26. Juli 2010

»Grand Hotel« Forts.

So scharfsichtig und wirklichkeitsnah wie sie haben wenige die Welt der Grand Hotels geschildert. Kein Wunder, so denkt man – hat sie doch selbst lange als Zimmermädchen gearbeitet. Vicki Baum kannte das, worüber sie schrieb, aus eigener Anschauung und aus einer Perspektive, die dem normalen Hotelgast verborgen bleibt. Aber worüber schrieb sie eigentlich? Da beginnen schon die Fragen. Denn darüber, in welchem Berliner Luxushotel sie ihre Erfahrungen gesammelt hat, gibt es keine verläßlichen Auskünfte. Im Adlon, sagen die einen; sie sind aber in der Minderheit, und es handelt sich nicht immer um die seriösesten Gewährsleute. Die Mehrheit der Exegeten – darunter die Autoren der Wikipedia – tendiert eher zum Hotel Excelsior, und der Spiegel berichtete bereits 1997, sie habe im Excelsior »Betten und Berufsgeheimnisse gelüftet«. Da war Vicki Baum allerdings schon 37 Jahre tot. Aber immerhin ist der Spiegel bekannt dafür, die Fakten jeden Artikels doppelt und dreifach zu überprüfen.

Einigen wir uns also auf das Hotel Excelsior.

Das zählte vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Zerstörung im 2. Weltkrieg zur ersten Garnitur unter den Berliner Hotels. Zwar nicht, was den Luxus der Zimmer und die Gediegenheit des sonstigen Interieurs anging – da hatten das Adlon oder auch das Esplanade erheblich Besseres und Geschmackvolleres zu bieten. Beide konnten freilich, was die schiere Größe anging, dem Excelsior auch nicht annähernd das Wasser reichen: über 750 Betten verfügte das Haus, und bezeichnete sich selbst als größtes Hotel des Kontinents. Ob diese Behauptung den Tatsachen entsprach, wüßte ich aus dem Stegreif nicht zu sagen. Erstklassig waren jedenfalls die technische Ausstattung und das Dienstleistungsangebot des Hauses:  Das Excelsior besaß eine eigene »Fernschreibanlage«, den Gästen standen Sekretärinnen und Schreibkräfte für die Sprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch zur Verfügung, ein Postamt, ein Verkehrs- und diverse Auskunftsbüros waren Teil des Hotels.

Eine wirkliche Besonderheit – vom Hotel in seiner Werbung auch immer wieder hervorgehoben – war die 1926 eröffnete umfangreiche Bibliothek des Hauses. Mehr als 6 000 Bände umfaßte sie zum Schluß; über die Qualität der Auswahl gibt es unterschiedliche Auffassungen. Einige Quellen bezeichnen sie als »gediegen« und »anspruchsvoll«, mit unvermeidlichen Konzessionen an die nationalsozialistischen Machthaber in den späteren Jahren; andere attestieren ihr von Anfang an eine Bevorzugung »arischer Literatur«. Im Jahr 1938 schrieb der Eigentümer Dr. Curt Elschner in dem von der hoteleigenen Druckerei produzierten Katalog:

»Ich habe als Betriebsführer im Einverständnis mit der Reichsschrifttumsstelle des Reichspropagandaministeriums die Hotel-Bibliothek um 2 000 Bände bereichert. Bei der Auswahl der Bücher habe ich Wert auf die Literatur des nationalsozialistischen Deutschlands gelegt.«

Auch da ist im Nachhinein aber kaum zu entscheiden, ob es sich um Lippenbekenntnisse handelte – oder ob innere Überzeugung aus den Worten sprach. Sicher ist nur eins: für die Romane der Jüdin Vicki Baum war kein Platz in dieser Bibliothek. Und die Schriftstellerin selbst hat ja auch 1933, kurz vor der »Machtergreifung«, Deutschland wohlweislich verlassen und ist in die USA ausgewandert, wo sie weiter Erfolge feierte. Das Excelsior dagegen fiel 1945 den Bomben zum Opfer.

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Excelsior Kofferlabel

excelsior plan_beschreibung

excelsior tunnel

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Die Preise des Excelsior lagen erheblich unter denen des Adlon und des Esplanade. Das entsprach der »natürlichen Rangfolge«: das Excelsior galt als erste Adresse für Geschäftsreisende, das Adlon als Hofhotel und das Esplanade als Domizil des Hochadels.

excelsior gaststaette fenster logo

excelsior porzellan

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vergrößert: Schriftmarke auf einem Messergriff

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Soviel zum Excelsior. Ein würdiges Vorbild für das Grand Hotel im gleichnamigen Film von 1932. Nur daß Vicki Baum in späteren Jahren davon nichts mehr wissen wollte. In ihren Erinnerungen nennt sie das Bristol als das Hotel, das ihrem Roman zugrundeliege und in dem sie auch gearbeitet habe – im Nachhinein, als das Buch bereits geschrieben war: »After I had finished writing the book, I worked for a time as a chambermaid in the Hotel Bristol, in Berlin, in order to be sure that I had really caught the atmosphere. It was a difficult but fascinating experience.« Schon bemerkenswert, wenn nicht einzigartig: eine Autorin, die nachträglich recherchiert und Feldforschung betreibt, um nachzuprüfen, ob ihr Roman der Wirklichkeit standhält. Fast so, als hätte Günter Wallraff erst seinen Bestseller über die BILD Zeitung veröffentlicht – und im Anschluß daran inkognito bei dem Blatt gearbeitet. Mir fällt als Präzedenzfall für Vicki Baums Darstellung ansonsten eigentlich nur noch Karl May ein, der in fortgeschrittenem Alter seine Berühmtheit nutzte, um die Welt zu bereisen und persönlich die Schauplätze seiner Romane aufzusuchen – freilich nicht, um deren Realitätsgehalt zu überprüfen, sondern sich im Wilden Westen als Old Shatterhand fotografieren zu lassen.

Sei dem, wie ihm wolle – auch das Bristol Unter den Linden wäre eine gute Wahl gewesen. Kleiner als das Esplanade oder das Excelsior, aber überaus vornehm und von höchstem Anspruch. So angesehen, daß es mühelos, so wird berichtet, anderen renommierten Hotels wie etwa dem Victoria die besten Kräfte abspenstig zu machen vermochte. Und Schauplatz bedeutender Ereignisse: am 30. September 1897 fand hier die erste Internationale Automobilausstellung statt. Und für Vicki Baum vielleicht noch interessanter: das Bristol hatte – über Theodor Fontanes Roman »Der Stechlin« – bereits Eingang in die Weltliteratur gefunden. Der alte Stechlin, die Hauptfigur des Romans, lobt das Bristol in höchsten Tönen, spart dabei aber auch nicht mit Sarkasmus: »Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu noch kommt, dass mich der bloße Name schon erheitert […] wie damals mit den Witzen, so heute mit den Hotels. Alle müssen >Bristol< heißen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima.«

Vielleicht hätte der kultivierte Aristokrat aber auch einfach nur die Bibliothek des Excelsior der berühmten Rinderbrust des Bristol vorgezogen…

Hotel Bristol, Unter den Linden 5

bristol olympia 1936

bristol annonce

bristol rinderbrust

Na, dann Mahlzeit, kann ich da nur sagen. Wofür sollen wir uns jetzt entscheiden – für das Excelsior oder das Bristol? für den Spiegel, der selten irrt – manchmal aber doch – oder für Vicki Baum, der in ihren Erinnerungen bekanntermaßen auch sonst einige Ungenauigkeiten unterlaufen sind (und warum sollte sie es als Dichterin mit der Wahrheit auch immer allzu genau nehmen). Am besten, wir trauen keiner der beiden Quellen, rät der Wiener Standard und schreibt:

»Die aus Wien stammende Baum soll mehrere reale Berliner Schauplätze als Vorbilder im Sinn gehabt haben, das Excelsior, das Kaiserhof, das Bristol, das Eden oder das (heute wieder erstandene) Adlon. Gekannt hat sie sie, gearbeitet aber hat sie trotz anderweitiger Legenden nie als Zimmermädchen in einem der Hotels, sondern immer nur als angestellte Redakteurin im Ullsteinhaus.«

Legenden zu zerstören macht sich immer gut für eine Zeitschrift, die als investigativ gelten möchte. Leider verrät uns aber auch der Standard nicht, worauf er seine Behauptung denn nun stützt. Wir können uns also weiterhin aussuchen, welche Version wir glauben möchten. Und uns mit der alten Erkenntnis trösten, daß sich in der Literatur der Realismus nicht danach bemißt, wie es war, sondern wie es gewesen sein könnte.

Und das Grand Hotel des Films stand ohnehin nicht in Berlin, sondern bei MGM in Hollywood…
 

P.S.
»Menschen im Hotel« ist übrigens ein Longseller und auch heute noch im Buchhandel zu kriegen. Falls Sie Lust haben sollten und die Zeit dafür finden, mal wieder richtig lustvoll zu schmökern.