18. Juli 2010

Hotel Hollywood Sunday Special

Die Belle Époque war die große Zeit der Grandhotels. Namen wie Ritz, Carlton, Dolder, Adlon oder Oriental kommen einem in den Sinn; Bilder von distinguierten Herren, juwelengeschmückten Damen und diensteifrigem livrierten Personal erscheinen vor dem geistigen Auge. Ebenso legendär aber war der Luxus der schwimmenden Grandhotels vom Schlage der Queen Mary, der Queen Elizabeth, der Mauretania oder der unglückseligen Titanic, die vor der Entwicklung der Luftfahrt die Verbindung zwischen den Kontinenten aufrechterhielten. Diese Linienschiffe sind – mit Ausnahme der Queen Mary 2 – heute ausgestorben; die Tradition lebt aber fort in Form der modernen Kreuzfahrt-Riesen.

Ohne zeitgemäße Weiterführung geblieben und deshalb weitgehend in Vergessenheit geraten ist dagegen die dritte Grundform des Luxushotels in der Belle Époque: das Grandhotel auf Rädern bzw. Schienen. Am ehesten hat sich noch die Erinnerung an den Orient-Express erhalten – schon wegen der Rolle, die er in zahlreichen Büchern und Filmen spielte. Insbesondere Filmfreunde aber erinnern sich vielleicht auch noch an Josef von Sternbergs Meisterwerk »Shanghai Express«, das die Welt der Luxuszüge, deren große Zeit gegen Mitte des 20. Jahrhunderts zu Ende ging, wunderbar lebendig werden läßt. Im Vergleich mit der räumlichen Großzügigkeit von ortsgebundenen Hotels und Luxuslinern sind im Zug zwar zwangsläufig Abstriche zu machen – bei Zügen wie dem Shanghai-Express weiter verstärkt durch die Tatsache, daß sie die auch noch die Entsprechung zum Zwischendeck auf Schiffen aufwiesen: überfüllte Dritter-Klasse-Abteile im vorderen Zugteil. Europäischer Überfluß und die Armut der Slums in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Betreibergesellschaften taten aber alles, daraus kein Gefühl der Beeinträchtigung entstehen zu lassen – und überdies hatte die erzwungene räumliche Nähe Reize und Abenteuer ganz anderer Art zu bieten.

Die beiden folgenden Ausschnitte aus »Shanghai Express« illustrieren das auf eindrucksvolle Weise. Der erste spielt vor Abfahrt des Zuges und läßt erahnen, welcher logistischen Leistungen es bedarf, um ein Hotel auf Rädern mehrere Tage reibungslos »am Laufen zu halten«. Der zweite dagegen vermittelt einen kleinen Eindruck vom Leben in einem solchen Hotel – und ist darüber hinaus schon wegen der schauspielerischen Leistung Marlene Dietrichs sehenswert, deren Gesichtsausdruck in einer einzigen Szene sämtliche Schattierungen zwischen Sehnsucht, Hoffnung, Verlustangst und Verzweiflung widerspiegelt. Letzteres ist für Filmfreunde und Kinobesucher sicher der interessantere Aspekt… :-) :-) :-)

»Shanghai Express«, USA 1932, Regie: Josef von Sternberg, mit Marlene Dietrich, Clive Brook, Anna May Wong, Warner Oland