nur etwas mehr als 30 Jahre – dazwischen lagen Ereignisse, die eine welthistorische Zäsur bedeuteten. Berlin war einer der Brennpunkte dieses globalen Umbruchs. Die Fragen nach dem Verhältnis von Altem und Neuem, von Vergangenheit und Zukunft stellten sich daher nicht nur im Hinblick auf den »Schweizerhof«. Sie waren in der Stadt allgegenwärtig und wurden auf unterschiedliche Weise beantwortet. Die Kontroversen um den Potsdamer Platz, den Reichstag, den Palast der Republik, das Stadtschloß etc. sind noch in frischer Erinnerung; sie sind auch lange noch nicht ausgestanden und werden uns die nächsten Jahre weiter beschäftigen.

Vor diesem Hintergrund lag aus unserer Sicht die wirkliche Herausforderung bei der Neugestaltung des »Schweizerhofs« weder darin, das Alte zu bewahren, noch aus dem Nichts etwas Neues zu schaffen. Sondern: aus dem ehemaligen Frontstadt-Hotel ein Hauptstadt-Hotel zu machen. Der »Schweizerhof« sollte erneut die wichtige und prominente Rolle spielen, die er unter den prekären Verhältnissen der geteilten Stadt ausgefüllt hatte – allerdings in einem radikal gewandelten Umfeld. So wie der alte »Schweizerhof« das vergangene, sollte der neue das gewandelte und sich wandelnde Berlin repräsentieren. Der radikale Bruch mit der Tradition diente also auf einer tieferen Ebene dem Zweck, die Tradition wieder aufzunehmen und ihr einen neuen Inhalt zu geben. Nostalgische Reminiszenzen wären diesem Zweck gewiß nicht dienlich gewesen.
 

Ein doppelter Dialog

Eine gewandelte und sich wandelnde Stadt zu repräsentieren ist freilich auch keine ganz triviale Aufgabe. Denn das Wort »Repräsentation« bezieht sich schon dem Wortsinn nach auf etwas bereits Vorhandenes – ein inneres Bild, einen Anspruch, ein Image. Auf eine Tradition, an der man sich orientiert – oder auch eine Utopie. Nichts davon läßt sich auf das heutige Berlin übertragen. Berlin ist seit 1989 das Musterbeispiel einer »(noch) nicht festgestellten Stadt«. Einer Stadt auf der Suche nach sich selbst, ihrer Rolle, ihrem Selbstverständnis. Berlin bleibt auf absehbare Zeit ein auf Dauer gestelltes Provisorium – positiv ausgedrückt: ein Experimentierlabor der Zukunft. Darin liegt ein Versprechen und eine Drohung. Damit weckt die Stadt Hoffnungen und Ängste, damit provoziert sie Euphorie und Widerspruch. Permanent schlägt sie Funken aus ihren Gegensätzen. So wurde sie in den letzten 20 Jahren wieder zu dem, was sie schon in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen war: eine Metropole von internationalem Rang, ein Magnet für die intellektuelle Elite und die kulturelle Avantgarde.

Eine Stadt mit offener Zukunft aber repräsentiert man nicht durch herrschaftliche Gesten oder ein formvollendetes Zeremoniell, sondern durch Offenheit. Das war die Schlußfolgerung, die sich uns aufdrängte. Für den »Schweizerhof« haben wir diese Schlußfolgerung in zwei sich ergänzende gestalterische Ziele übersetzt: das Hotel muß sich deutlich sichtbar zur Stadt hin öffnen; es muß aber gleichzeitig, in einer komplementären Gegenbewegung dazu, die Stadt in sich hineinnehmen. Ein doppelter Dialog, in dem Stadt und Hotel einander durchdringen und sich wechselseitig bereichern. Etwas einfacher und aus der Sicht des Gastes gesagt: das Hotel-Erlebnis ist ein Berlin-Erlebnis. Und umgekehrt.
 

Das Prinzip Kooperation

Ich muß nicht betonen, daß ein solcher Anspruch die Kompetenzen und Möglichkeiten eines Büros für Innenarchitektur weit übersteigt. Einzulösen ist er nur, wenn sich alle, die an der Planung und Realisierung beteiligt sind, in den Dienst dieses Ziels stellen – und wenn vor allem, wie im Fall des »Schweizerhofs«, auch der Betreiber, der das Hauptstadt-Hotel zum »Flaggschiff« seiner Kette machen wollte, sich mit dem Anspruch identifiziert. Das, was die Ausstrahlung und Faszination dieses Hotel-Neubaus ausmachte, war im besten Sinn ein Gemeinschaftswerk. Auf zwei Aspekte, an denen das besonders deutlich wird, möchte ich im folgenden kurz etwas näher eingehen.

Das eine ist die rote Außenwand, die sich – auch von der Straße aus nicht zu übersehen – über die unteren beiden Stockwerke des Hotels erstreckt. Dieser Wand vorgelagert ist die gläserne Fassade; den Raum zwischen Wand und Fassade haben wir als Aufenthaltsraum und Treffpunkt für die Hotelgäste gestaltet. Die Wand fungiert damit als eine Art Scharnier zwischen Hotel und Stadt, was durch das markante Rot noch unterstrichen wird. Die Gäste befinden sich außerhalb der Hotelmauern im Hotel – man könnte auch sagen: in einem Zwischenreich zwischen Hotel und Stadt; die Blicke der Passanten wiederum werden durch durch das Rot scheinbar auf die Wand des Hotels, in Wirklichkeit aber ins Hotel-Innere gezogen. Die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen; das Hotel öffnet sich zu Stadt und wird zu einem Teil nicht nur des Stadtbilds, sondern des städtischen Lebens. Umgekehrt wirken die großzügig bemessenen und weiträumigen öffentlichen Bereiche des Hotels selbst wie eine Fortsetzung des metropolitanen Raums. Ein Innenraum der Stadt zum Ankommen und Wohlfühlen.

Die rote Wand ist also ersichtlich sowohl ein architektonisches wie ein innenarchitektonisches Gestaltungselement und in beiden Hinsichten gleichermaßen zentral. Damit repräsentiert sie sinnfällig die enge Zusammenarbeit zwischen Architekten und Innenarchitekten, die für die erfolgreiche Umsetzung dieses Hotelkonzepts von entscheidender Bedeutung war. Das läßt sich über dieses konkrete Projekt hinaus verallgemeinern: je innovativer ein Hotelkonzept, desto wichtiger ist nach meiner Erfahrung die intensive Kooperation zwischen Architekt und Innenarchitekt schon von der Planungsphase an. Wir hatten in Berlin das große Glück, mit BHPS Architekten auf Partner zu treffen, die ebenso leidenschaftlich an Dialog und Austausch interessiert waren wie wir. Die Zusammenarbeit war eine bleibende Bereicherung.

Soviel zur Öffnung des Hotels hin zur Stadt. Wie aber nimmt man die Stadt ins Hotel hinein? Die Antwort darauf heißt ter Hell, und vielen Kennern und Liebhabern zeitgenössischer Kunst muß ich mehr gar nicht sagen. ter Hell – mit vollem Namen eigentlich Günter Hell – kommt ursprünglich aus der Tradition des Informel und des abstrakten Expressionismus, hat aber schon früh eine unverkennbar eigene Sprache entwickelt und damit internationale Anerkennung gefunden. Sein Werk ist kosmopolitisch, wahrt dabei aber sehr bewußt und mit Absicht die konkreten Bezüge zur Berliner Realität.

Ebenfalls schon in der Planungsphase konnten wir ter Hell dafür gewinnen, eigens für den neuen »Schweizerhof« einen umfangreichen Werkzyklus zu schaffen; 128 Bilder sind es geworden, die sich auf die öffentlichen Bereiche des Hotels sowie auf ausgewählte Zimmer verteilen. In einer Vielzahl von Brechungen und Spiegelungen visualisieren sie die Themen Aufbruch, Transformation, Überschreitung von Grenzen. Die »Metapher vom permanenten Umbau eines Flosses auf freier See« hat ein Kritiker in dem Zyklus gesehen; ihn als Metapher für eine Stadt auf der unabschließbaren Suche nach ihrer Zukunft zu begreifen, läge an diesem Ort womöglich noch näher. Jedenfalls wurde der sorgfältig komponierte Zyklus in einem Maße zu einem integralen Bestandteil des Hotels, wie es nachträglich angeschaffte Bilder niemals sein könnten. Die Zusammenarbeit mit dem Künstler ter Hell zählt für mich zu jenen nicht eben häufigen Erfahrungen, die einen ein ganzes Berufsleben lang begleiten.

Epilog

Als Stadt der offenen Zukunft habe ich Berlin bezeichnet. Ein Ort, an dem die verücktesten Ideen realisiert werden, so manches vielversprechende Projekt aber auch vorzeitig Schiffbruch erleidet. Das letztere Schicksal ist leider auch dem neuen »Schweizerhof« nicht erspart geblieben. Nach dem Wechsel zu einer anderen Kette paßten ausgerechnet die prägenden Elemente der Innenarchitektur nicht mehr zum veränderten Corporate Design. In solchen Fällen gewinnt immer das Corporate Design: die rote Wand ist heute unauffällig beige(?), und ein großer Teil von ter Hells Bildern in alle Welt verstreut. Ich möchte eine derartige Erscheinungsbild-Tyrannei weiter nicht kommentieren. Zugute gekommen ist sie dem »Schweizerhof« sicher nicht.

Wie hat Hildegard Knef einst gesungen: »So oder so ist das Leben«.

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

»Schweizerhof« Berlin, Foto: soenne, Aachen

Innenarchitektur: made by markus-diedenhofen
Fotos: soenne, Aachen.
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25 Jahre made by markus-diedenhofen:
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