Vor einigen Wochen habe ich über den Deutschen Hotelimmobilien-Kongress berichtet und die positive Stimmung hervorgehoben, die dort herrschte. Fast alle waren sich einig: die Talsohle ist durchschritten, die schlechten Zeiten liegen hinter uns, mit dem Hotelmarkt geht es wieder aufwärts. Die Expansionspläne, von denen einige der großen Ketten berichteten, gaben der optimistischen Grundstimmung zusätzliche Nahrung.
Jetzt scheint ein Artikel in der New York Times diese Einschätzung zu bestätigen und durch harte Fakten zu untermauern. Die Belegungszahlen der Hotels wachsen noch stärker, als selbst die zuversichtlichsten Experten erwartet hatten – und die aktuellen Prognosen sehen kein Ende des Aufschwungs. Das sind erfreuliche Nachrichten – für amerikanische Hotels und Hotelmanager. Mir ist natürlich klar, daß diese Zahlen für Deutschland gar nichts besagen – und zur Situation hierzulande fehlen mir aktuelle emprische Daten. Aufgefallen jedoch ist mir eine Besonderheit an der Entwicklung in den USA, und ich frage mich, ob es sich dabei um ein spezifisch amerikanisches Phänomen handelt oder um einen allgemeineren, nicht auf Amerika beschränkten Trend.
Wenn Sie den Artikel in der New York Times genauer lesen, werden Sie nämlich bemerken: das Wachstum fällt im Luxus-Segment, bei den absoluten Top-Hotels, erheblich stärker aus als bei den Mittelklasse-Häusern, die zwar auch Zuwächse verzeichnen, im direkten Vergleich aber deutlich hinterherhinken. Das steht klar im Widerspruch zur Meinung, die auf dem Hotelimmobilien-Kongress mehrheitlich zu hören war. Danach sei der Markt für Luxus-Hotels bzw. Häuser der Fünf-Sterne-Kategorie und darüber weiter am Schrumpfen – die eigentlichen Wachstums-Chancen lägen in der mittleren Preisklasse bzw. bei Budget-Hotels.
Die amerikanischen Zahlen korrespondieren eher mit dem, was ich selbst seit einiger Zeit denke (und natürlich hat es seinen Reiz, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wenn man selber dabei ist, Fünf-Sterne-Häuser zu planen). Woher diese Diskrepanz zwischen der mehrheitlich geteilten Auffassung und meiner eigenen? Möglicherweise – so mein Verdacht – unterschätzt man das Marktpotential von Luxus-Hotels, weil man ihr Innovationspotential unterschätzt. Und mit Innovation meine ich nicht: noch mehr vom Gleichen – mehr Prunk, höherer Aufwand, glanzvolleres Outfit. Ich meine Innovation, die den Gästen zugute kommt. Gästen mit den Ansprüchen von heute, nicht der Nostalgie nach den alten Zeiten. Ich rede von der Substanz, nicht von der Fassade, vom Inhalt statt von der Verpackung, vom Sein statt vom Schein.
Vielleicht ist es an der Zeit, neu über den Luxus nachzudenken.
Denn darauf beruht meine Einschätzung von den brachliegenden Potentialen des Luxus-Segments. Ich bin überzeugt, daß es in unserer Gesellschaft ein wachsendes, wenngleich verborgenes Bedürfnis nach Luxus gibt. Es ist verborgen, weil die Träger dieses Bedürfnisses es nicht angemessen artikulieren können. Sie können es nicht artikulieren, weil dem Bedürfnis kein angemessenes Angebot gegenübersteht – sie wissen gar nicht, was sie vermissen. Und es gibt schließlich kein angemessenes Angebot, weil die Luxus-Hotels das Marktpotential kaum sehen und weil es dementsprechend an innovativen Konzepten in diesem Bereich fast völlig mangelt.
Ergo: solange die Fünf-Sterne- und die Fünf-Sterne-Superior-Häuser diese Chance nicht erkennen und wahrnehmen, solange wird das Luxus-Segment weiter schrumpfen. Mein Bedauern darüber hält sich sehr in Grenzen.
(Interessieren würde mich, ob sich diesbezüglich der deutsche und der amerikanische Markt voneinander unterscheiden; wenn jemand unter den Lesern dazu was beitragen könnte, wäre ich dankbar.)
Einen Beleg für meine Einschätzung sehe ich übrigens gerade in den gegenwärtigen Zuwachsraten bei den Budget-Hotels. Denn in diesem Bereich tut sich momentan unheimlich viel. Ob sich alle Innovationen, die man uns heute anpreist, auf Dauer bewähren, wird sich zeigen. Für den Gast jedenfalls gibt es eine Fülle von Anreizen, etwas Neues auszuprobieren und dem versprochenen Mehrwert auf den Zahn zu fühlen. Ohne ein solches Innovationsklima, daran habe ich nicht den mindesten Zweifel, würde auch dieser Markt stagnieren oder schrumpfen; ich habe mich schon vor einigen Monaten unter dem Stichwort Premium Economy ausführlicher zu diesem Thema geäußert.
Mein persönliches Fazit: die Luxus-Hotels haben nicht den Markt gegen sich, sondern die allgemeine Miesmacherei, die negative Stimmungsmache, die Überzeugung von schrumpfenden Chancen. Es geht auch anders – allerdings nur, wenn eine veränderte Grundstimmung auch einhergeht mit neuen Ideen und Konzepten. Das ist die Perspektive, über die ich mich gerne noch viel mehr unterhalten und austauschen würde.
