27. Juli 2010

Die Hotels der Garbo

Vom Film »Grand Hotel« mal ganz abgesehen: Greta Garbo liebte mondäne, luxuriöse und ausgefallene Hotels. Nicht nur als Schauspielerin – da gehört das Leben aus dem Koffer ja sozusagen zum Berufsbild –, sondern auch im Privatleben. Und davon hatte sie mehr als genug, nachdem sie mit 36 Jahren zum Entsetzen ihrer Fans ohne irgendeine Begründung Hollywood und der Schauspielerei ein für allemal den Rücken kehrte. Von da an widmete sie ihre Zeit im wesentlichen ausgedehnten Spaziergängen sowie mehr oder weniger heftigen, mehr oder weniger langwierigen Affären; Greta Garbo liebte auch Männer. Und natürlich läßt sich der Reiz romantischer Abenteuer durch ein entsprechendes Ambiente erheblich steigern. Deswegen liebte die göttliche Garbo ausgefallene, luxuriöse Hotels mit dem notwendigen erotischen Flair. Aber das habe ich schon gesagt.

Ihr eigentliches Zuhause, wenn man so sagen kann – also das Haus, wohin sie als Dauergast immer wieder zurückkehrte –, war dabei der Ritz Tower in New York, und über dieses Hotel muß ich nicht viele Worte verlieren. Auf eine Beschreibung der übrigen Hotels, die sie freqentierte, will ich mich aber erst recht nicht einlassen, dazu sind es zu viele und ich müßte ein dickes Buch darüber schreiben – ohne daß ich daraus irgendwelche Rückschlüsse auf die Zahl ihrer Affären ziehen wollte, und über letztere gibt es ohnehin Bücher genug.

Ich beschränke mich also auf ein Land, nämlich Italien, und auch in Italien nur auf zwei Beispiele. Doch die haben es in sich: zwei der schönsten Hotels der Welt an zwei der traumhaftesten Orten dieser Erde.

Das erste ist die Villa d’Este am Comer See, das die ZEIT noch kürzlich als »Hotel der Hotels, die Essenz schlechthin« titulierte.  Eine solche Karriere war diesem Haus allerdings keineswegs in die Wiege gelegt. Erbaut wurde es schon 1565 bis 1570 von dem Maler und Architekten Pellegrino Tibaldi als Sommerresidenz des Kardinals von Como, der sie zu einem Treffpunkt für Politiker, Intellektuelle und geistliche Würdenträger machte. Danach erlebte der Palast über die Jahrhunderte eine äußerst wechselvolle Geschichte, unter anderem als Zentrum der Jesuiten für spirituelle Exerzitien sowie als Wohnsitz des europäischen Hochadels – etwa von Caroline von Braunschweig-Wolfenbüttel, der Prinzessin von Wales, die mit dem späteren König von England Georg IV. unglücklich verheiratet war und von ihm getrennt lebte, oder von Dagmar von Dänemark, der späteren Zarin Maria Fedorowna. Zeiten relativer Verwahrlosung wechselten mit Perioden aufwendiger Instandsetzungs-Arbeiten, baulicher Ergänzungen und Erweiterungen insbesondere des prachtvollen Parks.

Im Jahr 1873 schließlich wurde die Villa zu einem Luxushotel umgebaut, wo sich fortan der europäische Adel und das reiche Bürgertum trafen, dazu arrivierte Kulturschaffende und später auch die Prominenz des Showbusiness. Einen Namen gemacht hat es sich darüber hinaus als Schauplatz exklusiver internationaler Tagungen, etwa der Bilderberg-Konferenz oder des Ambrosetti-Workshops. Und die Liebhaber von Oldtimern kennen sicherlich den Concorso d’Eleganza Villa d’Este, der seit 1929 jedes Frühjahr Kenner und Sammler aus der ganzen Welt anzieht.

Und damit genug der Vorrede. Wenn Sie die folgenden Bilder betrachten, dann wissen Sie, warum ich gar nicht erst versuche, die Pracht dieses Hotels in Worte zu fassen. Interessieren würde mich nur noch, ob die Garbo hier auch Alfred Hitchcock begegnete, der die Villa d’Este ebenfalls zu seinen Lieblingshotels zählte.

Cardinal_Building_1-1

The_Lobby

Canova_Bar_3

Impero_Room_1

Napoleone_Room-1

Brunswick_2

La_sala_da_pranzo

Cardinal_Suite-bedroom

Cardinal_Suite-sitting_room

Cardinal_Suite_detail_2

Suite-bedroom

Suite-sitting_room

Terrazza_piano_lago

Mosaico_3

General_view_VDE+lake

Ein zweites Lieblingsdomizil Greta Garbos in Italien – diesmal ganz im Süden des Landes – war die Villa Cimbrone in Ravello; wir sind ihr hier in der Serendipity Suite bereits begegnet. Auch dies ein Haus, dessen Atmosphäre und Ausstrahlung sich wohl zu einem hohen Grade seinem »Vorleben« verdankt. Das reicht noch weiter zurück als bei der Villa d’Este, nämlich bis ins 11. Jahrhundert; weder über den ursprünglichen Besitzer noch über den Architekten ist Genaueres bekannt. Die »moderne« Geschichte des Hauses beginnt im Jahr 1904, als Ernest William Beckett (später Lord Grimthorp) das Anwesen kaufte. Der weitgereiste Schotte hatte sich schon vorher in den Palazzo verliebt; dies war der Ort, der seinen Vorstellungen von einem Promised Land und Paradies auf Erden am nächsten kam. Nun machte er sich daran – inspiriert von der römischen Antike und der multikulturellen Handelstradition des Städtchens Ravello – das gesamte Anwesen, Haupt- und Nebengebäude sowie den riesigen Park, diesem Traum noch weiter anzunähern. Was dabei herauskam, war ein zwar eklektisches, aber atmosphärisch dichtes und in sich stimmiges Gesamtkunstwerk, das mit der grandiosen Landschaft der amalfitanischen Küste und der exponierten Lage hoch über dem Meer eine einzigartige Synthese eingeht.

In diesem selbstgeschaffenen Paradies empfingen die Becketts (nach Ernest Becketts Tod sein Sohn und seine Tochter) illustre Gäste aus aller Welt – darunter Virginia Woolf, Leonard Woolf, E. M. Forster, John Maynard Keynes, Lytton Strachey, D. H. Lawrence, Vita Sackville-West, Edward James, Diana Mosley, Henry Moore, T. S. Eliot, Francis Crick, Jean Piaget, Winston Churchill sowie der Duke und die Duchess of Kent. Sowie, selbstverständlich, Greta Garbo, die in den 30er Jahren mehrmals zu Besuch war und mit ihrem damaligen Liebhaber, dem Dirigenten Leopold Stokowski, leidenschaftliche Tage und Nächte hier verbrachte.

Gut, Sie haben recht – streng genommen war das kein Hotel, sondern ein »offenes Haus« für einen kleinen, exklusiven Kreis. Deswegen habe ich oben »Lieblingsdomizil« geschrieben statt »Lieblingshotel«. Aber was liegt an Namen. Es handelt sich um eine Tradition der Gastfreundschaft, die in dieser Form leider ausgestorben ist. Und vielleicht wäre für Hotels hier noch ein Erbe anzutreten.

Immerhin hat man schon vor geraumer Zeit auch die Villa Cimbrone zu einem Fünf-Sterne-Hotel gemacht und versucht, an die Vergangenheit anzuknüpfen. Wobei man sich durchaus die dichterische Freiheit nimmt, in der Gästeliste neben aktueller Prominenz auch die ehemaligen Gäste der Familie Beckett zu nennen – darunter Greta Garbo. Zusätzlich erinnert eine Gedenktafel außen am Haus an ihren Aufenthalt; so habe ich überhaupt erst davon erfahren. Wie weit das heutige Hotel dieser Tradition und ihrem Anspruch gerecht wird, vermag ich freilich nicht aus eigener Erfahrung zu beurteilen.

(Fotos vom eigentlichen Hotel – Zimmer und öffentliche Bereiche – sind in der folgenden Auswahl nur spärlich und soweit kostenfrei zugänglich vertreten. Die Villa Cimbrone stellt ihre Fotos nur gegen eine stattliche Nutzungsgebühr zur Verfügung – und das scheint mir unangemessen für Bilder, die allenfalls dem Hotel nutzen, nicht aber mir.)

Villa_Cimbrone2

800px-Villa_Cimbrone_Ravello_II

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800px-Ravello-Villa_Cimbrone_Pavillon

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