Das sogenannte kulturelle Erbe ist ein Schatz – bisweilen aber auch eine Bürde. Die wog im Fall des Kaisersaals – stellvertretend für das Hotel Esplanade – immerhin 1 800 Tonnen. Nicht immer ist das Erbe so gewichtig. Das Sofa Hildegard Knefs aus dem Hotel Schweizerhof etwa wurde, wie Sie sich erinnern, gewogen und für zu leicht befunden. Aber es ist für Leute, die sich gern mit Kultur schmücken, ohne mit ihr was am Hut zu haben, nicht immer leicht, in dieser Hinsicht die richtigen Maßstäbe zu finden. Davon weiß auch der Verleger und Schriftsteller Klaus Wagenbach ein Lied zu singen – und das möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
»Als nach der Wiedervereinigung am prominenten Ort in Berlin ein Zentrum bürgerlicher Selbstversicherung, das Hotel Adlon, wieder aufgebaut worden war, erhielt eine Buchhandlung den Auftrag, die Bibliothek einzurichten: keine Taschenbücher, am besten Halbleder oder mindestens Ganzleinen, überwiegend grün, aber auch braun oder dunkelrot et cetera. Die Buchhändlerin hat sich dazu nicht geäußert, aber strafweise erhielt das Adlon mehrere Ausgaben von Gustav Freytags Soll & Haben. Geschieht ihm recht. Noch 2009, in einem funkelnagelneuen Hotel in Rostock, passierte mir ähnliches: In der Eingangshalle stößt man auf eine Wand mit Büchern, die offensichtlich ein Analphabet ausgesucht hat. Hauptsächlicher Zweck auch hier: Wir möchten Ihnen einen Eindruck von unserer Bildung vermitteln, die zugleich gediegen wie abgehangen ist.«
Klaus Wagenbach
Als »Kulturverlederung« bezeichnet Wagenbach treffend dieses Phänomen. Sie erinnern sich vielleicht an den Beitrag »1100.006 wie Liebe«, worin ich die Verwechslung von Kultur und kultureller Attitüde mindestens ebenso heftig aufs Korn genommen habe. Wagenbachs Berliner Beobachtungen sind auch ein Kommentar zum Library Hotel in New York. Es ist wohl Vorsicht angezeigt, wenn man allzu euphorisch transatlantische Gemeinsamkeiten beschwört…
