Erinnert sich noch jemand an Jean Claudes und Christos Aktion, den Reichstag zu verpacken? Ich meine nicht das historische Faktum an sich, sondern das ganze Drumherum: die jahrzehntelangen Diskussionen vorher, der politische Streit von den Ortsvereinen bis ins Parlament, das weltweite Medienecho – und dann die Emotionen, die das verhüllte Bauwerk auslöste, während sich die Verpackungsplanen nonchalant im Wind und der Berliner Luft kräuselten. Magische Momente. Ich kann es bezeugen; ich bin dabeigewesen.
Andererseits hatte von Jean Claude und Christo niemand was anderes erwartet. In der Kunstgeschichte haben sie als »Verpackungskünstler« längst ihren festen Platz. Auf die Idee, ein störendes Gebäude oder Teile davon einfach weg- und danach hinter Glas zu packen – auf die Idee muß man dagegen erst mal kommen. Dazu braucht es wohl die spezielle Mischung aus Euphorie und Hysterie, die das Berlin der Nach-Wende-Zeit charakterisierte. Das kann ich ebenfalls bezeugen – wir haben in diesen Jahren den neuen Schweizerhof gestaltet und aus einem Frontstadt-Hotel ein Hauptstadt-Hotel gemacht. Auch so eine Konfrontation mit der Geschichte, die ich erst kürzlich hier in der Serendipity Suite noch einmal Revue passieren ließ. Bei der Gelegenheit habe ich mehr als einmal an das Hotel Esplanade gedacht – jenes denkmalgeschützte Haus, das man »wegpackte«, weil es den Neubauplänen im Weg stand. Diese Nicht-Renovierung kostete 75 Millionen Euro; technisch handelte es sich um eine Meisterleistung, und das Medien-Echo darauf war (jedenfalls in Berlin) fast so gewaltig wie der Christo-Rummel. Aber das öffentliche Gedächtnis ist kurzlebig: heute kräht kein Hahn mehr nach der Geschichte, und kaum einer weiß noch, was es mit dem »Kaisersaal« wirklich auf sich hat.
Mir erscheint der heutige 20. Juli 2010 ein passendes Datum, noch einmal an das ehemalige Hotel Esplanade und seine Geschichte zu erinnern – sowie an die Art, wie man diese Geschichte »verladen« und »weggepackt« hat. Denn das Hotel Esplanade war auch ein Treffpunkt der Verschwörer des 20. Juli rund um Graf Stauffenberg. Hier reiften die Pläne zur Ermordung Hitlers und zur »Operation Walküre«, dem Staatstreich, der die Beseitigung der Nazi-Herrschaft zum Ziel hatte. Und im Esplanade versammelten sich die Attentäter an jenem 20. Juli 1944, um den Ausgang des Anschlags abzuwarten, der die letzte Chance gewesen wäre, den totalen moralischen und militärischen Bankrott Deutschlands abzuwenden. Es kam aber anders, und damit war nicht nur das Schicksal der Verschwörer besiegelt, sondern auch das des Hotels Esplanade, das gegen Ende des Krieges weitgehend dem Bombenhagel zum Opfer fiel.
Ein unrühmliches Ende für ein Hotel, das für mehrere Jahre, mindestens bis zur Errichtung des Adlon, als erstes Haus am Platz gelten durfte – die unangefochtene Königin unter den Berliner Hotels. Das lag zum einen an der exzellenten Lage am Rande des Berliner Tiergartens, zum anderen an der architektonischen Prachtentfaltung und der hervorragenden Ausstattung – insbesondere für Gäste mit eigener Dienerschaft, der 60 der insgesamt ca. 400 Zimmer zugedacht waren; diese waren durch »Signaltasten« und telefonische Direktleitungen mit den Zimmern der Herrschaften verbunden. In allen Zimmern gab es fließendes kaltes und warmes Wasser – um die Jahrhundertwende noch keine Selbstverständlichkeit –, und 150 verfügten darüber hinaus über ein eigenes »Privatbad«. Zur Straße hin sorgten dreifach verglaste Fenster für eine Schall-Isolierung, die dem Haus den Ruf einer »Oase der Ruhe« einbrachten.
Nicht minder eindrucksvoll waren die öffentlichen Bereiche des Hotels, von denen der Große Gartenhof, der Wintergarten, der glasüberdachte Palmenhof und der Kaisersaal besondere Hervorhebung verdienen. Letzterer verdankt seinen Namen der Tatsache, daß Wilhelm II. (für den im Esplanade eine ganze Saalfolge reserviert war) dort regelmäßig seine »Herrenabende« abhielt – jedenfalls so lange, bis er sich mit dem Adlon sein eigenes »Hofhotel« errichten ließ.
Mit der Kaiserherrlichkeit war es nach dem ersten Weltkrieg dann freilich ohnehin vorbei; das Esplanade aber behielt seinen exklusiven Ruf auch in der Nachkriegszeit, der Weimarer Republik und danach bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs. Neben Industriemagnaten und dem europäischen Hochadel stiegen vor allem Größen des Show-Business hier ab; Charlie Chaplin war ebenso zu Gast wie Greta Garbo. Die folgenden Bilder geben eine Ahnung von Aussehen und Atmosphäre dieses Grandhotels:

Hotel Esplanade, Straßenfront

Großer Gartenhof

Wintergarten

Ein »Privatbad«

Zeitgenössische Hotelwerbung
Die Bomben der letzten Kriegsmonate hatten das Esplanade zum größten Teil zerstört; die erhalten gebliebenen Reste aber wurden sehr schnell, schon Ende der 40er, Anfang der 50er Jahre wieder genutzt – als Ballsaal, Cafe oder Theater. Die aufwendige Innenarchitektur mit Stukkaturen und Wandgemälden war allerdings nur im Kaisersaal und im ehemaligen Frühstücksraum erhalten geblieben. Diese kamen deshalb in der Folge auch als Filmkulisse zu Ehren; zu den Filmen, die teilweise im Kaisersaal und dem Frühstückszimmer spielen, zählen u.a. »Cabaret« mit Liza Minnelli (1972), »Die bleierne Zeit« (1981) von Margarethe von Trotta sowie Wim Wenders’ »Der Himmel über Berlin« (1986).
Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht des kulturhistorischen Werts selbst der rudimentären Reste gab es gute Gründe, das, was vom Esplanade geblieben war, unter Denkmalschutz zu stellen. Bei der Erstellung und Genehmigung der Bebauungspläne rund um den Potsdamer Platz jedoch hatte man das Hotel Esplanade schlicht »vergessen«. Weder die Pläne für das Sony Center noch für die Neue Potsdamer Straße nahmen seine Existenz zur Kenntnis. Vielleicht steckte auch Absicht dahinter und man hoffte, am Ende würde die Macht des Faktischen einen Abriß unvermeidlich scheinen lassen.
Doch da hatte man die Rechnung ohne die Denkmalschützer gemacht – und ohne die Berliner Bevölkerung, die sich in massiven Protesten für eine Erhaltung der Baudenkmäler aussprach. Damit standen die Verantwortlichen vor einem Dilemma. Eine komplette Änderung der Pläne kam in diesem Stadium aus Zeit- und Kostengründen nicht mehr in Frage. Ein Abriß hätte einen offenen Gesetzesbruch vor den kritischen Augen der Öffentlichkeit bedeutet. Also verfiel man auf die Idee, die geschützten Reste des Hotels zu »relozieren« und ins neue Sony Center zu integrieren. Für den Kaisersaal hieß das: das komplette Gebäude samt Fundament zunächst 2,50 Meter hoch emporzuhieven und dann 75 Meter weit an seinen neuen Standort zu bugsieren. Darin lag die technische Meisterleistung, von der ich gesprochen habe – immerhin wog der 17,5 m lange, 13,6 m breite und 12 m hohe Saal nicht weniger als 1800 Tonnen. Monatelange Vorarbeiten waren nötig, bevor es endlich soweit war: am 15. März 1996 gab der Filmregisseur Wim Wenders, der auch zu den Initiatoren der Proteste gehört hatte, das Startzeichen zur eigentlichen Saalverlagerung – und ganz Berlin nahm Anteil.
In seiner Rede betonte Wenders, dies sei eine einzigartige, noch nie dagewesene und wohl auch nie wiederkehrende Gelegenheit, einem Hotel »gute Reise« zu wünschen. Wenders dachte dabei offenkundig nicht an die berühmten Luxuszüge, die man häufig auch als »rollende Grandhotels« bezeichnet hat und mit denen wir uns erst vor wenigen Tagen beschäftigt haben. Deren Ära fiel in dieselben Jahre wie die Glanzzeit des Hotels Esplanade – und sie haben einen entscheidenden Beitrag zur »Europäisierung Europas«, zum Zusammenwachsen des Kontinents geleistet. Ihre Passagiere freilich hätten bei Wenders’ Wunsch höchstens müde gelächelt – sie waren ein anderes Tempo gewohnt. Mit maximal fünf Metern pro Minute bewegte sich der Kaisersaal auf seinen neuen Standort zu, immer wieder von Pausen und »Zwischenaufenthalten« unterbrochen.
Immerhin: das Vorhaben gelang – ebenso wie die Verlagerung des Frühstücks-Saals, den man in 500 Einzelteile zersägte, um ihn dann im Inneren einer im Sony Center aufgehängten Glasvitrine wieder zusammenzubauen; heute beherbergt er das Cafe Josty.
Bautechnisch muß man von einem vollen Erfolg sprechen – über den städtebaulichen und denkmalschützerischen Sinn des Unternehmens läßt sich streiten. Etwas von Alibi-Aktion und nachträglicher Schadens-Begrenzung haftet dem Ganzen zweifellos an; zum Ergebnis kann sich jeder sein eigenes Urteil bilden:

Die Esplanade-Front hinter Glas

Der »Kaisersaal im Sony Center«

Das Frühstückszimmer (heute Cafe Josty)
Und damit Sie nicht denken, ich scheue vor einem eigenen Standpunkt zurück: mir kam das alles von Anfang an so vor, als hätten die Bewohner der antiken Stadt Abdera, Abderiten genannt, beschlossen, samt und sonders auszuwandern, an der Spree eine neue Siedlung zu gründen und sie Berlin zu nennen. Falls Sie Christoph Martin Wielands köstliche »Abderitengeschichte« nicht kennen: Abdera war das Vorbild für die Stadt Schilda, deren Bewohner wegen ihrer »Schildbürger-Streiche« Berühmtheit erlangten. Aber Wielands »Geschichte der Abderiten« ist unabhängig davon unbedingt lesenswert, und ich kann Ihnen die Lektüre nur empfehlen.
